Tim Bendzko – starker Auftritt in der Arena Trier

Photo credit: Simon Engelbert
DATUM» 29.04.2017
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Es war kein normaler Samstag in Trier. Am Wochenende ist ohnehin immer viel los in der ältesten Stadt Deutschlands – allein durch die vielen Luxemburger, die hier ihre Einkäufe tätigen. Gestern kam hinzu: verlängertes Wochenende, „Heilig-Rock-Tage“ rund um den Dom, „Chormeile“ in der gesamten Innenstadt – und Tim Bendzko in der ausverkauften Arena. Damit konnte das Abenteuer beginnen. Mit der Suche nach einem Parkplatz und dem Anstehen zum gut strukturierten Einlass, der aber einfach Zeit kostete, da viele früh an waren, um sich beste Plätze zu sichern. Zum Glück wurde der Konzertbeginn eine halbe Stunde nach hinten verlegt und jeder war am Platz, als Tim Bendzko sich auf die Sekunde genau um 20 Uhr dem Publikum stellte und von Anfang an Begeisterungslawinen auslöste.

Was muss er sich im Moment an Häme gefallen lassen? Jan Böhmermann versucht als Jim Pandzko mit dem Song „Menschen Leben Tanzen Welt“ die deutschen Songpoeten ins Lächerliche zu ziehen. Gelingt nur bedingt, denn jeder weiß, dass englischsprachige Texte auch nicht gerade floskelfrei sind. Macht vermutlich Spaß, sich über Lyrics lustig zu machen, wenn sie mal nicht ganz so tiefgründig ausfallen. Das taten auch die Wise Guys kürzlich an gleicher Stelle in Trier, als man Tims „Keine Maschine“ als Negativbeispiel heranzog und sich über die Zeile „Und ich will leben bis zum letzten Atemzug“ mokierte. Richtig – oberflächlich betrachtet gehören Leben und Atmen zwangsweise zusammen, doch wie viele Menschen kennen wir, die ihr Leben schon vor dem letzten Atemzug aufgegeben haben?

Tim Bendzko kann hoffentlich über seine Kritiker lachen. Das wird ihm noch leichter fallen, wenn er hinter dem Vorhang steht, zum Eröffnungslied nur sein Schatten zu sehen ist und über 5.000 Zuschauer mit dem Fallen des Vorhangs in einen nicht enden wollenden Jubel verfallen. Bendzko war schon zum dritten Mal in Trier. 2011 war er als Support für Philipp Poisel in der Europahalle und durfte gerade mal 20 Minuten musizieren, ein Jahr später füllte er schon das Amphitheater. Und was seitdem passierte, ist wohl ein deutsches Musikmärchen für die Ewigkeit. Entdeckt von Xavier Naidoo schrieb er mit „Nur noch kurz die Welt retten“ einen Überraschungshit und konnte nach dem viertplatzierten Debütalbum zwei weitere Longplayer an die Chartspitze bringen. Diverse Auszeichnungen, zweimal der ECHO, Juror bei „The Voice Kids“ und „Unser Song für 2017“ – der inzwischen 32jährige hat eine beachtliche Karriere hingelegt.

Sein Auftreten in Trier hingegen war erstaunlich natürlich. Die Bühnenshow lebte vom Licht und der famosen Band – und natürlich von Bendzkos Charisma. Obwohl ganz auf LCD Leinwände verzichtet wurde, konnte man in der ganzen Halle von der Atmosphäre des Konzerts profitieren. Oft wird der Arena ja Sterilität und der Charme einer Fabrikhalle vorgeworfen, wenn sie dann aber bis auf den letzten Platz gefüllt ist, funktioniert sie als wundervoller Konzertort. Und es gelang dem Lichttechniker, eine zauberhafte Atmosphäre zu schaffen.

Die Band war zehnköpfig und bot ein starkes Bild. Schlagzeug und Keyboard, zwei Backgroundsänger, zwei Celli, zwei Streicher, je nach Instrumentenverteilung bis zu vier Gitarren. Da entstand ein wundervolles Klangbild, das die meist orchestralen Arrangements hervorragend umsetzte. Tim Bendzko wirbelte unentwegt über die Bühne und die beiden ins Publikum ragenden Laufstege, war ständig am Tänzeln und erzählte wundersame Geschichten von neu gekauften Hosen und seiner Liebe zu Basecaps. Was er vielleicht etwas überstrapaziert hat, war die Idee, in vielen Songtexten das Wörtchen „dir“ durch „Trier“ zu ersetzen. Das bleibt aber einer der wenigen Kritikpunkte.

Zu Beginn des Konzerts lag der Schwerpunkt auf dem aktuellen Album „Immer noch Mensch“. Das Gehabe des umjubelten Stars drückte Bescheidenheit aus. Er sagte explizit, dass er keine politischen oder gesellschaftskritischen Botschaften zu verbreiten hat – das könnten andere besser. Der Kontakt zum Publikum war ihm wichtiger und so war er sich auch nicht zu schade, eine ihm zugeworfen Kappe umgehend aufzusetzen und für zwei Songs etwas affig mit nach hinten hängender Grußkarte über die Bühne zu wandeln.

Die beste Stimmung kam bei den großen Hits auf: „Am seidenen Faden“, „Sag einfach ja“, „Ich laufe“ wurden textsicher mitgesungen. „Keine Zeit“ wurde zum von Bendzko angefeuerten Gesangswettstreit, „Nur noch die kurz die Welt retten“ fiel in eine Endlosschleife. Meine Favoriten waren aber „Keine Maschine“ und „Wenn Worte meine Sprache wären“ – beides sehr atmosphärisch und Gänsehaut erzeugend.

Natürlich blieb auch Zeit für Späße. Tim erklärte mit Hilfe seines Keyboarders, wie man aus drei Akkorden einen Hit schreibt – und verwendete dafür Xaviers Lied „Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)“. Das buntgemischte Publikum sang auch dieses Cover begeistert mit. Es war ein Treffen der Generationen. Viele kleine Kinder – auch ich hatte meine Minis mit dabei. Teenager, die schier in Ohnmacht fielen, wenn sich Bendzko dem Bühnenrand näherte, und Mütter, die sich den Lockenkopf insgeheim vielleicht als Schwiegersohn wünschten. Auf jeden Fall kann Tim Bendzko als Konsenskünstler Familien unterhalten. Das weiß ich aus eigener Erfahrung und bin oft dankbar dafür.

Auch wenn er die große Bühne omnipräsent beherrschte, blieb Zeit für Reminiszenzen an Tims Singer-/Songwriter-Karriere. Zur Konzerthälfte fiel der Vorhang wieder herab und es gab ein kleines Akustik-Set. Auch zwischendurch griff Bendzko häufig zur Gitarre und spielte akustische Parts gekonnt mit. Nach gut 90 Minuten gab es den letzten „regulären“ Song – doch den Zugabenteil kann man schon als ausufernd bezeichnen. Hätte mich auch gewundert, wenn er die Leute unter zwei Stunden Konzertlänge nach Hause geschickt hätte. Um 22.05 Uhr war der Vorhang wieder unten und Tim gab einen letzten Song allein mit Gitarre am Bühnenrand zum Besten. Ein bezaubernder Moment, der die Zuschauer ins verlängerte Wochenende entließ. Tim Bendzko in Trier? Immer sehr gerne!

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Letzte Aktualisierung am 19.08.2017 um 14:51 Uhr / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API