Heute ging es für mich erst um 16 Uhr los mit The Pretty Reckless. Die Band aus New York wurde vor 17 Jahren von Schauspielerin und Model Taylor Momsen gegründet, die einige sicher aus der Serie „Gossip Girl“ kennen oder aus dem Kinofilm „Der Grinch“, wo sie schon als 7jährige mitspielte. Als einige der wenigen Fronterinnen bei Rock am Ring kam sie im kleinen Schwarzen und legte eine coole Show in Sachen Rock’n’Roll und Bluesrock an den Tag. Es gab Songs wie „Death by Rock and Roll“, „Sweet Things“ mit coolem Intro aus „Peter und der Wolf“, „Witches Burn“, das allen anwesenden Frauen gewidmet war, und „Take Me Down“. Ein bemerkenswerter Gig der agilen Sängerin.
The Pretty Reckless by Rainer Keuenhof
Dann schnell rüber zur Mandora Stage, wo Bury Tomorrow schon zu Gange waren. Deren Abriss machte auf der neu gestalteten Bühne mit ihren riesigen LCD-Wänden einen Riesenspaß. Die Metalcore-Band aus Southampton wartete mit dem umtriebigen Daniel Winter-Bates auf, der sich screamend und growlend durch die Songs bewegte, hatte aber auch Tom Prendergast für diverse melodische Momente. Eine gesunde Mischung für den Set, der in 55 Minuten von „Choke“ über „What If I Burn“ bis zu „DEATH (Ever Colder)“ führte. Die Bühne war mit formidablen Flammenwerfern ausgestattet und das Publikum feierte eine große Party mit Circle Pits und kollektivem Springen.
Verausgabung war dann wie immer das Stichwort für Electric Callboy. Was für ein grandioser Gig auf der Hauptbühne, der den Fans alles abverlangte. Hier findet ihr unsere Fotos vom 6.6.26 bei ROCK AM RING. Credit: Julia Nemesheimer
40 Jahre ROCK AM RING. Die große Sause ist gestartet! Pünktlich um 12 Uhr war Einlass zum Infield und die Fans konnten zunächst einmal einige Neuerungen bestaunen, bevor es zum ersten „Secret Guest“ an die Utopia Stage ging. Was direkt auffiel: Die Mandora Stage hat inzwischen dieselben Dimensionen wie die Utopia Stage und wird damit klar zur zweiten Hauptbühne – fast ohne Nebencharakter. Neu sind auch die großen LCD-Würfel, die dafür sorgen, dass man weiter entfernt von der Bühne trotzdem relativ detailliert mitbekommt, was da vor sich geht. Neben der dritten Bühne (Orbit Stage) gibt es nun erstmals eine vierte Location (Atmos Stage) im Eingangsbereich. Man hat also noch häufiger die Qual der Wahl und findet hier einige Indie-Acts, die durchaus begeistern können.
Credit: Rainer Keuenhof
Jetzt aber zu den Gästen, die bis zum Schluss geheimgehalten wurden: Überaus pünktlich um 13.30 Uhr ging es los mit Electric Callboy. Die lieferten im letzten Jahr schon einen grandiosen Gig und sind für dieses Jahr „nur“ mit einem nächtlichen DJ-Set angekündigt. Bevor es in die Vollen ging, lief auf der Leinwand eine Art Countdown mit Bildern aus 40 Jahre Rock am Ring. Dann ein großer Pyro-Knall mit Feuerwerk und Ingo Donot erschien als Moderator auf der Bühne, um ohne viel Geschwafel Electric Callboy anzusagen.
Credit: Julia Nemesheimer
Deren einstündiger Gig bot alles, was man von der Metalcore-Band aus Castrop-Rauxel erwarten durfte. Unaufhaltsam hat man sich seit Gründung 2010 an die Spitze der Szene hochgearbeitet. Neuerdings ist mit dem Amerikaner Frank Zummo der Schlagzeuger von Sum 41 mit an Bord, was für noch mehr Drive im Bandgeschehen sorgt. Die Sause startete mit „Pump It Up“ und dann ging es über „Spaceman“ hin zum Hit „Everytime We Touch“, den man der schottischen Songwriterin Maggie Reilly und dem Dance-Project Cascada verdankt. Mit Elektronik und Growls wurde der Song aus dem Jahr 1992 zur Mitsing-Hymne und zeigte beeindruckend, wie man Metal und Dancefloor zusammenbringen kann.
