Jaqueline Zebisch war eigentlich schon ihr Leben lang in irgendeiner Form als Sängerin aktiv. 2009 trat sie erstmals unter ihrem neuen Künstlernamen Ella Endlich auf, und mit „Küss mich, halt mich, lieb mich“, ihrer Interpretation der berühmten Titelmelodie des Märchenfilms „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, gelang ihr der Durchbruch in den deutschen Schlagerhimmel. Dort hat sie sich immerhin so gut etabliert, dass sie mit ihrer aktuellen Single „Adrenalin“ als Teilnehmerin für den deutschen Vorentscheid zum ESC ausgewählt wurde.
Auf dem dazugehörigen Album „Träume auf Asphalt“ präsentiert sie moderne Pop-Schlager, die durchaus ganz oben mithalten können. Der spontane Kommentar meines Sohnes zum Opener „Spuren auf dem Mond“: Die hört sich an wie Helene Fischer! Stimmlich hat Ella Endlich tatsächlich genauso viel zu bieten wie die derzeitige Schlagerkönigin, musikalisch und inhaltlich hat sie auf diesem Album aber ihren eigenen Stil gefunden. Ihre Lieder handeln von Träumen und Visionen, sind aber gleichzeitig in der Realität verwurzelt – „Träume auf Asphalt“ eben.
Besonders Spaß machen dabei das von optimistischer Aufbruchsstimmung geprägte „Ein Traum, ein Koffer und Benzin“, „Autobahn“ mit seinem treibenden Beat oder das energiegeladene „Bist ein Feuerwerk“. Aber auch die ruhigeren Titel stehen Ella Endlich gut. In den Balladen „Ein goldener Käfig“ und „Wer Flügel hat“ kann sie ihre gesanglichen Fähigkeiten und ihre Emotionen perfekt entfalten. Mein persönlicher Lieblingssong ist allerdings das abschließende „Flieger aus Papier“, in dem auf zauberhafte Weise geschildert wird, wie das Leben eines alten Mannes durch seinen Enkel einen ganz neuen Sinn erhält.
Wer mit Schlagern generell nichts anfangen kann, den wird wohl auch Ella Endlich nicht bekehren. Aber mit „Träume auf Asphalt“ liefert sie ein überzeugendes Beispiel dafür ab, dass man sich auch in diesem Genre inhaltlich und musikalisch auf hohem Niveau bewegen kann.
Ein Konzert von Ray Wilson ist immer eine Reise wert. Das durfte ich gestern mal wieder feststellen, als ich mich aufmachte nach Offenbach-Hundheim, in der Nähe des pfälzischen Kusel. Was für eine Location! Die evangelische Kirche gilt als bedeutendstes kirchliches Baudenkmal in der Westpfalz. Was für ein Anblick (von außen) und was für eine Akustik (innen). Zunächst galt es mal, in den engen Gassen einen Parkplatz zu finden. Doch die fantastischen Veranstalter von Anderswelt Event hatten vorgesorgt und es gab Einweiserinnen, die jedem ein freies Fleckchen Erde zum Parken fanden.
Die Kirche war mit über 250 Zuschauern sehr gut besucht. Ray hatte sein Equipment vor dem Altar aufgebaut. Ein schönes Bild – und die Illumination des Altarraums machte klar, dass es ein ganz besonderer und sehr atmosphärischer Abend werden sollte. Den ersten Applaus gab es für Manuel Bücker, dessen Veranstaltungsfirma Anderswelt mit diesem Konzert ihr zehnjähriges Bestehen feierte. Ich kann gar nicht mehr nachzählen, wie viele Konzerte von Ray Wilson ich seitdem in der Region gesehen habe. Auf jeden Fall war es immer ein Genuss – egal ob mit Streichquartett, großer Band, Solo-Akustik oder kleiner Besetzung. Der Mann versteht es, die Leute zu begeistern.
Am 3. März sollte es eine Trio-Besetzung sein, was darauf schließen ließ, dass der Genesis-Part kürzer ausfällt als bei anderen Konzerten. Gut so – denn Ray hat einen riesigen Backkatalog an guten Soloalben. So startete er direkt mit dem Titel „Change“ und gab einen Eindruck davon, was an emotionalen Momenten im Lauf des Abends folgen sollte. So gab es auch neue Songs aus den beiden Alben, die im Lauf des Jahres 2016 erscheinen sollen (eines akustisch, eines in voller Bandbesetzung). Ray versteht es, Geschichten zu erzählen. So handelt ein neuer Song von einer Bar in Amsterdam, die nur ein einziges Buch im Regal stehen hat. Dieses erzählt die Lebensgeschichte des Protagonisten. Klasse erzählt – hervorragend umgesetzt. Der Titel „How Long Is Too Long“ hingegen funktioniert als Popballade, die Ray mit Tenorstimme interpretiert. Sehr ungewöhnlich für sein Repertoire.
Doch natürlich gab es auch einige Titel aus dem Genesis-Background. Direkt als zweiten Song „Follow You, Follow Me“, später dann „No Son Of Mine“ und „Carpet Crawlers“. Bis zur Pause hatte Ray einige bekannte Titel und einige Überraschungen gebracht. Ungewöhnlich fand ich beispielsweise „Walking In Memphis“. Das zeigt doch, dass die Akustik-Shows Ray dazu bewegen können, gewohnte Pfade zu verlassen. Ein Spitzentitel. Zum Ende der ersten Hälfte gab es „Comfortably Numb“. Die Pink Floyd Titel funktionieren immer dann, wenn Ali Ferguson mit an Bord ist. Dessen hohe Stimmlage hamoniert perfekt mit dem Bariton von Ray. Und Alis Gitarrenspiel lässt Kenner ohnehin schwelgen.
Der zweite Teil sah zunächst wieder eine Reihe von Solotiteln vor. „Tale From A Small Town“ gehört zu meinen Favoriten. Wenn Ray aus dem Leben erzählt, kann ich im stundenlang zuhören. Dann durften wir uns über Rays Stiltskin-Nummer 1-Hit „Inside“ freuen, den manche Menschen nur aus der Jeanswerbung kennen. Ja, auch das ist Ray Wilson. Im Coverbereich gab es „Wish You Were Here“ und Peter Gabriels „Solsbury Hill“. Eines meiner Lieblingslieder – auch und gerade dann, wenn es von Ray Wilson gesungen wird.
Den Zugabenblock bestritt Ray mit zwei Titeln von Phil Collins. Eigentlich schade, denn damit stellt er sein Licht doch unter den Scheffel. Er könnte sich ruhig trauen, eigene Titel wie „The Actor“ zum Besten zu geben. Aber egal, „In The Air Tonight“ war ganz hervorragend, zumal Ray ganz alleine am Altar stand und sich selbst mit Gitarre begleitete. Erst für „Another Day In Paradise“ kamen die Mitstreiter wieder dazu. Ein Kompliment wie immer an Anderswelt für die perfekte Organisation. Diese Leute sind ein Segen für die Kulturszene der Westpfalz. Wer ganz kurzfristig noch mit dabei sein möchte: Heute (am 4. März 2016) spielt Ray in der Stadthalle Birkenfeld, am Sonntag (6. März) im Salong Schleppi, Schönenberg-Kübelberg. Genesis-Shows darf man dann für 18. März in Landau und für 19. März 2016 in Haltern erwarten.
