Es war schon wieder soweit: André Rieu und sein Johann-Strauss-Orchester machten Station in der Arena Trier und ich war bereits zum dritten Mal mit dabei. Dem Holländer gelang es mal wieder, unzählige Musikrichtungen, die man im orchestralen Gewand präsentieren kann, in ein festliches Konzertereignis zu integrieren. Walzer und Marsch, Operette und Musical, eine Prise Pop, ein Hauch Schlager – selbst ein weltmusikalischer Part war zu finden.
Das Publikum zeigte sich generationenmäßig gut durchmischt und in gespannter Erwartung. Die Bühne voller Instrumente (ca. 50 Mitwirkende waren im Orchester zu finden, wenn man die Backgroundsänger und Stamm-Solisten mit zählt), im Hintergrund nahm eine LCD-Wand die ganze Breite der Bühne ein und vermittelte je nach Song die entsprechend Stimmung. Von der Decke hingen gar einige stilisierte Kronleuchter, die zumindest einen kleinen Hauch von Ballsaal in der sonst bisweilen etwas kalten Arena vermittelten – ein stilvolles Ambiente.
Wie es für André Rieu und seine Mitstreiter schon Tradition ist, zogen die Protagonisten ihre Instrumente schwingend und winkend mitten durch die Zuschauer zur Bühne. Schon hier wurde geflirtet und gelacht. Alle schienen (den ganzen Abend über) zu Späßen aufgelegt. Entweder saß da eine Riesentruppe guter Schauspieler auf der Bühne oder es macht unbändigen Spaß für André Rieu zu arbeiten. Ich tippe mal auf letzteres, denn der Stargeiger ist einfach ein sympathischer Vogel.
Ständig stand André Rieu im Dialog mit dem Publikum. Er bezeichnete Trier kokett als „Zentrum des Universums“, beschwörte die heilende Wirkung seiner Musik und zeigte sich zu Tränen gerührt. Für die bis auf den letzten Platz gefüllte Arena hatte man opulent aufgefahren: das Orchester in eleganter Kostümierung, ein ewig-lustiger Backgroundchor aus beschwingten Damen und drei platinbehaftete Tenöre, die immer wieder für klangliche Abwechslung sorgten. So gab es schon zu Beginn mit einem Walzer, dem spanischen Song „Granada“ und der Opernarie „Ach ich hab in meinem Herzen“ einen musikalischen Rundumschlag. Das Orchester in bombastischer Spiellaune, die Tenöre mit hymnischer Stimmgewalt.
Weiter ging es mit dem berührenden Poptitel „This Land Is Mine“ („A Land Were Children Can Run Free“), nach welchem die Akteure wohl auch den letzter Zweifler auf ihrer Seite hatten. Danach folgte ein Stilbruch zum unvermeidlichen „Schneewalzer“. Der Schunkelvirus hatte nun auch die meisten Anwesenden erfasst. Neben den Tenören waren drei Sopranistinnen unterschiedlichster Klangfarbe mit dabei. Inklusive dieser weiblichen Unterstützung sang man das volkstümliche „Die kleine Kneipe“, das vom ganzen Rund der Arena lautstark angestimmt wurde, und die Hymne „You’ll Never Walk Alone“. So hatte das Publikum schon in der ersten Hälfte eine Reise durch Jahrzehnte und Jahrhunderte hinter sich.
Nach der Pause gab es Franz Lehars „Gold und Silber“ als prächtig angelegten Walzer. Hier zeigte selbst Rieu einmal Starallüren – und das mit Recht. Anscheinend hat er sich in der Vergangenheit oft geärgert, dass die zu spät aus der Pause zurück kehrenden Besucher das erste Stück der zweiten Hälfte massiv störten. Kurzerhand ließ er also ein Absperrband an den Zugängen befestigen und wies seine Ordner an, die Zuspätkommenden erst beim Applaus in den Innenraum zu lassen. Dem Genuss des großartig dargebotenen Paradestücks „Gold und Silber“ tat das sehr gut.
Danach waren wieder die Solisten dran. „Memory“ aus „Cats“ in einer sehr virtuosen Fassung. Dann erschien ein argentinischer Akkordeonspieler mit einer ruhigen und einer schmissigen Melodie. Schließlich eroberte die dunkelhäutige Sopranistin Kimmy Scota die Herzen der Zuschauer, indem sie zunächst ein afrikanisches Wiegenlied und dann das rhythmisch virtuose „My African Dream“ sang, das Kimmy Nelson Mandela widmete. Die ersten stehenden Ovationen des Abends waren der Dank dafür.
Zum Ende des Hauptteils war Walzerkönig Strauss an der Reihe und André Rieu präsentierte (wie immer) den popkulturellen Klassikhit „An der schönen blauen Donau“ – und ja, es wurde getanzt im Publikum. Für den Maestro ein Höhepunkt jedes Konzertabends. Sehr effektvoll waren danach zu einem Auszug aus „Carmina Burana“ fast alle Protagonisten des Abends auf der Bühne und ließen den Hauptteil zu Ende gehen.
