Mit den Wise Guys hat er schon vor Zehntausenden Zuschauern gesungen, doch nach dem Ende der erfolgreichsten deutschen Vokalgruppe hat er sich entschieden, nicht etwa a cappella weiter zu machen, sondern fortan sein Geld als Singer / Songwriter zu verdienen. „Alles auf Anfang“ heißt dementsprechend auch das Soloalbum – und es kommt bei den Fans sehr gut an (lest HIER unsre Review).
Zunächst einmal ist es gewöhnungsbedürftig, Eddi vor einem sitzenden Publikum in der Trierer Tuchfabrik zu sehen. Der Saal war auch nur halb gefüllt. Doch es war ein enthusiastisches Publikum, das dem Sänger von Beginn an begeistert folgte, als er mit dem Titelsong des Albums die Show startete.
Er war auch nicht allein auf weiter Flur. Als kongenialen musikalischen Partner hatte er sich Tobi mitgebracht, den Klavierlehrer seiner Kinder. Der bediente wahlweise das Keyboard, den Bass und ein Cajon. Und überhaupt war er als Sidekick eine großartige Bereicherung für den Abend.
Eddi versuchte sich auch an mehreren Instrumenten: hauptsächlich an der Gitarre mit Ausflügen Richtung Keyboard. Außerdem gab es einen elektronischen Ersatz für diverse A-cappella-Passagen: eine Loopstation, mit der Eddi immer wieder Geräusche und Klänge aufnahm, um sie mehrstimmig abzuspielen.
Die Songs waren bunt gemischt vom Soloalbum – dazu gab es aber auch neue Titel und Cover zu hören. Mit launischen Geschichten leitete er die Songs ein und erzählte unter anderem von seinem 13jährigen Sohn und dessen Nackenschmerzen. Der Arzt hatte das Smartphone-Problem erkannt und eine „Daumenpause“ verordnet. So hieß dann auch das entsprechende Lied.
Foto: Julia Nemesheimer
Als englischsprachige Coverversion gab es „You Raise Me Up“ in einer eindringlichen Version. Und später im Programm auch den eigenen Titel „Why“, der Eddi zu der Bemerkung veranlasste, dass er in London geboren und aufgewachsen sei. Es bestand aber gar keine Notwendigkeit, die Verwendung englischsprachiger Lyrics zu begründen. Diese standen ihm genauso gut wie das übrige Programm.
Aus einem Koffer mit eigentümlichen Instrumenten zauberte Eddi ein altertümliches Xylophon hervor, auf dem Tobi auf Zuruf des Publikums den Wise Guys-Hit „Ohrwurm“ intonierte. Das war dann aber auch die einzige Hommage an die Vergangenheit. Vor der Pause, die nach einer Stunde erfolgte, griff Eddi zur Ukulele und nahm uns mit zu einem „Spieleabend“.
Der Start nach der Pause war sehr atmosphärisch mit einer Vertonung des Gedichts „Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“ von Hermann Hesse. Das empfand ich als sehr berührend. Es gab aber auch weiterhin genügend Klamauk: Eddi interpretierte ein veganes Trennungslied und er ließ Tobi für einen Solospot allein, der am Piano einige Highlights aus „100 Hits in C-Dur“ zu Gehör brachte. Als besondere Challenge mussten die beiden auf Wunsch des Publikums in der Verkörperung von Reinhard Mey (Tobi) und Klaus Kinski (Eddi) den Hit „Über den Wolken“ darbieten, was zum Lacherfolg wurde.
„Ab durch die Mitte“ war der Abschluss des regulären Sets. Im Zugabenteil gab es den gesellschaftskritischen Hit „Mach das Maul auf“ und ganz zum Schluss eine Neuinterpretation von Simon & Garfunkels „The Boxer“, die die Lebensgeschichte eines Dachdeckers beschrieb.
Eddi und Tobi konnten mit ruhigen Tönen berühren und mit ihrem Humor das Publikum begeistern. So war es ein rundum gelungener Abend. Eddi hat den Sprung von der Band in die Solo- bzw. Duopfade geschafft und man darf ihm viel Glück für die Zukunft wünschen. Der Anfang ist gemacht.
Die sorbische Sage um den Zauberlehrling Krabat ist hierzulande hauptsächlich durch den gleichnamigen Roman Ottfried Preußlers und dessen Realverfilmung aus dem Jahr 2008 bekannt. Der Stoff inspirierte allerdings auch zahlreiche andere Künstler – unter anderem die deutsche Rockband ASP zu ihrem ebenfalls 2008 veröffentlichten Doppelalbum „Zaubererbruder – Der Krabat-Liederzyklus“. Zum 10jährigen Jubiläum brachten ASP das Werk letztes Jahr erstmals live in voller Länge auf die Bühne und tourten damit erfolgreich durch Deutschland. Der Mitschnitt dieser ungewöhnlichen Tour ist nun als „Zaubererbruder – Live & Extended“ auf CD erhältlich.
