Nicht lange nach dem medienwirksamen ECHO-Skandal zeigt sich Kollegah im STERN als geläuterter Rapper und kurbelt so ordentlich die Promo-Maschine für sein Sachbuch „DAS IST ALPHA! Die 10 Boss-Gebote“ an. Genau so funktioniert’s und das will ich ihm gar nicht ankreiden. Der Skandal, den der ECHO-Gewinn von Kollegah und Farid Bang auslöste, war so nicht vorherzusehen. Auch andere Rapper haben sich nicht gerade durch einen politisch korrekten Sprachgebrauch ausgezeichnet. Dass sie Begriffe wie „Auschwitz“ und „Holocaust“ für ihre Zwecke instrumentalisierten, war zu Zeiten von AFD und Pegida wohl eine Punktlandung, um anzuecken. So läuft das Geschäft. Als Ergebnis gibt es den ECHO nicht mehr und Kollegah hat Auschwitz besucht, um in Interviews sehr offen darüber zu sprechen und sich letztlich von den eigenen Texten zu distanzieren. Wenn man das Interview im STERN liest, nimmt man ihm diese Kehrtwende auch ehrlich ab. Felix Blume (so heißt der Rapper bürgerlich) ist vermutlich kein verkappter Nazi.
Im RIVA-Verlag erschien kürzlich sein erstes Buch und stürmte die Spitze der Sachbuch-Bestsellerliste. Im Prinzip ist es ein klassischer Selbsthilfe-Ratgeber: 10 Gebote für ein selbstsicheres Auftreten und ihre Umsetzung. Damit lockt man im Normalfall keinen Hund hinterm Ofen hervor. Was ausschlaggebend ist, sind Coolness und Wortwahl. Kollegah ist definitiv ein Boss in der Szene. Ein Alphatier. „DAS IST ALPHA!“ fällt also ebenso ins Auge wie der Nebentitel „Die Boss-Gebote“. Und er nimmt wie in den Songtexten kein Blatt vor den Mund: „Ein Alpha richtet den Blick auf den Horizont, nicht auf den Arsch irgendeines Anführers“, heißt es im Text.
Wenn man sich an die derbe Sprache gewöhnt hat, geht es im Prinzip um persönliche Weiterentwicklung und soziale Werte. Damit sind die „Boss-Gebote“ ein Ratgeber wie unzählig viele auf dem Markt. Aber dieser nimmt junge Menschen einfach da ab, wo sie stehen, und vermittelt Informationen mit viel Humor und hohem Unterhaltungswert. Das Buch ist sicher kein literarisches Meisterwerk, aber es fängt den Leser ein. Frech verpackte Weisheiten, einige Hintergründe zu Blumes Biographie – und ganz aus Versehen kann man auch noch etwas lernen. So geht im Bildung im Medienzeitalter.
Der Belgier Helmut Lotti hat es von Anfang an verstanden, mit seiner 3,5 Oktaven umfassenden Stimme und außerordentlichem Talent verschiedene Genres zu verbinden. Mit „Helmut Lotti Goes Classic“ startete 1995 sein internationaler Durchbruch und er eroberte damit die Welt. Das Album erreichte auf Anhieb Gold Status und seither verkaufte er über 13 Millionen Tonträger. Es folgten ein lateinamerikanisches Repertoire, russische Volkslieder, flämischer Schlager. Und zwischendrin Besonderheiten wie ein „Tribute To The King“ Elvis Presley. Bereits 1994 hatte Helmut Lotti auf Anfragen Konzerte mit einem 23-köpfigen Orchester gegeben. Es folgten spannende „Pop goes Classic“ Projekte, die seinen Weltruhm mehrten.
Im Jahr 2018 widmet er sich auf seinem neuen Album ganz dem Soul. Der Longplayer, der unter anderem die Vorabsingle „My Girl“ wie auch diverse große Soul-Klassiker von „Wonderful World“ über „Easy“ bis hin zu „So You Win Again“ enthält, wurde zusammen mit dem Golden Symphonic Orchester eingespielt. Die Arrangements erklingen dabei leicht und eingängig – zu keinem Moment bombastisch. Lottis Stimme steht stets im Vordergrund. Und selbst wenn er Simply Reds „If You Don’t Know Me By Now“ schmettert oder zum Ende hin Prince‘ „Purple Rain“ neues beschwingtes Leben verleiht, bleibt er ganz er selbst und macht sich die bekannten Titel gekonnt zu eigen.
Helmut Lotti stellt mit der Auswahl der Songs seinen ausgezeichneten Geschmack in Sachen Soul und sein Talent für melodische und romantische Musik unter Beweis. Das Album ist in seinem Aufbau sehr homogen und fasst einige der besten Stücke des Genres zusammen.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Seit es keine neuen Filme der „Bibi & Tina“ Reihe mehr gibt, drohen auch die Hits aus den gleichnamigen Soundtracks in Vergessenheit zu geraten. Okay – nicht überall. Meine zehnjährige Tochter beispielsweise schaut die Filme noch in steter Regelmäßigkeit und so wird im Hause auch weiterhin „Up, up, up – Nobody is Perfect“ geträllert. Zudem gibt es ja die Bühnenshow, die ab 2019 ein weiteres Mal durchs Land tourt.
Lina Larissa-Strahl allerdings, die Schauspielerin aus dem Film und Sängerin der meisten Titel, geht inzwischen ihren eigenen Weg als Popsängerin und macht einen weiten Bogen um den Beginn ihrer Karriere. Man kann es ihr nicht verdenken, will sie doch als LINA bekannt werden und nicht als „die Bibi aus den Filmen“.
Was es in einer solchen Konstellation allerdings wirklich selten gibt: Eine Riege zum Teil ganz junger Popkünstler, zum Teil gestandener Damen und Herren aus dem Showbusiness, hat sich zusammengefunden, um die Songs von Peter Plate und Ulf Leo Sommer neu zu interpretieren. Und das Ergebnis ist eine ganz gelungene Zusammenstellung, die die Filmhits zum neuen Leben erweckt.
Wir hören also, wie die Lochis auf Amadeus und Sabrina reiten, wie Sido ein entspanntes „Omm“ von sich gibt, wie Roland Kaiser von Maite Kelly in die Jugendsprache eingeführt wird und wie alle zusammen ihren Status in „Mädchen gegen Jungs“ verteidigen. LEA verleiht ihre wundervolle Stimme dem Song „Funky Monkey“, Johannes Oerding singt das optimistische „Bester Sommer“ als stamme es schon immer aus seiner Feder und The BossHoss widmen ihre Cowboystiefel wie selbstverständlich diesmal den „Mädchen auf dem Pferd“.
Wenn ihr als Eltern noch Zweifel habt: Seid versichert – es funktioniert! Die Kids sind glücklich, weil sie ihre altbekannten Stücke in neuen Versionen hören dürfen (zum Teil von Lieblingskünstlern wie Lukas Rieger und Matthias Schweighöfer), die Eltern können sich entspannt zurücklehnen und den Stimmen namhafter Popkünstler lauschen. So passt’s. Und wenn es allzu stressig wird, kann man schnell zu Max Raabe skippen: „Viel zu selten gehen wir zelten“. Wundervoll!
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Tom Gaebel zelebriert den perfekten Tag. Dass er dazu aber tatsächlich „Eye Of The Tiger“ braucht? Obwohl – so abwegig ist das nicht. Durch „Rocky“ wurde der Song zur Motivationshymne schlechthin. Und Tom Gabels mit Bläsersatz versehene Swingversion ist einfach genial, ebenso wie das zugehörige Retro-Video.
Seine Fans nennen ihn liebevoll „Dr. Swing“ – und das charakterisiert den deutschen Künstler Tom Gaebel ziemlich treffend. Der studierte Jazzsänger wurde vor 15 Jahren mit seinem Projekt „Tom Gaebel & Band spielen Frank Sinatra“ bekannt. Inzwischen singt er zunehmend Eigenkompositionen, die stilistisch aber durchaus aus den Swinging Sixties stammen könnten.
Im Herbst 2018 erscheint mit „Perfect Day“ sein inzwischen achtes und wohl persönlichstes Album. Es ist bestückt mit 13 Songs – dreieinhalb davon Adaptionen, ansonsten ausschließlich Originale. Mit diesem Album haben Tom, sein Echo-bepreister Produzent Vincent Sorg sowie die beteiligten Musiker einen musikalischen Kurs abgesteckt, der direkt in Tom Gaebels Welt führt: einen Kosmos zwischen lässig vorgetragenem, fingerschnippend-gutem Big-Band-Swing, gehobenem Easy Listening und eindrucksvollem Pop-Jazz-Spektakel.
