Christopher John Boyle ist eine Legende. Allerdings nicht unter seinem ursprünglichen Namen, sondern als Christopher, kurz Chris Cornell. In den achtziger und neunziger Jahren war er die treibende Kraft hinter Soundgarden, die 2010 ihre Re-Union erlebten und mit „King Animal“ eine fast schon triumphale Rückkehr feierten. Beim Kurzzeitprojekt Temple Of The Dog gab er gemeinsam mit Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder den Einsamen und Gestrandeten eine Stimme und prägte so nachhaltig die Grunge-Ära. Seit 1999 ist der 51-Jährige vorwiegend solo unterwegs, wenn man von dem Abstecher zu Audioslave mal absieht. In dieser Zeit hat Chris Cornell vier respektable Alben veröffentlicht. Vier? Na ja, eher drei. Die Kollaboration mit Timbaland auf „Scream“ von 2009 sorgt in Fankreisen heute noch wahlweise für ungläubiges Kopfschütteln oder spontane Magenentleerungen.
Auf „Higher Truth“ sind derartige Ausfallerscheinungen nicht zu erwarten. Das Album überzeugt zwar nicht durchgängig (zumal es in der uns vorliegenden Deluxe Edition über eine Stunde Spielzeit und fette sechzehn Songs umfasst), aber alleine die Zusammenarbeit mit Star-Produzent Brendan O’Brien bürgt schon für ein gewisses Maß an Klasse. Hinzu kommt, dass sich Chris Cornell wieder auf seine eigenen Songwriterqualitäten besonnen und mit Gitarre, Bass, Mandoline und hier und da ein wenig Percussion fast das gesamte Instrumentarium gleich selbst eingespielt hat. Von seiner einzigartigen Gesangsarbeit, die nach wie vor durch ihr großes Ausdrucksspektrum, technische Brillanz und die charakteristische warme Tonlage besticht, ganz zu schweigen. Dass da auch immer ein kleines bißchen Pathos mitschwingt, lässt sich leicht verschmerzen.
Musikalisch ist „Higher Truth“ ein tendenziell eher ruhiges und zurückgezogenes Album geworden. Allerdings eines, das viele interessante Spannungsbögen zu bieten hat (bestes Beispiel: „Murderer Of Blue Skies“). Dadurch erschließt es sich nicht auf Anhieb, sondern braucht einige Hördurchgänge, bis der Funken zündet. Teilweise verlässt sich Cornell dabei ganz auf seine Stimme und die auf Gitarre, Piano und sogar Streicher reduzierte Begleitung („Josephine“, „Higher Truth“, „Let Your Eyes Wonder“ oder „Only These Words“). Von ein paar Ausreißern abgesehen („Before We Disappear“ und das zu poppig geratene „Our Time In The Universe“) wirkt das aber weder eintönig noch angestrengt. Im Gegenteil. „Higher Truth“ könnte auch der Soundtrack zu einem dieser alten Roadmovies über die unglückliche Liebe in einer Halbstarken-Gang sein, in denen es von weichkernigen Jungs nur so wimmelt, die in ihren abgeschnittenen Jeansjacken durch die Gegend stolzieren und am Ende dann doch alleine mit sich und ihrem aufgemotzten Chevy über die staubige Straße in Richtung Sonnenuntergang brettern. Von den vier Bonustracks rechtfertigt übrigens nur das sakrale „Wrong Side“ den Kauf der Deluxe Edition. Ganz am Schluss gibt es nochmal einen Remix von „Our Time In The Universe“, was den Song aber auch nicht unbedingt besser macht. Kurz beschleicht einen dabei sogar das Gefühl, als könnte Timbaland tatsächlich wieder aus der Hip-Hop-Hölle auferstanden sein.
Im Ergebnis nimmt „Higher Truth“ in Chris Cornell’s Diskografie sicherlich einen der vorderen Plätze ein. Dadurch, dass er seine Rock-Wurzeln nicht verleugnet, schafft er hier eine gelungene Verbindung zwischen Minimalismus und Bombast. Dazu gibt es im Booklet erfreulicherweise alle Texte zum Mitlesen oder -singen. Mein Tipp: Legt euch mit dem Album auf’s Sofa und während draußen der kalte Wind an den Fensterscheiben rüttelt, macht ihr es euch unter einer Decke und mit viel Glühwein gemütlich.
Mit millionenfachen Alben- und Singleverkäufen weltweit, über 63 Millionen Youtube-Klicks, Gold- und Platinauszeichnungen gehören Seether zu einer der erfolgreichsten Bands im Alternativ-Rock-Zirkus. Der Song „Broken“ mit Evanescence-Sängerin Amy Lee aus ihrem Debütalbum „Disclaimer“ machte die Band um Sänger Shaun Morgan vor zwölf Jahren schlagartig bekannt. Seitdem hat das ursprünglich aus Südafrika stammende Trio sechs weitere Alben veröffentlicht.
Vor ihrem Konzert in Köln traf sich Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll mit Shaun Morgan, Bassist Dale Stewart, Schlagzeuger John Humphrey und dem zweiten Livegitarristen Bryan Wickmann zu einem kurzen Plausch im Backstagebereich des Gloria Theaters.
In den letzten Jahren habt ihr regelmäßig Konzerte hier in Köln gespielt. Habt ihr ein besonderes Verhältnis zu unserer Stadt entwickelt?
Dale Stewart: Wir mögen es einfach in Köln zu spielen. Wir sehen hier viele bekannte Gesichter auf unseren Konzerten. Und die Menge wird jedesmal größer. Das ist ein gutes Gefühl. Es ist schön wieder hier zu sein.
Ende Juni habt ihr ein interaktives Video zu eurer aktuellen Single „Nobody Praying For Me“ veröffentlicht. Darin thematisiert ihr sehr deutlich die unterschiedliche Darstellung von Polizeigewalt in den amerikanischen Medien. Habt ihr den Eindruck, dass sich das öffentliche Bewußtsein für dieses Thema in den USA gerade Schritt für Schritt ändert?
Dale Stewart: Schwer zu sagen. Wenn sich etwas geändert hat, dann dass wir heutzutage mehr davon mitkriegen. Denn heute hat jeder eine Kamera in der Tasche und kann alles direkt filmen oder fotografieren. Das macht es allerdings nicht besser. Ich hoffe, das Ergebnis ist, dass die Leute zweimal überlegen, bevor sie eine Waffe ziehen. Egal ob sie einen Polizisten oder jemand anderen vor sich haben. Es muss ein Umdenken stattfinden.
Bryan Wickmann: Deshalb auch die drei verschiedenen Blickwinkel in unserem Video. Dadurch kann man sich in verschiedene Rollen hineindenken und die Szene von allen Seiten für sich beleuchten. Es geht nicht nur um Polizeigewalt. Es geht um Gewalt überhaupt.
Auf eurer aktuellen Tour spielt ihr sowohl Festivalgigs als auch Solokonzerte. Wo liegt für euch der grösste Unterschied zwischen diesen beiden?
John Humphrey: In den Temperaturen (allgemeines Gelächter). Die Hallenkonzerte sind schon extrem heiß. Aber Festivalgigs sind auch sehr cool.
Dale Stewart: Ja, man ist früher fertig und kann noch ein bißchen die Musik und das Festival genießen.
Schaut ihr euch auch andere Bands an, wenn ihr auf einem Festival seid?
Dale Stewart: Ja, zuletzt haben wir uns Soulfly angeguckt und das war echt aufregend. Wir sind auch große Sepultura Fans. Das ist schon toll die Jungs live zu sehen. Es kommt halt immer drauf an. Manche Bands mag man und andere eben nicht. Es ist auch immer wieder schön neue Bands zu entdecken, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.
Wie sieht so ein typischer Tourtag bei euch aus? Liegt ihr den ganzen Tag im Bus rum und guckt DVDs?
Dale Stewart: Ja, genauso ist das. Echt langweilig. Es ist lange nicht so verrückt wie die Leute sich das immer vorstellen. Nach der Show hängt man noch ein bißchen ab und macht Blödsinn. Aber vorher sitzt man viel rum, liest E-Mails oder hält Kontakt mit der Familie zu Hause.
John Humphrey: Es sind acht Stunden Zeitunterschied zwischen hier und zu Hause. Da muss man dann schon den richtigen Zeitpunkt abpassen. Sonst schlafen da alle.
Seht ihr auch etwas von den Städten, in denen ihr spielt? Geht ihr nach dem Konzert nochmal raus und trinkt ein Bier oder sowas?
Bryan Wickmann: Manchmal. Kommt darauf an, wo wir gerade sind. Wenn wir mitten im Nirgendwo spielen, dann ist das eher schwierig. In Köln zum Beispiel ist es einfacher. An den Konzerttagen verbringen wir aber die meiste Zeit in der Halle. An freien Tagen hat man mehr Energie um herumzulaufen und sich die Stadt anzuschauen. Es gibt genauso Tage, an denen man viel schläft, einfach mal faul ist und Fernsehen guckt.
Euer letztes Album „Isolate And Medicate“ ist vor einem Jahr erschienen. Arbeitet ihr schon wieder an neuen Songs?
Dale Stewart: Nicht wirklich. Wir wollen erstmal die Tour abschließen und vielleicht nächstes Jahr an einem neuen Album arbeiten. Es ist hart neue Songs zu schreiben, wenn man so viel auf Tour ist. Wenn du nicht auf der Bühne stehst ist es schwierig dich zu motivieren und die Gitarre in die Hand zu nehmen. Man ist auch mal froh freie Zeit zu haben. Wir müssen jetzt noch ein Album bei unserer aktuellen Plattenfirma abliefern. Danach können wir frei entscheiden was wir gerne tun möchten.
Vor zwei Jahren habe ich euren Unplugged-Auftritt in der wunderschönen Kulturkirche hier in Köln gesehen. Das war wirklich grossartig. Können wir in Zukunft nochmal etwas ähnliches von euch erwarten?
Dale Stewart: Vielleicht. Das hat richtig Spass gemacht. Und es war mal etwas anderes. In diesen ganzen Kirchen zu spielen war unglaublich. Ja, warum nicht?
Wie sieht der Prozess des Songschreibens bei euch aus? Bringt jeder gleichberechtigt seine Ideen ein? Oder ist jemand verantwortlich für die Musik und ein anderer für die Texte?
John Humphrey: Shaun schreibt alle Texte. Manchmal hat er auch schon eine fertige Songidee dazu. Manchmal sind wir aber auch einfach nur im Proberaum oder im Studio und jammen. Daraus entsteht dann ein Song. Das ist nicht festgelegt. Das Hauptkriterium dabei ist immer, dass wir alle den Song mögen müssen.
Letzten Monat hast du, Shaun, mit den Fans auf Facebook gechatted. Wie wichtig sind für euch die sozialen Netzwerke?
Shaun Morgan: Ich persönlich finde das nervig. Ich nutze das nur für die Band, aber nicht für mich. Es interessiert mich nicht, was die Leute da tun und es hat sie auch nicht zu interessieren, was ich privat tue. Es interessiert mich nicht, was wer zum Frühstück gegessen hat. Manche Bands glauben, dass sie gross sind, nur weil sie so und soviele Likes auf Facebook haben. Seit wann ist Facebook der Gradmesser für die Grösse einer Band? Es kommt doch auf den direkten Draht zwischen einer Band und ihren Fans an. Ich spiele da nicht mit. Das brauche ich in meinem Leben echt nicht. Und oft ist es ja so, dass die Leute, die etwas in guter Absicht posten, auch noch einen Shitstorm dafür ernten. Als Band ist es gut, um die Fans mit Informationen zu versorgen. Aber letzten Endes kommt es doch einzig und alleine auf die Musik an. Das wird heute leider oft vergessen. Dieser ganze Scheiß von wegen „Oh, er hat mir zum Geburtstag gratuliert“ kann mir gestohlen bleiben. Das ist so armselig. Komm zu mir und gratuliere mir gefälligst persönlich. Entschuldige, ich rege mich gerade etwas auf.
Kein Problem. Wie sehen die anderen das?
Bryan Wickmann: Als ich angefangen habe in einer Band zu spielen, habe ich mich jedenfalls nicht als Superheld gefühlt. Das waren andere für mich. Mit 14 Jahren habe ich 25 Dollar bezahlt, um irgendwo Mitglied eines Fanclubs zu sein. Alles was man dafür bekommen hat war ein Stück Papier, das der Mitgliedsausweis sein sollte (lacht). Das hat sich verdammt gut angefühlt. Man hat sich irgendwie frei gefühlt.
Shaun Morgan: Ich erinnere mich, dass Pearl Jam lange Zeit gar keine Interviews gegeben haben. Das war etwas Besonderes. Es gab keine Informationen aus erster Hand. Heute kannst du dir im Internet jede beliebige Information innerhalb von kürzester Zeit besorgen. Es hat sich in den letzten zehn Jahren wahnsinnig viel verändert. Und vieles davon ist einfach nur Scheiße.
Heute abend spielt ihr hier im Gloria. Für mich einer der schönsten Clubs in ganz Köln. Was ist für euch der schönste Ort, an dem ihr bisher gespielt habt?
Shaun Morgan: Die ganzen Kirchen. Besonders die Union Chapel in London. Da ist Dale eine Flasche Rotwein runtergefallen. Aber er hatte Glück. Sie war aus Plastik. Ich sehe heute noch diese hüpfende Plastikflasche vor mir. Das nennt man Rock’n’Roll in einer Kirche. Eine tanzende Flasche (alle lachen). Normalerweise sehen wir nicht so viele Kirchen von innen.
Habt ihr schon den Dom besucht? Leider finden dort keine Rockkonzerte statt.
Shaun Morgan: Oh ja, ich war schon einige Male im Dom. Da sollte wirklich mal ein Rockkonzert stattfinden. Vielleicht spielen wir ja irgendwann mal dort.
Wenn ihr das schafft, dann stehe ich in der ersten Reihe. Versprochen! Vorerst danke ich euch für eure Zeit und das sehr nette Interview.
Vielen Dank auch an Alex Bujack von Oktober Promotion für die freundliche Vermittlung des Interviews!
2014 waren Seether zuletzt in Deutschland unterwegs. Damals stellten sie ihr sechstes und immer noch aktuelles Studioalbum „Isolate And Medicate“ vor (lest hier unser CD-Review). Ich selbst habe sie damals bei Rock am Ring gesehen. Nun muss man wissen, dass Seether-Konzerte höchst unterschiedlich ausfallen können. Am Nürburgring wussten Sänger und Gitarrist Shaun Morgan, Bassist Dale Stewart sowie John Humphrey am Schlagzeug durchaus zu überzeugen. Zwei Jahre zuvor hatten sie einen enttäuschenden Gig im Kölner Bürgerhaus Stollwerck abgeliefert. Ganz anders als 2013. Da gastierte das Trio im Rahmen seiner Unplugged-Tour in der Kulturkirche im schönen Stadtteil Nippes und lieferte eine Show ab, von der viele heute wahrscheinlich noch glücksselig träumen. Nach dem Gesetz der Serie müsste im Gloria Theater also mal wieder ein Reinfall folgen. Ganz so schlimm wird es dann zwar nicht, allerdings nimmt ihr heutiger Besuch auf der „Konzerte-die-ich-nie-vergesse“-Skala leider auch keinen oberen Platz ein.
Die Vorgruppe schenken wir uns zugunsten eines Kaltgetränkes und geniessen stattdessen noch ein wenig den lauwarmen Sommerabend vor dem ehemaligen Kino in der Apostelnstraße. Das Gloria ist unbestritten eine der schönsten, wenn nicht sogar die schönste Konzertlocation in ganz Köln. Überraschenderweise besteht das Publikum auch aus einigen Vertretern älteren Semesters (geschätzte 50 aufwärts), die hier wohl nochmal in ihre Grunge- und Hardrock-Vergangenheit abtauchen wollen. Wir tauchen dann auch irgendwann in die Menge und danken dem Erfinder der Klimaanlage im stillen für seinen Erfindungsreichtum. Das Gefühl hält jedoch nicht lange an. Als Seether nämlich um Punkt 21 Uhr die Bühne betreten, beschliesst die Klimaanlage spontan ihren Dienst einzustellen. Die Folge: Schon beim Opener „Gasoline“ läuft der Schweiß langsam aber stetig vom Kopf über den Rücken in die Schuhe. Selbst die klebrigen Bierreste vom Vorabend lösen sich auf dem Fußboden in ihre Bestandteile auf.
Die Band, verstärkt von Bryan Wickmann an der zweiten Gitarre, spielt sich derweil scheinbar unbeeindruckt durch ihr Set. Und „unbeeindruckt“ ist hier dummerweise mit „lieblos“ gleichzusetzen. Eine Kommunikation mit den Fans findet dabei wie gewohnt nicht statt. Shaun Morgan steht am linken Bühnenrand und versteckt sich beim Singen grösstenteils hinter seinen Haaren. Dale Stewart übernimmt für ihn gekonnt die Rolle der Rampensau, während John Humphrey im Hintergrund die Felle bearbeitet. Zwischendurch darf er bei einem minutenlangen Solo zeigen, was in ihm steckt. Bryan Wickmann bleibt eher unauffällig. Er hat seinen grössten Auftritt, als er Shaun Morgan während „Fake It“ mehrmals einen Getränkebecher an den Mund hält, damit dieser trinken kann. Das wirkt auf den ersten Blick ziemlich skurril, macht auf der anderen Seite angesicht der mittlerweile subtropischen Temperaturen im Gloria aber durchaus Sinn.
Zwischen den Songs lässt die Band, ob nun gewollt oder ungewollt, eine Menge an ziemlich schrägem Gitarrengeschrammel hören. Ganz so, als müssten sie sich erst auf das nächste Stück einigen. Abgesehen davon, dass dadurch nicht wenig Zeit verschenkt wird, kommt es reichlich konzeptlos rüber. Immerhin entsteht daraus ein spontaner Jam des Los Lobos-Klassikers „La Bamba“. Dabei ist die Setlist eigentlich gut gewählt. Neben der aktuellen Single „Nobody Praying For Me“ finden sich darin solche Perlen wie „Driven Under“, „Rise Above This“, „Fine Again“, „Country Song“ oder zum Abschluss „Remedy“. Und mit „Broken“ liefert Shaun Morgan zwischendurch sogar noch ganz alleine an seiner Gitarre den emotionalen Höhepunkt des Abends. Beim letzten Song scheinen die Gefühle dann auch mit ihm durchzugehen. Bewaffnet mit seinem Instrument springt er von der Bühne, sucht den direkten Kontakt zu den Fans in der ersten Reihe und bedankt sich anschließend fast überschwänglich für deren Besuch im nicht ganz ausverkauften Gloria.
