Till Brönner lud zur Reise nach Italien ein – passend zum aktuellen Album „Italia“. Mit diesem Album widmet sich Brönner der italienischen Musik der 1960er- bis frühen 1980er-Jahre, einer Epoche voller unvergesslicher Songs und großem Lebensgefühl. Das alles gab es auch in Trier beim zweistündigen Konzert zu hören. Fotocredit: Dietmar Schmitt
Die deutsche Chansonsängerin und Schauspielerin Ute Lemper zählt seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen des internationalen Musiktheaters. Geboren 1963 in Münster, wurde sie zunächst durch ihre Rollen in Musicals wie „Cabaret“ und „Chicago“ bekannt und machte sich später vor allem als Interpretin der Werke von Kurt Weill und Bertolt Brecht einen Namen. Ihre Karriere war dabei von Beginn an ungewöhnlich vielseitig: Lemper ist nicht nur Interpretin, sondern auch Tänzerin und Autorin mit engem Bezug zur europäischen Kabarett-Tradition. Dabei zeigt sie stets einen starken Hang zu politischen und historischen Themen.
Mit ihrer aktuellen Tour war sie am Dienstag in der Neuen Gebläsehalle Neunkirchen zu Gast und konnte im voll besetzten Haus glänzen. Im Programm „Die Zeitreisende“ knüpft sie genau an oben benannte Vielschichtigkeit an und treibt sie sogar noch weiter. Das Konzert ist weniger ein klassischer Liederabend als vielmehr ein kunstvoll komponierter Abend zwischen Konzert, Lesung und autobiografischem Theater. Ute Lemper greift dabei auf ihre 2023 erschienene Autobiografie zurück und verwebt persönliche Erinnerungen mit musikalischen Stationen ihres Lebens.
Die Sängerin betrat die Bühne nicht als bloße Interpretin, sondern als Erzählerin ihres eigenen Lebens. Zur musikalischen Begleitung hatte sie Vana Gierig am Piano und Giuseppe Bassi am Kontrabass dabei. Sie startete mit dem jiddischen „Donna Donna“. Weiter ging es mit eigenen Stücken („Time Traveler“) und Musical-Highlights wie „All That Jazz“. Zwischen den Songs sprach sie über ihre Kindheit, ihre künstlerischen Anfänge in Europa und ihren späteren Weg nach New York. Diese narrative Struktur zog sich durch das gesamte Programm und verlieh dem Konzert eine filmische Dramaturgie, die durch kurze Einspieler auf der Bühnenrückwand noch ergänzt wurde. Es entstand der Eindruck einer gedanklichen und persönlichen Reise durch Zeiten, Orte und Emotionen.
Jazzig verspielt zelebrierte Lemper aoft ein lautmalerisches Singen. In der Art ihres Erzählens wirkt sie oft verträumt und weinerlich. Musikalisch bewegte sich die Sängerin aber souverän zwischen Genres und Epochen. Italienische Stücke wie „Madrigal escrito en invierno“ standen neben Chansons von Édith Piaf und Liedern aus ihrem eigenen Repertoire. Hinzu kamen die emotionalen Stücke von Kurt Weill, der Brecht und Kästner vertont hatte. Die Songs flossen zum Teil ineinander, wurden von erzählerischen Passagen getragen und bildeten so ein zusammenhängendes Ganzes. So entstand eine intime Atmosphäre, die ganz auf Stimme und Ausdruck konzentriert war.
Thematisch scheute Lemper auch vor schweren Stoffen nicht zurück. Erinnerungen an das geteilte Berlin, Reflexionen über Geschichte und persönliche Konflikte – all das fand seinen Platz im Programm. Gleichzeitig blitzen immer wieder humorvolle Momente auf, etwa wenn sie Anekdoten aus ihrer Karriere erzählte oder berühmte Weggefährten, vor allem Marlene Dietrich, porträtiert. Man konnte Ute fast mit Marlene gleichsetzen, wenn sie deren von Deutschland und dem Bühnenleben frustrierte Art nachmachte und viele gemeinsame Anekdoten erzählte.
Das Publikum honorierte den sehr persönlichen und oft berührenden Abend mit starken Applaus. Lemper zeigt auf der aktuellen Tour einmal mehr ihre Fähigkeit, Biografie, Geschichte und Kunst zu einem stimmigen Gesamterlebnis zu verschmelzen. Dabei gab es überraschend keine Pause, sondern 110 emotionale Minuten am Stück. Und der Abschluss mit „Blowin‘ In The Wind“ und „Imagine“ war absolut berührend.
Was wir nicht brauchen, wenn wir Musik von Nils Wülker hören? Gesang und Lyrics, denn er erzählt seine Geschichten emotional und farbig allein mit seiner Trompete und anhand seiner fantastischen Arrangements. Nils hat sehr poppige und lautmalerische Elemente in seinen Stücken. Das hat nichts gemein mit lauter Blasmusik, ist aber auch nicht jazzig verkopft. Er produziert einfach schöne Melodien, die von der Trompete über eine reduzierte, atmosphärische Begleitung getragen werden. Dabei setzt er sein Instrument ein wie andere Künstler ihre Stimme.
Nils Wülker ist in Bonn geboren, begann mit zehn Jahren, Trompete zu spielen, war Mitglied im JugendJazzOrchester NRW und studierte an der Hochschule für Musik in Berlin. Er arbeitete mit Stars wie Silje Nergaard, Gregory Porter und Samy Deluxe. Dann der Durchbruch 2013, als er mit dem ECHO ausgezeichnet wurde und den German Jazz Award erhielt. Zum ersten Mal seit seinem Debüt von 2002 hat er nun ein Album mit einer internationalen Besetzung aufgenommen, einer angemessen hochkarätigen: am Klavier ist Aaron Parks, am Kontrabass Linda May Han Oh, am Schlagzeug Greg Hutchinson.
„Zuversicht“ ist, wenn wir Hoffnung so aktiv erleben, dass wir gegen alle Widrigkeiten in die Zukunft vertrauen. Damit ist der Albumtitel in schwierigen Zeiten bewusst gewählt. „Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel“ lautet ein Zitat, das im deutschsprachigen Raum gerne Albert Schweitzer zugeschrieben wird, aber eigentlich aus dem Gedicht “Youth” des deutschstämmigen Rabbiners, Bürgerrechtlers und Unternehmers Samuel Ullman stammt. „In den letzten Monaten, in der mir die Weltlage und die gesellschaftlichen Entwicklungen, wie wahrscheinlich vielen anderen auch, aufs Gemüt gedrückt haben, hat sich bei mir dieses Zitat verfangen”, sagt Nils Wülker.
Vor den Aufnahmen wurde wenig geplant. Wülker wollte ganz im Sinne des Albumtitels zuversichtlich sein, dass vor Ort etwas Schönes passieren wird und er im Moment intuitiv gute Entscheidungen trifft. „Das ist für mich auch das Wesen von Jazz“, sagt er. Und die atmosphärischen, oft schwebenden Stücke sprechen für sich. Balladen wie „Time Will Tell“ und „Alpenglow“ gehen zu Herzen, „Forces At Work“ bringt eine Prise Funk mit ins Geschehen.
Nils Wülker ist mal wieder ein einzigartiges Album gelungen, das die Trompete zwar als Instrument in den Mittelpunkt stellt, deren Einsatz aber niemals übertreibt. Als Laie kann ich nur staunen, wie dezent und einfühlsam man dieses Instrument spielen kann. Und melodischer Jazz ist doch so viel angenehmer als das angeberische Solo-Gefrickel, dass man sich sonst so oft anhören muss.
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Tom Gaebel ist wahrscheinlich der letzte große Gentleman unter den Sängern dieser Republik. Er macht eine Musik, die an Zeiten erinnert, als Männer noch richtige Männer waren und mit Anzug plus Krawatte vor dem Mikro standen. Frank Sinatra, der nicht ganz zufällig auch Tom Gaebels großes Vorbild ist, war so ein Typ. Oder Dean Martin. In der einen Hand den Whiskey, in der anderen die Zigarette.
Eigentlich wollte er Posaune und Schlagzeug studieren – doch abgeschlossen hat er schließlich im Jazzgesang. Seit Anfang des Jahrtausends konnte er sich Zug um Zug einen Spitzenplatz in der deutschen Musikszene erarbeiten. 2007 änderte er seinen Namen von Tom Gäbel in Tom Gaebel, um auch international zu punkten. „Dr. Swing“ (wie ihn seine Fans nennen) hat inzwischen unzählige Alben veröffentlicht und zählt zu den Besten seines Faches – als Entertainer, Big-Band-Leader und Crooner. Am vergangenen Montag gastierte er mit seiner Weihnachtsshow in der nahezu ausverkauften Gebläsehalle Neunkirchen.
