ROCCO DEL SCHLACKO – Fotos von MADSEN, Revnoir und Tream – 8.8.2025
Zum letzten Mal ROCCO DEL SCHLACKO in Püttlingen!
Seht hier unsere Fotos von MADSEN, Revnoir und Tream.
Datum: Freitag, 8. August 2025, Fotocredit: Julia Nemesheimer
Zum letzten Mal ROCCO DEL SCHLACKO in Püttlingen!
Seht hier unsere Fotos von MADSEN, Revnoir und Tream.
Datum: Freitag, 8. August 2025, Fotocredit: Julia Nemesheimer
Es geht zum Endspurt. Auch der dritte Tag bei ROCK AM RING 2024 war wettermäßig ein Traum. Tagsüber nur Sonnenschein, bei klarem Himmel in der Nacht allerdings recht kühle Temperaturen. Glück für alle, die an eine dickere Jacke gedacht haben. Die Sause zum Finale startete dann mit den unverwüstlichen H-Blockx.

Die Band um Henning Wehland ist in den letzten Jahren ziemlich von der Bildfläche verschwunden. Doch am Ring feierte man mit dem ersten Slot am Nachmittag Wiederauferstehung. Das letzte Album ist 17 Jahre alt. Als Opener gab es dessen Titelsong „Countdown to Insanity“. Dabei war der 52jährige Henning topfit und zeigte sich viel agiler als bei den Söhnen Mannheims oder seinen Solokonzerten. Zwölf Jahre war der letzte Auftritt bei Rock am Ring her – 1995 gab es den ersten Gig der deutschen Crossover Pioniere, doch deren damaliger Hit „Risin‘ High“ ist bis heute im Ohr. Daneben ertöntem in dem kurzweiligen Set auch Cover wie „The Power“ und ganz zum Schluss „Ring of Fire“, womit die Band klarstellte, was ihnen der Ring bedeutet. Jetzt soll es schnell wieder auf Tour gehen, denn das Debüt mit dem kultigen Haifisch-Cover feiert 30. Geburtstag. Die ersten Konzerte sind schon ausverkauft.

Im Anschluss hatten die Leoniden zunächst Mühe, die gute Stimmung vor der Utopia Stage zu halten. Die Indierocker aus Kiel, die sich nach dem herbstlichen Sternschnuppenschwarm benannt haben, sind schon seit 2005 aktiv und werden demnächst ihr viertes Album „Sophisticated Sad Songs“ veröffentlichen. Das Publikum war am dritten Tag sehr müde und es war heiß. Dennoch legten die Leoniden einen mitreißenden Auftritt hin, der als Weckruf auch das Cover „Teenage Dirtbag“ bereithielt.
Eine coole Aktion war es, mitten in der Menge ein Klavier aufzubauen, an dem sich Sänger Jakob Amr niederließ. Es gab unter anderem „Take On Me“, stimmgewaltig von den Ringrockern mitgesungen. Als Vorgeschmack auf das neue Album brachten die Leoniden ihre brandaktuelle Single „Balance Of Love“ mit Ohrwurm-Hook und schönem Klanggerüst.
Apropos schön: Weniger gediegen ging es bei Hanabie zur Sache, einer Metalcore Band aus Japan. Wer jetzt wieder eine liebliche Tanz-Choreo wie bei Babymetal erwartet hatte, wurde eines Besseren belehrt. Die Sängerinnen Yukina und Matsuri lieferten vor allem hohen Gesang und verstörende Screams. Das war dann doch zuviel des Guten, also zurück zur Hauptbühne.

Auf der Utopia Stage waren jetzt mehrere Stunden Deutschrock angesagt. Das hatte man in letzter Zeit selten am Ring, zumindest in dieser Konzentration. Den Anfang machten MADSEN, seit 13 Jahren endlich mal wieder vor Ort. Die Brüder aus dem Wendland waren sichtlich hungrig, den Fans ihre nach wie vor vorhandene Energie zu zeigen. Und sie haben’s noch drauf!
