Ungefähr 46 Jahre nach seiner ursprünglichen Aufnahme veröffentlicht Neil Young eines seiner sagenumwobensten und meistbegehrten Alben überhaupt: „Homegrown“. Von den Fans oftmals als eines von Youngs mysteriösen, großen „verschollenen Alben“ bezeichnet, wurden die 12 Studio-Tracks am 19. Juni via Reprise Records auf allen Formaten veröffentlicht.
Neil Young beschreibt „Homegrown“ als “das eine, das entkam” und postete den folgenden Brief bei Neil Young Archives: „Ich bitte um Entschuldigung. Das Album Homegrown hätte bereits einige Jahre nach Harvest für euch da sein sollen. Es ist die traurige Seite einer Liebesbeziehung. Der angerichtete Schaden. Der Liebeskummer. Ich konnte es mir einfach nicht anhören. Ich wollte es hinter mir lassen. Also behielt ich es für mich, tief in den Kellergewölben, im obersten Regalfach, im Hinterstübchen meines Kopfes… aber ich hätte es teilen sollen. Es ist tatsächlich großartig, darum nahm ich es ja überhaupt auf. Das Leben schmerzt manchmal. Ihr wisst, was ich meine. Dies ist das eine, das entkam.“
Analog aufgenommen zwischen 1974 und Anfang 1975, wurde „Homegrown“ damals auf original stereo-analogen Mastertapes abgemischt. Diese ursprünglichen Mixe wurden von John Hanlon mit Liebe und Sorgfalt restauriert und von Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering gemastert. Damit ist „Homegrown“ ein komplett originales Album.
„Homegrown enthält eine Erzählung, mehrere akustische Solo-Songs, die bis zu dieser Veröffentlichung niemals veröffentlicht oder gehört wurden, und einige großartige Songs, die ich mit einer Band aus meinen Freunden spielte, darunter Ben Keith – Steel und Slide – Tim Drummond – Bass – und Stan Szelest – Piano. Wie dem auch sei, es wird euch 2020 zukommen, die erste Veröffentlichung aus unseren Archiven in diesem neuen Jahrzehnt. Folgt uns nach 2020, damit wir euch die Vergangenheit bringen können.“ – Neil Young
Das Album enthält zwölf Neil-Young-Songs, von denen sieben bisher unveröffentlicht sind – „Separate Ways”, „Try”, „Mexico”, „Kansas”, „We Don’t Smoke It No More”, „Vacancy” und „Florida” (eine etwas verstörende Spoken-Word-Erzählung). Außerdem darauf enthalten sind die allerersten Aufnahmen von „Homegrown” und „White Line”. „Little Wing”, „Love Is A Rose” und „Star Of Bethlehem”, von denen unterschiedliche Mixe auf späteren Alben von Neil Young erscheinen sollten.
Analog aufgenommen und von den originalen Mastertapes gemastert, ist dieses lang verschollene Album eine großartige Ergänzung zu Youngs unvergleichlichem Katalog. Es funktioniert auf unterschiedlichen Ebenen: Als homogenes und etwas weinerliches Konzeptalbum zum Thema Liebeskummer, als folkiges Singer/Songwriter-Werk der 70er, als Einblick in Neil Youngs Arbeitsweise und als respektable Ergänzung zu seinem Gesamtwerk. Respekt, dass er es all die Jahre aufbewahrt hat und nun zugänglich macht.
Es hätte das Jahr von Lamb of God werden sollen. Wenn eine Band sich nach zwanzig Jahren entscheidet, einem Album den Bandnamen zu geben, steht Großes ins Haus. Die Band aus Richmond, Virginia hat sich musikalisch gefunden – und sie sollte ursprünglich in 2020 die stärksten Festivals rocken. Ein Sommertraum, den Corona zunichte gemacht hat.
Aber zum Glück haben wir ja das Album. Und das hat es in sich – an Aggressivität, Groove und musikalischer Aussagekraft. Auf ihrem achten Studioalbum stellen die Hauptarchitekten der explosiven New Wave des amerikanischen Heavy Metal zehn Songs von unerbittlicher Macht zusammen, die jeden Aspekt dessen umfassen, was sie am besten können. Die Grammy-nominierten Titanen, die auf der ganzen Welt mit der gleichen Hingabe wie Slayer und Metallica geliebt werden, treten mit einem kompromisslosen neuen Testament in das neue Jahrzehnt ein.
Das erste Album der Band seit fast fünf Jahren ist eine kühne Erklärung ihrer Identität, von der belebenden dynamischen Hymne „Memento Mori“ bis zum halsbrecherischen „On the Hook“. Randy Blythe ist so wütend wie immer. Die Gitarristen Mark Morton und Willie Adler setzen Riffs in die Welt, als würden sie es nie wieder tun, und versprühen dem Album einen Berg aus Thrash, Groove, Shred und reduzierter Aggression gleichermaßen, was mehr denn je zeigt, warum jeder sie für ihre Vielseitigkeit lobt.
Das Album ist sehr politisch und greift den amerikanischen Präsidenten an: „Make America hate again and bleed the sheep to sleep.“ In „New Colossal Hate“ klagt man: „der Schmelztiegel schmilzt.“ Die Sucht-Epidemie ist ein weiteres Ziel des Zorns des Sängers. „Reality Bath“ wirft einen unerschütterlichen Blick auf Massenerschießungen. Es geht um reale Dinge, sehr aktuelle Themen. Und die stets nach vorne treibende Attitüde und Anklage nehmen jeden Hörer mit.
„Lamb of God“ ist ein sehr repräsentatives Album der Band. Das achte Studiowerk zeigt sie am Zenit ihres Schaffens. Ja, es war die richtige Entscheidung für den self-titel-Schritt. Und die Festivals werden hoffentlich im nächsten Jahr nachgeholt, wenn der Spuk vorbei ist.
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Was bringt einen Künstler dazu, ein bereits etabliertes Album ganz neu einzuspielen und in akustischer Form neu aufzulegen? Nicht etwa als Anhängsel zu einer „Deluxe Edition“ oder ähnlichen Marketingstrategien, sondern als ganz eigenständigen Release. Vielleicht, weil eine Geschichte, ein Konzept noch nicht zu Ende erzählt ist? Weil das neue Album als viertes Album einfach in eine konzeptionelle Reihe gehört?
So könnte ich mir das vorstellen beim neuen Werk von Max Giesinger. Das ursprüngliche Album erschien 2018 als Abschluss einer thematischen Trilogie: „Laufen lernen“ und „Der Junge, der rennt“ standen für die Anfänge seiner musikalischen Karriere. „Die Reise“ erzählte von den Ereignissen, die Max inzwischen in die erste Riege deutschsprachiger Songwriter geführt haben. Und nicht nur das. Es enthielt zudem viele nostalgische Elemente, die das Album rund machten und eine Standortbestimmung darstellten.
Zwei Jahre später also kein neues Album, sondern eine akustische Neuausrichtung. Die Texte sind gleich geblieben, doch ihre Bedeutung hat sich verändert. Und die Melodien gewinnen an Tiefe. Ich liebe es, wenn zu Beginn des ersten Stück „Bist du bereit“, die Worte „Die Reise beginnt“ unter Streicherklängen ertönen. Und weiter geht es im Takt: „Auf das was da noch kommt“ im Verbund mit Duettpartnerin Lotte, „Nie besser als jetzt“ versehen mit sanften Bläsern. Das sind zwei neue Titel, die schon lange im Radio rotieren. Gerade letzteren Titel kennt man inzwischen auch im Duett mit MoTrip als Corona-Version „Nie stärker als jetzt“.
Ab Track 4 geht „Die Reise“ weiter, aber mit veränderter Tracklist. Die melancholische Stimmung der Songs kommt noch viel stärker durch, vor allem wenn sie mit Pianoklängen begleitet werden oder die Instrumentierung in eine filigrane Percussion-Ausrichtung mit Bläsern oder sanften Gitarrenklängen geht.