Seit dem überragenden Erfolg der ersten „Swinging Christmas Show“ im Jahre 2010 zählen die jährlichen Weihnachts-Specials zu Gaebels persönlichen Highlights in seinem Konzertkalender. Und diesmal hatte er sogar ein brandneues Album mit weiteren festlichen Titeln mitgebracht.
Den Beginn der Show markierte aber Eberhard Schilling, scheidender Unterhaltungschef von SR3. Der Radiosender präsentierte das Konzert, das an Weihnachten im Radioprogramm gesendet wird – und Schilling stimmte als Weihnachtsmann verkleidet auf die Show ein, was zum Running Gag der Veranstaltung wurde. Die Bühne war festlich geschmückt und mit einer großen LCD-Leinwand versehen.
Tom Gaebel und seine formidable Liveband starteten mit „Santa Claus Is Comin‘ to Town“ und „Rudolph the Red Nosed Reindeer“. Zwei Klassiker zum Start, doch es gab auch stimmungsvolle Eigengewächse des Songwriters wie „A Christmas to Remember“ und „Komm wir geh’n zusammen“. Der Entertainer ging hervorragend auf sein Publikum ein und betätigte sich mehrfach als Wunscherfüller. Alle Anwesenden hatten die Möglichkeit, Wünsche auf Karten zu schreiben und in Toms Kiste zu werfen. Das war mehr als nur ein Gag, denn er griff regelmäßig zu den Karten und erfüllte zufällig ausgewählte Wünsche.
So kam es zu einigen Kuriositäten: Ein Tanz mit Erika wurde gewährt. Vier Damen durften es sich an der Bar gemütlich machen, die am Bühnenrand aufgebaut war. „My Way“ wurde als Wunschsong interpretiert, später am Abend auch „Goldfinger“ und sogar Leonard Cohens „Hallelujah“, allerdings mit einem sehr launischen deutschen Quatsch-Text. Egal. Alle hatten ihren Spaß. Es kam zu Selfies mit einem Geburtstagskind und Tom konnte sich köstlich amüsieren, wenn die Bühnengäste schurstracks und grußlos an ihm vorbei zur Bar marschierten. Seine Reaktion darauf war bisweilen comedyreif. Manchmal bewegten sich die Ansagen an der Grenze zum Klamauk, doch der Entertainer bewahrte Haltung und trug letztendlich stets zu einer lockeren Bühnenatmosphäre bei.
Songs wie „Feliz Navidad“ und ein swingendes „Last Christmas“ waren natürlich unvermeidlich, doch es gab auch Überraschungen wie eine Countryversion von „Merry Christmas Everyone“ (Shakin Stevens), ein Rock’n’Roll-Medley um „Jingle Bell Rock“ und „Silver Bells“ mit Scat-Einlage. Zum Dschungelbuch-Schlager „Ich wär so gern wie du“ bewiesen alle Instrumentalisten ihre chorischen Qualitäten. Das war äußerst grandios.
Sehr stimmungsvoll fand ich Toms neue Version von „Driving Home for Christmas“ und die beiden Zugaben „All I Want for Christmas is You“ sowie das als Pianoballade dargebotene „Have Yourself a Merry Little Christmas“. Gaebel ist einfach ein grandioser Crooner und ganz in seinem Element, wenn er stimmlich glänzen kann. Hinzu kamen seine Showmaster-Qualitäten, welche die mehr als zweistündige Show zum kurzweiligen Vergnügen machte. Er kündigte an, auf jeden Fall wieder nach Neunkirchen zu kommen – und wurde mit lautem Jubel und Standing Ovations entlassen,
Selbst der große Chansonnier unter den deutschen Liedermachern wird nicht jünger. 72 Jahre hat der Berliner Klaus Hoffmann schon auf dem Buckel. Und wie ein guter Wein wird er von Jahr zu Jahr besser. Seit Jahrzehnten irgendwie auf dem schmalen Grat zwischen Geheimtipp und Star. Die Alben nie so ganz weit vorn in den Charts, aber immer im Auge der Medien. Er singt Lieder von Jacques Brel, spielt mit Wortwitz und seiner Berliner Schnauze. Doch seit einigen Jahren schon werden die Alben schwermütiger und sehnsuchtsvoller. Man nehme das melancholische „Aquamarin“ aus dem Jahr 2018 und die wundervolle Magie von „Septemberherz“ im Jahr 2020.
Auch das neue Album „Flügel“ bietet eine eigene musikalische Mixtur aus Pop, Jazz und akustischem Folk, gepaart mit feinen Streicherarrangements. Da findet sich eine Reihe von sanften Juwelen im Songwriting, mal mit akustischer Gitarre, mal am Piano begleitet. Die Texte folgen dem Puls der Zeit. „Neuer Morgen“ versprüht noch Optimismus und „Kinder“ baut auf die nachfolgende Generation, doch „Bin nicht Meer, bin nicht Strand“ liefert Erinnerungen an die Nachkriegszeit und einen verzweifelten Blick auf den Krieg in der Ukraine.
Für Hoffmannsche Verhältnisse ist es ein lautes Album. Laut auch in den Texten. Texte die sich, selbst wenn sie Unterschiedliches benennen, aufeinander beziehen, ergänzen und verstärken – wie Ying und Yang. „Kein Held“ liefert ein beschwingtes Arrangement zu bedrückenden lyrischen Zeilen. Der Protagonist weiß, was es heißt, fremdbestimmt in Konflikte geschickt zu werden, welche nicht die eigenen sind.
Da ist der Jüngere, 20-Jährige, der sich naiv und arrogant eine Welt erfand („Ich versuch’s“), und den dennoch oder gerade deshalb so viel mit dem fragenden und vertrauenden Älteren („Was machst Du mit dem Rest dieser Zeit“) eint. Einem Älteren, dem aller vergeblichen Sehnsucht zum Trotz, gerade deshalb die Hoffnung innewohnt („Im nächsten Sommer sehen wir uns wieder“). Und dennoch steht über allem der Klaus Hoffmann der Gegenwart. Hoffmann, der spürt, wenn eine zweite Singstimme der atmosphärischen Tiefe eines Liedes dienlich ist: Caroline von Brünken auf „Oh mein Gott ist weit“.
Hoffmann hatte sich immer stilistisch dem Chanson verschrieben. Auch hier stehen zwei Songs von Charles Aznavour und Michel Legrand Pate, denen er einen deutschen Text verliehen hat. So klingt er meist wie der Barpianist von nebenan. Doch es gibt auch südländische Klänge wie bei „Was dir dein Herz erzählt“. Und die Streicherarrangements in vielen Stücken klingen lieblich und durchdringend zugleich.
„Flügel“ wird im Promotext als 50. Album des Berliners beworben. Müde klingt er jedenfalls nicht. Vielmehr erweist Klaus Hoffmann sich als großer Geschichtenerzähler und feinsinniger Beobachter. Die Welt zeigt ihren verstörenden Charakter – seine Lieder aber tragen immer einen Hauch Zuversicht in sich. Bleibt zu hoffen, dass er Recht hat und uns noch lange mit solch schönen Alben beglückt.
Der Saxophonist und Komponist Shauli Einav wird von der JazzTimes für seine “Lebendigkeit und seinen sauberen, klaren und kraftvollen Klang” gelobt. Er ist ein vielseitiger Musiker, dessen künstlerisches Schaffen auf der Suche nach Wahrheit beruht. Diese Philosophie hat ihn durch seine abenteuerliche Karriere geführt. Einav wurde auf dem Land in Israel geboren, studierte in New York und verbrachte mehrere Jahre in der Pariser Jazzszene, bevor er sich in Luxemburg niederließ.
Auf seinem neuen Album „Living Organs“ stellt der Künstler sein neues Quartett vor, das sich nach einem synergetischen Prinzip entfaltet. „Jedes Organ im menschlichen Körper erfüllt seine eigene lebenswichtige Rolle und ist für sich genommen für das Funktionieren des Ganzen unverzichtbar. Aber das Leben wird erst wirklich zu einem Wunder, wenn alle diese Komponenten zusammenarbeiten.“ Das Album zaubert aus der Chemie von vier unverwechselbaren Individuen (Gitarrist Eran Har Even, Organist Laurent Coulondre, Schlagzeuger Paul Wiltgen und Shauli Einav) einen schillernden, originellen Sound. “In dieser Band ist jeder Part wichtig und hat eine ganz eigene Rolle”, sagt Einav. “Ich habe das Gefühl, dass wenn wir vier Solisten zusammenspielen, ich dadurch mehr Ideen als je zuvor entwickle.”