Der ursprüngliche Liederzyklus wurde für die Bühnenfassung um drei neue Stücke sowie eine abschließende Lesung erweitert. Außerdem unterstützen drei Gastmusiker die Band: Nikos Mavridis begeistert mit virtuosem Violinenspiel, Thomas Zöller verleiht mit Dudelsäcken, Tin Whistle und Concertina den Songs den nötigen Folk und Patty Gurdy verzaubert mit ihrem Gesang als Krabats Geliebte Kantorka und sorgt außerdem mit ihrer Drehleier für einen besonderen Sound. So wird der kraftvolle düstere Rock von ASP erweitert zu einem atmosphärischen und abwechslungsreichen Klangerlebnis, und der Zuhörer wird ganz in den Bann der fesselnden Geschichte gezogen.
Die Hauptrolle spielt dabei eindeutig Frontmann Asp Spreng, der nicht nur die Lieder unglaublich intensiv und eindrücklich interpretiert, sondern auch mit den passenden Ansagen und Überleitungen durch den ganzen Konzertabend führt. So erleben wir Krabats Zeit als Betteljunge mit und wie er zur Teufelsmühle kommt, wo der Meister seinen Lehrlingen nicht nur das Müllerhandwerk, sondern auch die Zauberkunst beibringt – eindrucksvoll demonstriert in „Denn ich bin der Meister“. Jedes Jahr in der Osternacht allerdings muss einer der 12 Lehrlinge sterben, um das Leben des Meisters zu verlängern und Platz für einen Neuen zu machen, wie wir im rockigen“ Elf und Einer“ und dem neuen Lied „Geh und heb dein Grab aus, mein Freund“ mit seinem starken Acappella-Intro erfahren.
Bis dahin deckt sich die Geschichte mit Preußlers Roman, doch während dort Krabat durch seine Geliebte Kantorka erlöst wird und mit ihr fliehen kann, dürfen sich hier die Liebenden zwar mit dem stimmungsvollen Duett „Mein Herz erkennt dich immer“ ihre Liebe schwören, doch sie werden entdeckt und Kantorka vom Meister getötet. Krabat verlässt die Mühle und zieht in den Krieg, den ASP übrigens nicht mit eigenen Worten, sondern mit dem traditionell überlieferten Volkslied „Der Schnitter Tod“ beschreiben. Krabat überlebt und kehrt nach langen Wanderjahren schließlich zur Teufelsmühle zurück, wo „Der geheimnisvolle Fremde“ den Meister bezwingt – im erstaunlich beschwingten Dreivierteltakt – und gemeinsam mit den Zauberlehrlingen die Mühle vernichtet. „Am Ende“ blickt Krabat nachdenklich auf sein Leben zurück und fragt sich in der Lesung „Das andere Ende“ sogar, ob er sich überhaupt richtig erinnert und die Teufelsmühle nicht eigentlich noch steht.
Soweit die Geschichte „Zaubererbruder“ – das Konzert wird aber noch abgerundet mit der Zugabe „Die Untiefen“ vom Album „Zutiefst“ und dem bewegenden Abschiedslied „Nehmt Abschied / Auld Lang Syne“.
Die Veröffentlichung „Zaubererbruder – Live & Extended“ hat ein ganz besonderes Live-Erlebnis eingefangen und lässt sich auch völlig unabhängig vom restlichen ASP-Universum genießen, einfach wegen der spannenden Geschichte und der tollen Atmosphäre.
Besonderes Lob verdient darüber hinaus die Gestaltung dieses Live-Albums in Form eines kleinen Buches, in dessen Buchdeckeln sich die zwei CDs verbergen und das im Innenteil neben den umfangreichen Liedtexten auch zahlreiche stimmungsvolle Fotos der Tour enthält, die erahnen lassen, dass die Konzerte auch visuell sehr beeindruckend gewesen sein müssen. Insgesamt also eine lohnende Anschaffung – für ASP-Fans allemal, aber auch für alle, die sich für die Krabat-Sage interessieren und düsterem Folk-Rock nicht ganz abgeneigt sind.