Jetzt sollte man meinen: noch 1-2 Zugaben und alle gehen zufrieden nach Hause. Doch da kennt man den sympathischen Geiger schlecht. Rieu begann ein Spiel mit dem Publikum, schickte es mehrfach wef („ihr seid müde!“), kündigte immer wieder das letzte Stück statt. Doch der Abend wollte kein Ende nehmen. In ausgelassener Stimmung und inmitten hundertfach herab geregneter Luftballons gab es Marschmusik und ein Walzermedley, „Amazing Grace“ und das stampfende „Auf in den Kampf, Torero“, den Klassiker „Teure Heimat“ aus „Nabucco“, ein fröhliches „Eviva Espana“ und den Mitsing-Schlager „Adieu mein kleiner Gardeoffizier“. Das Finale wurde zum großen Fest.
André Rieu hat mich (mal wieder) überzeugt. Er fuhr eine gigantische Show auf, ließ das Publikum für fast drei Stunden alle privaten Sorgen vergessen und brachte ein kleines Stück heile Welt in die Arena Trier. Der Holländer hat in seiner Karriere schon viele schwierige Momente gehabt, stand zeitweise kurz vor dem Ruin – und doch hat er sich wie ein Stehaufmännchen wieder aufgerappelt. Sein Publikum ist ihm treu, Zweifler überzeugt er mit Charme und sympathischem Auftreten. Seine Entertainer-Qualitäten sind unbestritten.
Solche Konzerterlebnisse kann man in vielen Variationen auch zu Hause genießen. Zuletzt erschien beispielsweise die DVD „André Rieu & Friends – Live in Maastricht“ (2.11.2013, Universal Music). Hier gibt es die erwähnte Mischung musikalischer Vielfalt und viele Titel aus dem aktuellen Programm fürs heimische Wohnzimmer. Die Konzerte in Rieus Heimatstadt sind immer ein ganz besonderer Genuss und Fans aus aller Welt reisen an, um dort dabei zu sein. In diesem Fall war gar Jermaine Jackson mit dabei und gab „Smile“ sowie „When The Rain Begins To Fall“ zu Besten. Insgesamt über 150 Minuten Hit an Hit. Die Atmosphäre auf dem Maastricher Marktplatz wurde sehr gut eingefangen. Fans und solchen, die es werden wollen, seien ein Besuch der aktuellen Tour oder zumindest dieser Blick ins aktuelle Repertoire mittels DVD-Player empfohlen.
Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Shows, die mehr oder weniger erfolgreich durch Deutschland touren und ihrem Publikum die umfangreiche Welt der Musicals in komprimierter Form nahe bringen wollen. So viele, dass man schon gar nicht mehr weiß, welche davon man Interessenten empfehlen soll. Darum bin ich froh, wenn ich über ein Ensemble wie das Musical Project von David Steines berichten kann. Sein größtes Alleinstellungsmerkmal ist es, dass dort sehr junge Leute auf der Bühne stehen, die allesamt noch Amateure sind bzw. ihre ersten zaghaften Schritte in Richtung einer professionellen Laufbahn gehen.
Gegründet wurde das Ensemble als Projektgruppe des Gymnasiums Hermeskeil. Schon damals war der Saarländer David Steines die treibende Kraft. Er hat inzwischen das Musical-Wesen zu seinem Beruf gemacht und unter anderem an der „Stage School Hamburg“ studiert. Die Liebe zur bunten Welt zwischen Schauspiel und Gesang hat ihn und viele seiner Mitstreiter nicht mehr losgelassen – das erkennt man, wenn man die Lebensläufe im Programmheft liest und vor allem, wenn man die Akteure auf der Bühne erlebt. Wie ich es auch aus dem Chorgesang kenne: viele weibliche, wenig männliche Mitglieder. So müssen Steines und sein Kollege Patrik Sänger viel Kraft aufwenden, um sich gegen die geballte Weiblichkeit durchzusetzen.
Das Musical Project hat vor dreieinhalb Jahren in einer kleinen Halle begonnen und nach einer Vielzahl von regionalen Auftritten diesmal den Weg nach Trier gewagt. Die Europahalle mag die nächste Sprosse auf der Erfolgsleiter sein – etwas gewagt, doch es hat funktioniert. Der vordere Teil der Halle war mit einem Vorhang abgetrennt und so füllten über Tausend Zuschauer den Saal. Die Anspannung aufgrund ihres bisher größten Publikums war den Akteuren bei den ersten Songs noch anzumerken, legte sich aber nach kurzer Zeit, als die Begeisterungswelle aus der Zuhörerschaft die Bühne erreichte.
Das Ensemble packt viele Musicals in seine Show. So viele, dass man zeitweise Angst vor einer Überfrachtung haben muss: 26 nämlich insgesamt, wenn man die Zugaben mit zählt. Es geht darum, die schönsten und intimsten Momente auszuwählen, die einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Das können bei „Les Misérables“ mal zwei Songs sein („Lied des Volkes“ und „Ich hab geträumt“), beim Musical „Elisabeth“ mal ein längerer Auszug – oder es kann sich auf einen einzigen Lieblingssong beschränken. Ich nenne mal „Erinnerung“ aus „Cats“. Aus dem Off gibt es in den meisten Fällen eine kurze Beschreibung des Stücks, die zum folgenden Lied hin führt.
