Ist es wirklich „ein Stärkebeweis, wenn man Gefühle verschweigt“? Und „was ist das für ein Leben, wenn man Gefühle nicht zeigt“? Denn ist es nicht eigentlich „ganz normal, dass man Ängste hat“? All diese Fragen stellt sich Singer-Songwriterin ESKE in ihrer neuen Single „BOYS DON’T CRY“ (VÖ: 10.02.2023) und findet eine Antwort, mit der sie sich an alle Menschen gleichermaßen richtet: Emotionen haben kein Geschlecht.
ESKE weiß, dass es nicht immer einfach ist, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Weil dieser Schritt häufig mit Ängsten verbunden ist. Mit Unsicherheiten. Und mit der Tatsache, dass viele Menschen sich zu häufig von dem, was andere über sie denken könnten, leiten lassen. Genau das hat die 19-Jährige schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen, als sie in ihrer Schulzeit Mobbing und Vorverurteilungen erleben musste. Doch ESKE ist gestärkt aus dieser emotionalen Herausforderung herausgegangen. Stets an ihrer Seite: die Musik, mit der sie all ihre Gefühle, Sorgen und Fragen an das Leben eine Stimme gibt. Und mit der sie Themen wie mentale Gesundheit behandelt und Menschen darin bestärkt, Probleme und Sorgen nicht in sich hineinzufressen.
Fotocredit: André Hildebrandt
Mit „BOYS DON’T CRY“ setzt die „The Voice Kids“-Teilnehmerin aus dem Jahr 2019 ein Zeichen und richtet sich mit einer eindringlichen Message an die Menschen: dass auch Männer weinen und Gefühle zeigen dürfen. „Wir sind alle Menschen und haben unterschiedliche Gefühle – dennoch gibt es immer noch viele Männer, die glauben, sie dürfen ihre Emotionen nicht zeigen“, erklärt die in Düsseldorf lebende Ostfriesin die Botschaft, die sich hinter ihrer dritten Single verbirgt und die sie in emotionale Lyrics hüllt:
Doch du sagst immer Boys don’t cry. Doch was ist das für ein Leben, wenn man Gefühle nicht zeigt? Warum bist du so kalt? Du langst noch nie in meinen Armen und hast so richtig geweint, Oh Baby, ich vermiss das so. Es ist kein Stärkebeweis, wenn man Gefühle verschweigt, Oh boys should cry should cry.
Fotocredit: André Hildebrandt
Weinen. Um Hilfe bitten. Ängste zulassen. All das sind keine Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Mit „BOYS DON’T CRY“ will ESKE Sichtbarkeit schaffen. Sichtbarkeit für mentale Gesundheit und für die Tatsache, dass sich Menschen niemals für ihre Emotionen schämen oder sich vor ihnen verstecken sollten. Mit diesem Appell richtet sich die Sängerin an alle Menschen da draußen – an Männer wie Frauen. Und noch eine wichtige Sache verliert ESKE nicht aus den Augen: dass auch sie selbst niemals vor Ängsten gefeit sein wird. Doch sich dieser Tatsache bewusst zu werden, ist ein Zeichen von Stärke – nicht von Schwäche.
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Es ist schon eine Schande, dass You Me at Six außerhalb des britischen Königreichs noch nicht der Erfolg beschert wurde, den sie in der Heimat zu Recht haben. Das aktuelle Album „Truth Decay“ beweist mal wieder, dass ihre alternative Rockmischung zwischen kratzenden Instrumenten und sanften Melodien absolut stimmig ist.
Das Album mit einer brennenden römischen VI auf dem Cover ist bereits das achte Werk der Rocker aus Weybridge im Südosten Englands. Aufgenommen wurde es auf der griechischen Insel Santorin mit dem Produzenten Dan Austin, der auch Biffy Clyro und Massive Attack regelmäßig zu akustischen Höhenflügen verhilft.
„Deep Cuts“ lässt einen hypnotischen Rhythmus wirken und kann seine Wurzeln im Punk nicht verleugnen. Josh Franceschi singt mit eindringlichen Vocals und hält die Band gut zusammen. Als Hörer ist man direkt drin in den Melodien und stellt sich – zu Recht – auf ein mitreißendes Album ein.
Der Sänger erzählt: “In DEEP CUTS geht es darum, dass man von außen auf die Menschen in seinem Umfeld schaut, die eine schmerzhafte Erfahrung oder einfach eine schlechte Zeit durchmachen, weil sie mit der falschen Person zusammen sind. Sie leiden, weil sie an jemandem oder etwas festhalten, das sie loslassen könnten. Man selbst weiß, dass es ihnen auf der anderen Seite gut gehen würde, aber sie davon zu überzeugen, ist nicht so leicht, wie es klingt. Man drückt einfach die Daumen, dass sie das Trauma so schnell wie möglich hinter sich lassen können.”
Der Sound ist komplex und von einem starken Beat getragen. Die Tracks pendeln gerne mal zwischen Pop und Rock, am liebsten aber rockt das Quintett seine breitwandigen Hymnen straight nach vorne und baut enorme Klangwände auf, die trotz aller Elektronik nie nervig werden. Josh Franceschi singt, schreit hysterische Lyrics raus und hält die Fäden in der Hand. Vor allem die ruhigeren Momente wie in „Mixed Emotions“ und „Breakdown“ gefallen mir dabei ausgesprochen gut.
„No Future? Yeah Right“ erzählt von Unsicherheiten und persönlichen Verletzbarkeiten. „Traumatic Iconic“ lässt uns nicht in Melancholie versinken, sondern führt zu starker, aggressiver Gegenwehr.
Während den Aufnahmen zu “Truth Decay” fiel der Band auf, dass man nicht weiß, wohin man geht, wenn man nicht weiß, woher man kommt. Das Ergebnis spricht für sich: You Me at Six wissen, wie man emotionale Rockmusik macht, und teilen es der Welt mit. Mit „Truth Decay“ kehren sie zu ihren Wurzeln zurück und zementiert sich als Meister ihres Genres.
Im Mai 1982 erschien mit „Einzelhaft“ das erste Soloalbum von Johann „Hansi“ Hölzel und war damit Startpunkt für eine außerordentliche Karriere. Der damals 25jährige junge Musiker aus Wien hatte seine Karriere als Bassist in einer Jazzband begonnen. Seinen Künstlernamen lieh er sich beim Skispringer Falko Weißpflog. Er versuchte sich im avantgardistischen Rocktheater und in der politischen Anarcho-Band Drahdiwaberl. Das selbst geschriebene Stück „Ganz Wien“ markierte den Beginn seiner Solokarriere – und spätestens mit dem Erfolg von „Der Kommissar“, das gerade Recht zur aufkeimenden Neuen Deutschen Welle kam, war sein musikalischer Aufstieg nicht mehr aufzuhalten.