Madeline Juno ist gerade mal zwanzig Jahre alt und stammt aus Deutschland. Genauer gesagt aus Offenburg am Rande des Schwarzwalds. Warum man das erwähnen muss? Weil ihre Musik so sehr nach britischem Songwriter-Pop klingt, dass man sich da nochmal vergewissern muss. Zumindest bis man die Bonustracks des zweiten Albums „Salvation“ hört. Hier singt sie nämlich zwei Titel in deutscher Sprache und klingt plötzlich so anders. Noch emotionaler, noch introvertierter als dies schon bei ihren englischsprachigen Songs der Fall ist.
Mit Singles wie „Error“, das als Titelsong des Kinohits „Fack ju Goethe“ begeisterte und dem dazugehörigen Video, das über zwei Millionen Mal geklickt wurde, war Madeline Junos Debütalbum „The Unknown“ im Jahr 2014 ein voller Erfolg. Egal ob allein und beschaulich mit Akustikgitarre oder in groß arrangierten Songs – die junge Künstlerin wusste zu bestehen und legte einen beachtlichen Erstling vor.
„Salvation“ zeigt Madeline Juno noch selbstbewusster und erwachsener. Sie ist eine hervorragende Geschichtenerzählerin und geht unbeirrt ihren Weg. Poppige Balladen mit emotionaler Tiefe bestimmen das ganze Album. „Stupid Girl“ als kleiner Ausflug in tanzbare Gefilde passt da trotzdem ganz gut mit rein, weil hier nichts verkrampft wirkt. Madeline singt drauf los und bestimmt die Richtung von Ton zu Ton selbst. Ihre hohe Stimme erinnert an Ellie Goulding, doch inhaltlich ist Juno viel stärker.
Im Vergleich zum Debüt nimmt die Elektronik breiteren Raum ein. Das mag für den internationalen Markt ganz gut sein. Trotzdem bleibt Madeline Juno Singer/Songwriterin und gibt jedem Track den typischen akustischen Touch mit, auch wenn die Produktionen größer ausfallen. Der Titeltrack „Salvation“, der ruhige Opener „Into The Night“ oder das abwechslungsreiche „No Words“ sind ganz großes Kino. Zum Ende hin scheinen die Ideen etwas ausgegangen zu sein. Alles klingt ziemlich ähnlich und orientiert sich an Vorbildern wie Taylor Swift. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau. Vor allem mit den beiden deutschen Titeln macht Madeline Juno ihr Zweitwerk zum Ausnahmealbum. Davon würde ich gern mehr hören!
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Die drei Musketiere also – ein interessantes neues Konzept. Vergleiche mit Santiano drängen sich unweigerlich auf. Die Idee ist aber auch sehr ähnlich: Rockige, folkige Lieder in deutscher Sprache, mit sonoren Männerstimmen vorgetragen. Das Konzept in einer Mischung aus mittelalterlichen, rauen Klängen und pathetischem Heldenepos halten die drei Sänger bis zum Schluss durch.
Die Titel basieren zum Teil auf Traditionals aus dem Mittelalter oder französischen Klassikern wie „Douce Dame Jolie“ und „Tourdion“. Diesen hat man einen modernen Folkrock-Touch gegeben und es sind vor allem die Stimmen von Ben Metzler, Felix Fischer und Tim Bernard, die das Album tragen. Es kommen zwar auch Folkinstrumente wie Dudelsack, Tin Whistle, Mandoline und Irish Bouzouki zum Einsatz, doch gehen diese im Rocksound oft unter.
Thematisch dreht sich alles um Zusammenhalt und ritterliche Tugenden. Damit fungieren die Titel ebenso als Träger des Konzepts, wie es bei Santiano das Fernweh und die unendlichen Weiten des Meeres tun. Ruhm und Ehre werden bei den Musketieren durch den Kampf für Gerechtigkeit und die unerschütterliche Treue zu den Kameraden ergänzt. Historisches Vorbild dürfte der berühmte d’Artagnan aus Maastricht sein, der Alexandre Dumas zu seiner Romanreihe „Die drei Musketiere“ inspirierte.
Man darf nicht den ausgefeilten Mittelalter-Rock von In Extremo oder Saltatio Mortis erwarten, der vor allem auf der virtuosen Verwendung ausgefallener Instrumente beruht. dArtagnan machen ihr eigenes Ding und stützen sich auf eine Rockband mit E-Gitarren, Schlagzeug und Keyboards. Vor allem Meister Philipp Groth als Sound-Mensch macht dabei einen klasse Job. Wer auf die Musik von Santiano steht, wird sicher auch an dArtagnan Gefallen finden. Davon bin ich überzeugt.
Jack Garrat ist ein Name, von dem man in Zukunft vermutlich noch viel hören wird. Geboren wurde er in Little Chalfont, einem kleinen Dorf im englischen Buckinghamshire. Jack Garratt wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf und lernte schon früh, diverse Musikinstrumente zu spielen. Nach seinen EPs „Remnants“ (2014) und „Synesthesiac“ (2015) folgt nun das Debüt-Album „Phase“, welches am 19. Februar 2016 erschien.
Ganz aktuell hat Garrat den „BRITs Critic’s Choice Award” gewonnen und wurde „Introducing Artist of The Year”. Als Gewinner des BBC Sound Of 2016 steht Jack Garratt auf einer Liste mit Preisträgern wie Adele, Sam Smith und Ellie Goulding. Die musikalische Ausrichtung ist allerdings eine ganz andere.
Vor allem die ersten Albumsongs zeigen noch, dass Garrats Songwriting von der Akustik-Gitarre geprägt ist. Er vermischt dies jedoch von Beginn an mit basslastigen elektronischen Sounds und klingt damit bisweilen so dynamisch und kraftvoll wie Alex Clare. Die Mischung aus Soulstimme und dröhnenden Beats lässt aufhorchen und gibt dem Album den Geist mit, der es aus der Masse heraus hebt.
Jack Garrats Gesang ist poppig, seine Stimme packend und bisweilen von rauem Blues geprägt. Er liefert stets eine mitreißende Melodielinie mit Ohrwurm-Charakter, die dann aber von Dubstep-Elementen überlagert und gegen den Strich gebürstet wird. Die elektronischen Parts sind dabei gar nicht so dominant – vielmehr werden sie gezielt eingesetzt und in ein vielfältiges Rhythmusgerüst mit wummernden Bässen eingeflochten. Das funktioniert mit Kopfhörer auf den Ohren, im Auto oder aus dicken Boxen – weniger aber als Hintergrundunterhaltung.
