Indiepop aus Deutschland – die Muttersprache als lyrisches Mittel. Bosse hat es sich von Anfang an nicht leicht gemacht. Der in Braunschweig geborene Musiker steht seit langem auf einer Ebene mit Kollegen wie Clueso und Madsen. Am 20. Juni war er Headliner beim SOUTHSIDE FESTIVAL 2026. Seht hier unsere Fotos. Credit: Linda Riekers
Mit seiner neuen Single „Flackern“ verdichtet BOSSE das, was seine Songs seit jeher ausmacht: große Gefühle in klaren, unmittelbaren Bildern. Zwischen Stroboskop-Nacht und emotionalem Ausnahmezustand erzählt der Song von Nähe als Gegenentwurf zu einer Welt im Dauerrauschen – „alles ist scheiße, aber du eben nicht“. Getragen von Euphorie, Chaos und Hoffnung wird Nähe zum Gegenentwurf: ein Leuchten im Tristen, geprägt von der Sehnsucht nach mehr „Liebe in Zeiten, wo Hass regiert“.
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Das neue Album „Stabile Poesie“ erscheint am 17. April und in dem Titel steckt wie immer sehr viel Wahrheit. Es gibt hier nichts verkünsteltes, sondern unmittelbare Beobachtungen, ohne Scheu und doppelten Boden, dafür mit Empathie – deutschsprachige Popmusik mit maximaler Seele. Es geht um Empowerment, darum auch in schwierigen Zeiten Hoffnung zu behalten und sich nicht resigniert hinzulegen. „Stabile Poesie“ ist ein Album wie ein(e) gute(r) Freund(in): Es nimmt Dich in den Arm, aber es sagt Dir auch deutlich die Meinung, wenn es nötig ist. Und es macht mit stabiler Poesie und klarer Haltung für einen Moment die Welt ein bisschen besser.
Manchmal gibt es Konzerte, die so ganz anders verlaufen, als man sich das vorgestellt hat. So hatte ich keine Idee davon, was mich bei einem Konzert von Roman Lob erwartet. Der Sänger aus Düsseldorf hat vor zehn Jahren Deutschland beim Eurovision Song Contest in Baku vertreten. Damals war er gerade 21, hatte die von Stefan Raab konzipierte Show „Unser Star für Baku“ gewonnen und belegte beim ESC immerhin einen respektablen achten Platz (ja – wir waren nicht immer die Letzten im Wettbewerb).
Roman Lob lebt immer noch am Rhein, ist Sänger der Kölschrockband StadtRand und erwartet just sein zweites Kind, wie wir im Lauf des Abends erfahren durften. Außerdem ist er immer mal wieder musikalisch in der Region Trier unterwegs. Und so kam auch dieser ganz besondere Abend zustande: Vier Herzenmenschenen haben sich zusammengetan, um ihre Herzensmusik zu spielen und damit ein Herzensprojekt zu unterstützen.
Das Konzert fand im Innenhof des „Palais am Balduinsbrunnen“ statt. Der Palais e.V. ist ein Träger der Kinder- und Jugendhilfe und mit dem Erlös der Veranstaltung werden Kinder, Jugendliche und deren Familien in besonderen Notlagen und bei unverschuldeten finanziellen Engpässen unterstützt. So hatten sich zu diesem Benefizkonzert gut 150 Zuschauer im beschaulichen Innenhof inmitten von Trier eingefunden und genossen die atmosphärische Umgebung.
Punkt 20 Uhr ging es los und Keyboarder Marco Lehnertz sowie Schlagzeuger Stefan Schoch nahmen ihre Plätze auf der kleinen Bühne ein. Marco ist bekannt als Keyboarder von Jupiter Jones, StadtRand sowie den Coverbands „Dynamite Funk“ und „We Rock Queen“. Bisher habe ich ihn nur spielen gehört, umso überraschter war ich von seiner Stimme und der Performance des Gregor Meyle-Songs „Niemand“. Vocals in deutscher Sprache stehen dem Eifeler sehr gut und es war ein gelungener Start in einen fantastischen Abend. Drummer und Perkussionist Stefan ist vor allem durch seine Mitwirkung in der Thomas Schwab Band und beim Erfolgskonzept JUST SING bekannt.
