Selfie von Mutti! Chris Tall in der Arena Trier

Photo credit: Simon Engelbert
DATUM» 15.01.2017
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Er gilt als der Shooting Star der deutschen Comedyszene – und seine Karriere startete ausgerechnet in Trier. Der Hamburger war nämlich am 5. März 2011 beim Comedy Slam im Jugendzentrum Mergener Hof zu Gast und hatte dort seinen ersten echten Auftritt, wie er selbst sagt. Zwar verloren, aber seitdem geht es unaufhaltsam aufwärts. 2012 hat er den Trierer Comedy Slam übrigens gewonnen. Trotzdem: Wer hätte damals gedacht, dass Chris Tall sechs Jahre später in einer nahezu ausverkauften Arena in Trier spielen würde?

Großen Anteil daran hatte sicherlich Stefan Raab, der vielen jungen Comedians in seiner Sendung TV total eine Bühne gab und ihr Talent förderte. So hatte auf Nachfrage unter den Zuschauern auch fast jeder bei YouTube das Video gesehen, das besagten Auftritt im Jahr 2015 zeigt. Hier konnte sich Chris als Newcomer hervortun, der auch schwierige Eisen anpackt und sich nicht scheut, Minderheiten und Randgruppen mit kabarettistischen Einlagen zu bedenken. Aber das allein brachte ihn nicht in die Arena. Er hat die Ochsentour bestehen müssen, auch mal vor elf Zuschauern aufzutreten und den gleichen Elan zu zeigen wie vor 3000.

Sein aktuelles Programm heißt „Selfie von Mutti! Wenn Eltern cool sein wollen…“ und damit startete das Programm. Die Mutter hat stolz gegoggelt und macht gerne mal ein Selfie von Chris, der Vater hat alle Apps auf dem Handy und grüßt folgerichtig „What’s App“ in die Runde. Allein solche Anekdoten könnten abendfüllend sein, doch die Titel-Thematik machte nur einen Bruchteil des Auftritts aus.

Chris startete eine Publikumsbefragung, um die Anwesenden kennen zu lernen. Der Maschinenbautechniker Florian bekam sein Fett weg, Noah aus Luxemburg und der 12jährige Janice, von dem wir im Verlauf des Abends noch mehr hören sollten. Dabei zog der Comedian nicht nur über die Genannten her, sondern zeigte eine ordentliche Portion Selbstironie. „Ich bin fett und ich weiß das“. Mit solchen Sätzen fordert man Zwischenrufe wie „Dumbo“ geradezu heraus.

Auch in Parodien war Chris Tall stark, egal ob es um das Faultier Flash aus dem Film „Zoomania“ ging oder ob er zehn Minuten lang den Comedy-Kollegen Mario Barth darstellte und im Anschluss völlig außer Atem war. So verging die erste Stunde wie im Flug. Ein sympathischer Typ stand da auf der Bühne, der das Publikum fest im Griff hatte.

Da man Nachwuchstalente fördern muss, auch wenn sie Kevin heißen, sagte Chris nach der Pause seinen Kumpel Kevin Ray an, der als Gast auftreten durfte und zehn Minuten Bühnenzeit bekam. Als gebürtiger Trierer war dieser sichtlich nervös vor dem heimischen Publikum und zog eine Schneise durch ähnlich joviale und familiäre Themen, wie sie auch Chris Tall behandelte. Der Applaus des Publikums war weit mehr als Höflichkeit. Chris hat vorgemacht, wie Karrieren in Trier starten können. Vielleicht erleben wir auch Kevin bald allein auf größeren Bühnen.

Chris hingegen wandte sich dann seinem Spezialgebiet zu: Witze über Randgruppen. Damit konnte er schon zu TV total-Zeiten große Erfolge feiern und der Hashtag #darferdas? ist seit den denkwürdigen Auftritten dort nicht mehr aus dem Netz weg zu denken. „Ja, er darf das!“ möchte man rufen, denn Chris Tall begegnet den Menschen, die er verarscht, auf Augenhöhe. Behinderte, Schwule, Schwarze – Hauptsache ist, dass die Betroffenen mitlachen können. Da darf es auch mal kurz ganz ernst werden, wenn Chris von einer wahren Begebenheit erzählt, als er sich entschuldigen musste, da der Betroffene eben nicht mehr mit ihm lachen konnte. Solche Momente machten in ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit viel von diesem Comedy-Abend aus.

Stars des Tages waren aber die anwesenden Rollstuhlfahrer und der ungezwungene Umgang, den Chris mit ihnen an den Tag legte. Dafür konnte man ihn  nur bewundern. Er witzelte mit den behinderten Menschen, die es sichtlich genossen, selbst mal im Mittelpunkt zu stehen, und konnte dabei auch kräftig einstecken, wenn es mal Kontra gab und der Spastiker lauthals fragte „Wieviel wiegst du?“. Vermutlich konnten die meisten Anwesenden zustimmen, wenn Chris schließlich resümierte: Den Begriff „Minderheiten“ sollte man aus dem Wortschatz streichen und durch „Menschen“ ersetzen.

Chris Tall ist ein Comedian mit Sendungsbewusstsein und er vermittelte auch in Trier seine deutliche Botschaft: Jeder von uns hat seine Besonderheiten, die ihn über andere hinaus heben. Darüber kann man lachen, muss man aber nicht. Die Passage über Beate aus „Schwiegermutter gesucht“ ließ er bewusst weg und argumentierte auch entsprechend. Deren Mutter sei in der Vorwoche verstorben und „wenn ich mir vorstelle, dass meine Mutter stirbt und jemand reißt eine Woche später Witze darüber, dann fände ich das nicht korrekt“. Solcherlei Aussagen gehören nicht belächelt, sondern gelobt – und nach zwei Stunden Power-Programm gab es Standing Ovations in Trier.

Statt einer Zugabe setzte Chris zu einer Dankesrede für den gelungenen Abend an und begab sich in die Zuschauerreihen zu den Rollifahrern, Schwulen, Schwarzen und Kindern, mit denen er im Lauf des Abends von der Bühne aus im Dialog war. Man nahm dem sympathischen Menschen gerne ab, dass es auch für ihn ein faszinierender Abend war, und die Ovationen wurden gleich nochmal wiederholt. Ich bin sicher, wenn Chris Tall wieder nach Trier kommt, wird die Arena lange vorher ausverkauft sein.

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Letzte Aktualisierung am 24.09.2017 um 05:41 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API