Bemerkenswert waren von Beginn an die gesellschaftskritischen und politischen Texte, die niemals wieder so explizit sein sollten wie auf dem Debüt. „Ganz Wien“ gibt einen Einblick in die harte Drogenszene der österreichischen Hauptstadt. Es wurde dann auch medienwirksam von den Radiostationen des Landes boykottiert. „Auf der Flucht“ erzählte von den Jugendunruhen in Westberlin und Zürich, der Geschichte von Benno Ohnesorg und dem Einsatz von Tränengas. „Maschine brennt“ berichtete in wirkungsvollen Bilder vom Niedergang tiefer sozialer Schichten und „Helden von heute“ war deutlich an David Bowie angelehnt.
So kann man „Einzelhaft“ als thematisches Konzeptalbum bezeichnen, das zwar keine durchgängige Geschichte erzählt, aber Schlaglichter auf die großen Probleme und Ideen der Jugend Anfang der 80er Jahre legte. Musikalisch war das Album in seiner Mischung aus Rock und Pop, aus New Wave und NDW absolut wegweisend. Den zeitlosen Charakter hat es sich bis heute bewahrt.
Bereits zum 25jährigen Jubiläum gab es eine Neuauflage, die jetzt nochmal getoppt wird. CD 1 enthält als Schmankerl das Livekonzert der „Pop Krone“ am 1. November 1982, mitgeschnitten in der Stadthalle Wien. Die Energie von Songs wie „Helden von heute“ bis hin zum Abschluss „Ganz Wien“ ist einfach unschlagbar. CD 2 liefert eine umfangreiche Sammlung von Extended Versions und Maxiversionen der Singles. Es war einfach eine wundervolle Zeit, als die Maxi-Singles uns epische Tracks zauberten, die niemals enden sollten.
Die Neuauflage kommt im schmucken Digipack mit Liner Notes von Produzent Robert Pranger und den Lyrics. Fazit: Bis heute unschlagbar!
Die Supergruppe aus Mitgliedern von Marillion, Dream Theatre, Spock’s Beard und den Flower Kings legt hier auf drei CDs ein überragendes Live-Album vor. Auf den beiden ersten CDs sind die relativ kurzen Stücke der Band versammelt – die 10 bzw. 11 Songs haben eine Spielzeit von 43 bzw. 49 Minuten. Die beiden epischen Longtracks „The Whirlwind Suite“ (34:57) und „The Final Medley“ (28:22) finden sich auf der 3. CD, die vier Titel bringen es hier auf 73 Minuten.
Es ist eine Wonne, die Band bei ihrer Achterbahnfahrt durch den üppigen Bandkatalog zu begleiten. Wann hat man mal ein fast dreistündiges Konzert in voller Länge als CD? Wer die Songs kennt, wird live viele andere Strukturen erkennen. Alle, die ein Live-Konzert nicht als 1:1-Umsetzung der Songs erwarten, kommen hier voll auf ihre Kosten. So haben einige Songs noch mehr Dynamik als auf der Studio-CD bekommen. Mann spürt die Lust der Bandmitglieder, die Songs nach der langen Corona-Pause wieder live aufzuführen. In den ruhigen Abschnitten des Konzerts fehlt zum Glück das aufdringliche Gepfeife und Gejohle, oder es wurde herausgeschnitten.
Der Titel „Final Flight“ lässt den Hörer grübelnd zurück. Wird hier etwa angedeutet, dass es in Zukunft keine Livekonzerte von Transatlantic mehr geben wird oder gar keine weiteren Studioalben mehr? Oder soll hier bloß der Höhepunkt an Spielfreude hervorgehoben werden. Ein Konzerterlebnis, welches nicht mehr zu toppen ist? Oder spielt der Titel einfach auf das letzte Konzert der Tournee an? Ich hoffe nicht, dass mit diesem fulminanten Konzert das Ende von Transatlantic eingeläutet wurde. Die Fans halten der Band auch noch die Stange, wenn der hohe Meilenstern, den sie mit diesem Wuchtalbum gesetzt hat, nicht mehr wiederholt werden kann.
Anspieltipps: Rainbow Sky, The World we used to know, Looking fort he Light, Love made a Way, The Whirlwind Suite
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Diese Band bzw. dieses Duo ist eine Neuentdeckung, deren weitere Biografie ich mit Sicherheit verfolgen werde.
Das Cover zeigt ein futuristisches Gebäude und nicht nur der Bandname, sondern auch das Intro des Einstiegssongs, „eMolecule“, der mit 10:43 Minuten der längste Track auf dem 70 Minuten langen Album (elf Titel) ist, lassen zunächst vermuten, dass es sich eher um ein Electronic-Album handelt, aber dann wird abgerockt und der Gitarre werden Töne entlockt, die sich gleich in den Gehörgängen festsetzen.
Dieses intensive, schwere Gitarrenspiel in Verbindung mit dem Schlagzeug erzeugt tiefe, atmosphärische und gefühlsbetonte Arrangements. Der Gesang ist von Beginn an fesselnd und erinnert mich an manchen Stellen an Steven Wilson. Dynamische Gitarren machen nicht nur das epische „eMolecule“ zu einem Hörgenuss. Das Niveau wird auf dem kompletten Album gehalten und findet mit dem Schlusssong „Moment of Truth“ einen kraftvollen Höhepunkt.
Anspieltipps: eMolecule, Mastermind, The Turn, My You, Moment of Truth
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Der Bandname Insomnium ist wohl von Insomnia abgeleitet, dem Begriff für Schlaflosigkeit. Das passt, denn wenn diese Musik ertönt, ist an Schlaf nicht zu denken. Die Band stammt aus Finnland, der Hochburg des Doom-Metal oder wie auch immer man diese Musik bezeichnen mag.
Es ist mir ein Rätsel, wie man die an sich hörenswerten Melodiebögen derart mit dem grölenden Gesang zerstören kann. „Anno 1696“ handelt von einer düsteren Zeit, in der Hexen, Magier und Werwölfe herrschten. Der röchelnde Sänger erzeugt Bilder von Wahnsinn und Blutlust, von Gesang wage ich nicht zu reden. Wer sich für den Inhalt der Songs interessiert, muss das Booklet zur Hand nehmen, da der Text kaum zu verstehen ist.
Die meisten Titel beginnen vielversprechend mit Keyboard, Gitarre oder Piano, aber schon nach wenigen Sekunden setzt der „Gesang“ ein, der jedwede Harmonie killt. Als Instrumentalalbum hätte ich fünf Punkte vergeben, so bleibt es bei dem Mindestpunkt.
Die 8 Titel bringen es auf eine Spielzeit von 51 Minuten.