Die Requisiten beschränken sich auf ein Mindestmaß. Highlight ist ein hohes LCD-Fenster, das jeweils ein wichtiges Szenen-Element zeigt, hinzu gesellen sich kleine Gegenstände wie Schachfiguren oder eine Schreibfeder. Das reichte aus, um die richtige Atmosphäre zu schaffen – zusammen mit den Kostümen der Darsteller, auf die ein hohes Augenmerk gerichtet wird. Man spürte, dass da sehr viel Herzblut drin steckt – wie in der gesamten Produktion.
Die Sängerinnen und Sänger sind zwischen 15 und 24 Jahre alt, stammen vor allem aus der Region Hochwald (nahe Trier) und haben sehr frische, klanglich saubere Stimmen. Das merkt man in der Vielzahl von Soli, aber auch in den chorischen Passagen, wenn bis zu 14 Stimmen polyphone Arrangements präsentieren. Einziges Manko: Die instrumentale Musik kommt vom Band. Das hat (logisch) finanzielle Gründe, nimmt aber der Show viel von der Spontanität und Lebendigkeit, die sie über das jetzige Geschehen hinaus noch haben könnte. Zumindest wurde Publikumsnähe zelebriert, wenn sich die Darsteller bei „Les Misérables“ oder „Rocky“ durch die Sitzreihen bewegten.
Meist sind es die Ohrwürmer aus bekannten Musicals wie „Starlight Express“, „Les Misérables“, „Elisabeth“ und „König der Löwen“, die geboten werden. Doch selbst der bewanderte Fan des musikalischen Theaters kann unter Umständen noch ganz neue Perlen entdecken wie die Geistergeschichte „Rebecca“ (nach dem Roman von Daphne du Maurier) oder die tragische Story „Ghost“, die auf dem gleichnamigen Film mit Patrick Swayze basiert. Hier will ich auch mal damit ansetzen, einzelne Solisten hervor zu heben – in der Hoffnung, damit niemanden zu verärgern, denn wirklich schwach war niemand an diesem Abend.
Amelie Michel beeindruckte mit dem Elisabeth-Song „Ich gehör nur mir“ und glänzte auch in höchsten Tonlagen. Diese Klasse will ich ebenso Hannah Weiler zugestehen, die über ein beachtliches Stimmvolumen verfügt und in „Mozart“ und „König der Löwen“ brillierte. Dann aber kamen die Musicals, die nicht über einen so hohen Bekanntheitsgrad verfügen. „Aida“ zum Beispiel, das von Elton John geschrieben wurde und die Geschichte um die nubische Prinzessin erzählt. Die Pharaonin Amneris wurde von Janina Jungbluth mit großem Glamourfaktor dargestellt – und mit einer Powerstimme zwischen Diva und Rockröhre. Sehr emotional präsentierte Lisa Vandrey den Song „With You“ aus „Ghost“, mit welchem die Protagonistin den Verlust ihres Geliebten betrauert, und erzeugte in der Europahalle tausendfache Gänsehaut.
Franziska Wollscheid zeigte ihre dynamischen vokalen Fähigkeiten unter anderem als „leichtes Mädchen“ in „Jekyll & Hyde“ und später wieder als Teil eines Damen-Trios in „3 Musketiere“. Bei ihr spürte man die gesangliche und schauspielerische Erfahrung, die sie mit 19 Jahren schon hat, und inklusive Gestik und Mimik war ihr gesamtes Auftreten sehr stimmig. David Steines schließlich lief im Musical „Rebecca“ zur Hochform auf, wo er das Duett „Kein Lächeln war je so kalt“ mit Amelie Michel sang. Er interpretierte viele Hauptstimmen an diesem Abend, doch besonders gut stehen ihm die dämonischen Rollen mit aggressiven Zügen, rezitativem Sprechgesang und emotionalen Ausbrüchen. Nach der Vielzahl von Eindrücken des Abends ist zumindest eins sicher: Die Musicals „Rebecca“, „Ghost“ und „Aida“ möchte ich in voller Länge sehen. Da hat Steines das Ziel erreicht, mich auf diese (doch recht unbekannten) Werke neugierig zu machen.
Obwohl ich jetzt viel von tragischen und emotionalen Songs geschrieben habe, kamen auch die Comedy-Elemente nicht zu kurz. David Steines spielte die gewichtige Edna Turnblad („Hairspray“), Patrik Sänger gab den „Sweet Transvestite“ in der „Rocky Horror Show“ und beide Männer bejammerten in „Der Schuh des Manitu“ ihr Schicksal „Wieder mal am Marterpfahl“. Die reine Programmdauer (!) belief sich auf rund drei Stunden. Das Publikum wurde aber nicht müde, noch weitere Zugaben zu fordern.