Der Set startete passend mit „Ein bisschen Lärm“ und „Mein Herz bleibt hier“. Der Schlagzeuger sang crowdsurfend aus der Menge. „Macht euch laut“ hieß die Devise, bevor nach „Nachtbaden“ das Robbie-Cover „Angels“ alle zum Mitsingen brachte. Pünktlich zur Europawahl gab es den neuen Song „Faust hoch gegen Faschismus“, der den Nerv der Menge traf. Und eine ganz wichtige Botschaft zum Schluss: „Lass die Musik an“, eine Hymne mit magischer Wirkung, bei der auch schon mal Polonäse getanzt wurde. Dieser Gig hat einen Riesenspaß gemacht und MADSEN haben hoffentlich viele Freunde (zurück)gewonnen.

Wanda aus Österreich überzeugten mit energischem Gitarrenrock und Hits wie „Jurrassic Park“, „Ich will Schnaps“ und „Columbo“. Das neue Album „Ende nie“ ist erst am Freitag erschienen. Die noch ganz frischen Songs drücken das Lebensgefühl einer Generation aus. Auch am Ring hatte man sich jetzt auf den deutschsprachigen Block eingestimmt und feierte kräftig mit.
So war es äußerst passend, dass die Donots nach ihrem furiosen Auftritt am Samstag noch eine Überraschung für Sonntag in petto hatten. „Wir haben vergessen, die Zugabe zu spielen“, hieß es von Ingo und Guido Knollmann. Man hatte sich auf einer Hebebühne auf der rechten Seite der Stage platziert, wo der Aufbau für Kraftklub in vollem Gange war. Unter Riesenjubel wurde die Hydraulik nach oben gefahren und sichtbar für alle gab es einen Set mit tanzbaren Rockern wie „Fight For Your Right“ und „We’re Not Gonna Take It“. Die Party wurde nur von den aktuellen Wahlergebnissen für die AfD getrübt: „Ein Tag, an dem ich kotzen könnte“, vermeldete Ingo.

Kraftklub hatten sich traditionell in Schwarz-weiß gekleidet und starteten mit „Unsere Fans“. Es gab einen eleganten roten Vorhang, der immer wieder geöffnet und geschlossen wurde. Gleich zum Start wurde eine Riesenladung Konfettibänder in die Luft geschossen. Dann ging es weiter mit Songs wie „Wittenberg ist nicht Paris“, „Chemie Chemie Ya“ und „Wie ich“. Zwei Zuschauerinnen namens Emma und Greta durften sich auf der Bühne einfinden und am Glücksrad drehen. Gewonnen hatte der Titel „Am Ende“.
Als Revanche gingen Kraftklub ins Publikum für ein Bad in der Menge und ein Akustikset. „Kein Liebeslied“ war der Beweis dafür, dass neben aller Härte auch emotionale Töne möglich sind. „Angst“ schlug ebenfalls in diese Kerbe – und war zudem passend, als es wieder eine Anspielung auf das Wahlergebnis gab. „Nazis raus“ aus der Kehle von fast 90.000 Menschen brachte die Band zu einem Statement gegen Rassismus, Faschismus und Homophobie. Gegen die verkackte AfD helfe wohl nur noch die Antifa, hieß es. Vor der Zugabe dann der Song „Randale“ und der Aufruf, alles in die Luft zu schmeißen, was man bei sich trägt.

Der Auftritt von Måneskin war weniger spektakulär als erwartet, aber man brauchte auch nicht viel Brimborium, um die Masse zu begeistern. Was hat diese Band für eine Karriere hingelegt? 2016 waren sie noch Schulband – und dann der Sieg 2021 beim „Eurovision Song Contest“. Für die meisten ist die Teilnahme an dieser Veranstaltung der Todesstoß, doch für Måneskin ging es erst richtig los. Eine Welttournee mit ausverkauften Konzerten war das Ergebnis. Am Ring sorgten sie vor zwei Jahren am frühen Abend für Furore – jetzt waren sie Headliner.