Ob nachdenklich-feines Crooning oder große, theatralische Freddie-Mercury-Geste, ob James-Bond-Anklänge, ob kongeniale Elvis-Impersonation mit seinen Musik-Kollegen und Gaststars von den Baseballs bei „What About Love“ – dieser Tom Gaebel hat all seine Lektionen gelernt und brilliert als Sänger und Entertainer nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Studio.
Doris Kaempfert, die Enkelin von Bert Kaempfert gab ihm die Erlaubnis einen Text auf den Instrumental-Titel „Why Can’t You And I Add Up To Love“ zu schreiben. Herausgekommen ist ein wunderbares Stück Easy Listening mit der ebenso hübschen wie talentierten Schauspielerin Natalia Avelon als naiv hauchender, im Stile einer Bardot oder Birkin agierender Duett-Partnerin. „Taking Back My Crown“ ist großes Kino: fette Bläser, Geigen-, Spieluhr-Momente und dramatische Aufwärts-Bewegung. „Someone Else“ funktioniert als anrührender Lovesong mit beatlesesker Introduction und einem alles auffahrenden, alles einnehmenden Refrain.
Schon nach wenigen Höreindrücken lädt das Album zum mitschwingen und mitsingen ein. Tom Gaebel gehört mit seiner wundervollen Stimme auf die große Bühne und mit „Perfect Day“ macht er einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Der eine ist der unumstrittene Tausendsassa des Progressive Rock: Steven Wilson hat mit Porcupine Tree den Prog in neue Sphären gehoben, macht Ambient mit Bass Communion, Artpop mit No-Man, ist inzwischen als umjubelter und von der Kritik gefeierter Solokünstler unterwegs und remastert ein klassisches Album nostalgischer Prog- und Rockkünstler nach dem anderen. Aviv Geffen hingegen ist ein Popstar in Israel. Seine Platten sind fast ausschließlich in seiner Heimat erfolgreich, dort aber ist er ein gefeierter Künstler.
Beide hat das Schicksal im Jahr 2001 trotz ihrer vollen Terminkalender zusammen geführt und mit Blackfield haben sie eine einzigartige Band geschaffen, die dazu führte, dass inzwischen auch Aviv Geffen internationale Erfolge feiern konnte. Die fünf bisherigen Alben, alle bis auf das dritte („Welcome To My DNA“) immer mit römischen Ziffern durchnummeriert, bieten eine Form von Pop, die perfekter nicht sein könnte. Bei der Beteiligung von Wilson als Perfektionist in Person auch nicht weiter verwunderlich.
Der Sound der Songs ist lautmalerisch, harmonisch, bisweilen mit Streichern unterlegt und meist mit Geffens charismatischer Gesangsstimme versehen. Wer sich davon überzeugen will, kann mit „Open Mind“ durch den Backkatalog des Duos schlendern – vom ersten Album aus dem Jahr 2004 bis zum aktuellen Werk, das von keinem Geringeren als Alan Parsons produziert wurde. Steven Wilson hat mit diesen Stücken seine ersten Schritte in klassischer und vor allem kunstvoller Popmusik gemacht, Aviv Geffen konnte über den Tellerrand Israels hinausschauen und sich dort sichtlich wohlfühlen.
Blackfield ist ein äußerst gelungenes Experiment der Prog- und Popgeschichte. An wem dies bisher vorbei gegangen ist, der sollte hier schleunigst zuschlagen.
Mit seinem Album „Up“ hat mich Nils Wülker vor drei Jahren wahrlich überrascht. Er ist in Bonn geboren, begann mit zehn Jahren, Trompete zu spielen, war Mitglied im JugendJazzOrchester NRW und studierte an der Hochschule für Musik in Berlin. Er arbeitete mit Stars wie Silje Nergaard, Gregory Porter und Samy Deluxe. Dann der Durchbruch 2013, als er mit dem ECHO ausgezeichnet wurde und den German Jazz Award erhielt.
Und was ist es nun, was ihn über andere Jazztrompeter hinaus hebt? Er hat sehr poppige und lautmalerische Elemente in seinen Stücken. Das hat nichts gemein mit lauter Blasmusik, ist aber auch nicht jazzig verkopft. Nils Wülker produziert einfach schöne Melodien, die von der Trompete über eine reduzierte, atmosphärische Begleitung getragen werden. Dabei setzt er sein Instrument ein wie andere Künstler ihre Stimme. Es kommt selten vor, dass ich bei Popmusik die Vocals absolut nicht vermisse.
„Decade – Live“ ist nicht nur sein zehntes Album sondern auch sein erstes Livealbum. „Live-Alben sind oft ein Anhängsel“, bemerkt Nils Wülker. „Für mich ist dies aber ein wichtiges und vollwertiges zehntes Album, nicht nur eine Dokumentation, wie das Studiowerk auf der Bühne klingt. Einfach weil dahinter eine für mich wesentliche musikalische Entwicklung steht und die interaktive Live-Seite bisher so eben auch noch nicht auf Album dokumentiert war.“
Und was wir hier nun hören, ist musikalische Perfektion in Liveatmosphäre. Wunderschön erklingen die Melodien, die zwar auf verschiedenen Konzerten in Deutschland mitgeschnitten wurden, aber wie aus einem Guss wirken. Schon die rhythmische Untermalung bei „Conquering The Useless“ und „Wanderlust“ ist einfach traumhaft. Wenn die Vocals von Rob Sommerfeld eingesetzt werden (bei „Grow“ und „Season“) ist das okay, aber eigentlich nicht nötig, da es fast schon von den Trompetenklängen ablenkt.
„Safely Falling“ klingt sehr verjazzt – also auch das ist möglich – und die ausufernden Keyboardklänge sind genauso stark eingesetzt wie immer wiederkehrende Pianotöne. Selbst rockige Passagen finden ihren Raum und Arne Jansens Gitarre darf sich durchaus in ordentlichen Riffs verlieren.
Das Album bringt dreizehn Wülker-Stücke aus ebenso vielen Jahren in einen Fluss – kraftvoll, dynamisch, beeindruckend frisch.
Für die norwegische Sängerin Rebekka Bakken brachten die letzten Jahre sowohl in beruflicher wie auch in persönlicher Hinsicht zahlreiche Veränderungen mit sich: Neues Booking und Label, neuer Wohnort, neuer Mann und die Geburt des eigenen Kindes. Die Erfahrungen im Umgang mit all diesen Veränderungen verarbeitet sie nun in ihrem aktuellen Album „Things You Leave Behind“.
Rebekka Bakken ließ sich noch nie einfach in eine musikalische Schublade stecken. Und so zeigen auch die aktuellen Stücke eine große stilistische Vielfalt, von entspannten Jazzklängen in „Closer“ über Vintage-Pop wie „Shelter“ und den rhythmischen Ragtime von „Charlie“ bis zur melancholischen Country-Ballade „Sound of Us“. Alle Titel aber werden getragen von Rebekkas einzigartiger Stimme und einer einheitlichen, insgesamt sparsamen Instrumentierung. Trotz aller Vielfalt schafft die Sängerin für das Album so einen eigenen und wiedererkennbaren Sound.
In den fast ausschließlich selbstgeschriebenen Texten erzählt Rebekka von Abschied und Neubeginn – manchmal in melancholischer Rückschau wie in „Yankee Days“, dann wieder in fast trotziger Selbstreflexion wie im Titelsong „Things You Leave Behind“. Mein persönlicher Lieblingssong ist die tieftraurige Ballade „True North“, in dem es darum geht, einen geliebten Menschen loslassen zu können. Besonders faszinierend finde ich allerdings den Abschlusstitel „Dance For You“ eine eher eindrücklich erzählte als gesungene, eigenartig düstere Liebeserklärung.
Zwei Songs stammen nicht von Rebekka selbst, fügen sich aber perfekt in die Stimmung des Albums ein: Ein wunderschönes ruhiges Cover von Cindy Laupers „Time After Time“, und die sehr emotional vorgetragenen Version der ziemlich unbekannten Ballade „Hotel St Pauli“.