Dass sich Max dem Thema des Reisens widmet, ist kein Zufall. Da singt jemand, der selbst bereits einen turbulenten Weg hinter sich hat und dabei mehr als einmal die Zweifel beiseite geschoben und den Sprung ins Unbekannte gewagt hat. Nach dem riesigen Erfolg seines zweiten Albums und Monaten des Unterwegsseins war im Frühjahr 2018 schließlich der Moment gekommen, in dem sich Max genau diesen Weg noch einmal bewusstmachte und zwar, indem er aus seinen Erlebnissen und Gedanken Songs kreierte.
Man kann Max in einer Situation begegnen, mit der die meisten Abschnitte seines musikalischen Weges begonnen haben und wahrscheinlich auch die meisten zukünftigen Abschnitte beginnen werden: mit einer Akustik-Gitarre in der Hand und einer Sammlung von Ideen, Melodien und Texten im Kopf. Es ist das Setting seiner musikalischen Wurzeln, der Grundlagen seines Songwritings. Und es ist auch das Setting seiner ersten Schritte als Musiker, also der Zeit, in der er als Straßenmusiker in Fußgängerzonen stand und sich auf unzähligen Hochzeiten, Wohnzimmerkonzerten, Grillabenden und Geburtstagsfeiern seine ersten Erfahrungen als Musiker machte.
Auch wenn sich solche Unplugged-Peformances in jedem einzelnen Max-Giesinger-Konzert wiederfinden: Es ist es nun das erste Mal, dass er ein ganzes Album neu arrangiert, die treibenden E-Gitarren durch Akustik-Gitarren ersetzt und die Keyboards und Synthesizer in Klavier und Streicher eintauscht. Das lässt nicht nur jeden einzelnen Song von „Die Reise“ noch näher, noch eindringlicher wirken. Es bietet auch den Raum für eine völlig neue Version von „Wenn sie tanzt“, das ursprünglich auf dem zweiten Giesinger-Album Platz fand.
Ich betrachte „Die Reise – Akustik“ als ganz eigenständiges Album, auch wenn man alle Titel schon kennt. Sie sind so anders arrangiert, dass man zwar die Originale noch wiederfindet, aber trotzdem den abgeklärteren Max erkennt, der sich mal wieder am Scheideweg befindet. „Nie besser als jetzt“ gibt dabei einen Ausblick in die Zukunft.
Vor zwei Jahren erschien parallel auch das Album „Liebe“ von Mark Forster – im Kampf der Deutschpop Giganten. Inzwischen hat sich erwiesen, dass Max Giesinger der nachhaltigere Songwriter ist. Die Stücke von „Die Reise“ funktionieren bis heute unglaublich gut. Das Album ist noch besser geworden, auch wenn das kaum möglich schien. Nur eins fehlt mir: Der abschließende Song „Wir waren hier“. Aber den kann man sich ja dazu denken.
Jason Mraz ist seit jeher ein Garant für Gute-Laune-Musik mit optimistischen Botschaften. Auch sein aktuelles Album „Look For The Good“ macht da keine Ausnahme. Allerdings war dem Songwriter beim Schreiben der Texte noch nicht bewusst, wie zeitgemäß die zentrale Aussage des Albums inzwischen ist. Durch die Herausforderungen der Corona-Pandemie ist es gerade noch wichtiger geworden, das Gute in jedem Menschen, in jeder Situation zu suchen.
Ob das Album dabei helfen kann, muss wohl jeder für sich entscheiden, aber jedenfalls verbreitet es eine Menge positiver Energie. Zwischen dem ersten „Look For The Good“ des Openers und Titelsongs und den gleichlautenden letzten Zeilen des Abschlusstitels „Gratitude“ liegen knapp 60 Minuten entspannter Reggae, den Jason Mraz mit einer ganzen Riege befreundeter Musiker und Sänger zelebriert. Da wird mit „Make Love“ mal ganz allgemein die Liebe oder mit „My Kind“ die Menschlichkeit besungen. Mit Vogelgezwitscher und A-cappella-Gesang beginnt „Take The Music“, eine Hymne an die Kraft der Musik, und „Hearing Double“ wird seinem Titel absolut gerecht, da tatsächlich beinahe jedes Wort des Textes wiederholt wird, was einen interessanten Effekt erzeugt.
Neben den allgegenwärtigen Backgroundsängern lässt sich Jason Mraz bei zwei Titeln auch von stimmgewaltigen Rapperinnen unterstützen. Tiffany Haddish sorgt für die Einlage bei „You Do You“ und Sister Carol ist in „Time Out“ zu hören. Eine der schönsten Botschaften des Albums enthält meiner Meinung nach das ruhige „Wise Woman“, eine Liebeserklärung an eine außergewöhnliche Frau. Sehr überzeugend sind auch das Piano-Intro und das ruhige Ausklingen des abschließenden „Gratitude“ – hier hätte ich tatsächlich gut auch für den Rest des Songs auf den Reggae-Rhythmus verzichten können!
Doch der Reggae zieht sich konsequent durch das Album, allerdings wirklich in der Wohlfühl-Variante. Und so eignet sich „Look For The Good“ vielleicht nicht für wilde Partynächte (die diese Jahr ohnehin selten sein werden), aber sehr wohl für die lauen Sommerabende mit guten Freunden (die wir in diesem Jahr wahrscheinlich besonders zu schätzen wissen)!
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In Zeiten von Krisen sind Resilienzfaktoren wichtige Aspekte, um Menschen zu helfen. Es sind die erlernten und erworbenen Bewältigungsstrategien, die jeder in sich hat. Vermutlich entstand der Albumtitel „Resilience“ schon vor der Corona-Krise, doch er passt definitiv wie Faust aufs Auge.
„Für mich steht das Album für die Fähigkeit, trotz Rückschlägen schnell wieder aufzustehen und seinen Weg weiterzuverfolgen“, erläutert Sänger/´und Gitarrist Raffael „Schlo“ Trimmal den Titel des dritten Longplayers der österreichischen Metal Helden. Zusammen mit Drummer Boris Balogh stand er vor einem Scherbenhaufen: „Unmittelbar vor dem Songwriting mussten wir Bass und Gitarre neu besetzen und hatten keine Ahnung, wie schnell und gut uns das gelingen wird.“
Es gelang schnell und vor allem: Sehr gut. In Form von Andrés Cuenca an den sechs und Mauro Putzer an den vier Saiten fand man die nicht nur musikalisch perfekte Ergänzung des metallischen Kleeblatts: „Von der ersten gemeinsamen Probe an waren Andrés und Mauro wie jahrelange Freunde. Unfassbar, wie stark Musik Menschen verbinden kann“, zeigt sich Schlo euphorisch. „Die zwei haben sich auch sofort ins Songwriting eingebracht, vor allem Andrés hat dem Album einen ordentlichen Stempel aufgedrückt. Beide waren so eine immense Bereicherung, dass uns klar wurde: Wir werden stärker denn je aus dieser Krise gehen!“.
Das Album bietet zehn abwechslungsreiche, intensive Songs, die dem alten Bandmotto „Nothing But Pure Metal“ mehr als gerecht werden und gleichermaßen thrashig, melodisch, modern, brutal, eingängig, progressiv, messerscharf, ehrlich klingen – und dabei auch einiges zu sagen haben. Die 45 Minuten sind soundtechnisch hervorragend und druckvoll produziert. Der Opener „Dissociation“ führt mit seinen Riffs in eine spannende metallische Welt ohne elektronischen Schnickschnack. Die Geschwindigkeit der drei folgenden Songperlen ist durchaus beeindruckend, bevor es ab „Absorbing Energy“ ruhiger wird. Dass der Titeltrack zu Beginn einen sehr erzählenden Charakter hat, ist sicher eine mutige Entscheidung. Schnell nimmt er aber Fahrt auf und führt in die variantenreiche zweite Albumhälfte, die mit dem roboterhaft eingeleiteten „The Cube“ ausklingt.
Black Inhale sind definitiv gestärkt aus der Bandkrise hervorgegangen. Lasst uns hoffen, dass sie auch die kulturelle Krise des Jahres 2020 halbwegs unbeschadet überstehen.