Nach etwas weniger als anderthalb Stunden geht das Licht wieder an. Erfreulicherweise beschließt auch die Klimaanlage ihre Arbeitsniederlegung an dieser Stelle zu beenden. Neben mir fragt jemand, der aussieht als habe man ihm einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet: „Die kommen doch nochmal raus, oder?“. Kommen sie aber trotz zaghafter Zugaberufe nicht. Einige Pfiffe sind zu hören. In Gedanken zähle ich exakt zwölf gespielte Songs. Bei einer Band wie beispielsweise Motorpsycho mag das für ein Drei-Stunden-Konzert reichen. Bei Seether führt es zu einem schalen Beigeschmack. Musikalisch hat die Band zweifellos eine Menge geiles Zeug auf Lager. An ihrer Live-Performance muss sie allerdings auch weiterhin noch arbeiten. Vielleicht klappt es ja dann beim nächsten Besuch in Köln wieder besser.
Im vergangenen Jahr feierten Madsen ihr zehnjähriges Jubiläum. Drei der fünf Gründungsmitglieder sind Brüder: Johannes, Sebastian und Sascha. So wurde der Familienname auch gleichzeitig zum Namen der Band. Niko Maurer komplettiert die Madsen-Bande zum Quartett. Seit der Veröffentlichung ihres gleichnamigen Debütalbums stehen Madsen für Punk und Rock, für Laut und Leise, für Drängend und Sehnsuchtsvoll. Das ist auf ihrem neuen und mittlerweile sechsten Studioalbum „Kompass“ nicht viel anders.
Mit „Sirenen“ gelingt ihnen gleich ein vollfetter Einstieg, der mehr als nur ein bißchen Lust auf den Rest macht. Ein Stück, das sich gut auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte beziehen lässt. „Leichter“ ist eine Art Beziehungsratgeber zum Mitgröhlen und das von einem schönen Refrain getragene „Kompass“ eine Liebeserklärung an all jene, die unserem Leben eine Richtung geben. Dazwischen liegt mit „Küss mich“ ein wenig Polka. In „Ich bin korrupt“ tanzen sie mit ausgebreiteten Armen über eine bunte Blumenwiese. Bis hierhin hat der Opener nicht zu viel versprochen. Leider halten Madsen dieses Niveau aber nicht über die volle Länge der insgesamt zwölf Songs durch.
„Ich trink nur eben aus“ ist eine punkige Spassnummer, die allerdings durch das folgende und in eine ähnliche Richtung lärmende „Fluten“ zunehmend eintönig wirkt. Auch „Graue Welt“ hat man mit seinen 08/15-Riffs irgendwie schon tausendmal (und noch dazu besser) gehört. Zwischendurch holen Madsen mit „Unerreichbar“ einmal tief Luft, aber selbst dieser musikgewordenen Flucht aus der digitalen Welt fehlt die nötige Tiefe. Damit steht es nach guten und schlechte(re)n Songs kurz vor Schluss Unentschieden. Aber in der Verlängerung darf ja noch dreimal ausgewechselt werden.
Mit „Nochmal“ nehmen Madsen das Tor wieder in den Blick. Ein netter Gute-Laune-Pop-Song. Das hymnische „Über die Berge“ lässt sie dann richtig Fahrt aufnehmen, bevor sie mit „Leuchttürme“ als vollfettem Abschluss den letzten und entscheidenden Elfmeter verwandeln. Das Ding sitzt auch deswegen, weil es neben der rockigen auch die zerbrechliche Seite von Madsen zeigt und damit die zwei Gesichter der Band perfekt wiederspiegelt. Abpfiff und Sieg!
Sicherlich darf man nach zehn Jahren im Geschäft von Madsen nicht mehr die Quadratur des Kreises erwarten. Dennoch tragen sie die Fahne der Spielfreude weiterhin fröhlich flatternd vor sich her. Sie lassen sich weder auf ein Genre, noch auf einen Themenkreis beschränken. Auf „Kompass“ schaffen sie so erneut den Spagat zwischen Intimität und großer Geste.
Seit zehn Jahren spielen sich Tracer nun schon den Arsch ab. In dieser Zeit sind drei Alben entstanden, wenn man die selbstproduzierte Debüt-EP „L.A.?“ dazu zählt. Dabei werden sie gerne mit so ziemlich allem verglichen, was im Grunge, Hard- und Stoner-Rock einen Namen hat: Black Sabbath, Led Zeppelin, Soundgarden, Alice In Chains oder Queens Of The Stone Age. Sie aber als bloße Kopie all dieser legendären Kapellen zu bezeichnen, wäre nicht nur unfair, sondern schlichtweg falsch. Tracer sind vielmehr hart arbeitende Überzeugungstäter und das hört man ihrem vierten Streich „Water For Thirsty Dogs“ einmal mehr deutlich an.
Natürlich darf man von „Water For Thirsty Dogs“ keine musikalische Revolution erwarten. Das muss man aber auch nicht. Michael Brown, Dre Wise und der neue Bassist Jett Heysen-Hicks machen einfach da weiter, wo sie mit dem Vorgänger „El Pistolero“ aufgehört haben. Zehn Songs, die nach Kneipe, Dreck und Bier riechen. In den Echo Bar Studios in North Hollywood, Los Angeles aufgenommen und von der Band selbst mit helfender Hand von Tontechniker und Mischpult-Meister Erik Riechers produziert, ist das Album ein musikalisches Abbild der Leidenschaft geworden, die diese Band motiviert.
Der Titelsong ist ein Manifest an die frühen 90er Jahre, als der Grunge mit vollfetten Kreissägengitarren die Welt eroberte. Auch das schleppende „Lazy“ schmeckt nach Seattle, Baumwollhemd und Dockers. In „We’re Only Animals“ erweisen Tracer all jenen Bands die Ehre, die mit klapprigen Verstärkern in irgendwelchen Garagen rumhängen und sich und der Nachbarschaft beweisen, dass laut auch schön sein kann. „Astronaut Juggernaut“ vereint die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Stoner-Rock zu einem einzigen Energiebündel, bevor „Tremors“ als emotionaler Schlag in die Magengruppe den durstigen Hunden endlich das langersehnte Wasser über den verschwitzten Kopf schüttet. Dazwischen liegen mit „Us Against The World“, „Halfway To Zero“, „The Machine“, „Homeward Bound“ und „Owe You Nothing“ fünf weitere Songs, die in ihrem erfrischenden Pragmatismus den Setzkasten des Rock’n’Roll neu sortieren. Nicht zu vergessen das markante Organ von Michael Brown, das den Stücken entweder die nötige Tiefe oder den nötigen Rotz verleiht.
„Water For Thirsty Dogs“ ist ein Album voller Tatendrang, Kraft und Elan. Vor 25 Jahren hätte man es als „The Next Big Thing“ bezeichnet und die Band mit einem lebenslangen Plattenvertrag ausgestattet. Heutzutage sollte es Tracer damit immerhin gelingen aus dem langen Schatten ihrer Vorbilder herauszutreten und das Etikett „Geheimtipp“ endgültig im Klo der Musikgeschichte zu entsorgen. Wer auf breitbeinigen Testosteron-Rock steht, der wird hier bestens bedient.
Neben der Veröffentlichung seines neuen Albums ist das Trio dieses Jahr natürlich auch live wieder aktiv und an folgenden Terminen im Vorprogramm von Apocalyptica zu sehen:
Irie Révoltés gibt es seit nunmehr fünfzehn Jahren. In dieser Zeit ist das Bandkollektiv aus Heidelberg völlig spurlos an mir vorbeigegangen. Das änderte sich, als ich eines schönen Tages ihr inzwischen schon sechstes und selbstbetiteltes Album aus dem Briefkasten fischte. „Irie“ stammt aus der jamaikanischen Kreolsprache Patois und kann mit „positiv“, „glücklich“ oder „frei“ übersetzt werden. „Révoltés“ steht im Französischen für das Aufständische. Und ungefähr so klingt ihre Musik dann auch. Ein Mix aus Reggae, Dancehall, einer Prise Ska und Hip Hop. Zwar nicht ganz so wild, wie es sich im ersten Moment anhört, aber doch ungewöhnlich. Am ehesten sind Irie Révoltés wohl mit Seeed vergleichbar, auch wenn die in einer anderen Liga spielen. Die Disziplin der neun Heidelberger (die übrigens alle unter einem Pseudonym agieren) könnte man zusammenfassend als eine Art Hip Pop bezeichnen.
Wie auch immer. In ihrer Musik geht es um Lebenslust, Freude und Glück. Und um eine Menge sozialkritisch angehauchter Texte, teils in Deutsch, teils in Französisch und teilweise beides zusammen. Auf „Irie Révoltés“ ergibt das vierzehn starke Songs mit starken Inhalten. Der Spass kommt dabei zwar nicht zu kurz, aber er ist gepaart mit jeder Menge Mut und Entschlossenheit. Das hat was. Selbst für mich, der ich sonst eher anderen Musikrichtungen zugeneigt bin. Es ist dieser spezielle Moment, in dem man die rohe Kraft der Bläser spürt, die Euphorie der Rhythmussektion und die Macht des Basses, der alles kaputt macht, was an schlechter Laune noch übrig geblieben ist.
Nach dem überaus erfolgreichen Vorgänger „Allez“ haben Irie Révoltés mit ihrem neuen Longplayer – wie sie selbst sagen – nun voll und ganz zu sich gefunden. Und zu mir. Auch deshalb trägt das Album den Namen der Band. Das sind Beats, Melodien und Lyrics vom Feinsten. Irie Révoltés sind nicht die Ruhe vor dem Sturm – Irie Révoltés sind der Sturm. Chapeau, Messieurs!
Auf ihrer kommenden Deutschland-Tour kann man dann auch live ausgiebig dazu tanzen:
Die Rival Sons sind, wie sie selbst sagen, „only in it for the Music“. Sie wollen Konzerte geben, Zuschauer begeistern und so viele mitreißende Songs wie möglich spielen. Das hat bisher gut geklappt. Das Quartett aus Los Angeles gilt als die Bluesrock-Entdeckung der letzten Jahre. Dabei verstehen sie es gekonnt, einem der traditionellsten Musikstile der Rockgeschichte frisches Leben einzuhauchen. Ihr immer noch aktuelles viertes Album „Great Western Valkyrie“ erschien im Juni 2014 und geriet zum bislang größten internationalen Erfolg der Band. Nach ihrem letzten Besuch im April kehren die Rival Sons im Juni und August noch einmal für vier Konzerte nach Deutschland zurück. Köln macht heute den Anfang. Es folgen noch Auftritte in München, Frankfurt und Hamburg, bevor es dann Ende Oktober als Support für Deep Purple erneut auf Tour geht.
Zusammen mit den vier Kaliforniern feiert auch der Sommer sein Comeback. Auf der Luxemburger Straße gönnen sich die Fans noch das ein oder andere erfrischende Kaltgetränk, bevor man das knackig warme Luxor betritt. Der Laden ist rappelvoll und bereits nach fünf Minuten wird klar, dass das leichte Karohemd über dem T-Shirt eindeutig die falsche Klamottenwahl war. Noch bevor überhaupt ein Ton von der Bühne kommt, steht man bis zu den Knöcheln im Schweiß. Die Klimaanlage hat da schon längst aufgegeben. Als um 20.30 Uhr das Intro aus Sergio Leone’s Filmklassiker „Zwei glorreiche Halunken“ erklingt, fühlt man sich schon fast wie Clint Eastwood und Lee Van Cleef bei ihrem legendären Showdown auf irgendeiner staubigen Straße im Wilden Westen.
Doch die Wirklichkeit holt einen rasant wieder ein. Und die besteht in einer Mischung aus Blues, Soul und erdigem Rock. Mit „Electric Man“ starten Frontmann Jay Buchanan, Scott Holiday an der Gitarre, Bassist Robin Everhart und Michael Miley hinter dem Drumkit in ihr Set. Live werden sie von Todd E. Ögren-Brooks am Keyboard unterstützt. Der Sound ist von Anfang an perfekt auf die kleine Location abgestimmt und sorgt für ein wohliges Vibrieren in der Magengegend. Nebenbei freuen sich besonders die weiblichen Fans über die optischen Vorzüge von Scott Holiday, der aussieht wie Mats Hummels in einem Remake der „Drei Musketiere“. Musikalisch geht es über „Good Luck“ und „Secret“ weiter bis zu „Torture“ und „Face Of Light“. Das Luxor singt mit, schüttelt das Haupthaar, stimmt Sprechchöre an und bejubelt jeden Song, als wäre es der letzte. Nicht nur die Temperaturen, sondern auch die Stimmung hat schnell ihren Siedepunkt erreicht.
Jay Buchanan wird mit seiner enorm ausdrucksstarken Stimme bereits in einem Atemzug mit Genregrößen wie Led Zeppelins Robert Plant oder Chris Robinson von den Black Crowes genannt. Im Luxor beweist er eindrucksvoll, dass diese Vergleiche nicht übertrieben sind. Die Band um ihn herum paart derweil kantige Riffs mit roher Energie, großer Leidenschaft für intensives Zusammenspiel und einer soliden Prise Retro-Soul, wobei sich Scott Holiday diesmal insbesondere durch die Handhabung seines Instrumentes auszeichnet. Es wird ausgiebig gejammt und man merkt den fünf Protagonisten auf der Bühne in jeder Sekunde an, welch immensen Spaß sie selbst an dem haben, was sie da tun. Dabei darf im Zugabenblock ein Drum-Solo von Michael Miley, der seine Schießbude die gesamte Zeit über ohnehin wie ein Berserker bearbeitet, natürlich nicht fehlen.
Mit „Open My Eyes“ und „Keep On Swinging“ beschließen die Rival Sons nach etwas mehr als anderthalb Stunden die schweißtreibende Angelegenheit und entlassen die Fans zurück zu den erfrischenden Kaltgetränken auf der Luxemburger Straße. Das hat geknallt! Ich wage mal die Behauptung, dass man die Rival Sons heute in Köln zum letzten Mal in einem Club von der Größenordnung des Luxor gesehen hat. Wer also noch keine Karten für die anstehenden Konzerte in München, Frankfurt und Hamburg hat, der sollte schnell zuschlagen.
Seit dem letzten Studioalbum „Akustik Voodoo“ vor vier Jahren hat sich mächtig viel getan im Hause Wirtz. Obwohl das Album bis in die Top 5 der Charts kletterte, hing Daniel Wirtz immer noch so ein bißchen das Schild mit dem „Geheimtipp“-Schriftzug um den Hals. Dabei brachte er mit seinen energiegeladenen Rocksongs und den emotionalen und ehrlichen Texten als einer der wenigen hierzulande mal so richtig Feuer unter das deutschsprachige Dach. Im vergangenen Jahr nahm er kurzzeitig etwas Dampf vom Kessel und veröffentlichte ein grandioses Unplugged-Album (hier findet ihr unser Review). Und schließlich ist der 39-jährige Frankfurter vor kurzem Vater geworden, was seinen Blick auf die Dinge nochmals entscheidend verändert hat: „Dinge, die früher eine ungeheure Wichtigkeit hatten, kann man heute zwischen Windeln und Flaschen locker weglächeln“.
Diese Lockerheit hört man seinem neuen und fünften Album „Auf die Plätze, fertig, los“ dann auch deutlich an. Was als erstes auffällt: Die zwölf Songs klingen sehr viel positiver und optimistischer als alles, was Wirtz jemals zuvor gemacht hat. Da wo sonst an fast jeder Ecke eine mal mehr, mal weniger steife Brise Schwermut lauerte, kommt der Wind nun aus einer anderen Richtung. Er hat seine „Tränen in die Sonne gehängt“, wie es im Closer „Das nächste Mal“ so schön heißt. Leider ist die textliche Klinge, mit der Wirtz seine Songs bisher scharfzüngig rasiert hat, zugleich stumpfer geworden. Und dabei möchte ich gar nicht das böse Wort „radiokompatibel“ strapazieren. Fakt ist aber, dass „Auf die Plätze, fertig, los“ zwar gefühlsmäßig immer noch ganz nah dran ist an den großen und kleinen Alltagsbeobachtungen, die Dinge jedoch deutlich entschärfter auf den Punkt bringt. Fans der ersten Stunde werden das Fehlen der bislang gewohnten sprachlichen Kompromisslosigkeit bedauern, bei der Erschließung neuer Fanpotentiale ist das mit Sicherheit nicht hinderlich. Ebenso wenig wie Wirtz‘ Teilnahme an der zweiten Staffel von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ oder die Tour als Support-Act von Xavier Naidoo.
Musikalisch wird auf dem neuen Album endlich wieder gerockt. „Lehn dich zurück und schnall dich an, weil’s stürmisch werden kann“ singt Wirtz im Titelsong und das wird es über weite Strecken tatsächlich. „Auf die Plätze, fertig, los“ ist nebenbei auch noch ein perfekter Opener für die anstehenden Konzerte. In „Regentropfen“ oder „Aus Versehen“ tritt Wirtz das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Dazwischen liegt das eher transzendente „Mantra“. In „Wir“ zitiert Wirtz die Kollegen von U2 während ihrer „Pop“-Phase und für „Ich weiß es nicht“ hat er sich den Backgroundchor der Rolling Stones ausgeliehen. „Du fährst im Dunkeln“ glänzt mit einem gelungenen Funkeinschlag.
Die Klaviatur der großen Gefühle beherrscht er natürlich nach wie vor, wie das hymnische „Viel Glück“ eindrucksvoll beweist. Weitere Höhepunkte von „Auf die Plätze, fertig, los“ sind die verpunkte Liebeserklärung „Wenn du willst“ sowie das bombastisch-schwelgende „Sehnsucht“. Einzig mit „Freitag Abend“ leistet sich Wirtz einen Ausrutscher, der gefährlich nah am Schlagerniveau endet, bevor das bereits erwähnte „Das nächste Mal“ für einen hoffnungsfrohen Abschluss des Albums sorgt.
„Auf die Plätze, fertig, los“ ist vor allem eines nicht: Langweilig. Es ist das bisher abwechslungsreichste Wirtz-Album und gleichzeitig das erste, das man sich wirklich erarbeiten oder besser gesagt erhören muss. Die Vorgänger waren eindimensionaler und damit leichter verdaulich, was überhaupt nicht negativ gemeint ist. Für seinen neuen Longplayer hat Daniel Wirtz Ebenen verschoben und Blickwinkel geändert, er hat quasi seine Ecken und Kanten poliert, sowohl sprachlich als auch musikalisch. Es dauert etwas, bis man sich daran gewöhnt hat. Im Ergebnis lohnt sich die Mühe für „Auf die Plätze, fertig, los“ aber allemal.