Rebekka Bakken selbst bezeichnet „Things You Leave Behind“ als Ergebnis eines Reifeprozesses. Und tatsächlich zeigt dieses Album sie mehr denn je als gereifte und selbstbewusste Sängerin und Songwriterin, die ihren ganz eigenen musikalischen Weg geht.
Am Donnerstag gab es in der Kölner Live Music Hall eines der wenigen Deutschlandkonzerte von Passenger, natürlich ausverkauft. Im Vorfeld durfte unser Redakteur Andreas Weist den sympathischen Künstler zu einem Interview treffen, das in den mit hübscher Nostalgie-Tapete ausgestatteten Backstageräumen der Halle stattfand.
Hallo. Ich bin Andreas von MusicHeadQuarter, einem Onlinemagazin mit Sitz hier in Köln. Dein wirklicher Name ist Mike Rosenberg. Darf ich dich Mike nennen oder willst du Passenger genannt werden?
Mike: Mike ist absolut okay.
Das letzte Konzert, das ich von dir gesehen habe, war 2017. Ein Open Air in Luxemburg. Damals hast du von einer längeren Pause gesprochen. Jetzt – ein Jahr später – gibt es zwei neue Alben und eine große Welttournee. Bist du schlecht darin, Urlaub zu machen?
Mike: Ja, das ist echt schwer. Ich arbeite schon so lange auf diese Weise und es ist echt schwierig, damit aufzuhören. Ich war neun oder zehn Monate nicht auf Tour. Für mich ist das schon eine sehr lange Pause. Für andere ist das ganz normal, aber für mich nicht. Es liegt daran, dass ich so viele neue Sachen schreibe und diese dann mit jedem teilen will. Es ist ein Kreis, den ich nur schwer durchbrechen kann.
Oft hast du ja ein Album mit großer Promotion, wie das aktuelle „Runaway“ Album, dazwischen aber öfter mal kleinere Releases wie „The Boy Who Cried Wolf“. Steckt da ein System dahinter?
Mike: Ja. Das liegt daran, dass ich oft zwei Arten von Songs schreibe: Das poppige, radiofreundliche Material, zum Beispiel „Hell Or High Water“ und „Survivor“ – solche Art von Songs. Dann gibt es aber auch diese Seite von kleinen Folksongs, die nicht so für die breite Masse sind. Ich mag es, große Alben zu schreiben wie „Runaway“ und „Young As The Morning Old As The Sea“. Wir können mit den großen Labels arbeiten eine große Kampagne machen mit Radio und allem Drum und Dran. Und dann gibt es eine Zeit für die kleinen Songs. „The Boy Who Cried Wolf“ ist voller Songs, die ich wirklich liebe, die aber nicht auf die großen Alben passten. Es ist Platz für beide Arten von Songs, ich muss einfach nur entscheiden, welche ich auf welche Art von Album bringe.
Das neue Album heißt „Runaway“. Läufst du vor etwas weg?
Mike: Oh ja – das habe ich viele Jahre lang getan. Gerade der Song „Runaway“ spricht davon, dass ich aufhören muss zu laufen. Ich habe eine Freundin, zwei Katzen, ein schönes Haus. Zum ersten Mal vermisse ich mein Zuhause, wenn ich auf Tour bin und durch die Welt reise. Vorher habe ich das eine lange Zeit nicht vermisst. Es war einfach nichts da, was ich vermissen musste. Es ist also das genaue Gegenteil: Das Album handelt davon, dass man ruhiger wird und dass schätzt, was man hat.
Das Cover zeigt dich auch eher in einer Position, die suchend wirkt. Nicht als ob du wegläufst. Hast du neue Ziele im Blick? Oder bist du glücklich mit deiner Karriere?
Mike: Ich bin sehr glücklich. Ich hätte nie gedacht, dass ich eine solche Karriere haben werde. Ich war Straßenmusiker und habe jede Nacht für ein paar Leute in einem Pub gespielt. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal so große Konzerte geben werde. Das ist einfach wundervoll. Das schlimmste was man tun kann, ist sich selbst unter Druck zu setzen. Egal ob es um die Musik oder das Leben im Allgemeinen geht. Wenn du dich unter Druck setzt, wird es hundertmal härter. Du musst es fließen lassen und was passiert, passiert. Das ist die Antwort. Meine Karriere – das sind zehn Albums, „Let Her Go“, all die wundervollen Konzerte. Ich muss mir nichts mehr beweisen. Aber ich bin immer noch hungrig, will immer noch Alben schreiben. Aber vor „Let Her Go“ gab es einen Teil in mir, der alles voran treiben wollte. So fühle ich mich heute nicht mehr. Ich bin viel entspannter geworden.
Manchmal spielst du Konzerte mit großer Band, dann wieder ganz allein mit Gitarre. Was können wir heute in Köln erwarten?
Mike: Solo! Eigentlich ist das mit der Band gar nicht Passenger. Ich bin Passenger. Die meiste Zeit in den letzten zehn Jahren war ich allein auf der Bühne. Natürlich macht es Spaß, mit der Band durch die Welt zu touren. Ich liebe die Jungs. Das gilt auch für die Alben. Da gibt es groß produzierte Alben mit vielen Instrumenten – und dann wieder den reduzierten Stoff, den ich allein interpretiere.
Wie kommt es, dass so viele deiner Songs traurig und melancholisch klingen?
Mike: Ich weiß es auch nicht. Okay – ich mache viele Scherze darüber, wie depressiv meine Musik manchmal ist. Aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so. Sie ist nicht depressiv. Du hast Recht, da ist eine gewisse Traurigkeit in den Songs oder eine Melancholie. Aber da sind auch Hoffnung und eine positive Einstellung. Als Songwriter will man alle Seiten des Lebens darstellen. Jede Emotion, jedes Gefühl. Es ist nicht nur traurig und melancholisch. Auch lustig, wütend, frustrierend – all das. Ich denke, mehr und mehr drücke ich all das aus.
Ich liebe den neuen Song „To Be Free“. Er erzählt die Geschichte deines Vaters und seiner Familie. Deine Großeltern waren Juden und mussten während des zweiten Weltkriegs aus Deutschland fliehen. Was fühlst du, wenn du diesen Song in Deutschland spielst?
Mike: Ich habe nur Liebe für Deutschland. Deutschland heißt mich immer so herzlich willkommen und ist so wunderbar zu mir. Mir ist bewusst, dass diese Geschehnisse vor sehr langer Zeit waren. Wir müssen alle vorsichtig sein bei dem, was im Moment passiert, und sichergehen, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. Es gibt viele erschreckende Anzeichen. Nicht nur in Deutschland sondern auch in den USA, in Großbritannien, überall – diese Form von politischen Turbulenzen. Ich denke, es hat ganz sicher nichts mit Deutschland zu tun sondern ist mehr die Geschichte der Menschheit.
Im Text von „To Be Free” erzählst du vom Reisen rund um die Welt wie eine Feder auf der Meeresbrise. Gibt es einen Ort, den du Heimat nennst? Vielleicht Brighton, wo du herkommst?
Mike: Auf jeden Fall fühle ich mich als Engländer. Mein Vater ist Amerikaner, meine Mutter stammt aus Großbritannien. Ich bin viel herum gekommen, aber ich sehe mich ganz klar als Engländer. Und Brighton ist der Ort, in dem ich immer noch lebe. Also das ist mein Zuhause.
Ist der Brexit ein Problem für dich als Künstler?
Mike: Es ist vor allem ein persönliches Problem für mich. Ich hasse den Brexit und alles, wofür er steht. Ich muss gar nicht erwähnen, wie schrecklich das für unsere Wirtschaft ist. Aber davon abgesehen ist diese Entscheidung so negativ und engstirnig. Genau das Gegenteil von dem, wie die Menschen sein sollten. Es ist ein Chaos. Ich habe mir noch nie so viele Sorgen um Großbritannien gemacht und darum, wo dies hin führt. Man muss schauen, ob das so durchgeht. Ich hoffe immer noch, dass es einen Ausweg gibt, um den Brexit zu verhindern.
Auf dem neuen Album sind sehr viele amerikanisch klingende Songs wie zum Beispiel „Ghost Town“, der von verlorenen Orten in Detroit erzählt. In der Vergangenheit klangst du für viele Fans eher britisch oder australisch. Jetzt amerikanisch. Was ist die Idee dahinter?