Zwei musikalische Einflüsse dabei waren Frank Ocean und Jack White. Dazu sagt Garratt selbst: „Ich würde sogar sagen, dass ‘Blunderbuss’ und ‘Channel Orange’ die beiden Hauptgründe dafür sind, dass meine Musik heute so klingt: Ich stand einfach total auf diese unbehandelten Riffs, diesen Blues-Nachdruck von Jack White, aber genauso stand ich auch voll auf die Arrangements von Frank Oceans ‘Channel Orange’. Und warum sollten sich diese Welten bitte nicht miteinander kombinieren lassen?.“
Die Kombination aus Songwriter-Musik und Electronica finde ich zu Beginn sehr stark. Gerade in der zweiten Albumhälfte nehmen die elektronischen Beats aber überhand. Hiermit muss man sich anfreunden, wenn man eigentlich den starken Gesang mag, der nun so sehr in den Hintergrund tritt. Zumindest die Bassboxen freuen sich. „Phase“ ist ein spannendes Werk, das die besten Elemente aus organischer Musik und elektronischer Unterstützung miteinander verbindet. Mehr davon!
Ida Gard stammt aus Dänemark. Mal wieder eine skandinavische Sängerin, die sich einreiht in diese illustre Riege aus Namen wie Maria Mena, Marit Larsen oder Tina Dico. Auch ihr drittes Album bietet niveauvollen Songwriter-Pop. Mit der Veröffentlichung ihrer ersten beiden hochgelobten Alben „Knees, Feet & The Parts We Don’t Speak Of“ und „Doors” hat Ida Gard bewiesen, dass die innovative und vielseitige Musikszene in Dänemark wieder einmal ein besonderes Juwel hervorgebracht hat.
Ida folgt den Erfolgspfaden von Stars wie MØ, Lukas Graham oder Oh Land, hinterlässt aber dabei ihre eigenen Fußspuren. Ihr drittes Album „Womb“ ist inspiriert vom schwedischen Erfolgsroman „Populärmusik aus Vittula“ des Autors Mikael Niemi. Womb steht für Uterus oder Mutterleib. Ida erklärt: „Das ist der Platz auf der Welt, den alle Menschen kennen, unabhängig davon, wo sie leben oder aufgewachsen sind. Außerdem klingt es wie ‚wroooom!‘ oder ‚boom!‘. In beidem schwingt sowohl emotionale als auch physische Energie mit.“
Ida Gard ist immer dann besonders stark, wenn sie von persönlichen Erfahrungen singt. Niemis Buch handelt vom Aufwachsen in der Provinz. Darin konnte sie ihre eigene Geschichte finden. Musik bedeutet Freiheit, wenn die Umgebung enge Grenzen setzt. Die Texte schwanken zwischen Optimismus und stilvoller Aggressivität. Idas Stimme ist extrem stark und sie brilliert in unterschiedlichsten Tonlagen.
Musikalisch führt die Reise von Rock’n’Roll („The Heat“) über akustische Perlen („On The Floor“) bis hin zum a cappella vorgetragenen Titel „He Spoke To Me“. Als bekennender Fan einer Stimme ohne Instrumente ist gerade letztgenannter Song ein absolutes Highlight für mich. Der Mittelteil des Albums wird eingerahmt vom zweiteiligen, sehr progressiven Popsong „Vittula“. Mal leise – mal laut. Ida Gard überrascht mit Vielfalt und einer philosophischen Ausrichtung. Popmusik, die zum Nachdenken anregt.
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Die Reihe der erweiterten Phil Collins-Neuauflagen wird mit „Dance Into The Light“ und „Hello, I Must Be Going!“ fortgesetzt. Also auch diesmal wieder: Ein Album aus den 80ern, eins aus der neueren Phase („Dance Into The Light“ erschien 1996).
Dass Phil Collins sich zu einem solchen Multitalent entwickeln würde, konnte zu seinen Zeiten als Genesis-Schlagzeuger in den 70ern keiner ahnen. Als er jedoch das stimmliche Zepter übernahm, und den verkopften britischen Jazz-Prog durch massenkompatible Pop-Anleihen ersetzte, war in Sachen Erfolg kein Halten mehr. Genesis waren nicht mehr nur die Künstler, die ein elitäres europäisches Publikum begeisterten. Mit Phil am Mikro begann der weltweite Höhenflug, der vor allem in den USA zu immensem Erfolg führte.
Seit Anfang der 80er beweist Phil Collins, dass diese Masche auch solo funktioniert. Acht Alben mit Verkaufszahlen von über 100 Millionen Exemplaren, darunter eine Legion von Chart-Spitzenplätzen in den unterschiedlichsten Ländern. Er war als Produzent und Gastmusiker aktiv, schrieb Filmmusik, das Musical „Tarzan“ und machte in kleinerem Rahmen gar als Schauspieler von sich reden.
Während im Rahmen der derzeitigen Promo-Interviews wie gewohnt Gerüchte von einer Genesis-Reunion die Runde machen, dürfen wir uns also an zwei neuen Re-Releases erfreuen. Ich beginne mal mit „Hello, It Must Be Going!“. Die überragende Single stammt nicht aus seiner Feder, sondern ist eine Coverversion des Supremes-Klassikers „You Can’t Hurry Love“. In der Regel wird nur Phils Version im Radio gespielt. Mission erfüllt. Die weiteren Tracks beschäftigen sich inhaltlich mit der Trennung von seiner ersten Frau. Musikalisch gibt es neben den üblichen Pop-Anleihen auch Modern Jazz („The West Side“) und mit „I Don’t Care Anymore“ sowie „Thru Theses Walls“ zwei sehr düstere Songs.
Die Bonustracks auf CD 2 enthalten fast das komplette Album in Live-Versionen von unterschiedlichen Konzerten. Hinzu gesellen sich zwei Demo-Versionen: „Don’t Let Him Steal Your Heart Away“ und „Oddball“, wobei letzteres kein unbekannter Song ist, sondern als „Do You Know, Do You Care“ auf dem Album landete. Im Booklet macht Phil seine üblichen Anmerkungen zur Song-Auswahl. Also insgesamt eine runde Sache.
Mit „Dance Into The Light“ hatte ich bei Erscheinen riesige Schwierigkeiten. Der Bigband-Sound des (sehr erfolgreichen) Titelstücks und die weltmusikalische Gesamtausrichtung lieferten nicht den Phil Collins, den ich hören wollte. Vermutlich war es aber nötig, den Wohlfühl-Balladen den Rücken zuzukehren, um nicht im ewigen Einheitsbrei zu verkümmern. So wurde das Album letztlich zum Uptempo-Befreiungsschlag und funktioniert als Tanzalbum immer noch sehr gut.
Die Begleit-CD besteht aus Liveaufnahmen, Demos und B-Seiten. Interessant ist vor allem die fulminante Liveversion von „Dance Into The Light“, die bisher unveröffentlicht war. Hervorragend klingt auch das abschließende Live-Doppel „River So Wide“ und „Take Me Down“. Dann geht es mit „Lorenzo“ und „That’s What You Said“ als Demos weiter. Ein gelungener Abschluss sind die drei B-Seiten, die man heutzutage nur selten offiziell findet. „Another Time“ erschien gar nur auf dem Toyota Promo Sampler „You Ough To Know“. Dieser war auf der 1997er Tour erhältlich, bei der Toyota als Hauptsponsor auftrat.