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Zwei Monate ohne Livekonzerte… Langsam aber sicher meldet sich die Sucht bei den Konzertjunkies. Am Anfang konnte man sich ja noch mit den „Trostpflästerchen“ abfinden. Streamkonzerte auf Facebook und YouTube, täglich ein neuer Song von Gary Barlow im Duett mit einem bekannten Kollegen, gar abendfüllende Trio-Konzerte von Konstantin Wecker. Selbst Größen wie Andrew Lloyd Webber und Genesis streamen plötzlich kostenlos komplette Konzertfilme. Das reicht für ein paar Tage Livestimmung im heimischen Wohnzimmer. Aber es muss doch mehr geben.
Können Autokino-Konzerte eine Alternative sein für die Zeit der Krise? Ich war skeptisch, doch dann sah ich auf ARTE concert das Düsseldorfer Konzert von SIDO. Tatsächlich hat er es geschafft, die Zuschauer bei Stimmung zu halten und ein Feedback aus Hupen, Blinken und Autolichtern zu erhalten. Kann also funktionieren. Und tatsächlich sprießen allerorten die Autokinos aus der Erde. In meiner ländlichen Region gleich fünf im Radius von 80 Kilometern. Ganz traditionell mit modernem und klassischem Kinofilm-Programm, aber eben auch mit Livekonzerten regionaler und überregionaler Künstler.
Die Bestimmungen sind noch unterschiedlich. An manchen Orten darf gehupt werden, an anderen nicht (vermutlich davon abhängig, wie weit das Gelände vom Wohngebiet entfernt liegt). Hier darf das Fenster halb geöffnet werden – da muss es geschlossen bleiben. Hier ist der Toilettengang erlaubt – da gibt es nicht einmal eine Toilette. Auch andere Probleme tun sich auf: Der Ecomodus beim Auto schaltet nach 30 Minuten die Batterie ab. Eigentlich müsste man jetzt den Motor laufen lassen, doch oft ist das nicht erlaubt. Hmmm. Kleiner Tipp: batteriebetriebenes Kofferradio mitnehmen. Der Sound ist zwar nicht so opulent, aber ausreichend.
Denn – tadaaa – ich war gestern auf meinem ersten Autokino-Konzert. Ja – das erste Mal überhaupt in einem Autokino. Die Saarpfalz-Gemeinde Blieskastel hat ihr Bauernfestgelände mit Bühne und Leinwand ausgestattet. Und zu Gast war der ehemalige Bro’Sis Popstar und jetzige Schlagersänger Giovanni Zarrella. Es wurde Zeit! Noch sind keine echten Konzerterlebnisse möglich. Die Einschränkungen lassen das nicht zu. Aber die Streaming-Trostpflaster ist man auch langsam leid. Das Autokino kann ein Nikotinpflaster gegen die Konzertsucht sein. Ob es funktioniert?
Die Anreise und das Aufstellen der PKW waren absolut unproblematisch. Viele Ordner, gesittetes Miteinander, guter Blick zur Bühne. SUV und Kastenwagen müssen nach hinten. So hat jeder gute Sicht.
Pünktlich um 20 Uhr kam Sonnenschein Giovanni Zarrella auf die Bühne. Er amüsierte sich erst einmal darüber, dass viele Menschen tatsächlich gedacht hatten, er wäre gar nicht persönlich vor Ort sondern der Auftritt würde aus der Ferne gefilmt. Das war aber nicht der Fall. Er war leibhaftig da. Wie gerade von Florian Silbereisens Schlagerfest XXL hier auf die kleine Dorfbühne gefallen.
Das Programm bestand vor allem aus seinem „La vita è bella“. Denn wie sein einstiger Kollege Ross Anthony hat auch Giovanni musikalisch die Seite gewechselt. Auf seinem aktuellen Album gibt es bekannte Schlagerhits in italienischer Sprache. Diese präsentierte er live am Mikro, während die Musik vom Band kam. Das Geschehen wurde auf eine große LCD Leinwand übertragen, damit man auch bis in die letzten Autoreihen des gut gefüllten Geländes alles mitbekam.
Klar. Es ist seltsam, im Auto seine eigene Party zu feiern. Frau und Tochter waren mit dabei, so konnten wir es uns gemütlich machen. Mitsingen wurde von den Autoinsassen rechts und links wohlwollend bedacht, doch die echten Beifallsbekundungen gab es nur per Hupe. Da Muttertag war, forderte Zarrella als erstes ein Hupkonzert für alle Mamas. Das Feedback in Form rhythmischen Lärms freute ihn sichtlich.
Auch für den Sänger muss es komisch sein, vor einem großen Parkplatz aufzutreten. Doch er machte das Beste draus: Für die Interaktion des Publikums gab es immer neue Ideen. Winken mit Schals, Leuchtstäben, Plakaten und Regenschirmen durch das halb geöffnete Fenster. Mithupen ganzer Textzeilen und Refrains. Eine akkubetriebene Mini-Discokugel auf dem Autodach. Blinker, Lichthupe, Warnblinker.
Auch Giovanni war sichtlich angetan und zeigte sich ganz als sympathischer und witziger Moderator. Zwischen den Songs ging er auf Tuchfühlung, soweit die Sicherheitsbestimmungen das zuließen. Er hatte eine große Pizza auf der Bühne – und wie Guildo Horn seine Nussecken verteilte er Pizzastücke an die ersten Reihen. Natürlich nicht von Hand zu Hand, sondern man konnte mit gebührend Abstand etwas aus der Schachtel nehmen. Dann entschied er, dass keiner ohne Autogramm nach Hause gehen soll. Da die persönliche Autogrammstunde natürlich ausfallen musste, schrieb er kurzerhand (während eines Songs!) genügend Autogramme und verteilte diese im Anschluss an die Autos. Publikumsnähe trotz Abstand. Es funktionierte.
Die Schlager von Münchner Freiheit, Wolfgang Petry, Peter Maffay und Helene Fischer gewinnen deutlich, wenn man sie in italienischer Sprache interpretiert. In meinen Augen ist es eine coole und für einen Deutsch-Italiener sehr authentische Idee, so zu verfahren. DJ Ötzis „Ein Stern“ gehört zu den schwächeren Songs. Der Rest ist absolut akzeptabel. Außerdem baute Zarrella einige Italo-Klassiker ins 90minütige Programm ein und endete mit dem deutschen „Wundervoll“, das er im Jahr 2008 für seinen Sohn geschrieben hatte.
Giovanni hat mich als Sänger und Entertainer absolut überrascht. Er ist grundsympathisch und es gelang ihm, das Publikum in dieser surrealen Situation mitzureißen. Seinem Italo-Schlager-Album sollte man durchaus ein Ohr gönnen.
Ein begeistertes Publikum verabschiedete den Sänger mit einem Hupkonzert, während er als Zugabe seine Version von „Ohne dich“ zum zweiten Mal zum Besten gab – diesmal durch die Autoreihen wandernd. Um 21.30 Uhr war Schluss und die Abfahrt vom Gelände gestaltete sich etwas chaotisch, da hier keine Ordner eingriffen sondern jeder wild Richtung Ausfahrt fuhr. Das wäre das Einzige, an dem man noch arbeiten müsste. Und ich werde versuchen herauszufinden, wie man den vermaledeiten Ecomodus beim Peugeot ausschalten kann. Zum Glück hatte ich ja den kleinen Ghettoblaster dabei.
Ein Fazit? Gar nicht so schwierig. Irgendwie machen alle Beteiligten das Beste aus der Situation. Ja – man kann interagieren, obwohl es etwas kompliziert ist. Die Stimmung muss man sich selbst machen. Wer schon mit einem Murren zu solchen Konzerten fährt, wird das vermutlich nicht schaffen. Es war auf jeden Fall gut, nach zwei Monaten Abstinenz mal wieder ein echtes Konzerterlebnis zu haben. Diese Alternative wird also vermutlich funktionieren, so lange die Normalität nicht zurückkehrt. Ich liste mal ein paar Konzertbeispiele aus den Regionen Trier und Saarland auf. Gebt dem Konzept eine Chance:
21.5.2020 – Völkerball – Autokino Blieskastel
23.5.2020 – Les Brünettes – Drive & live Merzig
27.5.2020 – Hazel Brugger – Carpitol Trier
29.5.2020 – 257ers – Carpitol Trier
31.5.2020 – Heinz Rudolf Kunze – Autokino Blieskastel
84 Jahre wird Klaus Doldinger morgen alt. Der Jazzmusiker und Saxophonist hat eine Reihe zeitloser Titel geschrieben. Man denke nur an das „Tatort“-Thema, „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“. 1971 hatte er bei Gründung der Band Passport immerhin Udo Lindenberg am Schlagzeug. Und das Lebenswerk scheint noch nicht beendet, wenn man seine Liveauftritte betrachtet.