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Shania Twain, die Queen of Country Pop, ist nicht gerade eine Vielschreiberin. Zwischen ihrem weltweiten Nummer-1-Erfolg „Up!“ und dem Nachfolger „Now“ vergingen ganze 15 Jahre. Und auch das ist schon wieder fast fünf Jahre her. Zuvor gab sie mit den Singles „Waking Up Dreaming“, „Last Day Of Summer“ und „Giddy Up!“ erste Einblicke in das neue Werk. Nachdem die kanadische Sängerin ihre Las Vegas-Residency abgeschlossen und die Netflix Dokumentation „Not just a Girl“ Premiere gefeiert hatte, stand neue Musik ganz im Fokus.
Fotocredit: Louie Banks
Es gelingt der Songwriterin mal wieder mit Bravour, ihre Countrymusik auch außerhalb Nordamerikas in die Charts zu bringen. Dafür muss das Ergebnis poppiger klingen und die rockigen Momente müssen sich dem Massengeschmack anpassen. Das funktioniert mit eingängigen Krachern wie „Giddy Up!“ und „Waking Up Dreaming“. Hinzu gesellen sich einige schöne Balladen – ich nenne mal „Last Day of Summer“ und „The Hardest Stone“.
Endlich findet sich auch der Doku-Titel „Not just a Girl“ auf einem regulären Album. Trotzdem erscheinen mir knapp 37 Minuten Albumlänge nicht gerade üppig und vor allem der verspielte Titelsong gehört nicht zu meinen Favoriten. Insgesamt bringt Shania aber viel Energie in die Songs – und es gelingt ihr, das Publikum anzufeuern. Den Titel der „Queen of Country Pop“ wird ihr niemand so schnell streitig machen.
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Das Rampenlicht ist Elif nicht fremd – vor vielen Jahren schaffte sie es bei der achten Staffel von „Popstars“ bis ins Finale, und sie war so ziemlich das Einzige, was mir von dieser Show positiv in Erinnerung geblieben ist. Wie schön, dass sie unabhängig vom TV-Casting-Zirkus ihren eigenen musikalischen Weg gefunden hat und mit ihren Alben nicht nur ihr gesangliches Talent, sondern auch ihre Qualitäten als Songwriterin beweisen kann.
Aufgewachsen in Berlin-Moabit als Tochter türkischer Einwanderer repräsentiert Elif eine Generation selbstbewusster junger Frauen zwischen Tradition und SocialMedia. Und sie gibt dieser Generation eine Stimme, bastelt aus ihren Erlebnissen und Gefühlen eindringliche Songs. Schon auf „Nacht“, ihrem dritten Album, mit dem die Sängerin im September 2020 auf Platz 7 der Offiziellen Charts einstieg, verarbeitete sie eindrucksvoll die Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten Jahre. Ihren Burnout, die Trennung von Label und Management, das Ende einer toxischen Beziehung, ihre Therapie, die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem was war.
Elif singt von Freundschaft und Abschied, von Schmerz und Glück und immer wieder von der Liebe. Manche ihrer Lieder wären beinahe kitschig, wenn sie nicht so ehrlich wären. Doch weil sie ehrlich sind, berühren sie uns. Es sind vielleicht nur alltägliche kleine Dramen, aber die junge Sängerin macht große Songs daraus.
„Endlich tut es wieder weh“ ist ein Album über das Vermissen gleichzeitig aber auch ein ungewohnt humorvolles Album und ein Album über den Umgang mit ihren Erfahrungen, Erlebnissen und Emotionen. Und das glaubt man Elif nach diesem Album sofort. Ja, es ist ein Album über Schmerz. Aber eben über Schmerz als etwas Vertrautes, das schon einmal dagewesen, ja, fast zur Routine geworden ist. Schmerz als etwas, mit dem man gelernt hat umzugehen. Von dem man sich nicht mehr verletzten lässt, der einen nicht mehr in die Knie zwingt. Sondern Schmerz, den man annimmt, den man umarmt, mit dem man lebt. Jeder von uns. „Ich wünsche mir, dass das Album die Menschen inspiriert, tiefer zu gehen und sich mit ihren eigenen Emotionen oder Schmerzen auseinandersetzen“, sagt sie.
Songs wie „Bomberjacke“ und „Beifahrersitz“ kann man mit ihrem Urban Pop schon seit längerem im Radio hören. „Roses“ hat mich in seiner Nostalgie von der ersten Textzeile an mitgenommen: „Weck mich auf, wenn OutKast wieder Roses singt“. Da finden sich große emotionale Balladen wie „Mensch sein“ und „Ich denk an dich“, aber nicht alles ist so dramatisch. „Lonely“ kann auch mit sarkastischen Worten vom Alleinsein berichten. Ganz stark beendet der Sprechgesang von „Unendlichkeit“ das Album nach einer guten Dreiviertelstunde. Alles in allem ein lyrisches Meisterwerk, das beweist, wie tief deutschsprachige Popmusik gehen kann.
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An diesem verregneten Sonntagabend kommt in Köln zusammen was zusammen gehört. Robbie Williams gastiert im Rahmen seiner „XXV“ Jubiläumstour für drei Shows in der LanxessArena, die vor ebenfalls 25 Jahren als größte Multifunktionshalle Europas eröffnet wurde. Heute wird die Konzert-Trilogie in der Domstadt vor ausverkauftem Haus eröffnet und an den beiden noch folgenden Terminen am Montag und Mittwoch wird das nicht anders sein. 16.000 Fans sorgen für ein proppenvolles „Henkelmännchen“, wie der Kölner „seine“ Arena aufgrund ihres charakteristischen Dachbogens liebevoll nennt.
Um kurz nach 21 Uhr dürfen sie zum ersten Mal jubeln, als es in der Halle dunkel wird und zu einem dumpfen Herzschlag ein Countdown auf der überdimensionalen Videowand von Zehn rückwärts zählt. Dann betritt Robbie Williams im glitzernden Silberanzug die Bühne und steigt mit „Hey Wow Yeah Yeah“ in sein Set ein, unterstützt von einer elfköpfigen Band und sechs Tänzerinnen. Es folgt „Let Me Entertain You“ gleichsam als Aufforderung und Versprechen. Denn genau das wird er die nächsten knapp zwei Stunden tun. Ein Laufsteg sorgt für die nötige Nähe zu den Fans, die Robbie Williams zwischendurch immer wieder sucht. Etwa als er Heidi aus der ersten Reihe ein persönliches Ständchen widmet („She’s The One“) oder T-Shirts in die Menge wirft.
Das wirkt erstaunlicherweise alles andere als abgehoben. Im Gegenteil. Robbie Williams schafft es so etwas wie eine kumpelige Atmosphäre in die Riesenarena zu zaubern und fast hat man das Gefühl mit dem verschmitzten Typen da oben auf der Bühne nach der Show noch völlig unkompliziert ein Bier trinken zu können. Das liegt sicherlich auch daran, dass er zwischen den Songs viele Anekdoten aus den vergangenen 25 Jahren erzählt und sich dabei nicht zu schade ist sein Innerstes nach Außen zu kehren. So erfahren die Fans etwa, dass er unter Depressionen litt und Stimmen in seinem Kopf hörte, die ihm sagten, er solle sich besser umbringen. Spätestens als Robbie Williams sie dann noch „Happy Birthday“ für seinen Sohn Beau singen lässt, der gestern 3 Jahre alt geworden ist, hat er bei den gefühlsseligen Kölnern endgültig gewonnen.