Der Abend endete mit einem Zugaben-Medley aus „Ich war noch niemals in New York“ und als die Standing Ovations kein Ende nahmen stimmten Darsteller und Publikum gemeinsam „Nessaja“ aus Peter Maffays „Tabaluga“ an. Alles in allem ein sehr gelungener Abend mit einer von den Laiendarstellern getragenen Begeisterung, die das Publikum mitriss. Die jungen Sängerinnen und Sänger, die Leute im Hintergrund, die für Bühnenbild und Kostüme, für Klang und Maske verantwortlich sind, haben ganze Arbeit geleistet. Es war nicht alles perfekt – und doch konnte man durchgehend vergessen, dass hier keine Profis am Werk waren. Der Sprung von den regionalen Kulturhallen auf die große Bühne ist geglückt und ich warte gespannt ab, was das Ensemble als nächstes anzugehen wagt.
Am 3. November 2013 fand sich Fish zu seiner Show „The Moveable Feast“ im Theater Trier ein. Die Erwartungshaltung war hoch, denn Fish war in letzter Zeit nur akustisch unterwegs. Diese Reduzierung auf das Wesentliche hat Fish neue Kraft verliehen und gegenwärtig bringt er mit dem Album „A Feast Of Consequences“ wieder eine volle Band-Produktion auf die Bühne. Drei Stunden vor Showbeginn durften wir den sympathischen und äußerst gut gelaunten Schotten im Theater besuchen und er nahm sich über dreißig Minuten Zeit zur Beantwortung einiger Fragen.
Das ist heute dein erster Auftritt in Trier – der ältesten Stadt Deutschlands. Warst du schon mal hier?
Fish: Ja, denn mein erster Brieffreund kam aus Trier. Unser Lehrer sagte zu uns, wir müssten an einen deutschen Jungen schreiben. Er hieß Ulrich. Wir haben ihn hier besucht – es muss 1970 gewesen sein. Wir fuhren mit meinem Vater im Mercedes den ganzen Weg von Schottland bis nach Italien. Meine Mutter, meine Schwester und ich. Auf dem Rückweg machten wir Halt in Trier um die Familie meines Brieffreunds zu besuchen. Ein Jahr später hat er mich in Schottland besucht, aber der Kontakt ist bald abgebrochen. Wir waren zu verschieden. Auf jeden Fall war Trier der erste Kontakt, den ich zu Deutschland hatte. Heute Mittag habe ich mit meiner Freundin und ihrem Sohn die Porta Nigra besucht. Das ist sehr schön und interessant. Ich habe auch die Modelle im Museum gesehen und war erschrocken, wie viel im zweiten Weltkrieg zerstört worden ist. Und auch im ersten Weltkrieg – genau wie in Karlsruhe. Dort ist 1916 viel zerstört worden und Trier war vermutlich im gleichen Zielgebiet.
Vermutlich spielst du nicht oft vor einem sitzenden Publikum, speziell in einem Theater. Ist das etwas Besonderes? Magst du es?
Fish: Doch, ich spiele sehr oft vor einem sitzenden Publikum, allerdings selten in Deutschland. Es ist nicht so verschieden. Die Acoustic-Tour beispielsweise haben wir in solche Sälen und Kirchen gespielt. Es hängt nicht davon ab, ob das Publikum sitzt. Es hängt davon ab, wie man auf der Bühne agiert, wie man mit dem Publikum interagiert. Meistens stehen am Ende alle. Ich würde niemals sagen, dass ich nicht vor einem sitzenden Publikum spielen will. Es ist ein anderer Ansatz. Die Zuschauer konzentrieren sich mehr auf das Geschehen. Sie gehen nicht zwischendurch Bier holen und reden nicht so viel.
Das kommt dir momentan zugute, weil du viel mit Video-Einspielungen arbeitest.
Fish: Genau. Und gerade heute haben wir einen riesigen Bildschirm.
Kannst du uns etwas zum neuen Album sagen? Ich finde, dass „A Feast Of Consequences“ sehr pessimistisch ist. Es geht um die Zerstörung der Natur, das Ende der Liebe, den Ersten Weltkrieg.
Fish: Das kann ich nicht in wenigen Worten sagen. Es ist ein sehr komplexes Album.
Aber die „High Wood Suite“ ist schon herausragend, oder? In deinen Shows erzählst du viel zu diesem Thema.
