Die Sendung „Sing meinen Song“ ist für mich die beste musikalische Fernseh-Idee der letzten Jahre. Neuerdings ist es ja in, auf Xavier Naidoo herum zu hacken. Ich will da gar nicht mit einsteigen. Er mag kein Engelchen sein, was seine Weltsicht angeht, aber er ist ein ehrlicher Kerl und tut halt bisweilen öffentlich kund, was manche nur hinter vorgehaltener Hand sagen. Der NDR hatte nach jahrzehntelanger Suche endlich einen renommierten Künstler, der bereit war, uns beim ESC zu vertreten. Dabei kann man nur verlieren – dessen sollte sich jeder bewusst sein. Ihn dann wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen, wenn es mal kurzzeitig brenzlig wird, ist einfach nur schäbig.
Dem Format „Sing meinen Song“ wird das vermutlich nicht schaden. Hier hat Xavier Naidoo etwas geschafft, was andere deutsche Künstler seit Beginn der 90er Jahre vergeblich versucht haben: deutschsprachige Titel wieder vermehrt ins Radio und an die Chartspitze zu bringen. Der mediale Aufstieg von Gregor Meyle und Wirtz, das Wiedererstarken der Prinzen und von Yvonne Catterfeld, deutschsprachige Hits von Sarah Connor – das ist letztendlich alles auf Xaviers Mist gewachsen. Hut ab dafür!
Den nachhaltigen Erfolg der Sendung belegt auch die jährliche Weihnachts-CD, die 2015 zum zweiten Mal erscheint. Auch diesmal sind es die Künstler der aktuellen Staffel, die einige Klassiker und viele spannende Weihnachtssongs, die man nicht so oft hört, in ungewöhnlichen Arrangements zu Gehör bringen.
Dafür hat Gastgeber Xavier Naidoo seine Mitstreiter Andreas Bourani, Christina Stürmer, Daniel Wirtz, Die Prinzen, Hartmut Engler und Yvonne Catterfeld erneut ins österreichische Ellmau eingeladen, um in gemütlicher und familiärer Atmosphäre das besinnlichste Fest des Jahres zu begehen. Mit dabei natürlich auch ein paar Geschenke in musikalischer Form, denn jeder konnte sich von einem Kollegen einen Weihnachtssong wünschen. Yvonne Catterfeld setzte diesbezüglich auf Tradition und wünschte sich von den Prinzen das DDR Weihnachtslied „Sind die Lichter angezündet“, während sich Christina Stürmer den Song „Little Drummer Boy“ von Xavier gewünscht hat.
Spannend sind die Interpretationen in jedem Fall, denn jeder Musiker lässt seine ganz persönliche Note und Nuance in die Songs einfließen. Andreas Bourani sagt zu seiner Version von „White Christmas“: „Der Song darf an Weihnachten natürlich nicht fehlen und ich wage mich an eine deutschsprachige Version.“ Yvonne Catterfeld findet Weihnachten ohne Schnee seltsam, daher hat sie sich für ein spaßiges „Let it snow“ entschieden. Für Christina Stürmer stand schnell fest, dass sie das österreichische Weihnachtslied „Weihnacht is neama weit“ beisteuern wird, genauso wie für Hartmut Engler, der bei „Es schneielet es beielet“ ebenfalls auf den Dialekt setzt. Und dass Daniel Wirtz den Rock auch unter den Tannenbaum legen kann, zeigt sich spätestens mit seiner Version des The Pogues-Klassikers „Fairytale Of New York“.
Die Sendung läuft am 15.12. auf VOX. Das Album dazu ist bereits erhältlich. Und es macht großen Spaß! Die Mischung ist ungewöhnlich und vielseitig. Den üblichen Einheitsbrei bekommt man hier kaum zu hören. Bouranis Version von „Maria durch ein Dornwald ging“ verursacht Gänsehaut und wenn dann Xavier zum Abschluss „The Power Of Love“ schmettert, sind die Feiertage gerettet.
Es war schon eine erschreckende Meldung, dass Roger Cicero wegen eines akuten Erschöpfungssyndroms mit Verdacht auf Herzmuskelentzündung alle Termine bis zum Jahresende absagen musste. Schade, dass er sein neues Livealbum nicht entsprechend promoten kann – aber Gesundheit geht vor. Zumindest wurde die Veröffentlichung nicht verschoben. Das macht Sinn, denn sie ist an ein bestimmtes Datum gebunden: Am 12. Dezember 2015 wäre der große Entertainer Frank Sinatra 100 Jahre alt geworden. Und „Cicero Sings Sinatra – Live In Hamburg“ ist eine beachtenswerte Hommage an das große Vorbild aller Crooner.
Das Konzert fand am 7. und 8.9.2015 vor ausverkauftem Hause im Mehr Theater! in Hamburg statt. Neben Gastgeber Roger Cicero beeindrucken auch die anderen hochklassigen Gaststars wie Yvonne Catterfeld, Sasha und Xavier Naidoo mit einer mitreißenden Show und ihren ganz eigenen Interpretationen der Sinatra- Klassiker. Sie geben den Stücken ein neues Gesicht, die durch „Ol‘ Blue Eyes“ und sein Rat Pack weltberühmt wurden.
Mit einem brandneuen Arrangement des Klassikers „Come Fly With Me“ starten Roger Cicero und seine Big Band den Konzertabend. Dabei bleibt er ganz bei sich. Der Hut sitzt – ansonsten gibt es aber keine schauspielerische Sinatra-Kopie sondern Roger Cicero pur. Er verdelt Stücke wie „I’ve Got You Under My Skin“, „Mack The Knife“ und „I’ve Got A Crush On You“ mit seiner ganz persönlichen Mischung aus Jazz und Swing. Die 13köpfige Bigband passt wunderbar in dieses Ambiente.
Ein besonderes Highlight ist „Somethin‘ Stupid“, zweifellos der Klassiker unter den Duo-Songs der Musikgeschichte. 1967 erstmals von Frank Sinatra und dessen Tochter Nancy Sinatra eingesungen, schlug das Duett wie eine Bombe ein und erreichte schnell den Spitzenplatz der amerikanischen Singles-Charts. Roger Cicero und Yvonne Catterfeld interpretieren den Song auf ihre ganz eigene, packende Art und Weise. „Mein Wunsch, mit Yvonne ein Duett zu singen, währt schon sehr lange“, sagt Roger Cicero. „Als mein neues Programm konkrete Formen annahm, stand für mich fest, dass ich diesen Song-Klassiker unbedingt zusammen mit Yvonne singen wollte. Nicht zuletzt auch, weil sie als 14jährige mit einem Sinatra-Song den Mut zur Bühnenkarriere fasste.“
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„Schieß mich doch zum Mond / Fly Me To The Moon“ interpretierten Roger Cicero und Sasha als furioses Duett, während „Theme From New York“ mit Xavier Naidoo den Höhepunkt des Abends ankündigt. „Leroy Brown“ vereint noch mal alle Gastsänger mit ihrem Gastgeber auf der Bühne, bevor „My Way“ einen unvergesslichen Konzertabend tiefemotional beendet. Die Bühne – meist in Blautönen gehalten – gibt den passenden Rahmen für ein spannendes, virtuoses Konzert, das auf CD aber vor allem auf DVD hervorragend funktioniert.