Seine Crew hat den traditionell etwas schwierigen Sound in der LanxessArena heute bestens im Griff und so nimmt Robbie Williams seine Fans mit auf eine musikalische Zeitreise, die bei der ersten Take That-Single „Do What U Like“ beginnt. Auf der Videowand flimmert das dazugehörige Fremdschäm-Video von 1991 und zeigt viel nackte Haut. Von Take That hat er noch zwei weitere Stücke im Gepäck („Could It Be Magic“ und „The Flood“), dazu das Oasis-Cover „Don’t Look Back In Anger“. „Ich liebe Deutschland“ ruft Robbie Williams und irgendjemand hat ihm dazu passend einen schwarz-rot-goldenen Schal zugeworfen, den er erst bei den Zugaben wieder ablegen wird. Nebenbei verrät er, dass „Strong“ in Köln geschrieben wurde und „Eternity“ Geri Halliwell von den Spice Girls gewidmet ist, die ihn während seiner zweijährigen Auszeit von 2007 bis 2009 in unzähligen Gesprächen wieder aufgebaut hat. Abgerundet wird das reguläre Set von Hits wie „Come Undone“, „Feel“ oder „Love My Life“, während es Konfetti auf die tanzenden Kölner regnet. Immerhin steht der Karneval vor der Tür.
Nach einer sehr kurzen Pause geht es mit „No Regrets“ in der „XXV“-Version weiter. Robbie Williams hat den Glitzeranzug gegen eine Art schwarzen Bademantel getauscht, den er auch mal fallen lässt und insbesondere unter den weiblichen Fans für Begeisterungsstürme sorgt. Mit „XXV“ sicherte er sich übrigens sein 14. Nummer-1- Album in Großbritannien und hat damit den Rekord für den Solokünstler mit den meisten UK-Nummer-1-Alben gebrochen. Nicht alle Klassiker gewinnen durch die orchestrale Bearbeitung, aber sie klingen in den meisten Fällen filigran verfeinert. Dennoch ein starkes Stück Musik zur eigenen Silberhochzeit (hier findet ihr unser Review). Das gilt auch für „Angels“, welches von Männlein wie Weiblein gleichermaßen ergriffen mitgesungen wird. Der Abend endet in einem Medley aus „Strong“, „Love My Life“, „Candy“, „Feel“, „Rock DJ“ und nochmals „Angels“, das Robbie Williams ganz alleine auf der Bühne singt. Fast wirkt er dabei ein wenig verloren, bevor er sich schließlich winkend bis morgen von den Kölnern verabschiedet.
Der „Dirty Dancing“-Schmachtfetzen „(I’ve Had) The Time Of My Life“ begleitet die Fans nach draußen in den immer noch anhaltenden Regen. Ganz so weit ist es heute abend zwar nicht gekommen, aber Robbie Williams hat das getan, was er am Anfang seiner Show angekündigt hat: Er hat beste Unterhaltung geliefert. Und das nicht nur im musikalischen Sinne. In einer Woche feiert er seinen 49. Geburtstag und glaubt man all den Erinnerungen, die Robbie Williams in Köln geteilt hat, dann ist das keine Selbstverständlichkeit. Umso mehr sollten sich all jene, die für die noch folgenden Konzerte eine Karte ergattert haben, auf einen sympathischen Geschichtenerzähler aus England freuen, der noch dazu gut singen kann. Let him entertain you!
SYML aka Brian Fennell ist ein autodidaktischer Produzent, Sound-Engineer, Gitarrist und Percussionist und ein klassisch ausgebildeter Pianist mit tiefen Wurzeln im pazifischen Nordwesten. Seit der Veröffentlichung seines selbstbetitelten Debütalbums hat sich Fennell einen Namen als tiefgründiger Songwriter gemacht.
Unter dem Namen SYML, walisisch für simpel, erscheint jetzt auch das zweite Werk „The Day My Father Died“. Wer bereits seinen Vater verloren hat, kann vermutlich nachvollziehen, wie schmerzhaft dieser Prozess ist. So darf man ein sehr emotionales und melancholisches Werk erwarten.
Das Album startet mit „Howling“ und einem gospelhaft summenden Chor. Wehklagend erklingt Brians hohe Tenorstimme im Falsett. Viele Stücke bauen sich langsam auf und sind voller ruhiger Momente. Das könnte bei fast einer Stunde Dauer ermüdend wirken, doch ich habe mich nicht eine Sekunde gelangweilt. SYML nähert sich seinen traurigen Themen wie Verlassenheit, Verlust und Trauer sehr vielschichtig an.
Auf dem Album erzählt Fennell eine Geschichte über zwischenmenschliche Beziehungen und ausgewählte Verwandtschaft nach dem Tod seines Adoptivvaters im Jahr 2021. Es ist mehr ein Zeugnis des Wachstums und der Heilung, als von Verlust. Das Album beschreibt Fennells Reise, herauszufinden, wie er nach einer fundamentalen und unwiderruflichen Veränderung in seinem Leben weitermacht.
„Das sich immer weiter ausdehnende Universum wird mich immer erschrecken und erfreuen, aber die wirklich unglaublichen Dinge passieren hier unten auf unserer menschlichen Ebene“, sagt Fennell. „Meinen Vater zu verlieren, fühlte sich an, als ob mir die Luft ausginge. Ich fühle es immer noch in meinem Bauch. Aber in dieser Platte geht es nicht darum, ihn zu verlieren, sondern darum, was passiert, nachdem wir Verlust erlitten haben.“
Da kann es – wie in „Laughing At The Storm“ – auch mal folkig rockend zugehen. Sehr schön finde ich das polyphon eingesungene Akustikstück „Sweet Home“ im Stil von Crosby, Stills and Nash. Mit Lucius, dem sonoren Guy Garvey, Sara Watkins und Charlotte Lawrence sind einige illustre Gäste vertreten.
Der Titelsong klingt wider Erwarten ausgesprochen fröhlich. „I was born on the day my father died, he loved me so“ versucht die Situation zu beschreiben und führt zur tröstlichen Erkenntnis „I want to show you that life comes in circles, I want to show you life“. Neben aller persönlichen Betroffenheit gibt es aber auch gesellschaftskritische Momente, wenn SYML in „Tragic Magic“ die Vermarktung des Christentums beklagt.
Melodischer Folk führt den Hörer als Bindeglied durch das starke Album, das uns schließlich mit „Corduroy“ in Brians Kindheit versetzt und ein mütterliches Gefühl von Geborgenheit vermittelt.