Fish: Das wird im nächsten Jahr noch besser funktionieren, wenn die Leute sich mehr in das Album rein gehört haben. Wir haben einiges vor. Noch zwei besondere Gigs Ende des Jahres, dann Mexiko und im Frühjahr eine UK-Tour. Vielleicht ein paar Festivals im Sommer, damit wir die Menschen überzeugen, die normalerweise nicht meine Musik hören. Zum Beispiel spielten wir das „Sweden Rock Festival“ und danach gab es viele Anfragen für schwedische Shows. Wir wollen auch wieder nach Deutschland zurück kehren. Wir haben ein sehr engagiertes Promotion Team mit dem wir jetzt seit einem halben Jahr arbeiten. Wir müssen die Dinge am Laufen halten. Ich werde Zeit in Karlsruhe verbringen, nach Hamburg und Berlin fliegen, im Sommer Festivals spielen – um Werbung zu machen. Und Ende des nächsten Jahres kehrt die Tour nach Deutschland zurück. Ich will 20 Shows hier machen. Wir waren noch nicht in Berlin und in Hamburg. Dann gibt es noch Orte wie Saarbrücken und Ludwigshafen. Auch Bielefeld – und in Köln haben wir noch nicht gespielt. Das werden locker noch 20 Shows. Das neue Album ist so stark, dass wir viel Energie in die Tour stecken.
Ich finde auch, dass die Setlist sehr gewaltig ist. Das neue Material passt hervorragend zu den alten Songs aus den 80ern oder zu Solostücken wie „What Colour Is God“ und „Mr 1470“.
Fish: Ja, die Stücke passen thematisch sehr gut. Wenn du beispielsweise „What Colour Is God“ siehst – das passt sehr gut zu den Texten von „A Feast Of Consequences“. Wir haben die Illumination und die Weltkriegs-Thematik. Es geht nicht nur um den ersten Weltkrieg, es geht um die Menschen. Der Baum ist ein bedeutendes Bild. Die Bäume standen 1914 noch. Danach war alles weiß. Doch die Bäume sind zurück gekommen und heute sieht der Wald wieder aus wie zuvor. Die Natur hat weiter gemacht und der Mensch ist nur eine Plage auf diesem Planeten. Ich habe mir viele Gedanken gemacht über die Setlist und mich bewusst für Songs wie „He Knows You Know“ entschieden. Da ist eine Verbindung zu „Perfume River“. Unser Widerstand, die Realität zu akzeptieren.
Gibt es Pläne, ein Livealbum zu veröffentlichen?
Fish: Ja, sicherlich irgendwann. Im Moment sind die Pläne noch nicht konkret. Wir müssen noch viel touren. Was ich mir vorstellen könnte, wäre das Angebot von Downloads einzelner Shows.
Bei einem anderen deiner Alben, „Field Of Crows“, steht ebenfalls die Kriegs-Thematik im Mittelpunkt. Was ist die frühere Betrachtungsweise, was die heutige? Gibt es Gemeinsamkeiten?
Fish: Ich finde, „Field Of Crows“ hat nichts mit Krieg zu tun. „The Field“ geht leicht in diese Richtung, aber es ist eher ein persönlicher Song. Wir haben mit einem Konzept angefangen, das ist richtig. Dabei ging es um einen Scharfschützen, der am Ende auf Zivilisten schießt. Aber ich habe dann doch gemerkt, dass es zu kompliziert war. Ich hätte viel mehr Zeit gebraucht, um diese Idee zu verfolgen. Nächstes Jahr wird es einen Remix des Albums geben. Calum Malcolm hat das Album remastert. Das ist sehr gut. Wir werden uns nächstes Jahr darum bemühen, die alten Alben zu remastern und neu zu verpacken. Es ist gut, ein neues Album auf dem Markt zu haben, denn die Leute schauen dann auch wieder nach dem Backkatalog. Ich werde mindestens ein Jahr auf Tour sein und dann habe ich die Idee für eine neue Fishheads-Tour in 2015. Keine Ahnung, wann ich ein neues Album schreibe. Da kann noch viel passieren.
Wird Frank Usher dann zur Band zurück kehren?
Fish: Da gibt es momentan keine Pläne. Robin Boult ist ein fantastischer Gitarrist. Er hat den Gitarrensound auf positive Weise verändert. Nichts gegen Frank, aber Robin hat eine neue Dynamik zu uns gebracht. Wir brauchten diese Veränderung. Wir mussten uns regenerieren. Frank hat die Band schon mal vor „Sunsets On Empire“ verlassen, da er diesen Musikstil nicht mochte. Wir sind immer noch Freunde, aber jeder braucht mal eine Pause. Frank mag das akustische Ding. Vielleicht kommt er zurück, wenn wir wieder akustisch unterwegs sind, und Robin geht. Wer weiß? Wir sind ja keine echte Band. Ich engagiere Sessionmusiker und muss schauen, wer verfügbar ist. Ich kann nicht lange „bitte bitte“ sagen. Wenn jemand absagt, suche ich nach jemand anderem. Wir haben momentan brillante Musiker.
Robin und Steve Vantsis ergänzen sich sehr gut.