Mike: Als ich mich hingesetzt habe, um all diese Songs aufzunehmen, fiel mir auf, dass da ein amerikanisches Thema ist, das die Stücke verbindet. „Ghost Town“ auf jeden Fall. Und „To Be Free“ über meine amerikanische Familie. „Eagle Bear Buffalo“ handelt vom Yellow Stone Nationalpark. Nur drei oder vier Songs sprechen wirklich klar über Amerika, aber alles zusammen fühlte sich sehr amerikanisch an. Die Westküste, Adler, der American Way. Ich wollte das ausbauen. Ich bin Halbamerikaner, ich war schon oft dort, ich höre amerikanische Musik. Ich merkte einfach, dass das ein wichtiges Thema ist, um es auf ein Album zu bringen. Es gibt meinem Schaffen eine neue Wendung. Nach zehn Alben muss man aufpassen, sich nicht ständig zu wiederholen. Es war eine gute Erfahrung für mich, in diesen Americana Stil zu schlittern.
Ich mag die Videos sehr. Du hast dir sehr viele Mühe gegeben, alle Songs in Bilder zu fassen. Das war vermutlich viel Arbeit?
Mike: Vielen Dank. Ja, das war mir sehr wichtig und hat viel Zeit gekostet. Wenn du Musik und die Videos zusammen hast, zeigt das eine große Wirkung. Als ich mich entschied, dieses amerikanische Album zu machen, kam auch schnell die Idee, durch Amerika zu reisen und die Videos aufzunehmen. Es hat vor allem viel Spaß gemacht. Ich war mit drei meiner besten Freunde unterwegs. Das war eine gute Zeit aber wir hatten auch sehr viel Arbeit. Es waren aufregende Monate.
Und eine Pause gab es so auch nicht.
Mike: Genau. Keine Pause. *lacht*
Der Song „Survivor“ erzählt vom Überleben in einer sehr konfusen Welt. Bist du eher optimistisch oder pessimistisch, was das angeht?
Mike: Da fühle ich mich jeden Tag anders. Manchmal glaube ich an unsere Menschlichkeit und die Fähigkeit, mit den Veränderungen umzugehen. An anderen Tagen verzweifle ich an der Selbstverliebtheit in unserer modernen Kultur und ich sehe keinen Weg zurück. Ich fühle mich jeden Tag anders. Aber was Deutschland angeht: Ich glaube an die Menschen. Es gibt soviel Gutes und Liebe in den Menschen. Ich denke, dass sich das durchsetzen wird.
Ein anderer Song heißt „Why Can’t I Change”. Gibt es etwas, dass du gerne ändern würdest?
Mike: Auf jeden Fall. Viele Dinge. Ich glaube, wir machen immer wieder die gleichen Fehler. Es ist ein einfacher Song, der die Frustration mit sich selbst ausdrückt. Warum kann ich das nicht anders machen? Warum lerne ich nicht aus meinen Fehler? Ein sehr einfacher Song.
Die Zuschauer reagieren sehr enthusiastisch, wenn du deine Hits spielst, vor allem „Let Her Go” aber auch „Holes”. Magst du es, diese Songs jeden Abend zu spielen? Oder ist es eine Belastung aufgrund der Erwartungen des Publikums?
Mike: Ich liebe es. Wirklich! Ich weiß, dass manche Künstler genervt sind, wenn sie immer wieder ihre Hitsingle spielen müssen. Egal, wo ich bin in der ganzen Welt: Wenn ich die erste Zeile von „Let Her Go“ spiele, rasten alle aus. Ich finde es sehr schwierig, genervt davon zu sein. Es ist einfach ein wunderbares Gefühl. Ich hatte großes Glück. Viele Künstler schreiben sehr gute Songs, aber kaum jemand hört sie. Aus welchem Grund auch immer: „Let Her Go“ war der richtige Song zur richtigen Zeit und hat mein Leben verändert. Ich werde niemals aufhören, dankbar für diesen Song zu sein.
Eine letzte Frage: Manchmal spielst du Coverversionen wie zum Beispiel „Sound Of Silence“. Inzwischen hast du aber zehn Alben mit eigenen Songs. Warum spielst du nicht nur eigene Sachen?
Mike: Ich denke, das nimmt die Menschen mit. Wenn ich auf der Straße ein Cover spiele, denken die Leute: Oh, ich kenne diesen Song. Sie bleiben stehen und hören zu. Danach spiele ich dann einen meiner eigenen Songs und sie mögen ihn vielleicht – kaufen vielleicht eine CD. Diese Einstellung habe ich auch bei meinen Konzerten. Sie sind nicht nur voll mit Passenger-Fans, die jede Single kennen und jedes Album gekauft haben. Manche sind zum ersten Mal bei einem meiner Konzerte, vielleicht von der Freundin mitgeschleppt. Ein Coversong kann dazu führen, dass man jeden mitnimmt.
Und in deiner Anfangszeit? Hast du auch Konzerte mit ausschließlich Coversongs auf der Straße gespielt?
Mike: Es war immer eine Mischung aus beidem. Ich habe viel daraus gelernt. Eine Kombination aus beidem ist einfach eine gute Sache. Es gibt so viele wundervolle Songs, die nicht von mir stammen. Ich liebe es, wenn Künstler Coversongs spielen. Ich liebe es auch, wenn meine Songs gecovert werden. Es ist schon schmeichelhaft, wenn sich jemand hinsetzt und hart daran arbeitet, meinen Song spielen zu können. Du kannst alles mit allen teilen – und manchmal gibt es auch Leute, denen das nicht gefällt. Ich erinnere mich, dass wir mal einen Titel von Prince gecovert haben. Seine loyalen Fans haben sehr darüber geschimpft. Dabei ist es so schön, zu teilen. In den 60er Jahren hat jeder für jeden Songs geschrieben und man hat die Songs der anderen gespielt. Das war eine tolle Zeit.
Vielen Dank, das war’s schon. Hat mich sehr gefreut, dass du dir soviel Zeit für mich genommen hast.
Ein weiterer Dank geht an Annett Bonkowski von verstärker medienmarketing für die Vermittlung des Interviews und an Tourmanager Thomas Stein für die nette Betreuung vor Ort.
Philipp Poisel feiert im Jahr 2018 das zehnjährige Bühnenjubiläum. Grund genug, mal wieder auf Clubtour zu gehen und nach den großen Konzerten der letzten Jahre etwas kleinere Hallen anzusteuern. Die Europahalle Trier war in Windeseile ausverkauft und das Publikum zeigte sich altersmäßig bunt gemischt, aber ziemlich fest in weiblicher Hand, was man vor allem an den Mitsingparts während des Konzerts merken konnte.
Bevor es aber mit Philipp Poisel los ging, war der Support Luisa Babarro an der Reihe. Diese sang und spielte sich schnell mit leisen Klängen in die Herzen der Zuschauer. Sie erzählte von ihrer klassischen Ausbildung am Cello und dem Entsetzen, als plötzlich ein Pop-Künstler anfragte, ob sie ihn auf Tour begleiten würde. Mit dem Namen Philipp Poisel konnte sie damals gar nichts anfangen und sagte erst einmal ab. Doch gutes Zureden des Managements führte dann dazu, dass Luisa bei Poisels Projekt Seerosenteich dabei war. Viele der anwesenden Zuschauer haben sie in dieser Funktion schon live gesehen.
In Trier aber brachte sie ihre eigenen Songs, oft begleitet von einem Gitarristen, dann in einer Mischung aus Stimme und Cello. Der neue Song „Magnet“ glänzte mit elektronischen Klängen. Es war nur ein 20 Minuten kurzer Set, doch sie betörte das Publikum mit ihrer hohen Stimme, sang gefühlvoll und erzählte ihre Geschichten, beispielsweise davon, wie sich Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat fühlen („Auf Papier“).
Philipp Poisel startete sein Konzert genau so ruhig, wie der Support geendet hatte. Die Clubtour bedeutet zunächst einmal die Abkehr von den groß angelegten Arena-Konzerten und Open Airs der letzten Jahre. Vom Projekt Seerosenteich ist nur noch ein Kontrabass übrig geblieben. Ansonsten wirkt die Show bodenständig mit starker Rockband. Und ganz ohne Leinwand-Brimborium oder Zur-Schau-Stellung des Künstlers. Im Gegenteil: Philipp bleibt fast das ganze Konzert über im Halbdunkel und wird im Gegensatz zu den Bandkollegen nicht angestrahlt. So etwas erlebt man nicht oft im Musikgeschäft, aber es ging im wohl darum, die Musik in den Mittelpunkt zu stellen und nicht sich als Sänger. Das ist zumindest meine Interpretation.