Die Studio-Single-Version von „Somethin‘ Stupid“ ist als Bonus-Track enthalten, ebenso eine weitere fantastische Version von „My Way“ im Duett mit Paul Anka sowie eine im neuen Arrangement präsentierte Duett-Version von „Winter Wonderland“ mit der schwedischen Jazzsängerin Viktoria Tolstoy.
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Da musste ich doch mit Schrecken feststellen, dass das Joris-Debütalbum „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ noch gar nicht bei uns reviewt wurde. Dabei hat er sich doch mit „Herz über Kopf“ schon längst ins kollektive Radio-Gedächtnis eingeprägt. Ein wundervoller Song, der den Sieg des Herzens über den Verstand beschreibt.
Der 26jährige, poetische Songwriter aus Bremen ist ein Meister der ruhigen Klänge. Seit Philipp Poisel, Tim Bendzko und Andreas Bourani hat die Melancholie dauerhaft in den Deutschpop Einzug gehalten. Joris gehört inzwischen definitiv in diese Aufzählung. Er singt mit tiefsinnigen Lyrics über Liebe und Verlust, schnörkellos – und mit manchmal charmant rauer Stimme. Das muss man einfach mögen.
Für die Deluxe Version, die am 20.11. erschien, wurde eine Live-CD mit drauf gepackt. Sie enthält sieben Tracks, aufgenommen beim ZDF Bauhaus diesen Herbst in Dessau – die Hits seines Albums in außergewöhnlichen Arrangements und akustischer Umsetzung.
Joris‘ Stücke funktionieren in jeder Besetzung. Ob er allein an der Gitarre sitzt, eine große Band am Start hat oder wie hier ein beschauliches unplugged-Konzert mit rhythmisch versierter Instrumentierung liefert. Besonders überrascht hat mich „Er“, das nicht auf dem Album enthalten ist. Ein nachdenklicher Song über einen Menschen, dem wirklich alles schief geht, der aber trotzdem glücklich ist. Joris hat noch Potential für weitere gute Alben.
Night Of The Proms 2015: Stars wie Johannes Oerding, OMD, John Miles und The Beach Boys geben sich am 1. Dezember in der Frankfurter Festhalle mit großem Orchester die Ehre. Doch ganz zu Beginn steht eine Frau mit unfassbar schöner Stimme im Mittelpunkt. Ganz sanft und mit emotionaler Tiefe singt sie zur sinfonischen Begleitung „The Hanging Tree“ aus dem Soundtrack „Die Tribute von Panem“. Was für ein Gänsehaut-Moment! Kurz darauf gibt sie auf der Bühne drei eigene Stücke zum Besten. Die neue Single „I Don’t Wanna See You With Her“ wird eingerahmt von den großen Hits „All This Time“ und „Just Hold Me“. Dieses Triple passt perfekt zusammen und bietet alles, was die Musik von Maria Mena ausmacht. Lyrics, die unter die Haut gehen, und magische musikalische Momente. Schon zehn Minuten nach diesem Auftritt darf Musicheadquarter-Redakteur Andreas Weist die zufriedene und äußerst entspannte Sängerin in ihrer Garderobe aufsuchen und mit seinen Fragen löchern. Ihre Antworten sind ebenso tiefgründig und von sympathischer Offenheit wie ihre Songs.
Wir haben dich heute als Teil von „Night Of The Proms“ gesehen. Ist es das erste Mal, dass du deine Titel mit Begleitung eines Sinfonieorchesters singst?
Maria Mena: Nein, ich habe schon öfter mit Orchestern gesungen, die vielleicht nicht so groß waren wie dieses. Zum Beispiel bei Gala-Veranstaltungen oder als Gast bei anderen Künstlern. Aber du hast Recht: Es ist das erste Mal, dass ich meine eigenen Stücke singen darf.
Durftest du selbst die Auswahl treffen?
Maria Mena: Ja, ich habe die Titel selbst ausgewählt. Es wäre nicht respektvoll, wenn man einen Hit hat, diesen weg zu lassen. Andere Künstler weigern sich, ihre größten Hits zu spielen. Aber es geht mir doch selbst so: Wenn ich als Zuschauer zu einem Konzert gehe, will ich auf jeden Fall die Songs hören, die ich liebe. „Just Hold Me“ war groß in Deutschland, darum spiele ich es. Und es war etwas ganz Besonderes heute. Nach dem neuen Song habe ich fast geweint wegen des Orchesters und der Größe, die der Song dadurch bekommt.
Ich finde, alles passt sehr gut zusammen.
Maria Mena: So ist es. Und jetzt habe ich ein Problem: Ich werde nie mehr auf Tour gehen können, ohne all diese Leute mitzunehmen.
Wie fühlt es sich an, für ein Publikum zu singen, das deine Stücke nicht unbedingt kennt?
Maria Mena: Perfekt. So wie auf einem Festival. Da sind viele Menschen, die ich neu erreiche und dadurch als Fans gewinnen kann. Im besten Fall geht jemand nach Hause und sagt: Es war gut – ich höre mir das mal auf Spotify an. Oder er sagt: Ich hasse es. Aber dann weiß er es wenigstens. *lacht*
Ich durfte dein neues Album „Growing Pains“, das in vier Tagen erscheint, schon vorab hören. Es ist sehr traurig, melancholisch und berührend.
Maria Mena: Ja, du hast Recht. Wirklich traurig. Man muss weinen. Das war meine Absicht. *lacht*
Siehst du es als ein Konzeptalbum? Das eine Geschichte vom Anfang bis zum Ende erzählt?
Maria Mena: Alle meine Alben sind Konzeptalben, denn ich will immer die ganze Geschichte erzählen. Aber das neue Album ganz besonders. Es geht um eine Trennung. Ich starte mit „Good God“, einem Verzweiflungsschrei: Was habe ich nur getan? Und es endet damit, was ich aus all dem gelernt habe. Die ganze Reise… Ich hätte über alles schreiben können, was in dieser Zeit passiert ist, aber das wären sechs Millionen Songs geworden. Alle Gefühle, die ich hatte im Lauf des letzten Jahres. Ich wollte ein Album zum Thema machen: Was passiert, wenn du alles verlierst? Ich bin da durch gegangen und weiß jetzt, wer ich bin.
Es geht ja um deine Scheidung im vergangenen Jahr und ich habe den Eindruck, dass du sehr fair in deinem Rückblick bist.
Maria Mena: Wie meinst du das?
Nun, du suchst nach Erklärungen für beide Seiten. Gibst nicht deinem Ex-Mann die Schuld an allem. Das zeigt sich in deinen Songs „Good And Bad“ und „You Deserve Better”.