Es war längere Zeit still um The Wombats. Ihr letztes Album „This Modern Glitch“ liegt nun vier Jahre zurück. Umso erfreuter dürfte die Fangemeinde gewesen sein, als Ende des letzten Jahres die Nachricht durchsickerte, die Band werde 2015 wieder auf Tour gehen und noch dazu mit einem neuen Album im Gepäck. Das „Glitterbug“ betitelte Werk erscheint hierzulande am 4. April. „Glitterbug“ ist das dritte Album der Liverpooler und wurde von Mark Crew (Bastille) und den Wombats selbst produziert. Einen kleinen Vorgeschmack darauf lieferte bereits die erste Single „Greek Tragedy“, zu der das Trio ein leicht schockierendes Video drehte. Der Song wird durch die Geschichte des Stalker-Fangirls April Pearson bebildert, welches von den Bandmitgliedern geradezu besessen zu sein scheint. Gefilmt wurde mit teilweise wackeligen Handkameras. Schließlich schleust sich April in die Privaträume der Wombats ein und bringt sie alle um.
Zum Glück ist das nur ein Fake. Aktuell sind Matthew Murphy, Dan Haggis und Tord Øverland-Knudsen sehr lebendig und auf Deutschlandtour, die vorletzte Woche in Frankfurt begann und heute in Köln ihren Abschluss findet. Das E-Werk vermeldet dazu ein standesgemäßes „Ausverkauft“. Bevor die 2.000 Fans in dem denkmalgeschützten ehemaligen Umspannwerk an der Schanzenstraße den energiegeladenen Indie-Rock der Wombats abfeiern können, wird ihnen von Darlia aus Manchester eingeheizt. Die Band sorgt eine halbe Stunde lang für mächtig Betrieb und überzeugt auf ganzer Linie. Endlich mal ein Support-Act für den sich die etwas frühere Anreise gelohnt hat! Gerade ist ihr Album „Petals“ erschienen und wer auf Mudhoney oder die frühen Nirvana steht, der sollte sich das gute Stück bedenkenlos zulegen können.
Um kurz nach 21 Uhr legen dann auch die Wombats mit ein bißchen Nebel auf der Bühne und dem neuen Song „Your Body Is A Weapon“ los. Im Hintergrund ist die Skyline von Los Angeles zu sehen, ein Hinweis auf die Geschichte, die sie mit „Glitterbug“ erzählen. Laut Matthew Murphy geht es auf dem Album „um Neid, um die Mühen, Affektiertheiten, Sorgen und Angst, die eine Stadt wie Los Angeles umgibt“. Am Ende sind es fünf neue Stücke, die sich in der Setlist wiederfinden, darunter auch das bereits erwähnte „Greek Tragedy“. Stimmung kommt erst ab „Moving To New York“ auf, dem Hit, der die Wombats vor gut neun Jahren erstmals auf dem musikalischen Radar der Öffentlichkeit erscheinen ließ. Immerhin hält sie bis zum Schluss an.
Dafür sorgen auch solch extrem tanzbare Nummern wie „Tokyo (Vampires & Wolves)“, „Techno Fan“ oder „Kill The Director“. Die Fans zeigen sich trotz des Montagabends in Feierlaune und nicht nur bei „Let’s Dance To Joy Division“ erstaunlich textsicher. Die Band lässt sich ebenfalls nicht lumpen und besonders Tord Øverland-Knudsen am Bass wirbelt wie ein Derwisch über die Bühne. Das Gemisch aus Punk, Rock und Electro geht auf. Zwischendurch erzählt Murphy noch die Story von dem Mädchen, das er beim Stage Diving während eines früheren Konzertes in Köln so unglücklich getroffen habe, dass sie ohnmächtig wurde.
Ähnlich wild wird es heute abend jedoch nicht. Nach kurzen aber knackigen 80 Minuten verlassen die Fans zufrieden und unverletzt das E-Werk. Herkunft verpflichtet, denn schließlich kommen gerade aus Liverpool einige der schönsten Melodiebögen der Musikgeschichte. Was das angeht haben die Wombats ihrer Heimatstadt in Köln alle Ehre gemacht.
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Irgendwie scheint Kid Rock ein wenig aus der Zeit gefallen. Die einen sehen in ihm den Cool Guy aus Michigan, der gerne provoziert und seine Werte auch mal mit der Knarre verteidigt. Für die anderen ist er nie über den Status des durchgeknallten Ex-Ehemanns von Pamela Anderson hinausgekommen. Wahrscheinlich ist er von allem etwas. Was Kid Rock ganz sicher nicht ist: Tiefgründig. Die Welt des 44-Jährigen ist einfach. Es geht um Bier, Frauen und die Treue zur Bibel und dem eigenen Land. Das ist bestenfalls patriotisch, in Wirklichkeit aber wohl eher reaktionär. Darüber täuscht auch die „Hello Kitty“-mäßige Covergestaltung seines neuen Albums „First Kiss“ nicht hinweg.
„First Kiss“ ist der Nachfolger von „Rebel Soul“, das 2012 erschien und zugleich das zehnte Studioalbum von Kid Rock. Diesmal war er sogar sein eigener Produzent, nur an zwei der insgesamt zehn Songs hat Dann Huff (u.a. Faith Hill, Megadeath) als Co-Produzent mitgewirkt. „Es ist eine Fleißarbeit. Das Beste, was ich derzeit abliefern kann. Ich war fokussiert und entschlossen. Und ich habe eine Menge selbst geschrieben“, fasst Kid Rock den Entstehungsprozess des Albums zusammen. Begleitet wird er dabei von der Band Of Heathers aus Austin, Texas.Wer von „First Kiss“ musikalisch nun etwas völlig Neues erwartet, der wird enttäuscht. Hey, zur Erinnerung: Die Welt von Kid Rock ist einfach. Und so knüpft er einfach da an, wo er vor vier Jahren mit „Born Free“ aufgehört hat.
Man kann von Kid Rock ja halten, was man will, aber musikalisch ist der Typ einfach nur lässig. „First Kiss“ bietet groovigen Southern Rock mit Country-Attitüde. Das Songwriting ist ebenso eingängig wie niveauvoll und bei einer Nummer wie „Johnny Cash“ sieht man sich selbst im Chevy über einen sonnenüberfluteten Highway cruisen, der Arm baumelt am heruntergekurbelten Fenster und die Kippe locker im Mundwinkel. Let the good times roll. In seinen Texten schwelgt Kid Rock in melancholischen Jugenderinnerungen („Drinking Beer With Dad“), singt über Whiskey, Spaß und Musik, Rednecks, Hank Williams und den Sohn Gottes („Jesus And Bocephus“), die erste Fahrt mit dem Schulbus, die erste Liebe, das erste Auto. Im Bonus-Track „FOAD“ wirft er dann noch ein paar Mal mit dem F-Wort um sich, damit der „Parental Advisory Explicit Content“-Sticker auf dem Cover auch seine Daseinsberechtigung hat.
Vielleicht ist Kid Rock über die Jahre das kompositorische Feuer etwas verloren gegangen. Vielleicht hat er sich mit dem Image des Mittelschicht-Proleten inzwischen auch zu sehr angefreundet. Dass er mit seinem Kumpel Ted Nugent auf Pumajagd geht, spricht nicht gerade für ihn. Aber der Mann liefert immer noch solide Arbeit ab. Und bei objektiver Betrachtung ist „First Kiss“ zwar keine Offenbarung, aber ein Album, das einfach Spaß macht und gute Laune verbreitet. Die Welt ist doch schon kompliziert genug.
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„We all know, Mondays fuckin‘ suck!“ So gibt Subways-Mastermind Billy Lunn zum Besten, wie sehr er es zu würdigen weiß, dass an einem Montagabend eine mehr als ansehnliche Menschenmenge den Wiesbadener Schlachthof gefüllt hat. Nicht brechend, aber gerade so voll, dass alle noch atmen können und auch ein wenig Platz zum Abrocken haben. Besser kann’s eigentlich nicht sein.
Das Vorprogramm haben Kill It Kid bestritten, ein junges Quartett, das in England seit 2009 für Furore sorgt. Mit zwei Sängerinnen (an Gitarre und Keyboards) huldigen die ganz eindeutig dem Blues, verbunden mit einer schleppenden Schwere, die an Black Sabbath erinnert. Diese Kids spielen Dinosaurier-Musik. Ganz schön anachronistisch eigentlich, aber herrlich unverkrampft, ungehobelt und durch den görenhaften Charme der Frontfrau Chris Turpin unwiderstehlich.
Aber natürlich sind ausnahmslos alle wegen der Subways hier, man freut sich auf die Kultband aus Hertfordshire im Norden von London, die vor einigen Jahren so geschmeidig ihren Erfolgsweg bis in die Film- und Werbewelt hinein gerockt hat. Vor zwei Tagen erst haben sie ihr neues Album veröffentlicht, und seitdem sind sie schon auf Tour. Anders als viele andere Acts stehen die Subways heute aber nicht auf der Bühne, um die aktuelle Scheibe zu zelebrieren. Sie eröffnen bezeichnenderweise mit „We Don’t Need Money To Have A Good Time“, der vier Jahre alten Hitsingle aus dem letzten Album. Am Ende wird es gerade mal eine Handvoll neuer Songs sein, die bruchlos in den bestehenden Kanon eingebaut werden, da wechselt sich „Shake! Shake!“ mit „Good Times“ ab, „We Get Around“ mit „Mary“ und „Dirty Muddy Paws“ mit „Kiss Kiss Bang Bang“.
Bassistin Charlotte Cooper, die ihre Ansagen übrigens in hervorragendem Deutsch macht, hat sich erkältet und muss den Einsatz ihrer Stimme auf das wirklich Unabdingbare reduzieren. Insbesondere bei „Alright“, aber auch bei der neuen Single „Taking All The Blame“ fällt das schon schmerzlich ins Gewicht. Darüber hinaus ist ihr aber keinerlei Einschränkung anzumerken. Mit unglaublicher Power fegt sie über die Bühne und liefert sich mit Billy regelrechte Flügelwechsel. Die Subways liefern einen hochenergetischen Set ab, und spätestens mit „I Want To Hear What You Have Got To Say“ haben sie das Publikum auf das gleiche Energielevel gehoben. Der Schlachthof wird zum Chor- und Tanzsaal. Als direkt danach die Hymne „Rock’n’Roll Queen“ ertönt, können die Pogo-Freunde nicht mehr an sich halten, und der Rest ist froh, dass doch noch ein wenig Platz in der Halle geblieben ist. Alle hier liegen dieser Band und ihrer frischen Performance regelrecht zu Füßen. Irgendwann kündigt Lunn an, dass sie heute auf das Zugabe-Ritual verzichten und stattdessen länger auf der Bühne bleiben. Da bleibt noch genug Raum für Subways-Klassiker wie „Boys & Girls“, „Celebrity“, With You“, „Oh Yeah“ und „It’s A Party“.
Die Subways lassen ein hochzufriedenes Publikum zurück. Sie sind eine unglaublich routinierte Liveband geworden in den mittlerweile zehn Jahren ihres Zusammenspielens. Aber auch wenn sie nicht – wie damals proklamiert – „Young For Eternity“ bleiben: sehr viel mehr Energie und Spaß kann man von einer Liveperformance nicht erwarten. Man muss in die Musik der Subways gar nicht viel hineininterpretieren. Denn da ist nach wie vor nicht mehr und nicht weniger als die kerzengerade Verkörperung des schnörkellosen Rock’n’Roll in seiner britischen Tradition von The Who bis zu den Sex Pistols. Wer das nicht mag, der hat kein Herz!
Mit ihrem neuen Album „This Is All Yours“ haben Alt-J Ende letzten Jahres auf so ziemlich allen Bestenlisten einen der vordersten Plätze belegt. 2012 war das Trio aus Leeds mit seinem Debüt „An Awesome Wave“ quasi über Nacht durch die Decke gegangen. Das elektronisch angehauchte Gemisch aus Pop, Rock und ein bißchen Folk scheint den Massengeschmack zu treffen und so ist es kaum verwunderlich, dass die fünf Deutschlandkonzerte ihrer aktuellen Tour im Handumdrehen ausverkauft waren.
Schön für die, die sich heute bereits früh auf den Weg ins Palladium gemacht haben. Im gegenüberliegenden E-Werk findet gleichzeitig die ebenfalls ausverkaufte Stunksitzung statt und die ohnehin schon schwierige Parkplatzsuche rund um die Mülheimer Schanzenstraße wird so endgültig zum Glücksspiel. Irgendwann haben wir es dann aber auch geschafft und erleben immerhin noch die letzte der beiden Vorgruppen, die mit schrammeligem Post-Grunge der Marke Mudhoney auf sich aufmerksam zu machen weiß.
Um 21.20 Uhr – und damit zehn Minuten vor dem eigentlichen Zeitplan – starten Joe Newman, Gus Unger-Hamilton und Thom Green dann mit „Hunger Of The Pine“ in ihr Set. Der Sound ist vom ersten Ton an perfekt und die komplex arrangierten Songs zwischen Wehmut und Euphorie lassen eine fast schon intime Atmosphäre aufkommen. Dabei steht das Gespür der Band für Visuelles ihrer Musik in Sachen Experimentierfreude und Ästhetik kaum nach. Das haben Alt-J bereits des Öfteren in ihren Videoclips bewiesen und auch die Lichteffekte im Palladium genügen allerhöchsten Ansprüchen. Es ist fast spannender den Kaskaden aus wechselnden Farbtönen zu folgen als den Musikern. Zumal sich deren Aktivitäten, abgesehen von ein paar kurzen Ansagen, nahezu im Bereich der Regungslosigkeit abspielen.
Macht aber nix. Vor der Bühne hat sich längst eine extrem tiefenentspannte Stimmung breitgemacht. Das erste rhythmische Klatschen gibt es erst zu „Left Hand Free“. Hier und da wird ein wenig getanzt. Wäre heute schon Karneval, dann hätten Verkleidungen als Friede, Freude und Eierkuchen Hochkonjunktur. Dabei hat die Setlist einen überaus abwechslungsreichen Mix aus alten („Leon“) und neuen („The Gospel Of John Hurt“), schnellen und langsamen Stücken zu bieten. Darunter auch eine A-Capella-Version von „Ripe & Ruin“ oder das Bill Withers-Cover „Lovely Day“ als erste von vier Zugaben.
Einziger Knackpunkt des Abends bleibt die Länge. Keine Frage, Alt-J haben in Köln musikalisch auf ganzer Linie überzeugt. Mit 75 Minuten fällt ihr Auftritt allerdings arg kurz aus. Wer Spass daran hat sich zwei unbekannte Vorgruppen anzusehen, der darf gerne nochmals 75 Minuten dazurechnen. Bei aller Kunstfertigkeit ist es eine der Stärken von Alt-J nicht angestrengt zu wirken. Ein wenig mehr Anstrengung hätte man sich heute Abend aber trotzdem gewünscht. „Please don’t go, I love you so, I love you so“ heißt es im Closer „Breezeblocks“ – ein passenderes Schlusswort kann man kaum finden.
Eigentlich ist heute der 10. Dezember 2014. Nein, wir befinden uns nicht im Fluxkompensator von Doc Brown, sondern beim Nachholtermin für das Konzert der Fantastischen Vier in der Kölner Lanxess Arena. Aufgrund von Smudo und Michi Beck’s Verpflichtungen als „The Voice Of Germany“-Coaches musste das ursprünglich für Dezember letzten Jahres geplante Gastspiel der Hip-Hopper in der Domstadt auf Januar verschoben werden. Es ist Teil der „Rekord“-Tour zum 25-jährigen Bandjubiläum. Wo andere Leute Silberhochzeit feiern, beweisen Thomas D, Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon eindrucksvoll, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Bemerkenswerte Randnotiz: Jeder der heute abend auf der Gästeliste steht, darf 5 Euro für einen guten Zweck spenden. In diesem Fall für „Laut gegen Nazis“. In Zeiten von Pegida, Hogesa und Co. eine mehr als lohnenswerte Investition.
Die Lanxess Arena ist mit 15.000 Fans ausverkauft. Das Publikum ist bunt gemischt. Ich schätze mal, dass von 16 bis 60 alles vertreten ist. Erstere rannten also noch mit der Windel um den Weihnachtsbaum, als Fanta 4 ihr fünftes Studioalbum „4:99“ veröffentlichten. Gemeinsam müssen sie erstmal den Support „Lary“ über sich ergehen lassen. Die Sängerin aus Berlin – immerhin von Smudo persönlich angesagt – quält die Menge mit inspirationslosem Electro Pop, inklusive einem verunglückten Cover des Rammstein-Songs „Engel“. Dass ihr Logo frappierend an die Raute von Borussia Mönchengladbach erinnert, macht die Sache für sie nicht unbedingt einfacher. Abgesehen von ihrer zweifellos schönen Stimme, scheint sie selbst mehr auf die Wirkung ihres Äußeren zu bauen, als auf die ihrer Musik. Als Lary, die bürgerlich Larissa Sirah Herden heißt, nach einer halben Stunde von der Bühne schreitet, macht sich in der Lanxess Arena deutliche Erleichterung breit.
Wiederum eine halbe Stunde später eröffnet And.Ypsilon, begleitet von einer fünfköpfigen Band, mit „Die Vierte Dimension“ die musikalische Zeitreise durch ein Vierteljahrhundert Fanta 4. Am anderen Ende der Halle bahnen sich Thomas D, Smudo und Michi Beck ihren Weg durch die überraschten Fans zu einem kleinen Podest, auf dem sie mit „25“ den Startschuss für die nun folgende zweistündige Party geben. Als zusätzlicher Knalleffekt regnet es Konfetti von der Decke. Von dort aus steuern sie weiter in Richtung Bühne und lassen sich unterwegs bereitwillig für das ein oder andere Selfie aufhalten. Hier geht das Feuerwerk aus alten und neuen Hits weiter. Die Kölner hüpfen und springen zu den Takten von „Heute“, „Lass sehen“ oder „Sie ist weg“, und das bis zum letzten Platz unter der Klimaanlage auf dem Oberrang. Dafür dass die Sicht von dort aus nicht mikroskopisch klein ist, sorgen zwei grosse Leinwände und ein überdimensionaler Videowürfel. Überhaupt ist das Bühnenbild geschmackvoll bombastisch und wechselt zwischen roten Flammen, goldenem Einpackpapier und blauen Kreisen. Smudo, Thomas D und Michi Beck sind ständig in Bewegung und holen nur während einiger kurzen Ansagen mal eben Luft. Die erste richtige Verschnaufpause gönnen sie sich und ihren Fans erst bei „Tag am Meer“, zu dem die gesamte Arena in einem 3D-Lichtermeer aus Handy Displays und vereinzelten Feuerzeugen versinkt. Vielleicht ist es Einbildung, aber gleichzeitig liegt ein Hauch von Gras in der Luft (nein, nicht das auf der Wiese).