Der in Berlin geborene und in Düsseldorf ausgebildete Komponist, Bandleader und Jazz-Connaisseur lebt seit Jahrzehnten in Icking nahe München. Inzwischen kann Doldinger auf mehr als 5000 Live-Konzerte, Tourneen durch 40 Länder, über 2000 selbstverfasste Kompositionen, mehr als 50 veröffentlichte Alben und Auftritte mit diversen Sinfonieorchestern zurückblicken. Für sein „Symphonic Project“-Album nahm er bekannte Stücke aus seinem Werk mit Passport und einem Sinfonieorchester auf.
Seine besonderen Verdienste für den Fortbestand und den Fortschritt der modernen Musik aus Deutschland sind längst mehrfach gewürdigt worden – vom Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, über die „Goldene Kamera“, zahllose Gold-Awards bis hin zum Adolf-Grimme-Preis. Schöne Anerkennungen seien das, sagt Klaus Doldinger, aber sie sind für ihn keinesfalls so wesentlich wie die Musik. Um mit bald 84 Jahren wieder aufzubrechen, um neue Anknüpfungspunkte für seine einzigartige Komponistenhandschrift zu finden, sei die energetische Standortbestimmung „Motherhood“ sinnvoll gewesen, erklärt er. Als Zuhörer muss man sich die Sinnfrage hingegen gar nicht stellen. Zuhören, genießen und erkennen zu können, warum Doldinger heute so klingt wie er klingt, ist ein Segen.
„Motherhood“ gab es Ende der 60er Jahre als Projektnamen. Damals erschienen zwei Alben unter diesem Titel und der Name stand für Jazz verknüpft mir Rock, Soul und Weltmusik. Neun dieser Titel hat Doldinger nun neu aufgenommen. Der zehnte („Soul Tiger“) steht ganz am Anfang der Scheibe und ist ein Original aus dem Jahr 1969. Dann folgt „Devil Don’t Get Me“ mit den Vocals des noch sehr frisch klingenden Udo Lindenberg aus dem Jahr 1970. Erst danach geht es komplett in die Gegenwart und Max Mutzke leiht „Song Of Dying“ seine wundervolle Stimme.
Hammond-Orgel, der Groove von „Soul Town“ und „Locomotive“, die Saxofon-Soli auf „Circus Polka“ – und ganz mittendrin „Turning Around“ mit Meister Doldinger selbst am Gesangsmikro. Das sind starke Songtitel und handfeste Überraschungen. Besonders andächtig lausche ich aber „Women’s Quarrel“ mit der fantastischen China Moses an den Vocals und dem Abschluss „Wade In The Water“ mit Joo Kraus an der Trompete.
„Motherhood“ bietet zehn zeitlose Klassiker, die Doldinger hier gekonnt in die Gegenwart holt. Egal ob man das Album als Remake oder Neudeutung ansieht: Es zeigt Klaus Doldinger in Topform.
Seit Wilhelmine im Herbst 2019 ihre Debüt-Single „Meine Liebe“ vorlegte, schlägt ihr nichts als Sympathie entgegen. Und das von Kritikern, Kollegen und Fans gleichermaßen. Sie war mit Benne und Lotte auf Tour und sollte gleich anschließend Selig auf deren Tour supporten, die ebenso wie ihre eigene Headlinertour aufgrund der Coronavirus-Situation verschoben werden musste – aber schon jetzt sind die Spätsommershows in Berlin, Essen und Dresden ausverkauft.
Ein komplettes Album gibt es noch nicht, aber „Komm wie du bist“ ist da, Wilhelmines Debüt-EP. Sie enthält fünf Songs, darunter die bisher veröffentlichten „Du“ und „Solange du dich bewegst“. Der Titelsong ist die neue Single und liefert ihr optimistisches Motto. Wie weiland Kurt Cobain singt Wilhelmine von Selbstakzeptanz und Ehrlichkeit. Etwas naiv klingt „Das Mädchen mit der Latzhose“, ist aber emotionaler Ausdruck der Liebe zu einer Frau wie „Meine Liebe“. Ausdrucksstark und weltoffen.
„Ich glaube, wenn man als Künstlerin nicht über die Dinge redet, die einen wirklich belasten oder bewegen oder beschäftigen oder berühren, dann schwimmt man auf der Oberfläche und macht sich unbewusst kleiner“, sagt Wilhelmine zu ihrem Ansatz, mit großer Offenheit Geschichten zu erzählen, die ihr wirklich so passiert sind. „In den letzten zwei, drei Jahren habe ich mich in dieser Hinsicht enorm weiterentwickelt. Ich habe wie mit einem Scheinwerfer in alle Richtungen geleuchtet und geschaut, was da wirklich hinter steckt.“
Die Arbeit an der EP wurde so zu einer intensiven Erfahrung: „Beim Schreiben der Texte habe ich in jeder Session aus einem anderen Grund geweint. Weil ich durch die Lieder an gewisse Stellen gekommen bin und es geschafft habe, ein bestimmtes Kapitel in einen Song zu packen und damit zu beleuchten.“
Von euphorisiert-befreiten Songs über Freiheit und Verliebtsein bis hin zu düster-traurigen Erfahrungen mit Sucht und Ressentiment deckt die EP ein breites emotionales und thematisches Spektrum ab. Die fünf Songs machen auf jeden Fall Lust auf mehr! Diese emotionale Achterbahnfahrt darf gerne eine ganze Albumlänge dauern.
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Die finnische Band Nightwish um den Keyboarder und Komponisten Tuomas Holopainen gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Symphonic Metal. Mit ihrem aktuellen Album „Human. :II: Nature.“ stellen Nightwish dies erneut eindrucksvoll unter Beweis und erweitern zudem wieder die Grenzen ihres Genres. Wie der Titel schon ahnen lässt, besteht das Werk aus zwei Teilen und wird auch als Doppelalbum veröffentlicht.
Eröffnet wird der erste Teil mit dem faszinierenden „Music“, mit dem quasi die Entwicklungsgeschichte der Musik dargestellt wird, von atmosphärischen Urklängen und erster Percussion über sakral anmutende Gesänge bis hin zur sich rhythmisch steigernden Rock-Hymne, mit der wir dann endgültig im Nightwish-Universum ankommen. Mit dem gewaltigen „Noise“ liefert die Band eine verstörende Betrachtung der ständigen akustischen und visuellen Ablenkungen, denen der moderne Mensch ausgesetzt ist – übrigens auch sehr beeindruckend im dazugehörigen Musikvideo umgesetzt.
Neben den allesamt ihre Instrument meisterhaft beherrschenden fünf Musikern der Band wird der Sound von Nightwish immer auch vom weiblichen Gesangspart geprägt. Diese Rolle füllt seit dem letzten Album die Niederländerin Floor Jansen stimmgewaltig und stilistisch äußerst vielseitig aus – neben den glasklaren Höhen beherrscht sie auch kraftvolle Rockpassagen. Ergänzt werden die Arrangements wie bereits bei einigen Vorgänger-Alben vom London Session Orchestra und zusätzlich sorgen The Metro Voices für Highlights.
Auch wenn sich die meisten Stücke ganz klar im Metal-Bereich bewegen, machen Nightwish immer wieder Abstecher zu anderen Genres, etwa stellenweise zum Folk in „How’s the Heart?“ oder im melodischen „Harvest“ – hier überzeugen akustische Instrumente und Harmoniegesang , bei dem auch die Männerstimmen der Band zur Geltung kommen. Und es sind oft gerade die kurzen ruhigen Passagen im Getöse mancher Songs, die besonders im Gedächtnis bleiben.