Beide hätten den Abend vermutlich locker allein gestalten können, doch natürlich wurde Roman Lob als Star des Abends erwartet und stürmte zu den Klängen seines eigenen Songs „After Tonight“ vom Debütalbum „Changes“ die Bühne. Ein stimmlich brillanter Einstieg, der davon künden sollte, was vom Rest des Abends zu erwarten war. Interessant dabei: Marco und Roman wechselten sich an den Vocals ab und beide waren großartig. Wenn Marco sang, blieb Roman meist on stage und sorgte für Stimmung. Auch das machte ihn ungeheuer sympathisch.
Die Konzeptidee war: Wir gehen zusammen auf die Bühne und interpretieren unsere Lieblingslieder. Einfach und genial! Dabei gab es eine Menge Überraschungen. Marco kam mit einem melancholischen „Fields of Gold“ und dem doch recht unbekannten „Pinguine“ – im Original von Schauspieler Tom Beck. Auch Roman wartete mit spannenden Songs auf: Da gab es das soulige „Immer noch“ des Schweizers Seven und zwei akustisch filigran arrangierte Stücke des Norweger DJs Kygo („Higher Love“) sowie des kanadischen Rappers Drake („Hold On, We’re Going Home“).
Roman erzählte von seiner Nervosität, weil er in den nächsten Tagen zum zweiten Mal Vater wird. Er verteilte Schnaps an einen Zuschauer, weil dieser nicht freiwillig im Konzert war, und probierte sich im Trierer Platt: „Quant, datt dir hei seid“. Auch Marco war zu Späßen aufgelegt und spielte auf Wunsch des Publikums „Wir sagen Danke schön“ der Flippers von seinem Handy ein.
Das war aber ein musikalischer Ausreißer, denn mit „Keine ist wie du“ (wieder von Gregor Meyle) und „Zuhause“ (Fynn Kliemann) legte Roman zwei melancholische Glanzlichter hin, was Marco mit „Schönste Zeit“ von Bosse konterte. Inzwischen war der Trierer Carlos Wagner am Saxophon zur Band gestoßen und verfeinerte die Klänge mit grandiosen melodischen Einlagen. Außerdem tauschte Stefan immer häufiger die Percussion gegen ein Akkordeon, was zu der Anekdote führte, wie seine Eltern ihn früher zum Akkordeon-lernen zwangen. Beide waren anwesend und sonnten sich kurz im Applaus.
Dann war es Zeit für Kölschrock, aber auf die ruhige Art. Von StadtRand sang Roman Lob zunächst die Ballade „Wenn do laachs“, die er für seinen Sohn Jakob geschrieben hat, und dann den ungewöhnlichen Karnevalssong „Hin un widder“, der keineswegs auf Partystimmung ausgelegt ist sondern an die fehlenden Menschen erinnern soll, die uns „von oben zuschauen“. Roman nutze die Gelegenheit, um Werbung für die Weihnachtstour von StadtRand zu machen, die beispielsweise am 16.12. in Bitburg spielen werden.
Weiter ging es mit dem Hit „Save Tonight“, den Marco interpretierte, und einer ganz speziellen Version von „You’ve Got The Love“ (Florence + The Machine) von Roman. Außerdem war es wieder an der Zeit, dass Marco die Zuschauer mit deutschen Songs zum Träumen und Feiern brachte. Es gab „Still“ von Jupiter Jones und dann mit „Ein Kompliment“ der Sportfreunde Stiller einen ausgiebigen Mitsingteil. Das Publikum blieb nur noch selten auf den Sitzen – es wurde getanzt und im großen Chor mitgesungen. Inzwischen kam die Lightshow der Kulturkarawane bestens zur Geltung und man hatte allerorten Kerzen entzündet und elektronische Teelichter aufgestellt. Die Atmosphäre war traumhaft.
Nach kräftigen zwei Stunden Konzertlänge kündigte Roman im Anschluss an Johannes Oerdings „Schön“ seinen ESC-Song „Standing Still“ an, den man auch nach zehn Jahren noch erstaunlich gut im Ohr hat. Als letzte Zugabe gab es wieder einen Oerding-Song, diesmal (für die regionalen Musiker sehr passend) „Heimat“, gesungen von Marco.