Maria Mena: Okay – das ist einfach. Ich versuche, Menschen ganzheitlich zu sehen. Niemand ist nur gut oder böse. Ich will der Person Respekt zollen, die eine sehr wichtige Person in meinem Leben war und es noch immer ist. Es wäre nicht richtig, gemein zu sein. Das hatte ich bei anderen Alben in der Vergangenheit, aber diesmal nicht.
Foto: Agnete Brun
War das deine Absicht? Wolltest du eine Periode deines Lebens fair abschließen?
Maria Mena: Das Album zeigt mich da, wo ich jetzt stehe. Beim nächsten Album sehen wir weiter. Vielleicht kommen dann die ganzen wütenden Songs. Jetzt wollte ich sagen: Okay, Liebe endet manchmal. Was tust du dann? Es wird weiter gehen. Es ist das Ende eines Kapitels. Eine Tür schließt sich, eine andere tut sich auf. Was witzig ist: Im Moment bin ich so glücklich, dass ich gar nicht weiß, wie es weiter geht. Das Album wird sich gut verkaufen – oder auch nicht. Vielleicht muss ich im Januar schon wieder ins Studio. *lacht* Ich habe keine Idee. Außer der einen: Ich will die Songs so viel wie möglich live spielen.
Du hast immer diese autobiographische Seite in deinen Songs. So viel Reflektion und Selbsterkenntnis. Ist das Schreiben deine Form von Therapie?
Maria Mena: Es geht darum, auf die Gefühle zu schauen, die dir Angst machen, und sie in etwas Konkretes zu fassen. Ich bringe sie auf Papier und zeige damit, dass sie nicht so erschreckend sind. Ich bin auf jeden Fall ein guter Therapeut für mich. In diesem Jahr ist so viel Interessantes passiert. Da ist zum Beispiel der Song „Not Sober“. Die Leute denken, es geht um das Thema Alkohol. Aber das ist es nicht – es geht um Betäubung. Um Selbstzerstörung, weil man die Masse an Gefühlen nicht ertragen kann. Man flüchtet in eine neue Beziehung oder man fängt an zu trinken. Man betäubt sich selbst. Ich hingegen will den Kummer studieren. Ich will daraus lernen. Man muss sich erlauben, seine Gefühle zu zeigen und zu weinen. Dann geht es schneller vorbei. Ich habe Kurse in „Mindfulness“ [einer Form meditativer Achtsamkeit, Anm. d. Red.] belegt. Wenn du mir letztes Jahr Weihnachten gesagt hättest, in zwölf Monaten stehst du in Frankfurt auf der Bühne und bist glücklich – ich hätte es nicht geglaubt. Es ist ein gutes Gefühl, zurück zu blicken und zu sagen: Ich habe überlebt.
Foto: Agnete Brun
In den Promotexten zu deinem neuen Album steht, dass viele deiner Songs aus dem Unterbewusstsein entstehen.
Maria Mena: Ja, in meinen Träumen. Ich träume sie.
Kannst du das näher erläutern?
Maria Mena: Das ist nicht so schwierig: Ich erinnere mich an alle meine Träume. Das sind manchmal ganz verrückte Sachen. Viele haben Musik in sich. Und es ist kein Gesumme. Da kommt wirklich jemand im Traum zu mir und singt oder spielt eine Melodie. Ich schreibe das dann auf. Es ist gerade heute passiert. Ich habe ein Lied geschrieben nach dem Aufwachen. Übrigens das erste Mal, dass ich auf Tour etwas schreibe. Im Moment habe ich so viele Gefühle und Gedanken, dass ich das einfach tun muss. Gerade im Moment kurz bevor ich einschlafe oder aufwache bin ich sehr bewusst. Ich höre Melodien oder jemand spielt etwas für mich. Bei meiner neuen Single war es Marit Larsen, die für mich sang. Kennst du sie? Eine tolle Songwriterin. *Maria singt ein Stück aus Marits „If A Song Could Get Me You“* Sie erschien mir im Traum und sang für mich. Und ich dachte: Was für ein großartiger Song. Und dann: Moment, das ist mein Song! So etwas passiert mir oft. Die Sachen sind dann noch nicht fertig, aber ich habe eine Grundmelodie. *Maria summt mir ein Stück aus „I Don’t Wanna See You With Her“ vor* Dann schaue ich in den Gedichten, die ich geschrieben habe, und suche nach passenden Lyrics oder Ideen.
Das darfst du Marit aber nicht erzählen, sonst will sie eine Beteiligung.
Maria Mena: Ja, ich warte täglich auf ihren Anruf. *lacht* Nein – es ist eine Frage des Respekts. Ich mag Marit sehr. Sie ist eine fantastische Songwriterin.
Sehr oft singst du über reale Personen wie deine Mutter oder deinen Ex-Mann. Wie reagieren diese, wenn sie die Songs hören?
Maria Mena: Niemand kann in Beziehung zu mir treten, ohne zu wissen, dass er Thema in einem Album werden kann. Die Menschen in meiner Umgebung sind alle großartig und respektieren die Kunst. So bin ich eben: „Good And Bad“. Die Geschichte hat immer zwei Seiten und ich ernte den Ruhm. *lacht* Ich habe das Glück, dass die Menschen das verstehen. Und sie wissen, dass ich niemanden verletzen will.
Foto: Solveig Selj
Der Titeltrack „Growing Pains“ ist ein sehr starker Abschluss des Albums. Du beschreibst den Moment, wenn der Schmerz abklingt und drückst deine Stärke aus, weil du eine schmerzvolle Situation überwunden hast. Ist das der Punkt, an dem du momentan stehst? Deine aktuelle Situation?
Maria Mena: Ich glaube ja. Ich habe Glück, seit ich 15 Jahre alt bin. „My pain has become something bigger than me.“ Verstehst du, was ich meine? Mein Leben hat eine größere Bedeutung. Es wird zu Songs. Die Scheidung weckt keine Gefühle mehr in mir. Aber die Songs leben. Vielleicht werden sie jetzt zu den Songs eines anderen. Ich weiß wie es ist, ganz unten und traurig zu sein. So geht es mir jetzt gut. Ich habe mich gefragt: Kümmert es überhaupt jemanden, wie schlecht es dir geht? Daraus ist jetzt wohl mein stärkstes Album entstanden.
Die traurigen Alben sind immer die besten.
Maria Mena: Genau. Wenn die Menschen weinen – das ist mein Applaus. *lacht*
Sam Smith hat in einem Interview gesagt, das er ein großer Fan deiner Musik ist. Dass deine Musik sein Leben verändert hat. Wie fühlt es sich an, solche Bewunderung aus berufenem Munde zu hören?