Thomas D setzt das Gefühlskino anschließend mit „Gott ist mein Zeuge“ alleine fort, bevor es über „Du Mich Auch“, „Was geht“ und „Ernten was wir säen“ langsam aber sicher auf das Ende des Mainsets zugeht. Die Zugaben „MfG“, „Populär“ und „Troy“ beschliessen das Konzert schließlich so, wie es begonnen hat. Mit einem Knalleffekt und einem Regen aus weißen Luftschlangen. Wenn man bedenkt, dass die vier Fantas inzwischen selbst stramm auf die Fünfzig zugehen, dann bekommt der alte Klugscheißerspruch „Alter ist relativ“ eine ganz neue Bedeutung. Jedenfalls wirken sie auch nach 25 Jahren noch wie vier verspielte und ein bißchen durchgeknallte Jungs, die sichtlich Spass an dem haben, was sie da veranstalten. Und Spass hatten heute mit Sicherheit alle. Ganz konkret!
Clueso ist ein Fan der Foo Fighters! Das verrät er irgendwann im Verlaufe seines Konzertes in der Lanxess Arena und hat damit gleich mal einen dicken Stein bei mir im Brett. Sein letztes Album „Stadtrandlichter“ hat der 34-jährige Erfurter komplett in Eigenregie geschrieben, produziert und erstmals auf seinem eigenen Label „Text und Ton“ veröffentlicht. Für ihn war es nach einer Phase der kreativen Neuorientierung eine Art persönlicher Befreiungsschlag. Der Erfolg von „Stadtrandlichter“ scheint ihm Recht zu geben. Offensichtlich hat der ihn aber auch ein bißchen verwegen gemacht. Denn mit der Kölner Riesenarena hat Clueso gleich mal die grösste Konzerthalle Deutschlands gebucht. Am Ende sind es immerhin 10.000 Fans, die den Weg nach Köln-Deutz gefunden haben, davon gefühlte zwei Drittel weiblich.
Ebenso bekannt dürfte inzwischen Clueso’s Engagement für junge, talentierte Musiker sein. Im Rahmen seiner „Stadtrandlichter“-Tour unterstützt er das Crowdfunding-Projekt der Kölner Band AnnenMayKantereit. Von jedem auf deren Webseite gekauften Clueso-Ticket geht ein Anteil direkt in die Produktion ihrer neuen EP. Da wir jedoch erst relativ spät ankommen, verpassen wir leider den Auftritt des Trios. Stattdessen gönnen wir uns noch eine Zigarette im Raucherbereich der Lanxess Arena und stehen dort alleine und verlassen im eiskalten Wind. Rauchen ist unter Clueso-Fans anscheinend verpönt.
Es ist kurz nach 20 Uhr, als Clueso in Lederjacke die Kulisse betritt und mit „Pack meine Sachen“ loslegt. Der Jubel im weiten Rund ist entsprechend heftig. Auf der Leinwand im Bühnenhintergrund prangt in Grossbuchstaben „Hallo Köln“ und Clueso wird auch im weiteren Verlauf des Konzertes nicht müde die „geile“, „tolle“, „mega“ Stimmung immer wieder zu loben. Obwohl er von einer sechsköpfigen Band (inklusive DJ) begleitet wird, wirkt er auf der überdimensionalen Bühne etwas verloren. Der Sound ist für sonstige Arenaverhältnisse überraschend gut und die Lightshow wechselt zwischen warmen Blau- und Rottönen und grellen Lichtkaskaden. Auf der Leinwand werden mal Live-Bilder und mal diverse Animationen gezeigt. Der Rahmen stimmt.
Musikalisch präsentiert Clueso seinen Fans einen bunten Mix aus Hip-Hop, Rap, Folk, Blues, Elektro und sanften Gitarrenklängen. „Augen zu“ oder „Sein Song“ gehören eher zur Rockfraktion. Und natürlich fehlt auch „Chicago“, sein Über-Hit von 2006, ebenso wenig in der Setlist wie die aktuelle Single „Freidrehen“. Wie ein kleiner Junge hüpft und tanzt Clueso von einem Bühnenende zum anderen und als er, begleitet von zwei ehemaligen Rapper-Kollegen, einen 20-minütigen Freestyle hinlegt, gibt es in der Lanxess Arena kein Halten mehr. Nebenbei beeindruckt er mit einer kleinen Breakdance-Einlage. Dass sie genauso gut die leisen Töne beherrschen, stellen er und seine Band mit einem eingeschobenen Akustikblock unter Beweis, zu dem unter anderem das sehr schöne „Ey der Regen“ gehört. Dabei erweist Clueso dem Kollegen Max Herre die Ehre, indem er ein paar Töne aus dessen „Anna“ einstreut.
Der eigentliche Höhepunkt des Abends aber fehlt noch. Er hat angegrautes Haar, trägt Bart und heisst Wolfgang Niedecken. Zusammen mit dem Kölner Urgestein, mit dem ihn ja bekanntlich eine enge Freundschaft verbindet, singt Clueso den BAP-Klassiker „Verdamp lang her“ und später noch das eingekölschte „Für immer jung“ von Bob Dylan. Besonders ersteres wird in der Domstadt natürlich frenetisch abgefeiert, obwohl sich Niedecken einen kleinen Seitenhieb auf die Fans nicht verkneifen kann: „Das Stück ist von 1981. Da wart ihr ja noch gar nicht geboren“.
Danach geht es weiter mit dem immer gern genommenen Udo Lindenberg-Cover „Cello“, „Gewinner“ und zum Abschluss des Mainsets „Nebenbei“. Die Lanxess Arena feiert und fordert lautstark eine Zugabe, die nicht lange auf sich warten lässt. Vor der Bühne ist jetzt ein durchsichtiger Vorhang herabgelassen worden, der mit allerlei Laserspielereien und anderen 3D-Effekten tolle Hintergrundbilder zu „Geisterstadt“ liefert. Zwischendurch macht Clueso noch Werbung für seine Nominierung zur diesjährigen 1Live-Krone, bevor er mit „Bleib hier“ sicherlich vielen Fans aus dem Herzen spricht. Obwohl es mittlerweile stramm auf die 3-Stunden-Marke zugeht, haben die nämlich noch nicht genug. Clueso steigt in den Bühnengraben, schüttelt Hände und fordert ein „Sternenmeer aus Handys“. Mit einer Daftpunk-ähnlichen Elektro-Version seines „Weit Weg“-Klassikers „Out Of Space“ drückt er dann endgültig auf den Aus-Knopf und entlässt die Fans in den 1. Advent.
Man muss die Musik von Clueso nicht mögen. Man muss ihm auch sein Image vom WG-Bewohner, der früher mit den Kumpels in Köln um die Häuser gezogen ist, nicht abnehmen. Irgendwie wirkt das alles eine Spur zu vergnügt und auf cool getrimmt. Aber man muss anerkennen, dass er in der Lanxess Arena eine abwechslungsreiche Show mit einem Spassfaktor abgeliefert hat, der durchaus im oberen Bereich lag. Von deren Länge können sich so manch andere Kollegen eine dicke Scheibe abschneiden. Den neutralen Beobachter hat er jedenfalls überzeugt und die Fans sowieso. Und außerdem ist er ja auch noch Foo Fighters-Fan.
Die vergangenen zwei Jahre standen für die Beatsteaks unter keinem besonders guten Stern. Schlagzeuger Thomas Götz verletzte sich schwer bei einem unglücklichen Treppensturz, die folgende Tour musste abgesagt werden und es herrschte längere Zeit Stille im Lager der Punkrockkönige. Doch spätestens seit dem überwältigenden Erfolg ihres Anfang August veröffentlichten siebten und selbstbetitelten Albums scheint 2014 zu ihrem Jahr zu werden. Danach machte das Quintett auf der „Club Magnet“-Tour zunächst einige kleinere Läden dem Erdboden gleich, um nun auf der „Creep Magnet„-Tour die grösseren Hallen in Schutt und Asche zu legen. Das Kölner Palladium kommt dabei gleich zweimal in den Genuss des musikalischen Aufräumkommandos aus Berlin. Der heutige Mittwoch ist der reguläre Tourtermin, das Zusatzkonzert fand gestern statt und beide waren in Rekordzeit ausverkauft.
An der Gästeliste gilt es zunächst eine Spende von 5 Euro pro Person abzudrücken, die für einen guten Zweck verwendet wird (den ich leider vergessen habe…). Im Foyer des Palladiums präsentieren sich die Hilfsorganisation Oxfam und die Umweltschützer von Sea Shepherd mit eigenen Ständen. Die Vorgruppe Bilderbuch aus Österreich schenken wir uns zugunsten eines Kaltgetränks und eines warmen Snacks. Danach geht’s hinein ins proppevolle Vergnügen, aus dem wir zweieinhalb Stunden später schweißgebadet wieder auftauchen werden. Der Abend endet schließlich mit tumultartigen Szenen am Merch-Stand. Aber der Reihe nach.
Es ist Punkt 21 Uhr als Arnim Teutoburg-Weiß, Bernd Kurtzke, Peter Baumann, Torsten Scholz und Thomas Götz auf die Bühne marschieren und das Publikum im Palladium getreu des Openers „Up On The Roof“ sofort an die Decke geht. Torsten Scholz hat sich für die Fans heute besonders in Schale geworfen. Seinem Anzug fehlt nur die Krawatte. Zu Krachern wie „Monster“, „Cheap Comments“, „Jane Became Insane“ oder „Milk & Honey“ wird nach Herzenslust getanzt, gehüpft, gepogt und vor allem geschwitzt. Obwohl er noch an den Folgen eines Meniskusrisses leidet, gibt selbst Arnim Teutoburg-Weiß wie immer ordentlich Gas. Die überschäumende Party vor ihm lässt ihn mehrfach sprachlos und sichtlich überwältigt zurück. Immerhin wagt er mit „Kölle, ich hann dich leev“ einen mutigen Ausflug in den rheinischen Dialekt. Eine erste Verschnaufpause gibt es bei „Let Me In“. Teutoburg-Weiß fordert die Fans dazu auf sich hinzusetzen und die Handys wegzustecken („Eure Freunde sind hier und nicht bei Facebook“). Sogar die Crowdsurfer stellen vorübergehend ihren Betrieb ein. Nach kurzem Luftholen wird dann auf Kommando mit „SaySaySay“ und „Demons Galore“ weitergefeiert. Die Temperaturanzeige im Palladium nimmt subtropische Ausmaße an. Der Rolling Stones-Klassiker „Beast Of Burden“, „Hello Joe“ und „Hand In Hand“ markieren schließlich das Ende eines in Punkto Sound, Stimmung und Songauswahl beeindruckenden Mainsets.
Aber es ist noch lange nicht Schluss. Der erste Zugabenblock besteht aus „Under A Clear Blue Sky“, „Cut Off The Top“ und „Automatic“. Abgang Band, Jubel, Klatschen, „Beatsteaks„-Sprechchöre. Der zweite Zugabenblock beginnt leiser. Bernd Kurtzke singt die herzzerreißenden Cover „Hey Du“ von Ilona Schulz und „Frieda und die Bomben“ von Fu Manchu. Ganz Köln singt mit ihm. Danach folgt „I Don’t Care As Long As You Sing“ in voller Bandbesetzung und eine ausgiebige Verabschiedungszeremonie inklusive Konfettikanone. Abgang Band, Jubel, Klatschen, „Beatsteaks„-Sprechchöre. Das Licht im Palladium geht an, die Rausschmeißmusik vom Band auch und die Leute drängen zu den Ausgängen. Falsche Entscheidung! Denn plötzlich steht Arnim Teutoburg-Weiß wieder auf der Bühne. Mit Gitarre. Alleine. Und er singt „To Be Strong“ so inbrünstig, als wäre der Titel genau das passende Motto für diesen Abend. Nach und nach gesellen sich Bernd Kurtzke, Peter Baumann, Torsten Scholz und Thomas Götz dazu und nach kurzer interner Diskussion legen die Fünf noch drei Schippen obendrauf: „Atomic Love“, das grossartige Police-Cover „So Lonely“ und zum endgültigen Abschluss „I Never Was“. Danach sieht man um sich herum nur ebenso erschöpfte wie glückliche Gesichter. Auch das Palladium ist in seinen Grundfesten erschüttert, steht aber ebenfalls noch.
Das wäre dem Merch-Stand beinahe nicht gelungen. Arnim Teutoburg-Weiß hatte sich nämlich als Letzter mit dem Hinweis verabschiedet, dass „draußen noch 500 Karten für das Konzert in Dortmund verschenkt werden“. Was jeder zunächst für einen Witz der Marke „Freibier für alle“ hält, erweist sich schnell als wahr. Der Merch-Stand im Foyer wird kurzerhand gestürmt. Zum Glück hat die Security die Lage relativ schnell unter Kontrolle. Außer ein paar Tränen der Enttäuschung bei denjenigen, die leer ausgehen, gibt es keine weiteren Schäden. Doch keine Sorge, wer sich von den Beatsteaks mal so richtig die Birne durchpusten lassen möchte, der hat dazu noch bis Mitte Dezember Zeit. In Köln haben sie ihrem Ruf als exzellente Live-Band jedenfalls wieder mal alle Ehre gemacht!
Auf dem Weg zum Konzert von Angus & Julia Stone erreicht uns in der Bahn die Nachricht einer Freundin, die bereits in Köln-Mülheim angekommen ist: „Habt ihr die Haare geflochten, Bändchen um den Kopf und ist der Blick verträumt? Dann könnt ihr kommen…“. Zwar sieht es im Palladium dann doch nicht danach aus, als würde hier gerade eine neue Hippie-Kommune gegründet, trotzdem ist das Motto der heutigen Veranstaltung damit bereits vorweggenommen. Denn mit seinen samtweichen Harmonien aus Folk und Blues dürfte das australische Geschwisterpaar den Knutsch- und Kuschelfaktor an diesem nasskalten November-Freitag ziemlich in die Höhe treiben. Etwas anderes war nach der Veröffentlichung ihres dritten selbstbetitelten Albums Anfang August allerdings auch nicht zu erwarten. Immerhin sorgt die Aussicht auf einen Abend voller musikalischer Wärme dafür, dass das Palladium restlos ausverkauft ist. Vor gut vier Jahren haben Angus & Julia Stone noch das Gebäude 9 bespielt und seitdem ihr Publikum in Köln also quasi verzehnfacht. Das Problem an der Sache ist nur, dass das Palladium für ein Konzert dieser Art der absolut falsche Ort ist.
Das wird schon nach den ersten Songs „A Heartbreak“ und „For You“ deutlich. Spätestens da ist nämlich klar, dass der Bewegungsdrang der beiden Hauptdarsteller auf der Bühne fast vollständig gegen Null tendiert. Es geht ihnen halt um die Musik und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Doch die Songs von Angus & Julia Stone sind in einem intimeren Rahmen, wie ihn etwa die Kölner Kulturkirche hätte bieten können, einfach besser aufgehoben. Im Palladium geht viel von ihrer emotionalen Tiefe und Schönheit verloren, was weder an der Performance noch am Sound liegt. Im Gegenteil, letzterer ist exzellent und so wird der Soundmann zu Recht auch mit einem Geburtstagsständchen gefeiert.
Sollte es auf der Bühne überhaupt eine Richtung geben, dann wird sie eindeutig von Julia bestimmt. Bei ihren wenigen Ansagen muss man schon die Ohren spitzen, um zu verstehen, was sie sagt. Sie dirigiert die Begleitband, greift zur Unterstützung auch mal zur Trompete („Main Street“), lacht zwischendurch ihr kieksendes Lachen und füllt ansonsten die Rolle der singenden Sonnenblume nahezu perfekt aus. Bruder Angus mimt derweil den leicht bekifft wirkenden Hipster und steuert hier und da einen Gesangspart bei. Vor allem „Crash & Burn“ verleiht er damit einen besonderen Neil Young-Touch. Die Fans singen immerhin „Stay With Me“ und „Big Jet Plane“ verhalten mit, sind größtenteils aber mucksmäuschenstill. Einzig beim „Grease“-Klassiker „You’re The One That I Want“, den Angus & Julia Stone in seine akustischen Einzelteile zerlegen, fühlen sich manche zu einer John Travolta & Olivia Newton-John-Parodie berufen. Die sparsam-schöne Lightshow unterstreicht den Eindruck, dass es heute im Palladium vor allem auf Entschleunigung ankommt. Dazu passt „Heart Beats Slow“ als Abschluss des Mainsets wie der Deckel aufs Marmeladenglas.
Nach zwei weiteren Zugaben („Yellow Brick Road“ und „Santa Monica Dream“) verabschieden sich Angus & Julia Stone fast schüchtern von ihren Fans. Musikalisch haben sie vollkommen überzeugt, auch wenn die Länge ihres Auftritts mit knapp anderthalb Stunden etwas kurz erscheint. Man nimmt ein Gefühl der Ruhe und Sanftheit mit ins Wochenende. Und das kann einem am Ende selbst das Palladium nicht nehmen.
Mrs. Greenbird ist ein Duo mit Geschichte – einer Geschichte, die in den letzten beiden Jahren kräftig an Fahrt aufnahm und mit einem Nummer-1-Debütalbum in Gold einen ersten Höhepunkt erreichte. Ihre „Shooting Stars & Fairy Tales“-Tournee wurde mit einem LEA-Award als beste Clubtournee des Jahres 2013 ausgezeichnet. Steffen Brückner und Sarah Nücken lieben all das, was heutzutage unter „Americana“ subsumiert wird – Country, Folk, Blues und alles dazwischen und drumherum. Sie bedienen sich in ihrer Musik traditioneller Stile und Stilmittel, doch sie nutzen sie für eine ganz individuelle Herangehensweise, die sie selbst einmal „Singersongwritercountryfolkpop“ genannt haben.
Am 07. November erscheint ihr zweites Album „Postcards“. Vorher nahmen sich Steffen Brückner und Sarah Nücken die Zeit für ein Interview mit Musicheadquarter. Unser Chefredakteur Thomas Kröll sprach mit den beiden in einem Kölner Café über das neue Album, die Aufnahmen in Nashville, Altlasten, Auszeiten, Wünsche, Hoffnungen und Ängste.
Meine erste Frage wäre die nach deinem Hut gewesen, Steffen. Auf den Promo-Fotos zum neuen Album trägst du ihn nur selten und auch dein Bart ist weniger geworden. Am vergangenen Donnerstag bei eurem Unplugged-Auftritt im Arkadas-Theater hattest du deinen Hut dann aber doch wieder auf. Heute bist du ohne gekommen, dafür trägt Sarah diesmal Hut. Jetzt bin ich verwirrt.