Das Album stellt für Shauli Einav eine Wende hin zu einem elektrischeren, groovebasierten Ansatz dar, dessen frühere Veröffentlichungen eine eher akustische, swingbasierte Ader geprägt haben. Der vielseitige und treibende Sound ist ein Beweis dafür, dass seine Liebe zum Jazz nicht im luftleeren Raum wuchs, sondern inmitten einer gleichermaßen großen Begeisterung für zeitgenössische Rock- und Popmusik.
Wie der Name schon andeutet, ist Living Organs ein Album voller Leben, eine aufregende, moderne Jazz-Session, die darin schwelgt, dass Tradition auf verschiedenen, weitläufigen und facettenreichen Pfaden verfolgt werden kann. Shauli Einav ist einen einzigartigen Weg auf der Suche nach der Wahrheit gegangen, der zu verblüffend ehrlichen musikalischen Entdeckungen geführt hat.
Als vor zwanzig Jahren das Album „Call Off The Search“ von Katie Melua erschien, war der Grundstein für eine außergewöhnliche Karriere gelegt. Mike Batt hatte Katies Debüt produziert und ihre emotionale Stimme hervorragend in Szene gesetzt. Im Alter von 19 Jahren klang die britisch-georgische Sängerin noch etwas kindlich, doch die Mischung aus Jazz, Blues, Folk und Pop war absolut perfekt und katapultierte sie mit dem Hit „The Closest Thing to Crazy“ an die Chartspitze.
Ein besonderes Highlight war die Einbeziehung des Irish Film Orchestra, das für einen orchestralen – in Ansätzen fast schon klassischen – Touch der Arrangements sorgte. Allein in Großbritannien verkaufte sich das Album mehr als 1,8 Millionen Mal. In Deutschland erhielt Katie Melua bei der Echo-Verleihung 2005 als beste Newcomerin international einen der wichtigsten Nachwuchspreise.
Neben den von Batt als Songwriter verfassten Originalstücken stammen „Belfast (Penguins and Cats)“ und „Faraway Voice“ von Katie selbst. Vier Songs sind mehr oder weniger bekannte Stücke von Blueslegenden wie John Mayall und Randy Newman. Auch wenn das noch ein ziemlicher Mischmasch an Einflüssen war, legte es doch den Grundstock für eine fantastische Karriere. Die exklusive Neuauflage zum 20. Jubiläum ist mehr als gerechtfertigt.
Fotocredit: Simon Fowler
Dazu sagt Katie: „Es haut mich um, wenn ich daran denke, dass ich 20 Jahre und 8 Alben später immer noch das tue, was ich liebe, und es begann alles mit meinem Album Call Off The Search. Es ging auf Platz eins und blieb dort für 6 Wochen, und damit begann meine Leidenschaft fürs Plattenmachen. Ich finde es erstaunlich, dass die Leute immer noch auf mich zukommen und ‚The Closest Thing to Crazy‘, ‚Tiger In The Night‘ und ‚Call Off The Search‘ erwähnen, und es fühlt sich unglaublich an, mit einer ganzen Generation von Menschen durch diese Musik aufgewachsen zu sein.“
Die Bonus-CD liefert bisher unveröffentlichte Demos, die B-Seiten aus der Entstehungszeit und eine Reihe von Liveaufnahmen sowie internationalen Versionen. Für mich sind vor allem die B-Seiten interessant, die man hier gesammelt findet. Auch hier ist die Mischung wie beim Album: „Downstairs To The Sun“ und „Shirt Of A Ghost“ stammen von Katie – und mir erschließt sich nicht, warum diese es nicht aufs Album geschafft haben. Andere Titel kommen von Mike Batt oder sind Klassiker, unter anderem von Kurt Weill, Peter De Rose und Justin Sandercoe.
Hier das komplette Listing:
„Call Off The Search“ 2CD Deluxe | Tracklisting CD 1 – Call Off The Search (2023 Remaster)
01. Call Off The Search
02. Crawling Up A Hill
03. The Closest Thing To Crazy
04. My Aphrodisiac Is You
05. Learnin’ The Blues
06. Blame It On The Moon
07. Belfast (Penguins and Cats)
08. I Think It’s Going To Rain Today
09. Mockingbird Song
10. Tiger In The Night
11. Faraway Voice
12. Lilac Wine
CD 2 – Demos & B-Sides (*Demos bisher unveröffentlicht)
01. Call Off The Search (Demo)*
02. Tiger In The Night (Demo)*
03. Faraway Voice (Demo)*
04. I Think It’s Going To Rain Today (Demo)*
05. My Aphrodisiac Is You (Demo)*
06. September Song (Demo)*
07. It Seemed Like A Good Idea At The Time (Demo)*
08. Downstairs To The Sun
09. Shirt Of A Ghost
10. Deep Purple
11. Turn To Tell
12. Jack’s Room
13. Call Off The Search (Live at the Royal Albert Hall, 2023)
14. Anniversary Song (Live)
15. Belfast (Penguins and Cats) (Live)
16. Es Clase de Locura (The Closest Thing To Crazy, Spanish Version)
17. Otra Vez Tu (Faraway Voice, Spanish Version)
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Schon der Beginn des Albums ist ein ganz besonderer Moment, wenn Veronica Swift den oft gehörten Klassiker „I Am What I Am“ ganz ungewöhnlich mit vokalen Lautmalereien im Scat-Gesang einläutet. Es ist Wahnsinn, was diese Stimme kann. Auf ihrem neuen, selbst betitelten Album zeigt sich die einmalige Sängerin mit unerschrockenem Selbstbewusstsein.
Die Vokalsensation Veronica Swift hat die Jazzwelt mit ihrem von der Kritik gefeierten Album „This Bitter Earth“ aus dem Jahr 2021 im Sturm erobert. Sie landete auf dem Cover von DownBeat, führte die Jahresendlisten für Vokalveröffentlichungen an und begeisterte das Publikum mit ihrer vielseitigen Bühnenshow in der Hollywood Bowl und darüber hinaus.
Fotocredit: Matt Baker
Das dritte Album, dem sie zu Recht ihren eigenen Namen gibt, ist ein famoser Streifzug durch die Musikgeschichte. Und dabei macht die Künstlerin aus Virginia vor nichts Halt. „Closer“ zeigt mit viel Dynamik, dass auch ein Song von Nine Inch Nails im Jazz-Universum bestehen kann. Aggressiv, energisch und mit einer Geschwindigkeit, die dem Hörer die Ohren schlackern lässt. Das integrierte Saxofon-Solo ist nicht von dieser Welt.
Veronica Swift hat alle Stücke selbst arrangiert oder war zumindest am Arrangement beteiligt. Und das mit unerschöpflichem Ideenreichtum – man nehme nur „The Show Must Go On“, wo sich das bekannte Queen-Stück mit der Arie „“Vesti la Giubba“ (Leoncavallo) und Nat King Coles „Laugh! Cool Clown“ verbündet. Der Pianosong beginnt dabei als Ballade und nimmt immer stärker an Fahrt auf.
Fotocredit: Matt Baker
„I’m Always Chasing Rainbow“ mit der Musik von Chopin singt Veronica so wundervoll wie einst Judy Garland und das eigene Stück „In The Moonlight“ verschmilz romantisch mit Beethovens-Mondscheinsonate. So holt Swift altbekannte Klassiker in die Moderne, wie auch Puccinis Oper „Turandot“, der sie in „Severed Heads“ ein melancholisches Denkmal setzt.
Gerade diese Mischung aus Klassik, Rock, Pop und Jazz macht das Album so einzigartig. Und es ist eine Wohltat, zwischen den virtuosen Arrangements und Jazz-Improvisationen immer wieder bekannte Melodien zu entdecken. Den Abschluss bildet mit „Keep Yourself Alive“ ein weiterer, komplett aus der Bahn geworfener Queen-Song, der trotz aller Veränderung mit einem starken Gitarrensolo aufwartet.
Barbra Streisands „Don’t Rain On My Parade“ in einer lauten Rock-Version wird schließlich als Zugabe betitelt, was absolut gerechtfertigt ist. „Veronica Swift“ funktioniert wie eine Suite. Wie ein Konzeptalbum, das mit „I Am What I Am“ die künstlerische Freiheit proklamiert und dann bis zum Schluss auslebt. Großartig!