Das Album „Mein Amerika“ bedeutete schon eine stilistische Veränderung in der Musik Poisels. Mehr elektronische und auch amerikanische Klänge. Solche Neu-Interpretationen erfuhen auch manche Titel, die am Abend gespielt wurden. „Zünde alle Feuer“ funktionierte plötzlich sehr ungewohnt als amerikanische Rocknummer. Für „Froh dabei zu sein“ legte Philipp das Mikro weg und schaffte es, die ausverkaufte Europahalle bis in die letzten Reihen ruhig zu halten, um den Song ohne Verstärkung zu singen. Auch das ist eine enorme stimmliche Leistung.
„Mit jedem deiner Fehler“ wurde als ruhiger Song im Lauf des Stücks zum echten Soundgemälde, gefolgt von „Erkläre mir die Liebe“ im elektronischen Gewand, dem sehr basslastigen „Für immer gut“ und einem „Als gäb’s kein Morgen mehr“, für das Philipp einen elstatischen Ausdruckstanz inklusive Breakdance-Einlagen hinlegte. Für „Ich und du“ gab es gefühlvolle Unterstützung von Luisa Babarro am Cello. Und damit nicht genug: Gemeinsam im Duett sangen sie „Wenn du mich nicht mehr lieben kannst“ sehr herzergreifend und von den Zuschauern umjubelt.
Im Zugabenblock gab es das atmosphärische „Durch die Nacht“, den brandaktuellen Song „Freunde“, der noch auf keinem Album vertreten ist, den das Publikum aber dank YouTube textsicher mitsingen konnte, und die schmerzvolle Ballade „Wie soll ein Mensch das ertragen“. Doch erst mit „Liebe meines Lebens“ entließen die begeisterten Zuschauer Philipp Poisel nach zwei Stunden und 15 Minuten Konzertlänge von der Bühne. Ein glückseliges Ende für ein wundervolles Konzert. Während sich viele Selbstdarsteller auf den Konzertbühnen tummeln, hat Poisel mal wieder gezeigt, warum er an der Spitze der Deutschpoeten steht: Es ist der Song und nicht der Writer.
Setlist – Philipp Poisel, Trier Europahalle, 28.9.2019
Halt mich
Roman
Zünde alle Feuer
Wo fängt dein Himmel an
Froh dabei zu sein
Mein Amerika
Geh nicht
Markt und Fluss
Mit jedem deiner Fehler
Erkläre mir die Liebe
Für immer gut
Als gäb’s kein Morgen mehr
Ich und du
Wenn du mich nicht mehr lieben kannst (Duett mit Luisa Babarro)
Eiserner Steg
Ich will nur
Zum ersten Mal Nintendo
Bis ans Ende der Hölle
All die Jahre
Durch die Nacht
Freunde
Wie soll ein Mensch das ertragen
Am 27.9.2018 war Passenger zu Gast in der ausverkauften Live Music Hall in Köln. Ich durfte zunächst ein Interview mit dem sympathischen Briten führen, musste mich danach aber wie alle anderen in die einige Hundert Meter lange Schlange durch die Kölner Lichtstraße einreihen. Kein Problem – in der wärmenden Abendsonne. Und eine gute Möglichkeit, die Atmosphäre der gespannt Wartenden zu schnuppern.
Vor einem Jahr sah ich ihn auf einem wundervollen, atmosphärischen Open Air in Luxemburg. Damals noch mit großer Band. Und er jagte den Zuhörern einen gehörigen Schrecken ein: jetzt sei erst einmal eine längere Pause angesagt. Eigentlich allzu verständlich, ist Mike David Rosenberg aus dem britischen Brighton doch seit Jahrzehnten auf fortwährender Tour. Bevor er pausierte, sollte allerdings noch ein neues Album erscheinen: „The Boy Who Cried Wolf“. Wie immer voller eingängiger und emotionaler Akustik-Balladen. Und schon ein Jahr später erschien das neue Album „Runaway“. Übrigens das zehnte Studioalbum in elf Jahren. War wohl nichts mit Pause. Die Gründe dafür erläutert Mike HIER im Interview.
Nun aber zum Konzert. Den Anfang machte Steph Grace aus Australien. Eine junge Songwriterin, die wie Passenger mit Straßenmusik angefangen hat und nun die große Chance erlebt, mit ihm auf Tour zu gehen. Ein schöner Support, der einen magischen Moment zu bieten hatte: Als Steph einen Song für ihren verstorbenen Vater ankündigte, ging plötzlich ein Handylicht in der Menge auf, dem viele viele Weitere folgten. Steph Grace war überwältigt von diesem Zeichen und brach mitten im Song in Tränen aus. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr das Publikum so aufmerksam zuhörte. Aber es war nun mal ein ganz besonderer Gig mit einem speziellen Publikum. Auch Passenger lobte die Kölner später für ihre Stille zwischen den Songs. Steph Grace hat sich auf jeden Fall mit diesem kurzen Support in die Herzen der Zuschauer gespielt. Man hoffte, noch mehr von ihr hören zu dürfen.
Passenger erschien kurze Zeit später allein mit Gitarre auf der Bühne und begann den Set mit dem ruhigen „Fairytales & Firesides“. Er hatte schon im Interview gesagt, dass es nach der großen Tour mit kompletter Band wieder an der Zeit ist, zurück zu den Wurzeln zu gehen. So spielt er die momentane Europatournee allein ohne Brimborium. Nur Stimme und Gitarre. Selbst die Rhythmus-Elemente erzeugt er auf dem Gehäuse selbst.
Trotzdem gab es aber nicht nur stille Momente. Schon „Life’s For The Living“ wurde als Rockhymne ordentlich abgefeiert, gefolgt von dem nicht weniger starken neuen Song „Hell Or High Water“. Das ruhige „David“ widmete Passenger einem Obdachlosen, den er einmal vor einem Hostel getroffen und mit dem er sich mehrfach unterhalten habe. Eine Geschichte, voll aus dem Leben gegriffen. Und er erzählte nicht nur bei den Ansagen zwischen den Songs, sondern auch im Stück selbst. Die Leute hingen an seinen Lippen, was Passenger auch erfreut bemerkte.
Ein besonders intimer Moment entstand bei der Ballade „To Be Free“, die Passenger seinen Großeltern widmete. Der Großvater stammte aus Köln, die Großmutter aus Polen. Beides Juden, die während der Nazizeit aus Deutschland fliehen musste. Er appellierte an die Fans, allen Flüchtlingen zu helfen, was ihm großen Applaus einbrachte. Während des Songs kochten die Emotionen hoch – vielleicht als Passenger klar wurde, dass er hier in Köln singt. Dem Ort, aus dem sein Großvater fliehen musste. Zumindest brach ihm für einen kurzen Moment die Stimme. Die Liebe des Publikums war ihm sicher.
Eine Coverversion von „Sound Of Silence“ leitete er mit der Geschichte von einem jungen Fan ein, der ihm unlängst versicherte, was für einen tollen Song er da geschrieben habe. „Wenn ihr den zufällig mal trefft: Bitte erzählt ihm nicht, dass das Stück nicht von mir ist.“ Was man dann aber hören durfte, war eine Hammerversion des altbekannten Titels mit viel Energie und enormer Lautstärke. Aus der Ballade wurde ein starker Rocksong.
Das lustige „I Hate“ mutierte zur lang ausgedehnten Mitsingnummer. Dann sagte Passenger mit vielen Worten die neue Single „Survivors“ an. Die Leute hörten so gebannt zu, dass er irgendwann die bange Frage stellte, ob noch Überlebende anwesend seien. Eine Frau rief „We are here“ und Passenger konnte erlöst in den Song starten. Auch zu „Let Her Go“ entstand ein Moment, den Passenger bisher noch nicht erlebt hatte: Im Publikum gab es einen Heiratsantrag und die Menge jubelte dem frisch verlobten Paar zu. Passenger änderte dann auch prompt eine Textzeile in „Don’t Let Her Go“.
Bereits nach einer Stunde begann der Zugabenblock. Solo gibt Passenger keine ellenlangen Konzerte, aber diese sind so intensiv, dass sich kaum einer darüber ärgert. Nochmal eine Coverversion: Bruce Springsteens „Dancing In The Dark“. Und den Abschluss bildete eine ausgedehnte Version von „Holes“, die wieder zum Mitsingen anregte. Man kann nur sagen, dass die 75 Konzertminuten absolut rund waren und Passenger das Publikum im Sturm eroberte. Der ehemalige Straßenmusiker weiß noch gut, wie er mit der Menge umzugehen hat. Und er entließ eine bestens gelaunte Zuschauerschar in die Kölner Nacht.