Das Konzert hatte einen beeindruckend geilen Sound, egal ob es Stimme, Gitarren oder Schlagzeug betraf. „Don’t Wanna Sleep“ war die Devise, dann gab es „Gossip“ und schon früh den ESC-Song „Zitti E Buoni“. Das Cover von „Beggin'“ war ein erstes Highlight, wobei Sänger Damiano David diesem Hit ganz neuen Glanz verlieh. Bassistin Victoria De Angelis ließ sich von den Zuschauer*innen auf Händen tragen. Bei „I Wanna Be Your Slave“ tobte das komplette Infield. Ein grandioser Gig in kalter Nacht.

Parkway Drive sorgten auf der Mandora Stage für hitzige Stimmung, um die geringen Temperaturen auszugleichen. Die Band aus Australien setzte auf Pyros und Growls – ein düsterer Abschluss für RAR 24. Der Bühnenaufbau mit Podesten für Schlagzeug und Gitarren war sehr wirkungsvoll. Bei „Idols and Anchors“ fand sich Shouter Winston McCall inmitten der Crowd, für „Crushed“ gab es ein Violinen-Intro und nach dem letzten Song „Wild Eyes“ ein großes Feuerwerk.
ROCK AM RING 2024 ging so mit einem heftigen Knall zu Ende. Jetzt stehen die Zeichen bereit für das Jubiläum im nächsten Jahr. Was bleibt von der aktuellen Auflage? Es war insgesamt (hard)rockiger. Die Rufe der Fans sind also erhört worden. Back to the roots? Nicht wirklich. Im Jahr 1992 waren beispielsweise neben Pearl Jam auch Elton John, Bryan Adams und Marillion am Start. Heutzutage undenkbar.
Was mir jetzt im Ohr bleibt, ist der gelungene Start mit Querbeat. Karneval am Ring? Funktioniert. Dann waren die Ärzte nicht in Plauderlaune, was ihrem Auftritt hörbar gut tat. Donnerstags war ich von Against The Current überrascht. Electric Callboy haben definitiv den Vogel abgeschossen und die beste Performance des Festivals hingelegt. Das war einfach grandios – was für eine Liveband! Green Day haben aktuell mit zwei Jubiläumsalben eine hervorragende Setlist. Der Sonntag war solide, aber wirklich herausragend fand ich niemanden. Vielleicht MADSEN, die nachmittags richtig Schwung in die Bude brachten.
Ausblick 2025
Viel Zeit, sich auszuruhen, bleibt nicht: Das Jubiläumsjahr steht vor der Tür – und damit ein herausragendes Festivalwochenende, das in der langen Geschichte von Rock am Ring und Rock im Park einen Ehrenplatz einnehmen wird. Vom 6. bis 8. Juni 2025 feiert Rock am Ring vierzigstes und Rock im Park dreißigstes Jubiläum. Ein besonderer Anlass, zu dem die Veranstalter sich einiges haben einfallen lassen, so soll es 100 Acts und erstmals vier (!) Bühnen geben.
Das Beste: Der erste Headliner steht bereits fest. So lassen es sich die US-amerikanischen Metal-Helden von Slipknot nicht nehmen, persönlich zu gratulieren – sie sind als einer der Headliner bei Rock am Ring und Rock im Park 2025 bestätigt und feiern gleichzeitig ihr eigenes großes Jubiläum. Vor 25 Jahren veröffentlichten die maskierten Ikonen ihr legendäres Debütalbum „Slipknot“. Ein Grund mehr zum Feiern. Der Vorverkauf startet sofort.
Alle Fotos auf dieser Seite von Rainer Keuenhof.
Die Fotogalerie vom Finale am Sonntag bei ROCK AM RING 2024 mit Biohazard, Hatebreed, H-BlockX, Madsen, Parkway Drive, Donots, Fear Factory, Machine Head, Of Mice And Men, While She Sleeps, Polyphia, The Art Is Murder – Fotos: Rainer Keuenhof
Nach Pandemie-Punkrock-Platte und Soul-Soloausflug von Sänger Sebastian (HIER unsre Review) erscheint jetzt mit „Hollywood“ das neunte Studioalbum von MADSEN als Band. Für ihre erste reguläre Platte seit „Lichtjahre“ von 2018 hat die Truppe um das Brüdergespann Sascha, Johannes und Sebastian Madsen mit Bassist Niko Maurer das eigene Label „Goodbye Logik Records“ gegründet.