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Michel Petrucciani wurde 1962 in Südfrankreich geboren und stammt aus einer durch und durch musikalischen Familie – sein Vater Tony ist Gitarrist, seine Brüder Louis und Philippe sind Kontrabassisten bzw. Gitarristen. Bei Michel Petrucciani wurde Osteogenesis imperfecta – die sogenannte „Glasknochenkrankheit“ – diagnostiziert und er wurde nur 99 cm groß. Doch allen Widerständen zum Trotz, die mit seinem zum Teil sehr herausfordernden Gesundheitszustand verbunden waren, avancierte Petrucciani zum musikalischen Wunderkind und einem der besten Jazzpianisten seiner Generation.
Bereits im Alter von 13 Jahren gab Petrucciani sein erstes professionelles Konzert auf dem Cliousclat Festival, bei dem er zusammen mit dem amerikanischen Jazzmusiker Clark Terry auf der Bühne stand, als dieser einen Pianisten benötigte. Sein erster Auftritt auf dem Pariser Jazzfestival im Jahr 1981 ließ ein fassungs- wie sprachloses Publikum zurück – sie waren Zeuge des Augenblicks geworden, in dem ein neuer Star am Klavier geboren war.
Im darauffolgenden Jahr beschließt Michel, sich aufzumachen, um Amerika zu erobern – überquert den großen Teich und landet schließlich in New York. Ein Freund gibt ihm die Adresse eines Musikers, der an der Westküste lebt. Nach vierzehn Tagen findet er sich in Kalifornien in der Obhut von Charles Lloyd wieder, ohne zu wissen, was für ein großartiger Saxophonist dieser war und dass er in den 60er Jahren einen jungen Pianisten namens Keith Jarrett entdeckt hatte. In den 80er Jahren wurde Petrucciani der erste europäische Künstler, der bei dem legendären amerikanischen Jazzlabel Blue Note Records unterschrieb – dem produktivsten, einflussreichsten und angesehensten Jazzlabel des 20. Jahrhunderts.
Der Rest ist Geschichte – der ‚französische Wunderknabe des Jazzpianos‘ hat mit einigen der berühmtesten Künstler des Jazz zusammengearbeitet, darunter Wayne Shorter, Roy Haynes, Jim Hall, John Abercrombie und Jack DeJohnette. Petrucciani wurde 1984 mit dem prestigeträchtigen Prix Django Reinhardt ausgezeichnet und im selben Jahr gewann auch sein Album „100 Hearts“ den Grand Prix Du Disque, das französische Äquivalent zum Grammy®-Award. Zehn Jahre später im Jahr 1994 wurde Petrucciani eine besondere Ehre zuteil, denn er wurde vom damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand in den Ritterstand erhoben.
Die Reihe „The Montreux Years“ widmet sich schon seit einigen Jahren ganz besonderen Künstlern und stellt ihre Musik anhand von Livemitschnitten des Montreux Festivals zusammen. Daraus ergibt sich stets ein nostalgischer Rückblick und eine Werkschau des musikalischen Schaffens über einen längeren Zeitraum. Diese Alben sind stets sehr empfehlenswert.
„Michel Petrucciani: The Montreux Years“ vereint eine handverlesene Kollektion von Petruccianis denkwürdigsten Auftritten beim Montreux Jazz Festival zwischen den Jahren 1990 bis 1998. Liebhaber und Fans des legendären Jazzpianisten haben nun die Möglichkeit, einige seiner größten Aufnahmen noch einmal zu erleben. Die Veröffentlichung spiegelt Petruccianis Zeit und Schaffen beim Festival wider – beginnend mit „35 Seconds of Music and More“ (1997) und „Estate“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1982. Mit dem 1991er Hit „Rachid“ und „Little Peace in C for U“ vertieft die Veröffentlichung das Repertoire des beeindruckenden Ausnahmekünstlers und schenkt dem Hörer so einen besonderen musikalischen Augenblick.
Die Mitschnitte sind allesamt von guter Livequalität und wissen zu überzeugen. Wer ihn auf der Höhe seines Schaffens erleben will, ist mit diesen Aufnahmen sehr gut bedient. Man höre nur in „Autumn Leaves“ und „Summertime“ rein. Ganz großes Kino!
Fotocredit: BMG
LP TRACKLISTING
SIDE A
1. 35 Seconds of Music and More (Live – Montreux Jazz Festival 1998) 06:07
2. Estate (Live – Montreux Jazz Festival 1990) 10:13
3. Little Peace in C for U (Live – Montreux Jazz Festival 1998) 02:53
SIDE B
1. Autumn Leaves (Live – Montreux Jazz Festival 1996) 06:31
2. My Funny Valentine (Live – Montreux Jazz Festival 1996) 08:53
SIDE C
1. Miles Davis Licks (Live – Montreux Jazz Festival 1990) 07:59
2. Summertime (Live – Montreux Jazz Festival 1993) 07:14
3. Take The ‚A‘ Train (Live – Montreux Jazz Festival 1993) 04:51
SIDE D
1. So What (Live – Montreux Jazz Festival 1996) 05:16
2. You Are My Waltz (Live – Montreux Jazz Festival 1993) 05:01
3. Rachid (Live – Montreux Jazz Festival 1990) 10:06
CD TRACKLISTING
1. 35 Seconds of Music and More (Live from the Montreux Jazz Festival 1998)
2. Estate (Live from the Montreux Jazz Festival 1990)
3. Little Peace in C for U (Live from the Montreux Jazz Festival 1998)
4. Autumn Leaves (Live from the Montreux Jazz Festival 1996)
5. My Funny Valentine (Live from the Montreux Jazz Festival 1996)
6. Miles Davis Licks (Live from the Montreux Jazz Festival 1990)
7. Summertime (Live from the Montreux Jazz Festival 1993)
8. Take The ‘A’Train (Live from the Montreux Jazz Festival 1993)
9. So What (Live from the Montreux Jazz Festival 1996)
10. You Are My Waltz (Live from the Montreux Jazz Festival 1993)
11. Rachid (Live from the Montreux Jazz Festival 1990)
Die kubanische Jazz-Pianistin und Komponistin Marialy Pacheco hat seit Jahren einen engen Bezug zu Deutschland. Im Jahr 2004 reiste sie als 21jährige mit dem Chor ihrer Mutter zur Chorolympiade nach Bremen. Sie begleitete den Chor am Piano und gewann mit ihm zwei Goldmedaillen. 2005 bis 2009 kehrte sie wieder nach Deutschland zurück. Nach Auftritten in Australien und Japan gewann sie 2012 als erste Frau die „Piano Solo Competition“ beim „Montreux Jazz Festival“. Seit 2013 hat sie ihren festen Wohnsitz in Deutschland und ist immer wieder solo oder mit anderen Künstlern unterwegs. Im Sommer konnte ich sie bei einem umjubelten Konzert in Trier gemeinsam mit Max Mutzke bewundern.
Marialy hat – live und auf CD – eine besonders mitreißende Art, ihr Instrument zu spielen. Verjazzt, mit kubanisch-rhythmischen Elementen, temporeich und mit sehr viel Energie. Das zeigt sie auch auf „Reload“. Marialy Pacheco ist eine Geschichtenerzählerin. Jeder Ton, den sie spielt, hat eine Bedeutung. Egal ob sie ihren Flügel in vollen, fließenden Akkorden sprechen lässt oder die Finger stürmisch über die Tasten jagen – immer steckt dahinter eine Idee, ein Erlebnis. Und natürlich hat sie viel erlebt.
Das Album enthält neun lange Klavierstücke, bei denen die Pianistin von diversen Künstlern rhythmisch unterstützt wird. Nils Wülker tritt bei „Cartagena Bliss“ als Trompeter in Erscheinung, Sebastian Nickoll spielt im ersten und letzten Stück die Congas mit schnellen Läufen. Selten bringt Marialy ihre wunderschöne Stimme mit ins Spiel, aber wenn sie dies tut, hat es seinen ganz besonderen Reiz.
Bis auf zwei kubanische Standards sind nur Eigenkompositionen der Künstlerin enthalten. „Meine kubanischen Wurzeln wachsen hier in Richtung lateinamerikanischer Traditionen und meiner Einflüsse aus der klassischen Musik.“ Authentisch, traditionell und trotzdem modern, auch durch die beiden jungen kolumbianischen Musiker Juan Camillo Villa am Bass und Miguel Altamar de la Torre am Schlagzeug. Die Summe dieser vielen Teile wird Ausdruck ihres künstlerischen Charakters und macht ihre Gefühle für jede Hörerin und jeden Hörer unmittelbar spürbar.