Steffen: Der Bart ist ja schon vor zwei Jahren sukzessive weniger geworden. Teilweise habe ich auf den Promo-Fotos einen Hut, aber nicht auf allen. Ich bin nach wie vor passionierter Hutträger. Nicht immer, aber doch regelmäßig. Wir haben so eine Policy, dass wir sagen: Immer abwechselnd. Nicht gleichzeitig, sonst sieht das schnell aus wie zwei Mützenverkäufer (lacht). Der Hut ist ja auch oft eine Verlegenheitstat, wenn man mit der Frisur nicht zufrieden ist.
2012 seid ihr mit eurem Debütalbum quasi aus dem Stand durch die Decke gegangen. Inwiefern hat sich euer Leben seitdem verändert?
Steffen: Beruflich hat sich tatsächlich einiges getan. Wir sind viel mehr im Außendienst unterwegs als früher. Letztes Jahr waren wir insgesamt zehn Monate unterwegs. Die Arbeitszeiten sind deutlich unregelmäßiger geworden. Wir arbeiten viel mehr in Nachtschichten. Ich glaube auch, dass unser Leben deutlich interessanter geworden ist, was so die Abwechslung anbelangt. Wir haben natürlich viel mehr mit Menschen zu tun. Zum einen mit denen wir arbeiten, zum anderen mit den Freunden unserer Musik, mit denen wir regelmäßig in Kontakt treten und wo wir mit der Zeit sehr viele nette Bekanntschaften geschlossen haben. Privat hat sich bei uns eigentlich so gut wie gar nichts verändert. Unser Umfeld ist immer noch genauso wie früher, dieselbe Wohnung, dieselbe Familie, dieselben Freunde.
Euer neues Album „Postcards“ erscheint am 07. November. Diesmal habt ihr die Platte in Nashville aufgenommen. Wie kam es dazu?
Sarah: Wir wollten mit William Fitzsimmons einen Song zusammen schreiben, weil seine „The Sparrow And The Crow“-Platte bei unseren Konzerten immer zum Einlass lief. Wir haben gedacht, das wäre eine schöne Verbindung, wenn er auf unserem zweiten Album auftaucht. Dann haben wir bei seinem Management angefragt, weil er gerade auf Deutschlandtour war. Er hatte aber leider keine Zeit. Bei demselben Management war aber auch unser Produzent (Marshall Altman, Anmerkung der Redaktion) unter Vertrag und der Manager hat ihm dann unsere Songs geschickt. Daraufhin hat er gesagt: Finde ich super, ich will die kennenlernen und dann schreiben wir zusammen einen Song. Wir haben uns dann auf Skype verabredet und versuchsweise einen Song geschrieben. Dabei haben wir uns direkt gut verstanden und noch einen zweiten Song zusammen geschrieben.
Wie schreibt man denn über Skype einen Song?
Sarah: Jeder sitzt da und hat sein Instrument vor sich, einen Stift, einen Block und dann schreibt man (lacht).
Steffen: Also im Grunde genommen ist es genauso, als würdest du zusammen in einem Raum sitzen. Man tauscht sich halt aus, man liest sich Ideen vor oder spielt sich Ideen vor. Man kann sich ja auch super über Skype Texte hin und her schicken. Das funktioniert sehr sehr natürlich. Wir haben da eigentlich keine Einschränkung wahrgenommen. Außer wenn zwischendurch die Verbindung mal ein bißchen schlecht wurde. Aber die Zeitverzögerung ist unheimlich minimal und es ist eigentlich ein sehr angenehmes Arbeiten. So haben wir halt den Marshall kennengelernt. Anfangs haben wir uns gar nicht so getraut, weil wir dachten: Hey, das ist ein großer Produzent, der schon mit unheimlich vielen wichtigen Künstlern zusammen gearbeitet hat. Was will der mit uns? Irgendwann haben wir ihn aber dann doch in einer E-Mail ganz vorsichtig gefragt, ob er sich eine Zusammenarbeit mit uns vorstellen könnte. Und dann schrieb er nur zurück: Ich dachte ihr fragt nie (lacht). Wir haben das dann relativ kurzfristig mit ihm und unserer Plattenfirma eingestielt. Dann haben wir unsere Koffer gepackt und sind in den Flieger gestiegen. So sind wir in Nashville gelandet. Wobei die Stadt selber jetzt gar nicht so unbedingt unser Ziel gewesen ist. Es war eher ein glücklicher Zufall, dass er in Nashville saß und wir dann da produzieren konnten.
Wie lange wart ihr insgesamt da?
Sarah: Zweieinhalb Monate.
Steffen: Wir hatten alle Songs fertig geschrieben. Aber unser Ziel war wirklich den gesamten Produktionsprozeß dann da zu machen. Wir sind also hin, haben erstmal ein Barbecue gemacht, um unseren Produzenten tatsächlich mal kennenzulernen, dann zehn Tage Vorproduktion gemacht, neue Demos aufgenommen, Details festgelegt und eine Vision erarbeitet, wie wir klingen wollen. Dann haben wir mit der Band Liveaufnahmen, Vocal- und zusätzliche Instrumentalaufnahmen gemacht und uns sehr sehr viel Zeit gelassen und sehr genau ausgesucht, wie es klingen soll und was wir machen wollen. Bei dem gesamten Mixing- und Masteringprozeß sind wir auch noch da gewesen. Einen Tag nachdem die Platte komplett fertig war, sind wir wieder in den Flieger gestiegen und nach Hause geflogen.
Sarah: Wir haben die Nachts fertig gemastert und am nächsten Morgen nach drei Stunden Schlaf saßen wir um 5 Uhr im Flieger (lacht).
Punktlandung. Wenn man im Fußball in die Bundesliga aufsteigt, dann sagt man, dass das zweite Jahr immer das Schwerste ist. „Postcards“ ist euer zweites Album. Welche Wünsche, Hoffnungen und vielleicht auch Ängste verknüpft ihr damit?
Steffen: Bei Musikern oder Platten sagt man ja genau dasselbe, dass die zweite Platte immer die Schwierigste ist. Besonders wenn die erste erfolgreich war. Mit der ersten rechnet ja keiner. Die passiert einfach und wird dann erfolgreich und kommt so aus dem Nichts. Danach ist der Erwartungsdruck unheimlich groß. Den Druck haben wir natürlich auch zu spüren bekommen. Vor allen Dingen von uns selbst, weil wir ja von dem Erfolg des ersten Albums selbst total überrascht waren. Wir haben natürlich den Anspruch gehabt daran anknüpfen zu wollen. Gar nicht in erster Linie was Verkaufszahlen und Chartpositionierungen anbelangt, aber eben was die Qualität, musikalische Vision und halt auch die Akzeptanz bei unseren Fans betrifft. Wir machen ja Musik für Leute und möchten gerne, dass die was damit verbinden. Das ist für uns der wichtigste Indikator. Du hast halt den Druck, dass du irgendwann ein zweites Album machen musst, die Songs müssen fertig werden, das Ding muss produziert werden. Und dann sitzt du natürlich da und wartest darauf, was jetzt passiert. Findet das jetzt einer gut oder nicht? Das ist wie ein kurzer Moment im freien Fall. Du weißt nicht, wo schlage ich jetzt auf.
Sarah: Ich mache mir keine Sorgen, ob das Album jetzt den Freunden unserer Musik gefällt oder nicht. Ich glaube, denen gefällt das, weil wir unseren Stil schon beibehalten, aber trotzdem weiterentwickelt haben. Die können uns also auf jeden Fall wiedererkennen und sich wahrscheinlich auch wieder damit identifizieren. Ich mache mir nur Sorgen darum, ob das tatsächlich jeder weiß, dass das jetzt rauskommt, weil wir schon ziemlich lange von der Bildfläche verschwunden sind. Zwei Jahre ist jetzt mehr oder weniger nichts passiert.
Dann werden wir hiermit ein bißchen dazu beitragen, dass es die Leute mitkriegen. Ich muss sagen, ich habe das Album auch schon gehört. Normalerweise stehe ich zwar mehr auf Rockmusik, aber es ist einfach ein schönes Album geworden. Bei eurem Auftritt im Arkadas-Theater war ja auch meine Freundin mit dabei, die gar nicht so richtig wusste, was sie erwartet und sie war total begeistert. Wenn man das alles jetzt mal so ein bißchen als Indikator nimmt, dann sieht es doch nicht schlecht aus.
Steffen: Das ist nett und das ist ja auch so ein bißchen das Ding. Die Leute, die uns teilweise noch von früher kennen, die sich halt mit uns auseinandergesetzt haben, die können uns ganz gut abschätzen. Die wissen wie wir sind, wie wir ticken und was wir so machen. Wir merken jetzt in der Vorbereitung zum neuen Album, dass wir gerade bei denen, die sich mit uns noch nicht so auseinandergesetzt haben, mit mehr Vorurteilen zu tun haben, als wir gedacht hatten.
Zum Beispiel?
Steffen: Na ja, zum einen wegen unseres Hintergrunds. Dass wir durch den Sieg bei X-Factor den Schub bekommen haben, ist wahnsinnig erklärungsbedürftig. Weil keiner davon ausgeht, dass jemand, der an einer solchen Show teilnimmt, tatsächlich ein autarker selbständiger Künstler ist. Wir sind ja tatsächlich genauso da reingegangen, wie wir nachher rausgekommen sind. Von den Kritikern solcher Formate nimmt dir das aber erstmal keiner ab. Du musst den Leuten erstmal beweisen, dass du wirklich echt bist. Das ist ein bißchen so wie ein Kampf gegen Windmühlen. Wobei das interessanterweise nur bei den Medien so ist. Für die Fans und alle Musiker, die wir so kennen, ist das alles gar kein Thema. Die würden das wahrscheinlich selber nicht machen, was auch total nachvollziehbar ist, sind aber in der Lage das große Ganze zu sehen. Wir versuchen uns da noch so ein bißchen freizuschwimmen. Jeder muss seinen Weg finden.
Man muss wahrscheinlich auch deshalb mehr Überzeugungsarbeit leisten, weil die Castingshows ja schon Formate sind, bei denen am Ende auch einfach viel Schrott übrigbleibt.
Steffen: Es ist ja auch unheimlich undurchsichtig. Die Bedingungen und die Art wie die Produktion aufgestellt ist, sind ganz ganz unterschiedlich. Als wir da reingestolpert sind, haben wir uns das ganz genau angeguckt und überlegt, ob wir das überhaupt wollen. Wir kannten aber die Produktion sehr gut und sind mit den Entscheidern nach wie vor gut befreundet. Wir wissen halt, dass die den Künstlern wohlgesonnen sind. Deshalb haben wir da kein so großes Risiko verspürt. Das weiß draußen aber keiner. Da geht ja niemand mit hausieren.
Würdet ihr mit dem Wissen von heute nochmal an einer Castingshow teilnehmen?
Sarah: Ich hätte mich jetzt niemals bewusst dafür beworben. Wir sind durch Zufall da reingeraten. Für mich war das ein bißchen wie ein Wink des Schicksals. Sonst hätte ich das nie gemacht. Ich war im Schlafanzug zuhause und Steffen ist beim Music Store gewesen, wie jeden Samstag, und hat sich Gitarren angeguckt, die in der Woche davor noch nicht da gestanden haben (lacht).
Steffen: Rede da nicht so abfällig drüber. Das ist wichtig (lacht).
Sarah: Er hat sich dann echt überreden lassen da mitzumachen und hat mich dann angerufen. Ich habe mir dann ganz schnell Klamotten angezogen und bin da hin. Wir haben zwei Lieder gesungen und dann ging das halt immer so weiter. Das Schöne war, dass wir in der Show auch eigene Songs präsentieren durften. Wir konnten uns also von Anfang an so präsentieren, wie wir wirklich waren. Das hat echt Spass gemacht und war eine richtig schöne Zeit. Das hat sogar Menschen verbunden. Unsere Nachbarn, die immer dachten wir mögen sie nicht, sind zu jeder Show gekommen und haben so ein riesiges Bettlaken mit Herzchen gebastelt und Sektflaschen auf unseren Briefkasten gestellt. Wir haben sie dann auch im Booklet zum ersten Album gegrüßt und seitdem gehen die ganz anders mit uns um. Man merkt, das hat irgendwas in denen bewegt. Oder unsere Familien und Freunde haben sich alle irgendwie versammelt. Das war etwas sehr Schönes. Und im Moment können wir von der Musik ja auch noch leben. Das alles wäre ohne X-Factor nicht passiert.
Steffen: Man muss einfach wissen, was man will und was man da macht. Wir haben das, was wir da gemacht haben, immer unheimlich ernst genommen. Also musikalisch-künstlerisch. Die Show nicht wirklich. Das war eine große Gaudi und wir haben geguckt, dass wir so viel Spass wie möglich haben. Gleichzeitig haben wir hart daran gearbeitet, dass wir uns so darstellen können, wie wir wirklich sind. Die Rechnung ging zum Glück auf. Ob sich das nochmal wiederholen ließe, weiß ich nicht. Aber sag niemals nie.
Sarah Nücken und Steffen Brückner bei ihrem Unplugged-Auftritt im ausverkauften Kölner Arkadas Theater.
Kommen wir nochmal auf das neue Album zurück. Besonders interessant finde ich die Botschaft in „Slow Me Down“. Man ist ja heutzutage permanent erreichbar. Man kommuniziert über Handy, per SMS, WhatsApp oder Facebook. Die Reizüberflutung durch die Medien ist enorm. In „Slow Me Down“ wünscht ihr euch mehr Zeit zum Durchatmen und Entschleunigen. Inwieweit gelingt euch das selbst?
Steffen: Wir nehmen uns tatsächlich gezielt Auszeiten. Neulich haben wir uns einen kleinen Urlaub gegönnt und waren zwei Wochen weg und dabei komplett offline. Wir waren nicht erreichbar. Weder telefonisch noch über Internet. Ich habe tatsächlich ein Buch gelesen (lacht).
Sarah: Eigentlich machen wir das seit Jahren so. Wenn wir in Urlaub fahren und das ist selten, dann will ich auch von der Welt nichts mitbekommen. Deswegen bin ich ja im Urlaub. Ich fahre ja nicht in Urlaub, um mir bei Facebook anzugucken was da jeden Tag woanders passiert. Ich bin jetzt auch kein Mensch, der jeden Tag sein Essen fotografiert oder sagt: Hier, so sehen meine neuen Schwimmflügel aus (lacht). Ich genieße das halt voll und ohne das kann ich auch gar nicht runterfahren. Seitdem wir im Musikbusiness sind, ist es immer schwieriger, weil da wirklich jeder permanent arbeitet und immer was los ist. Auch am Wochenende und Feiertags. Ich habe jetzt schon wieder in den Kalender geguckt. Ich glaube, wir können das nächste Mal Ende Mai Urlaub machen. Es ist halt wirklich schwierig einfach mal wegzufahren, weil jederzeit ein Termin reinkommen kann. Es gibt ja auch Termine, die musst du ein paar Tage vorbereiten. Natürlich machen wir auch Instagram selber, wir machen Twitter selber oder die Facebookseite. Ich merke halt, dass mich das manchmal schon überfordert. Vor allem, wenn du viel unterwegs bist. Letztes Jahr war es wirklich so, dass wir im Tourbus telefoniert haben, eine E-Mail nach der anderen beantwortet haben und dann rausgefallen sind auf die Bühne. Da kämpfen wir echt, dass wir uns da mehr und mehr freischaufeln und auf die Musik konzentrieren wollen. Und nicht so sehr auf die Büroarbeit. Ich glaube, ich wäre gerne Künstler in den Siebziger, Achtziger, Neunziger Jahren gewesen. Da hatte nicht jeder ein Handy.
Steffen: Technik und Fortschritt ist ja super. Wir mögen das ja auch. Ich bin selbst so ein kleiner Tech-Nerd. Aber ich glaube man muss einfach immer wissen, was tatsächlich für einen persönlich im Leben wichtig ist und sich diese Sachen auch bewahren. Man kann den ganzen Scheiß machen und die ganze mediale Überforderung mitnehmen, so lange man dazu in der Lage ist, immer mal wieder zurückzutreten und sich um sich und sein engstes Umfeld zu kümmern. Man muss das nicht verteufeln. Man muss nur die Waage finden.
Ihr macht gerade eine kleine Unplugged-Tour durch Berlin, Hamburg, München und Köln in eher ungewöhnlichen Locations. Gibt es einen Ort, an dem ihr unbedingt mal gerne ein Konzert spielen würdet?
Sarah: Wir haben den kleinen bescheidenen Traum, dass wir mal in der Grand Ole Opry in Nashville spielen wollen. Das ist ein uraltes Theater.
Steffen: Das ist ja die älteste Radiosendung der Welt. Eine Live Country-Radioshow, die fast täglich ausgestrahlt wird und das seit über achtzig Jahren vor einem Live-Publikum von viereinhalbtausend Leuten. Im Grunde genommen ist das so ein bißchen wie eine Karnevalssitzung. Das ist eine unwahrscheinliche Stimmung. Da würden wir gerne mal spielen, obwohl das natürlich auch sehr utopisch ist.
Sarah: Dahin schaffen es nur die Besten der Besten. Wenn du einmal da gespielt hast, kriegst du eine Plakette, die in der Grand Ole Opry aufgehangen wird. Und dann hängst du da quasi auf ewig.
Steffen: Wenn du einmal Mitglied bist, kannst du immer da auftreten und wirst immer wieder eingeladen. Völlig egal, wie groß oder klein deine Karriere gerade ist. Das ist wie ein Musik-Biotop. Die sind halt für sich und die interessieren keine Charts oder Verkaufszahlen. Das ist eine sehr sehr familiäre Atmosphäre. Gibt es sonst noch Säle, in denen wir mal gerne spielen würden? Wir waren zuletzt in Köln zum ersten Mal im Alten Pfandhaus. Das ist ein ganz kleiner Club mit vielleicht zweihundert Leuten. Aber es ist aufgebaut wie so ein Mini-Amphitheater. In der Mitte unten drin hast du die Bühne, dann hast du so vier oder fünf Sitzreihen, die komplett um die Bühne herumgehen und du kannst quasi 270 Grad um die Bühne herumsitzen. Da waren wir neulich auf einem kleinen Americana-Festival und den Raum fand ich auch unheimlich toll. Wir mögen halt auch so Bühnen, die nicht so wahnsinnig hoch sind, sondern eher umgekehrt. Dass das Publikum so ein bißchen höher sitzt und einen angenehmen Blick hat.