Die Zuschauer spürten, dass sie Zeuge eines ganz besonderen und so nicht mehr zu wiederholenden Konzertabends geworden waren und verblieben noch lange bei Wein und Bier in der lauschigen Sommeratmosphäre des Palais. Es war ein Abend fürs Herz und für viele vermutlich unvergesslich. Eine Neuauflage im nächsten Jahr? Auf jeden Fall wünschenswert!
Songliste – Benefiz Sommer Open Air, 5.8.2022
Niemand (Gregor Meyle) – Marco
After Tonight (Roman Lob) – Roman
Fields of Gold (Sting) – Marco
Immer noch (Seven) – Roman
Pinguine (Tom Beck) – Marco
Higher Love (Kygo) – Roman
Hold On, We’re Going Home (Drake) – Roman
Für immer ab jetzt (Johannes Oerding) – Marco
Keine ist wie du (Gregor Meyle) – Roman
Zuhause (Fynn Kliemann) – Roman
Schönste Zeit (Bosse) – Marco
Wenn do laachs (StadtRand) – Roman
Hin un widder (StadtRand) – Roman
Save Tonight (Eagle-Eye Cherry) – Marco
You’ve Got The Love (Florence + the Machine) – Roman
„Wir müssen hier raus“ ist eine Hommage an Ton Steine Scherben und Rio Reiser. 35 Jahre nach Auflösung der Band und 24 Jahre nach Rios Tod sind die sozialkritischen Deutschrocker und ihr charismatischer Sänger immer noch in aller Munde. Gründungsmitglied Kai Sichtermann und sein Kollege Funky K. Götzner (seit 1974 dabei) touren inzwischen wieder als Kai & Funky mit dem Sänger Gymmick. Der Erfolg dieser Konzerte zeigt, dass die Musik zeitlos ist und die Fans auch andere Interpreten annehmen.
Grund genug also, eine Compilation wie „Wir müssen hier raus“ zu veröffentlichen, die das Erbe der einflussreichen Band am leben hält. Mit dabei ist die Creme de la Creme der politischen Popkultur: Die Sterne, Fettes Brot, Beatsteaks, Fehlfarben, Gisbert zu Knyphausen, Die Höchste Eisenbahn, Rocko Schamoni, Bosse, Neufundland, Jan Delay, Erregung öffentlicher Erregung, Schrottgrenze, Das Bierbeben, Wir sind Helden, Slime und viele mehr.
Das Ganze ist so vielseitig, dass es mir schwerfällt, Favoriten raus zu picken. Ganz vorn sind natürlich die einrahmenden Tracks, die den Meister selbst am Mikro zeigen: Der Titeltrack eröffnet die Tracklist mit einer klanglich perfekten Aufnahme aus dem Jahr 1972 und eine wundervolle Pianoversion von „Der Krieg“ schließt das fast 80minütige Album ab. Lina Maly gefällt mir unheimlich gut. Ihre Version von „Zauberland“ ist voller Melancholie und Schönheit. Wir sind Helden mit Judith Holofernes hatten „Halt dich an deiner Liebe fest“ schon vor Ewigkeiten im Programm und Jan Delays vernäselte Version von „Für immer und dich“ ist gewöhnungsbedürftig aber sehr atmosphärisch. Auch die neuen Deutsch-Poeten wie Bosse und Gisbert zu Knyphausen holen alles aus den Songs raus, während die Beatsteaks in „S.N.A.F.T.“ ihre ganze Energie freilegen.
Ton Steine Scherben und ihr Sänger Rio Reiser schafften etwas, was bis dahin unmöglich schien: Gute, authentische Rockmusik mit deutschen Texten zu machen, die nicht peinlich klangen, sondern ganz natürlich. Die Lieder waren politisch, doch sie gingen vom Individuum aus, von subjektiven Erfahrungen der Unterdrückung und Frustration sowie vom Wunsch nach Gemeinschaft und Freiheit. Kurz: Die Stücke hatten eine Botschaft.
Die liebevoll gestaltete Veröffentlichung erscheint auf farbigem 180g-Doppel-Vinyl (+CD-Beilage), auf CD im Digipack, sowie als Download und Stream. Dazu gibt es ein umfangreiches Booklet mit einem Vorwort von Frank Spilker, einem exklusiven Text zur Geschichte der Scherben von dem Journalisten Michael Sontheimer (Ex-TAZ Chefredakteur) sowie Gedanken zu Rio Reiser von Judith Holofernes.
