Reinhard Mey macht eine Reise in die Vergangenheit – zum Haus an der Ampel

Reinhard Mey  •  Das Haus an der Ampel
Veröffentlichungsdatum: 29.05.2020
Unsere Bewertung: 9 von 9 Punkten

“Aus der Vergangenheit hinüber in die Gegenwart”, heißt es im Song “In Wien” auf Reinhard Meys neuem Album “Das Haus an der Ampel”. Jetzt könnte man sagen, das sei doch nichts Besonderes. Reinhard Mey schreibt schon seit Jahrzehnten über Vergangenes. Über Dinge, die er – wie er sagt – selbst erlebt hat, die er erlebt haben könnte oder die ihm so zugetragen worden sind. Stücke wie “Vaters Mantel”, “51er Kapitän” und “Viertel vor sieben” sind berührende und inzwischen schon legendäre Anekdoten aus seiner Kindheit. “Meine Söhne geb ich nicht” und “Aller guten Dinge sind drei” besingen seine Kinder. In “Dann mach’s gut” und “Mr. Lee” hat er uns mitgenommen auf den langen und emotionalen Weg des Abschieds von seinem im Koma liegenden und inzwischen verstorbenen Sohn.

Man kann also sagen, dass die Hörer seiner Musik immer auch Wegbegleiter waren. Dass sie die Höhen und Tiefen eines (Künstler-)Lebens miterleben durften. Und jede neue Tour hat mit den Erzählungen zwischen den Songs diese Nähe noch vertieft. Trotzdem blieb noch Vieles unerzählt. Und selbst der 77jährige Reinhard Mey kann noch tief in der Mottenkiste graben, um uns neue Einblicke zu geben. Wie kein anderer fasst er das Leben in Worte – das menschliche Leben, manchmal aber auch das tierische. Oder gar das Wirken personifizierter Dinge wie sein Bleistift (im Song “An meinen Bleistift”).

Auf dem 28. Studioalbum gibt er besonders viel Persönliches von sich Preis. Der Titeltrack zum Beispiel gibt am Beispiel seines Elternhauses der Liebe zu den Eltern Ausdruck und führt sie durch die Jahrzehnte. Aus der Zeit, in der Reinhard selbst noch Kind war, über die liebevolle Beschäftigung des Paars mit ihren Enkeln bis hin zum Ist-Stand der Gegenwart, wo er den Verstorbenen im Wolkenthron erzählt, was aus den Enkeln geworden ist. Da hatte ich schon beim ersten Hören einen Kloß im Hals, als es sich um den verstorbenen Max drehte, der schon gegangen ist, weil er alles gesehen hat. Es sind gerade diese Momente, die trotz aller Trauer auch Zuversicht geben. Die einen wundervollen Menschen zeigen, der für sich den Weg gefunden hat, mit dem Unabänderlichen umzugehen.

Mit “In Wien” macht Reinhard eine Reise zu den Anfängen der Karriere. Als plötzlich die Hallen größer und die Hotelzimmer besser wurden. Ich mag solche perfekt formulierten Zeilen, in denen er beispielsweise Berlin und Wien vergleicht: “Du wohlvertraute, fremde, schöne Schwester meiner Stadt, die, ein Symbol, als Wegweiser den Reim schon auf dich hat”. Da stehen Nostalgie, Melancholie und unbändige Freude gleichberechtigt nebeneinander. “Wir haben jedem Kind ein Haus gegeben” beschreibt das hoffnungsvolle und trostlose Familienleben mit dem Gefühl von Heimkommen und Zusammenhalt.

Das waren jetzt erst drei Songs. Und nicht alles ist so leicht zu verstehen. “Im Hotel zum ewigen Gang der Gezeiten” wird mich in seiner Morbidität vermutlich noch länger beschäftigen. Ebenso das ominöse “Zimmer mit Aussicht”.

Und dann sind da diese Miniaturen aus kleinen Begebenheiten, die eine so große Wirkung entfalten. “Der Vater und das Kind” beschreibt seine Sicht auf einen Konzertbesucher, der sein Kind im Rollstuhl mit ins Konzert bringt.  Einfache Worte, wie der Sänger durch diese Begegnung in der Ferne bewegt ist und wie trostvoll die Wirkung dieses Ereignisses ist. Bis hin zum Sinnspruch: “Es ist ein eigenart’ger, schöner Trost, den dieses Bild mir gibt, dass man das schwächste seiner Kinder, das zerbrechlichste, immer ein bisschen inniger, ein bisschen zärtlicher liebt”. Wundervoll!

Zudem wissen wir seit langem, dass Reinhard Mey ein beseelter Geschichtenerzähler ist. Beweis dafür ist diesmal “Gerhard und Frank”. Egal, ob diese Geschichte echt oder erdichtet ist. Sie könnte sich so zugetragen haben. Und sie beschreibt in wenigen Minuten ein ganzes, ereignisreiches Leben. Von den beiden Männern, die das Schicksal zusammen gebracht hat, die sich lieben gelernt haben, die viele gute und schwere Zeiten verbracht haben – und von denen der eine jetzt, da im Alter die wirklich guten Zeiten beginnen sollten, lebensbedrohlich erkrankt und nur noch einen Ausweg sieht. Mey versteht es, die Worte so zu formulieren, dass sie wie ein Film im Kopf des Hörers ablaufen.

Nach soviel Wehmut aber auch noch ein Hinweis auf drei lustige Stücke. “Menschen, die Eis essen” beleuchtet den Genuss des Schleckens aus unterschiedlichen Perspektiven. “Häng dein Herz nicht an einen Hund” ist trotz des Titels eine verklausulierte Liebeserklärung an die Vierbeiner. Und “Ich liebe es, unter Menschen zu sein”, zeigt trotz aller Ironie in den ersten Strophen am Ende doch auf, in welcher Situation Gemeinschaft gar nicht so schlecht ist (Slogan: “Du gehst niemals allein”). Gerade in der Corona-Krise ein durchaus positiv stimmender Song.

Zwei CDs. 16 Stücke pro Album. Und ja: es sind die gleichen, aber in ganz unterschiedlichen Versionen. CD 1 bietet durchproduzierte Stücke. Mit passender Instrumentierung, natürlich viel Gitarre, aber auch Flöten, Streicher, Keyboards, E-Gitarre, Harfe, Akkordeon – eine große Klangvielfalt, die die Stimmungen unterstützt. CD 2 hingegen zeigt uns den puren Reinhard. So, wie man es von seinen Konzerten gewohnt ist: Der Meister ganz allein an der Gitarre. Fans wissen, dass diese Versionen genau so gut funktionieren, wie die großen Arrangements. Tatsächlich lenken sie sogar häufiger den Blick auf das Wesentliche, nämlich die einfache Melodie und den aussagekräftigen Text.

Reinhard Mey hat sich diesmal etwas länger Zeit gelassen für sein neues Album. Vier Jahre lagen noch nie zwischen zwei CDs. Das Ergebnis ist so großartig und bewegend wie immer. Ich freue mich schon darauf, wenn wieder Konzerte möglich sind und vielleicht auch Reinhard wieder auf der Bühne steht. Bis dahin muss man sich mit Aufnahmen wie seinem privaten YouTube-Open-Air zufrieden geben. 13 Minuten, die mir bis zum abschließenden “Viertel vor sieben” die Tränen in die Augen treiben: “Manchmal wünscht ich die Dinge wär’n so einfach geblieben und die Wege gingen nur geradeaus. Manchmal wünscht ich es wär nochmal viertel vor sieben und ich wünschte ich käme nach Haus.”

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