Man meint, ihren Schmerz zu empfinden, wenn sie die selbst geschriebene Ballade „Flores de Invierno“ spielt, dieses melancholisch bewegte Stück über die Winterblumen, bei dem das Trio von Rhani Krija, bekannt als langjähriger Percussionist von Sting, unterstützt wird. Selbst „Oye el Carbonero“, den kubanischen Klassiker über den Ruf des Kohlenhändlers, den sie im Duo mit dem israelischen Star-Bassisten Avishai Cohen interpretiert, macht sie sich zu eigen, belebt ihn auf faszinierende Art und Weise neu.
Marialy Pacheco ist definitiv eine Entdeckung wert. Auf „Reload“ entfaltet sie ihr ganzes musikalisches Potential und macht das Album zu einer starken Standortbestimmung ihres ganz eigenen Stils.
„Wir hatten was mit Björn“ – so lautet der Bandname eines jungen Quartetts aus Bochum. Bevor ich mich mit der Musik beschäftige, frage ich mich, welcher Björn wohl gemeint ist? Doch nicht etwa Björn Höcke, der, wie wir alle von Oliver Welke wissen, eigentlich Bernd heißt… Oder Björn Ulvaus, Gitarrist und Sänger bei ABBA? Ich hoffe auf Letzteres, weil schwedische Popmusik den plumpen Marsch der AFD um Längen schlägt.
Sängerin Maika Küster und Posaunistin Maria Trautmann haben 2012 angefangen, zusammen Musik zu machen und Songs zu schreiben. Seit 2015 stehen sie mit dem Schlagzeuger und Effektbastler Manuel Loos auf der Bühne, seit 2018 mit der Kontrabassistin Caris Hermes. Das erste Album „Oh What Pretty Thing“ erschien 2017.
Wir hatten was mit Björn klingen betörend, nackt und rau. Es ist Popmusik mit komischen Instrumenten: Akustischer Klang von Kontrabass und Posaune, dazu elektronische Sounds. Dazwischen schwebt der Gesang, direkt und pur.
„River“ ist als Opener der längste Track des Albums. Die Gesangsmelodie schwebt – zum Teil zweistimmig – über einem leisen elektronischen Klangteppich, der bald um gezupften Bass und dezente Bläser ergänzt wird. Der Fluss bahnt sich erst ruhig seinen Weg und liefert plötzlich Dancefloor-Rhythmen.
Ebenso ungewöhnlich geht es weiter mit der dunklen Atmosphäre des kurzen Zwischenspiels „2 am“ und einem mysteriösen Glockenspiel. Der Titelsong „Ruins“ wird zunächst von Vocals und Bass dominiert. Verspielt mit sich überlagernden Stimmen erzählt man die Geschichte einer Freundschaft, in die sich vermehrt einige nervös auftretende Instrumente einmischen.
Jazz, Blues und Soul beherrschen das 38minütige Album. Für mich klingt es am stärksten, wenn die Stimmen von Maika und Maria sich verschränken und überlagern, um einen virtuosen Chor zu bilden. Ab Track 4 mit dem Titel „Filou II“ kommt Max Peters an der Gitarre und am Piano mit ins Spiel und liefert mitreißende akustische Melodien.
In der Albummitte steht „Liebe blaue graue Nacht“, das jedoch keine deutschen Lyrics zu bieten hat sondern vokale Lautmalereien. Überraschend endet das Album aber (quasi als hidden track) mit einem Poem von Charlotte Kath über eine verwaschene Alltagshose.
„On The Ruins“ ist ein äußerst facettenreiches Album, das immer wieder überrascht. Der Sound schwankt zwischen Melancholie und Chaos. Die Elektronik fügt sich gut in die organische Grundstruktur ein und wird nie zum Selbstzweck. Die Arrangements sind so komplex, dass man sich an keiner Stelle entspannt zurücklehnen kann. Und was ist jetzt mit Björn? Der kann uns gestohlen bleiben!
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Man könnte meinen, dieses Album wäre eine Kampfansage. Immerhin bedeutet „Reload“ nachladen, im Sinne von „Munition nachlegen“. Tatsächlich ist Marialy Pacheco eine Kämpferin. Sie muss es sein. Wie sonst wäre sie da, wo sie ist? Immerhin ist diese starke, kluge, charmante, lebensfrohe und überwältigend romantische Frau die einzige kubanische Jazzpianistin von Weltrang. Nicht aktuell, sondern in der gesamten Musikgeschichte. Diese und zahlreiche andere Einzigartigkeiten machen Marialy zu einer international begehrten, vielfach preisgekrönten Künstlerin.
Sie sind sicherlich einer der Gründe, warum die 39-jährige Musikerin aus Havanna, die nach Stationen in Japan und Australien inzwischen in Deutschland lebt, auf diesem umwerfenden neuen Album mit ihrem Trio auch von einem deutschen Star-Trompeter, dem derzeit erfolgreichsten israelischen Bassisten und einem Mitmusiker von Sting begleitet wird. „Reload“ ist also kein Nachladen und auch kein Neustart, sondern eher eine Neuerfindung und Wiederbelebung, die jede künstlerische Errungenschaft ihrer pianistischen Persönlichkeit in ein neues, strahlendes Licht rückt. Ein Statement, in jeder Hinsicht.
Marialy Pacheco ist eine Geschichtenerzählerin. Jeder Ton, den sie spielt, hat eine Bedeutung. Egal ob sie ihren Flügel in vollen, fließenden Akkorden sprechen lässt oder die Finger stürmisch über die Tasten fliegen, immer steckt dahinter eine Idee, ein Erlebnis. Und natürlich hat sie viel erlebt. Mit sieben verliebt sie sich in das Klavier, beginnt ihre Ausbildung am renommiertesten Conservatorio in Havanna, unterstützt von ihren Eltern, die Mutter Chorleiterin, der Vater Opernsänger. Den Abschluss an der weiterführenden Escuela Nacional de Artes macht sie mit Auszeichnung. Anschließend studiert sie noch Komposition, gewinnt mittendrin als Pianistin zwei Goldmedaillen bei der Chorolympiade an der Seite ihrer Mutter, ausgerechnet in Bremen.
Immer schon hatte Marialy Pacheco dieses Gefühl, diesen Traum, ihre kleine karibische Inselheimat verlassen zu müssen, um ihre Musik mit der großen, weiten Welt zu teilen. 2005 wagt sie den Schritt und bleibt in Bremen, ganz allein, nimmt dort ihr erstes Trio-Album auf. Der Titel: „Bendiciones“, also „Segen“. Sie zieht weiter, lebt in Australien und Japan und nimmt 2012 an der Solo Piano Competition des legendären Montreux Jazz Festivals teil und gewinnt – wieder als erste Frau in der Geschichte dieses Wettbewerbs – den 1. Preis der Jury. Und den Publikumspreis.
Mit „Reload“ präsentiert Marialy Pacheco jetzt ihr zwölftes, ihr berührendstes und reifstes Werk auf dem, bis auf zwei kubanische „Standards“, nur Eigenkompositionen enthalten sind. „Ich wollte meine Farbpalette erweitern“, sagt sie über das Konzept dieses Albums. „Meine kubanischen Wurzeln wachsen hier in Richtung lateinamerikanischer Traditionen und meiner Einflüsse aus der klassischen Musik.“ Authentisch, traditionell und trotzdem modern, auch durch die beiden jungen kolumbianischen Musiker Juan Camillo Villa am Bass und Miguel Altamar de la Torre am Schlagzeug. Die Summe dieser vielen Teile ergibt dabei so viel mehr, wird vor allem Ausdruck ihres künstlerischen Charakters – und macht ihre Gefühle für jede und jeden, die oder der diese Musik hören kann, unmittelbar spürbar.
Man meint, ihren Schmerz zu empfinden, wenn sie die selbstgeschriebene Ballade „Flores de Invierno“ spielt, dieses melancholisch bewegte Stück über die Winterblumen, bei dem ihr Trio von Rhani Krija, bekannt als langjähriger Percussionist von Sting, unterstützt wird. Selbst „Oye el Carbonero“, den kubanischen Klassiker über den Ruf des Kohlenhändlers, den sie im Duo mit dem israelischen Star-Bassisten Avishai Cohen interpretiert, macht sie sich zu eigen, belebt ihn auf faszinierende Art und Weise neu. Man tänzelt mit Marialy bei ihrer „Danzonete“ mit dem amerikanischen Sheila E.- und Santana-Timbalero Karl Perazzo und selbst wenn man nicht weiß, dass „Zapateo“ das Schuhklappern des Flamenco meint, wippen die Füße mit.