Maria Mena: Wundervoll. Ich habe ihm das Album geschickt. Er ist so wunderbar. Wir sind Brieffreunde – schon seit längerer Zeit. Er war eine Schlüsselperson bei der Entstehung des Albums und hat mir gezeigt, dass ich das Album machen soll. Ich wollte das nicht. Ich sagte: Ich will nicht später durch die Medien ziehen und über meine Scheidung sprechen. Er hat mich ermuntert. Gerade, als ich sehr müde und down war, hat er mir Emails geschrieben und mich mit Worten aufgebaut: Es interessiert die Menschen, was du zu sagen hast. Deshalb habe ich das Album geschrieben, das ich mir vor zwei Jahren von jemand anderem gewünscht hätte, als es mir so schlecht ging. Ich hoffe, es hilft anderen Menschen. Sie sollen erkennen, dass Veränderungen schmerzhaft sind. Dass persönliches Wachstum mit Schmerzen verbunden ist. Manchmal triffst du Entscheidungen, die für dich richtig sind, aber die andere Menschen nicht verstehen. Ich will den Wert davon aufzeigen.
Vielen Dank. Das waren sehr persönliche Worte. Was dürfen wir denn für 2016 erwarten? Wird es eine Tour in Deutschland geben?
Maria Mena: Ja, wir sind gerade mitten in der Planung. Das ist es, was ich jetzt tun muss. Live spielen. Ich muss „Good God“ live singen und den Menschen in die Augen schauen. Ich kann es kaum erwarten. Danke, dass dir das Album so gut gefällt.
Ich danke, dass du dir so viel Zeit für das Interview genommen hast. Es war mir eine Freude.
Ich bedanke mich ebenso bei Peter Goebel für die freundliche Vermittlung des Interviews. Es war ein Erlebnis!
Maria Menas aktuelles Album „Growing Pains“ gehört zu den Veröffentlichungen im Jahr 2015, auf die ich mich ganz besonders gefreut habe. Die junge Norwegerin hat mich bereits 2007 mit ihrer Hit-Single „Just Hold Me“ verzaubert und seitdem sowohl auf CD als auch live immer wieder begeistert. Für ihr fünftes in Deutschland erscheinendes Studioalbum hat sich Maria Mena zwei Jahre Zeit gelassen, und wieder ist es sehr autobiographisch geworden. In diesem Zeitraum ist viel passiert, denn sie hatte ihre Scheidung zu verarbeiten. Und sie hat mehr getan als das: „Growing Pains“ ist ein Konzeptalbum geworden, dass diese schwierige Phase komplett durchlebt und Marias Gefühlswelt ehrlich und reflektiert widerspiegelt.
Das Album startet mit dem Verzweiflungsschrei „Good God“. Was habe ich nur getan? Es folgt eine Achterbahn der Gefühle, auf der die Songwriterin zu verarbeiten sucht, was mit ihr geschieht. Da ist die neue Freundin des Ex-Manns, die Maria ihm gönnt, aber die sie nicht sehen will. „I Don’t Wanna See You With Her“. In „Good And Bad“ und „You Deserve Better“ geht sie sehr fair mit ihrem Verflossenen um. Sucht die Schuld für das Scheitern ebenso bei sich wie bei ihm. In philosophischen Ausbrüchen geht es um das Betäuben von Gefühlen („Not Sober“) und um das Angekommensein ganz unten („Bend Till I Break“).
Jetzt könnte man sagen, so viel Emotionalität ist schwer zu ertragen. Tatsächlich kann das Album Menschen mit Liebeskummer vermutlich sehr nach unten ziehen. Doch die Aussage bleibt schlussendlich positiv. „Growing Pains“ ist doppeldeutig zu sehen: Da sind die stetig wachsenden Schmerzen. Doch der Ausdruck meint auch Wachstumsschmerzen – die Schmerzen, die beispielsweise ein Kind beim Großwerden durchstehen muss, um gestärkt daraus hervor zu gehen.
Es ist ein durch und durch magisches Album. Musikalisch insgesamt ruhiger als der elektronisch angehauchte Vorgänger, unglaublich emotional und eindringlich. Es gibt auch hier elektronische Momente – doch ausschließlich im Dienst der Sache. Ein fetter Beat wird eingesetzt, um Gefühle in Form eines Herzschlags zu verstärken. Oder eine kurzfristig verfremdete Stimme betont den Schmerz. Doch diese Effekte werden nie zum Selbstzweck.
Mit jedem Song erzählt Maria ihre persönliche Geschichte weiter. Die Arrangements weben verträumte Klangteppiche und lassen tief in ihre Seele blicken. Und alle Songs sind Treffer. Nichts ist belanglos oder zum Auffüllen von Lücken. Maria hat etwas zu sagen und zieht ihr Ding konsequent durch. Sie verwirrt und fordert den Hörer dabei gelegentlich, versöhnt aber immer wieder mit wunderbaren Melodien und ihrem einfach zauberhaften Gesang. „Growing Pains“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie gerade schwierige persönliche Erlebnisse ungeheure kreative Energie freisetzen können. Wer mit 29 Jahren schon seine Lebensgeschichte mit entwaffnender Offenheit in solch fantastische Musik verwandeln kann, verdient Respekt und Bewunderung. Meine Empfehlung für diese Scheibe lautet eindeutig: Kaufen, von vorne bis hinten hören und eine Weile im CD-Player lassen! Maria Mena wird euch verzaubern.
Am Morgen des 25.11 liest man zunächst mal auf der Facebook-Seite der Veranstaltung, dass Papa Roach und Devil You Know den Rest der Tour abgesagt haben, nachdem sie bereits Konzerte in Berlin und Mailand gestrichen hatten. Die Terrorangst scheint also nicht abzureißen. Ersetzt werden die beiden Bands durch Skindred und Nothing More, welche auch den Anfang des Konzertes bestreiten.
Für ein Set von 50 Minuten betreten die Texaner die Bühne und machen gleich klar in welche Richtung es heute Abend gehen wird: Steil nach vorne. Während am Anfang nur die ersten paar Reihen begeistert scheinen, nicken im Laufe der Zeit immer mehr der rund 7000 Köpfe mit. Nach Riffs, die dann noch an Korn erinnern, ist das Publikum komplett auf Nothing Mores‘ Seite: Mehr als gelungen für einen Opener.
Die erste Überraschung des Abends folgt prompt: Skindred treten nicht wie erwartet vor dem Headliner auf, sondern somit als zweites auf. Mit dem Imperator-Marsch sammeln sich die Engländer auf der Bühne und beginnen eine Party sondergleichen. Selbst die Zuschauer auf den Sitzrängen, welche wirklich gut gefüllt sind, stehen nun und entledigen sich der Alltagsperson. Benji Webbe bezieht die Zuschauer klasse mit ein, stellt Fragen und antwortet jedes Mal mit „Bullshit“. Unverschämt? Nein, denn damit erreicht er nur, dass die Halle jede Antwort einige Male wiederholt: Und dies immer um einiges lauter. Ebenso erinnert er an die Opfer der Anschläge in Paris und spricht das aus, weshalb die 7000 Leute hier sind „… we can’t let the terrorists win.“ Postwendend bekommen Skindred wieder tosenden Applaus. Gegen Ende des Sets lassen die fünf Briten die Party endgültig eskalieren: eine Dubstep-Version von „Last Resort“ lässt jeden ausrasten. Nach circa 65 Minuten ist dann Schluss und man ist froh etwas frische Luft schnappen zu können.