Aufgenommen und produziert wurde das Album in Fennells Heimatstadt mit dem ebenfalls aus Seattle stammenden Phil Ek (Band of Horses, Father John Misty, Fleet Foxes) und ist sein erstes Album mit kompletter Band. In seiner musikalischen und thematischen Einheit klingt es wie aus einem Guss und ist ein wundervolles Beispiel für den Wert homogener Alben, die man am besten nur in Gänze hört.
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Die Menschheit bewegt sich in einem unglaublichen Tempo auf eine Klimakatastrophe zu. Man sollte meinen, es wäre jetzt höchste Zeit ein paar Dinge zu ändern, aber offensichtlich ist das noch nicht bei allen angekommen. Wirtschaft, Wohlstand und Egoismus stehen den wichtigen Schritten für eine nachhaltige Klimagerechtigkeit im Weg. KLAN nehmen in ihrem neuen Song „Wenn ich du wär“ die Menschen unter die Lupe, die so sehr an ihren SUVs, Fossilien Energieträgern und unbegrenztem Tempo auf Autobahnen hängen, dass ihnen die Zukunft ihrer Nachkommen egal ist. Gehüllt in eine liebliche Melodie und träumerische Klangwelten entsteht ein ironisch-kritischer Blick auf das kindische Verhalten großer Teile der Gesellschaft.
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KLAN waren schon immer irgendwie anders, irgendwie echter, irgendwie charmanter und eigenwilliger als der Rest. In einer Glitzer-Glamour-Welt der aufgeplusterten Künstler*innen- Egos, Fake-Identitäten, Tik-Tok-Hits und Gästelisten-Events bestechen Michael und Stefan Heinrich immer wieder neu mit irreal anmutender Ungeschminktheit und Wahrheitsliebe. Noch nicht einmal die Bruderschaft musste das Duo der Authentizität halber konstruieren – Michael und Stefan teilen tatsächlich dasselbe Elternhaus, sind zusammen aufgewachsen, zeitlich versetzt aus ihrer Heimatstadt Leipzig nach Berlin übergesiedelt und 2016 ohne jeglichen Impuls Dritter zu einer Band verschmolzen. Spätestens seit dem ersten Album »Wann hast du Zeit?« aus 2018 verkörpert KLAN-Musik den Spagat zwischen Do-It-Yourself-Attitüde und Majordeal, Subkultur und Mainstream, Indie und Pop, gefälliger Melodie und mehrbödig- reflexiver Textebene. Eine weitere LP, ein paar Tapetenwechsel im Privaten und etliche mitreißende Shows später veröffentlichen KLAN im Januar 2023 ihr drittes Album »jaaaaaaaaaaaaaaaa!«.
Vieles hat sich verändert seit 2020 und dem Release des letzten Großprojekts »Zwei Seiten«. Michael ist Vater geworden. KLAN sind nicht mehr beim Major, zum ersten Mal seit ihrem Bekanntwerden Independent unterwegs und damit endlich angekommen. Dazu hat die Band ihr musikalisches Netzwerk deutlich erweitert und durfte 2022 nach Pandemie-bedingter Pause endlich wieder auf Bühnen schwitzen und durch die Republik touren. Passend dazu ist »jaaaaaaaaaaaaaaaa!« keines dieser ‚Corona-Alben‘, sondern vielmehr eine Post-Lockdown-Platte. Den Grundstein für die LP haben Micha und Stefan im September 2021 während eines Kreativurlaubs im brandenburgischen Idyll gelegt, der Feinschliff endete ein Jahr später im Zuge eines Marathons durch verschiedene Berliner Studios. Wie schon auf »Zwei Seiten« – und das ist die wohl wichtigste Parallele – hat Gitarrist Stefan alle sechzehn Stücke im Alleingang produziert.
Sein ausgefeilter Produktionsstil markiert das Bindeglied zwischen Song gewordenen Gedankenblitzen und komplex durchdachten Thementracks, fusioniert Akribie mit Spontanität und schwermütig-melancholische Balladen der Marke »Kerze« oder »Unendlichkeit« mit zackig-verspielten Songs à la »Hey Nora« oder »Menschen sind Drogen«, die offensichtlich für die Live-Situation geschrieben sind. »jaaaaaaaaaaaaaaaa!« gleicht einer Mutprobe, selbst für KLAN-Verhältnisse – schon dem Albumtitel wohnt diese Programmatik inne. »jaaaaaaaaaaaaaaaa!«, jener Ausruf, der auf den ersten Blick beliebig und konfus anmuten mag, ist Mantra, Lebenseinstellung, nimmermüder Running-Gag und treffendes Sinnbild für die Neuerfindung der Band zugleich. »jaaaaaaaaaaaaaaaa!« ist Ausdruck eines Gefühls, entschlossener Konter gegen die Negativität unserer Zeit und Jubelschrei nach dem Siegestor in der Nachspielzeit. Es ist eine progressive Parole, die den destruktiven Lärm der Welt übertönen will und ganz nebenbei schon immer Lieblings-Adlib im Hause KLAN.
Tatsächlich hätte es keinen besseren Namen geben können für diese Platte, die kaum lebensbejahender sein könnte und auf so vielen Ebenen ein Befreiungsschlag ist. Mit dem neuen Album lassen KLAN alte Vorstellungen hinter sich, spielen sich endgültig frei vom Indieboy-Image, das sie sich lange Zeit selbst auferlegt haben. »jaaaaaaaaaaaaaaaa!« möchte bewusst keinem Genre angehören, keine Pose sein, keine Klischees bedienen. Vielmehr verkörpert es Wagemut und Freigeist, ist Konglomerat verschiedenster Themen, Einflüsse, Ausreißer, Referenzen, Gäst*innen- Handschriften und Überraschungen. »Dass du mich liebst« mit LEA kommt ganz ohne Drums aus, »Internet« mit Alligatoah ist der vielleicht erste gelungene deutschsprachige Popsong mit ironisch- kritischer Note.
»Wenn Ich Du Wär«, »Der Mann, der Alles Hat« oder »Rettungsboot« sind explizit politische, in Pop-Sprache formulierte Statements, »Juli« ist im direkten Kontrast ein maximal erfrischender Good-Vibe-Moment. Im Zentrum des Projekts »jaaaaaaaaaaaaaaaa!« steht dennoch einmal mehr die Reflexion der Gefühlswelt Liebe. Dabei verzichten KLAN auf klassische Romanzen, widmen sich vielmehr der Überwindung toxischer Facetten in zwischenmenschlichen Beziehungen und greifen dabei auch das eigene Bruderverhältnis ungeschönt auf. »Warum ist es mir all die Jahre so schwer gefallen, zu sagen, dass ich dich lieb hab«, heißt es in »Familie«, einem Kernstück des Albums. KLAN sind also immer noch »das Chamäleon der deutschen Popmusik«, nur noch etwas farbenfroher und so anders und echt und charmant und eigenwillig wie nie zuvor.