Fish: Ja, Robin passt super in die Band. Er mag die Musik sehr. In anderen Bands gibt es manchmal 45minütige Diskussion nach dem Gig, wer welchen Hook falsch gespielt hat. Wir wissen, wenn wir es versaut haben, und versuchen es beim nächsten Mal besser zu machen. Was ich bei Robin und auch bei Frank mag: Sie verändern ihre Soli jeden Abend. Als ich noch bei Marillion war, spielte Steve Rothery die Soli immer exakt gleich. Und ich glaube, er tut es heute noch. Robin spielt „Script“ ganz anders, denn Robin Boult ist Robin Boult. Ich will gar niemanden dazu bringen, Steve zu kopieren, denn Steve Rothery ist ein großartiger Gitarrist. Er ist brillant. Aber ich bevorzuge die Flexibilität von Robin. So ist das Leben. Es bedeutet nicht, dass man ein Album in jedem Detail covert. Wenn du das willst, kauf die verdammte CD und hör sie dir an.
Das ist die Art, wie es Steven Wilson macht. Er bringt seine Alben punktgenau und perfekt auf die Bühne.
Fish: Das ist der Grund, warum ich Porcupine Tree nicht mag. Es ist keine so tolle Band, oder?
Aber „Sunsets On Empire“ ist ein großartiges Album.
Fish: Damals war Steven Wilson noch um einiges jünger. Er ist ein liebenswerter Kerl und hat viele tolle Sachen gemacht. Aber das ist nicht mein Ding. Es ist kein Rock’n’Roll mehr sondern Computerarbeit. Egal, wechseln wir das Thema.
Okay. Deine Tour hat im Sommer angefangen – vor einigen Monaten. Jetzt ist der erste Teil fast vorbei. In wenigen Tagen gibt es den Abschluss in England. Gibt es Unterschiede zwischen den ersten Konzerten und den gegenwärtigen?
Fish: Natürlich. Wir sind sicherer in dem, was wir tun. Etwas müder, etwas verrückter. Unsere Herangehensweise an die Songs verändert sich. Wir entdecken sie jeden Abend neu. Zum Beispiel ändert sich die Dynamik von „Crucifix Corner“ ständig.
Gerade diesen Song fand ich in Landstuhl sehr stark, während ich in Duisburg zu Beginn der Tour nicht so beeindruckt war.
Fish: Du kannst nicht erwarten, dass jeder Song an jedem Abend gleich großartig ist. Es hängt auch immer von den Zuschauern ab. Wir waren gestern in Frankreich, in Nancy, und die Menge hat uns keine Energie gegeben. Am Tag zuvor waren wir in Zürich und hatten auf der rechten Seite zwanzig Italiener, die komplett ausgeflippt sind, während auf der linken Seite nichts los war. Es hängt von den Zuhörern ab. Sie geben uns Energie. In Landstuhl war ein gutes Publikum, aber wir bekamen nicht genügend Energie. Das lag vielleicht auch daran, dass unser Mann am Ton absolut krank war und wir ihn nach dem Gig ins Krankenhaus bringen mussten.
Und du warst ziemlich wütend, als du realisiert hattest, dass Leute die Show vom Balkon aus gefilmt haben.
Fish: Ja, ich war so angepisst. Da saß eine Frau, die hat den ganzen Abend nur in ihre verdammte Kamera geschaut. Was haben diese Leute daran, sich eine Live-Rockshow durch ein Objektiv anzuschauen? Wenn jemand mal einen Song mit filmt, das ist okay. Aber wenn jemand die ganze Zeit vor dir steht und seine Kamera auf dich richtet, das macht mich richtig wütend. Es ist doch eine Live-Performance. Warum kauft jemand ein Ticket, um mich zu filmen? Manchmal sitzen Leute fast auf der Bühne und filmen mich. Du musst es mal so sehen: Es ist eine Live-Situation. Ich treffe mal einen Ton nicht oder vergesse eine Textzeile. Das ist nicht schlimm, weil es live ist. Zwei Minuten später haben die Leute das wieder vergessen. Wenn es aber gefilmt wurde, ist es am nächsten Tag auf YouTube und wird wieder und wieder angeschaut. Wenn ich eine Liveaufnahme mache, habe ich die Qualitätskontrolle. „Script“ hat schwierige Passagen und vielleicht treffe ich mal einen Ton nicht. Das ist egal, denn die Leute vergessen es sofort wieder. Viermal klappt es super, dann beim fünften Mal vielleicht nicht.
Und gerade dieses fünfte Mal wird auf YouTube eingestellt und die Leute sagen, Fish kann „Script“ nicht mehr singen.
Fish: Genau das meine ich. Live macht man Fehler. So ist das Leben – es ist menschlich.
Das Internet hat heutzutage einen großen Einfluss aufs Musikgeschäft. Du verkaufst „A Feast Of Consequences“ nur online über deine Homepage. So wissen viele Menschen, die dir nicht regelmäßig folgen, gar nicht, dass es ein neues Fish-Album gibt.
Fish: Aber wie würden sie es sonst erfahren?
Du denkst also, die Zeit ist vorbei, dass Menschen in einen Laden gehen und die neue CD sehen?
Fish: Wo gibt es denn heute noch Einzelhandel? Das sind nur noch Shops, die online verkaufen. Ich bin schon so oft abgezockt worden. Von einer Firma, die meine Alben verkauft hat, obwohl sie gar nicht autorisiert war. Dann waren sie plötzlich auf amazon. Alle unabhängigen Einzelhändler verkaufen inzwischen über amazon. Warum soll ich die Sachen nicht in meinem eigenen Shop verkaufen?