Langsam aber unaufhaltsam haben sich SDP in den letzten Jahren in der Deutschrock- / Deutschpunk-Szene etabliert. Keine andere deutschsprachige Band schafft eine ähnlich schamlose Fusion der Genres. Auch auf SDPs neuntem Studioalbum „Die unendlichste Geschichte“, das am 01. März erschienen ist, prallen Musikwelten aufeinander. Manchmal sogar innerhalb eines einzigen Songs. Featuregäste wie Bela B, Capital Bra, 257ers, Nico Santos, Teesy und Blokkmonsta unterstreichen die Vielfalt des Albums.
Stonedeafproduction, wie sich die Zwei-Mann-Combo aus Spandau in vollständiger Schreibweise nennt, besteht aus den Musikern Vincent Stein und Dag-Alexis Kopplin. Und die Band kann tatsächlich schon ihr 20jähriges Bestehen feiern. Zum Jubiläum haben sie es dann endlich auf Platz 1 der deutschen Charts geschafft, nachdem sie diesen Erfolg schon lange anvisiert hatten.
Während in der Vergangenheit die SDP-Alben stellenweise starken Hörspiel-Charakter hatten, steht diesmal die Musik im Vordergrund. Natürlich gibt es auch einige verbale Gimmicks und Spielereien, aber längst nicht so ausufernd wie sonst. Die Mischung reicht von Punk-Songs nach Art von K.I.Z. und den Ärzten über Deutschrock und weltmusikalische Elektronik-Songs à la Culcha Candela und Seeed bis hin zu starken Rap-Einlagen.
Die üblichen gegenseitigen Kabbeleien der beiden Protagonisten münden in den Anti-Tierversuchs-Song. Daneben gibt es weitere durchaus gesellschaftskritische Titel wie „Merkste selber, wa?“ und das knallharte „Nein!“. Die Spaßtitel „Nur Bier“, „Gleich gleich gleich“ und „Nur ein Unfall“ machen einfach Freude. Dazu kommen zwei ruhige Songs („Unikat“ sowie „Ohne dich“), mit denen SDP ihre ernsthafte Seite zeigen.
Für Genrefetischisten und Menschen, die sich und ihre Welt zu ernst nehmen und in engen musikalischen Grenzen denken, bleibt SDP wohl weiterhin ein Albtraum – und das gefällt den Jungs ganz gut. Jeder Freund guter deutscher Rockmusik sollte dringend mal rein hören. Soundmäßig ist es der Hammer – lupenrein und voller versteckter Anspielungen. Die Melodien gehen ins Ohr und überhaupt macht das ganze Album einen Riesenspaß.
Mit „Still On My Mind“ liefert Dido ihr erstes Album seit fünf Jahren. Und ja: Sie ist uns im Gedächtnis geblieben. Es genügen einige Lyrics aus ihrem Mund und schon erinnert man sich an die charismatische Stimme, die dereinst unter anderem den Rap von Eminem veredelte.
„Still On My Mind“ ist Didos fünftes Studioalbum, der Nachfolger ihres gefeierten Longplayers „Girl Who Got Away“ aus dem Jahr 2013. Alle Songs wurden in ihrer englischen Heimat komponiert und aufgenommen. Unterstützung bekam die Musikerin dabei von ihrem langjährigem Songwriting-Partner und Bruder, Faithless-Gründer Rollo. „Es war ganz simpel“, sagt Dido. „Ich wollte nur unter einer einzigen Bedingung ein weiteres Album aufnehmen: Wenn ich mit ihm arbeiten könnte. Alles hat sich sehr leicht angefühlt. Die Vocals haben wir ganz entspannt auf dem Sofa aufgenommen. Viel entstand bei mir zu Hause.“
Das Album beinhaltet eine breite Palette an unterschiedlichen Musikstilen und Genres. Angefangen bei Didos geliebtem HipHop, über einen Abstecher zu ihren Folk-Wurzeln, bis hin zu Einflüssen aus Dance und Electronic, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Platte ziehen und selbst auf Stücken ohne elektronischen Beat deutlich spürbar sind. Im Kern jedoch spiegeln die Songs ganz die Essenz dessen wider, was Didos Songs persönlich und emotional schon immer ausgemacht haben.
Bezeichnend für Didos Musik sind der ruhige Aufbau und die sphärischen Klänge ihrer Musik. Manchmal reicht es, ihre Stimme im Hintergrund nur leicht mit elektronischen Elementen zu umspielen, wie beim gänsehauterzeugenden Abschluss „Have To Stay“. Dann erzählt sie wundervolle, nachempfindbare Geschichten: „You Don’t Need A God“ erzählt davon, wie der stampfende Beat eines vorbeifahrenden Autos etwas in ihr auslöst. Eine Erfahrung, die sicher jeder schon einmal gemacht hat.