»jaaaaaaaaaaaaaaaa!« erscheint am 24.02.2023, kurze Zeit später wird das Zweigespann wieder auf Deutschland-Tour gehen.
Am Anfang der JazzNights standen zwei Dinge: eine Vision und viel Leidenschaft. Die Vision hatte Michel Petrucciani – jener wunderbare Pianist, dem die erste JazzNight hätte gehören sollen, der die Reihe aber nicht mehr erleben durfte.
„Der Jazz gehört befreit aus dem rauchigen Ambiente der Clubs. Er gehört in die Konzertsäle, dorthin, wo die klassische Musik gespielt wird.“ Denn der Jazz, das wurde Michel Petrucciani nie müde zu betonen, der Jazz ist die klassische Musik des 20. Jahrhunderts! Die Leidenschaft wiederum hat Karsten Jahnke. Der Hamburger Veranstalter ist seit mehr als 40 Jahren im Geschäft, bringt alle Größen aus Pop und Rock auf die Bühnen – und liebt den Jazz, ob ganz klassisch oder ganz modern.
Mit den JazzNights wurde ein Traum wahr, der die Reihe der Vertreter aller Spielarten immer wieder aufs Neue auf Tourneen durch Deutschland führt.
Den Anfang im Jahr 2023 machte das Konzert „Art of the Duo“ in der Gebläsehalle Neunkirchen, das zugleich Start einer Tour durch schöne und renommierte Hallen der Republik war. Zwei ganz unterschiedliche Duos waren auf der Bühne und begeisterten ein großes, bunt gemischtes Publikum.
Den Anfang machte Pianistin Julia Hülsmann mit Christopher Dell am Vibraphon. Dell gilt laut Reclam Jazzlexikon als der führende Vibraphonist seiner Generation – und es war Wahnsinn, was er an dem Instrument leistete. Seine Geschwindigkeit, seine Ausdruckskraft, die unglaubliche Energie. Das passte perfekt zum Klavierspiel von Julia Hülsmann, die mit ihren atmosphärischen Melodielinien oft einen Gegenpol zu Dells Schnelligkeit legte. Das musikalische Zwiegespräch der beiden geschah auf höchstem Niveau und sehr ausdrucksstark.
Es gab Stücke mit englischen Titeln wie „Not Far Away From Here“, das optimistisch vom Erreichen persönlicher Ziele erzählte und Mut machen wollte, und mit deutschen Titeln wie das überaus atmosphärische „Der Mond“. Fast alle Stücke des einstündigen Konzertblocks waren von den beiden selbst geschrieben. Einzige Ausnahme war die geniale Umsetzung und Neuinterpretation des Beatles-Songs „Can’t Buy Me Love“. Zudem sorgten beide Instrumentalisten mit sympathischen Ansagen für eine aufgelockerte Stimmung zwischen den doch zum Teil sehr schweren Arrangements.
Nach einer 20minütigen Pause ging es mit Nils Wülker und Arne Jansen weiter. Nils Wülker ist in Bonn geboren, begann mit zehn Jahren, Trompete zu spielen, war Mitglied im JugendJazzOrchester NRW und studierte an der Hochschule für Musik in Berlin. Er arbeitete mit Stars wie Silje Nergaard, Gregory Porter und Samy Deluxe. Dann der Durchbruch 2013, als er mit dem ECHO ausgezeichnet wurde und den German Jazz Award erhielt.
Nils hat sehr poppige und lautmalerische Elemente in seinen Stücken. Das hat nichts gemein mit lauter Blasmusik, ist aber auch nicht jazzig verkopft. Nils Wülker produziert einfach schöne Melodien, die von der Trompete über eine reduzierte, atmosphärische Begleitung getragen werden. Dabei setzt er sein Instrument ein wie andere Künstler ihre Stimme.
Sein neustes Album „Closer“ hat er gemeinsam mit dem famosen Gitarristen Arne Jansen geschrieben und eingespielt. Auch live überzeugte das Duo mit überragender Klasse. Was für ein Zusammenspiel! Jansen ist ein wahrer Meister, er spielt die Gitarre wahlweise akustisch, rockig und mit elektronischen Loops. Seine Melodien zeigen sich oft in floydesker Spielweise – und das passt wundervoll zu Wülkers Trompete.
Die Auswahl der Stücke war absolut vielfältig. Da gab es „Hurt“, im Original von Nine Inch Nails, und wundervoll ließ Nils die Trompete zeitweise wie schnelles Flügelschlagen erklingen. Das romantische „Nika’s Dream“ war Wülkers Tochter gewidmet, die zuhause seine größte Kritikerin ist aber diesen Song über alle Maßen liebt.
„Beyond The Bavarian Sky“ lehnt sich an Pat Methenys „Beyond The Missouri Sky“ an und atmet den Geist dieses Albums. „He Who Counts The Stars“ hat Arne seinem Musiklehrer gewidmet, der ihn in jungen Jahren enorm gefördert hat, und „It Won’t Be Long“ ist ein typischer Lockdown-Song Wülkers aus der Anfangszeit der Pandemie, als man noch optimistisch auf ein paar Wochen mit Einschränkungen hoffte.
Das famose zweite Duo-Konzert endete nach gut 75 Minuten mit dem Wülker-Klassiker „Wanderlust“. Leider gab es keine Zugaben – das ist in diesem Konzept anscheinend nicht vorgesehen – und doch gingen die Zuschauer*innen beseelt nach Hause. Melodischer Jazz, wie er hier geboten wird, ist doch so viel angenehmer als das angeberische Gefrickel, das man sich sonst so oft anhören muss.
Die JazzNights mit „Art of the Duo“ bieten noch weitere Termine:
3.2.23 – Kreuztal – Weiße Villa
4.2.23 – Baden-Baden – Festspielhaus
5.2.23 – Hamburg – Laeiszhalle
7.2.23 – Berlin – Admiralspalast
8.2.23 – Leipzig – Haus Leipzig
9.2.23 – Düsseldorf – Savoy Theater
10.2.23 – Stuttgart – Mozartsaal
15.2.23 – Herford – Forum Museum Marta
16.2.23 – Frankfurt – Alte Oper
17.2.23 – Bremen – Die Glocke
Im April/Mai 2023 tourt das Peirani/Parisien Projekt im Rahmen der JazzNights, im Oktober John McLaughlin und im November 4 Wheel Drive.
Was unterscheidet eigentlich gute Musik für Kinder von guter Musik für Erwachsene? Im Grunde doch nur die Texte, die für Kinder verständlich und thematisch passend sein sollten. Und wenn dann sowohl Musik und Text auch für Erwachsenen unterhaltsam sind, hat man die perfekte Musik für die ganze Familie. Auf seinem aktuellen Album „Flaschenpost“ bietet der Kölner Liedermacher Johannes Stankowski 10 neue Songs, die diesen Anspruch ziemlich gut erfüllen.