Fish, der schottische Haudegen, der von seinen Fans liebevoll „Onkel“ genannt wird, ist inzwischen 60 Jahre alt und will sich demnächst zur Ruhe setzen. Das sagt er bei jeder Gelegenheit – und auch (und gerade dann), wenn das Publikum bei Konzerten sein Bedauern darüber ausdrückt. „Meine Entscheidung ist gefallen.“ Das neue Album mit dem Titel „Weltschmerz“ soll das letzte sein. Ursprünglich sollte es bereits jetzt im September zur entsprechenden Tour auf dem Markt sein. Doch manchmal kommt es anders… Fish hat gemeinsam mit dem Bassisten Steve Vantsis so viel Material geschrieben, dass das letzte Soloalbum zugleich das erste Doppelalbum des Schotten werden wird.
„Weltschmerz“ erscheint damit erst in 2019. Damit stand Fish vor dem Problem, dass die Zuschauer der Tour das neue Material nicht kennen. Kurzerhand brachte er die EP „A Parley With Angels“ heraus, die drei der neuen Songs enthält. Und wer Fish kennt, weiß, dass das keine 3×3-Minuten-Geschichte ist. Das neue Material nimmt gut 30 Minuten Raum ein. Und damit der restliche Platz auf dem Silberling nicht ungenutzt bleibt, wurde die Scheibe noch mit vier Liveaufnahmen („Circle Line“, „State Of Mind“, „Emperors Song“, „Voyeur“) aufgefüllt. So soll das sein und die EP ist definitiv ihr Geld wert!
Die Tour trägt den Titel „Clutching At Straws / Weltschmerz“ – und genau das bekommen die Zuschauer. Das komplette Marillion-Album aus dem Jahr 1987 wird gespielt. Und aufgelockert wird die Setlist durch vier Songs des kommenden Albums. Wer also auf ältere Solosongs oder andere Marillion-Klassiker hofft, den muss ich enttäuschen. Fish hält sich konsequent an das ausgearbeitete Konzept – und er tut gut daran. So gibt es allein von „Clutching At Straws“ drei Premieren, die es in sich haben.
In Luxemburg, besser gesagt in Dudelange, fand nach einigen Konzerten in Großbritannien der „europäische“ Tourstart statt. Zwei Tage später war in Köln der erste Gig in Deutschland. Die Ankündigungen sprachen von einem Support namens Doris Brendel, die auch als Backgroundsängerin in Fishs Band fungiert. Anscheinend hat man sich aber – zumindest in Luxemburg und Köln – entschieden, ohne Support direkt in die Vollen zu gehen. Auch gut. Der Stimmung tat es keinen Abbruch und die Abende waren nach zwei Stunden Konzert noch jung für die Heimreise.
Der Set startete mit „Slàinte Mhath“, dem ohnehin perfekten Opener, der auch die 87er Marillion Tour einleitete. Direkt gefolgt von dem neuen und sehr rhythmischen „Man With A Stick“. Es war schön zu erkennen, wie gut das neue Material zu dem 31 Jahre alten Album passt, wenn es auch bei weitem nicht so keyboardlastig ist. In einer kurzen Ansprache blickte Fish etwas wehmütig auf den 15. September 1988 (also fast genau 30 Jahre) zurück, als sein Ausstieg bei Marillion beschlossene Sache war. Dann gab es das berühmte Triple „Hotel Hobbies“, „Warm Wet Circles“ und „That Time Of The Night“ am Stück. Hier zeigte sich, dass Doris Brendel im Background einen fantastischen Job machte und Fish in den Höhen gründlich unterstütze.
Fish lobte das schöne Ambiente im Kulturzentum „Opderschmelz“ in Dudelange mit seinen Musikschulen und dem Kino. „Eine Investition in Kultur ist eine Investition in die Zukunft Luxemburgs“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Er freute sich zudem, dass die erste Show in Europa (wie zwei Tage später die erste Show in Deutschland) gleich ausverkauft war. „Hier sind wir zuhause“, sagte er und betonte energisch, dass keiner aus Band und Crew für den Brexit gestimmt habe.
Das „Weltschmerz“-Album ist nach Fishs Angaben sehr vom deutschen Autor Hans Fallada beeinflusst, dessen Bücher er in den letzten Jahren gelesen hat. So hat ein Song den Titel „Little Man What Now“ nach dem gleichnamigen Roman, der sich mit dem Leben eines kleinen Mannes zu Zeiten der Weimarer Republik und der Weltwirtschaftskrise beschäftigt. Passenderweise leitete das Stück im Konzert direkt über zu „Torch Song“ und einem fulminanten „White Russian“, das ebenfalls die Wirrungen der 30er und 40er Jahre zum Thema hat. Auch musikalisch war „White Russian“ eine Offenbarung. Die Band war bestens eingespielt, mit Steve Vantsis und Robin Boult gab es hervorragende Gitarrenarbeit, Gavin Griffiths sorgte für starke rhythmische Momente. Nur Fos Patterson ließ bisweilen bei den elegischen Keyboard-Passagen zu wünschen übrig, was sich vor allem bei dem (zugegebenermaßen äußerst schwierigen) „Just For The Record“ zeigte. Hier hatte er im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun, um den Laden beisammenzuhalten.
Als nächstes folgte ein neues Stück namens „C Song“, das nicht auf der EP enthalten ist. Überaus passend zum „Weltschmerz“-Thema geht es um das Hadern mit sich selbst und der Umgebung. Und im Anschluss gab es mit „Going Under“ einen Song, den Steve Rothery und Fish quasi in letzter Sekunde für „Clutching At Straws“ geschriben haben, der nie live gespielt wurde, der aber ein wahres Kleinod ist.
Dann endlich der einzige wirklich größere Hit des Abends: „Sugar Mice“ – vom Publikum entsprechend bejubelt. Mit „Waverly Steps“ führte uns Fish dann aber in einer epischen Viertelstunde in die Welt der Depressionen. Hier war es hilfreich, dass im Hintergrund eine große LCD-Wand zu sehen war, die während des Konzerts wahlweise altes Artwork, nostalgische Bandfotos aber auch neues Bildmaterial von Illustrator Mark Wilkinson zeigte. Bei „Waverly Steps“ geht es um Depressionen – und diese wurden anhand des Symbols eines schwarzen Hundes illustriert. Sehr bewegend und absolut mutig so nah am Ende des Sets.
Zum Abschluss des Konzerts gab es natürlich „The Last Straw / Happy Ending“, der auch das Marillion-Album ausklingen lässt. Für die Zugabe hat Fish sich ein besonders Schmankerl aufgehoben. „Tux On“ war ja nur B-Seite von „Sugar Mice“. Jetzt muss man sagen: Was für eine Verschwendung! Dieser energische Song passt perfekt zu Fishs Stimme. Er ist rhythmisch ausgereift und live voller Aggressivität und Authentizität. Danach konnte nur noch „Incommunicado“ folgen, um die Feierlaune auf den Höhepunkt zu heben, dann war das Konzert nach ziemlich genau zwei Stunden beendet. Die Setlists in Dudelange und Köln waren gleich und boten genau diese Punktlandung.
Bleibt noch was zu sagen? Fish war in guter Form. Stimmlich ist „Clutching At Straws“ auf ihn zugeschnitten worden, aber das passt – vor allem mit Doris im Hintergrund. Die Stimmung war bei beiden Konzerten fantastisch. Die Leute feiern sowohl „Clutching“, aber auch das neue Material. Die EP kann man sich getrost zulegen, bietet sie doch gute Musik für kleines Geld. Und die Vorfreude auf das „Weltschmerz“-Doppelalbum steigt immens. Ach ja. Und die Tour dauert noch (gefühlt ewig) an. Mehrere Deutschlandtermine sind auf der Liste:
Im April 2009 sind The Living End zuletzt über meinen Radar geflogen. Damals stellte das Trio im Kölner Gloria sein fünftes Album „White Noise“ vor und am Abend der Show hatte ich ein lustiges Interview mit Scott Owen und Andy Strachan. Seitdem ist einiges passiert. Viele Hit-Singles, Gold- und Platinauszeichnungen, Welttourneen und eine stetig gewachsene und glückliche Fanschar später sind Sänger und Gitarrist Chris Cheney, Scott Owen (Kontrabass, Gesang) und Schlagzeuger Andy Strachan zu einer der renommiertesten und respektiertesten Punkrockbands Australiens geworden. Sich selbst betrachten The Living End eher als Rock’n’Roll-Band mit Punkethik. Sie zählen The Clash, Iggy Pop, The Who und The Jam zu ihren Einflüssen und teilen mit ihnen die gleichen Ideale.