Mit „Hollywood“ möchten sich MADSEN nach fast zwanzig Jahren Karriere nicht neu erfinden, sondern genau die Musik spielen, die sie lieben. Von großen Balladen mit Streichern, über nach vorne gehende Live-Brecher bis zu Fast-Stoner-Rock bietet das neue Album genau den Sound, für den ihre Fans die Band aus dem Wendland lieben.
Spannend schon der Rap-Part zu „Ein bisschen Lärm“, der das Album eröffnet. Ja, die Fans sind wieder bereit dazu – und werden die Einladung zum Freischreien bei den Livekonzerten sicher gern annehmen. Dann geht es in bekannter MADSEN-Manier weiter, mit Songs die von Beziehungen handeln oder Gesellschaftskritik auf den Punkt bringen.
„Brücken“ handelt von einer Fernbeziehung zu allen Menschen in Zeiten der Globalisierung. Dieser Aufruf zur Gemeinschaft wird von starker Energie in Vocals und Melodie getragen. Mit „Das Beste von mir“ folgt eine Rockballade zum Thema Seelenverwandtschaft und „Willi“ besingt die Freundschaft zwischen alten Kumpels in rockiger Manier.
Ein sehr ungewöhnlicher Heiratsantrag, der alle Bedenken wegwischt, wird mit „Heirate mich“ in die Welt gerufen. Grandios in seiner Spontanität. Der Titelsong „Hollywood“ startet orchestral und besingt den Sehnsuchtsort für Menschen, die sich bei uns nicht zu Hause fühlen. Mir gefällt die Idee einer Begegnung von Außenseiter und Flüchtling vor dem Kino sehr.
„Der Baum“ ist standfest inmitten von Chaos und damit melodisches Sinnbild für alles, was man ertragen kann. „Der gleiche Weg nach Hause“ mag Bezug nehmen auf die Liebe zur Musik und zur Band MADSEN. Damit wird auch deutlich, dass es nie wirklich eine Ende der Band gab. Sebastian hatte sich nur eine Auszeit genommen, um nach der Coronazeit einmal frei durchzuatmen.
Starke Gitarrenriffs begleiten „Unter dem Radar“, während „Rock’n’Roll“ sanfter klingt als der Titel vermuten lässt, da es als nostalgische Ballade den Traum vom Verrücktsein begleitet. „Wir haben immer noch die Sonne“ ist schließlich ein optimistischer Abschluss für ein außergewöhnliches Album. Der über fünfminütige Song klingt vielseitig und fast schon progressiv in seinem Wechsel aus lauten und leisen Passagen.
Der laute Sound ist zurück und man erkennt MADSEN sofort wieder. Die Band ist eine Familienangelegenheit, und wir alle dürfen mitmachen. Das muss man dieser fabelhaften Band aus dem Wendland erstmal nachmachen!

„Leute ist das euer Ernst? Ein Punkalbum? Ihr müsst Gangster-Rap machen! Punk ist tot!“ Mit diesen gesprochenen Halbwahrheiten endet der erste Track dieses wundervollen Punkalbums „Na gut dann nicht“. Was uns MADSEN hier um die Ohren hauen, ist Protest in Reinkultur. Und das haben wir 2020 in dieser Form noch von keinem gehört.
Mission ist es, den Punk zu retten. Das wird im zweiten Stück „Herzstillstand“ deutlich: „Keiner hat mehr Bock auf Gitarren und auf Lärm“. Familie Madsen beweist das Gegenteil, denn diese Platte macht sowas von Bock! Lärmende Gitarren, hysterischer Gesang, Hau-drauf-Mentalität beim schnellen Schlagzeug. Ob das Spaß macht? Aber ja!