Ihr habt ja beide auch sogenannte bürgerliche Berufe gelernt. Sarah ist eigentlich Sozialpädagogin und Steffen, du bist Mediendienstleister. Wenn ihr irgendwann feststellt, dass es mit der Musik nicht klappt, könntet ihr euch vorstellen wieder in eure alten Berufe zurückzukehren?
Sarah: Ich kann mir das definitiv vorstellen. Ich habe mir das ja bewußt ausgesucht und das hat mir auch immer viel Spass gemacht. Allerdings würde ich mich nie wieder anstellen lassen. Ich habe mich früher nie getraut mich selbständig zu machen und das war jetzt quasi so ein kleiner Tritt in den Hintern. Jetzt hab ich’s gemacht und ich bin auch eigentlich eher ein Risikomensch, ein Freigeist. Ich kann mich auch selber sehr gut organisieren und brauche keine feste Struktur. Ich würde auf jeden Fall irgendwas selbständiges machen. Gesangsunterricht geben oder sowas.
Steffen: Ich glaube, zurück geht bei mir nicht. Ich würde was anderes machen. Der Möglichkeiten sind ja viele. Ich würde der Musik nie den Rücken kehren. Durch das, was wir jetzt erlebt haben und durch die Kontakte, die wir dabei knüpfen, glaube ich, dass sich da auch viele Perspektiven ergeben würden. Ob man jetzt selber weiterhin so viel auf der Bühne steht und Platten aufnimmt oder andere Künstler produziert. Wir können uns alles Mögliche vorstellen. Wir fangen ja auch erst gerade an die Tiefen auszuloten, was da noch so alles möglich ist.
Das neue Mrs. Greenbird-Album „Postcards“ erscheint am 07.11.2014
Letzte Frage: Ihr wohnt in Köln. Ich persönlich liebe diese Stadt ja sehr. Was ist für euch das besondere an Köln?
Sarah: Also, ich liebe die Stadt auch und wohne jetzt seit zehn Jahren hier. Ich mag, dass man ganz schnell von A nach B kommt. Man ist ganz schnell am anderen Ende von irgendeinem Veedel. Das finde ich super. Ich mag die rheinische Frohnatur und bin ja mit dem Karneval groß geworden. Ich bin da quasi reingeboren, weil meine Eltern immer viel Karneval gefeiert haben. Ich habe auch mal ein Jahr in Bayern gelebt und das war für mich ein riesiger Kulturschock. Da ist alles wesentlich konservativer, da komme ich nicht mit klar. Berlin zum Beispiel ist mir irgendwie zu cool, zu Hipster-mäßig. Ich mag es da mal kurz zu sein, ich möchte da aber nicht wohnen. Die Strecken in der Stadt sind mir auch zu lang.
Steffen: Das reizvolle an Köln ist, dass es eine Großstadt mit Kleinstadtatmosphäre ist. Du hast überall dein kleines Stadtzentrum, alles ist sehr familiär, du hast ganz schnell deine Nachbarschaft und dein Netzwerk, wenn du das willst. Und ich finde an Köln auch toll, dass es eine Stadt mit einer wahnsinnig langen Tradition ist. Wenn du ein bißchen in die Stadtgeschichte abtauchst, dann kannst du einfach wahnsinnig viel entdecken, weil die letzten zweitausend Jahre hier unheimlich viel passiert ist. Alleine schon wenn du hier durch die Gegend läufst und guckst, was steht hier so alles rum an Architektur und so. Das ist schon ein echtes Erlebnis. Ich werde immer daran erinnert, wenn wir Freunde aus Amerika zu Gast haben. Gerade Leute aus Kalifornien, deren Geschichte ja gerade mal hundertfünfzig Jahre alt ist. Die Bauten aus der Gründerzeit sind bei denen von 1890 (lacht). Die erinnern mich immer daran, welches große kulturelle Erbe wir hier eigentlich haben und wie glücklich wir sein können, dass man die Geschichte von uns und unserer Stadt so weit zurückverfolgen kann.
Das ist doch ein schönes Schlußwort. Ich danke euch vielmals für eure Zeit und das nette Gespräch!
Ein Dankeschön geht hiermit auch an Kai Manke von networking Media für die freundliche Vermittlung!
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Ihr erstes, 1997 aufgenommenes Album benannten die Beatsteaks noch nach der Hausnummer ihres Proberaums, 48/49. Inzwischen gehört das Quintett aus Berlin zu den prominentesten Punkrockkapellen des Landes. Im August erschien ihr neues und schlicht „Beatsteaks“ betiteltes siebtes Werk. Ab November lassen sie es dann auf der „Creep Magnet“-Tour wieder so richtig krachen.
Getreu dem Motto „Nach der Tour ist vor der Tour“ ließen sie es sich nicht nehmen, vor der großen Hallentour noch ein paar Clubs zu zerlegen. Am Vortag ihres Auftritts im Kölner Gloria Theater traf sich Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll mit Torsten Scholz zum Interview. Wie immer allerbester Laune und frei Schnauze erzählt der Beatsteaks-Bassist darin ausführlich über 20 Jahre Beatsteaks, seine besondere Beziehung zu Köln, typische Tourtage, den „Rockstar-Rummel“, darüber, welche Frage er sich selbst nicht stellen würde und über’s Wäsche waschen, Klo schrubben und Staubsaugen.
Ihr habt euch 1995 gegründet. Demnach steht im kommenden Jahr euer 20-jähriges Bandjubiläum an. Gibt es schon konkrete Pläne, wie ihr das feiern wollt?
Torsten Scholz: Ja, wir haben Pläne. Und ja, wir wollen es feiern. Glaube ich jedenfalls. Es gibt auch schon Pläne, die relativ konkret werden, nur sind die halt wirklich noch nicht so ausformuliert, dass ich jetzt sagen kann, wir spielen dann und dann und dort und dort. Wir werden auf alle Fälle einige große Sachen spielen, wo der Fokus ganz eindeutig auf diesen zwanzig Jahren ist. Und ich glaube am Ende wird das ganze Jahr so ein bißchen unter dem Deckmantel des 20-jährigen Jubiläums sein. Was man da genau macht, ob man jetzt zum Beispiel mal alle seine Platten spielt, muss man sehen. Ich muss auch gleich, wenn wir hier fertig sind, an meinen Computer, weil ich mit einem Typen noch was wegen einem Poster checken muss.
Euer aktuelles selbstbetiteltes Album schoss im August auf Platz 1 der deutschen Charts. Zur Zeit seid ihr auf „Club Magnet“-Clubtour, unmittelbar danach folgt die große „Creep Magnet“ Hallentournee. Viele Konzerte sind bereits jetzt restlos ausverkauft. Hättet ihr euch vor zwanzig Jahren einen solch überwältigenden Erfolg träumen lassen?
Torsten Scholz: Vor zwanzig Jahren wusste ich nicht mal, dass es diese Band gibt. Ich bin ja erst seit 1999 dabei. Selbst als es dann langsam losging und das erste Video kam, wir zum ersten Mal im Radio gespielt wurden, war man natürlich weit weg davon zu überlegen, dass man mal im Palladium oder in der Wuhlheide oder in der Westfalenhalle spielt. Das ist aber auch gut so, finde ich. Das war immer so: Oh geil, wir können im Underground spielen. Underground ist ausverkauft. Wir spielen jetzt im E-Werk oder im Gloria. Dann ging’s sogar los, dass wir überlegt haben: In der Kölnarena? Nee, nee, auf keinen Fall, lieber nicht. Dann lieber zweimal Palladium. Das waren immer so diese kleinen Schritte. Dabei hatte man, wenn man den einen gemacht hat, den nächsten nicht wirklich vor Augen. Da war immer nur der Fokus: Ey, das Underground ist ausverkauft. Wieviel passen da rein? 300? Hammer! War ausverkauft. Das haben wir zweimal gemacht und grandiose Konzerte gespielt. Das ist wichtig gewesen, dass man diese kleinen Dinger immer vor Augen hatte. Es war immer alles überraschend für uns.
Die Kölnarena hat auch eine beschissene Akustik.
Torsten Scholz: Das war mit ein Grund. Und dann ist die auch sehr groß. Und ich finde, man muss es auch nicht übertreiben.
Morgen spielt ihr ja wieder mal hier im Gloria und dann am 18. und 19. November noch zweimal im Palladium. Es scheint fast so, als hättet ihr eine kleine Liebesbeziehung zu Köln entwickelt. Kann das sein?
Torsten Scholz: Ja, mit Köln läuft gut. Also mit Dortmund läuft es gerade nicht so gut, da könnten noch ein paar Leute mehr in die Westfalenhalle kommen. Ich kenne in Köln auch eine Menge Läden. Ein paar davon gibt es glaube ich schon gar nicht mehr. Gebäude 9 oder Live Music Hall zum Beispiel.
Die gibt es auf jeden Fall noch. Die Live Music Hall finde ich persönlich aber kacke.
Torsten Scholz: Also, wir haben bis jetzt in fast jedem Kackladen hier in der Stadt gespielt und danach auch oft noch in Köln gefeiert. Dann war hier teilweise natürlich auch das Musikfernsehen. Hamburg, München, Köln, Berlin… das sind ja die Städte, wo man immer so die ersten Touren macht, wo jede Band anhält und wo die Leute auch sehr verwöhnt sind. Aber obwohl hier irgendwie alle Bands spielen, sind die Leute nicht satt. Die Mentalität ist super. Wir haben hier auch mal eine Platte aufgenommen. Nette Leute halt. Du bist auch Kölner, wa?
Im Herzen definitiv. Meine Freundin wohnt in Köln. Ich wohne nicht in Köln, bin aber natürlich häufig hier. Ich finde die Stadt grossartig.
Torsten Scholz: Ja, die ist toll. Ich mag Köln komischerweise auch mehr als Hamburg. So vom Bauchgefühl. Aber es ist einfach immer gut gelaufen hier. Hier hat man auch ganz einfach den gesunden Weg gemacht. Und das war immer cool.
„Wir sind ja weit davon entfernt berühmt zu sein“
Du hast ja eben schon gesagt, dass du seit 1999 in der Band bist. Das sind ja immerhin auch schon fünfzehn Jahre. Wenn man mit den anderen Jungs über einen so langen Zeitraum zusammen arbeitet, dann geht man sich doch zwischendurch auch sicher mal tierisch auf den Keks, oder?
Torsten Scholz (grinst): Aber hallo! Richtig doll auf den Sack geht man sich sogar. Aber es ist ein bißchen so wie eine Liebesbeziehung, wie eine Ehe. Ich bin quasi mit vier Typen liiert und muss mich da immer mit allen arrangieren. Das Gute ist, dass man halt älter wird. Man wird erwachsen irgendwann. Hat dann selber Kinder zuhause und weiß, dass es halt wichtig ist über die Probleme, die man hat oder mit sich trägt, zu reden. Dann löst sich das alles. Wenn man das nicht macht, so wie früher und ein paar Sachen in sich reinfrisst und sich anblökt, dann war’s doof. Aber jetzt nervt es manchmal auch noch. Wenn zum Beispiel einer nicht weiß, wann Schluß ist. Aber das ist dann meist immer sehr, sehr humorvoll. Und wenn es wirklich ernsthaft mal nervt oder irgendein Furz quersitzt, dann schnappt man sich den Typen, redet und dann ist eigentlich alles wieder gut. Am Ende muss man wirklich sagen: Das scheint ja schon ganz gut zu funktionieren. Wenn da irgendeine Konstellation in irgendeiner Art und Weise nicht klappen würde, dann würde man nicht fünfzehn Jahre lang zusammenhocken. Wir sind ja jetzt auf der Tour die ganze Zeit zusammen. Da muss ja schon chemisch irgendwas da sein, dass man zusammenpasst. Und das ist offensichtlich gegeben.
Du hast es selbst erwähnt. Ihr habt Familie, Kinder und seid erwachsen geworden. Hilft euch das auch ein bißchen bei diesem ganzen „Rockstar-Rummel“ auf dem Boden zu bleiben? Werdet ihr dadurch geerdet?
Torsten Scholz: Ich finde ja überhaupt nicht, dass es irgendeinen „Rockstar-Rummel“ gibt. Klar ist das hier eine relativ große Suite, aber hier wohnt ja auch unser Tourmanager. Ich hab ein ganz normales Zimmer, was ich mir auch noch mit unserem Soundmann teile (lacht). Wir sind ja so weit davon entfernt Rockstars zu sein. Wir haben uns letztens eine Doku über Aerosmith angeguckt. Weißte, das sind halt Rockstars. Es gibt selbst in unserem Land noch tausende Leute, die richtig berühmt sind. Und wir sind ja weit davon entfernt berühmt zu sein. Deswegen muss ich auch gar nicht groß geerdet werden. Ich empfinde es sogar manchmal als ziemlich anstrengend. Wenn ich jetzt nächste Woche wieder nach Hause komme, bringe ich am Freitag erstmal meine Tochter in die Schule und stehe um 6 auf. Das geht mir eigentlich eher auf den Sack. Ich muss nicht geerdet werden. Ich mache dann meine Wäsche zuhause, ich schrubbe das Klo, ich sauge Staub. Es ist halt toll, dass ich meine Tochter dann wiedersehe, ich fahre mit meinem Renault Kangoo einkaufen und daran ist überhaupt nix Rockstarmäßiges.
Naja, hierzulande seid ihr ja schon eine große Band. In Luxemburg, Österreich und der Schweiz auch. Meine Freundin hat euch sogar schon mal in Budapest gesehen.
Torsten Scholz: Ach echt, ja? In so einem kleinen Club. Ewig her. Das war auch toll da. Europa müssen wir auch mal wieder machen. Gute Idee (lacht)!
Ihr seid ja schon mit einigen geilen Bands getourt. Bad Religion, Die Ärzte, Donots, Die Toten Hosen… gibt es noch eine Band oder einen Künstler, mit dem ihr unbedingt gerne mal zusammen auf der Bühne stehen würdet?
Torsten Scholz: Also mein Traum ist vor ein paar Jahren in Erfüllung gegangen. Wir haben in Lugano in der Schweiz mal mit den Beastie Boys gespielt. Das war grandios. Da muss eigentlich gar nicht mehr viel kommen. Natürlich glaube ich, wenn uns jetzt die Foo Fighters fragen würden, ob wir nicht mit denen durch England touren wollen, dann wäre man schön blöd zu sagen: Nee, machen wir nicht. Oder Queens Of The Stone Age. Ich persönlich höre ja kaum Rockmusik zuhause. Ich hab Rancid halt schon tausendmal live gesehen und finde die live nicht so geil, obwohl die grandiose Platten machen und eine super Punkrockband sind. Mit All haben wir schon gespielt, mit Descendents… da ist auch schon viel passiert in den letzten Jahren. Mein Soll-Haben-Ding ist eigentlich ausgeglichen.
„Helene Fischer findet man einfach kacke“
Wenn du sagst, dass du zuhause keinen Rock hörst, was hörst du dann?
Torsten Scholz: Ich höre eigentlich fast nur Rap. Und da ich immer noch relativ viel auflege in Berlin, ist das oft auch Musik, die im Club läuft. Es gibt auch Rockmusik, die ich gut finde und die mir gefällt, aber ich höre dann lieber Led Zeppelin I, II, III als irgendeine moderne Band. Bei Rock muss dann schon alles stimmen. Beim Rap reicht mir schon, wenn der Beat geil ist. Meine Schwelle zu sagen, das ist gut oder schlecht, ist viel niedriger bei Rapmusik. Deswegen macht das viel mehr Bock für mich und Sinn das zu hören. Es ist wie mit jeder Musik. Ich hocke oft bei einem Freund, der hört nur Black Metal und ich bin total begeistert, wenn ich da bin. Und zuhause höre ich am Ende sowieso nur Bibi Blocksberg (lacht). Mit Rock darfst du meiner Tochter gar nicht kommen. Da bist du gleich raus. Mach mal aus, Papa, das nervt! Mach lieber Cindy Lauper an!
Im Endeffekt ist das ja sowieso alles subjektiv. Entweder Musik gefällt oder eben nicht. Wenn du über Musik schreibst, kannst du ja eigentlich gar nicht sagen, ob das nun gut oder schlecht ist. Es ist letztlich immer nur deine persönliche Wahrnehmung.
Torsten Scholz: Ja, das ist aber eine gute Herangehensweise. Es gibt ja viele, die sich einfach anmaßen zu sagen, das ist schlecht oder das ist gut. Hat man selber ja auch. Helene Fischer findet man einfach kacke. Aber man könnte auch sagen, dass die am Ende ja auch singen kann. Die hat eine Musicalausbildung. Oder eine Band wie Revolverheld. Die gefällt mir jetzt nicht, aber es ist doch durchaus berechtigt, dass jemand sagt: Ja, mir gefallen die. Nur muss ich es ja nicht gut finden.
Stehst du lieber im Studio und feilst an neuen Songs oder auf der Bühne und lässt es krachen? Oder kann man das nicht miteinander vergleichen?
Torsten Scholz: Mir macht ganz eindeutig mehr das Livespielen Spass. Ich finde da wird auch gefeilt. Klar gibt es Konzerte, wo man denkt, mir kann gerade nichts passieren und ist das alles geil. Aber manchmal gibt es Songs, wo ich denke: Ach guck mal, wenn ich den so spiele, dann klingt’s ja so. Da ist dann auch noch sehr viel Musikalität mit drin. Im Studio ist es natürlich manchmal auch ganz schön diese Erlebnisse zu haben. Wenn du mit was kommst und jemand sagt das ist ja geil, dann freust du dich einfach. Grundsätzlich finde ich, ist das Touren und Livespielen das, was die Band am Leben hält.
Plötzlich klingelt es an der Zimmertür…
Torsten Scholz: Ich mache mal kurz auf. Ist ja keine Liveübertragung (lacht).
Die Zimmermädchen möchten das Hotelzimmer reinigen. Torsten Scholz komplimentiert sie auf seine eigene charmante und witzige Art hinaus und vertröstet sie auf später.
Nochmal zurück zur Tour. Wie sieht bei euch ein typischer Tourtag aus?