„Still On My Mind“ ist voller Highlight und wird ganz getragen von Didos wunderschönen Vocals. Bei modernen Produktionen bin ich oft genervt von den ausufernden computergenerierten Elementen. Auch hier werden viele Klänge am Synthesizer erzeugt, doch diese spielen sich nie in den Vordergrund. Es ist Didos Stimme, die zählt – und es scheint egal, womit man sie umspielt. Sie klang nie größer und besser!
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Ross Antony hat sein neues Schlageralbum nicht etwa zur Karnevalszeit veröffentlicht, sondern elegant den Aschermittwoch vorbeiziehen lassen – und er hat gut daran getan! Was bei den Feten und Umzügen der letzten Wochen aus den Boxen schallte, war doch äußerst nervtötend. Ihr wollt wissen, wie die Mutter von Niki Lauda heißt? Und wer mit Cordula Grün tanzt? Oder mit Helikopter 117 den Hub, Hub, Hub macht? Genau. Das waren die Hits der Saison. Da lobe ich mir doch den guten alten Schlager, dem Ross Antony hier mal wieder huldigt.
Den Anfang macht er nicht etwa in Form eines Fetenhits, sondern mit dem nachdenklichen Musical-Hit „Ich bin was ich bin“ aus „Ein Käfig voller Narren“. Sehr stark in einer Zeit, da die Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen in gewissen Schichten fast schon als gesellschaftskonform gilt. Dass man in der Öffentlichkeit – und vor allem als Paradiesvogel – manchmal auch ein dickes Federkleid braucht, ist eine Kehrseite der Medaille. Keiner weiß das so gut, wie Ross Antony. In seinem Leben hat er so manche berufliche wie private Hürde nehmen und so manchen Gegenwind überstehen müssen. All das steckt in diesem Song.
Und danach geht es gleich in die Vollen mit hervorragend eingesungenen Genre-Klassikern: „Fiesta Mexicana“ und „Anita“ entführen in die große Zeit der ZDF-Hitparade. „Liebeskummer lohnt sich nicht“ geht noch einige Jahre weiter zurück. „1000 und 1 Nacht“ macht den Deutschrocker von Klaus Lage zum absoluten Schlagerhit. Und sowohl „Volare“ als auch „Que Sera Sera“ entführen in internationale Gefilde.
Ross Antony ist ein Garant für gute Laune. Als Entertainer par excellence, liebt er es einfach, sein Publikum zu unterhalten. Singend und tanzend versprüht der gebürtige Engländer jede Menge Spaß und Emotionen. Dass das nicht nur in seinen Liveshows funktioniert, beweist er par excellence. Seit 2013 ist Ross Antony im Deutschen Schlager angekommen und hier mittlerweile auch nicht mehr wegzudenken.
Als Bonustrack gibt es „The One and Only“ von Chesney Hawkes, den Ross als Kind mit einer Haarbürste als Mikrofon vor dem Spiegel performte. Dieser Abschluss beweist zum einen, dass gute Schlager oft auch eine internationale Qualität haben, und zum anderen, dass Ross Antony seinen Weg gefunden hat und ihn unbeirrbar bestreitet. Solche Alben haben nicht die Ironie eines Guildo Horn, sondern sind durch und durch authentisch. Gut finde ich beides – Schlager lügen nicht!
Vor dreißig Jahren gehörten Tesla zu den angesagtesten Rockbands dieses Planeten. Während andere Kollegen ihrer Hair Metal- und Glamrock-Lust fröhnten oder gnadenlos auf der Grunge-Welle ritten, stand der Name Tesla für eine Mischung aus deftigem Rock und erdigem Blues. Zwischen 1989 und 1994 veröffentlichte das Quintett aus Sacramento mit „The Great Radio Controversy“, „Five Man Acoustical Jam“, „Psychotic Supper“ und „Bust A Nut“ vier Alben, von denen eines grossartiger war als das andere. Vielleicht haben Tesla ihre treue Fanbase aber auch der Tatsache zu verdanken, dass sie seit ihrer Gründung in nahezu unveränderter Besetzung zusammen spielen. Einzig Gitarrist Tommy Skeoch verließ die Band 2006 endgültig. Zu diesem Zeitpunkt hatten Tesla gerade eine zehnjährige Pause hinter sich. Leider haben sie danach ihre frühere Klasse nie wieder erreicht. Die Alben „Into The Now“, „Forever More“ und zuletzt „Simplicity“ von 2014 waren eher solide. Umso gespannter durfte man sein, ob es Tesla mit ihrem jetzt erscheinenden achten Studioalbum „Shock“ gelingen würde, an ihre besten Zeiten anzuknüpfen.