Zu verdanken haben wir dieses Album der Corona-Langeweile. Denn eigentlich sollte alles ganz anders laufen: Ein neues, bereits geschriebenes Rockalbum sollte im Sommer aufgenommen werden, die Touren waren gebucht. Und dann stellte sich die Welt auf den Kopf. MADSEN schoben den gewohnten Indierock zur Seite und widmeten sich einer neuen Welt. „Mitte März bin ich ins Wendland gefahren, habe den Proberaum gründlich aufgeräumt und für andere Künstler Musik geschrieben. Aber dann hatte ich plötzlich diesen Bock auf Punk!“ erinnert sich Sänger Sebastian Madsen. Er kaufte sich das Ramones-Debüt auf Vinyl, hörte es rauf und runter und begann, Songs zu schreiben. Schnell hatte auch der Rest soviel Spaß an den Songs, dass MADSEN ihr „reguläres Album“ hinten anstellten und eine Punk-Platte aufnahmen.
Das Ergebnis ist so überraschend wie geil. Besonders die Texte sind ausgesprochen tiefgehend und treffen den Zeitgeist. „Quarantäne für immer“ zeichnet ein düsteres Bild von herbei gesehnter Einsamkeit („Draußen wird alles immer schlimmer, ich bleib in meinem Zimmer“). „Protest ist cool aber anstrengend“ geht in die andere Richtung: Der Mensch im Bildungsbürgertum erkennt die Probleme der Zeit, hat aber wichtigere Dinge zu tun („doch morgen soll es regnen und du musst noch Rasen mähen“). Ein Plädoyer dafür, Protest nicht nur gut und wichtig zu finden, sondern auch damit anzufangen.
„Alte weiße Männer“ richtet sich so deutlich gegen den gegenwärtigen Politikstil wie „Trash TV“ gegen den allabendlichen Voyeurismus bei Dschungelcamp, Bachelor und Promi-WG. „Behalte deine Meinung“ geigt den ganzen Social-Media-Besserwissern und Verschwörungstheoretikern den Marsch, die YouTube und Twitter für das bessere Kommunikationsmedium halten. Und „Wenn du am Boden liegst“ ist ein starkes Statement für Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen und Hilfesuchenden: „Öffnet eure Arme, öffnet euer Herz“.
Zum Schluss darf Benjamin von Stuckrad-Barre noch den Versuch wagen, Punk zu definieren, der aber von der lärmenden Band im Hintergrund zum Scheitern verurteilt ist.
15 Jahre nach dem Debütalbum – zwischen Frust, Langeweile und Tatendrang im Corona-Sommer – bahnte sich der Bock auf schneller-härter-lautere Songs bei der Band wieder an. „Ich liebe diese respektvolle Respektlosigkeit im Punk“ sagt Sänger Sebastian Madsen. „Mit Punk ist es viel einfacher, sich klar und politisch auszudrücken.“ Auch MADSEN-Mainstream-Hörer sollten diesem ungewöhnlichen Album eine Chance geben. Es lohnt sich!
2004 sind Madsen zum bislang ersten und einzigen Mal im Kölner Palladium aufgetreten. Damals waren sie die Vorgruppe für Wir sind Helden. In den vierzehn Jahren danach hat das Quartett nicht nur sieben Alben veröffentlicht, sondern sich über das Underground (R.I.P.), die Live Music Hall und das E-Werk zurück ins Palladium gespielt. Heute findet hier ihr bislang grösstes Einzelkonzert statt und Sänger Sebastian verspricht den knapp 4.000 Fans zur Begrüßung einen „langen und schmutzigen Abend“. Doch der Reihe nach.
