Bonobo in der Live Music Hall, Köln 17.02.2017

Photo credit: Neil Krug
DATUM» 17.02.2017
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Von dem Tag an, als das Abschluss-Konzert der Tour zum Album „The North Borders“ im frühen 2016 auf Youtube entdeckt wurde, stand das Vorhaben ganz oben auf meiner Liste, eines Tages an einem solch beeindruckenden musikalischen Happening (unter anderem vier verschiedene SängerInnen, plus ein gesamtes Streichorchester!) teilzunehmen. Die Freude war dementsprechend groß, als das Kollektiv um Simon Green, aka Bonobo, schon Ende des selben Jahres ein neues Album und die damit einhergehende Tour ankündigte.

Es ist Freitag Abend, man reiht sich ein in die moderat große Menschenschlange vor der Live Music Hall in Köln und findet sich schon nach wenigen Minuten in eben jenem Saal wieder, in dem in Kürze  akustischer Zauber auf 1500 Leute niederregnen soll. Eine halbe Stunde und zwei KiBas später fängt der Veranstaltungsort an, sich gemächlich zu füllen. In aller Ruhe und ohne ein einziges nötiges Ausweichmanöver gelangt man an die  auserkorene Position fast unmittelbar vor der Bühne, an der sich für die nächsten zwei Stunden stehend nichts ändern wird. Ich bin bereit. Spiel‘ für mich, Bonobo.

Doch zunächst gehört die Bühne dem Opening Act: Jens Kuross. Von einem einsamen Lichtkegel beleuchtet sitzt der junge Amerikaner, eine rote Wollmütze tragend, am Keyboard und spielt seine Lieder. Sehr intim, sehr melancholisch und sehr überzeugend. Mal mit, mal ohne parallelem Beat, singt er von Glück und Schmerz, von Liebe und Angst, immer jedoch begleitet von seinem feinfühligen Spiel am Piano, das ziemlich unmissverständlich an die Klavier Balladen eines Thom Yorke erinnert. Jens Kuross‘ Liebe zur Musik findet ihren Weg hinab von der Bühne, hinein ins Herz derjenigen, die sich nicht dazu entschieden haben, noch draußen zu warten bis das „eigentliche“ Konzert seinen Anfang findet. Persönliches Highlight: Steadier.

Techniker checken noch einmal die Bühne auf Funktionalität und nun kommt der Moment, auf den alle gewartet haben. Ein Blick nach hinten offenbart: Ja, der Saal hat sich gefüllt und spätestens jetzt sollte dies auch so sein. Die Sicht offenbart einem ein wild durchgemischtes Publikum. Hier ist jung und alt vertreten, gestriegelt und lässig, Bonobo-Fans sind keiner Nische zuzuordnen.

Migration beginnt zu spielen. Das Titel- und zugleich erste Lied des neuen Albums leitet auch heute Abend die Kompilation an musikalischer Vielfalt ein und schnell wird klar warum. Der langsame Aufbau eben jenes Songs bietet sich perfekt an für die Attitüde, mit der die Gruppe so gerne ihre Bühnen betritt. Angefangen mit Simon Green – Brain, Herz und neben anderem Bassist dieses musikalischen Unternehmens – betreten die einzelnen Künstler (Keyboarder, Gitarrist, Drummer und Blasinstrumentalist) mit großzügigen Abständen die Bühne Richtung ihrer respektiven Instrumente und kosten den Anbruch des nun Unausweichlichen exzessiv aus.

Man sagt, jedem Anfang wohne ein Zauber inne und Bonobo lässt seine Konzertbesucher genau dies spüren. Hinter der sich darbietenden Akkumulation von Talenten türmen drei große, vertikal ausgerichtete Bildschirme, die das gesamte Konzert mit hypnotisierenden Bildeindrücken in Form von Videokunst untermalen. Die Darstellungen reichen von abstrakten Lichtcollagen, die an Blitz und Feuer erinnern zu Landschaften, die sich auffällig trocken und frei jeden Lebens, jedoch ebenfalls mit Formationen aus Lichtmalereien, darbieten.

Migrations Töne klingen aus, fünf Musiker stehen auf der Bühne. Das 2. Lied des Abends – Towers – lädt ein, das Team des heutigen Abends zu komplettieren. Mit ihm betritt nämlich Szjerdene die Bühne, seit „The North Borders“ regelmäßige Kollaborateurin von Bonobo. Ihre kraftvolle Stimme führt das Lied mit einer nuancierten Intensität an, die die Album Version mit Leichtigkeit in den Schatten stellt. Man ist nun vollends drin, meine Sinne ergeben sich dem Klangspektakel.

Als weitere Musikstücke folgen abwechselnd Titel verschiedener Alben. Dabei wird ein gutes Mittelmaß gefunden aus gemächlicheren, sphärisch klingenden Liedern wie Break Apart und beatbestimmten, zum Mittanzen animierenden wie Kiara und Kong. Letzteres stellt den dynamischen Höhepunkt des Abends dar. Ich schaue nach links und sehe eine Gruppe etwa 20 jähriger laut expressiver Mädchen. Ich schaue nach rechts und erkenne ein älteres Pärchen, etwa 50. Sie alle tanzen zur Musik, kaum ein Beinpaar bleibt statisch. Es ist wie eine Party.

Das nächste Lied – First Fires – stellt für mich eine Überraschung dar. Dieser Titel wird üblicherweise von Grey Reverend gesungen, der bei diesem Konzert jedoch nicht zugegen ist. Szjerdene betritt erneut die Bühne und gibt ihre Interpretation dieses in originaler Form von einer Männerstimme intonierten Stücks zum Besten.

Im Laufe des Abends wird ihre Stimme noch häufiger Titel anführen, die in ihrer ursprünglichen Form auf einen anderen Vokalisten zugegriffen hatten. Einige Stücke später singt sie Nick Murphys (ehemals Chet Faker) No Reason und in der Zugabe schließlich Cornelia Dahlgrens Pieces. Wenn es auch prinzipiell schade ist, dass Nick Murphy und Cornelia Dahlgren an diesem Abend nicht mit auf der Bühne stehen, so wissen die Varianten Szjerdenes doch sehr zu überzeugen und zu berühren. Im Falle von No Reason gefällt mir ihre Interpretation sogar einen Tick besser als die Fassung des Albums.

Nach dem Set inklusive zweier Lieder als Zugabe ist die Stimmung ausgelassen. Es war ein großartiges Konzert. Die räumlich relativ begrenzte Location und die mit sechs Personen überschaubare Anzahl an Musikern führten zu einer intimeren Atmosphäre als man sich vorgestellt hatte. Es war somit nicht das imposante Spektakel mit zehn, beziehungsweise weit über zehn Musizierenden auf einer Bühne, bei dem sogar die Streichorchester Parts live vor dem Publikum gespielt werden, auf der anderen Seite kam ich in den wahrscheinlich raren Hörgenuss von Szjerdenes No Reason und konnte eine vermutlich ebenfalls seltene Nähe zu den Künstlern genießen. Top!

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