Der Opener „You Won’t Take Me Alive“ gibt allen Anlass zu Optimismus. Ein dreckiges Stück Rock, das genau so klingt, wie wir in den Achtzigern rumgelaufen sind: Mit Wildlederstiefeln, breitbeinig und voller Adrenalin, in der einen Hand das Bier, in der anderen die Kippe. Dabei hätte einem der einleitende „Huah“-Schrei eigentlich schon eine Warnung sein können. Zunächst aber setzt das pulsierende „Taste Like“ die testosterongeschwängerten Erinnerungen an jene Partyabende vor drei Jahrzehnten fort, an denen wir noch jung und unsterblich waren. Das macht Bock auf mehr. Leider aber reißt der Film mit dem folgenden „We Can Rule The World“ jäh und gnadenlos ab. Der Song ist eine vor Pathos triefende Schmonzette mit Geigen, Chorgesang und einer albernen spanischen Gitarre. Ich frage mich allen Ernstes, ob hier nicht ein Fehler vorliegt und aus Versehen ein Song von Bon Jovi auf das Album gepresst wurde.
Das stampfende Titelstück lässt zarte Hoffnung auf Besserung aufkommen. Allerdings nur kurz. Wenn man es gut mit der Band meint, dann lässt sich „Love Is A Fire“ noch als hymnische, wenn auch etwas kraftlose Ballade verkaufen. Danach ist der Bonus aufgebraucht. Die zweite Singleauskopplung „California Summer Song“ ist ein Gute Laune-Sonne-Dauergrins-Liedchen der Marke Kid Rock inklusive Mitklatschrhythmus für die nächste Beach-Party. Aber es kommt noch schlimmer. „Forever Loving You“ ist mindestens so schnulzig wie sein Titel es vermuten lässt und würde hervorragend als Soundtrack zu einem zweitklassigen Teenagerfilmchen passen. Sind das wirklich Tesla, die der Rockwelt einst solche Klassiker wie „Comin‘ Atcha Live“, „Gettin‘ Better“, „Song & Emotion“, „Modern Day Cowboy“, „Edison’s Medicine“, „Paradise“ oder „Love Song“ beschert haben?
Sie müssen es sein, denn die darauffolgenden „The Mission“ und besonders das fette „Tied To The Tracks“ mit seinen Kreissägengitarren sorgen für Licht am Ende des Tunnels. Bis dieses erreicht ist, begeben sich Tesla im seichten Poprocker „Afterlife“ noch einmal auf Bon Jovi-Niveau und lassen „Shock“ ansonsten mit dem bombastisch rotzigen „I Want Everything“ und dem stakkatoartigen „Comfort Zone“ zumindest halbwegs versöhnlich ausklingen. Die einzige Konstante, die sich während der gesamten Albumdauer auf gewohnt hohem Niveau präsentiert, ist die Stimme von Jeff Keith. Der Rest ist bestenfalls durchwachsen. Wahrscheinlich kann die Band von ihrem Wiedererkennungswert nach wie vor gut leben, aber mit „Shock“ sind Tesla weit davon entfernt die einstige Verehrung neu zu entfachen. So durchschnittlich wie sich die zwölf Songs anhören, fällt dann letztlich auch die Wertung aus.
Nach 19 Jahren kommt das „Mastermind des deutschen AOR“ (Musikexpress), Thomas Thielen, doch noch auf die Bühne (HIER unsere Newsmeldung). T, wie der sympathisch-grummelige Soundarchitekt in der Szene bekannt ist, hatte in dieser Zeit acht eigene Alben produziert, die er im Alleingang eingespielt und produziert hatte, und sich zudem als Produzent und Berater anderer Acts einen Namen gemacht, so dass er z. B. vom Eclipsed-Magazin unter die 10 wichtigsten Personen des gegenwärtigen ArtRock gezählt wird. Uns stand dieser „unbekannteste Topstar“ (Empire) der Musikszene für ein Interview zur Verfügung.
MHQ: Das holländische Musikmagazin io-Pages nannte es eine Sensation erster Güte, als du die Tour angekündigt hast. Die Loreley wollte dich für das Festival unbedingt haben, und du warst der zweite Künstler überhaupt, um den man sich bemüht hat, was eine hohe Wertschätzung ausdrückt. Warst du überrascht davon?