Einen kleinen Vorgeschmack auf das, was da kommen mag, gab es bereits im Mai mit drei Clubshows in Berlin, Bochum und Hamburg, bei denen der Fokus allerdings eher auf den älteren Songs als auf den Stücken des neuen Albums „Lichtjahre“ lag. Köln ist an diesem Abend nach Hannover die zweite Station der aktuellen Tour. Zum Anheizen haben sich Madsen Grillmaster Flash & The Jungs und Rogers eingeladen. Weil es auf dem Weg zur Schanzenstraße ein kleines U-Bahn-Durcheinander gibt und zeitgleich Schandmaul im gegenüberliegenden E-Werk auftreten, sind wir später als geplant in Köln-Mülheim und erleben nur noch Rogers in den letzten Zügen. Die Jungs scheinen jedenfalls einen guten Job gemacht zu haben, denn der Stimmungspegel in der Halle bewegt sich schon jetzt auf hohem Niveau. Vielleicht ist das aber auch einfach die Vorfreude auf die Gebrüder Madsen, Sebastian, Johannes und Sascha, die von Niko Mauer am Bass komplettiert und wie immer live von Lisa Who (die eigentlich Lisa Nicklisch heißt) unterstützt werden.
Um 21.20 Uhr ertönt das Intro zu „Lass die Musik an“, das aber sofort in „Wenn es einfach passiert“ übergeht. Schlag auf Schlag folgen „Sirenen“ und „Mit dem Moped nach Madrid“. Die Fans feiern bis in die hinterste Reihe. Das letzte Mal, dass ich eine solche Party im Palladium erlebt habe, war bei den Beatsteaks und der Vergleich darf für Madsen aller Ehren wert sein. Leider braucht der Soundmann etwas länger um sich dem Niveau anzupassen. Erst ab Mitte des Sets hat er die zugegebenermaßen etwas suboptimale Akustik des Palladiums im Griff. Bis dahin kommen die Songs noch leicht matschig rüber. Wie von Madsen nicht anders gewohnt gehören dazu auch Coverversionen. Und von denen gibt es in Köln einige. Wir feiern ein fröhliches Wiederhören mit Klaus Lage („1000 und 1 Nacht“), The Clash („Should I Stay Or Should I Go“) oder „Smells Like Teen Spirit“. Ich vermute stark, dass die Hälfte der anwesenden Madsen-Fans noch gar nicht auf der Welt war, als der Nirvana-Klassiker veröffentlicht wurde. Mitgröhlen können sie ihn trotzdem.
Überhaupt zeichnet das die Band aus. Auf einem Madsen-Konzert kann man gleichzeitig pogen, vor Euphorie die Arme in die Luft reißen und melancholisch das Feuerzeug (oder vielmehr die Handy-Taschenlampe) schwenken. Exemplarisch seien dafür Stücke wie „Nachtbaden“ (bei dem auch Sascha, der jüngste der Madsens, mitsingen darf), „Kapitän“, „Kompass“ (das die drei Brüder zu Ehren ihrer Mutter spielen), „Ein paar Runden“, „Die Perfektion“ oder „Ich tanze mit mir allein“ genannt. In Köln tanzt niemand allein. Im Gegenteil. Die Stimmung ist durchgehend bombastisch und immer wieder wird die Band mit Sprechchören gefeiert. Zwei weitere Höhepunkte des Mainsets sind sicherlich „So cool bist du nicht“ im Duett mit Lisa Who und der Megahit „Du schreibst Geschichte“, den Sebastian Madsen allen Flüchtlingen widmet und nach dessen letztem Ton auf der Leinwand im Bühnenhintergrund ein überdimensionaler „FCK AFD“-Schriftzug erstrahlt. Mit „Nazis raus“-Gesängen der Fans verabschieden sich Madsen dann in die wohlverdiente (kurze) Pause.
Im Zugabenblock geht die Party ungebremst weiter. Sebastian bildet vor der Bühne einen „Circle Pit für die Ladies“ und lässt die Fans auf Kommando sitzen und aufspringen. Dazu singt er „Mein Herz bleibt hier“ und man zögert keine Sekunde ihm das zu glauben. Am Ende der fast zweistündigen Feierlichkeiten steht dann „Lass die Musik an“ in voller Länge und damit schließt sich der Kreis. Eigentlich würde man den Titel gerne wörtlich nehmen, aber die Hallenbeleuchtung kennt keine Gnade. Der Applaus und die Sprechchöre wollen trotzdem nicht aufhören. Bei Licht erkennen wir um uns herum glücklich verschwitzte und zufrieden grinsende Gesichter. In Köln ist wieder mal deutlich geworden, was man an dieser Band aus dem Wendland hat. Während weichgespülte deutschsprachige Musik die Radiokanäle verstopft, fröhnen Madsen kompromisslos ihrem Hang zum Alternative Rock. Gleichzeitig haben sie sich aber auch irgendwie ihren Schülerband-Charme erhalten. Das Ergebnis ist eine beeindruckende Mischung aus wohldosierter Härte, starken Texten und der Liebe zur Melodie. „Hättest du nicht Lust, mit mir den Abend zu verbringen?“, fragen Madsen in „Nachtbaden“. Nach der Vollgasveranstaltung im Palladium kann die Antwort nur „Ja“ lauten.