Tatsächlich vermischen The Living End in ihren Songs Einflüsse aus Punk, Rockabilly und Rock. Ihr neues und inzwischen achtes Album „Wunderbar“ macht da keine Ausnahme. Aufgenommen wurde es in Deutschland und dem Albumtitel nach zu urteilen scheint es ihnen bei uns gefallen zu haben. Die Begeisterung und der Spass an der Sache sind jedenfalls in jedem der elf Stücke deutlich zu hören. Der Opener und gleichzeitig die erste Single „Don’t Lose It“ (hier gibt’s das Video dazu) kommt zwar noch mit leicht angezogener Handbremse daher, aber was danach folgt macht einfach nur mega gute Laune.
Mal hymnisch-melodisch wie in „Not Like The Other Boys“ oder etwas härter wie in „Proton Pill“. Wer musikalische Abwechslung fernab aller ermüdenden Punkschablonen sucht, der findet sie auf „Wunderbar“. Zu meinen persönlichen Favoriten gehören das mit reichlich textlichem Zündstoff ausgestattete „Death Of The American Dream“ und besonders „Amsterdam“, zu dem es hier auch ein witziges Video gibt, das allerdings in Heidelberg enstanden ist. Schwachpunkte sucht man auf „Wunderbar“ vergeblich.
Und so bleibt man am Ende mit einem fetten Grinsen im Gesicht zurück. Das was die Toten Hosen schon seit langer Zeit weit jenseits der Peinlichkeitsgrenze versuchen, schaffen The Living End spielend. Nämlich auch im 24. Jahr ihres Bestehens so frisch und kraftvoll zu klingen als hätten sie den Proberaum gerade zum ersten Mal verlassen. Es gab in den vergangenen neun Jahren wohl kaum ein Album, dessen Titel besser beschreibt was in ihm steckt als „Wunderbar“. Auf meinem Radar sind The Living End ab heute wieder eine feste Größe.
Was Steven Wilson im Progressive Rock, das ist Joe Bonamassa im Bluesrock: ein unermüdlicher Kämpfer an allen Fronten. Die Anzahl seiner Veröffentlichungen ist Legion. Egal ob an der Seite von Beth Hart, mit der Supergroup Black Country Communion oder als Solokünstler. Er ist Perfektionist durch und durch, ein Gott an der Gitarre und er haut ständig Neues raus. Gerade erst sind doch drei Livealben erschienen, darunter die „British Blues Explosion“, ein Coveralbum mit Interpretationen von Blues-Legenden. Und auch „Black Coffee“ mit Beth Hart ist erst vor einem Jahr erschienen. Schon erreicht uns mit „Redemption“ ein formidables Soloalbum – ganz im Stil der alten Meister und mit einem Gitarrensound zum Niederknien.
„Redemption“ ist nicht nur das 13. Studioalbum des zweifach für den Grammy nominierten Bluesrocktitans, es ist auch das dritte Album in Folge mit komplett eigenem Material. Er zeigt sich ambitionierter und vielseitiger denn je, definiert sich wieder einmal neu und sprengt die Grenzen des Bluesrock. Die zwölf Songs spiegeln die Wiedergeburt, die er derzeit durchlebt, wider. „Es passieren gerade Dinge in meinem Leben, von denen ich dachte, dass ich sie nie erleben würde. Es fühlt sich an wie eine Auferstehung. Ich spüre Reue und Akzeptanz. Manchmal ist es sehr schmerzhaft, doch ich weiß, dass ich daran wachsen werde“, erklärt Bonamassa.
Das Album wurde in verschiedenen Studios weltweit aufgenommen, darunter den Blackbird Studios (Nashville), The Cave Australia (Sydney), Studio At The Palms (Las Vegas), Criteria Hit Factory (Miami) und Addiction Sound Studios (Nashville). Mit von der Partie waren erneut Anton Fig (Schlagzeug), Michael Rhodes (Bass), Reese Wynans (Keyboards), Lee Thornburg und Paulie Cerra (Horns), Gary Pinto (Vocal Harmony) sowie Mahalia Barnes, Jade McRae und Juanita Tippins (Background-Gesang). Außerdem brachte Bonamassas kreativer Partner Kevin Shirley zwei neue Gitarristen mit ins Spiel: Kenny Greenberg und Doug Lancio.
Joe Bonamassa zeigt alle Facetten seines Könnens. Nicht nur an der Gitarre – da kann ihm ohnehin keiner das Wasser reichen – auch am Gesang. Bluesrock gewürzt mit Jazz und Soul. Das sind die Zutaten, die von einem emotionalen Höhepunkt zum nächsten führen. Ob er sich in rockigen Riffs verliert oder ganz atmosphärisch und ruhig zu Werke geht: sein Stil ist zugleich einzigartig und folgt doch den Großen des Genres.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Irgendwas haben sie an sich, die Bands aus dieser Stadt. Egal ob es die alteingesessenen wie BAP, Bläck Föös, Brings oder die Höhner sind – oder Vertreter jüngeren Kalibers wie Kasalla und Cat Ballou. Sie singen in einem Dialekt, den man 300 km weiter nur noch schwer versteht. Trotzdem sind sie im deutschsprachigen Raum sehr erfolgreich. BAP haben Kölsch als Singsprache salonfähig gemacht und alle, die nachzogen, hatten spätestens mit ihrem ersten Karnevalshit den entsprechenden Erfolg. Das macht Köln keine andere deutsche Stadt nach.
Neben Kasalla gehören Cat Ballou zu den Gruppen, die erst im aktuellen Jahrtausend das Licht der Welt erblickten. Seit ihrem Sieg beim „Köln Rockt“ Bandcontest 2011 ging es steil bergauf für die Band. „Et jitt kei Wood“ rangiert im Kölner Liedkanon längst auf einer Höhe mit „Veedel“ und „Verdamp lang her“. Und mit „Liebe Deine Stadt“ gelang ihnen 2016 ein unter den Kölner Bands einzigartiger Coup: zusammen mit Lukas Podolski und Mo-Torres, trafen sie einen Nerv und knackten über Nacht ohne jegliche Promotion die nationalen iTunes-Charts.
Die selbst betitelte CD enthält alle Zutaten, die man für ein gutes Kölschrock-Album braucht. Schöne Melodien, die charismatische Stimme von Oliver Niesen und sanfte Themen wie Liebe, Freundschaft, Familie. „Su lang mer uns noch han“ erzählt vom Freundeskreis, der älter geworden ist, sich aus den Augen verliert und doch immer in einer Verbindung steht. „Urlaub“ und „Mir fiere et Levve“ sind atmosphärische Songs zum Kraft schöpfen. „Bröcke“ ist das perfekte Lied für alle, die sich aus der Ferne in ihre Lieblingsstadt zurücksehnen. Das kann ich für Trier genau so nachvollziehen wie der Kölner für Köln.
Cat Ballou bescheren uns hier ein Album, das ganz in der kölschen Tradition steht und sich vom ersten Ton an sehr vertraut anhört. Die Produktion erfolgte im bekannten Maarwegstudio2 und man hat sich einiges einfallen lassen von elektronischen Einsprengseln bis hin zu HipHop-Passagen. Das sind Songs, die nicht nur an Karneval auch im ganzen Land funktionieren sollten.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Wenn man den Namen Leona Berlin hört, denkt man natürlich sofort an einen Künstlernahmen. Doch es ist keine gestelzte Hommage an ihre Wahlheimat Berlin: die Künstlerin aus dem 5000-Einwohner-Ort Hügelsheim nahe Karlsruhe heißt wirklich so. Somit ist also alles echt an der 26jährigen, die hier ein ordentliches Debüt hinlegt. Man höre sich nur die fulminante Version des Prince/Sinead O’Connor-Klassikers „Nothing Compares 2 U“ an. Die jazzige Interpretation dieses Stücks hat etwas ganz Eigenes und Leona schlingert hochemotional durch die bekannten Melodielinien, ohne Sinead zu kopieren. Im Gegenteil – begleitet von schrägen Akkorden setzt sie ganz besondere Akzente.