Die Aufmachung der Digipacks ist sehr wertig und die 8er-Box nun zur Hälfte gefüllt. Sehr schön! Die Cover-Fotos hat Phil den originalen Alben nachempfunden, aber ganz neu aufgenommen. Da macht es doch riesigen Spaß, die Dance-Moves des 65jährigen für „Dance Into The Light“ nachzuempfinden.
Von Brücken ist die neue Band des ehemaligen Jupiter Jones Frontmanns Nicholas Müller. Dieser musste 2014 aufgrund einer Angststörung bei Jupiter Jones aussteigen und sich eine längere Genesungsphase gönnen. Zum Glück währte die Bühnenabstinenz nicht lange. Gemeinsam mit dem langjährigen Mitstreiter Tobias Schmitz konnte Nicholas schon 2015 ein neues Projekt ins Leben rufen: Von Brücken. Das erste Album erschien am 30. Oktober und wurde vom Kollegen Thomas Kröll reviewt. Hier findet ihr unsere Review zum Album „Weit weg von fertig“. Gut einen Monat später trat die Band in großer Besetzung in der Kölner Kulturkirche auf. Ein Konzert, das vom WDR Rockpalast übertragen wurde – also ein Ritterschlag ganz besonderer Art für eine neu gegründete Band. Hier findet ihr unseren Konzertbericht „Wenn Musik die Seele berührt“.
Jetzt sind Von Brücken auf großer Deutschland-Tour und machten vergangenen Dienstag auch Station in der Garage Saarbrücken. Nicholas Müller und Tobias Schmitz nahmen sich 40 gemütliche Minuten Zeit für unseren Redakteur Andreas Weist. Wir konnten sie also mit allen Fragen löchern, die uns auf dem Herzen lagen. In entspannter Atmosphäre gab es zwei Stunden vor Konzertbeginn den berühmten Rundumschlag und die beiden sympathischen Künstler standen uns Rede und Antwort. Die erste Frage nach dem Bandnamen haben die beiden anscheinend schon so oft gehört, dass es ein Schnick-Schnack-Schnuck gab, wer denn jetzt antworten darf oder muss. Sei’s drum – wir wollen die Antwort trotzdem wissen.
Wie kamt ihr auf den Bandnamen Von Brücken und was bedeutet er für euch?
Tobias: Die Bandnamenfindung war ein ziemlich langer Prozess. Die Platte war schon fertig, es gab einen Albumtitel, aber keinen Bandnamen. Nach einigen Fehlversuchen wie „Müller & Schmitz“ haben wir uns erst einmal entschieden ein Bild zu suchen für das, was wir tun. Das ist „Brücken“, weil Brücken bauen eine schöne Sache ist. Es verbindet Dinge miteinander, Menschen, unsere Musik – eine Verbindung aus verschiedensten Sachen. Das alleine als Bandname war uns nicht griffig genug, dann hat Nicholas noch „Von Brücken“ daraus gemacht. Das gefiel uns direkt sehr gut. Es gibt so viele Bands mit „The“, wir fangen jetzt die „Von“-Bands an. Hat so was Adliges.
Ihr wart zu Beginn ein Projekt aus zwei Leuten – Nicholas Müller und Tobias Schmitz. Nun steht ihr zu acht auf der Bühne. Seht ihr euch als Einheit?
Nicholas: Total. Tatsächlich ist es so, dass wir mit den Leuten, die auf der Bühne stehen, die Platte aufgenommen haben. Also auch wenn Tobi der Songwriter ist und wir beiden die Entscheider sind, haben alle unheimlich viel Einfluss gehabt. Wir sehen uns als Kollektiv. Alle bis auf Roda und Carsten sind reine Berufsmusiker und in vielen vielen Projekten aktiv. Man merkt aber auch, wie viel Liebe sie in Von Brücken investieren und dementsprechend gibt es ein totales Bandgefühl. Wir beide sind die GbR, um es in der Wirtschaftsform auszudrücken. Wir entscheiden, aber jeder darf, soll und muss seinen Senf dazu geben. Sonst klingt das nicht so, wie es jetzt klingt.
Du bist bei Jupiter Jones wegen einer Angststörung ausgestiegen. Was hat dich dazu bewegt, Von Brücken zu gründen? War das Bedürfnis, Musik zu machen, letztendlich doch größer als die Angst, auf der Bühne zu stehen?
Nicholas: Das Bedürfnis, Musik zu machen, war immer riesig. Das Problem ist, wenn die Angst anfängt, dir im Weg zu stehen. Und das war halt bei Jupiter Jones der Fall. Ich habe während der Jupiter Jones Zeit zwei Aufenthalte in einer ganz tollen Klinik verbracht. Das waren insgesamt zehn Wochen und nach jedem Aufenthalt ging es mir besser. Ich bin dann auch immer gleich wieder auf die Bühne gegangen. Aber nach dem finalen Zusammenbruch war klar, dass ich mir Zeit nehmen muss, um wieder auf die Beine zu kommen. Die Musik war nie das Problem – und auch Jupiter Jones war nie wirklich das Problem. Es war einfach der Mangel an Zeit. Und deshalb sagte ich: Von hier an auf unbestimmte Zeit Pause. Irgendwas muss ich mir einfallen lassen. Wir werden sehen, ob es wieder Musik ist. Dann hat sich schon relativ bald heraus gestellt, dass es Musik sein soll. Aber bis es los ging, ist tatsächlich ein Jahr vergangen. Zurück zu Jupiter Jones war aber keine Option.
Wie hat die Band auf deinen Ausstieg reagiert?
Nicholas: Ich brauchte Zeit. Ich kann nicht zu drei vier anderen Leuten sagen: Beschäftigt euch derweil still. Sucht euch ein anderes Hobby. Ich bin auf unbestimmte Zeit weg und dann machen wir weiter. Vor allen Dingen hat es manchmal einen seelenreinigenden Effekt, wenn man einen Schlussstrich zieht. Wir waren alle durch. Und das lag an der Tatsache meiner Erkrankung, weil ich nicht so konnte wie ich wollte. Und deshalb konnten auch alle anderen nicht so, wie sie wollten. Da reibt man sich so aneinander auf, dass es gar nicht schlecht ist, einen Strich drunter zu ziehen. Ihr macht weiter, ich schaue mal, was passiert. Und dann ist Von Brücken passiert.
Von Brücken ist eine neue Band. Auf den ersten Blick wissen die Leute vielleicht nicht, wer da singt. Macht das nervös?
