„Arbeit? Kindheitstraum!“ – Interview mit Thomas Thielen / t

Ein Gespräch mit dem unbekanntesten Star der Musikwelt

Photo credit: Susanne Link
DATUM» 06.03.2019
QUELLE» MHQ
ARTIST»
LABEL»

Nach 19 Jahren kommt das „Mastermind des deutschen AOR“ (Musikexpress), Thomas Thielen, doch noch auf die Bühne (HIER unsere Newsmeldung). T, wie der sympathisch-grummelige Soundarchitekt in der Szene bekannt ist, hatte in dieser Zeit acht eigene Alben produziert, die er im Alleingang eingespielt und produziert hatte, und sich zudem als Produzent und Berater anderer Acts einen Namen gemacht, so dass er z. B. vom Eclipsed-Magazin unter die 10 wichtigsten Personen des gegenwärtigen ArtRock gezählt wird. Uns stand dieser „unbekannteste Topstar“ (Empire) der Musikszene für ein Interview zur Verfügung.

MHQ: Das holländische Musikmagazin io-Pages nannte es eine Sensation erster Güte, als du die Tour angekündigt hast. Die Loreley wollte dich für das Festival unbedingt haben, und du warst der zweite Künstler überhaupt, um den man sich bemüht hat, was eine hohe Wertschätzung ausdrückt. Warst du überrascht davon?

T: Äh, ja. Völlig. Als das Eclipsed mich zum Frontman der Allstars erklärt hat und ich mit einigen Idolen meiner Kindheit auf die Bühne durfte, fand ich das schon sehr, naja, gewagt, aber ich dachte: Sag mal nix und nimm es einfach mit… jetzt ist mir das allerdings schon ein bisschen unheimlich. Ich hatte Anfragen aus ganz Europa für eine Tour! Aber ich dachte, ich lerne erst mal gehen, bevor ich mich auf das Fliegen einlasse. Ich hatte zwar Jahre mit 50 Auftritten drin, aber das war halt in anderer Zeit, unter ganz anderen Umständen… so anders, dass die Aufnahmen davon nur als MC vorliegen. Außerdem wäre meine Familie ein bisschen arg ins kalte Wasser geworfen worden, und ich als Keller-Nerd hab mir ein echtes Tour-Leben auch nicht so richtig zugetraut… Also, ja, ich war überrascht, und ich hab auch ein bisschen Bammel, dass rauskommen könnte, dass ich eigentlich echt nicht so gut bin…

MHQ: Na, komm, du musst doch mitbekommen haben, dass Kritik und Verkaufszahlen durchgängig mindestens gut waren. Amazona nennt dich „Prog-Ikone“. Und du produzierst gerade das achte Album im Alleingang… Das hier ist doch Pose!

T: Ich weiß schon einigermaßen, was ich kann, aber eben auch, was nicht. Ich registriere natürlich die Presse, aber ich habe mir abgewöhnt, das wirklich an mich ranzulassen. Was soll ich denn damit anfangen, wenn mir mein Label sagt, ich sei der bestverkaufende deutsche Act? Im Prog verdienst du da eher in der Währung „Döner“ als in der Währung „Sportwagen“… Was ich da mitnehme, ist eher: Cool, das nächste Album ist gesichert! Ich bin da immer noch ziemlich in der Perspektive meines 14jährigen Ichs verhaftet, für das „Plattenvertrag“ ein magisches, unerreichbares Wort war und das staunend und enthusiastisch neben mir steht. Wirklich, ich bin jeden Tag überwältigt davon, dass das mir tatsächlich passiert. Ist ein schönes Gefühl, wenn du weißt, dass du dein Ü40-Ich mit 14 wohl ganz cool gefunden hättest. Und da ging es immer um Platten! Livegigs hatten wir zu Genüge, ich war eigentlich dauernd auf irgendeiner Bühne… Deswegen ist der große Moment auch nicht die Nennung der Verkaufszahlen, sondern ganz eindeutig das Unboxing der fertigen CD. Das ist jedes Mal ein Moment mit Pipi inne Augen.

Und das Einspielen, naja, das bietet so viele Versuche, wie ich will. Live ist da nur einer… Und da hat irgendein Depp, der sich t nennt, furchtbar schwierige Musik geschrieben, und jetzt hab ich den Salat. Beim nächsten Mal mach ich beim dritten Akkord Schluss!

MHQ: Was dürfen wir denn live erwarten?

T: Also, auf jeden Fall darfst du einen etwas zittrigen Frontman erwarten. (Lacht.) Nein, auf der Bühne geht es mir immer gut, nur davor und danach bin ich notorisch unzufrieden. Aber der VVK läuft erschreckend gut, und ich hoffe halt und reiße mir Beine dafür aus, dem auch gerecht zu werden. Ich selbst bin, wie gesagt, nie zufrieden, aber es wäre cool, wenn die Leute es sein könnten…

Musikalisch bürsten wir ein bisschen gegen den Strich. Die Show ist nicht als Party geplant, eher als Reise, als Auszeit. Ich will nicht spoilern, aber vielleicht so viel: Die Songs, die ich ausgewählt habe, weisen die Show mehr in die Richtung eines Cure-Konzerts, eines Björk-Gigs, von Sigur Ros‘ Live-Ideen: Es wird eher melancholisch, hoffentlich eine Art Film, in den der Hörer eintaucht. Deswegen haben wir teilweise auch auf Bestuhlung gedrängt, so weit das ging. Ich hoffe, die Leute haben Lust auf sowas.

