The Voice of Germany – Bericht vom Konzert in Koblenz, 4.1.2018

Ich muss sagen, dass ich mich mit gemischten Gefühlen auf den Weg nach Koblenz gemacht habe. „The Voice of Germany“ läuft ja nun schon seit Jahren und es ist in meinen Augen immer noch die fairste Casting-Show im deutschen Fernsehen. Doch in diesem Jahr hatte der Schwerpunkt mal wieder enorm auf den Juroren gelegen und die Kandidaten („Talents“) rückten immer weiter in den Hintergrund. Also zuvorderst die Kabbeleien zwischen Mark Forster und Yvonne Catterfeld, außerdem der Versuch, live ein unsägliches Kalauer-Musical zu schreiben, dass dann schließlich in den ebenso unnötigen „Bauchgefühl“-Song ausartete, der den gegenwärtigen Deutschpop-Hype gehörig auf die Schippe nahm. Hoffentlich war das wirklich so ironisch gemeint, wie es bei mir ankam.

Was ich damit sagen will: Die Kandidaten sind diesmal ungewöhnlich blass geblieben. Die Siegerin Natia und Mitfavoritin Anna – okay. Das waren hervorragende Stimmen, die es zurecht bis ganz nach vorne schafften. Aber danach endete es auch schon. Die eigenwilligen Charaktere, die früher den Reiz der Liveshows und der anschließenden Tour ausmachten, blieben diesmal merklich im Hintergrund. Und genau aus dieser Not hat man eine Tugend gemacht! Das kann ich nach dem Besuch der Show in Koblenz sagen: Die drei Sängerinnen und drei Sänger agierten nämlich viel stärker als Gemeinschaft und stellten sich als Ensemble dar. Das fand ich erfrischend und stark. Hinzu kam eine fantastische Songauswahl.

Die Conlog Arena hatte sich bis zum kinderfreundlichen Showbeginn um 19.30 Uhr sehr gut gefüllt. Im hinteren Bereich waren zwar noch einige Plätze frei, doch die Veranstalter dürften zufrieden gewesen sein. Ich konnte sehr viele Kinder mit ihren Eltern im Publikum entdecken. Viele sicher auf einem der ersten Konzerterlebnisse – und das Leuchten in den Augen war entsprechend groß.

Die Bühne war übersichtlich angeordnet. Eine fünfköpfige Liveband, die man aus dem Fernsehen kennt und die absolut souverän agierte. Dazu zwei stimmgewaltige Background-Sängerinnen. Als Bühnendeko rechts ein paar Euro-Paletten an die Wand genagelt, links eine Retro-Optik mit großer LCD-Leinwand, die wie ein altmodischer Röhrenfernseher aussah. Darauf gab es diverse Einspieler aus der aktuellen The Voice-Staffel, aber auch aus vorangegangenen Jahren. Die Lightshow war nicht ausschweifend, aber absolut ausreichend.

Nach dem eröffnenden Video enterten Band und der Reihe nach alle sechs Protagonisten – jeweils von großem Applaus begleitet – die Bühne und präsentierten mit „What About Us“ und „No Roots“ gleich zwei Kracher, die dem Publikum zeigten, auf was es sich freuen durfte: Die Setlist war ein musikalischer Rundumschlag durch die aktuellen Charts und brachte einige Nummern, die selbst die kleinsten Zuschauer mitsingen konnten.

Weiter ging es mit zahlreichen Solo-Performances jedes einzelnen Talents, aber auch zahlreichen Duetten, bei denen alle wieder einmal mehr bewiesen, welch außergewöhnliche Stimmen sie haben. Die Georgierin Natia Todua zeigte sich mit „Rehab“ als würdige Siegerin der Staffel und konnte ihre vokalen Fähigkeiten gleich voll ausspielen. Die weiteren Protagonisten waren Anna Heimrath, die zwei Wildcard-Gewinner Lara Samira Will und Gregor Hägele sowie Dzenan Buldic, der für die viertplatzierte BB Thomaz nachgerückt ist, die aus familiären Gründen nicht an der Tour teilnimmt. Auch Benedikt Köstler war zum Glück mit an Bord, nachdem er den Tourstart aus gesundheitlichen Gründen verpasst hatte.