So klingt das komplette Album, nämlich vielseitig und durchmischt von elektronischen Klängen mit Elementen aus Jazz, Pop, R’n’B und Soul. Ihre komplexen Songs schreibt sie in der Regel selbst und kann sie so voll auf die wunderschöne und trotzdem kräftige Stimme zuschneiden. Selbst dem HipHop ist Leona in Titeln wie „Thinking About You“ nicht abgeneigt.
„Feel The Love“ handelt von einem Mann, der alles verloren hat. „Walking“ berichtet vom einsamen Nach-vorne-schreiten. „Cruel (Heal Me)“ erzählt von schwieriger Beziehungsarbeit. Leona interpretiert und produziert ihr Album in atmosphärischer Dichte. Für ein Debüt wirkt alles, was sie macht, sehr reif – fast als wäre sie seit Jahrzehnten im Geschäft. Da kann man Großes erwarten für die Zukunft.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Warum ich bisher um die Musik von Alligatoah stets einen großen Bogen gemacht habe, kann ich mir auch nicht erklären. Muss wahrscheinlich an dem hippen, rechtschreibverhunzten Namen gelegen haben, den sich Rapper so gerne zu eigen machen. Aber ich gebe zu, dass da vermutlich einiges an Witz und Kreativität an mir vorbei gegangen ist in den letzten Jahren.
Der Output von Lukas Strobel als Rapper, DJ, Produzent und Sänger ist zumindest riesig. Neben den regulären Studioalben erschien ja auch die „Schlaftabletten, Rotwein“-Reihe, die in den Teilen I bis IV typische Mixtapes darstellte. Mit Nummer V ist nun ein reguläres Studioalbum draus geworden. Für manche vielleicht etwas verwirrend, doch die Fans werden damit umgehen können.
Textlich und musikalisch gefällt mir das Album sehr gut. Vor allem da Strobel nicht nur rappt, sondern auch eine schöne Singstimme hat, die fast ein wenig ins Schlagerhafte abdriftet. Doch er bekommt immer wieder die Kurve und holt uns mit seinem Wortwitz in die Realität zurück. Da gibt es Schnelligkeit in den Textpassagen und ein wohliges Ärzte-Feeling in den Refrains.
Man findet die skurrile Aggressivität von „Beinebrechen“ oder das bissige „Meinungsfrei“ für alle Menschen, die sich lieber aus den wichtigen Themen raushalten. „Wo kann man das kaufen“ ist mehr als offene Konsumkritik und „I Need A Face“ spielt böse ironisch mit den Tücken des Alltags.
Das Album bietet 16 melodische Titel, die schnell zu Ohrwürmern werden – inklusive des erzählenden Dreiteilers „Die grüne Regenrinne“. Sehr vielseitig und kreativ. Von Rap und HipHop bis hin zu Deutschrock und Punk ist einfach alles dabei.
Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube. Mehr erfahren
Die Musik von PUR begleitet mich jetzt schon seit Jahrzehnten und ich muss gestehen, dass ich alle Alben der Band aus Bietigheim-Bissingen mein eigen nenne. Früher war mit dem Erscheinen jeder neuen CD noch große Aufregung verbunden: Was werden die Singlehits? Gibt es wieder epische Songs wie „Abenteuerland“ oder „Seiltänzertraum“? Welche Stücke werden live besonders gut funktionieren? All das ist inzwischen einer Routine im 3-Jahre-Rhythmus gewichen. Wenn auf Feten ein Titel von PUR gespielt wird, ist es meistens der Party-Hit-Mix mit einer Aneinanderreihung von Refrains. Und die Livekonzerte (wie das wiederkehrende Großereignis auf Schalke) leben von nostalgischen Momenten und geladenen Gästen.
War’s das also? Warum überhaupt noch ein neues Album? Beim Durchhören von „Zwischen den Welten“ war es vor allem der Song „Affen im Kopf“, der mir im Ohr hängen geblieben ist. Genau deswegen lohnt es sich noch, ein neues Album von PUR zu hören. Treibender Beat, mitreißende Melodie, hat was vom Disco-Feeling der 90er Jahre. Und um die „Affen“-Geschichte wird noch einiges drumherum gestrickt, wie der Titelsong „Zwischen den Welten“ und das sozialkritische „Planet der Affen“. Hartmut Engler hat noch etwas zu sagen – und er singt frei Schnauze, um seinen Missmut auszudrücken.
Natürlich gibt es auch die typischen Balladen wie „Beinah“ und „Zu Ende träumen“ – letzteres gar in zweifacher Version, in der Reprise mit einem „Pur & Friends“ Aufgebot. Das sind emotionale Songs, wie sie mit Englers markanter Stimme immer gut funktionieren. Partyhits und ausufernde Gitarrensoli sucht man diesmal vergebens. Inhaltlich ist das Album aber aus einem Guss. „Zwischen den Welten“ erzählt von einem Perspektivenwechsel, dem Wechsel zwischen den Welten, durch Reisen, Bücher, Gespräche, Erlebnisse. „Es geht uns auch um den Blick auf die Welt, darum, Toleranz und Verständnis zu entwickeln für vieles auf der Welt, das uns zunächst fremd erscheint“, erklärt Hartmut Engler den Ansatz für das neue Werk.
Meinen Bekanntenkreis kann ich ohnehin in PUR-Hasser und PUR-Liebhaber einteilen, wie man das wohl überall findet. Haters gonna hate, doch wer PUR in der Vergangenheit mochte und auch den Alben Anfang des neuen Jahrtausends etwas abgewinnen konnte, wird definitiv nicht enttäuscht sein.
Hinter Milou & Flint stecken mit Barbara Milou und Christoph van Hal zwei leidenschaftliche Vollblutmusiker und Multiinstrumentalisten, die nach einer Zufallsbegegnung vor sechs Jahren die ersten gemeinsamen Songs schrieben und seither erfolgreich als Duo unterwegs sind. Nach ihrem Debüt „orange bis blau“ erweitern sie nun ihre Farbpalette um „blau über grün“ und erfreuen erneut mit akustischen deutschsprachigen Songs voller Leichtigkeit.
Der Opener „Herz aus Glas“ eröffnet den Liederreigen verspielt und voller Poesie und das folgende „Hey du“ erzählt von einer flüchtigen und doch intensiven Begegnung am Bahnhof beim Warten auf den letzten Zug. „Hütte mit Strand“, gelebtes Ausbrechen aus dem grauen Alltag, erinnert an beschwingte französische Chansons, ebenso wie das tatsächlich ganz auf französisch gesungene „Vole avec moi“, und „Farben fallen“ entführt mit seinem ausgedehnten Instrumentalteil in eine atmosphärische Traumwelt.
Allerdings ist auch die Welt von Milou & Flint nicht nur bunt und schön. Das melancholische „Von dir geträumt“ erzählt von der Sehnsucht nach einem Menschen, dem man nur noch im Traum begegnen kann, und „Bauchgefühl“ reflektiert über die Tiefpunkte des Lebens, die unweigerlich kommen müssen, bevor es wieder aufwärts gehen kann. Auch die Single „Schwalben Anfang Mai“ kommt zwar beschwingt daher, handelt aber auch von Abschiedsschmerz und der Erkenntnis, dass man Schönes nicht einfach festhalten kann.
Die Arrangements sind vielseitig, aber nie überladen. Im Mittelpunkt stehen meist Gitarre, Klavier, Akkordeon, Glockenspiel und Percussion – Instrumente, die die beiden selbst beherrschen – und natürlich ihr klarer zweistimmiger Gesang. Zusätzlich haben sie sich noch einige Gastmusiker ins Studio geladen, die mit Streichern, Flöte oder Bass das musikalische Spektrum bereichern. Milou & Flint ist dabei das Kunststück gelungen, die intime Atmosphäre eines Lagerfeuerkonzertes ein Stück weit in den professionellen Studioaufnahmen einzufangen. Dazu passt perfekt ihr letztes Stück „Zugabe“, mit dem sie sich persönlich bei ihren Zuschauern bedanken.
Als Bonus gibt es dann noch eine Orchesterversion von „Von dir geträumt“, die ein durch und durch gelungenes Album abrundet. Es macht einfach Spaß, diesen beiden tollen Musikern dabei zuzuhören, wie sie ihren ganz persönlichen Soundtrack des Lebens mit uns teilen.