Hier findet ihr unsere Fotos vom Madsen Konzert am 17. November 2018 im Palladium in Köln.
Seht hier unsere Fotos vom Madsen Open Air in Trier, Porta Nigra, 14.6.2018
Hier findet ihr unsere Fotos von Madsen am 01. November 2015 im E-Werk in Köln.
Im vergangenen Jahr feierten Madsen ihr zehnjähriges Jubiläum. Drei der fünf Gründungsmitglieder sind Brüder: Johannes, Sebastian und Sascha. So wurde der Familienname auch gleichzeitig zum Namen der Band. Niko Maurer komplettiert die Madsen-Bande zum Quartett. Seit der Veröffentlichung ihres gleichnamigen Debütalbums stehen Madsen für Punk und Rock, für Laut und Leise, für Drängend und Sehnsuchtsvoll. Das ist auf ihrem neuen und mittlerweile sechsten Studioalbum „Kompass“ nicht viel anders.
Mit „Sirenen“ gelingt ihnen gleich ein vollfetter Einstieg, der mehr als nur ein bißchen Lust auf den Rest macht. Ein Stück, das sich gut auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte beziehen lässt. „Leichter“ ist eine Art Beziehungsratgeber zum Mitgröhlen und das von einem schönen Refrain getragene „Kompass“ eine Liebeserklärung an all jene, die unserem Leben eine Richtung geben. Dazwischen liegt mit „Küss mich“ ein wenig Polka. In „Ich bin korrupt“ tanzen sie mit ausgebreiteten Armen über eine bunte Blumenwiese. Bis hierhin hat der Opener nicht zu viel versprochen. Leider halten Madsen dieses Niveau aber nicht über die volle Länge der insgesamt zwölf Songs durch.
„Ich trink nur eben aus“ ist eine punkige Spassnummer, die allerdings durch das folgende und in eine ähnliche Richtung lärmende „Fluten“ zunehmend eintönig wirkt. Auch „Graue Welt“ hat man mit seinen 08/15-Riffs irgendwie schon tausendmal (und noch dazu besser) gehört. Zwischendurch holen Madsen mit „Unerreichbar“ einmal tief Luft, aber selbst dieser musikgewordenen Flucht aus der digitalen Welt fehlt die nötige Tiefe. Damit steht es nach guten und schlechte(re)n Songs kurz vor Schluss Unentschieden. Aber in der Verlängerung darf ja noch dreimal ausgewechselt werden.
Mit „Nochmal“ nehmen Madsen das Tor wieder in den Blick. Ein netter Gute-Laune-Pop-Song. Das hymnische „Über die Berge“ lässt sie dann richtig Fahrt aufnehmen, bevor sie mit „Leuchttürme“ als vollfettem Abschluss den letzten und entscheidenden Elfmeter verwandeln. Das Ding sitzt auch deswegen, weil es neben der rockigen auch die zerbrechliche Seite von Madsen zeigt und damit die zwei Gesichter der Band perfekt wiederspiegelt. Abpfiff und Sieg!
Sicherlich darf man nach zehn Jahren im Geschäft von Madsen nicht mehr die Quadratur des Kreises erwarten. Dennoch tragen sie die Fahne der Spielfreude weiterhin fröhlich flatternd vor sich her. Sie lassen sich weder auf ein Genre, noch auf einen Themenkreis beschränken. Auf „Kompass“ schaffen sie so erneut den Spagat zwischen Intimität und großer Geste.