Auf die erste Party folgt die zweite: Die Feierformation Eskimo Callboy aus Castrop-Rauxel kommt auf die Bühne und gibt unerwartet den direkten Support von Five Finger Death Punch. Die sechs Ruhrpottler können es teilweise selbst nicht glauben was hier passiert und bedanken sich mehrmals beim Düsseldorfer Publikum. Wie üblich reißen Eskimo Callboy die Bühne ab, der Zusammenhalt mit den einheimischen Fans ist spürbar. Mit einem guten Mix aus neuen und alten Songs zeigen die sechs, wie man mit deutschem Metal große Hallen zum Ausrasten bringt. Die Breakdowns sitzen, der Feierfaktor ist auf einem gewohnt hohen Level. Wenn man in nächster Zeit nicht noch mehr von Eskimo Callboy hört, läuft in dieser Welt definitiv etwas falsch. Eine knappe Stunde zeigen die Jungs was sie können, bevor sie mit ihrem Klassiker „Is Anyone Up“ das Konzert beenden.
Nach einer kurzen Umbaupause ist es dann soweit: Five Finger Death Punch trotzen jeglichem Terror und jeglicher Angst und betreten die Stage der Mitsubishi Electric Halle, um ein brachiales Set abzuliefern. Mit „Lift Me Up“ verlangen sie der Menge sofort einiges ab und geben den Takt für die folgenden 100 Minuten vor. Die Laufarbeit aller Bandmitglieder ist beachtlich, da würden selbst Lionel Messi und Christiano Ronaldo Augen machen: Unglaublich was die Jungs auf der Bühne an Weg zurücklegen, Stillstand Fehlanzeige. Neben dem ganzen Sport wird auch noch ein wenig Musik gemacht. Mit Songs wie „Bad Company“, „Burn MF“ oder „Burn It Down“ zerlegen die Amerikaner mehr als gekonnt eine der schicksten Venues Düsseldorfs. Mit einer Akustikversion von „Wrong Side Of Heaven“ wird den Fans eine kurze Verschnaufpause gegönnt, um danach nochmal richtig anzuziehen. Gegen Ende der Show bittet Sänger Ivan Moody alle die Köpfe zu senken und eine Minute der Opfer von Paris zu gedenken. Der Bitte wird Folge geleistet und das Konzert fortgeführt. Mit „The Bleeding“ wird das Konzert beendet und ein mehr als gelungener Abend findet ein würdiges Ende. Die Message des Abends ist mehr als deutlich: Geht auf Konzerte und lasst euch nicht von Geisteskranken den Spaß am Leben nehmen.
Die Erfolgsgeschichte der dreiköpfigen Band Deine Freunde begann vor drei Jahren mit ihrem Debütalbum „Ausm Häuschen“ und setzt sich seitdem quer durch die Republik fort. Und das liegt vor allem daran, dass sich ihre Songs auf coole Weise von allem unterscheiden, was Kindern hierzulande ansonsten an musikalischer Unterhaltung geboten wird. Auf ihrem dritten Studioalbum „Kindsköpfe“ haben die drei Hamburger nun zunehmend die ganze Familie als Zielgruppe im Focus.
Mit dem Opener „Gebt uns eure Kinder“ machen Deine Freunde aber zunächst mal Werbung in eigener Sache. Und dieser Aufforderung kommen Eltern gerne nach, denn schließlich versprechen die drei ein paar Takte weiter: „Wir leihen sie nur aus, danach kriegt ihr sie zurück.“ Ansonsten dreht sich das Album um typische Familienthemen wie „Hausaufgaben“, „Lange Ferien“, „Das macht man nicht“ oder „Ich hör dir gar nicht zu“ – alles wie gewohnt mit ordentlich Beats, Bässen und coolen Raps präsentiert.
Wie auf den vorhergehenden Alben verbünden Deine Freunde sich in ihren Texten oft mit den Kindern und besingen die Welt aus deren Sicht. Erstmals gibt es nun aber auch ein paar Songs aus Elternperspektive. „Als ich so alt war wie du“ lässt die Erwachsenen von ihrer Kindheit erzählen, und „So müde“ ist ein herrlich verzweifeltes Schlaflied, mit dem Deine Freunde bestimmt vielen Müttern und Vätern aus der Seele sprechen. Einige Tracks sind dann wieder als Dialog zwischen den Generationen aufgebaut, wie das herrlich treffende „Schatz“, in dem es um den Kampf der Kinder um die Aufmerksamkeit der Eltern geht.
Bei uns wird „Kindsköpfe“ auf jeden Fall oft gemeinsam gehört, ob im Wohnzimmer oder auf ansonsten langweiligen Autofahrten. Unser neuer Familienlieblingssong ist „Die besten, gemeinsten Eltern der Welt“, und die Kids rocken am liebsten zum „Schlagzeuglied“ oder dem erfrischend sinnfreien „Der Dummi mit dem Flummi“ ab. Bei so viel gemeinsamem Spaß verzeihen wir Deinen Freunden sogar einen musikalisch so banalen Titel wie „Heimweh“ und können das neue Album insgesamt nur wärmstens empfehlen!
Saltatio Mortis müssen sich in den letzten Jahren oft den Vorwurf anhören, dass ihre mit E-Gitarren versehene Rockmusik kaum noch den Geist des Mittelalters atmet, dem man sich zu Beginn der Karriere verschrieben hat. Das mag auf den ersten Blick stimmen – doch wir wollen nicht vergessen, dass die Band immer noch zweigleisig fährt. Ihre Auftritte auf Mittelaltermärkten sind weiterhin ein musikalisches Fest, ganz in alter Tradition mit Dudelsäcken und weiteren ungewöhnlichen Instrumenten und einer immensen Spielfreude, die das Publikum mitreißt. Parallel dazu gibt es halt die Hallen-Rockshows, die von Album zu Album mehr Zuschauer zu Saltatio Mortis locken und ihnen ein großes Rock-Publikum bescheren.
In die Mittelalter-Diskussion will ich jetzt gar nicht einsteigen. Mir gefallen beide Seiten der Band. Und wie man jetzt sieht, tut sie alles, um die alten Fans nicht zu verprellen. Das ausgezeichnete neue Album „Zirkus Zeitgeist“ erscheint nun nämlich in einer Version „Ohne Strom und Stecker“. Unplugged – würde man auf Neudeutsch sagen.
Schon für die Livekonzerte bei den Spectaculum-Shows gab es zwei aktuelle Songs in umarrangierten Versionen. Nun hat man sich (fast) das komplette Album vorgenommen. Nur „Augen zu“ und „die „Abschiedsmelodie“ fielen raus, hinzu kam aber der wunderschöne Bonustrack „Gossenpoet“. Geradezu intim klingen die Songs und natürlich darf hier und da auch eine gehörige Portion Spaß nicht fehlen. Die Liebe zu akustischen Instrumenten und das typische Augenzwinkern von Saltatio Mortis klingen hier förmlich durch jede Note. Viele Songs, die vorher noch sehr energisch aus den Boxen dröhnten, kommen plötzlich sehr entspannt, bisweilen gar schwermütig. Es ist, als habe der Herbst die Arrangements verändert.