Credit: Julia Nemesheimer
Electric Callboy zogen alle Register, mischten Metal mit Disco und fuhren unterschiedlichste Arten von Konfetti auf. Das Zuschauerfeld war bis ganz nach hinten eng gefüllt und es wurde gefeiert, was das Zeug hielt. Die Idee, mit den Secret Acts bereits um halb zwei nachmittags für entsprechend Stimmung zu sorgen, ist definitiv aufgegangen. Die Fans machte alles mit, von der Ballade über den heute Nacht erst gezeugten Kevin Jerome bis hin zu „Hurricane“ in Schlagerbeat und mit Discofox. Wem das alles zu seicht war, der durfte sich am Sum 41 Cover „Still Waiting“ erfreuen. Ergebnis: Circle Pits durch alle Reihen.
Credit: Rainer Keuenhof
Um 15 Uhr waren dann Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys am Start. Mal was ganz anderes! Was Guildo Horn und Dieter Thomas Kuhn für den Schlager, das sind Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys für den Italo-Pop. Die sechsköpfige Band – beheimatet in Augsburg und München – greift jedes Klischee einer schmalzigen italienischen Kitsch-Combo auf. Das bringt zugleich Sehnsucht nach dem Süden, gute Laune und Klamauk mit sich, vor allem aber viel Ironie und Popkritik.
Credit: Rainer Keuenhof
Die Bühnendeko wies schon in der Pause darauf hin, dass es nicht etwa die Toten Hosen, die Broilers oder Kraftklub werden sollten, die alle heiß im Rennen waren. Aber ein Aufbau aus italienischen Torbögen mit einem azurro-blauen Himmel im Hintergrund wies deutlich auf Italien hin. Die Rockfans waren gespalten: viele flüchteten zur Mandora Stage, andere feierten um so heftiger. Titel wie „Bella Napoli“ luden zur großen Polonaise ein. Im Publikum setzten sich viele zum „Rudern“ hin oder man bildete einen riesigen Kreis um ein romantisch tanzendes Paar.
Credit: Julia Nemesheimer
Nach einer musikalischen Hommage an Sophia Loren gab es von Seiten des Sängers Roy philosophische Überlegungen zur Liebe: Was kostet die Liebe? Vor allem Mut! Das Publikum, das bis zum Schluss durchgehalten hatte, feierte die Band ausgiebig. Ja, auch Italo-Pop und südländische Schlager können am Ring funktionieren, wenn sie entsprechend präsentiert werden.
Credit: Rainer Keuenhof
Der dritte Überraschungsgast war ja schon seit einigen Tagen bekannt: Knocked Loose kommen aus Kentucky, machen Hardcore-Punk und haben kürzlich einen Grammy für die „Best Metal Performance“ gewonnen. Hatte man nicht unbedingt auf dem Schirm, aber waren absolut passend. Endlich die wirklich harten Klänge, die Fans von Rock am Ring erwarten.
Credit: Julia Nemesheimer
Die energiegeladene Liveshow bot ein leidenschaftliches, aggressives Konzert. Die Stimme von Fronter Bryan Garris ist einfach unverwechselbar. Pause zum Durchatmen blieb kaum, denn der Shouter schrie, sprang und peitschte das Publikum durchgehend an. Dabei ging es Schlag auf Schlag ohne viel Gelaber. Die intensive Stimmung brachte das Infield auch am frühen Nachmittag nachhaltig zum Beben. So bleibt abschließend zu sagen: Vielseitigkeit und Diversität waren Trumpf bei den Auftakt-Shows. Ein gelungener Start ins Festivalwochenende!
Der Samstag startete mit zwei starken Frontfrauen auf der Hauptbühne und einem bekannten Schauspieler auf der Mandora Stage. Den Opener machten Against The Current mit der wundervollen Chrissy Constanza an den Vocals. Die Band ist unter anderem für ihre Kooperationen im Gaming-Bereich bekannt, so wurde natürlich auch „Legends Never Die“ gespielt, was sie für das Spiel „League of Legends“ geschrieben haben. Alles in allem war die Performance durchaus emotional und Chrissy zeigte, dass sie trotz zarter Figur eine äußerst starke Stimme hat. Ob viele ihrer YouTube-Fans im Publikum waren? Egal. Der Circle Pit funktionierte auch ohne detaillierte Kenntnis der Songtexte. Muss man sich merken.
Ebenso wie The Interrupters aus Los Angels mit Aimee Allen am Gesang. Ska-Punk steht auf der Schublade, aber damit wäre zu kurz gegriffen. Es gab ein rockiges Set ohne Genre-Grenzen und Aimee war großartig im Zusammenspiel mit der Band. Das Billie Eilish-Cover „Bad Guy“ hatte sich in die Setlist geschlichen – und gerade zum Schluss gab es dann doch etwas Ska. „What’s your plan for tomorrow?“ fragte die Sängerin und gab die Antwort im Song: „Take Back The Power“.