Einer der seltenen Gastauftritte des deutschen Trompeters Nils Wülker außerhalb seiner erfolgreichen eigenen Band macht ihre hymnische Komposition „Cartagena Bliss“ zu einem Ereignis – und einem Paradebeispiel für Marialy Pachecos frische Fusion aus Jazz und lateinamerikanischer Musik.
Die kubanische Jazzpianistin von Weltrang Marialy Pacheco veröffentlicht ihr neues Album „Reload“ am 14.10.2022, teils begleitet u.a. von Rhani Krija, bekannt als langjähriger Percussionist von Sting, einem seltenen Gastauftritte des deutschen Trompeters Nils Wülker und dem israelischen Star-Bassisten Avishai Cohen.
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Die Sängerin und Songwriterin Ina Forsman stammt aus Finnland, lebt aber seit drei Jahren in Berlin. Von Anfang an hat sie sich dem Blues, Soul und Jazz verschrieben – so schon auf dem selbst betitelten Debüt im Jahr 2016. Drei Jahre später erschien dann „Been Meaning To Tell You“ (HIER unsre Review). Mit 15 Jahren hat Ina bei „The Voice of Finland“ teilgenommen, schied aber in der ersten Runde aus. Die Juroren hatten vermutlich Watte in den Ohren. Wenige Jahre später gewann sie schließlich die „Finnish Blues Challenge“ und belegte als Vertreterin ihres Lands bei der „European Blues Challenge“ den vierten Platz. Endlich war sie in der internationalen Musikwelt angekommen und legt nun ihr drittes Album vor.
Piano und Bläserklänge leiten den Opener „Love Me“ sanft ein, doch dann dreht Ina mit ihrer charismatischen Stimme auf und man kann als Hörer kaum still sitzen. Da verbinden sich Retro-Soul und Tanzbarkeit zu einer kraftvollen Symbiose. „In dieser Art von Musik sind die Emotionen so lebendig, dass man sie fast mit den bloßen Händen anfassen kann. Das ist etwas, was ich an der Musik und an anderen Künstlern schätze: diese Emotionen zu hören und zu fühlen und die Authentizität des Ganzen, wenn es nicht gezwungen oder zu perfekt und geplant klingt“, so die Sängerin.
Die Single „Don’t Lose Today“ handelt von erfüllender Liebe und inneren Kämpfen. Grundlage der Powerballade ist ein Gespräch, das Ina Forsman mit ihrem Lebenspartner führte. Sie fragte ihn, ob er glücklich sei. Er antwortete: Ich arbeite mich für ein besseres Morgen ab, aber währenddessen verliere ich das Heute.
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Mitreißende Arrangements und Inas energische Vocals beherrschen das Album. Da finden sich melancholische Pianostücke wie der Titelsong „All There Is“, der rhythmische Crooner „We Could Be Gold Diggers“ und der chorisch verstärkte Swing von „Poor Heart“. Forsman schafft es spielend, uns in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück zu versetzen.
Neben allen instrumentalen Spielereien kann sie aber auch ganz reduziert zur akustischen Gitarre in „One Night in Berlin“ bestehen. Auch solch atmosphärische Songs stehen Ina sehr gut. „Promises“ beginnt ebenfalls sehr sanft zu Pianoklängen und weitet sich dann mit filigranen Streichern aus. „Dive“ schließt dieses melancholische Trio mit vorsichtig agierenden Bläsern ab, bevor der „April Song“ wieder ordentlich los fetzt.
Der „Cinematic Soul“, wie Forsman selbst ihren Stil bezeichnet, liefert ein facettenreiches Album zwischen sehnsuchtsvoller Stimmung und energischem Optimismus. Erstmals hat sie ihr Songwriting nicht auf Gesang und Melodielinien beschränkt, sondern sich an komplexe Arrangements gewagt und dafür gar Klavierspielen gelernt. Wenn man dann den Abschluss „Raw Honey“ hört, kann man beurteilen, welchen Gewinn das für ihre Arbeit bedeutet.
Eigentlich wollte er Posaune und Schlagzeug studieren – doch abgeschlossen hat er schließlich im Jazzgesang. Seit Anfang des Jahrtausends hat er sich Zug um Zug einen Spitzenplatz in der deutschen Musikszene erarbeitet. 2007 änderte er seinen Namen von Tom Gäbel in Tom Gaebel, um auch international zu punkten. Dr. Swing (wie ihn seine Fans nennen) hat inzwischen unzählige Alben veröffentlicht und zählt zu den Besten seines Faches – als Entertainer, Big-Band-Leader und Crooner.
2020 feierte Tom Gaebel sein 15jähriges Jubiläum mit der Veröffentlichung des Albums „The Best Of Tom Gaebel“. Eine große Jubiläumstournee sollte 2021 folgen, doch die wurde wie so viele andere auch Corona-bedingt bereits zweimal verschoben. Die Kick Off-Show fand aber am 06. September 2021 im Savoy Theater in Düsseldorf statt und wurde standesgemäß aufgezeichnet. Der berauschende Abend, der Tom Gaebel und sein Orchester in wunderbarer Spiellaune zeigt, beinhaltet einen sehr gelungenen Querschnitt mit den beliebtesten Live-Songs, für die seine Fans in Vorfeld abgestimmt hatten. Dieser Tage erscheint „Live At The Savoy“, das erste Live-Album in seiner Karriere.
Die Song-Auswahl rückt Gaebels Vorlieben für Las Vegas, Frank Sinatra, James-Bond-Themen sowie Swing- und Pop-Klassiker ins rechte Licht – und durch ein Fan-Voting kam, wie der Sänger anmerkt, noch „die ein oder andere Überraschung hinzu“. Die Dramaturgie dieses lässigen Abends ist makellos, vom rasanten Up-Tempo-Opening mit Gaebels eigenem „The Cat“ über den Tom Jones-Brüller „Help Yourself“ bis hin zum Finale furioso mit Sinatras Rausschmeißer „My Way“.
Mir liegt zur Review die 1CD-Version vor. Der Sound ist fantastisch und das Livefeeling kommt sehr gut rüber. Einziges Manko: Die Titel werden aus- und wieder eingeblendet. Außerdem sind die Ansagen zwar vorhanden, aber vermutlich gekürzt. Ob das auf dem wertigen 2CD-Hardcover-Earbook auch der Fall ist, kann ich leider nicht sagen. Auf jeden Fall enthält es fünf zusätzliche Tracks auf CD2, einige Specials auf DVD und eine 10inch EP mit zwei weiteren Songs.
Die ersten Jubiläums-Nachholkonzerte sind für den Herbst geplant. Bis dahin hat man dank dieses mitreißenden Live-Albums einen perfekten Vorgeschmack auf das, was man erwarten darf.
Jubiläumstour 2022
Do 06.10.2022 Lübeck, Musik- und Kongresshalle (verlegt vom 1.4.)
Fr 07.10.2022 Rostock, Stadthalle
Sa 15.10.2022 Leipzig, Haus Auensee (verlegt vom 4.4.)
Mi 19.10.2022 Frankfurt, Alte Oper
Do 20.10.2022 Düsseldorf, TonHalle
So 23.10.2022 Dresden, Kulturpalast (verlegt vom 5.4.)
Do 27.10.2022 Stade, Stadeum (verlegt vom 2.4.)
Sa 29.10.2022 Hamburg, Laeiszhalle
Do 10.11.2022 Bremen, Metropol Theater
Fr 11.11.2022 Osnabrück, Osnabrück Halle
Sa 12.11.2022 Hannover, Theater am Aegi
So 13.11.2022 Stuttgart, Liederhalle, Hegel-Saal
Di 15.11.2022 Dortmund, Konzerthaus
Do 17.11.2022 Köln, Theater am Tanzbrunnen
Fr 18.11.2022 Berlin, Admiralspalast
Sa 19.11.2022 Germering, Stadthalle
So 20.11.2022 Mannheim, Rosengarten
Malika Tirolien ist eine bemerkenswerte Sängerin, Musikerin, Songwriterin und Produzentin aus Guadeloupe, die heute in Montreal lebt. Mit ihren kreativen Kollaborationen erlangt sie internationale Aufmerksamkeit. Ihre neueste Veröffentlichung „Higher“ ist der zweite Teil einer Tetralogie – vier Alben, die alle jeweils ein Element Erde, Luft, Feuer und Wasser thematisieren.