Instrumental ist es gar nicht so mittelalterlich, wie man vermuten könnte. Es sind vor allem akustische Gitarren, die den Stücken jetzt Folk-Charakter geben. Natürlich versetzt mit Dudelsäcken, Schalmeien, Drehleiern und Flöten hier und da. Die Neu-Interpretation ist sehr kreativ und verleiht den Songs neue Tiefe. Klasse Idee, die sehr gut umgesetzt wurde.
In der limitierten Deluxe Edition des Albums haben sich die acht Musiker noch von sich selbst inspirieren lassen. Nachdem mit „Willkommen in der Weihnachtszeit“ und „Maria“ schon im Hochsommer Weihnachten war, haben die Spielleute nun eine Bonus-CD zusammengestellt mit dem Titel „Fest der Liebe“. Dafür wurden neben den genannten Titeln auch neue Weihnachtssongs aufgenommen und versüßen so die Weihnachtszeit auf ihre ganz eigene Art – mit Weihnachten im Zeichen vom Dudelsack, E-Gitarre und bissigen Texten
Bevor man diese Bonus-CD allerdings der holden Verwandtschaft zum Festtage auflegt, sollte man zunächst auf die Texte hören und überlegen, ob Oma und Opa mit der Saltatio Mortis eigenen Anwendung von Ironie und Sarkasmus umgehen können. „Morgen, Kinder, wird’s nichts geben“ bietet eine überdeutliche Gesellschaftskritik und der Text von „Alle Jahre wieder“ greift die Mentalität des Konsums an. „Als die Waffen schwiegen“ ist hingegen ein sehr ernster, melancholischer Song, der sich auf ein Geschehen im Ersten Weltkrieg beruft. Gänsehaut pur! Und dann gibt es Whams Gassenhauer „Last Christmas“ in der ultimativen Rock-Version. Hier bekommt das „Fest der Liebe“ echt Klasse!
Hinter dem Namen von Brücken verbergen sich Ex-Jupiter Jones Sänger-Nicholas Müller und sein Kumpel Tobias Schmitz. Gemeinsam haben sie Ende Oktober ihr Debütalbum „Weit weg von fertig“ veröffentlicht (unser Review Von Brücken „Weit weg von fertig“ findet ihr hier). Über den Ausstieg von Nicholas Müller bei Jupiter Jones und die erfolgreiche Behandlung seiner Angststörung ist bereits hinlänglich berichtet worden. Den Weg zurück auf die Bühne hat er schon vor gut einem Monat auf dem Hamburger Reeperbahn Festival gefunden. Das heutige Konzert in Köln ist die erste und einzige Headliner Show in diesem Jahr, bevor es dann 2016 auf ausgedehnte Deutschlandtour geht. Und weil alleine das schon etwas besonderes ist, lässt es sich der WDR im Rahmen seiner „Rockpalast“-Reihe nicht nehmen, die von Brücken Premierenshow via Livestream auf seiner Internetseite zu übertragen. Das wunderschöne Ambiente der Kulturkirche in Köln-Nippes bietet dazu den mehr als würdigen Rahmen zwischen Heiligenfiguren und Kölschtheke. Und sie ist natürlich ausverkauft.
Bevor es losgeht, werden die Fans vom wohl lässigsten Pfarrer in ganz Köln begrüsst. Thomas Diederichs hatte vor fast zwölf Jahren die Idee, die Lutherkirche in der Siebachstraße für Veranstaltungen zu nutzen. Optisch ähnelt er ein wenig Jeff Bridges in seiner Rolle als „der Dude“, dem White Russian trinkenden Alt-Hippie aus „The Big Lebowski“. Danach dauert es noch ein paar Minuten (vermutlich damit der Livestream auch pünktlich startet), bis Nicholas Müller und Tobias Schmitz in Begleitung ihrer siebenköpfigen Band den zur Bühne umfunktionierten Altarraum betreten und mit „Das Türen-Paradoxon“ in ihr Set starten. Spätestens als die unverwechselbare Reibeisenstimme von Nicholas Müller den Raum erfüllt wird allen Anwesenden (und denen auf dem heimischen Sofa) klar, was sie ein Jahr lang vermisst haben. Und auch Nicholas Müller ist nach „Gold gegen Blei“ und „Die Sache mit dem toten Clown“ angesichts der Begeisterung vor ihm sichtlich gerührt. Man möchte fast auf die Bühne klettern und den sympathischen Tanzbären mit den vielen Tätowierungen mal so richtig feste knuddeln.
So entsteht nach und nach eine Stimmung in der Fans und Band quasi miteinander verschmelzen. Der überstrapazierte Begriff von der „intimen Wohnzimmeratmosphäre“ bekommt eine neue Daseinsberechtigung. Man fühlt sich wie bei einem Familientreffen. Die Umstehenden, die man noch nie zuvor gesehen hat, erscheinen wie alte Bekannte. Alle miteinander sind sie durch ein unsichtbares Band verbunden und dieses Band ist die Musik von Nicholas Müller und Tobias Schmitz. Irgendjemand hat eine Flasche „Pustefix“ mitgebracht und lässt bunte Seifenblasen durch die Kulturkirche schweben. Wenn Müller „Dann sammle ich Steine“ für seine „zwei Damen zuhause“ singt oder vor „Blendgranaten“ gegen die deutschen Besorgtbürger wettert, dann ist es mucksmäuschenstill. In „Lady Angst“ verarbeitet er seine eigene Geschichte und in „Immerhin“ feiert er die Liebe. Aber egal, ob er große Gefühle in eine leise Sprache gießt (wie bei „Die Parade“) oder ihnen ausgelassen freien Lauf lässt (wie in „Der Tanz“), er schafft es jedesmal tief in den Seelen seiner Zuhörer nach Leben zu schürfen. Und es zu finden.
Zwischendurch darf auch Jan Löchel (seines Zeichens eigentlich Produzent aus Münster) nochmal mitmachen, der unter dem Pseudonym Jylland durchaus überzeugend das Vorprogramm bestritten hat. In „Elephanten“ übernimmt er den Part von Rocky Votolato. Irgendwann sind dann alle vierzehn Songs des Albums gespielt. „Yukon“, das vor Optimismus nur so strotzt, ist bereits die erste Zugabe. Aber die Kölner haben noch nicht genug. Und so muss das Damien Rice-Cover „Trusty And True“ als letzter Song herhalten, an dessen Ende sich die gesamte Band völlig überwältigt mit einer ganzen Reihe tiefer Verbeugungen von den Fans in der Kulturkirche verabschiedet.