Schauspieler in Musikgruppen haben wir ja schon öfter erlebt. Man denke an Jack Black bei den legendären Tenacious D oder an Johnny Depp, der gemeinsam mit Alice Cooper und Joe Perry als Hollywood Vampires die Bühnen unsicher macht. Jetzt war es der Star aus „Matrix“ und „John Wick“, der sich als Bassist von Dogstar die Ehre gab: Keanu Reeves mit lausbubenhaftem Grinsen als Teil einer soliden Rockband. Kein Wunder, dass viele Zuschauer*innen – so auch ich – zur Mandora Stage strömten, obwohl die Donots auf der Hauptbühne waren. Deren Gig wurde ebenfalls enthusiastisch umjubelt, aber die Dopplung war zu verkraften, hatte ich Ingo & Co. in letzter Zeit doch inflationär oft (und häufig am Ring) gesehen.
Dogstar boten soliden Rock und sanfte Klänge ohne Ecken und Kanten, vergleichbar mit Bryan Adams oder Bon Jovi. Keanu Reeves spielte sich keineswegs in den Vordergrund. Er war Teil der Band, ganz dezent neben Frontmann Bret Domrose, und wirkte fast schon schüchtern, wenn die Kamera ihn in Großaufnahme zeugte.
Von Royal Republic war gerade erst am Vortag das neue Album „LoveCop“ erschienen. Die Band aus dem schwedischen Malmö zog zu einem majestätischen Intro ein – standesgemäß. Und schon ging sie los, die Hard-Rock’n’Roll-Show. Dafür sind diese Haudegen in Nieten und Leder bekannt. Es machte große Freude, wie Adam Grahn und Hannes Irengård spitzbübig ins Publikum grinsten. Spielfreude und Feierlaune übertrugen sich schnell aufs Publikum, das nicht nur beim eingestreuten „Blitzkrieg Bop“ ausrastete. Immerhin waren da echte Spaßvögel auf der Bühne, die sich für Songs wie „Full Steam Spacemachine“, „Fireman & Dancer“ sowie „RATA-TATA“ verausgabten.
Verausgabung war aber auch das Stichwort für Electric Callboy. Was für ein grandioser Gig auf der Hauptbühne, der den Fans alles abverlangte. Die Donots hatten den Boden bereitet und Electric Callboy um Fronter Nico Sallach nahmen den Ball auf. Die Sause startete mit „Tekkno Train“ und dann ging es über „Spaceman“ hin zum Hit „Everytime We Touch“, den man der schottischen Songwriterin Maggie Reilly und dem Dance-Project Cascada verdankt. Mit Elektronik und Growls wurde der Song aus dem Jahr 1992 zur Mitsing-Hymne und zeigte beeindruckend, wie man Metal und Dancefloor zusammenbringen kann.
Nach einem Geburtstagsgruß für einen achtjährigen Fan aus der ersten Reihe gab es mit „Castrop x Spandau“ unter viel Pyrotechnik auch einen deutschsprachigen Song. Electric Callboy zogen alle Register, mischten Metal mit Disco und fuhren unterschiedlichste Arten von Konfetti auf. Bei „I’m gonna share my love with everyone“ zu „Arrow of Love“ überzog man das komplette Infield mit kleinen roten Herzen. Als Gegenleistung stieg die Fülle an Circle Pits über die ganze Fläche mit jedem weiteren Song. Mit „Döp Döp Döp“-Rufen ging es zu „Hypa Hypa“ und plötzlich standen Babymetal mit auf der Bühne, um den gemeinsamen Hit „RATATATA“ zu zelebrieren.
Jetzt war es Zeit für ruhigere Klänge, aber das an einem skurrilen Piano in Penis-Form. Zur Freude des Kleinvolks wurde erst „Let It Go“ aus „Frozen“ angespielt – und dann sangen alle Fans stimmgewaltig „I Want It That Way“ und machten den Backstreet Boys alle Ehre. Wunderschöne Momente am Ring! Jetzt war der Weg zum Schlager nicht mehr weit: auch „Hurrikan“, der Callboy-Hit im Schlagerbeat, funktionierte hervorragend und brachte die Menge zum Paartanzen, bevor das Crowdsurfen wieder losging. So viele Surfer in allen Zonen sollte der Ring in diesem Jahr nicht mehr erleben.
Nach der Elektronik-Einlage „Mc Thunder“ ging ihr Auftritt mit „Pump It“, „Mindreader“ und „We Got the Moves“ zu Ende. Diese Band muss man einfach live erlebt haben, zumal sie mit jedem Zuschauer besser wird. Pflicht für einen Headliner-Slot in den nächsten Jahren!
Billy Talent waren bereits zum fünften Mal im Line-up und brachten ihre Show dementsprechend souverän unter die Leute. Von „Devil in a Midnight Mass“ bis „Fallen Leaves“ gab es eine vielfältige Setlist, die ich mir aber nur in Teilen anschauen konnte, da ich natürlich dem Versprechen an Electric Callboy folgen musste, den Gig ihrer Freundinnen Babymetal auf der Mandora Stage zu besuchen.