Das Album ist ein Paradebeispiel für afro-futuristischen Stil und wurde gemeinsam mit dem Bokanté-Schöpfer Michael League produziert. Es verkörpert energiegeladenen Groove mit Einflüssen aus R&B, Soul, Hip-Hop, Funk und Jazz, gelegentlich unterbrochen durch französische Rap-Parts. Malika Tirolien nimmt ihre Zuhörer*innen mit auf einen psychedelischen Trip, der sich von emotional aufgeladener Spannung hin zu ausbalancierter Tranquilität bewegt.
Malika Tiroliens kraftvolle Stimme zieht sofort die Aufmerksamkeit auf sich, und ihre kunstvollen Kompositionen übermitteln intensive Emotionen mit modernen Einflüssen aus verschiedenen Genres, das Ganze durchsetzt von einer fundierten Kenntnis des Jazz. Ihre Liebe, Leidenschaft und ihr Respekt für die Musik sind in jedem Song zu spüren.
Während der kurze Opener „No Mercy“ die rhythmische Stimmvielfalt der Sängerin im Rap betont, wird es schon mit „Change Your Life“ sehr atmosphärisch-psychedelisch. Es folgen die verjazzten Schlenker von „Better“. So vielseitig und überraschend geht es weiter. Die Kompositionen überzeugen ebenso wie Malikas Stimme, die zwischen kraftvoll und verführerisch pendelt.
Fotocredit: Headshots by James
Mit Bokanté hat sie bereits über 20 Länder bereist. Zwei brillante Alben der Band haben ihr bereits weltweite Anerkennung und eine Grammy-Nominierung eingebracht. Tiroliens elektrisierende Performance auf „I’m Not The One“ (1,9 Mio. YouTube-Aufrufe) ist ein erstklassiger Track auf dem mit einem Grammy ausgezeichneten Album von Snarky Puppy, mit denen sie weiterhin zeitweise live unterwegs ist.
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Der in Wien geborene Jazzgeiger und Komponist Rudi Berger gilt als eine der originellsten und richtungsweisendsten Stimmen seines Genres. Bevor er 1986 sein Debütalbum „First Step“ veröffentlichte und seinen Lebensmittelpunkt nach New York City verlegte, machte er sich als Mitglied des neu gegründeten Vienna Art Orchestra einen Namen. Während seines vierzehnjährigen Aufenthalts in NYC spielte er mit einigen der hochkarätigsten Musiker*innen der dortigen Szene. Als Bandleader oder Gastkünstler ist Rudi Berger weltweit auf Tour. Er bezeichnet sich selbst als Reisender zwischen den Welten und Kulturen, dem die Vielfalt des menschlichen Ausdrucks eine niemals versiegende Quelle der Inspiration ist.
Mit seinem nunmehr siebten Album „Longings“ verschreibt sich der Jazzgeiger den Themen Sehnsucht und Hoffnung in eigenen Kompositionen. Die Geschichte von „Alice in Wonderland“ wird sehr beschwingt und lautmalerisch von der Flöte erzählt. „Rudi’s Xote“ bietet kratzige und zugleich sehr tanzbare Klänge der Violine zu einem verspielten Piano. Der „Traumfluss“ lädt zum Zurücklehnen und Genießen ein, während zur Kneipp-Kur von „Mr. Kneipp“ auch Bonaccorsos Stimme wie ein Instrument eingesetzt wird. „Urgency & Patience“ lebt musikalisch von dem Wechsel der Gefühle, den der Songtitel vermuten lässt. „When Eagles Fly on Sunday“ vermittelt ein sehr entspanntes Wochenendfeeling und korrespondiert mit dem abschließenden Titeltrack, wobei die beiden melancholischen Stücke das rhythmische „Viaggiando“ einrahmen.
Mauro Rodrigues, Flöte, Peter Madsen, Klavier, Rosario Bonaccorso, Kontrabass, sowie Schlagzeuger Lukas Boeck spiegeln ein breites musikalische Feld wider. Das vielseitige Album lässt auch in seiner zum größten Teil instrumentalen Ausrichtung keine Langeweile aufkommen. Für Fans des gepflegten Jazz bestens geeignet.
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Die heute 52jährige Ulita Knaus wurde in Salzgitter geboren und gehört zu den bedeutendsten Interpret*innen und Komponist*innen im Bereich Modern Jazz. Nach dem Abschluss des Jazzgesang-Studiums mit zwei Diplomen spielte sie in diversen Bands, Orchestern und Formationen. 2003 arbeitete sie mit Udo Lindenberg an seiner Revue „Atlantic affairs“, die sie gemeinsam national und international aufführten. 2009 folgte eine Kooperation mit Bobby McFerrin („Bobble“). Derzeit lebt sie in Hamburg und prägt die dortige Jazz-Szene nachhaltig. Ulita Knaus betreibt eine eigene Gesangsschule und ist Dozentin an der Musikhochschule.
Am 15. April veröffentlichte Knaus ihr neues Album „Old Love And New“ auf ihrem eigenen, jüngst gegründeten Label Knaus Records. Das Album enthält 14 Songs, die allesamt auf Gedichten ihrer Lienlingsdichterinnen basieren. So gab die Sängerin und Komponisten Werken von unter anderem Carolyn Wells, Ella Wheeler Wilcox, Sara Teasdale sowie Amy Lowell eine verjazzte und verswingte Grundlage.
Mit der Bassistin Lisa Wulff, dem Trompeter Benny Brown und dem Schlagzeuger Tupac Mantilla spielt Ulita Knaus schon seit Längerem zusammen. Martin Terens am Piano und der Saxophonist und Flötist Max Rademacher kamen auf deren Empfehlung dazu, ebenso wie Matti Klein, der auf auf „Is it done?“ einen Gastauftritt am Fender Rhodes hat. „Sie alle spielen gerne straight ahead und Swing Jazz, das war mir wichtig“, betont Ulita Knaus.
Die Texte sind stets emotional, manchmal auch politisch. „Die Gedichte sind so wundervoll geschrieben, dass man beim Lesen schon Musik hört. Der Rhythmus ergibt sich aus den Reimen. Die Melodien flossen nur so aus mir heraus und die Harmonien darunter haben sich dadurch ergeben“, sagt Ulita.
In „Kitten-Fly“ gibt es verspielte vokale Lautmalereien, bei denen Knaus ihre Stimme als zusätzliches Instrument einsetzt. „The Year“ funktioniert im melancholischen Zusammenspiel mit Terens‘ Piano und Rademachers Saxofon. „Daisy Time“ ist ein beschwingt-fröhlicher Frühlingssong voller Agilität.
Getragene Songs wie „Old Love And New“ oder „Blue Scarf“ wecken Erinnerungen an Cole Porter sowie George und Ira Gershwin. Und dann gibt es wieder Überraschungen wie das feurige „Fireworks“ und die tanzlastige Hymne „Bicycle Built For Two“.
„Aunt Chloe’s Politics“ vermittelt eine sehr melancholische Weltsicht zu sanften Bläserklängen und „What Lips My Lips Have Kissed“ erzählt mit verklärten Worten von einer großen Liebe. Schade, dass man die Original-Gedichte leider nicht in einem Booklet nachlesen kann. Das glänzt nämlich mit Abwesenheit.
Nach den ruhigen Passagen nimmt „On The Ferry“ nochmal Tempo auf, bevor „The Road Is Ending“ ein sehr bewegendes und berührendes Album verträumt enden lässt. Ulita Knaus hat sich von der geschriebenen Poesie inspirieren lassen und legt ein Album vor, das auch mit musikalischer Poesie aufwartet. Als Konzept absolut gelungen und in der Umsetzung sehr virtuos.
Gewohnte Kost von den Flower Kings, die wie üblich die Handschrift von Roine Stolt trägt. 18 Songs tragen den Hörer durch eine über anderthalb Stunden dauernde Klangreise. Der kürzeste ist Song 17, „Shrine“, mit 1:08, der längste Song 3, „Blinded“, mit 7:45 Minuten.
Fotocredit: Lillian Forsberg
Ich bin kein ausgewiesener Fan der Band, trotzdem habe ich mir das Album gerade zum dritten Mal angehört. Es ist einfach faszinierend zuzuhören, wenn sich kreativ, blumig und kraftvoll Folk, Symphonic Rock, Elektronic, Jazz, Blues, Funk und der Prog der 1970er verschmelzen. Die epischen Texte tragen ihren Teil zur kurzweiligen Klangreise bei. Das Line-Up ist dank etlicher Gastmusiker länger als die Playlist. Wie bei Progtiteln nicht ungewöhnlich gefallen mir die längeren Stücke besser als die kürzeren.