Stilistisch recht gravierend vom ersten Teil des Albums unterscheidet sich das auf der zweiten CD enthaltene instrumentale Werk „All The Works of Nature Which Adorn the World“, ein musikalisches Epos in 8 Sätzen, das eine Art Liebeserklärung an diese Welt darstellt. Hier dominiert nun ganz klar das Orchester, unterstützt von lautmalerischen chorischen Elementen und stellenweise untermalt von zitierten Passagen aus den Werken von Lord Byron und Carl Sagan. Man kann sich dieses Stück wunderbar als musikalische Umsetzung eines Naturfilmes vorstellen, und die Titel der einzelnen Sätze, wie „The Blue“, „The Green“,“ Aurorae“ oder „Quiet as the Snow“ lassen auch die passenden Bilder im Kopf entstehen.
Wer sich auf „Human. :II: Nature.“ einlässt, erlebt eine äußerst vielseitige musikalische Reise im thematischen Spannungsfeld zwischen Mensch und Natur und kann sich auf Gänsehautmomente und Überraschungseffekte freuen.
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Wer es wagt, „S.O.S.“ von ABBA als Hardrock-Ballade zu covern, dem sollte man Respekt zollen. Gotthard legen auf ihrem dreizehnten Album mit dem Titel „#13“ eine ordentliche, rifflastige Version des Pop-Klassikers vor, die sich gewaschen hat. Auch mutig: Die 13 im Titel, 13 Tracks auf dem Album, Freitag der 13. als VÖ-Datum und der Track „Bad News“ als Opener. Dass dies auch gerade der Tag sein sollte, an dem die Corona-Krise im Zentrum Europas erst so richtig an Fahrt gewann, ist eine Ironie des Schicksals.
„Bad News“, der Album-Opener, ist genau das, was eingefleischte Fans an der Band lieben: heißer, schnörkelloser Rock’n’Roll verpackt in feinstes Songwriting. Oder anders ausgedrückt: Gotthard von ihrer besten Seite. Auf „Bad News“ fällt Nic direkt mit dem Garagentor ins Haus: In Höchstform kündigt er den ersten Track an und lässt sich von wild gewordenen Power-Gitarren und schweißtreibendem Schlagzeug direkt in die Umlaufbahn katapultieren.
Der Spannungsbogen führt vom Power-Opener, schnellem Hard’n’Heavy Sound auf „Everytime I Die“ und hartem Rock mit orientalischen Elementen auf der ersten Single „Missteria“ über abgehangenen Bluesrock auf „Another Last Time“ bis hin zu Widescreen-Balladen wie „Sorry“, um die Palette in Form von „Rescue Me“, dem letzten Track des Albums, mit 70er Psychedelic-Sound abzurunden.
Gotthard bieten feinen Hardrock der alten Schule – und auch Album #13 ist ein solides Werk. Der seit 2011 nach dem tragischen Tod von Steve Lee agierende neue Fronter Nic Maeder macht auf seinem vierten Album einen fantastischen Job und steht dem beliebten Vorgänger in Nichts nach. Während man oft sagt, dass der Prophet in der Heimat nichts gilt, legen Gotthard in der Schweiz ein Nummer-1-Album nach dem anderen hin. Da wird sich auch #13 einreihen, da bin ich mir sicher. Was den Rest Europas angeht, sollte die Double-Headliner-Tour mit Magnum neue Hörerschichten erschließen. Sie wurde jetzt auf 2021 verschoben – es wird sicher ein Spektakel der Extraklasse.
Das Release-Konzert am 13. März wurde aus Corona-Gründen ohne Publikum gespielt. Unsere Empfehlung: Schaut es euch auf YouTube an – dieser kraftvolle und energische Gig ist absolut sehenswert:
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Die Verdienste der Boomtown Rats um die Musikgeschichte im allgemeinen und die ihres Heimatlandes Irland im speziellen sind unbestritten. Mit einer ganzen Reihe von Top 10-Hits und Platin-Auszeichnungen avancierte das Sextett um Frontmann Bob Geldof zu einer der größten Bands der späten 70er und 80er Jahre. Die Boomtown Rats waren die erste irische Formation, die mit „Rat Trap“ einen Nr.1-Hit in den britischen Singlecharts landen konnte, bevor sie sich mit „I Don’t Like Mondays“ quasi selbst unsterblich machten. Bis zu ihrer Auflösung 1986 veröffentlichte die Band sechs Alben. Für immer unvergessen bleibt natürlich auch das von Bob Geldof und Midge Ure organisierte Live Aid-Festival am 13.07.1985 als bis dahin größtes Rockkonzert aller Zeiten, das parallel im Londoner Wembley Stadion und im John F. Kennedy Stadium in Philadelphia stattfand. Nicht nur bei mir zuhause dürfte der Videorecorder während der mehr als 16-stündigen Fernsehübertragung heiß gelaufen sein. Danach wurde es abgesehen von einer kurzen Reunion 2013 still um die Boomtown Rats.
So schlug Mitte Januar die Nachricht wie eine Bombe ein, dass die Band nach 36 Jahren Pause ein neues Album veröffentlicht. Die Single „Trash Glam Baby“ war der erste Vorbote und wurde von Bob Geldof höchstpersönlich geschrieben. Produziert von Rats-Bassist Pete Briquette sind darauf die Original-Mitglieder Bob Geldof (Gesang), Pete Briquette (Bass), Simon Crowe (Drums) sowie Garry Roberts (Gitarre) zu hören, die von Alan Dunn am Klavier und Darren Beale an der Gitarre unterstützt werden. In dieser Formation entstand dann auch das Comeback-Album, das auf den schönen Namen „Citizens Of Boomtown“ hört. Parallel feiert die gleichnamige Boomtown Rats-Dokumentation von Billy McGrath im Rahmen des Dublin Filmfestivals Premiere und am selben Tag wie das Album wird über Faber Music das Buch „Tales Of Boomtown Glory“ mit Texten und Bob Geldofs gesammelten Erinnerungen erscheinen. Anschließend geht die Band auf UK-Tour, die am 26. März in Brighton startet und deren Finale für den 2. Mai in Newcastle vorgesehen ist. Sofern das Corona-Virus nicht noch zu einer Absage führt. Das nenne ich mal einen Rundumschlag.
Die bereits erwähnte Single „Trash Glam Baby“ ist gleichzeitig der Album-Opener und man fühlt sich sofort in die 80er Jahre zurückversetzt. Ein vielversprechender Auftakt, der Hoffnung auf eine ebenso würdevolle Rückkehr macht, wie sie zuletzt The Who vollzogen haben. Auch „Sweet Things“ ist erfreulich schön aus der Zeit gefallen und in etwa bei The Kinks gelandet. Mit „Monster Monkeys“ bewegen wir uns dann langsam auf die Gegenwart zu und finden uns ungefähr dort wieder, wo U2 mit „Pop“ ihre Metamorphose vollendeten, also Ende der 90er Jahre. Auch der straighte Rocker „She Said No“ macht Laune, bevor die hymnische (Klavier-)Ballade „Passing Through“ nach fünf von insgesamt zehn Songs den Wendepunkt markiert. Bis hierhin klingt das alles frisch, originell und spannend. Was dann folgt ist allerdings nur noch gruselig.
Das Gruseln geht mit der bluesigen Mitklatschnummer „Here’s A Postcard“ noch recht unspektakulär los. „K.I.S.S.“ ist eine Mischung aus Kinderlied und Karnevalsschlager und man fragt sich leise, welche Substanzen bei der Entstehung dieses Stückes wohl mit im Spiel gewesen sein mögen. Dass sie zu einer Bewusstseinstrübung geführt haben müssen, bestätigen die Boomtown Rats anschließend mit „Rock’N Roll Yé Yé“, dessen grenzdebiler Titel nur noch von Textzeilen wie „Yeah Yeah Rock’n’Roll“ oder „Come on, come on Rock’n’Roll“ übertroffen wird. Solche billigen Mitgröhlrefrains dürfen eigentlich nur Status Quo ungestraft unter das Kirmesvolk bringen. „Get A Grip“ ist mit seinen stampfenden und künstlichen Synthiesounds dann endgültig zum Weglaufen, doch wenn man glaubt es kann nicht mehr schlimmer kommen, dann kommt es noch schlimmer. Das einzig Gute am Closer „The Boomtown Rats“ ist, dass der Song das Album beendet. Mit dem (Achtung!) Dancefloor-Track will sich die Band vermutlich selbst feiern und macht sich dabei nur vollkommen lächerlich. Das geht auch als Selbstironie nicht mehr durch. Diese Art von nervtötenden Beats hört man permanent in den hippen Klamottenläden auf der Kölner Ehrenstraße und wundert sich dabei, wie die Verkäuferinnen diese Dauerbeschallung den ganzen Tag aushalten ohne durchzudrehen.