Der Musiker ist schon lange im Geschäft und hat bereits 2015 Kinder und Familien als Zielgruppe entdeckt. „Flaschenpost“ entstand gemeinsam mit dem Liedermacherkollegen Dominik Merscheid, der sowohl am Entstehungsprozess der Lieder als auch bei der Aufnahme des Albums mit überwiegend akustischen Instrumenten maßgeblich beteiligt war. Im Song „Super Ideen“ wird diese Zusammenarbeit sogar beschrieben – nur eines von vielen eher ungewöhnlichen Themen für ein Kinderliederalbum.
Stankowski erzählt eben von Dingen, die ihn selbst beschäftigen, aber auf humorvolle und für Kinder nachvollziehbare Weise, wenn er beispielsweise in „Hinter meiner Stirn“ das eigentlich erst im fortgeschrittenen Alter auftretende Problem der Vergesslichkeit beschreibt. Und er scheut sich auch nicht, kontroverse Themen anzugehen: „Lieb, wen du liebst“ ist ein wunderbarer, aber manchem vielleicht schon zu weit gehender Apell für Diversität und Toleranz, und auch der Song „All diese Tiere“ mit seinem eindeutigen Statement gegen jegliche Form von Zoohaltung passt wahrscheinlich nicht in jedes Weltbild.
Kaum für Diskussionen sorgen werden dagegen „Die beste Therapie“ und „Raus in die Natur“, die zudem noch richtig gute Laune machen. Auch „Reibekuchen“ sind zwar kein unbedingt übliches Liedermotto, aber auf jeden Fall lecker! Mit dem verträumten „Meister der Magie“ spricht der Sänger wohl vielen Menschen aus dem Herzen und der Titelsong „Flaschenpost“ ist eine zauberhafte Hymne an diese altmodische, aber unglaublich spannende Art der Kommunikation.
Mich überzeugt dieses Album sowohl musikalisch als auch inhaltlich und zeigt einmal mehr, das handgemachte, ehrliche Musik tausendmal mehr berührt als auf Hochglanz produzierte Massenware. Diese sollten wir weder uns noch unseren Kindern zumuten – wie gut, dass es mit Johannes Stankowski und vielen anderen engagierten Musikern inzwischen zahlreiche Alternativen gibt!
Am 1. Februar 2023 durften wir Max Giesinger über Zoom einige Fragen stellen. Wir trafen auf einen gut gelaunten und sympathischen Sänger mitten in den Vorbereitungen zu seiner anstehenden Hallentournee. Das Interview führte Andreas Weist.
MHQ: Du spielst am 28. März in Saarbrücken in der Saarlandhalle. Eigentlich sollte das Konzert ja schon vor drei Jahren stattfinden. Wie hast du dir in der Zwischenzeit die Zeit vertrieben?
Ich komme gerade aus dem Urlaubsmodus und bin noch auf einer anderen Frequenz unterwegs. Aber ich hab versucht, die Zeit relativ sinnvoll zu nutzen. In der ersten Phase hab ich Kochen gelernt, weil ich nicht mehr rausgehen konnte, aber dann hab ich plötzlich gecheckt, dass man ja auch Essen bestellen kann. Aber die ersten zwei Monate hab ich tatsächlich für mich selber gekocht. Dann hab ich mit Yoga angefangen, im zweiten Corona-Jahr mit Tennis, Surfen – und dann, als es wieder ging, die Welt bereist. Ich habe versucht, ein paar gesündere Lebenseinstellungen einfließen zu lassen und mich nicht mehr kaputt zu arbeiten. Vorher war ich ständig unterwegs, jetzt habe ich ein ziemlich gutes Privatleben wiederhergestellt.
Fotocredit: Christoph Köstlin
MHQ: Immerhin habe ich dich danach zweimal open air gesehen. Letztes Jahr in Echternach (Luxemburg) und vor zwei Jahren beim Strandkorb-Konzert am Bostalsee. Was war das für ein Gefühl, vor Strandkörben zu spielen?
Die Strandkorb-Konzerte waren schon was besonderes. Die Distanz zum Publikum war etwas schwierig. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Der erste Strandkorb ist so in 25 Meter Entfernung. Du guckst von einer Riesenbühne runter und hast keine Masse vor dir, die miteinander agiert. Es war schwierig, dass der Funke übergesprungen ist, weil wir einfach so weit entfernt waren. Die Konzerte haben zwar Spaß gemacht, aber sie haben sich immer wie eine Probe angefühlt.
MHQ: Ich finde, die Stimmung war sehr gut. Besser als erwartet. Du hast dazu beigetragen, indem du trotz aller Einschränkungen dein „Bad in der Menge“, also zwischen den Strandkörben, genommen und auch die Zugaben von einem Podest aus dem Publikum gespielt hast. Gab es keinen Ärger deswegen?
Nein. Das war zu der Zeit auch schon wieder erlaubt. Ich bin ja nicht in die Strandkörbe rein gekrochen. Es war einfach eine absurde Zeit. Die Strandkorb-Shows waren gebucht, aber manche Clubs hatten auch schon wieder geöffnet. Trotzdem wollten wir die Konzerte spielen. Die Leute hatten ja Tickets dafür gekauft. Und wir versuchten, nach besten Möglichkeiten ein wenig Intimität zu schaffen. Das geht am besten, wenn du ins Publikum gehst. Und ich glaub für die Leute war das ganz cool, gemütlich zu sitzen. Aber meine Musiker mussten viel Energie in die Shows stecken. Das waren ja riesige Flächen wie Fußballfelder.
MHQ: Was dürfen wir den jetzt für die Saarlandhalle erwarten? Wird es neue Songs geben?
Es wird auf jeden Fall eine Kracher-Show. Wir proben jetzt erstmal eine Woche. Im Sommer haben wir viele Festivals gespielt und wieder ein Gefühl fürs Touren bekommen. Es wird ein „Best of“ aus allen großen Hits und Fan-Lieblingen. Es wird rockige aber auch akustische Momente geben. Es ist mir wichtig, dem Publikum nah zu sein und in den Dialog zu kommen. Es ist immer ein Highlight, auf unsre Konzerte zu kommen. Wir stecken sehr viel Liebe rein und sind auch bekannt dafür, dass es live echt Spaß macht. Ich kann alle nur herzlich einladen: Gönnt euch das!
MHQ: Deine Alben gefallen mir vor allem deshalb so gut, weil sie meist ein Konzept verfolgen und in vielen Songs deine Geschichte erzählen. Manchmal hat man das Gefühl, dass eine Story noch nicht zu Ende erzählt ist und die Alben einen „Director’s Cut“ brauchen. So hast du damals „Die Reise“ akustisch neu aufgenommen und in der Tracklist verändert. Und du hast „Vier“ um einige Songs erweitert und als „Viereinhalb“ neu veröffentlicht. Was ist deine Motivation dahinter?