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Indiepop aus Deutschland – die Muttersprache als lyrisches Mittel. Bosse hat es sich von Anfang an nicht leicht gemacht. Der in Braunschweig geborene Musiker hat das Zeug zum großen Songwriter und steht seit langem auf einer Ebene mit Kollegen wie Clueso und Madsen. Die prominente Unterstützung kommt diesmal allerdings aus ungewohnter Ecke: der deutsch-amerikanische Rapper Casper bereichert „Krumme Symphonie“ mit seinem Sprechgesang. Eine ungewöhnliche Kombi, zugleich aber auch ein Highlight des neuen Albums.
Das letzte Werk „Kraniche“ war sehr ruhig gehalten. Mit Pianoklängen, verzauberten Geschichten und feinfühligem Gesang. Die Liebe zur deutsch-türkischen Frau spielte eine große Rolle und schlug sich zeitweise im Instrumentarium wieder. Nun aber geht es in eine andere Richtung. Schluss mit reduzierten Songversionen: Es darf geklotzt werden. Ein Chor, Bläserklänge und Streicher bereichern ausufernde neue Arrangements.
Der Titel „Engtanz“ ist da schon irreführend. Die elf Tracks sind weit entfernt vom Klammerblues, der uns in jungen Jahren über manche Tanzsession hinweg gerettet hat. Hier darf ruhig ausgelassen getanzt und gerockt werden. Die Tagträume beschreiben Licht und Schattenseiten. „Steine“ verursacht ein beklemmendes Gefühl, „Nachttischlampe“ hat Melancholie zu bieten und „Dein Hurra“ lässt die Puppen tanzen. Bis zum orchestralen Ausklang mit dem eingängigen „Ahoi Ade“ ist alles stimmig und ich lasse mich gern auf die Engtanz-Reise ins Leben mitnehmen.
Der Grund zum Optimismus ist nachhaltig: 2013 hat Bosse den „Bundesvision Song Contest“ gewonnen, ist mit dem „Deutschen Musikautorenpreis“ ausgezeichnet worden, hat den Hamburger Musikpreis „Hans“ gleich dreifach eingeheimst. Er hat mit der letzten Platte allein über 100 Konzerte und die größten Festivals gespielt, bevor er im Herbst 2013 auf einer abermals ausverkauften „Kraniche“-Tour in opulenter Akustikbesetzung mit 11 Musikern und insgesamt 48 Instrumenten auf der Bühne zur leisen Landung aufgesetzt hat. Zuspruch, Anerkennung, Aufmerksamkeit und Bewunderung von allen Seiten. Bosse hat sich endgültig in der ersten Liga seiner Zunft auf die vorderen Plätze gespielt.
„Das alles war unglaublich intensiv, schön und berauschend“, so Bosse heute. „Nach all dem ein neues Album zu schreiben, war eine ziemlich große Herausforderung. Ich musste erstmal Ruhe finden, verarbeiten und schauen, worüber es sich lohnt zu singen. Nach fünf Alben hat man schon viel gesagt. Die einzige Chance, die ich in den Texten sah, war, noch tiefer zu gehen und den Zustand zu beschreiben, in dem ich mich befinde. Meine Jugend ist vorbei und die letzten Jahre waren geprägt von großen, tollen Dingen, aber auch von Trauer und Abschieden. Es ging mir darum, mich dem zu stellen und auf volle Konfrontation mit mir zu gehen. Eng zu tanzen mit sich selbst, den anderen und dem Leben.“
„Mordor“ ist einer der Schlüsselsongs. Bewusst in die Albummitte gestellt, erzählt er vom Erwachsenwerden, vom Älterwerden, vom wehmütigen Blick zurück. Der Berliner Kneipenchor funktioniert da als kongeniale Verstärkung – und Tolkiens Schwarzes Land „Mordor“ als Songtitel ist ein spannender Schachzug, führen doch von hier wie im echten Leben unzählige Pässe in unentdecktes Land.
Meisterhaft fängt Bosse Stimmungen ein, gießt sie in genau die richtigen Töne und Worte. Die Ideen scheinen ihm niemals auszugehen. Er nimmt Momente, die wir alle kennen, und erzählt seine Geschichte, als sei es die unsere.
Albumplayer:
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