Eine Sache fällt aber weg: Wer eines der früheren Alben gekauft hat, bekommt zum Beispiel eine Empfehlung für das neue.
Fish: Aber es bleibt zu wenig für mich übrig. Amazon verlangen 20-25 % und dann kommt noch die Steuer. Amazon sitzen in Luxemburg. Sie zahlen nicht viel Steuern. Warum soll ich nicht das Geld sparen und das Album selbst verkaufen? Dann verkaufe ich ja auch bei amazon, aber es läuft über meinen eigenen Shop. Ich kann mich nicht um die unabhängigen Plattenläden kümmern, ich muss mich um den unabhängigen Künstler kümmern. Sie scheren sich auch nur einen Dreck um mich. Wir brauchen die ganzen Großhändler nicht. Wer sich freut, ein Paket von amazon zu bekommen, freut sich auch über ein Paket vom Fishheads-Club. Ist doch ganz egal – es kommt trotzdem an deine Tür.
Ich mag vor allem die Idee der „Deluxe Edition“. Mark Wilkinson hat ein tolles Artwork abgeliefert und das ganze Buch ist wunderschön aufgemacht.
Fish: Gerade das gefällt mir, weil die Piraten es nicht kopieren können. Sie klauen die Musik, aber sie können nicht das ganze Artwork kopieren. Das ganze Musikgeschäft wird entwertet. Alle sammeln Downloads, Downloads… Das Musikgeschäft ist tot.
Für mich sind Downloads ein Sammeln von Musik, bei dem es auf die Masse ankommt, nicht auf die Qualität. Doch dann hört keiner mehr die Songs.
Fish: Genau. Da ist dieser Typ der 12.000 verdammte Songs auf seinem iPod hat. Das ist doch nur noch eine Jukebox. Das hat nichts mehr mit Musikhören zu tun. „A Feast Of Consequences“ funktioniert anders. Es ist ein altmodisches Album. Zwei Wochen nach Veröffentlichung wurden Download-Codes illegal verkauft. Die Justiz interessiert das nicht, aber ich muss einen teuren Anwalt bezahlen, der gegen diese Leute vorgeht.
Sowieso muss man „A Feast Of Consequences“ am Stück hören, um es genießen zu können.
Fish: Ganz genau. Es ist kein Album, das man Track für Track runterlädt. Und dann gibt es ja so viel schlechte Musik. Mein Produzent Calum Malcolm sagt, da kommt ein Sturm auf uns zu. Man muss die Juwelen finden. Keiner hat mehr die Zeit dazu, alles zu hören. Es ist heutzutage zu einfach, Musik zu machen. Man kauft die Software und legt los. Und später muss der Musikhörer sich durch so viel Schlechtes durchhören, um die wirklich guten Sachen zu finden. Ich bin raus aus dem Geschäft. Ich mache mein Ding und tue das Beste, um ein gutes Album aufzunehmen. Das alles ärgert mich, weil die Musik so entwertet wurde. Aber ich zahle 75.000 Pfund, um das Album zu produzieren. Dann ist es bezahlt und ich habe wieder Kosten, um es zu promoten. Es wird immer schwieriger, qualitativ gute Musik zu machen. Wie kann ein Musiker noch überleben? Und den Fotografen (Fish zeigt auf Emanuel) geht es doch genau so. Wie kann ein Fotograf noch überleben? Er setzt die Bilder ins Internet und jeder kopiert sie. So denkt die neue Generation: Alles ist kostenlos.
Eine letzte Frage noch: Wird es mal wieder eine Convention in Deutschland geben? Die letzte ist zwölf Jahre her.
Fish: Ich denke schon. Aber ich bin jetzt sieben Wochen unterwegs und das ist schon hart. Man will ja auch Qualität bieten. Und ich muss den richtigen Ort wählen, wo viele Fans hin kommen.
Danke für deine Zeit!
Fish: Ich danke auch. Genießt die Show heute Abend Es wird etwas ganz Besonderes – die Bühne ist riesig.
Unser herzlicher Dank gilt Daniel Sebastian von Sub SoundS und Dominik Dröse von Sounds Promotion für die Vermittlung des Interviews und für die gute Betreuung vor Ort! Alle Fotos stammen vom MHQ-Fotografen Emanuel Recktenwald.
Um Herman van Veen zu beschreiben, muss man weit ausholen. Er ist Holländer, 68 Jahre alt, geboren in Utrecht. Er ist Liedermacher, Komponist, Sänger, Violinist, Pianist, Texter, Schriftsteller, Clown. Werde ich nach einem bekannten Lied des Künstlers gefragt, fällt mir als erstes natürlich seine Zeichentrick-Schöpfung Alfred Jodocus Kwak ein – und damit der gute Laune verbreitende Song „Warum bin ich so fröhlich“. Geschrieben hat diesen der Pianist Erik van der Wurff. Beide zusammen feiern, wie Herman van Veen erzählt, gerade gemeinsam ihr 50jähriges Bühnenjubiläum. „Damals habe ich an der Universität eine junge hübsche Pianistin gesucht – und Erik hat sich gemeldet.“ Fünfzig gemeinsame Jahre auf der Bühne. Unzählige Songs und Alben. Doch ein wirklicher Chartbreaker war nicht dabei. Darum fällt es auch so schwer, seine Kunst zu erklären.