Es gab durchaus einige wunderbare Solo-Momente: Anna lieferte ein gefühlvolles „Fix You“ und setzte im zweiten Teil mit „Issues“ noch einen drauf. Gregor hatte seinen großen Moment mit „When You Love Someone“ und Lara Samira konnte allein zur Ukulele ein herzzerreißendes „Somewhere Over The Rainbow“ anstimmen. Benedikt wurde ohnehin seiner Rolle als Mädchenschwarm und Publikumsliebling gerecht. Als er schließlich Leonard Cohens „Hallelujah“ anstimmte, blieb kaum ein Auge trocken. Dzenan, der Kuschelbär, hatte zwei Einzelauftritte mit „Classic“ und „Sorry not sorry“.

Wirklich groß wurde die Show aber, wenn sich die „Talents“ als zusammen gewürfelte Ensembles aufstellten und zum Teil mehrstimmig oder mit aufgeteilten Vocals sangen. Hier konnte vor allem Gregor durchstarten, als er gemeinsam mit Lara Samira „I See Fire“ anstimmte und mit Anna „Feuerwerk“ (im Original von Wincent Weiss). Überhaupt fand sich Gregor, der in den Voice-Shows ziemlich blass blieb, hier als guter Entertainer wieder. Leider fehlte ein Moderator für die Show und die Video-Einspielungen konnten hier nur geringen Ersatz leisten. Gregor übernahm diese Rolle aber mit Bravour und moderierte viele Übergänge. Das könnte man sogar noch ausbauen, finde ich.

Teil 1 endete mit einem fulminanten, wenn auch sehr gewagten Mash-up aus Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ und Michael Jacksons „Billy Jean“. Nach dieser Performance war die 20minütige Pause auf jeden Fall nötig. Danach ging es zunächst etwas ruhig zu und man bot auf einer Sofa-Landschaft einige Akustik-Titel. Durch diese gemütliche Wohnzimmeratmosphäre kamen die Zuschauer ihren TV-Lieblingen besonders nah. Dies wurde auch zum Abschluss bei der Solo-Nummer „With a little help from my friends“ von Natia Todua bewiesen: Inmitten der Conlog Arena erstrahlte Natia und sang ihren Siegersong aus der Menge heraus und gemeinsam mit dem Publikum.

Auch Teil 2 bot eine Reihe von Highlights. Ich denke da an „Auf anderen Wegen“, vorgetragen von Gregor, Lara Samira und Benedikt, außerdem „We Could Run“ von Natia, Dzenan und Anna. Im Verbund mit den Backgroundsängerinnen waren das großartige Arrangements – und man kann die Klasse der Liveband nur bewundern, die hier für ein starkes Konzerterlebnis aus einem Guss sorgte. Am Ende lagen sich inmitten von Konfettiregen alle Protagonisten in den Armen und es gab zwei gemeinsame Highlights zum Abschluss: „Can’t Stop The Feeling“ als Nummer zum Mittanzen und „Castle On The Hill“, die ultimative Abschlusshymne.

Die Zuschauer waren längst aufgefordert worden, an die Bühne heran zu kommen, und das Sitzkonzert hatte sich zur Steh- und Tanzparty entwickelt. Erst um 22 Uhr und damit nach über zwei Stunden reiner Konzertzeit endete die Show, die vor allem die jüngeren Zuschauer wohl lange in Erinnerung behalten werden. Es gibt noch Termine in Bochum (8.1.), Wolfsburg (10.1.), Hannover (11.1.), Wetzlar (12.1.), Passau (13.1.), Ludwigsburg (14.1.), Düren (16.1.), Frankfurt (17.1.), Mannheim (18.1.), Trier (19.1.) und Regensburg (20.1.) – meine Empfehlung.

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