Nicholas: Eigentlich nicht. Vielmehr ist es so, dass viele Leute auf der Facebook-Seite schreiben: Ach wie schön, da bist du ja wieder. Und das Album ist schon seit vier Monaten raus. Wir haben unsere dritte Single heraus gebracht. Es wurde lange im Voraus angekündigt, aber viele kommen jetzt erst auf den Trichter und haben es erst gecheckt, als es im Radio lief. Wir erheben ja keine Umfragen: Wer ist denn hier auch Jupiter Jones Fan? Ist aber am Ende auch völlig schnurz, solange wir als Von Brücken wahr genommen werden und nicht als die neue Band vom alten Jupiter Jones Frontmann. Für immer und ewig. Natürlich hat es uns gut getan und wir haben Aufmerksamkeit dadurch gewonnen. Fakt ist aber, dass Tobi und ich Musik machen und deswegen soll der Fokus gar nicht so sehr auf mir liegen. Das ist eine völlig gleichberechtigte Angelegenheit.
Geht ihr bewusst in eine ganz andere musikalische Richtung?
Nicholas: Das ist immer so eine Sache mit den Vergleichen. Kürzlich habe ich etwas gelesen, da hat jemand BAP mit Stoppok verglichen. Das ist völliger Unsinn. Und den Vergleich macht man nur, weil beide deutschsprachig singen. So etwas passiert immer nur dann, wenn man deutschsprachige Musik macht. Ich bin immer mit Marcus Wiebusch von Kettcar verglichen worden, den ich sehr verehre. Aber ich schreibe weder Texte wie er, noch singe ich wie er. Wir haben total unterschiedliche Stile, aber wir machen beide deutschsprachig, also werden wir miteinander verglichen.
Viele haben ohnehin eine falsche Vorstellung von Jupiter Jones, da sie nur „Still“ kennen.
Nicholas: Das hat man oft auf den Jupiter Jones Konzerten gemerkt. Viele haben seltsam geschaut, weil es plötzlich gescheppert hat. Dabei ist ja auch „Still“ kein wirklich poppiger Song.
Tobias: Es hat auch noch keiner auf den Konzerten nach „Still“ gerufen oder später geschrieben: Ach, hättet ihr das noch gespielt. Eigentlich verwunderlich. Ich habe vorher damit gerechnet, dass zumindest irgendwer damit um die Ecke kommt.
Als ich euer Rockpalast Konzert im TV gesehen habe, musste ich an Gregor Meyle denken. Einmal, weil ihr als Bühnenkollektiv in eine ähnliche Richtung geht. Aber musikalisch geht er den umgekehrten Weg: Spielt jetzt plötzlich vor Tausenden Leuten und versucht doch, das heimelige Wesen seiner Clubkonzerte beizubehalten. Könnt ihr das nachempfinden?
Nicholas: Also das Bedürfnis auf jeden Fall, seine Komfortzone mit auf die Bühne zu nehmen. Gregor macht ja schon seit anno tubac Musik. Vielleicht ist es einfach eine Gewohnheitsfrage. Auch bei uns wird es beides geben. Die Garage ist als Club schon sehr gut besucht. Da beschweren wir uns gar nicht. Aber es kommen im Sommer auch einige große Festivals.
Tobias: Bei der vorhandenen Bühnengröße mit acht Musikern um die Ecke zu kommen. ist ja schon groß gedacht. Bei Konzerten spielt es eine große Rolle, dass man versucht, Distanz zu den Leuten abzubauen. In den Texten ist so viel Tiefgründies vorhanden, dass man nicht noch während der Ansagen einen auf Philosoph machen muss.
Nicholas: Man muss den Menschen auch nicht immer die Welt erklären. Die sich drum scheren, die suchen schon selber nach einer Antwort. Das hat jetzt nichts mit Gregor zu tun. Er ist ein sehr geschätzter Kollege. Ich finde uns musikalisch aber ähnlicher mit Arcade Fire oder Elbow. Vermutlich ist das eine sehr subjektive Wahrnehmung, weil das die Dinge sind, an denen wir uns entlang hangeln.
Tobias: Was wir gemeinsam haben: Gregor hat Topmusiker auf der Bühne, von denen ich auch einige kenne. Wir versuchen beide, mit einer guten Band live zu überzeugen.
Fallen dir die Konzerte jetzt leichter mit dem neuen Konzept, wieder in kleineren Clubs? Und ohne den Druck einer erfolgreichen Single im Rücken?
Nicholas: Ach das war ja eigentlich gar kein Druck. Als es so kam, war es eher ein Segen. Wir hatten schon lange Musik gemacht und waren eigentlich an dem Punkt, an dem wir sagen muss: Entweder jetzt klappt’s oder wir müssen die ganze Sache kleiner fahren. Vielleicht sogar ganz sein lassen. Deshalb nehme ich „Still“ als unheimlichen Segen wahr. Was jetzt an Druck weg ist, habe ich mir selbst erarbeitet. Ich mache mir nicht mehr so viel Druck, dieser Frontmann zu sein. Ich gehe auf die Bühne und mache das, von dem ich weiß, dass ich’s kann. Singen – und ab und zu eine Ansage machen. Was darüber hinaus geht, lasse ich einfach weg. Ich habe aufgehört, zu Animieren. Dafür bin ich nicht der Typ. Sven, der neue Frontmann von Jupiter Jones, macht das super. Er ist aber auch eine Rampensau. Er ist dafür geboren.
Hast du schon eine Show mit ihm gesehen?
Nicholas: Nein, es kam einfach noch nicht dazu. Daher weiß ich auch nicht, ob er zwischendrin Geschichten erzählt. Das ist eher meine Art. Ich bin nicht der Typ für die große Geste. Ich singe, unterhalte mich mit den Leuten, mache Quatsch mit der Band und dann wieder Musik. Mein Körper ist nicht gebaut zum Tanzen. Du kannst auch nicht einen Bagger über eine Reihe Luftballons fahren lassen, ohne dass einer platzt. Der dicke Junge versucht zu tanzen und plötzlich sind die Fotografen im Graben ohnmächtig.
Hat sich das Publikum verändert?
Tobias: Zumindest im Vergleich dazu, wie es zuletzt bei Jupiter Jones war. Überwiegend kommen jetzt ältere Leute. Also es sind keine Teenager mehr dabei. Und es ist bisher ein sehr wohlwollendes Publikum. Wir haben ja erst zehn Konzerte gespielt. Die wissen, dass man auch mal zuhören kann und ein Konzert sich nicht dadurch auszeichnet, wie oft man die Hände in der Luft hat.
Nicholas: Es hat sich eine Kultur entwickelt, bei der die Menschen total überanimiert werden. Es gibt Bands, da bin ich echt überfordert, wenn ich mir das anschaue. Ich bin der festen Überzeugung, dass man das nicht tun muss. Wir haben nicht eine Stelle im Set, wo jemand ruft: Jetzt müssen alle mal klatschen. Es reicht die kleinste Bewegung, um die Leute zum Klatschen zu bringen. So konditioniert sind manche Konzertgänger. Es gibt da einen Song mit einem Klatschpart. Da mache ich eine kleine Bewegung mit dem Daumen auf der Gitarre und die Leute machen alle mit. Das Zuhören ist etwas verloren gegangen. Bei uns wird aber wenig getanzt und viel zugehört. Es ist unheimlich still zwischen den Songs – und das finde ich total geil.
Tobias: Wir sind alle so Fans von uns gegenseitig. Du genießt das Konzert und denkst: Ist schon echt geil. *lacht*
Was dürfen wir vom Konzert erwarten? Nur eigene Songs? Cover?
