Musicheadquarter.de – Internet Musikmagazin – Hier ist Musik zuhause!
Menu
Metallica-Download-Festival-Hockenheimring

Van Der Graaf Generator — „The Charisma Years 1970-1978“ in einer Box

Van Der Graaf Generator • The Charisma Years
VÖ: 03.09.2021
8 von 9 Punkten

Das Debüt der britischen Progressive Rocker erschien noch bei Mercury Records, doch schon mit dem zweiten Album wechselte man 1970 zu Charisma und blieb dort über die erste Bandauflösung (1972) bis hin zum zweiten Split 1978. Sieben Studioalben erschienen in dieser Zeit, die jetzt in einer fetten Box aus 17 CDs und 3 Blu-Ray-Discs zelebriert werden. Dazu gibt es einige unveröffentlichte Songs und weiteres bisher unveröffentlichtes Material.

Die mittleren Alben aus dieser Zeit “H to He Who Am the Only One”, “Pawn Hearts”, “Godbluff” und “Still Life” wurden von den originalen Mehrspurbändern in Stereo und 5.1 Surround Sound von Stephen W. Tayler neu abgemischt. Für Audio-Enthusiasten sind die neuen Abmischungen auf jeden Fall ein großes Fest. Es gibt jeweils drei Versionen auf drei Silberlingen: Einen remasterten original Stereo Mix, einen ganz neuen Stereo Mix und auf DVD eine 5.1-Surround-Sound-Mischung. Der Klang ist in allen Fällen astrein, wobei mir der neue Mix auf CD am besten gefällt.

Da mir zur Review nicht die große Box vorliegt sondern diese Einzel-Packs, will ich hier den ältesten und jüngsten Release beispielhaft näher beleuchten:

“H to He Who Am the Only One” erschien im Jahr 1970 und war der erste große Paukenschlag im Œuvre dieser Ausnahmeband. Schon der elegant gewählte Albumtitel bewies, dass hier Großes bevorstand: Bei der Fusion von Wasserstoff zu Helium entsteht Energie, die die Sonne und damit uns alle am Leben erhält. So stark wie dieses Bild ist auch der musikalische Output.

Van Der Graaf Generator sollten nie mehr so vielseitig sein, wie auf diesem dritten Studioalbum. Mit dem Quartett aus Peter Hammill, Hugh Banton, David Jackson und Guy Evans war die klassische Besetzung der Band (jetzt weitgehend ohne Bassist Nic Potter) geboren. Robert Fripp bereicherte als Gast “The Emperor In His War Room”.

Intensiv und spannungsgeladen stand die Hammond-Orgel im Vordergrund und machte VDGG zur Blaupause für viele Progressive Rock Bands der 70er Jahre. Doch vor allem David Jackson gab den meisten Stücken mit seinen Saxofon-Einlagen einen ganz besonderen Touch, der die Jazz- und Psychedelic-Elemente vereinte. So hat die Band ihren Sound in wenigen Jahren perfektioniert und ihr vielleicht bestes Album abgeliefert.

Düster und bedrohlich singt sich Peter Hammill durch die meisten Lyrics. Zugegeben: mit zunächst gewöhnungsbedürftiger Stimme und verdammt emotional, doch wenn er dann loslegt – schreiend, flüsternd, manchmal verstörend – kann man irgendwann nicht mehr genug bekommen von seinen expressiven Vocals, die aber plötzlich bei “House With No Door” ganz sanft und einschmeichelnd klingen konnten.

Ein Album aus fünf Longtracks, das in die Ewigkeit eingehen sollte.

“Still Life” von 1976 hat im Gegensatz zu den Vorgängern einen sehr sakralen Klang. Hugh Banton konnte sich an seinem selbst gebauten Instrument ordentlich austoben. Während das Album im Gesamten ungewöhnlich fröhlich und optimistisch klingt – die verspielten Orgelklänge können hier viel bewirken – steht das erzählende “La Rossa” in der Mitte des Albums und setzt einen deutlichen Kontrast: Hier geht es um kaputte Beziehungen, was mit wilden Klängen und aggressiven Vocals untermauert wird.

Wieder sind es epische Songs, allesamt länger als sieben Minuten, die sich mit großen Themen befassen. Der Titelsong schwelgt in den Ideen von Unsterblichkeit, “Childlike Faith In Childhood’s End” basiert auf einer SF-Story von Arthur C. Clarke. Ganz groß ist Hammills Stimme im nachdenklichen und schmerzhaften “My Room (Waiting For Wonderland)”. Das sind allesamt große Tracks für die Ewigkeit, die im Gesamtwerk der Band bisweilen zu wenig gewürdigt werden.

Zur Ergänzung der Originalalben gibt es jeweils Bonustracks aus den Albumsessions und nostalgische Liveaufnahmen. Für Die-hard-Fans und Nostalgiker wird sich die Gretchenfrage (“Welchen Release lege ich mir zu?”) vermutlich nicht stellen. Da muss es natürlich die Komplettbox sein, wenn der Geldbeutel mitspielt. Aber auch die Einzel-Releases haben ihren Reiz. Die vier Digipacks im Schuber sind allesamt sehr wertig aufgemacht und enthalten informative Booklets. So macht Vergangenheitsbewältigung definitiv großen Spaß!