Billy Talent
Bei Babymetal gab es die übliche Tanz-Choreo zu Metalsound, gepaart mit mal piepsigen, mal hysterischen Stimmchen. Die Japanerinnen sind eine Bank und werden von Jahr zu Jahr bekannter. Mit ihrer quirligen Performance haben sie sich den Headliner-Slot auf der Mandora Stage redlich verdient. Und wieder wurde der Song „RATATATA“ interpretiert, da Electric Callboy natürlich zum Gegenbesuch erschienen sind.
Green Day mussten gar nicht auf der Bühne erscheinen, um die Masse aufzuwecken. Als Intro vom Band gab es „Bohemian Rhapsody“ und gefühlt 90.000 Menschen sangen komplett und fehlerfrei vom ersten bis zum letzten Ton mit. Gänsehaut? Aber hallo! Danach zum zweiten Mal heute der „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones mit dem kultigen Drunken Bunny auf der Bühne, der die Tanzvorlage für alle Anwesenden lieferte.
Green Day hatten doppelten Grund zum Feiern. Ihr Durchbruchsalbum „Dookie“ wird in diesem Jahr 30 Jahre alt und die erste weltweite Nummer 1 „American Idiot“ wird 20 – perfektes Timing und Grund genug, beide Werke fast komplett zu spielen. Spätestens bei „Longview“ und „Basket Case“ wurde allen klar, warum das so sein musste. Songs für die Ewigkeit.
Trotzdem musste ich kurz bei Marsimoto vorbei schauen, dem alter ego von Marteria, der kurzfristig für Bad Omens eingesprungen war. Kein adäquater Ersatz für eine der angesagtesten Metalbands der Gegenwart. Schließlich sollten die Rapper doch in diesem Jahr möglichst zuhause bleiben. Die Atmosphäre färbte sich grün und der Protagonist erschien wie E.T. mit Maske in der Nebelwand. Ganz konsequent war zwar nicht so viel los, aber egal. Marsimoto zelebrierte vor allem sich selbst in einer Mischung aus Rap und Elektronik mit wenigen Reggae-Klängen. Bezeichnend war seine Hommage an „Eine kleine Bühne“, die dann doch sehr passend schien.
Auf der Utopia Stage waren Green Day langsam aber sicher bei „American Idiot“ angelangt und die Show nahm nochmal Fahrt auf, als das kultige Cover mit der herzförmigen Handgranate in riesiger Form als Symbol für die nächste Stunde aufgeblasen wurde. Die Feierstunde für die Fans ging vom Titelsong über „Boulevard of Broken Dreams“ bis hin zum Smasher „Wake Me Up When September Ends“. Insgesamt eine grandiose Show, die gut über zwei Stunden dauerte und das Publikum begeistert hat.
Da konnten die Broilers trotz vieler Gäste nicht mehr ganz mithalten. Die Masse des Pubklikums machte sich bereits auf den Heimweg. Es war einfach zu spät und der Gig startete auch noch mit einer Viertelstunde Delay um 1 Uhr.
Die Punker aus Düsseldorf sind langsam aber sicher im Mainstream angekommen, hat doch Sänger Sammy Amara momentan TV-Präsenz in der Primetime, da er bei „Sing meinen Song“ zu Gast ist. Als Hommage an das Format gab es gleich zwei Songs, bei denen die Kolleg*innen für ein Duett bereit standen. Eva Briegel von Juli erschien für „Fette wilde Jahre“ auf der Bühne und Eko Fresh bereicherte „Die beste aller Zeiten“. Das waren nicht die einzigen Features, denn auch Danger Dan von der Antilopen Gang fand sich zu „Alice und Sarah“ ein.
Eine familiäre Zusammenstellung an Künstlerkolleg*innen, doch eine andere Familie stand heute trotzdem im Vordergrund: die Ring-Familie. Seit über dreißig Jahren stehen die Broilers inzwischen auf der Bühne und wo feiert man das? Natürlich bei und mit der Familie – so sagte Sammy „Meine Familie“ an. Sympathisch wie immer performte er durch die Nacht, die von Bengalos und Feuerwerk erleuchtet wurde.
Ein würdiger Abschluss für den Samstag. Morgen geht’s weiter mit H-Blockx, Madsen, Kraftklub, Machine Head, Måneskin, Corey Taylor und Parkway Drive. Die Sause 2024 ist noch lange nicht vorbei. Rock on!
Das Rocco del Schlacko Festival 2023 in Püttlingen / Saarland. Seht hier unsere Fotos vom Donnerstag – While She Sleeps, Electric Callboy und Marteria. Fotos: Julia Nemesheimer.