Tobias: Also grundsätzlich sind wir eine Band, die eigene Songs spielt. Aber auch ein paar Coverversionen. Wir wollen der Welt vorspielen, was wir toll finden und wo unsere Gedankenwelt so her kommt. Aber das wird in Zukunft nicht erweitert werden. Im Gegenteil. Im Moment ist das der Tatsache geschuldet, dass wir erst ein Album haben.
Und die Idee, mal einen Song von Jupiter Jones zu spielen, habt ihr nicht?
Nicholas: Es gibt ja Jupiter Jones noch. Wir müssen keinen Tribute machen für eine Band, die es noch gibt. Wer Jupiter Jones Songs hören will, der soll zu einem Jupiter Jones Konzert gehen. Wer Von Brücken Songs hören will, der kommt zu uns. Ich habe meine Songs in Frieden abgegeben und dem Sven in gute Hände gegeben. Das soll jetzt nicht negativ klingen, aber wir haben es auch gar nicht nötig. Wir haben selber genug gute Musik. Wir werden heute Abend mit 2,5 Stunden von der Bühne gehen. Wir haben ja auch Pläne für die Zukunft und wollen in zehn Jahren noch Musik machen. Wenn wir jetzt schon anfangen, Cover meiner alten Band zu spielen, dann wäre das ein Zugeständnis: Irgendwie sind wir nicht so ganz da.
Tobias: Man muss mit Anfang 30 noch kein Erbe verwalten. Das braucht kein Mensch. Wir können ganz lange noch neue Sachen schreiben.
Dass der erste richtige Auftritt einer Band vom Rockpalast übertragen wird, ist auch nicht alltäglich. Wie kam es dazu?
Tobias: Wir haben einen sehr guten Manager. Das erste Konzert beim Rockpalast. Da haben wir uns weit aus dem Fenster gelehnt. Aber wir waren uns alle einig. Wenn wir Angst gehabt hätten, dass es völlig in die Hose geht, hätten wir es nicht gemacht.
Nicholas: Peter Sommer und sein Team vom Rockpalast. Die haben natürlich auch zu kämpfen. Aber eigentlich machen die nur, worauf sie auch wirklich Bock haben. Und so war es schon ein ziemlicher Ritterschlag. Mit Ü-Wagen, so vielen Kameras. Mir ist schon dezent schlecht geworden. Man hätte es nur noch durch eine Liveübertragung toppen können. Dann wäre ich wohl schreiend weg gelaufen. Aber es war wunderschön. Eine sehr große Ehre.
Tobias: In Wien ist es nicht so gut gelaufen. Wir haben zu wenig Karten verkauft und müssten jetzt eigentlich absagen. Aber wir fahren trotzdem hin. Ausnahmsweise nur zu zweit. Und geben ein Konzert in Duo-Besetzung. Das soll aber nicht die Regel werden. Es hat rein finanzielle Gründe.
Nicholas: Es ist eine Frage des Respekts. Die Leute haben Karten gekauft und wollen uns sehen. Also fahren wir hin. Aber wir sagen: Gebt eure Karten zurück. Das Konzert ist kostenlos. Bringt eure Freunde mit und lasst uns einen schönen Abend verbringen. Und dann war es überraschend, dass du echt gelobt wirst, weil du die Wahrheit sprichst. Wir hätten ja auch sagen können, der Keyboarder hat sich ein Bein gebrochen oder so was.
Tobias: Für uns ist es das Normalste der Welt, die Wahrheit zu sagen. Solche Reaktionen zeigen aber auch, dass die Leute das Gefühl haben, oft genug beschissen zu werden.
Ich habe dein Buch „Kühe schubsen“ gelesen, Nicholas. Vermisst du die Eifel?
Nicholas: Die Eifel als solche vermisse ich nicht. Aber ich hatte eine tolle Jugend. Meine Familie väterlicherseits wohnt noch dort. Tobi wohnt dort. Ich habe viele Freunde in der Eifel. Alle Sachen, die man zum ersten Mal macht, habe ich in der Eifel gemacht. Ich verbinde da unheimlich viel mit. Ich möchte nicht mehr dort leben, aber das ist eine total subjektive Entscheidung. Mir mangelt es an Sachen, die ich gerne hätte, aber in der Eifel nicht finde. Das ist keine menschliche Frage, sondern eine Ressourcenfrage. Es könnte viel mehr Kultur dort laufen. Da gibt es so unendlich viel Platz, Zeit und Talent. Die Leute hängen am Wochenende auf den immer gleichen Veranstaltungen rum. Wer etwas macht, macht das mit Inbrunst, Herz und Liebe, aber mit einer ganz kleinen Basis. Alles, was ambitioniert ist, ist nach zwei Jahren wieder weg. Das finde ich schade.
Wie ist das eigentlich für dich, Tobias? Du standest so lange als Mann im Hintergrund. Jetzt spielst du deine eigenen Songs und bist tragendes Element der Band. Wie fühlst du dich jetzt, wo die Leute kommen, um deine Musik zu hören?
Tobias: Das ist genau das, wo ich schon lange hin wollte. Mir fehlte, bei allem was ich gemacht habe, das musikalische Zuhause. Das ist jetzt mein Ding. Erfolg hin oder her. Es ist schön, etwas zu haben, das meine Handschrift trägt. Und es ist schön, die Reaktionen darauf zu bekommen.
Vielen Dank, dass ihr euch so viel Zeit genommen habt. Wir freuen uns sehr auf das Konzert.
Ein herzliches Dankeschön geht an Melina von Sparta Booking und an den Tourmanager Böde. Alle Fotos stammen von Simon Engelbert.
Von der großen Bühne hat sich der Kinderliedermacher Rolf Zuckowski schon länger verabschiedet und widmet sich auf anderen Wegen der musikalischen Förderung des Nachwuchses. Seine Lieder bringt er aber weiterhin erfolgreich unters Volk, indem er sie beispielsweise auf thematisch sortierten Alben neu veröffentlicht. Waren zuletzt CDs für alle vier Jahreszeiten im Angebot, widmet er sich mit „Bei uns in der Kita“ nun speziell der Zielgruppe der Erzieherinnen und Kindergartenkinder. Aktuell erscheint der erste Teil der Sammlung mit 22 Liedern im Frühling und Sommer. Die zweite CD mit Herbst- und Winterliedern ist für September angekündigt.
Eingeleitet wird der Liederreigen mit dem neu komponierten Titelsong „Bei uns in der Kita“, der gewissermaßen der moderne Nachfolger von „Im Kindergarten“ ist und durchaus das Zeug zur Kita-Hymne hat. Dann folgt bunt gemischt altbekanntes Material. Bei den Frühlings-und Osterliedern finden sich Klassiker wie „Immer wieder kommt ein neuer Frühling“ und „Stups der kleine Osterhase, aber auch das von Zuckowski adaptierte Volkslied „Alle Vögel sind schon da“. Pädagogisch wertvoll wird es mit „Heute bleibt das Auto stehen“ und „Links und rechts“ und von Sommer und Sonne singen die „Sommerkinder“.