Torsten Scholz: Das kann ich dir ganz genau sagen. Meistens und je nachdem, wann man ins Bett gekommen ist, ist Aufstehen so gegen 10 oder 11. Wenn du um 11 aufstehst, bist du schon fast der Letzte. Dann gehe ich immer rennen für ne halbe Stunde oder Stunde. Danach mache ich Gymnastik mit Thomas (Götz, dem Beatsteaks-Schlagzeuger, Anmerkung der Redaktion), weil wir beide Rückenprobleme haben. Dann esse ich was, dann duscht man. Dann gibt es meistens so ein, zwei Stunden Ruhe bis zum Soundcheck. Da wird dann entweder mit der Ollen telefoniert oder ein Interview gemacht oder so Sachen. Dann ist Soundcheck um 4, der geht bis um halb 6. Dann ist Essen. Dann habe ich mich jetzt noch ein paarmal in den Bus gelegt und gepennt, weil wenn man um 10 oder 11 aufsteht, aber erst um 5 besoffen ins Bett gefallen ist, ist das meist zu wenig (grinst). Um 8 macht man sich fertig, guckt sich die Vorband ein bißchen an und trinkt das erste Bier. Um 9 geht man auf die Bühne bis um 11. Je nachdem wie das Konzert war, ist danach noch ein bißchen mehr oder weniger ernst diskutieren und unterhalten im Backstage angesagt. Oder es wird danach vor dem Bus rumgecornert. Und dann halt Bierchen, wa?! Leider danach nie wieder Tanz. Ich war auf der Tour jetzt noch nicht einmal tanzen, was ich ganz schlimm finde. Früher war immer Disco danach im Club und deshalb hatte ich mich auch so auf die Clubtour gefreut. Aber nix! Noch nicht einmal war eine scheiß Disco danach. Das sind aber auch ganz oft keine Clubs mehr, sondern so Kulturzentren. Letzter Ton, Bäm, Licht geht an und die Leute werden rausgefegt. Total ungemütlich. Das prangere ich total an. Also ich glaube morgen im Gloria wird’s halt so sein, dass danach nicht unbedingt der Riesentanz ist, aber da ist die Bar noch offen und es läuft noch ein bißchen Mucke. Also ich versacke in Berlin, wenn ich dann mal auf ein Konzert gehe, regelmäßig immer noch irgendwo am Tresen. Weil ich das total blöd finde. Du stehst da mit deinem halbvollen Bier, denkst was für ein geiles Konzert und musst dann direkt umschalten auf Jacke holen, anziehen und nach Hause.
„Die kleinen Brühbirnen hören jetzt mal eine Woche das und danach kommt die nächste Scheiße, die sie konsumieren“
Gab es auf der Clubtour bis jetzt irgendwelche lustigen oder besonderen Erlebnisse, Begegnungen, Ereignisse? Ich sehe dich ja immer auf Facebook, wo du deine Selfies postest mit dem jeweils besten Club der Welt.
Torsten Scholz: Genau. Glücklicherweise sind keine schlimmen Sachen passiert. Gestern im Bus haben wir uns mal wieder gegenseitig tätowiert. Wir machen das jetzt mittlerweile immer beim Fahren (zeigt ein Tattoo an seinem linken Unterarm). Deshalb sieht das auch ein bißchen asozial aus.
Ja, ist ein bißchen verwackelt.
Torsten Scholz: Ja, aber so soll’s auch sein (lacht). Gestern gab es halt mal wieder eine kleine Busparty, als wir von Dortmund nach Köln gefahren sind. Aber das ist alles relativ gesittet. Der Fokus ist immer das Konzert. Und das finde ich eigentlich auch ganz gut. Dass wir uns jetzt heißes Kerzenwachs über den nackten Oberkörper schütten wie vor Jahren… heute ist das alles relativ lahm. Oder normal. Klar wird Bier und auch mal ein Schnaps getrunken, aber das hält sich alles ganz doll im Rahmen. Wir nehmen die Sache glücklicherweise und manchmal auch leider sehr, sehr ernst. Deswegen steckst du da ganz viel Energie und Zeit rein. Party machst du immer nur, wenn dir alles scheißegal ist oder alles total super läuft. Und da gibt es noch genug Sachen, die halt verbesserungswürdig sind. Vom Club, von uns und so. Da ist es wichtiger sich darüber zu unterhalten als feiern zu gehen.
Wenn du zwanzig Termine am Stück spielst und jedesmal feiern gehst, dann bist du ja auch irgendwann durch.
Torsten Scholz: Eben, man muss ja auch die Kirche mal im Dorf lassen. Man ist ja auch keine 19 mehr.
Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, haben die Musikszene in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Du bist sehr aktiv auf Facebook, dann gibt es Spotify oder iTunes. U2 haben ihr neues Album gerade via iTunes verschenkt. Wird Musik dadurch nicht auch ein Stück weit abgewertet?
Torsten Scholz: Ja und nein. Die U2-Sache finde ich wirklich hochgradig gefährlich. Ungefragt Leuten deine Scheiße unterjubeln, das macht man einfach nicht. Ich finde, das war frech und überheblich. Man regt sich über die NSA auf und dann darf irgendjemand in mein Wohnzimmer gehen, in meinen Plattenschrank eine Platte reinstellen und wieder rausspazieren. Am Ende war es ja so. Und dann noch so ein Gutmenschenidiot wie Bono. Also die sind für mich durch. Mit dem anderen Ding gibt es immer so ein Für und Wider. Ich konsumiere auch Musik aus dem Internet. Ich gehe aber auch los und kaufe mir für 300 oder 400 Euro im Monat Schallplatten. Ich habe auch einen Spotify-Account, den ich aber bisher nur genutzt habe, um mir Beatsteaks-Sachen anzuhören, weil wir auf Tour waren und ich wissen wollte wie der Song geht. Ich finde es toll, dass es das alles gibt. Ich finde das auch gar nicht schlimm, dass es das alles gibt, bei so Leuten wie mir und wahrscheinlich wie dir, weil wir noch ein Bewußtsein dafür haben. Ich sehe Musik immer noch als Ware an, für die ich auch gerne bereit bin Geld zu bezahlen. Das machen bei uns alle. Ich finde es auch okay, wenn die Kids heute mit 13 oder 14 nur noch auf umsonst sind, weil am Ende hat’s die Industrie ja selber vergeigt. Die Leute sind ja bereit für Musik Geld auszugeben. Da ist nur kein Bewußtsein mehr da. Die sind dann teilweise nicht mehr in der Lage das zu abstrahieren. Das ist dann: Wieso? Musik ist umsonst, Alter. Das ist im Netz. Also, ob da die Eltern gepennt haben oder die Industrie oder die Plattenfirmen… da jetzt anzufangen mit dem Holzhammer zu argumentieren oder dem erhobenen Zeigefinger ist schwer. Man muss da bei sich selbst oder seinen Kids wieder so ein Bewußtsein entstehen lassen. Und es funktioniert ja auch, dass Schallplatten wieder so eine Art Revival haben. Wir haben zum Beispiel jetzt für die „Make A Wish“-Single eine Doppel-7″ gemacht. Bißchen Werbung zwischendurch. Haste gemerkt? Profimäßig (lacht). Wir mussten uns echt einen Termin bei dem Plattenpresswerk besorgen. Die Platte kam deshalb auch viel später als geplant, weil das Presswerk ausgebucht ist. Du kriegst keine Termine. Wir haben demnächst was vor, was wir pressen lassen wollen, aber 2014 gibt es keine Termine mehr. Alles voll. Es funktioniert also noch. Leute, die ernsthaft Musik hören und abseits von Helene Fischer und Justin Bieber sind, die gehen auch in den Plattenladen. Klar, warum soll ich mir von so einer Rotze wie Justin Bieber auch eine CD kaufen? Und die kleinen Brühbirnen hören jetzt mal eine Woche das und danach kommt die nächste Scheiße, die sie konsumieren. Meine Tochter ist 6 oder 7 und die hat ein Plattenregal. Da sind halt Märchenplatten drin, aber auch eine Cindy Lauper-Platte, eine Marteria-Platte und eine Peter Fox-Platte. Die hat sie sich selber ausgesucht. Dann kauft die Papa. Und die hat auch noch ihre Kassetten und CDs. Da gibt es halt eine Wahrnehmung. Es gibt Schallplatten im Hause Scholz.
Wenn man sich mal fragt, woran Musiker heutzutage überhaupt noch was verdienen, dann relativiert sich auch vieles finde ich.
Torsten Scholz: Wir haben durch Plattenverkäufe noch nie Geld verdient. Klar, Goldene Schallplatten. 100.000 Schallplatten, das sind am Ende 150.000 Euro, die bei einer Band hängenbleiben. Dann ziehst du die Steuer ab. 40 Prozent Höchststeuersatz. Bleiben am Ende 50.000 Euro. 50.000 Euro durch Fünf sind 10.000 Euro für die letzten zwei Jahre. Dann rechnest du das auf den Monat aus und dann habe ich vielleicht 800 Euro verdient. Von einer Band, die Goldene Schallplatten macht, Platz 1 in den LP-Charts und so weiter und so fort. Da ist doch klar, dass man sagt, die Band geht auf Tour, um Geld zu verdienen. Man verkauft Merch. Ah, der Merch ist cool. Die wollen immer noch 20 Euro für ein T-Shirt haben. Da kauf ich mir dann ein T-Shirt. Und wenn einer sich dann noch eine Konzertkarte gekauft hat und damit 50 Schlappen ausgegeben hat, dann soll er sich von mir aus auch die Platte irgendwo brennen. Kann man nicht verlangen, dass der sich jetzt auch noch die Platte kauft und am besten auch noch die Deluxe. Ist natürlich toll, wenn das jemand macht. Ich mache das auch. Aber wie du schon sagst, da muss man relativieren und gucken, wie weit kann man denn gehen.
Früher sind wir in den Plattenladen gegangen und haben uns eine Platte gekauft, nur weil uns das Cover gefallen hat. Für 15 Mark oder so.
Torsten Scholz: Genau, das hab ich auch gemacht. Dann bist du zum Konzert für 6 Mark und hast ein Bier gekauft für 1 Mark. Das T-Shirt hat 12 Mark gekostet (lacht). Jetzt kostet alles viermal so viel.
„Mich interessiert auch, wie eine Stewardess ihr Kind großzieht oder wenn jemand auf einer Ölbohrplattform arbeitet„
Bist du eigentlich noch nervös, bevor du auf die Bühne gehst?
Torsten Scholz: Total! Egal ob im Gloria oder im Palladium, ich mache mir immer in die Hosen. Ganz schlimm. Das ist bei uns allen so. Dabei haben wir schon mehr als zwanzig Konzerte gespielt (lacht). Wir wollen immer, dass das Konzert, das wir jetzt spielen, das beste Konzert aller Zeiten sein soll. Das klappt natürlich nicht immer. Logo. Und man muss auch einfach mal sagen: Manchmal ist es auch einfach ein Job, den man macht, aber in dem Augenblick, wo wir da stehen, ist der Anspruch so hoch. Es soll toll werden. Und ich weiß, wie toll die Beatsteaks sein können. Für mich, für die anderen vier und für die Leute. Man hofft, dass alle so richtig geil Bock haben. Die Leute zahlen 30 Euro, der Veranstalter hängt da mit Geld drin und mit Zeit, die stehen um 6 auf, die Catering-Dame ist vielleicht um 6 schon am schnibbeln, der Roadie kriegt 8 Euro dafür, dass er die Cases hin und her rollt, alle tun ihren Teil für die ganze Scheiße. Und nun guck mal. Wie wenig Clubs gibt’s noch? Nun ist Köln ja noch ein bißchen verwöhnt, aber am Ende gibt es nur noch diese Kulturzentren. Du hast diese Betonquader, wo so eine Band reingeschoben wird. Vorne werden die Leute reingeschoben, dann dürfen alle kurz zwei Stunden Hallali machen, dann alle wieder raus. Und dann gehen alle wieder in ihren Job, müssen sich mit ihren scheiß Problemen rumschlagen, die jeden Tag mehr werden, mit ihren Geldsorgen und dem ganzen Rotz. Die Verantwortung, die man dann hat, allen mal kurz für zwei Stunden das Gehirn wegzublasen… wir sind halt keine politische Band, sondern den Anspruch den wir haben ist: Wenn man zu einem Beatsteaks-Konzert kommt, dann muss man danach sagen: Ey heute Gloria, morgen Palladium, wann kommen die noch? Wenn Leute nach dem Konzert sagen, es war ganz nett, dann haben wir irgendwas falsch gemacht. Wie jetzt auf der Tour in Freiburg, in Augsburg, in der Schweiz oder in Bremen. Es gab so Konzerte, wo alles rasiert wurde. Deshalb ist die Anspannung auch so groß, weil man es immer besonders, besonders, besonders gut machen will.
Aber der Druck fällt doch nach zehn Minuten oder so auch mal ab, oder?
Torsten Scholz: Ja, wenn ich auf die Bühne gehe ist alles gut. Es gibt zwar noch so Angstsongs wie „I Don’t Care“ oder „Gentleman“, weil das dieselben Akkorde sind, nur versetzt. Aber dann läuft irgendwann auch so ein Automatismus ab. Man ist auf Autopilot und dann will man einfach nur noch eine geile Zeit haben. Der Bernd (Kurtzke, Beatsteaks-Gitarrist, Anm.d.Red.) ist genau andersrum. Der ist ganz ruhig und der wird auf der Bühne immer aufgeregter.
Wenn du dich selber interviewen müsstest, welche Frage würdest du dir dann gerne stellen und welche auf keinen Fall?
Torsten Scholz (überlegt): Ich würde mich fragen, warum ich jetzt hier sitze. Warum soll ich dich denn interviewen (lacht)? Weil ich immer denke, was wollen die Leute denn von dem Bassisten von den Beatsteaks wissen? Na, ich finde so ein paar Sachen schon interessant. Mich interessiert schon wie Leute wie ich, die einen Job haben, der nicht ganz so normal ist, das so hinkriegen im normalen Leben. Also mich interessiert auch, wie eine Stewardess ihr Kind großzieht oder wenn jemand auf einer Ölbohrplattform arbeitet. Das würde mich schon interessieren, wie denn so die normalen Sachen abseits der Musik aussehen. Welche Frage auf gar keinen Fall? Mir kannst du eigentlich jede Frage stellen. Außer in sich geschlossene Fragen. Zum Beispiel: Du findest Nazis toll? Warum denn? Die Frage würde ich natürlich nicht beantwortet haben wollen oder gestellt bekommen. Was soll für eine schlimme Frage kommen? Am Ende sitzt du halt hier und Leute interessieren sich für den Scheiß den du machst. Das ist doch schon großartig genug. Warum soll ich denen noch sagen: Nee, bitte die Frage nicht.
Gibt’s aber…
Torsten Scholz: Ja, ganz viel. Klar kann ich verstehen, dass der Sänger von… wie heißt nochmal diese Schmuseband… ah, Coldplay… dass der sich Fragen zu seiner Ex-Freundin verboten hat. Wenn alle nur noch danach fragen, dann kann ich das verstehen. Aber jetzt mal die Kirche im Dorf. Wenn einer sagt: Ich hab dich ja letztens mit deiner Tochter in Friedrichshain gesehen. Dann sage ich: Ja, nun wohne ich da ja nun mal. Vielleicht wenn es zu persönlich wird. Aber da kann man auch geil aus der Nummer rauskommen. Macht man halt einen blöden Witz und wenn man nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, muss man keine Angst vor schlechten Fragen haben. Außerdem bin ich ja sowieso der Schlaueste von uns. Merkste, wa (lacht)?
Okay, dann mal die letzte Frage: Wenn du ab morgen für den Rest deines Lebens auf einer einsamen Insel leben müsstest, welche fünf Platten würdest du dann mitnehmen?
Torsten Scholz: Ich würde doch auf eine einsame Insel keine fünf Schallplatten mitnehmen. Totaler Bullshit. Kann ich nicht noch eher ein Taschenmesser mitnehmen oder Streichhölzer (lacht)? Aber okay, du sagst, das ist alles da. Was wichtig ist: Sind da auch Weiber?
Die sind auch da.
Torsten Scholz: Okay! Ich würde auf jeden Fall „Monarchie und Alltag“ von den Fehlfarben mitnehmen. Dann würde ich die „Hello Nasty“ von den Beastie Boys mitnehmen. „Tha Carter III“ von Lil Wayne. Wenn Weiber da sind! Ich würde natürlich gucken, dass ich noch ein ganz, ganz langes Album mitnehme. So ein Triple-Progressive-Album von Rush. Wenn du auf einer einsamen Insel bist und du hast nur fünf Platten, dann kennst du die Lieblingsplatten ja sowieso fast auswendig. Aber so eine Riesenplatte von Pink Floyd oder von Rush würde ich mitnehmen, weil man da viel Zeit für bräuchte. Und ich hätte ja dann alle Zeit der Welt. Jetzt sind wir schon bei vier… Und dann gibt es von „11 Freunde“ so ein Hörbuch „Die lustigsten Bundesligaerlebnisse“. Sowas, irgendeine Platte, die nichts mit Musik zu tun hat. Obwohl ist eigentlich auch blöd, weil die kennt man ja auch schnell auswendig. Nee, dann nehme ich lieber noch die „Troublegum“ von Therapy? mit. Dann haben wir’s gepackt.
Genau! Vielen Dank für deine Zeit und das schöne Gespräch!
Wir bedanken uns ebenfalls bei Vanessa Seewald von Prime Entertainment für die Vermittlung und bei Torsten Dohm für die Betreuung vor Ort! Verwendung der „Passfotos“ von Torsten Scholz mit freundlicher Genehmigung der Beatsteaks.
Bereits vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums „How To Save A Life“ vor neun Jahren galten The Fray als MySpace-Phänomen und lebender Beweis dafür, wie man sich alleine durch eine fleißige Internet-Präsenz bekannt machen kann. Inzwischen nennt das Quartett aus Denver vier Grammy-Nominierungen und drei Billboard-Awards in der Kategorie „Online“ sein Eigen. Am 21. Februar erschien ihr viertes Album „Helios“, das in den USA immerhin Platz acht der Charts erreichte. Der Titel war wohl mit Bedacht gewählt, schließlich war Helios in der griechischen Mythologie kein geringerer als der Sonnengott persönlich. Im März waren The Fray zuletzt in Köln zu Gast, nun kehren sie für fünf Konzerte nach Deutschland zurück. Die Domstadt ist dabei die erste Station, der bis zum 12. Oktober noch weitere Konzerte in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München folgen.
Das E-Werk ist an diesem vermutlich letzten schönen Spätsommertag des Jahres restlos ausverkauft. Als Support heizen die Raglans aus Dublin den Kölnern mit ihrem rotzigen Rock/Pop-Gemisch eine halbe Stunde lang ordentlich ein. Die vier Iren haben in ihrer Heimat gerade ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht und ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft noch eine Menge Gutes von den Jungs hören werden. Jedenfalls zählen sie eindeutig zu den besseren Vorgruppen. Die Umbaupause nutzen wir, um uns mit einem neuen Kaltgetränk zu versorgen und im gemütlichen Raucherbereich des E-Werks frische Nikotinluft zu schnuppern.