Am Ende bleibt nach dem Genuss von „Citizens Of Boomtown“ ein schaler Geschmack auf der Zunge hängen. Es ist ja bekanntlich nicht so, dass jedes Comeback automatisch dazu führt den einmal erworbenen Legendenstatus zu untermauern. Es gibt Bands, die wieder aus der Versenkung auftauchen, wo sie besser geblieben wären, nur um ihre eigenen Denkmäler in Schutt und Asche zu legen. Die Boomtown Rats pendeln sich da mit „Citizens Of Boomtown“ irgendwo in der Mitte ein. Im Fußball würde man sagen: Das Album hat zwei völlig verschiedene Halbzeiten. Oder um noch einmal in die seligen Vinyl-Zeiten aus der ersten Schaffensphase der Band zurückzukehren: A-Seite Top, B-Seite Flop. Die vergangenen 36 Jahre haben die alten Rebellenlieder der Boomtown Rats zu Klassikern geschliffen, die immer noch Gehör finden, weil sie relevant und zeitlos klingen. „Citizens Of Boomtown“ hat dem leider nichts hinzuzufügen.
Als die Geschwister Moya, Ciáran und Pól Brennan gemeinsam mit ihren beiden Onkeln 1970 die Band Clannad gründeten und im Pub ihres Vaters mit Popsongs und traditionellen irischen Liedern auftraten, da ahnten sie nicht, dass damit eine 50 Jahre andauernde erfolgreiche Karriere begann. Sie waren eine der ersten Musikgruppen, die traditionelle Elemente mit modernem Folk, Rock und New Age verbanden und sie kreierten so ihren eigenen unverwechselbaren Sound, der maßgeblich auch von der außergewöhnlichen Stimme Moya Brannans geprägt ist und von der Verwendung der irisch-gälischen Sprache in vielen ihrer Songs.
Mit der Anthologie „In A Lifetime“ blicken Clannad auf die 5 Jahrzehnte ihrer Karriere zurück. Auf zwei CDs sind 38 Titel von ihren insgesamt 16 Studioalben zu hören, beginnend mit den traditonellen Songs „Thíos Cois Na Trá Domh“, „Dúlamán“ und „The Last Rose Of Summer“ über ihre Hitsingle „Theme from Harrys Game“ bis hin zu „Vellum“ und „Brave Enough“ vom letzten Album „Nádúr“. Am Ende gibt es mit dem verträumten „A Celtic Dream“ und dem atmosphärischen „Who Knows (where the time goes)“ sogar noch zwei neue Titel.
Die meisten Songs sind in den Orginalversionen enthalten, einige Titel aus den 80ern aber auch in der remasterten Version von 2003, darunter beispielsweise das Duett „In A Lifetime“ mit U“-Frontmann Bono oder die Titelmusik „Robin (The Hooded Man)“ zur erfolgreichen britischen TV-Serie „Robin of Sherwood“. Deutlich zu hören ist in dieser Sammlung auch die musikalische Entwicklung von anfangs noch vielen Folk-Elementen und traditionellen Instrumenten hin zu zunehmend modernen und New Age- Einflüssen mit epischen Synthesizer-Klangteppichen. Dabei gefallen mir die frühen Songs persönlich noch besser, vielleicht aber auch, weil die ersten Clannad-Alben zum Soundtrack meiner Kindheit gehörten.
„In A Lifetime“ erscheint in verschiedenen Formaten und ist auch als Deluxe-Box mit über 100 Songs erhältlich. Außerdem startet im März die Abschiedstournee von Clannad, die sie auch in einige deutsche Großstädte führt – für Fans also die letzte Gelegenheit, diese Band noch einmal live zu erleben. Mit der Anthologie „In A Lifetime“ hat man aber auf jeden Fall eine bleibende Erinnerung an Clannads 50jährige musikalische Reise.
Johnossi sind zurück. Nicht nur mit einer ausgiebigen Tour im März 2020, sondern auch mit einem neuen Album. Es entstand in einer Villa nördlich von Stockholm und zeigt Johnossi nach dem eher experimentellen Sound des Vorgängers wieder als geschlossene Einheit. Produziert von Pelle Gunnerfeldt (The Hives, Viagra Boys etc.) stellen sie das Herzstück ihrer Band wieder in der Vordergrund: das intensive, packende Duell von Gitarre und Schlagzeug.
Seit die beiden Schweden John Engelbert und Oskar “Ossi” Bonde als Johnossi zusammen Musik machen, haben sie mit ihrem Alternativ-Rock zunächst in Skandinavien und zunehmend auch im restlichen Europa eine breite Fanbase erobert. Dabei hat das Duo einen unverkennbar eigenen Stil, der aber viel Raum für musikalische Entwicklungen lässt.
Foto: Fredrik_Skogkvist
In ihren neuen Songs vereinen Johnossi kraftvolle Rhythmen mit tollem Melodien und einer unglaublich dichten Atmosphäre. Den Studioversionen ist schon anzuhören, dass sie live ganze Konzerthallen zum Beben bringen werden. Johns kompromissloser Gesang und seine Rockgitarre, sowie Ossis virtuoses Schlagzeug prägen nach wie vor den Sound der Band. Doch auch Matthias Franzén an den Keyboards macht einen klasse Job und erweitert die musikalische Ausrichtung mit expressiven Tönen.
Mit “Torch/Flame” haben Johnossi ein rundum gelungenes Album abgeliefert, das hält, was der Titel verspricht. Es bietet neun überzeugende und meist sehr hymnische Songs, die mit jedem Hören mehr ins Ohr gehen und vor allem nur darauf zu warten scheinen, einem begeisterten Live-Publikum präsentiert zu werden.
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Leslie Odom Jr. ist ein US-amerikanischer Schauspieler und Sänger. Er trat am Broadway sowie in Fernsehen und Film auf und veröffentlichte zwei Solo-Jazz-Alben. Vor allem bekannt ist er für seine Rolle als Aaron Burr im Broadway-Musical Hamilton, für das er 2016 den Tony Award als bester Hauptdarsteller in einem Musical und den Grammy Award als bestes Musical Theater Album als Hauptsänger gewann.
Beide bisherigen Soloalbum (das selbstbetitelte Debüt und das Weihnachts-Jazz-Album „Simply Christmas“) erreichten Platz 1 in den US-Jazz-Charts. Leslie schuf die Songs seines neues Albums in den letzten zwei Jahren in aller Stille. Seine Vision kristallisierte sich während eines Songwriter-Camps heraus, das er auf der weltberühmten Skywalker Ranch von George Lucas veranstaltet hatte. Vor Ort fanden sich erfahrende Songwriter aller Genres ein und so beschloss er, die Elemente aus Soul, R&B, Jazz und Pop miteinander zu vereinen. Das Ergebnis ist ein einzigartiger Stil, der sowohl kraftvoll und leidenschaftlich, als auch persönlich ist.
Er selbst sagt dazu: „Das ist der Sound, den ich schon immer machen wollte. Ich dachte an all die Alben zurück, die mich in meinem Leben geprägt hatten und überlegte, was sie zu etwas Besonderem machte. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle sowohl etwas Altes als auch etwas Neues enthalten.“
Songs wie „Stronger Magic“ lassen Leslies Musicalstimme brillieren. „Standards“ bietet entspannten Jazz zum Zurücklehnen voller James-Bond-Tunes. „Go Crazy“ verliert sich in eleganten Funk-Rhythmen. „Under Pressure“ zeigt die stimmlichen Qualitäten des Sängers in vielen Facetten. „Cold“ und „Lose It“ machen ihn zum schmachtenden Schmusesänger.