T: Äh, ja. Völlig. Als das Eclipsed mich zum Frontman der Allstars erklärt hat und ich mit einigen Idolen meiner Kindheit auf die Bühne durfte, fand ich das schon sehr, naja, gewagt, aber ich dachte: Sag mal nix und nimm es einfach mit… jetzt ist mir das allerdings schon ein bisschen unheimlich. Ich hatte Anfragen aus ganz Europa für eine Tour! Aber ich dachte, ich lerne erst mal gehen, bevor ich mich auf das Fliegen einlasse. Ich hatte zwar Jahre mit 50 Auftritten drin, aber das war halt in anderer Zeit, unter ganz anderen Umständen… so anders, dass die Aufnahmen davon nur als MC vorliegen. Außerdem wäre meine Familie ein bisschen arg ins kalte Wasser geworfen worden, und ich als Keller-Nerd hab mir ein echtes Tour-Leben auch nicht so richtig zugetraut… Also, ja, ich war überrascht, und ich hab auch ein bisschen Bammel, dass rauskommen könnte, dass ich eigentlich echt nicht so gut bin…
MHQ: Na, komm, du musst doch mitbekommen haben, dass Kritik und Verkaufszahlen durchgängig mindestens gut waren. Amazona nennt dich „Prog-Ikone“. Und du produzierst gerade das achte Album im Alleingang… Das hier ist doch Pose!
T: Ich weiß schon einigermaßen, was ich kann, aber eben auch, was nicht. Ich registriere natürlich die Presse, aber ich habe mir abgewöhnt, das wirklich an mich ranzulassen. Was soll ich denn damit anfangen, wenn mir mein Label sagt, ich sei der bestverkaufende deutsche Act? Im Prog verdienst du da eher in der Währung „Döner“ als in der Währung „Sportwagen“… Was ich da mitnehme, ist eher: Cool, das nächste Album ist gesichert! Ich bin da immer noch ziemlich in der Perspektive meines 14jährigen Ichs verhaftet, für das „Plattenvertrag“ ein magisches, unerreichbares Wort war und das staunend und enthusiastisch neben mir steht. Wirklich, ich bin jeden Tag überwältigt davon, dass das mir tatsächlich passiert. Ist ein schönes Gefühl, wenn du weißt, dass du dein Ü40-Ich mit 14 wohl ganz cool gefunden hättest. Und da ging es immer um Platten! Livegigs hatten wir zu Genüge, ich war eigentlich dauernd auf irgendeiner Bühne… Deswegen ist der große Moment auch nicht die Nennung der Verkaufszahlen, sondern ganz eindeutig das Unboxing der fertigen CD. Das ist jedes Mal ein Moment mit Pipi inne Augen.
Und das Einspielen, naja, das bietet so viele Versuche, wie ich will. Live ist da nur einer… Und da hat irgendein Depp, der sich t nennt, furchtbar schwierige Musik geschrieben, und jetzt hab ich den Salat. Beim nächsten Mal mach ich beim dritten Akkord Schluss!
MHQ: Was dürfen wir denn live erwarten?
T: Also, auf jeden Fall darfst du einen etwas zittrigen Frontman erwarten. (Lacht.) Nein, auf der Bühne geht es mir immer gut, nur davor und danach bin ich notorisch unzufrieden. Aber der VVK läuft erschreckend gut, und ich hoffe halt und reiße mir Beine dafür aus, dem auch gerecht zu werden. Ich selbst bin, wie gesagt, nie zufrieden, aber es wäre cool, wenn die Leute es sein könnten…
Musikalisch bürsten wir ein bisschen gegen den Strich. Die Show ist nicht als Party geplant, eher als Reise, als Auszeit. Ich will nicht spoilern, aber vielleicht so viel: Die Songs, die ich ausgewählt habe, weisen die Show mehr in die Richtung eines Cure-Konzerts, eines Björk-Gigs, von Sigur Ros‘ Live-Ideen: Es wird eher melancholisch, hoffentlich eine Art Film, in den der Hörer eintaucht. Deswegen haben wir teilweise auch auf Bestuhlung gedrängt, so weit das ging. Ich hoffe, die Leute haben Lust auf sowas.
MHQ: Klingt nach einer sehr speziellen Show…
T: Ja, und da muss jeder Ton sitzen. Ich musste also 4 Musiker minutiös einschwören, dass t nicht mit Virtuositätsgehabe funktioniert. Die Musik braucht die absolute Vorherrschaft vor den Egos der Musiker, damit das funktioniert. Ich hab es so erklärt: Zwischen uns ergibt sich ein Netz aus Klängen. Dieses Netz muss immer schweben können, und es muss im Ganzen schillern. Wenn einer zu viel Gewicht reinlegt, dann fällt das Netz runter. Wer die Farbe ändert, lenkt vom Schimmern ab und macht diese Magie kaputt: Das Oszillieren macht die Faszination aus, nicht das Blau darin oder das Grün, sondern deren perfekte Balance.