MHQ: Klingt nach einer sehr speziellen Show…

T: Ja, und da muss jeder Ton sitzen. Ich musste also 4 Musiker minutiös einschwören, dass t nicht mit Virtuositätsgehabe funktioniert. Die Musik braucht die absolute Vorherrschaft vor den Egos der Musiker, damit das funktioniert. Ich hab es so erklärt: Zwischen uns ergibt sich ein Netz aus Klängen. Dieses Netz muss immer schweben können, und es muss im Ganzen schillern. Wenn einer zu viel Gewicht reinlegt, dann fällt das Netz runter. Wer die Farbe ändert, lenkt vom Schimmern ab und macht diese Magie kaputt: Das Oszillieren macht die Faszination aus, nicht das Blau darin oder das Grün, sondern deren perfekte Balance.

Das ist für grandiose Musiker wie mein Team viel schwieriger als für einen mittelmäßigen Instrumentalisten wie mich. Thomas Nußbaum, unser Drummer, sagte, es sei wie „unter Wasser“ für ihn. Das trifft es vielleicht, was ich als Schweben beschrieben habe.

Übrigens bin ich dabei, drum herum das Event noch cooler zu gestalten. In Trier z.B. wird Billgin ein tasting anbieten, es wird eine Performance Art-Gruppe die Wartezeit zum Happening umdeuten, in Bremen und Hannover wird der Veranstalter MOLLYWOOD Aftershowparties machen, für die ich exklusiv ein paar Songs produziere… und an einigen anderen Sachen bin ich dran. Es wird sich also wohl lohnen, mal reinzuschauen.

MHQ: Gibt es News für ein t-Album?

T: Ja. Es wird einige Neuerungen geben im t-Universum. Aber wie die anderen behaupten, ist der Sound geblieben. „Solipsystemology“ wird das Album heißen, und es wird zur Tour, wohl am 22.3. in Oberhausen, kommen. Ich habe meinen kinematographischen Ansatz noch mal neu gedacht und in Teilen in einer akustischen Landschaft gemixt, die eine neue Welt bietet, in der andere physikalische Gesetze gelten. Das war ein riesiger Haufen Arbeit, bei der mir einige Freunde mit Ideen zur Seite standen – zur Umsetzung nicht zuletzt der Leiter eines Max-Planck-Instituts mit Hilfe bei der Berechnung der Gesetze dieser neuen Akustik! Eno hat mal gesagt: Ein Tonstudio ist ein Musikinstrument. Ja, das ist bei diesem Album definitiv der Fall.

Cover „solipsystemology“

Herauskommen wird hoffentlich, dass neben hoffentlich guter Musik eine weitere Ebene hinzutritt für den, der Lust auf sowas hat. Die Geschichte, die die Texte erzählen, wird durch die „Bewegungen“ der Klangdimensionen unterstützt, und die Geräusche erzählen, wie Motive in einem Buch, eine Art Subtext. Die Idee hab ich von David Lynch geklaut… Aber das ist nur ein Gimmick für Nerds wie mich, die Musik funktioniert ohne das genau so gut. Oder schlecht. (lacht)

MHQ: Wann machst du das alles? Du hast ja auch beruflich viel zu tun…

T: Das ist der Vorteil, wenn man völlig alleine arbeitet: Immer und nie. Zwischendurch. Abends. Immer, wenn man mich in meinen natürlichen Lebensraum, das Studio, lässt. Aber ja, es ist immer was. Wenn jemand den 27h-Tag erfinden könnte, hätte ich vielleicht eine Chance, meine Augenringe zu bekämpfen… Aber wahrscheinlich würde ich einfach früher fertig werden und was Neues beginnen…

MHQ: Klingt nach Workaholic…

T: Nur wenn man denkt, das sei „Work“… Guck mal, in Aschaffenburg hat Mike Holmes, zu dessen Musik ich als Pimpf mir Gitarre spielen beigebracht habe, meine Gitarre für mich gestimmt und dann gespielt, während ich gesungen habe. Das ist nicht Arbeit, das ist Kindheitstraum.

MHQ: Herzlichen Dank für das Interview! Wir freuen uns auf die Shows, die übrigens von Musicheadquarter mit präsentiert werden. Wer weitere Infos zu T sucht, findet diese hier:

t auf Facebook: https://www.facebook.com/ThomasThielenT/
Homepage: http://www.t-homeland.de
@fragmentropy bei Twitter
@girlsprog bei Instagram

t & Crystal Palace – Tour 2019

  • 22.03. Oberhausen, Zentrum Altenberg
  • 04.04. Rüsselsheim, Das Rind
  • 20.07. Loreley, NOTP
  • 30.08. Gladbeck, Dröhnschuppen
  • 26.09. Bremen, Meisenfrei
  • 28.09. Reichenbach, Bergkeller
  • 04.10. Berlin, Wabe, special guest: Smalltape
  • 22.11. Hannover, Chez Heinz
  • 23.11. Trier, Tuchfabrik

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Letzte Aktualisierung am 5.11.2018 um 21:11 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API