Nicholas Müller: „Das Leben ist;“ – Lesung im Kasino Trier

Photo credit: Simon Engelbert
DATUM» 25.10.2017
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Sind wir doch mal ehrlich: Ängste und Sorgen haben wir alle. Die einen mehr und die anderen halt weniger. „Angststörungen und Panikattacken, das ist nichts für dich. Selbst schuld, wenn man sich so verrückt machen lässt. Du als „logisch denkender“ Mensch, du bekommst so was nicht“, dachte ich.

Bis mich eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit eine heftige Panikattacke aus dem Nichts überkam. Ich fühlte mich, als würde mir etwas den Brustkorb zuschnüren, ich schwitzte, hatte tausend Ameisen in den Adern und hatte das Gefühl mein Herz würde jeden Moment explodieren. Was war das? Woher kommt das? Reiß dich zusammen! Tausend Gedanken schießen einem durch den Kopf. Der Moment zieht sich in die Unendlichkeit und man hat einfach nur Angst. Doch man funktioniert. Man merkt zwar, dass man irgendwie „kaputt“ ist, aber man funktioniert trotzdem. Bloß nichts anmerken lassen. Einfach weiter machen…

„Die Panik stinkt wie ein nasser Hund (….) und dann beißt sie zu, die Töle, mitten in den Hals!“ Eine Beschreibung, die Nicholas Müller nicht passender hätte treffen können. In seinem Buch „Ich bin dann eben mal wieder tot“ beschreibt er seine Erfahrungen mit der Angst, und wie er gelernt hat, mit ihr umzugehen.

Als es dunkel wird und Nicholas mit den ersten Klängen seiner Gitarre die Lesung eröffnet, wird es ganz still im ausverkauften Kasion am Kornmarkt in Trier. Das Lied ist nachdenklich und ist eine perfekte Einleitung zur Thematik. „10 Millionen Menschen leben mit der Angst als Krankheit. Es wird viel zu selten darüber gesprochen.“, sagt Nicholas. Wie recht er hat, denke ich. Als er vorwarnt, dass der Inhalt des heutigen Abends recht “deftig” wird, sowohl von der Wortwahl – er kommt aus der Eifel, da ist das eben so – als auch von der Thematik, muss ich erst mal schlucken.

Was folgte, war definitiv „deftig“. Wie kommt es zu so einer Angststörung? Der Musiker berichtete vom Anfang: seinem Leben in Daleiden in der Eifel, “dem Niemandsland”, das aber auch ganz sicher schöne Ecken hat – und von seiner Kindheit dort. Er hörte Grunge, erfuhr den ersten Herzschmerz, begann irgendwann eine Ausbildung zum Erzieher. Ein ganz normales Aufwachsen halt, bis die Nachricht über die Krebserkrankung seiner Mutter und kurzer Zeit später seiner Großmutter ihm die Füße wegzieht. Hier beginnt sein Leidensweg – „Die Sache“, wie er es bezeichnet. Der Kampf zwischen Hoffnung und Gewissheit und das entlanghangeln von Tag zu Tag. „Bitte nicht heute“ wurde zu seinem Mantra in dieser Zeit. Obwohl Nicholas es mit seiner direkten Art zwischendurch schafft, das Publikum zum Lachen zu bringen merkt man, dass es ihm schwerfällt, darüber zu sprechen. Und auch ich muss ein paar Mal heftig mit  mir kämpfen, da ich mich an ähnliche Szenen aus meinem Leben erinnert fühle und genau weiß, wie sich sowas anfühlt.

Seine erste heftige Panikattacke erlitt Nicholas bei der Beerdigung seiner Mutter. „Sie haben mich ins Krankenhaus gebracht und durchgecheckt. Nach endlosen Untersuchungen kam die Diagnose: generalisierte Angststörung mit starken Panikattacken, Hypochondrie und depressive Episoden“. Zehn Jahre lebte er mit starken Ängsten und Panikattacken, bis gar nichts mehr ging und er anfing gegen seine Angst zu kämpfen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Menschen, die nicht unter Angststörungen leiden, nur schwer verstehen können, was in dem Moment einer solchen Attacke in einem vorgeht. Ich kann nur sagen, dass Nicholas es geschafft hat, das Gefühl Angst bzw. Panik sehr gut in Worte zu fassen. Diesen Kampf zwischen „Du musst weitermachen“ und „Du stirbst jetzt“ zu beschreiben, den Sturm von körperlichen Reaktionen und Gedanken zu erfassen. Mehr als einmal saß ich dort mit einem Kloß im Hals. Endlich mal jemand der es für andere verständlich macht. Mit seinem sympathischen Ton und seiner direkten, unverblümten Art erreichte er schnell das Publikum, fasziniert die Besucher und bring ein so schweres Thema auf den Punkt.

Unterstützt wurde er dabei von seiner Familie, die an diesem Abend im Publikum saß, und seinem Bandkollegen Tobias Schmitz, der es sich nicht nehmen ließ, Nicholas bei der Lesung musikalisch zu unterstützen.

„Ich habe das Buch nicht geschrieben um Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.“, sagt Nicholas. „Ich möchte den Betroffenen Mut machen: Ihr seid nicht alleine.“

Als ich unter meinen Panikattacken litt, wusste ich nicht, wo ich mich hinwenden kann. Zumal man seine Ängste ja nicht gerne vor Anderen eingesteht. Deshalb weiß ich: Angst braucht Öffentlichkeitsarbeit und so möchte ich den von Nicholas erwähnten Verein noch anhängen, der Selbsthilfegruppen für Angstpatienten organisiert:  https://www.angstselbsthilfe.de/

Unsere Nicholas Müller Empfehlung

Ich bin mal eben wieder tot: Wie ich lernte, mit Angst zu leben
21 Bewertungen
Ich bin mal eben wieder tot: Wie ich lernte, mit Angst zu leben
  • Nicholas Müller
  • Herausgeber: Knaur TB
  • Broschiert: 272 Seiten

Letzte Aktualisierung am 22.11.2017 um 16:51 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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Letzte Aktualisierung am 22.11.2017 um 20:11 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API