Das ist für grandiose Musiker wie mein Team viel schwieriger als für einen mittelmäßigen Instrumentalisten wie mich. Thomas Nußbaum, unser Drummer, sagte, es sei wie „unter Wasser“ für ihn. Das trifft es vielleicht, was ich als Schweben beschrieben habe.
Übrigens bin ich dabei, drum herum das Event noch cooler zu gestalten. In Trier z.B. wird Billgin ein tasting anbieten, es wird eine Performance Art-Gruppe die Wartezeit zum Happening umdeuten, in Bremen und Hannover wird der Veranstalter MOLLYWOOD Aftershowparties machen, für die ich exklusiv ein paar Songs produziere… und an einigen anderen Sachen bin ich dran. Es wird sich also wohl lohnen, mal reinzuschauen.
MHQ: Gibt es News für ein t-Album?
T: Ja. Es wird einige Neuerungen geben im t-Universum. Aber wie die anderen behaupten, ist der Sound geblieben. „Solipsystemology“ wird das Album heißen, und es wird zur Tour, wohl am 22.3. in Oberhausen, kommen. Ich habe meinen kinematographischen Ansatz noch mal neu gedacht und in Teilen in einer akustischen Landschaft gemixt, die eine neue Welt bietet, in der andere physikalische Gesetze gelten. Das war ein riesiger Haufen Arbeit, bei der mir einige Freunde mit Ideen zur Seite standen – zur Umsetzung nicht zuletzt der Leiter eines Max-Planck-Instituts mit Hilfe bei der Berechnung der Gesetze dieser neuen Akustik! Eno hat mal gesagt: Ein Tonstudio ist ein Musikinstrument. Ja, das ist bei diesem Album definitiv der Fall.
Cover „solipsystemology“
Herauskommen wird hoffentlich, dass neben hoffentlich guter Musik eine weitere Ebene hinzutritt für den, der Lust auf sowas hat. Die Geschichte, die die Texte erzählen, wird durch die „Bewegungen“ der Klangdimensionen unterstützt, und die Geräusche erzählen, wie Motive in einem Buch, eine Art Subtext. Die Idee hab ich von David Lynch geklaut… Aber das ist nur ein Gimmick für Nerds wie mich, die Musik funktioniert ohne das genau so gut. Oder schlecht. (lacht)
MHQ: Wann machst du das alles? Du hast ja auch beruflich viel zu tun…
T: Das ist der Vorteil, wenn man völlig alleine arbeitet: Immer und nie. Zwischendurch. Abends. Immer, wenn man mich in meinen natürlichen Lebensraum, das Studio, lässt. Aber ja, es ist immer was. Wenn jemand den 27h-Tag erfinden könnte, hätte ich vielleicht eine Chance, meine Augenringe zu bekämpfen… Aber wahrscheinlich würde ich einfach früher fertig werden und was Neues beginnen…
MHQ: Klingt nach Workaholic…
T: Nur wenn man denkt, das sei „Work“… Guck mal, in Aschaffenburg hat Mike Holmes, zu dessen Musik ich als Pimpf mir Gitarre spielen beigebracht habe, meine Gitarre für mich gestimmt und dann gespielt, während ich gesungen habe. Das ist nicht Arbeit, das ist Kindheitstraum.
MHQ: Herzlichen Dank für das Interview! Wir freuen uns auf die Shows, die übrigens von Musicheadquarter mit präsentiert werden. Wer weitere Infos zu T sucht, findet diese hier:
Im Mai 2019 erscheint mit „Lovestory“ endlich ein neues Album von Fettes Brot, der Kultband aus Pinneberg. Was aber hat es mit dem ominösen Buch „Was Wollen Wissen“ auf sich, das im Vorfeld die Buchhandlungen und Bestenlisten stürmt?
Seit fünf Jahren schon löst die Gruppe in ihrer wöchentlichen Radio-Sprechstunde (bei N-JOY und bei Bremen 4) die überlebensgroßen und die klitzekleinen Rätsel, die ihnen das geneigte Publikum in den Bauch löchert. Dabei gibt es keinerlei Vorgaben, aber viele Naseweisheiten: Geben Veganer ihren Haustieren Fruchtfleisch zu fressen? Sind rote Ampeln nur schüchtern? Wie tief ist ein Poloch?