Vor allem die ruhige und entspannte zweite Albumhälfte bis hin zum vokal verspielten „Freedom“ gefällt mir ausgesprochen gut. Ein Album, das in Zeiten von Schlagerparty und Mallorca-Hits zu entschleunigen weiß.
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1993 absolvierten die Stone Temple Pilots ein legendäres MTV Unplugged-Konzert. Auch auf ihren Tourneen spielen sie hier und da kleine akustische Sets. Ein rein akustisches Album hat es in der Geschichte der Band bisher jedoch noch nicht gegeben. Eine Lücke, die jetzt mit „Perdida“ geschlossen wird. Das Album präsentiert zehn introspektive Songs, in denen sich Texte und Musik zu einem filigranen Ganzen verbinden. Für die Aufnahmen zu „Perdida“ (übrigens das spanische Wort für „Verlust“) traf sich das Quartett in den Bomb Shelter Studios von Schlagzeuger Eric Kretz und neben vielen Songideen hatten sie auch eine Reihe von Instrumenten im Gepäck, die man vorher nie auf einem Stone Temple Pilots-Album vermutet hätte.
Die beiden Vorab-Singles „Fare Thee Well“ und „Three Wishes“ bilden den ebenso entspannten wie hymnischen Einstieg. Es folgt das verträumte Titelstück, in dem Gitarre, Keyboard, Violine und Cello ein fast schon folkloristisches Stilgemenge ergeben. In „I Didn’t Know The Time“ kommt eine Flöte hinzu und sorgt für eine melancholische The Doors-Gedächtnisstimmung. Und die Stone Temple Pilots halten noch weitere spannende Instrumentierungen bereit. So etwa ein Alt-Saxofon in „Years“ oder eine indianische Basspfeife und ein Marxophon in „She’s My Queen“, mit denen sie zum ersten Mal die angezogene Akustik-Handbremse lockern und so etwas ähnliches wie Southern Rock verbreiten. Falls ihr euch fragen solltet was ein Marxophon ist: Eine geschlagene Dulcimer, ähnlich wie eine Zither, aus den 1920er Jahren. Alles klar?
Violine und Guitarrón lassen „Miles Away“ beinahe zu einem Chanson werden, während das darauffolgende „You Found Yourself While Losing Your Heart“ ganz viel Raum für ausgiebige Akustikgitarrensoli bietet. Bleiben noch das knapp zweiminütige rein instrumentale Zwischenspiel „I Once Sat At Your Table“ und die abermals entspannte Midtempo-Nummer „Sunburst“ als krönender Abschluss, mit der sich quasi der Kreis schließt und die ganz am Ende noch ein überraschendes Streicher-Crescendo bereithält. Sänger Jeff Gutt bringt das so auf den Punkt: „Es ist ein melancholisches Album, aber es schließt mit einer hoffnungsvollen Note.“
Recht hat der Mann. „Perdida“ ist ein Album voller Emotionen. Die Stone Temple Pilots schaffen es dabei die Gefühlsklaviatur so akzentuiert und dezent zu bedienen, dass sie zu keiner Sekunde der Gefahr ausgesetzt sind ins Kitschige abzurutschen. Man merkt jedem Song an wieviel Herzblut die Band in dieses Projekt gesteckt hat. Das Ergebnis ist ein zwar ungewöhnliches dafür aber trotz kleinerer Längen umso schöneres musikalisches Abenteuer. Im Februar gehen die Stone Temple Pilots mit dem „Perdida“-Repertoire auf Nordamerika-Tour. Dabei sollen auch Songs aus ihren früheren Alben in einem neuen Unplugged-Gewand präsentiert werden. Bleibt zu hoffen, dass sie danach den Weg nach Europa finden. Das könnte ähnlich legendär werden wie 1993.
Seit der Veröffentlichung ihres Debüts „Aversion“ im Jahr 2014 hat sich die Antilopen Gang Schritt für Schritt ein eigenes Freigehege erschaffen und sich dort jeden Wunsch erfüllt, der auf ihrer Bucketlist stand: Von der eigenen Kunst leben zu können, möglichst viele Konzerte auf riesigen Bühnen zu spielen, durch Shitstorms zu waten, Punk komplett neu zu erfinden und danach wieder zu beerdigen, sich ausgiebig zu streiten. Und nach dem Erreichen der Spitze der deutschen Charts 2017 mit dem Album „Anarchie und Alltag“ konnte auch der profane Traum vom Nummer-Eins-Album erfolgreich abgehakt werden.
Das vierte offizielle Album, dessen Titel traditionell mit einem „A“ beginnt, startet mit einer bewegenden Form von Vergangenheitsbewältigung, indem der Song „2013“ den Freitod von Bandmitglied Jakob Wich (NMZS) und damit das beinahe erfolgte vorzeitige Ende der Band bearbeitet. Ebenso deprimierend erklingt „Der Ruf ist ruiniert“. Die Antilopen machen ihrem Ruf als Underdogs alle Ehre. Und „Bang Bang“ über die Schattenseiten erster sexueller Erlebnisse ist ebenfalls grundehrlich.
„Lied gegen Kiffer“ nimmt die chillige Seite auseinander, während „Wünsch dir nix“ ziemlich offensichtlich eine Hommage an die Toten Hosen ist, auf deren Plattenlabel die Gang erscheint. Daneben gibt es auch die sozialkritische Seite, wenn „Roboter“ beispielsweise die Widrigkeiten des Arbeitslebens beschreibt. Auf jeden Fall ist es sehr erfrischend, zwischen den Beats auch intelligente Textzeilen auszuloten – und davon gibt es auf „Abbruch Abbruch“ eine ganze Menge.
Das Album endet so deprimierend, wie es begann. Wieder mit einem Freitod. Diesmal wird der Tod des Kneipenwirts besungen, dem die Düsseldorfer Kultkneipe „Abraxas“ gehörte. „Abbruch Abbruch“ ist ein starkes Album mit genialen Texten zwischen Spaß und Ernsthaftigkeit. Die Rapper nehmen sich selbst auf die Schippe – aber sie tun es mit Stil.
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Diese VVIER bringen frischen Wind in die deutsche Musiklandschaft: Die neue Teenie-Band, um die vier jungen Gesangstalente Alicia, Amélie, David und Leonardo – allesamt 15 bzw. 16 Jahre alt-, interpretiert aktuelle, beliebte deutsche Pop-Hits neu und versieht die Songs dabei mit ihrer ganz eigenen Note.
Kürzlich erschien ihre erste Single “Wunderfinder”, samt dazugehörigem Musikvideo – ein gefühlvolles Cover des ebenso emotionalen Originals von Alexa Feser. Ähnlich gelungen und wirksam in der Welt pubertierender Jugendlicher ist die ganze Zusammenstellung des ersten Albums: „Zusammen“ von den Fantas, „Feuerwerk“ (Wincent Weiss), Adel Tawils neuer, halbfranzösischer Hit „Tu m’appelles“, ein hymnisches „Chöre“ und ein entspanntes „Haus am See“.
Ob Freundschaft, Party oder Liebeskummer, die VVIER sprechen Kids und Jugendlichen aus der Seele. Die Tracklist ist eine Best-of der großen deutschsprachigen Pophits der letzten Jahre. Frida Golds „Wovon sollen wir träumen“, Sarah Connors „Wie schön du bist“, Namikas „Lieblingsmensch“ und schließlich der Superhit „Astronaut“ von Bourani und Sido. Alles sehr heimelige Versionen.
Trotz der unterschiedlichen Originale klingt das Album sehr homogen. Die VVIER teilen sich die Leadvocals auf. Oft gibt es auch mehrstimmige Passagen, was mir persönlich ganz gut gefällt. Der Rhythmus ist modern und der jugendlichen Frische angepasst – daher wirken die Songs manchmal etwas glatt gebügelt, aber der Zielgruppe ist das vermutlich egal.
Natürlich ist es recht einfach, Stücke zu wählen, die jeder mitsingen kann, statt eigene zu schreiben. Handwerklich aber ist das ganz gut gemacht – und die vier Stimmen harmonieren sehr gut miteinander.