Neben eigenen Kompositioenen hat Zuckowski auch einige Stücke befreundeter Liedermacher mit in die Sammlung aufgenommen. Die Rinks sind mit „Ich will malen“ vertreten und Ferri darf mit seiner Kinderbande „Meine Füße“ und den Abschlußtitel „Der Kindergarten ist jetzt aus“ präsentieren. Davor gibt es aber noch Zuckowskis größten Hit „Wie schön dass Du geboren bist“ in einer Live-Version.
Über den Sinn und Unsinn einer solchen Liedersammlung lässt sich streiten, aber verkaufen wird sie sich bestimmt und auch in mancher Kita zum Einsatz kommen. Musikalisch begabte Erzieherinnen werden allerdings wohl eher auf das begleitenden Text- und Notenheft zurückgreifen und mit den Kindern selber singen.
Jamie Lawson ist ein Meister darin, ruhige, eindringliche Songs zu interpretieren und seine Zuhörer zu berühren. Der Brite wurde in Plymouth geboren und veröffentlichte sein Debütalbum bereits im Jahr 2003. Erste Erfolge gab es in Irland, wo Lawson schon lange Jahre als Pub-Musiker unterwegs war. Doch in England und dem restlichen Europa blieb er ein unbeschriebenes Blatt.
Zumindest bis die Single „Wasn’t Expecting That“ erschien: Ein wundervoller Akustik-Song in der Tradition von Passenger und Milow. Der Song ist beinahe fünf Jahre alt und war ein großer Erfolg in Irland. Ed Sheeran wurde im vergangenen Jahr auf den Landsmann aufmerksam und nahm ihn unter Vertrag. Ein passendes Signing, denn wie Sheeran schafft es auch Lawson hervorragend, seine Emotionen in Songs zu packen und einem breiten Publikum nahe zu bringen.
Das selbstbetitelte Album ist also viertes Studioalbum und zugleich auch eine Art Debüt, um den Erfolg außerhalb Irlands zu sichern. „Wasn’t Expecting That“ eröffnet die Tracklist und kommt endlich auch in Europa sowie in Australien und Neuseeland zur Geltung. Man spürt die Erfahrung, die Lawson als Kneipen- und Straßenmusiker sammeln konnte.
Das UK-Nummer-1-Album „Jamie Lawson“ erschien letzte Woche offiziell in Deutschland. Uns erwarten elf Titel, mit ruhiger, harmonischer Stimme eingesungen. Folkige Gitarren oder eine sanfte Pianomelodie geben den Songs den richtigen Schliff. Das Ergebnis ist äußerst unaufgeregt. Man hört Jamie Lawson gerne zu, steigt in seine Gefühle ein und lässt sich treiben. Jamie Lawson beschert uns ein sehr intensives Album, das zwar keine Überraschungen bietet, dafür aber vom ersten bis zum letzten Track mit solidem Songwriting überzeugt.
Als Half Moon Run Ende 2014 die Arbeiten an ihrem zweiten Album beginnen wollten, waren sie alle völlig übersättigt und müde von ihrer Gesellschaft und der Band an sich. So war es ein gigantischer mentaler Kraftakt den festsitzenden Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen und zurück in die Spur zu bringen. Um den Kopf freizubekommen, fuhr die Band mit Sack und Pack nach Kalifornien, um dort in der warmen Sonne und bei täglichen Surf-Gängen nach und nach den milden und gereifteren Sound von „Sun Leads Me On“ zu finden.
Dass die vier Kanadier ihre Songs auch live umsetzen können, haben sie hierzulande erst im vergangenen Jahr auf dem Hamburger Reeperbahn Festival und ausverkauften Shows in München und Berlin bewiesen. Das Kölner Luxor stand im November ebenfalls auf ihrem Tourplan. Mittlerweile sind die Jungs aus Montreal dem Geheimtipp-Status entwachsen und langsam aber sicher werden auch die Hallen größer. In Köln wagt man heute den Sprung in das wunderschöne Gloria Theater und natürlich ist auch diese Show ausverkauft. Und wieder zaubert das Quartett jede Menge kalifornischer Sonne auf die Bühne.
Dabei haben Devon Portielje, Dylan Phillips, Conner Molander und Isaac Symonds soviel Schlagzeugequipment dabei, dass es für zwei Bands reichen würde. Im Verlaufe des Abends werden auch immer mal wieder die Instrumente getauscht. Die Setlist pendelt gekonnt zwischen ihren beiden Alben hin und her und eine sparsame Lightshow unterstreicht die Wohnzimmeratmosphäre, die sich unter den Fans im Gloria breitmacht. Wenn man nicht gerade andächtig zuhört, wird getanzt, geklatscht und mitgesungen. Wer zwischendurch die Augen schließt, dem mögen sogar die Kollegen Biffy Clyro oder Alt-J ins Gedächtnis schießen, auf deren Welle sich Half Moon Run durch den Abend treiben lassen. Immer happy, gutgelaunt und perfekt aufeinander eingespielt. Von „Turn Your Love“, „Call Me In The Afternoon“ oder „She Wants To Know“ bis hin zu „Full Circle“ als absolutem Höhepunkt lassen sich die Kölner gerne schon mal in den diesjährigen Sommer entführen.
Den Schlusspunkt setzen Half Moon Run dann mit einer Coverversion des The Band-Klassikers „I Shall Be Released“. Einziger kleiner Wermutstropfen dieses musikalisch rundum gelungenen Konzerts ist seine Länge. Knappe 80 Minuten sind dann doch etwas dünn. Aber sei’s drum. Half Moon Run haben Spass gemacht und sind auf dem Weg in eine verheißungsvolle Zukunft. Sie sollten nur aufpassen, dass sie nicht zu schnell zu hoch fliegen. Denn ansonsten könnten sie sich an der warmen Sonne auch schnell mal die Flügel verbrennen.
Ein Bühnenaufbau für vergrößerte Band und Backgroundsänger, zwei kleine Showtreppen, im Hintergrund eine LCD-Leinwand – und plötzlich stand er auf der Bühne: leibhaftig! Elvis lebt! Zumindest sein Doppelgänger Grahame Patrick aus Irland. Seines Zeichens gehört er zu den besten Elvis-Darstellern weltweit. Das passt vor allem dann wie die Faust aufs Auge, wenn er den älteren Elvis gibt. Im weißen Glitzeranzug und mit Speckröllchen um die Hüfte.
Doch halt – ist das ein Setting für ein Musical? Zu Beginn war ich schon etwas skeptisch. Die Saarlandhalle Saarbrücken war sehr gut gefüllt. Das Publikum bestand aus älteren Jahrzehnten, die sehr gespannt auf den Auftritt des King of Rock ’n’ Roll warteten. Und so war der Jubel auch große, als es endlich los ging. Doch das Setting hatte – gemessen am Bühnenaufbau und dem ersten Auftreten des Protagonisten – eher etwas von einer Tribute Show. Auch gut. Aber wo sollten die Musical-Elemente einfließen?
