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„Let The Music Do The Talking“ – The National im Kölner Palladium

The National  -  02.12.2019  -  Palladium / Köln

The National haben schon früh verstanden sich im schier unüberschaubaren Indierock-Kosmos einen ganz eigenen Sound zu erschaffen. So wird die Band nicht nur von uns und den Kritikerkollegen seit Anbeginn ihrer Karriere hochgelobt, sondern auch der ehemalige US-Präsident Barack Obama outete sich bereits öffentlich als Fan. Der allumfassende Ruhm stellte sich allerdings erst vor zwei Jahren mit dem Album „Sleep Well Beast“ ein. Seit der Veröffentlichung waren The National die meiste Zeit unterwegs – Festival- und Arenen-Shows auf der ganzen Welt gehören inzwischen zur Tagesordnung. Den wohlverdienten Urlaub nach dem endlosen Touren und dem gewaltigen Trubel um „Sleep Well Beast“ haben sich Sänger Matt Berninger sowie die beiden Brüderpaare Aaron Dessner (Gitarre, Bass, Piano) und Bryce Dessner (Gitarre) sowie Scott Devendorf (Bass, Gitarre) und Bryan Devendorf (Drums) allerdings nicht gegönnt: Zusammen mit Regisseur Mike Mills entstand in diesem Jahr der Kurzfilm „I Am Easy To Find“ und ein gleichnamiges neues Album, mit dem sie aktuell wieder auf Tour sind und am heutigen Abend im ausverkauften Kölner Palladium Station machen.

Auf „I Am Easy To Find“ kombinieren The National ihre gewohnten Stärken mit einer völlig neuen Herangehensweise. Noch nie zuvor kollaborierte die Band mit so vielen unterschiedlichen Musikerinnen wie auf dieser Platte, darunter die Stimmen von Sharon Van Etten, Mina Tindle, Kate Stables von This Is The Kit oder Lisa Hannigan. Hannah Georgas gehört nicht dazu. Trotzdem darf die 36-jährige Songwriterin aus Kanada den musikalischen Reigen eröffnen und später auch The National – übrigens gemeinsam mit Kate Stables und Mina Tindle – gesanglich unterstützen. Nach einer halben Stunde sanften Shoegaze wird sie mit freundlichem Applaus vorerst verabschiedet. Jetzt geraten auch die drei grossen Videoscreens im Hintergrund der Bühne in Bewegung und zeigen allerlei verwackelte Projektionen und verschwommene Bilder, bevor The National backstage zu beobachten sind wie sie sich auf ihren Auftritt vorbereiten und schließlich angeführt von Matt Berninger die Bühne betreten. Obwohl der Sound im Palladium diesmal eher suboptimal ist, brennt das Quintett für die nächsten zwei Stunden ein Feuerwerk aus hymnischen Instrumentalteilen und Berningers tiefem Bariton ab, bei dem „I Am Easy To Find“ mit acht vertretenen Songs den Vogel abschießt.

Zum Glück machen The National dabei nicht den Fehler in die klebrige Gefühlsduselfalle zu tappen, die mit jedem weiteren Moll-Akkord nur langweiliger wird. Bei insgesamt 23 Songs hätte das sonst leicht zu einem kollektiven Tiefschlaferlebnis werden können. Stattdessen bewegen sie sich in ihrer gesamten klanglichen Bandbreite durch das Palladium. Sei es bei der Akustikversion mit Gänsehautgarantie von „I Need My Girl“ oder dem rifflastigen Vollgasrocker „The System Only Dreams In Total Darkness“. Streicher und Piano durchbrechen immer wieder die galoppierenden Schlagzeugrhythmen und am Ende wird doch wieder alles von Matt Berningers Stimme zusammengehalten. Der charismatische Frontmann sucht zwischendurch den Körperkontakt mit den Fans in den ersten Reihen, bewirft sie mit vollen Bierbechern und ist auch sonst zwischen beiden Bühnenrändern viel unterwegs. Für den Roadie, der versucht ihm sein Mikrokabel möglichst knotenfrei hinterherzutragen bedeutet das Schwerstarbeit. Die anfangs etwas verhaltene Stimmung im Publikum steigert sich von Song zu Song und findet in einer fulminanten Version von „Fake Empire“ zum Ende des Mainsets ihren vorläufigen Höhepunkt.

Der Zugabenblock startet mit „Light Years“ melodramatisch. Für den krönenden Abschluss sorgen die schon traditionell sangesfreudigen Kölner dann selbst. Lediglich mit Trompeten und Akustikgitarren leiten The National den Closer „Vanderlyle Crybaby Geeks“ ein und überlassen den Song dann den Fans. Neben all der musikalischen Brillanz sind es genau solche Momente, die die ganz besondere Atmosphäre im Palladium ausmachen. Während sich draußen der aktuelle US-Präsident mit Händen und Füßen gegen ein Impeachment-Verfahren wehrt, in Hongkong Menschen um ihre Unabhängigkeit kämpfen oder in Deutschland die Politiker mal wieder nicht wissen, ob sie Fisch oder Fleisch sind, fühlt sich ein Konzert von The National wie „heile Welt“ an. Die finsteren Dämonen bekämpft man eben am besten gemeinsam. Dass die Band dabei trotz ihres immensen Erfolgszuwachses weder arrogant noch routiniert rüberkommt ist ihr hoch anzurechnen. „Wir haben lange gebraucht, um zu lernen, wie man kleine Songs auf große Weise spielt“, hat Matt Berninger mal in einem Interview gesagt. In Köln haben sie damit an diesem nasskalten Dezemberabend viele Menschen glücklich gemacht.

Hier findet ihr unsere Fotogalerie zum Konzert.

Setlist:

  • You Had Your Soul With You
  • Quiet Light
  • Don’t Swallow The Cap
  • Bloodbuzz Ohio
  • Guilty Party
  • Hey Rosey
  • Oblivions
  • Where Is Her Head
  • I Need My Girl
  • Dark Side Of The Gym
  • Secret Meeting
  • Day I Die
  • The System Only Dreams In Total Darkness
  • Rylan
  • Carin At The Liquor Store
  • I Am Easy To Find
  • Graceless
  • Fake Empire
    ——————–
  • Light Years
  • Mr. November
  • Terrible Love
  • About Today
  • Vanderlyle Crybaby Geeks