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Wer kein SKY-Abo hat, muss sich noch ein wenig gedulden, doch zumindest den Soundtrack der genialen Serie kann man schon mal genießen. Pünktlich zum Start der neuen Staffel im Pay-TV erschien auch der Soundtrack zur Serie „Babylon Berlin“.
Bereits für die Musik zu den ersten beiden Staffeln mit einem Grimme Preis, dem Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen in der Kategorie Musik, und dem Deutschen Fernsehpreis für die „Beste Musik“ ausgezeichnet, lädt das kongeniale Komponisten-Duo Johnny Klimek und Tom Tykwer auf „Babylon Berlin (Original Television Soundtrack Vol. II)“ erneut zum Erleben der akustischen Superlative ein.
Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ beginnt kurz vor dem vernichtenden Börsencrash von 1929. Diesmal ermittelt Gereon Rath (Volker Bruch) im Fall der Schauspielerin Betty Winter, die bei Dreharbeiten im Filmstudio Babelsberg ums Leben gekommen ist. Handelt es sich um einen Unfall oder Mord?
Die Songs geben den Zeitgeist zwischen Euphorie und Zukunftsangst perfekt wieder. Man lausche nur dem Opener „Wir sind uns lang verloren gegangen“, herrlich dargeboten von Natalia Mateo. Oder dem schmachtenden „Bis in den Mondenschein“, interpretiert von Meret Becker.
Hinzu kommen die mitreißenden Instrumentals von Klimek und Tykwer, z.B. „Am Tatort“ und „Neue Hetzjagd“. Das sind orchestrale Erlebnisse der Extraklasse. Sehr genial wurde Bryan Ferry als Swing-Orchester mit „Avalon“ und „The Only Face“ eingebracht. Oder Tim Fischer und Oliver Potratz, die ein politisch sehr inkorrektes „Heut‘ Nacht in Peru“ zu Gehör bringen. Am Ende singen Woods of Birnam „Du bist alles“ und machen Lust auf die nächsten Staffeln.
Die Musik ist das Salz in der Suppe dieser herausragenden Serie. Am besten in Kombination mit bewegten Bildern, doch gerne auch (zur Vorfreude oder zum Rückerinnern) im CD-Format. Wie auch der Soundtrack zu den ersten beiden Staffeln weiß man hier durchweg zu überzeugen.
Wenn man Coldplay vorgeworfen hat, mit den letzten Alben dem Mainstream und Chartplatzierungen zu frönen, kann man ihnen mit diesem Werk diesen Vorwurf sicher nicht machen. Kaum ein Song eignet sich als Single-Auskopplung, zumindest nicht für einen Airplayhit. Und das, obwohl jeder Song im Schnitt nur drei Minuten lang ist (16 Songs, 48 Minuten Spielzeit), also bestens ins Radioformat passt.
Schon das Cover lässt erahnen, dass man hier kein gewöhnliches Werk von Coldplay erwirbt. Es zeigt im Fuß ein kleines Orchester, von der Optik her könnte die Aufnahme noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Das Motiv erscheint dann noch mal im Kopf gespiegelt. Dazwischen steht der Albumtitel „Everyday Life“, den Namen der Band sucht man vergeblich, fast so, als wolle Coldplay nicht mit diesem Album in Verbindung gebracht werden oder der Hörer die Musik nicht allzu sehr mit Coldplay vergleichen solle.
Obwohl das Cover auf Nostalgie getrimmt ist, findet sich über den Titel ein arabischer Schriftzug, als wolle die Band der gefühlten Islamisierung des Abendlandes Tribut zollen. Auf dem Album findet sich auch ein بنی آدم betitelter Song. Die Mühe einer Übersetzung bzw. Transkription in arabische(!) Buchstaben hat sich die Band bzw. der Coverdesigner nicht gemacht. So bleibt der Song leider nur ein Lückenfüller, ein unaussprechliches Irgendwas.
Kontrovers zum nostalgischen Cover stehen die Songs, die aktuelle Themen aus dem Alltag, Politik und Weltgeschichte beinhalten. Das ganze säuselt ohne im Ohr hängen bleibende Musik dahin, trotzdem langweilt die Musik nicht und hat, von ein paar penetranten Bläsereinsätzen und einem Ausrutscher ins Hiphop abgesehen, eine beruhigende Wirkung, ja teilweise geradezu besinnlich, aber wie gesagt, ohne Nachgang. Veröffentlicht im November wollte die Band vielleicht auch einen besinnlichen Teil zur Weihnachtszeit abliefern, ob das Album aber auch noch nach dem Jahreswechsel oft in meinem CD-Player rotiert, bleibt abzuwarten.
Vielleicht wollen Coldplay aber auch bloß, wie seinerzeit die Beatles, einen neuen Weg einschlagen. So beginnt das Album mit einem orchestralen, instrumentalen Intro. „Sunrise“ ist damit wohl der untyptischste Coldplaysong. Ob die Fans den Wandel mit „Yeah“ schreien begleiten werden? Die ersten Alben von Coldplay haben mich emotional tief bewegt, unabhängig von den eingängigen Melodien, dieses Album vermag das nicht. Es scheint so, als habe Sänger und Songwriter Chris Martin mit der Trennung von Schauspielerin Gwynneth Paltrow die Magie, bewegende Hymnen und Evergreens zu schreiben, verloren.
Schauspieler, die plötzlich zu Sängern mutieren. Das kann gut gehen, muss aber nicht. Luke Evans, bekannt aus „The Fast & The Furious“, „The Girl On The Train“, „Der Hobbit“ und „Die drei Musketiere“, hatte schon immer eine starke Stimme. Mit 16 Jahren brach er die Schule ab und ging nach Cardiff, um dort bei einer der bekanntesten Gesangslehrerinnen der walisischen Hauptstadt Unterricht zu nehmen. Nachdem er bei der London Studio Centre Theatre School ein Stipendium erhalten und sein Studium im Jahr 2000 abgeschlossen hatte, widmete er sich seiner Schauspielkarriere. Er trat in zahlreichen Londoner East-End-Produktionen wie „Rent“, „Miss Saigon“ und „Piaf“ auf, bevor er seinen Kino-Durchbruch im Remake von „Kampf der Titanen“ (2010) feierte.
Für sein Debütalbum geht er auf Nummer sicher. Das Album beinhaltet eine vielseitige Mischung zwölf klassischer und moderner Songs, die seine einzigartige Stimme eindrucksvoll hervorheben. Die erste Single ist eine orchestrale Interpretation des Pat Benatar-Rockklassikers „Love Is A Battlefield“. Dabei ist es nicht einfach, ein Stück neu zu interpretieren, das jeder schon im Schlaf mitträllern kann. Luke schafft es, dem Song mit seiner sanften und doch kraftvollen Stimme ein Stück Eigenständigkeit mitzugeben.
Für „With Or Without You“ von U2 fährt er einen orchestralen Sound auf. Das klingt zu Beginn schmalzig, führt aber zu einer schlussendlich sehr energischen Interpretation, die viel besser ist, als ich befürchtet hatte. Songs wie Maria McKees 90er-Jahre-Powerballade „Show Me Heaven“, Chers „If I Could Turn Back Time“, Etta James Jazzstandard „At Last“ sowie Roberta Flacks „First Time I Ever Saw Your Face“ ergänzen die Tracklist.
„Das Album ist eine Neuauflage bekannter Songs“, erklärt Evans. „Wir suchten nach solchen, die wir auf das Wesentliche reduzieren und dann neue Arrangements hinzufügen konnten. Wir wollten eine Pop-Hymne oder Powerballade aus den 80er Jahren in etwas Akustisches und Intimes verwandeln, aber dennoch die Essenz des Originals bewahren.“
Der letzte Song ist „Bring Him Home“ aus dem Musical „Les Miserables“. Und hier wird nochmal deutlich, dass das Album auch hätte ganz anders klingen können. Luke Evans hat eine fantastische Musical-Stimme, doch er lässt dies über die CD-Länge keineswegs raushängen. Stattdessen zeigt er Vielfalt und Ideenreichtum. Selbst Titel, die man nur aus weiblichem Mund kennt, veredelt er gekonnt. Bleibt abzuwarten, ob dies auch mit eigenen Stücken gelingt, falls er dieses Wagnis eingehen mag.
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