Der dramaturgische Kniff kam schon nach dem ersten Song. Auf der Leinwand wurde die Todesmeldung aus dem Jahr 1977 verbreitet und im Anschluss konnte es losgehen mit einer chronologischen Zeitreise, die den Werdegang des 20jährigen Mechanikers aus Memphis hin zum Weltstar erzählte. In einer dokumentarischen Rahmenhandlung kam ein junger Schauspieler zu Wort, der zunächst den Sun Records Inhaber Sam Philipps und später den RCA Manager Colonel Parker darstellte. So wurde die Story von Elvis Presley sehr realitätsnah erzählt.
Die Handlungselemente waren auch erforderlich, um Grahame Patrick immer wieder die Gelegenheit zu geben, sein Kostüm zu wechseln. Im Hintergrund liefen über Leinwand Film- und Fernsehaufnahmen des King, während Patrick im Vordergrund dem Künstler seine wundervolle Stimme gab und sich in der Kostümierung perfekt dem jeweiligen Aussehen von Elvis anpasste. Ein Punkt, der die Zeitreise so faszinierend machte. Und der andere Punkt war die unglaubliche Stimme des Iren, die dem Original so unfassbar nahe kommt. Grahame Patrick schafft alle Höhen und Tiefen von Elvis‘ Vocals und gibt den Zuschauern eine wundervolle Illusion, den King leibhaftig zu erleben.
Dass ein Gassenhauer den nächsten jagte, muss nicht extra erwähnt werden. Schließlich umfasste die Chronologie alle Phasen der Karriere, vom Rockabilly über Blues und Gospel bis hin zum deftigen Rock ’n’ Roll. Bei Hits von „Love Me Tender“ über „Jailhouse Rock“, „Heartbreak Hotel“, „Can’t Help Falling In Love“ bis „Suspicious Minds“ sang der ganze Saal mit.
Berührende Momente waren aber nicht die Gassenhauer, sondern die leisen Töne in der Produktion von Bernhard Kurz. Immerhin wurde Patrick vom legendären „Stamps Quartet“ begleitet, dessen ältestes Mitglied Ed Enoch schon zu Lebzeiten des King mit dabei war und mehr als 1000 Konzerte mit ihm spielen durfte. Die Gospel-Klänge dieser vier Männer waren eindringlich und faszinierend. Im Zusammenspiel mit dem Elvis-Darsteller boten sie „Bridge Over Troubled Water“ dar, was mitten in der Aufführung zu stehenden Ovationen führte. Ein sehr bewegender Moment. Die Intonation war wundervoll stimmig und verursachte Gänsehaut.
Doch auch der Glamour sollte in der Show nicht zu kurz kommen. Aufwändige Choreographien mit vier Tänzerinnen, zwei stimmgewaltige Background-Damen und die siebenköpfige „Las Vegas Showband“ – das waren schon Hausnummern, die der Revue aus Filmsequenzen, Projektionen und darstellerischen Elementen des letzten Schliff gaben.
Zudem schuf die schauspielerische Handlung die Möglichkeit, auch kritische Töne mit einfließen zu lassen. Es wurde deutlich, wie Philipps und Parker den Künstler manipulierten, Entscheidungen über ihn hinweg trafen und vor allem an den eigenen finanziellen Vorteil dachten. Als Beispiel sind nur die unendlich vielen seichten Kinofilme zu nennen, die dem Renommee von Elvis zeitweise gar nicht gut taten.
Das alles ist aber vergessen, wenn Grahame Patrick zum Ende der Show den gealterten Elvis als Lichtgestalt gibt und die großartige Vegas-Show nachspielt. Nach über zwei Stunden Show-Zeit war das Publikum ganz auf der Seite des Mannes im weißen Glitzeranzug. Er zog durch die Zuschauerreihen, ging auf Tuchfühlung, bekam Geschenke und vergab Küsse. Ein junger Mann im Vorschulalter, der das gleiche weiße Kostüm wie Elvis trug, wurde kurzerhand auf die Bühne gebeten. Dann ging das Schlendern durch die Ränge weiter und zum Abschluss feierte die Saarlandhalle zwei Personen: den verstorbenen King und die Lichtgestalt Grahame Patrick, die voll und ganz überzeugen konnte.
Ich gebe zu: Ich war skeptisch zu Beginn. Und ich hatte auch Probleme damit, die Show als Musical anzuerkennen. Eine Revue mit Doku-Elementen wäre wohl der objektiv korrekte Name, doch darüber sieht man gerne hinweg. Die Show lässt einen toten Künstler auferstehen und schafft eine schöne Illusion. Wer in der Region nach der nächsten Gelegenheit sucht: am 17. März gastiert das Ensemble in der Arena Trier. Es lohnt sich!
Über 10 Jahre sind seit der Veröffentlichung von „Home“, dem letzten Album der irischen Band The Corrs vergangen. Andrea und Sharon haben in der Zwischenzeit musikalische Soloprojekte verfolgt, aber es sah lange nicht so aus, als würde man nochmal von den vier Geschwistern gemeinsam hören. Ende letzten Jahres haben sich The Corrs aber zu einem Comeback entschlossen, und ihr aktuelles Album „White Light“ steht nun auch bei uns in den Plattenläden.
Bekannt wurde die Band mit folkig arrangierten Pop-Ohrwürmern. Die Folk-Komponente vermisse ich allerdings bei den ersten Titeln des neuen Albums. „Do What I Like“, „Bring on The Night“ oder der Titelsong „White Light“ sind starke, eingängige Popsongs, aber man muss schon genau hinhören, um zwischen Keyboard und E-Bass mal Geige, Tin Whistle oder Mandoline herauszuhören.
Die Ballade „Kiss of Life“ hat schon vielversprechende Momente, und „Strange Romance“ wird von einem schönen Bodhran-Rhythmus getragen, aber ich muss mich noch ein wenig gedulden, bis das wunderbare „Ellis Islands“ mich endgültig mit dem neuen Album versöhnt. Andreas ausdrucksvoller Gesang entfaltet sich hier zunächst über einer perlenden Pianobegleitung, bevor die Schwestern zum Refrain mit einsetzen und sich der Songs mit verschiedenen akustischen Instrumenten weiter aufbaut. Als Zugabe für meine Irish-Folk- Seele gibt es gleich noch das Instrumentalstück „Gerry´s Reel“ hinterher – zwar selbst komponiert, aber ganz im Stil irischer Tanzmusik gehalten.
Das schwungvolle, von akustischen Gitarren dominierte „Stay“ hält mich weiter bei Laune, wogegen „Catch Me When I Fall“ etwas abfällt. Die atmosphärische Hymne „Harmony“ packt mich dann wieder, vor allem mit ihrer sensiblen Thematik des unendlichen Nordirland-Konflikts. Zum Abschluss gibt es mit „With Me Stay“ noch eine Balladen-Version von „Stay“ – auch eine nette Idee. Insgesamt haben The Corrs mit „White Light“ ein durchaus überzeugendes Comeback hingelegt, und man darf gespannt sein, wo die Reise noch hingeht!