Um kurz nach 21 Uhr ist es dann Zeit für The Fray. Was folgt sind anderthalb Stunden grosse Gefühle. Das fängt schon beim Opener „Closer To Me“ an und erreicht seinen ersten Höhepunkt, als Frontmann und Sänger Isaac Slade während „Heartbeat“ auf Tuchfühlung zu den Fans in der ersten Reihe geht. Das verschlissene Neil Young T-Shirt, das er dabei trägt, macht ihn doppelt sympathisch. Sein eigentlicher Platz ist jedoch der am Piano. So zum Beispiel bei „Rainy Zurich“, das von Gitarrist Joe King nicht minder eindrucksvoll gesungen wird. Den schwarzen Flügel zweckentfremdet Slade zwischendurch allerdings auch mal als Podest und hüpft darauf herum – wenn auch vorsichtig. Mit Kommentaren zwischen den Songs spart er ebenso und lässt lieber die Musik für sich sprechen. Und die bietet Schlagzeuger Ben Wysocki sogar Platz für eine ausgiebige Samba-Einlage. Der einzige längere Dialog geht dem wunderbaren „How To Save A Life“ zum Abschluss des Mainsets voraus, als Slade vom Babyboom in der Band erzählt und den Song seiner Frau und seinem Sohn widmet. Das ganze E-Werk singt ergriffen mit.
Zur ersten Zugabe „Break Your Plans“ zeigt Isaac Slade sein phosphorizierendes Armband und fordert die Fans auf es ihm gleich zu tun und die Feuerzeuge zu schwenken. Er erntet natürlich ein Meer aus beleuchteten Handydisplays. Was waren das noch für herrliche Zeiten, als die Konzerthallen nicht wie eine überdimensionale Smartphonewerbung aussahen, sondern noch nach verbrannten Fingerkuppen und Wunderkerzen stanken. Lang lang ist’s her… in der Gegenwart biegen The Fray mit „Never Say Never“ sowie „Shadow And A Dancer“ auf die Zielgerade ein und hinterlassen schließlich ein restlos begeistertes Kölner Publikum. Keine Frage, hier ist eine Band am Werk, die offensichtlich eine Menge Spass an dem hat, was sie da tut. Dabei schafft sie es, die eigene Leichtigkeit auch musikalisch auf die Bühne zu bringen und für jede Menge positiver Gefühlswallungen zu sorgen. Die Aufgabe von Helios war es übrigens, den Sonnenwagen über den Himmel zu lenken, der von vier Hengsten gezogen wurde. Heute abend haben The Fray ihren Sonnenwagen in Köln geparkt.
Er ist wahrscheinlich der letzte große Gentleman unter den Sängern dieser Republik. Tom Gaebel macht eine Musik, die an Zeiten erinnert, als Männer noch richtige Männer waren und mit Anzug und Krawatte vor dem Mikro standen. Frank Sinatra, der nicht ganz zufällig auch Tom Gaebel’s großes Vorbild ist, war so ein Typ. Oder Dean Martin. In der einen Hand den Whiskey, in der anderen die Zigarette. Er selbst raucht zwar nicht, aber auf seinem kommenden Album „So Good To Be Me“, das am 19.09. erscheint, liefert Tom Gaebel einmal mehr den perfekten Soundtrack für eine Zeitreise in die Swinging Sixties.
Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll traf sich mit Tom Gaebel zu einem ausführlichen Interview in Köln. Im schönen und an diesem Tag spätsommerlich warmen belgischen Viertel unterhielten sich die beiden bei einer Tasse Kaffee über die Unterschiede zwischen Rock und Jazz, den Kölner Karneval, die Vorteile des Alters und natürlich auch über das neue Album.
Ich bin normalerweise gar nicht auf der Jazz- und Swing-Schiene unterwegs, sondern im Rock zuhause. Wie würdest du jemandem wie mir deine Musik schmackhaft machen?
Tom Gaebel: Die Verbindung zum Rock ist für mich, dass es im Jazz und Swing auch zur Sache geht. Das was ich mache ist ja kein Kammerjazz. Früher auf der Bühne hatte ich auch immer Spaß, wenn die Verstärker knallten. Jetzt habe ich zumindest die fette Band und die Trompeten. Der gemeinsame Nenner ist also, dass man es gerne ein bißchen lauter macht. Ich habe immer schon alten Rock gehört. Ich war ein riesiger Queen-Fan. Das ist natürlich für jemanden, der mehr diesen erdigen Rock mag, unter Umständen schon wieder etwas zu üppig. Das sind aber schon so ein bißchen meine Wurzeln. Ich habe viel melodiöse Sachen gehört, zum Beispiel die Beatles. Lieber die Beatles als die Rolling Stones. Die Stones fand ich im Vergleich zu den Beatles immer eher langweilig. Bei den Beatles gab es mehr Streicher oder Spezialarrangements, während die Stones überwiegend bluesy waren. Da habe ich schon gemerkt, dass ich diese Richtung eher mag als dieses erdverbundene. Und auf der anderen Seite hatte ich mit meinem Bruder Colin jemanden, der eine Zeitlang in die allerkrasseste Richtung gegangen ist und wo es dann anfing mit Sodom und solchen Sachen. Inzwischen hat er sich allerdings wieder zurückentwickelt. Wir treffen uns jetzt irgendwo in der Mitte mit AC/DC als gemeinsamen Nenner (lacht).
Hörst du privat also auch überwiegend Swing und Jazz?
Tom Gaebel: Eigentlich alles mögliche an Popmusik. Aber eher aus den Fünfziger, Sechziger oder Siebziger Jahren. Ich höre ganz selten mal Achtziger Jahre-Musik. Mit dieser Musik, die ja auch die Musik meiner Jugend war, kann man mich jagen. Es ist witzig, dass die Leute sich immer einbilden, dass die Musik, die sie in ihrer Jugend gehört haben, so ziemlich die Beste war. Ich habe mir zuletzt bei YouTube ein paar Videos aus den Achtzigern angesehen, um festzustellen, ob ich die immer noch so scheiße finde wie früher. Und in den Kommentaren dazu hieß es dann oft: „Die armen jungen Leute von heute. Die müssen mit Lady Gaga leben“. Das ist absurd.
Ich finde, die Achtziger waren musikalisch ein absolut totes Jahrzehnt.
Tom Gaebel: Da fingen alle an, ob im Rock oder anderswo, mit Computern und Sounds zu arbeiten. Und das hat fast niemandem gut getan. Alle Bands, die in den Siebzigern geile Platten gemacht haben, klingen in den Achtzigern plötzlich so, dass du denkst: Alter Schwede, was ist denn da los? (lacht)
Am kommenden Freitag erscheint dein neues Album „So Good To Be Me“. Ist der Titel auch so ein wenig persönliches Programm?
Tom Gaebel: Wie der Titel zum Album gekommen ist, ist ganz einfach. Es gibt einen gleichnamigen Song und ich fand den Titel griffig für das ganze Album. Es sollte etwas positives ausdrücken und nicht die Bedeutung haben „Ich bin der Coolste“. Der Song drückt sowas aus wie „Heute ist einfach ein guter Tag, um Ich zu sein“. Das soll aber auf jeden anderen bezogen sein. Auf der anderen Seite habe ich gerade auch eine gute Zeit. Ich denke oft darüber nach, wie schön es ist, dass ich gerade so coole Sachen machen kann, weil mir der Beruf so viel Spaß macht. Zum Beispiel als wir das neue Video zu „The Cat“ gedreht haben. Das war so wie Film spielen mit Freunden. Wir haben tierisch Spaß dabei gehabt.
Du hast mal gesagt „Ich möchte mich mit jedem neuen Album auch selbst überraschen“. Ist dir das mit „So Good To Be Me“ gelungen?
Tom Gaebel: Es hat ja mit dem neuen Album sehr lange gedauert. Die größte Überraschung war, als es endlich fertig war (lacht). Es ist mein Lieblingsalbum. Das sagt man immer, ich weiß, aber das ist auch oft so, weil man dann gerade voll da drin ist. Bei dem neuen Album habe ich so viel selber gemacht und so viel Einfluss gehabt, was im negativen dazu geführt hat, dass es sich so lange hingezogen hat. Ich konnte halt sagen: Die Streicher nehmen wir nochmal auf oder die Bläser machen wir anders. Man hat quasi die Macht. Ich konnte genau das machen, was ich wollte. Mit der Macht hat man aber auch die Verantwortung. Das habe ich gemerkt. Und dann musst du eine knallharte Disziplin an den Tag legen. Bei den letzten Alben davor hatte ich auch schon ein eigenes Studio. Das habe ich jetzt immer noch. Dazu habe ich mein eigenes Label gegründet. Tomofon heißt das. Deshalb bin ich mit dem Album auch in keinster Weise unsicher. Zumindest ich weiß, dass ich das, was ich erreichen wollte, mit dem Album erreicht habe. Es macht mir selber von vorne bis hinten Spaß.
Wenn man sich mit Musik beschäftigt, dann schmort man ja immer so ein bißchen im eigenen Saft. Als Musiker vielleicht nochmal anders, aber auch wenn man darüber schreibt. Wenn ich mir meine CD-Wand zuhause angucke, dann ziehe ich am Ende doch immer wieder dieselben Dinger raus.
Tom Gaebel: Und das wird nicht besser, je älter man wird (lacht). Angenommen ich hätte die Streicher aus Kostengründen vom Computer genommen und dann würde das jemand erwähnen. Das wäre mir richtig unangenehm. Aber wenn jemand wie du sagt, das ist überhaupt nicht meine Musik, dann mag das für dich so sein und ich bin trotzdem sehr zufrieden damit. Vielleicht hat das auch was mit dem Alter zu tun. Man wird sicherer in dem was man macht. Früher hat man mehr rumprobiert.
Du bist ja was deine Karriere betrifft sowieso eher ein Spätstarter. Als 2004 das „Tom Gaebel & Band spielen Frank Sinatra“-Album erschien warst du fast 30. Hilft dir dein Alter heute auch dabei gelassener mit dem ganzen „Star-Rummel“ umzugehen?
Tom Gaebel: In dem was ich mache gibt es diesen Star-Rummel ja eigentlich nicht. Es gibt ja keine Aufläufe oder Leute, die unangenehm sind und dir ungefragt auf die Schulter klopfen. Das liegt aber natürlich auch an der Musik. Ich habe halt keine kreischenden 15-jährigen Fans. Ich glaube, die Musik, die ich mache hat den Vorteil, dass ich damit auch alt werden kann. Ich weiß, dass ich in fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren noch solche Musik machen kann, ohne dass die Leute mich auslachen. Wenn man in einer Boyband ist, dann muss man sich schon überlegen, was man macht, wenn man mal 30 ist. Entweder es knallt richtig und man hat richtigen Erfolg und segelt dann gemütlich in den Ruhestand. Aber macht das Spaß? Was machen denn so Leute wie Take That? Die machen ein Comeback. Alle zwar ein bißchen gealtert, aber es funktioniert irgendwie. Ich habe das Gefühl, bei mir kommen noch ein paar schöne Sachen. Ich muss nicht immer von der Vergangenheit zehren.
„So Good To Be Me“, das neue Album von Tom Gaebel erscheint am 19.09. bei Tomofon Records / Tonpool
Du hast bereits einige Jazz Awards abgesahnt. Was bedeuten dir solche Auszeichnungen?
Tom Gaebel: Leider eigentlich nichts. Manchmal wünsche ich mir, dass ich mehr Spaß an sowas hätte. Ich habe auch die Neigung, dass wenn zwei Leute heiraten, ich schon immer denke: Mal gucken, wie lange das dauert. Meine Mutter findet diese Awards immer ganz toll. Bei mir geht das leider relativ schnell vorbei. Auf der anderen Seite hat diese Geisteshaltung auch ihre Vorteile. Man erlebt nicht so schnell eine Enttäuschung. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass man sich freut, wenn man einen Oscar bekommt. Aber wer richtig gut ist, der weiß im Grunde seines Herzens auch, dass da viel Glück dabei ist.
Ich habe gelesen, dass du ein Multiinstrumentalist bist. Wieviele Instrumente spielst du genau?
Tom Gaebel: Also, ich habe Schlagzeug und Posaune studiert und spiele auch noch leidlich Klavier. Damit komponiere ich auch. Und ich habe immerhin zwölf Jahre Geigenunterricht gehabt. Das konnte ich also auch mal halbwegs. Davon ist im Laufe der Jahre aber leider sehr viel verloren gegangen. Seit meinem Abitur bis jetzt habe ich die Geige vielleicht noch fünfmal in der Hand gehabt für insgesamt anderthalb Stunden. In zwanzig Jahren ist das sehr sehr wenig. Multiinstrumentalist liest sich immer gut, die Wahrheit ist dann aber doch nicht ganz so prickelnd (lacht).
Du bist in Gelsenkirchen geboren, aber in Ibbenbüren aufgewachsen. Am 31. Januar trittst du im dortigen Bürgerhaus auf. Sind Konzerte in deiner „Heimatstadt“ nochmal etwas besonderes für dich? Gibt es noch Kontakte dorthin?
Tom Gaebel: Ja, es gibt immer noch Kontakte. Es ist ja auch nicht so weit weg, dass ich da nicht immer mal wieder wäre. Also ist es nicht so, als ob der verlorene Sohn nach Hause kommt. Wir geben fast einmal im Jahr ein Konzert in Ibbenbüren. Das macht natürlich schon besonderen Spaß, weil man immer wieder alte Bekannte trifft. Früher war mir das eher unangenehm, da hatte ich immer Angst, dass die Leute denken: Ach guck mal der Gaebel, das ist aber nicht gut. Die Befürchtung habe ich mittlerweile nicht mehr.
Du wohnst hier in Köln. Sieht man dich da auch im Karneval oder ergreifst du da eher die Flucht?
Tom Gaebel: Früher habe ich eher die Flucht ergriffen oder es sagte mir überhaupt nichts. Mittlerweile kann ich aber schon richtig mitfeiern und habe Spaß. Es ist ja bizarr. Nachdem man drei Stunden irgendwo angestanden hat, ist man plötzlich in so einem Biotop der guten Laune. Wenn man genug Kölsch getrunken hat, dann funktioniert das irgendwie. Aber auf den organisierten Karneval gucke ich trotzdem manchmal noch wie auf Außerirdische. Wieviel Bürokratie dabei ist und wieviel Geschäft. Es ist so eine von oben verordnete Fröhlichkeit. Ich fand es immer schon witzig mich zu verkleiden. Nur mit diesen Leuten, die meinen sie könnten sich jetzt mal so richtig gehen lassen, nur weil Karneval ist, mit denen kann ich gar nichts anfangen.
Rein optisch würde ich dich jetzt mal in die Kategorie „Schwiegermutter-Schwarm“ einordnen. Gibt es auch Situationen, in denen du richtig unangenehm werden kannst?
Tom Gaebel: Das höre ich nicht zum ersten Mal, deshalb kann ich damit umgehen (lacht). Ich glaube eher nicht, weil ich mich tendenziell für einen gut gelaunten Menschen halte, der einigermaßen höflich und gut erzogen ist. Ich glaube, dass ich mich in meinem Leben kein einziges Mal geprügelt habe. Ich bin also niemand, der von irgendwelchen schlimmen Aggressionen heimgesucht wird. Das einzige was wohl manchmal unangenehm ist, ist dass ich in Diskussionen immer alles geklärt haben möchte. Das wurde mir jedenfalls verschiedentlich schon von Frauen vorgeworfen. Wenn man sich schon mal angefangen hat zu streiten, dann will ich es auch wissen (lacht). Das ist vielleicht etwas pedantisch.
Gut, das würde ich jetzt aber trotzdem nicht als unangenehm bezeichnen.
Tom Gaebel (lacht): Du weißt nicht, wie schlimm das werden kann.
Wenn du ab morgen den Rest deines Lebens auf einer einsamen Insel verbringen müsstest, welche fünf Alben würdest du dann mitnehmen?
Tom Gaebel: Ich würde mindestens zwei oder drei Platten von Frank Sinatra mitnehmen. Da wüsste ich auch relativ genau welche. Zum Beispiel „Only The Lonely“. Meiner Meinung nach ist das eine der besten Popmusikplatten überhaupt. Dann würde ich eine Queen-Platte nehmen, wahrscheinlich „Night At The Opera“. Auch so ein Klassiker. Mit Sicherheit was von den Beatles. Da wüsste ich jetzt nicht genau welches Album, aber schon eins von den späteren. Reichen drei nicht erstmal?
Von mir aus können zwei fehlen. Du musst ja für den Rest deines Lebens auf der einsamen Insel bleiben und nicht ich.
Tom Gaebel: Ja, das stimmt natürlich. Ich muss noch eine Big Band-Scheibe haben (überlegt). Etwas von der Clarke Boland Band. Die kommen auch hier aus Köln. Ein Album das „Three Latin Adventures“ heißt. Und noch eine Aufnahme mit klassischen Arien von… (überlegt) … Beniamino Gigli. Das wäre übrigens mein großer Traum, wenn ich nicht das machen würde, was ich mache. Dann wäre ich gerne klassischer Tenor. Und zwar so einer von dem man weiß, wenn er auf die Bühne geht, dann brechen die Leute gleich heulend zusammen, weil er wieder das hohe C hingekriegt hat. Mein Vater war ein riesiger Opernfan. Wir Kinder haben trotzdem nicht so eine richtige Verbindung dazu gehabt. Das kommt aber langsam. Mein jüngerer Bruder geht jetzt ständig in die Oper. Ich habe irgendwann angefangen mich für klassischen Gesang zu interessieren. Das finde ich einfach Wahnsinn. Ich würde mich gerne mal neben Pavarotti stellen und hören, wie laut das eigentlich klingt. Was ist das für ein Organ?
Atmet man dabei nicht schon ganz anders?
Tom Gaebel: Ja man atmet anders. Es ist eine Art optimiertes Singen. Wenn man zum Beispiel Joe Cocker hört, dann weiß man ganz genau, dass der einiges mit seiner Stimme gemacht hat. Komischerweise wird er aber nicht schlechter. Sinatra hatte als junger Mann eine wunderbar klare Stimme und eine super Technik. Im Alter merkte man dann aber, wie die Stimme immer mehr so opamäßig wurde. Dafür dass man denkt, Joe Cocker ist gleich komplett heiser, hält sich seine Stimme erstaunlicherweise noch immer. Es gibt halt Leute, die kriegen das hin. Anders ist das, wenn ich Metal-Gesang imitiere (macht ein grunzendes Geräusch). Da weiß ich mit Sicherheit, dass ich nach einer Minute stockheiser bin.
Dann probieren wir das jetzt lieber nicht aus. Stattdessen danke ich dir für das ausführliche Interview.
Wir bedanken uns ebenfalls bei Kai Manke von networking Media für die freundliche Vermittlung!