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“Leaks aus dem Lehrerzimmer” – die Leiden einer jungen Lehrerin

Katha Strofe  -  Leaks aus dem Lehrerzimmer  -  VÖ: 11.11.2020

Natürlich ist der Name der Autorin (Katha Strofe) ein ironisch gewähltes Pseudonym. Wie sie selbst sagt, hat das vertragsrechtliche Gründe: “Die Geheimhaltungsklausel in meinem Arbeitsvertrag sagt, ich darf dieses Buch nicht schreiben. Mein Gewissen sagt, ich muss dieses Buch schreiben.” Die Autorin schreibt über ein Jahr, das sie an einer Berliner Brennpunktschule unterrichtet hat. Okay – das ist jetzt nichts unbedingt Neues. Wir wissen schon lange, dass die Schule in den Problemvierteln unserer großen Städte nicht unbedingt zu den Herzens-Arbeitsplätzen der Lehrerschaft gehören. Zumal wenn man damit rechnen muss, körperlich attackiert zu werden.

Hier geht es aber nicht um Schüler im Teenageralter. Vielmehr beschreibt die junge Lehrerin ihr Horror-Jahr in einer Grundschule. Man muss allerdings dazu sagen, dass Berliner Schüler in der Regel erst nach der sechsten Klasse zu einer weiterführenden Schule wechseln. Wir sprechen hier also durchaus von 11-12 jährigen, oder auch mal von 14jährigen, falls es entsprechende Vertragsverlängerungen aufgrund schlechter Leistungen gab.

Das Buch liest sich wie ein Tatsachenroman aus dem Milieu. Flott geschrieben und mit viel (Selbst-)Ironie und Sarkasmus. Die Lehrertypen bekommen ebenso ihr Fett weg wie diverse Schülergruppen (von Migrantenkindern über Inklusionsschüler und Lernunwillige bis hin zu den Strebern, die dafür gemobbt werden). Doch was ist die Quintessenz aus der Geschichte? Dass hier Hopfen und Malz verloren ist? Dass selbst die engagierteste Lehrerin nichts an dem kruden System ändern kann? Zumindest kann ich feststellen: Integration und Inklusion funktionieren nur, wenn man das entsprechende Personal und zeitliche Ressourcen zur Verfügung stellt. Wenn die Schulstunden “Deutsch als Fremdsprache” ständig ausfallen, da die Deutschlehrerin Vertretungsstunden halten muss für Lehrer, die morgens im Stau stehen, aus Frust umdrehen und sich einfach krank melden – dann stellt man in einer Bemerkung gleich vier Fehler im System fest.

Ein Auszug aus dem Buch: “Die Geringschätzung der Kinder für ihre Lehrer ist enorm. Ich habe als Lehrerin das Gefühl, keinerlei Sanktionsmöglichkeiten gegenüber meinen Schülern zu haben. Nicht, dass ich die Kinder sanktionieren will – aber ich muss es, weil viele Kinder einfach keine Grenzen akzeptieren. Dafür gibt es etliche Gründe, die letztlich allesamt Resultat schwieriger Familienverhältnisse sind. Ich kenne schon nach meiner kurzen Zeit hier zahlreiche, wirklich erschütternd tragische Kinderbiografien. Mein Mitgefühl für diese jungen Menschen ist grenzenlos. Doch leider können ihre äußeren Umstände eben dazu führen, dass die Kinder überhaupt keinen Bock auf Schule haben und auch nicht deren Regeln befolgen.”

Mein größtes Problem mit dem Buch ist, glaube ich, dass man alle Seiten irgendwie verstehen kann: die Schüler, die ohnehin keine Chance in ihrem Leben sehen, den Direktor, der sich aus allem rausredet und die Schuld auf die Behörden schiebt, die Lehrerinnen und Lehrer, die ihr Programm entweder gnadenlos mit einem Strafsystem durchziehen oder irgendwann entnervt aufgeben – dazwischen vielleicht noch die, die sich irgendwie mit dem System arrangiert haben und sich einfach einen lauen Lenz machen.

Am Ende bietet auch die Autorin keine Lösung an. Vermutlich weil es keine gibt (zumindest nicht auf die Schnelle). Sie verlässt die Schule wieder und lässt uns im Nachhinein an ihren Erfahrungen teilhaben. Der Klappentext des Buches geht von einem Lerneffekt aus: “Lernen Sie, wenn schon die Kinder nichts ­lernen, wie man Problemschüler-Poker spielt, warum ­Lehrer und Schüler in der Schule die Mitarbeit ­verweigern, was Niveau-Limbo bedeutet, wie Rassismus in Kinder­­schuhen aussieht, weshalb Quereinsteiger schnell wieder gradlinig aussteigen, und wie die Politik durch beeindruckend schlechte Entscheidungen die Abwärtsspirale des Bildungssystems noch zusätzlich antreibt.” Ich bezweifle aber, dass man am Ende wirklich schlauer ist. Der Roman ist unterhaltsam und voller schöner Anekdoten – und am Ende bin ich zumindest froh, dass “hier auf dem Land” die Schulen noch halbwegs in Ordnung sind. Noch.