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Joyce DiDonato und Yannick Nézet-Séguin interpretieren „Winterreise“ neu

Franz Schubert  •  Winterreise
Veröffentlichungsdatum: 23.04.2021
Unsere Bewertung: 8 von 9 Punkten

Der Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert zählt zu den Meisterwerken klassischer Liedkunst und wurde bereits unzählige Male aufgeführt und auf Tonträger gebannt. Von Frauen wurde er jedoch bisher selten interpretiert, und insofern stellt die hier vorliegende Neuaufnahme schon eine Besonderheit dar.

Als der kanadische Dirigent und Pianist an die Opernsängerin Joyce DiDonato mit der Idee herantrat, die Winterreise aufzunehmen, konnte sie auch nicht einfach so in die Rolle des Protagonisten schlüpfen, sondern suchte für ihre Interpretation eine neue Perspektive. Schuberts Lieder sind eine Vertonung von 24 Gedichten von Wilhelm Müller, die den Schmerz eines einsamen Wanderers schildern, der von seiner Geliebten enttäuscht wurde. Über das Mädchen selbst erfahren wir nicht viel – aber könnte sie nicht auch diese Gedichte gelesen haben? Und so lässt uns Joyce DiDonato die Winterreise aus der Sicht der zurückgebliebenen Geliebten erleben und mitfühlen.

Vom heimlichen Abschied in „Gute Nacht“ bis zum letzten Lied „Der Leiermann“ begleiten wir als Hörer den Wanderer in seinem Schmerz und in seinen bittersüßen Erinnerungen. Es überwiegen die Moll-Tonarten und eher gleichförmige, sich wiederholende Melodien. Hin und wieder tauchen ein paar glückliche Erinnerungen in Dur auf, wie etwa in „Der Lindenbaum“, dem wohl bekanntesten Lied des Zyklus, im Mittelteil von „Rückblick“ oder im „Frühlingstraum“, wo sich verträumte Passagen mit dem grausamen Schmerz der Gegenwart abwechseln. Auch „Die Post“ bringt ein wenig Bewegung in die Gleichförmigkeit, bevor der Protagonist wieder ins Lamentieren versinkt. Nein, eine erfreuliche Reise ist dies nicht, aber eine sehr bewegende, die hier in der Darbietung durch eine Frauenstimme nochmal eine besondere Emotionalität gewinnt.

Der reine Hörgenuss dieser gelungenen Neueinspielung der „Winterreise“ gewinnt noch durch das umfangreiche Booklet, das neben Joyce DiDonatos Anmerkungen zu ihrer persönlichen Interpretation und Ausführungen von Richard Stokes zum Werk auch die kompletten Liedtexte enthält – alles in englischer, deutscher und französischer Sprache. So erschließt sich der berühmte Liederzyklus auch Musikliebhabern, die ihn hier vielleicht zum ersten Mal hören.