Es gibt Konzerte, da geht man in der Hoffnung hin, dass es ein ganz besonderer Abend wird. Diese Hoffnung kann mit der Location zusammenhängen oder mit dem Künstler. Oder mit beiden zusammen. Manchmal wird die Hoffnung enttäuscht und manchmal erfüllt. In den allerseltensten Fällen aber wird sie übertroffen. Als ich an diesem kalten Donnerstagabend Ende November gegen 23 Uhr die Kölner Kulturkirche verlasse, weiß ich, dass einer dieser seltenen Fälle Wirklichkeit geworden ist. Die Welt, die nach den Anschlägen von Paris aus dem Gleichgewicht geraten scheint, ist wieder ein Stück wärmer geworden. Da wo die Schockwellen des Terrors noch immer nachwirken keimt Zuversicht und Trotz auf. Nein, wir lassen uns nicht unterkriegen! Das Leben ist schön! So schön wie es auf einem von Brücken-Konzert an einem kalten Donnerstagabend Ende November nur sein kann.
Bei den Tull-Jüngern weltweit füllt sich nach und nach das Bücherregal mit Neuauflagen der frühen Alben im Hardcover-Deluxe-Format. Aktuell gibt es den Klassiker „Too Old To Rock’n’Roll: Too Young To Die!“ in einer Neu-Edition zum 40jährigen Jubiläum. Den Remix hat wiederum Meister Steven Wilson übernommen. Es gibt ohnehin keine Prog-Alben, an die er sich nicht heran wagt. Und was Wilson aus den alten Bändern macht, hat immer Hand und Fuß. Zudem wird immer eine Masse an neuem Material ausgegraben, das Fans und Musikkenner glücklich macht.
„Too Old To Rock’n’Roll: Too Young To Die!“ sollte ursprünglich ein Werk für die Bühne werden. Ein Musical über einen alternden Rockstar, das jedoch nie fertig gestellt wurde. Stattdessen verwendete man das Material für Jethro Tulls neuntes Studioalbum, das somit logischerweise wieder zum Konzeptalbum wurde. Der Handlung kann man anhand eines Comics folgen, der ursprünglich auf der Innenseite der Doppel-LP abgedruckt wurde. Hier findet er sich im buchformatigen Booklet.
Ein Kuriosum haben wir direkt bei CD 1: Wilson verwendet nicht das originale Studioalbum für den Remaster, sondern eine TV-Studioaufnahme. Seinerzeit existierte eine Vorgabe der Gewerkschaften, die es der Band untersagte, das Original-Album lippensynchron für die Ausstrahlung im Fernsehen zu nutzen. Daher mussten Jethro Tull im März 1976 erneut ins Studio, um das gesamte Album für diesen Zweck neu einzuspielen. Diese Aufnahme verwendet Wilson für seinen Remix, da die originalen Multi-Track-Bänder des Albums nicht mehr auffindbar waren. Da, wo es möglich war, gibt es noch Remixe des Originals, die als fünf Bonustracks angehängt wurden.
Der Vollständigkeit halber bietet dann CD 2 das Originalalbum unbearbeitet sowie eine Reihe von Bonustracks wie „Commercial Traveller“, „Salamander Ragtime“ und eine frühe Version von „One Brown Mouse“. DVD 1 lässt uns an besagtem TV Special teilhaben, das bisher nicht käuflich zu erwerben war. Und da Steven Wilson seinen Perfektionismus – wie wir wissen – nie zügeln kann, liefert DVD 2 als Audio-DVD nochmal viele Tracks, die er zum Bearbeiten in die Finger bekommen hat, in Topqualität. Auch hier hat das Originalalbum seinen Platz.
In der bisherigen Remaster-Reihe ist „Too Old To Rock’n’Roll: Too Young To Die!“ das Schwierigste, da Wilson weniger Original-Material zur Verfügung stand als bei den Werken zuvor. Trotzdem hat er das Beste daraus gemacht und liefert ein ansehnliches und vor allem anhörbares Gesamtpaket, das sie Historie von Jethro Tull fortschreibt. Im 80seitigen Booklet gibt es viele Infos zur Entstehungsgeschichte des Albums, massig unveröffentlichte Fotos und Track-by-Track-Infos von Ian Anderson himself. Fügt sich wunderbar in die Reihe ein.
Neues von Burghardt Wegner, dem Liedermacher aus Schleswig-Holstein, der sich als Künstler Grünschnabel nennt. Ein echter Grünschnabel kann man nach inzwischen zwölf Alben allerdings nicht mehr sein. Er hat Auftritte beim Kika und gibt Mitmachkonzerte deutschlandweit, begeisternd für Groß und Klein.
Zum ersten Adventssonntag gibt es nun die Maxi CD „Rums, ist es da“. Für den Titelsong hat man das schottische Traditional „The Skye Boat Song“ mit neuem Text versehen. Er drückt die Überraschung darüber aus, wie schnell jedes Jahr die Weihnachtszeit unsere Herzen füllt. Ein berührender Titel, der hauptsächlich von Wegners drei Töchtern gesanglich gestaltet wird. Den Folk-Charakter geben Tin Whistle und Bouzouki.
Es folgen vier Weihnachtstitel, die komplett aus Grünschnabels Feder stammen. „Der Weihnachtsmann hält keinen Winterschlaf“ gibt dem Weihnachtsmann eine brummige Stimme und sogar einen Namen. Die „Winterwald Party“ lässt alle Tiere des Waldes ihr Fest feiern. Das nordisch klingende „Winterschlaf“ präsentiert uns Burghardt Wegner und seine Frau Karin als Bärenpaar. Und ganz zum Schluss gibt es einen verträumten „Spaziergang mit dem Winter“ – schön instrumentiert mit Piano, Mandoline und Streichinstrumenten.
Die Lieder kommen bei Kindern vor allem deshalb gut an, weil Grünschnabel den Kleinen die Hauptrolle überlässt und sie gesanglich ihr Ding machen können. Der Background ist poppig angehaucht und die nötige Fröhlichkeit schlägt immer wieder offen durch. Schöne Songs für die ganze Familie, die schnell ins Ohr gehen.
1988 wurde Tracy Chapman durch ihren Auftritt beim Konzert zum 70. Geburtstag Nelson Mandelas international bekannt und schrieb mit ihrem extrem erfolgreichen selbst betitelten Debütalbum Musikgeschichte. Die neue Sammlung „Greatest Hits“ bringt zum ersten Mal all ihre Klassiker auf einem Album zusammen und referiert vier Jahrzehnte Chapmans außergewöhnlicher Karriere.
„Greatest Hits“ enthält Songs aus acht Bestseller-Alben in neu gemasterten Versionen und wurde von Chapman selbst zusammengestellt. Seit ihrem Debüt gelang es Tracy mit ihrer bloßen Stimme, ihren bewegenden Songs, ihrer intensiv strahlenden Seele und ihrem ausgeprägten Gespür für Authentizität ein großes Publikum auf der ganzen Welt zu fesseln. Die 18 Songs des Albums spiegeln größte innere und emotionale Beteiligung wider.