Anspieltipps: der Opener „The Great Pretender“, „Blinded“, „A Million Stars“, „Revolution“ und „Open your Heart“.
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1. The Great Pretender (6:55)
2. World Gone Crazy (5:04)
3. Blinded (7:45)
4. A Million Stars (7:11)
5. The Soldier (5:23)
6. The Darkness In You (5:13)
7. We Can Make It Work (2:48)
8. Peacock On Parade (5:15)
9. Revolution (5:59)
10. Time The Great Healer (6:12)
11. Letter (2:25)
12. Evolution (4:47)
13. Silent Ways (5:01)
14. Moth (4:31)
15. The Big Funk (4:39)
16. Open Your Heart (5:17)
17. Shrine (1:08)
18. Funeral Pyres (7:14)
Der Tod von Roger Cicero kam völlig unerwartet. Einen Tag nach seinem letzten Live-Auftritt im Bayerischen Fernsehen traten plötzlich akute neurologische Symptome infolge eines Hirninfarktes auf. Im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand rapide. Der 45jährige verstarb am Abend des 24. März 2016 im Kreise seiner Lieben ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Sehr plötzlich hat er die Musikbühne verlassen.
Schnell taten sich Parallelen zu seinem Vater Eugen Cicero auf, der im Alter von 57 Jahren ebenfalls sehr früh verstarb. Eugen war ein bekannter rumänischer Pianist, der während einer Konzerttournee 1960 mittels eines Visums von Ost-Berlin nach West-Berlin wechselte und nicht mehr zurückkehrte. Während viele seiner Kollegen nach Nordamerika gingen, blieb Eugen Cicero in Westdeutschland und spielte fünf Jahre später die Platte „Rokoko-Jazz“ ein, die sich weltweit über eine Million mal verkaufte. Er spielte beim RIAS Tanzorchester und bei der SFB Big Band.
1970 wurde Roger geboren. Der Vater erlebte noch mit, dass sein Sohn ebenfalls zum Jazz ging und von 1991 bis 1996 Gesang studierte, doch die erfolgreiche Karriere des Sohnes, der sich zu einem der beliebtesten deutschsprachigen Pop- und Jazzsänger der Gegenwart entwickelte, erlebte er nicht mehr mit.
Im berührenden Dokumentarfilm „Cicero – zwei Leben, eine Bühne“, der am 24.3.22 in den Kinos startete, offenbaren Kai Wessel, Katharina Rinderle und Tina Freitag die einzigartige Vater-Sohn-Beziehung zweier Ausnahmetalente. Engste Wegbegleiter und namhafte Zeitzeugen beleuchten zwei Genies, die es immer wieder auf die Bühne zurücktrieb. Außergewöhnliche Konzertmomente lassen die schmerzliche Lücke, die ihr früher Tod hinterließ, umso deutlicher werden. Der Film ist eine emotionale Hommage an zwei strahlende Persönlichkeiten voller Widersprüche, Humor und Inspiration – so frei und überraschend wie ihre Musik.
Während Eugen in den 60er Jahren als Klaviervirtuose Berühmtheit erlangte und mit Starsängerinnen wie Ella Fitzgerald oder Shirley Bassey auftrat, füllte Roger Jahre später als einer der begnadetsten Sänger Deutschlands riesige Konzerthallen. Ihre Lebensgeschichten sind untrennbar miteinander verwoben und weisen faszinierende Parallelen auf – Genialität gepaart mit einer beispiellosen Leidenschaft, das Überwinden von Grenzen, der Balanceakt zwischen kommerziellem Erfolg und künstlerischer Integrität und schlussendlich der tragische Ausgang, der die Musikwelt bis heute erschüttert.
Leider habe ich den Film noch nicht gesehen, aber der Soundtrack ist bereits ein hervorragender Einstieg. Erstmals sind Werke beider Künstler auf einem Album vereint und man mag sich vorstellen, wie beide zusammen gewirkt hätten. Die Zusammenstellung der Songs wirkt wie eine musikalische Einheit, die es so leider nie gegeben hat.
Roger ist mit einigen ungewöhnlichen Interpretationen bekannter Popklassiker im Swing-Format vertreten. „Kiss“ (Prince), „No Moon At All“ (Redd Evans) und „I Cannot See“ (Julia Hülsmann Trio) zeigen eindrucksvoll die stimmlichen Fähigkeiten des Sängers. Liveversionen von „Have A Talk With God“, „From The Morning“ und dem wundervollen „Just The Way You Are“ beweisen Rogers Talent, jedes Stück mit verjazzten Improvisationen zu seinem eigenen zu machen.
Und dieses Talent hatte auch der Vater. Wie wundervoll vermischt Eugen die Pianoversion von „Easy“ mit Mozarts „Alla Turca“ sowie weiteren klassischen Versatzstücken von Claude Debussy und anderen Komponisten. Allein dieses Klavierstück zeigt ein enormes Talent, frei zu improvisieren und doch immer wieder in gespielter Leichtigkeit zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Das Publikum dankt es mit enthusiastischem Zwischen- und Endapplaus. Weitere Tracks liefern verswingte Versionen von Frederic Chopins „Prelude E-Minor“ und Johann Sebastian Bachs „Badinerie“. Wenn man das hört, wird klar, woher Roger sein Talent hatte. Mit solchen musikalischen Wundern aufzuwachsen, muss einfach prägend sein.
Auch Rogers deutschsprachige, eigen Stücke werden nicht vergessen. Der Hit „Zieh die Schuh aus“ erinnert ebenso an die beliebten Pop- und Swing-Alben wie der Livesong „Ich hätt‘ so gern noch Tschüss gesagt“, dessen berührende Worte man sowohl als Abschied Rogers an seine Fans als auch an den verstorbenen Vater verstehen kann.
Rogers Musikschaffen ist nahezu die Fortsetzung des Weges, den sein Vater beschritten hat. Es scheint, als wäre er gerade in der Zeit vor seinem Tod dort angekommen, wo er immer hinwollte. Von dort wollte er weitermachen, vieles hatte er noch vor sich. In seinem letzten Interview sagte er, „dass für ihn alle Türen offen stehen und er sich nur entscheiden müsse, durch welche er geht.“ Diese Worte lassen das Ausmaß der Tragik erkennen, denn genau dazu sollte es nicht mehr kommen. Diese beiden Lebenswege – ihre Wirkung, ihre Intensität, ihr Nachhallen und musikalische Einmaligkeit – konnten nur gemeinsam für die Leinwand erzählt werden. Und der Soundtrack bringt zusammen, was zusammen gehört.
Der norwegische Jazzmusiker Sigurd Hole stammt aus Rendalen und lebt seit langer Zeit in Oslo. Er ist ein begnadeter Musiker und Kontrabass-Spieler, was auch sein neues Werk „Roraima“ beweist, das von ihm komponiert wurde.
„Roraima“ wurde für das „Oslo World Festival 2020“ in Auftrag gegeben und es ist ein internationales Werk im besten Sinne. Der Titel bezieht sich auf den bevölkerungsärmsten der 27 Bundesstaaten Brasiliens, der ganz im Norden des Landes gelegen ist. Dort lebt das Volk der Yanomami, die mit ca. 30.000 Menschen größte indigene Volksgruppe im Amazonas-Gebiet.
Das Werk reflektiert Themen wie Solidarität und ökologische Verwundbarkeit und lässt sich vom Schöpfungsmythos des Yanomami-Volkes inspirieren. Das siebenköpfige Ensemble setzt sich aus einigen der besten Musiker Norwegens zusammen. Die Musik enthält zusätzlich Feldaufnahmen der Biophonie des Amazonas.
Aus diesen Elementen entsteht ein Klangkunstwerk, das seinesgleichen sucht. Naturgeräusche und die Instrumente verschmelzen zu einer ganz besonderen Einheit. Das Album ist eine Feier des Sounds und der Klänge, aber es ist auch Gebet und Anklage, da diese Geräusche verschwinden. Eine Mahnung, dass der Wachstumszwang der Wirtschaft verheerende Schäden anrichtet.
Bei diesem Album handelt es sich um eine Live-Aufnahme der Uraufführung, einer seltenen Live-Veranstaltung zwischen den Schließungen in der Jakobskirche in Oslo am 29. Oktober 2020. Die Atmosphäre aus Klängen und Melodien wird virtuos eingefangen. Man kann sich hervorragend einfühlen in diesen besonderen, sakralen Moment. Ein starkes Stück Musik!