Wenn man schöne Songs geschrieben hat, finde ich es immer ganz gut, wenn man die auch nochmal anders aufleben lässt. Bei der „Reise“-Platte haben die Songs auch so viel hergegeben. Man konnte sie super akustisch umarrangieren. Und bei „Vier“ hatte ich einfach extrem viele Songs geschrieben und es war total schwierig, die Stücke für die Platte auszuwählen. Also machten wir eine Art „add on“ und nannten das „Viereinhalb“, weil quasi nochmal eine halbe Platte mehr drauf war. So bediene ich mich an den Optionen, die möglich sind. Man kann Deluxe- oder Akustik-Platten machen. Und ich finde, ein guter Song ist nicht so schnell auserzählt.
MHQ: In „Pulverfass“ hältst du eine Ansprache an dein zukünftiges Kind, die ziemlich pessimistisch rüber kommt. Gleichzeitig gibt „Stell dir vor es wird gut“ eine positive Zukunftsperspektive. Wie ist deine Einstellung? Ist das Glas halb leer oder halb voll?
Das hängt von meiner Tagesform ab. Ich kann schon ein Pessimist sein und versuche dann, meine Erwartungen runter zu schrauben, damit ich nicht enttäuscht werde, wenn es doch nix wird. Damit bin ich schon öfter gut gefahren. Aber meist würde ich mich als kleinen Sonnenschein beschreiben, dass ich versuche, gut gelaunt durch du Welt zu gehen und das Beste draus zu machen. Es kann mich ziemlich abfucken, wenn es nicht gut läuft, aber ich bin auch sehr begeisterungsfähig, wenn es dann mal gut läuft.
MHQ: Als Motto für die Tour hast du den Song „Irgendwann ist jetzt“ ausgewählt. Eine Hymne für Eigenverantwortung und ein Aufruf, nicht alles aufzuschieben, was man erreichen will. Ist das die Botschaft, die du deinen Fans vermitteln willst? Geht nicht irgendwann mal wieder zum Konzert – sondern jetzt!
Stimmt. So kann man das auch sehen. Wer weiß, wie lange wir noch auf Tour gehen. Vielleicht hab ich ja in drei Jahren Bock, ein Café in Brasilien aufzumachen. Wenn du ein Konzert besuchen willst, dann mach es jetzt. Und wenn du Dinge in deinem Leben verändern willst, dann auch jetzt und nicht erst in ein paar Monaten. Diese Aufschieberei tut keinem gut. Natürlich ist es leichter, Instagram durchzuscrollen als deine wirklichen Probleme anzugehen. Ich hab letztes Jahr viel aufgeräumt und auch Dinge verändert, die mir auf den Keks gegangen sind. Das tut manchmal weh, aber es ist wie beim Fitness-Studio: Erst hat man keinen Bock drauf, aber hinterher ist es dann doch ein super Gefühl.
MHQ: In den ersten Albentiteln waren immer Bewegungselemente wie Laufen, Rennen und Reisen vertreten. Das Album „Vier“ fand ich dann schon überraschend. Heißt das, dass du inzwischen sesshaft geworden bist?
Das kann man noch nicht so genau sagen, aber ich bin jetzt näher dran am Sesshaft-werden. Mit 34 will man auch nicht mehr auf jeder Party rumtanzen. Man hat schon viel gesehen, weiß wie manche Dinge laufen und wird dadurch etwas entspannter. Da ist schon eine Grundentspannung und ich merke, dass ich weder mir noch irgendjemand anderem etwas beweisen muss. Ich hatte ein paar sehr erfolgreiche Alben und gute Songs im Radio. Da bin ich unfassbar dankbar für. Man kommt schon ein Stück bei sich an, aber es ist kein finales Ankommen. Das würde ich mit einem Stillstand verbinden. Wenn ich ein Ziel erreicht habe, will ich ein nächstes Ziel erreichen.
MHQ: Am Bostalsee hast du „Über den Wolken“ von Reinhard Mey gespielt. Kannst du dir vorstellen, mit 80 Jahren noch zweistündige Konzerte zu geben?
Auf jeden Fall hab ich da großen Respekt vor. Nach zwei Stunden oder oft auch zweieinhalb Stunden komm ich von der Bühne, bin fertig und könnte auch direkt schlafen gehen. Ich würde mir schon wünschen, dass ich das noch lange so machen kann. Aber mit 80? Das ist schon krass. Vielleicht sag ich auch mit 50: Okay, das war ne coole Zeit, aber jetzt kümmere ich mich um Kind und Garten und später um Enkel. Auf jeden Fall liebe ich das Musikmachen so sehr, dass ich mir im Moment nicht vorstellen kann, je ohne Publikum auszukommen. Aber sechs Wochen Tour mit 40 Konzerten wird es in zwanzig Jahren vermutlich nicht mehr geben. Dann macht man einfach etwas weniger.
MHQ: Hast du noch viel Kontakt zu Waldbronn und Karlsruhe? Eigentlich ist Saarbrücken ja fast ein Heimspiel für dich. Hat das eine besondere Bedeutung, dort zu spielen?
Ich mag es immer noch sehr, im Süden zu sein. Auch ans Saarland habe ich nur gute Erinnerungen. Das ist ein Bundesland, in dem wir immer tolle Konzerte gespielt haben. Das passt gut, ich hab Bock drauf und bin dankbar, dass mir die Leute dort schon seit Jahren so treu sind.
MHQ: Wann wird es denn ein fünftes Album geben? Hast du schon Pläne?
Gefühlt ist das noch ne Ecke weg. Ich hab langsam angefangen, ein paar Songs zu schreiben, aber ich will mir auch keinen Druck machen. Ich finde, du kannst nicht alle anderthalb Jahre eine neue Platte rausbringen. Du musst erstmal etwas erleben. Für eine gute Platte braucht man Stoff von 2-3 Jahren. Also: Es ist noch nichts in Aussicht, aber Ewigkeiten wird es auch nicht dauern.
MHQ: Der Song mit Michael Schulte ist aber kein Zeichen, dass du es mal auf Englisch probieren willst?
Also solomäßig fühle ich nicht, dass es ein englisches Album geben wird. Im Duo-Kontext könnte ich mir das schon vorstellen. Es ist nichts geplant, aber ich will das auch nicht komplett verneinen. Es wäre vorstellbar. Als Künstler will man auch mal was anderes machen. Nach links und rechts gucken, was da so geht, finde ich ganz spannend.
MHQ: Ich danke dir sehr für das Gespräch. Danke für deine Zeit!
Ein besonderer Dank geht an Heiko Renno von Saarevent für die Vermittlung, an die Tourpromoterin Anika Grillis für die Organisation und natürlich an Peter Goebel, der uns stets mit News zu Max Giesinger auf dem Laufenden hält.
Michael Schule und Max Giesinger / Fotocredit: Christoph Köstlin