Tracy Chapman hat ein Werk geschaffen, das in seiner Aufrichtigkeit und Kompromisslosigkeit nachhaltig fasziniert. Eloquent und mit anhaltender Anziehungskraft erzählt sie in ihren Songs Geschichten, die gleichzeitig persönliche und allgemeingültige Bedeutung haben. Unbeeinflusst von Trends ist sie ihrem musikalischen Weg stets treu geblieben und verdiente sich bereits zu Beginn ihrer Karriere die Bewunderung durch Fans, Kritiker und Kollegen.
Aufgewachsen in Cleveland, Ohio, erhielt Tracy Chapman ein Stipendiat an der prestigeträchtigen Wooster School in Danbury, Connecticut, und besuchte im Anschluss die Tufts University, wo sie ihr Studium mit einem Bachelor Of Arts in Anthropologie abschloss – 2004 erhielt sie durch die Universität die Ehrendoktorwürde der Schönen Künste). Während ihres Studiums begann sie, in Coffee-Houses, Nachtclubs und als Straßenmusikerin am Harvard Square in Cambridge, Massachusetts, aufzutreten.
Die Tracklist der Compilation zieht sich bunt gemischt durch die gesamte Karriere. Die Songs der beiden Alben aus den 80er sind sehr gut vertreten, doch auch die folgenden Jahrzehnte kommen nicht zu kurz. Tracys betörende und zugleich energische Stimme funktioniert bis heute und kann viele Songs tragen. Das zeigt auch die aktuellste Aufnahme: eine Live-Interpretation von „Stand By Me“ in David Lettermans Show (2015). Mit ihrer warmen Stimme verleiht die Sängerin jedem ihrer Songs eine besondere, intime Atmosphäre. Ein Muss für alle Fans des Singer-Songwriter-Genres!
Die musikalische Vorgeschichte des Trans-Siberian Orchestra (im Folgenden kurz TSO genannt) ist sehr kurios. Das Projekt entstand im Umfeld der progressiven Metalband Savatage, der immer noch viele Fans hinterher trauern, seit sie sich 2007 endgültig auflöste. In den 90ern erschienen die großen, bombastischen Konzeptalben der Band. Das bewog die Plattenfirma dazu, Savatage ein Weihnachtsalbum anzubieten. Die Masterminds Jon Oliva, Paul O’Neill und Bob Kinkel fanden die Idee gut, hatten aber die Befürchtung, dass das Projekt beim Metal-Publikum nicht so gut ankommen würde. Man gab ihm also einen neuen Namen und zog es ganz groß auf: Sinfonieorchester, Musical-Darsteller als Sänger. Der Bombast nahm gigantische Formen an.
Der Name führte gerne mal dazu, dass Radio- und TV-Moderatoren das TSO im russischen Umfeld ansiedelten. In den USA war der Erfolg immens und es gab in der Winterzeit unzählige ausverkaufte Shows. Das Weihnachtskonzept spielt immer noch eine große Rolle, doch mittlerweile sind zudem thematisch unabhängige Konzeptalben wie „Beethoven‘s Last Night“ und „Night Castle“ erschienen. Was musikalisch zu erwarten ist, lässt obige Beschreibung schon erahnen: Ausufernde Klangteppiche, viele orchestrale Momente, episch erzählende Lyrics, klassische Elemente. Jedes Album bietet da einen netten Genre-Mix aus Rock und Klassik.
Nachdem das TSO beim diesjährigen Wacken Open Air Geschichte geschrieben hat, indem es als erste Band in der Geschichte des Festivals mit einer imposanten Show beide Hauptbühnen gleichzeitig bespielt hat, haben die Rock-Oper Visionäre nun ihr neues Album “Letters From The Labyrinth” veröffentlicht. In 15 Songs kommen 32 hochkarätige Musiker zum Einsatz – und dabei sind die Chöre noch nicht einmal mitgezählt! Und doch: Dank liebgewonnener Savatage-Recken wie Chris Caffery, Johnny Lee Middleton, Jon Oliva, Al Pitrelli oder Jeff Plate sind sie noch immer da, die schweren Riffs und wuchtigen Drums. Unter den illustren Gästen befindet sich auch Halestorms bezaubernde Lzzy Hale, deren Beitrag „Forget About The Blame” sich denn auch in den USA bereits in weit über 100 Radiostationen festgebissen hat.
„Letters From The Labyrinth“ bietet diesmal eher kürzere Stücke, davon vieles instrumental gehalten. Der epische Opener „Time & Distance“, dann eine lange Passage ohne Gesang. Ab „The Night Conceives“ gibt es die gewohnten bombastischen Gassenhauer mit harten Riffs, Musical-angehauchtem Gesang sowie herzhaften orchestralen und chorischen Momenten.
Inhaltlich widmet man sich Themen wie der Reise der Menschheit durch die Zeit, Mobbing („Not The Same“), Dem Fall der Berliner Mauer („Prometheus“) und den Kontroversen um weltweite Bankgeschäfte („Not Dead Yet“). Nach „Night Castle“ (2009) gab es nur eine EP und eine Best-of-Compilation. Also sechs harte Jahre des Wartens für die Fans. Das Ergebnis ist okay – aber irgendwie hat man nach der langen Pause mehr erwartet.
Leider ist noch kein drittes Album von Ed Sheeran, in Sicht. Doch er veröffentlicht zum Weihnachtsgeschäft sein zweites Werk „X“ in einer Neu-Edition, die so manchen Fan zufrieden stellen dürfte. Die „Wembley Edition“ enthält auf DVD den Konzertfilm „Jumpers For Goalposts Live At Wembley Stadium”. Der Singer / Songwriter, der schon längst von der Straßenecke in die großen Arenen umgezogen ist, gab hier drei umjubelte Konzerte, die für diesen Film zusammen gefasst wurden.
Die Mitschnitte wurden durchmischt mit Backstageaufnahmen, Interviews der Beteiligten (allen voran Ed himself) und einigen Hintergrund-Informationen. Das Ergebnis zeigt Sheeran als überaus sympathischen Künstler, der seine Bodenständigkeit keineswegs verloren hat, auch wenn er 80.000 Menschen in die Konzerte lockt. Musikalisch wird er bei zwei Songs von Sir Elton John unterstützt – auch eine Art Ritterschlag. Normalerweise mag ich ja lieber komplette Konzerte sehen als solches Gestückels, doch hier funktioniert der Kunstgriff ganz gut, den Menschen Ed Sheeran in seinem Tun und damit ganzheitlich zu zeigen.
Das Album an sich, welches sich ebenfalls im Digipack befindet, wurde bereits ausgiebig von uns reviewt. (Unsere Review Ed Sheeran X gibt es hier) findet ihr den Text. Zusätzlich enthält die „Wembley Edition“ gleich sechs Bonustracks. Der Remix von „Photograph“ wäre nicht nötig gewesen, doch die übrigen fünf Stücke – allen voran „I See Fire“ fügen sich schön ins Album und zeigen Sheeran von seiner besten Seite. Lohnt sich!
Hier findet ihr unsere Fotos von Nothing More, Skindred und Eskimo Callboy als Support von Five Finger Death Punch am 25.11.2015 in der Mitsubishi Electric Halle in Düsseldorf.