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Urheber/Fotograf: Heyne Verlag

Sabine Thiesler "Romeos Tod"

Narzissmus, Lügen und Intrigen – die Welt ist eine Bühne

Sabine Thiesler ist vor allem bekannt für ihre Krimireihe um Commissario Neri, die schon einige Bestseller hervor gebracht hat. Wer aber einen klassischen Kriminalfall erwartet, wird von dem vorliegenden Buch eventuell enttäuscht sein, denn es ist eher ein Thriller als eine Whodunit-Geschichte. Die Autorin hat neben Germanistik auch Theaterwissenschaften studiert und kann jetzt mit „Romeos Tod“ ihre Erfahrungen aus dem Schauspielgeschäft in den Plot einfließen lassen. Das tut sie mit viel Vehemenz und Enthusiasmus.

Der Klappentext gibt einige Hinweise zum Inhalt des Romans: Der begnadete Schauspieler Jan Jespik verliebt sich Hals über Kopf in eine erotische, leidenschaftliche Frau. Mona ist gerade erst aus dem Knast gekommen und erzählt ihm ihre unerträgliche Geschichte. Von ihrem italienischen Ex-Mann hat sie schon Jahre nichts mehr gehört, offenbar ist er mit ihren Kindern in Italien untergetaucht. Während Jan jeden Abend auf der Bühne steht und große Erfolge feiert, startet Mona die Suche nach ihrer Familie in Florenz. Jan, der von Monas Schicksal schwer erschüttert ist, folgt ihr schließlich in die Toskana, um seine Geliebte zu rächen. Er weiß, dass dies seine schwerste Rolle sein wird und in der Katastrophe enden könnte.

Die Protagonisten lernt man schnell kennen – und vor allem Jan Jespik war mir vom ersten Auftreten an unsympathisch. Wenn er seiner Katze schon auf den ersten Seiten einen so heftigen Tritt verpasst, dass sie bewusstlos liegen bleibt, sind die Fronten geklärt. „Du bist eiskalt, egoistisch, unfassbar gemein, sadistisch und hast so viel Empathie wie ein Hackklotz“, soll ihm später im Text vorgehalten werden. Dem ist kaum was hinzuzufügen. Zudem ist er aber auch ein begnadeter Schauspieler, was sich in der dreigeteilten Handlung zunächst im „Hamlet“ zeigt, dann in Büchners „Lenz“ und schließlich im titelgebenden „Romeo“.

Sabine Thiesler steckt viel Energie in die Beschreibung, wie Jespik diese Rollen nicht nur spielt, sondern auch lebt. Mit Leidenschaft und einer gehörigen Portion Wahnsinn. Es gibt Monologe aus den entsprechenden Werken und zugleich ist man mitten im Kopf des Schauspielers, der entweder total euphorisiert ist oder an sich verzweifelt. Nuancen dazwischen sind kaum vorhanden. Ich kann nicht nachvollziehen, ob es wirklich Künstler gibt, die sich so mit ihrer Rolle identifizieren und bis zu Selbstaufgabe hinein steigern. Die sich und die Menschen im Umfeld derart verletzen. Jans Umgang mit dem jeweiligen Personal der verschiedenen Theater oder zufälligen Passanten außerhalb der Räumlichkeiten ist jedenfalls kaum auszuhalten.

Parallel dazu gibt es die Krimi- (oder besser: Thriller-)Handlung aus diffusen Stories, Lebensgeschichten, Lügen und Intrigen – ganz eingebettet in den emotionalen Zustand der Protagonist*innen (Mutter, Geliebte, Kinder, Ex-Mann) und alles untrennbar miteinander verknüpft. Manchmal wurde es mir zu viel des Wahnsinns, doch ich konnte der Geschichte nicht fernbleiben, die unaufhaltsam auf den tragischen Höhepunkt zusteuerte. Ganz im Stil einer klassischen Tragödie lässt Thiesler ihre Figuren sehenden Auges ins Verderben laufen.

Kapitel und Handlungsebenen sind überschaubar und gut gegliedert. Als Leser war ich durchgehend in den Gedanken der handelnden Personen gefangen, die zwar abstrus und psychopathisch waren, trotzdem aber bisweilen nachvollziehbar. Ein Lesevergnügen für mehrere spannende Tage, wobei man das Buch kaum aus der Hand legen mag.

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