Dokter Renz, Björn Beton und König Boris geben intellektuell anspruchsvolle Antworten, wobei der nötige Ernst grundsätzlich fehlt. Man kann die Kabbeleien zwischen den dreien und die oft auf unterstem humoristischen Niveau angesiedelten Antworten mögen oder den Kopf ob der Tiefflieger einziehen. Egal. In den meisten Fällen entlocken die Wortspielereien mir schon ein Schmunzeln und fordern bisweilen auch zum lauten Loslachen heraus. Schlagfertig sind die Teilzeit-Moderatoren allemal.
Die gesammelten Besserwissereien erschienen am 18. Februar zwischen zwei Buchdeckeln beim Rowohlt Verlag. Gut so, denn die Radioshow war mir bisher gänzlich unbekannt. Dank YouTube kann man sich aber auch von den Live-Qualitäten des Trios überzeugen.
Und was gibt es nun Neues vom Album? Das offizielle Musikvideo zu „Du driftest nach rechts“ wurde jetzt veröffentlicht! Die erste Single aus dem kommenden Fettes Brot Album „Lovestory“, welches am 03.05.19 erscheinen wird. Es wird ein Fettes Jahr!
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„Leave A Light On“ war einer der Überraschungshits des Jahres 2018 und man steckte Tom Walker gleich in die Songwriter-Schublade, in der auch Milow und Passenger ihren Platz haben. Jetzt, wo sein erstes vollständiges Album erschienen ist, will ich diesen Eindruck aber revidieren, denn Walker legt doch ein sehr poppiges und groß produziertes Debüt vor, aus dem man aber auch die Anfangszeit als Straßenmusiker in London heraus hören kann, woran vor allem seine raue Stimme großen Anteil hat. Ein Vergleich zu Rag’n’Bone Man ist manchmal durchaus angebracht.
Die Geschichte des inzwischen 27jährigen Songwriters begann in Glasgow und fand ihren vorläufigen Höhepunkt bei den diesjährigen BRIT Awards, bei denen er als „Breakthrough Artist“ ausgezeichnet wurde. Dass er dies vor Veröffentlichung seines Debüts schaffte, ist einerseits wirklich groß – die Vorschusslorbeeren setzen aber auch die Erwartungshaltung für „What a Time To Be Alive“ ordentlich nach oben. Die war ohnehin schon hoch, nachdem er 300 Millionen Spotify-Streams gesammelt hatte und beim Glastonbury Festival am Start war. Dass die BBC diesen Auftritt dann auch noch live ausstrahlte, war nur das Sahnehäubchen.
Die Songs umfassen ein breites musikalisches und emotionales Spektrum, von euphorischem Uptempo-Pop bis hin zu postmodernem Soul. Gleichzeitig gibt es aber auch Walkers Philosophie, die da lautet: „Wenn ein Song auf einer Party mit akustischer Gitarre funktioniert, dann hast du das große Los gezogen.“
„Leave A Light On“ ist ein bewegender Song über einen Menschen, der in Not geraten ist und Hilfe benötigt. Der Text vereint zwei wahre Geschichten: die eine, die von einem Freund handelt, der eines Nachts in Schwierigkeiten gerät und seine Hilfe braucht und der Tod seiner Tante später am selben Morgen.
Ein weiterer großartiger Song ist das minimalistische, bluesige „Angels“, das von Einsamkeit und dem Überwinden von Schwierigkeiten berichtet. Einen ähnlichen Vibe hat der Song „Blessings“, der davon handelt, pleite zu sein und es dennoch schätzen zu können, was man hat. „Heartland“ erzählt von Toms Erfahrungen in der Londoner Trinker-Szene und vom Widerstehen von Versuchungen. „Fly Away With Me“ widmet sich der Anfangszeit in London als armer Straßenmusiker, der in Bahnhöfen nächtigen muss. Und das große Thema der Liebe begegnet uns in dem gefühlvollen, beschwingt-leichten Reggae-Song „Just You And I“ – ein Lied über das Gefühl von Zusammengehörigkeit, der seiner Verlobten Annie gewidmet ist.
So wie alle jungen Musiker hat Tom in seiner Karriere einige Höhen und Tiefen mitgemacht, Freuden und Enttäuschungen erlebt. Möglicherweise ist dies einer der Gründe, warum es ihm mit seiner Ausnahmestimme und seinen emotionalen Songs gelingt, die Menschen zu erreichen und ihrer Angst, ihrem Verlust, ihrer Liebe und ihrer Freundschaft einen adäquaten Soundtrack zur Verfügung zu stellen. Toms Musik erinnert uns in schwierigen Zeiten daran, die guten Dinge im Leben zu bewahren und bietet uns inmitten des ganzen Chaos Hoffnung.
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