In Trier war er mit seinem Programm „Bevor ich es vergesse“. Ein sehr passender Titel, denn man hatte das Gefühl, van Veen gibt uns einen Rundumschlag durch sein Leben, erzählt von Begebenheiten und Beziehungen, so als wolle er noch einiges los werden, bevor es ihm nicht mehr einfällt. Dafür war die ehemalige Reichsabteikirche St. Maximin ein schöner Schauplatz. Eine großartige Band nahm dort gemeinsam mit dem Meister Platz: Erik van der Wurff am Piano, von den Zuschauern bei jeder Vorstellrunde begeistert gefeiert, Jannemien Cnossen an der Violine und zudem mit einer fantastischen Jazz-Stimme, Willem Wits an diversen Percussion-Instrumenten und Dave Wismeijer am Bass. Hinzu gesellte sich Edith Leerkes, eine niederländische Gitarristin und Sängerin, die selbst schon auf eine beachtliche Anzahl an Veröffentlichungen zurück blicken kann.
Van Veens Lieder erzählten von Dingen, bei denen jeder mitreden kann. Das machte sie so greifbar für die Zuschauer. Er sang von glücklichen und gescheiterten Beziehungen, von Kindern und Enkelkindern, vom Sterben seiner geliebten Frau. Hier kam der Clown durch, der ein trauriger Clown ist, aber die Menschen zum Lachen bringt. So erzählte er vom Tod und man spürte, wie es ruhig wurde im Saal und auch unbequem. Zu den sentimentalen Gedanken gesellten sich aber schöne Erinnerungen und ein Witz. Plötzlich verwandelte sich das Trauern in ein herzhaftes Lachen – so wurden die Zuschauer mitgenommen auf eine emotionale Reise.
Van Veen und seine Mitstreiter ließen uns kaum durchatmen. Es gab zwar viele stille, leise, ruhige Momente mit Schlafliedern, Nachdenklichkeiten, philosophischen Ideen zum Grübeln. Dann aber plötzlich wieder ein schnelles Stück, van Veen sprang über die Bühne, tanzte , schrie. Ein wundervoller Entertainer und zugleich ein wunderbarer Mensch, denn er kann erzählen, so dass man ihn schon ewig zu kennen glaubt. Dann hatte er plötzlich eine imaginäre Panflöte im Mund und fabrizierte ein lustiges Flötensolo. Natürlich spielte er allerlei echte Instrumente wie Gitarre, Piano, Violine und Mundharmonika. Doch auch die übrigen Musiker bekamen viel Raum, konnten sich in Szene setzen. Jannemien sang ein Lied, Edith gleich mehrere.
Das Konzert zog sich fast bis 23 Uhr hin. Zu Beginn schien das Schema noch ziemlich strikt. Nach der Halbzeitpause aber erzählte van Veen von Liedwünschen, die ihn per Mail erreicht haben. Er sang ein Lied von Alfred Jodocus Kwak und spielte weitere Wünsche. Sein Repertoire ist ohnehin unerschöpflich und so wollte dann auch der Zugabenblock kein Ende finden. Das Publikum feierte einen fantastischen Künstler wild applaudierend und stehend. Er kam ein ums andere Mal zurück und präsentierte weitere Songs. Auch ein holländisches Lied, bei dem er zu einem kleinen Sprachkurs ausholte und alle mitsangen. Irgendwann war Schluss und er verabschiedete sich mit den Worten: „Ich will jetzt das tun, was ihr auch tun solltet: ein gutes Glas Wein trinken und ein Brötchen mit Lachs essen.“
Wenn ich jetzt zurück denke, habe ich vor dem Konzert nur eines der Lieder gekannt: den Song „Küsschen“, der von der neuen Frau an Papas Seite handelt, der man plötzlich abends ein Küsschen geben muss. Alles andere war Neuland für mich. Ein Abend voller Poesie, in den man sich fallen lassen konnte. Herman van Veen hat ein Händchen für tief gehende Texte, die in Erinnerung bleiben. Wie der Titelsong seiner aktuellen CD „Für einen Kuss von dir“: „Wenn du keinen See hast, ich mal dir einen. Hast du keinen Himmel, ich glaub dir einen.“ Hier konnte das kirchliche Ambiente seine Wirkung voll entfalten, auch wenn die Räume heutzutage als Schulturnhalle genutzt werden.
Nächster Konzerttermin in der Region: Herman van Veen – „Für einen Kuss von dir“ am 26. Oktober 2013 in der Gebläsehalle Neunkirchen
Bauchredner und Puppenspieler – eine Kunst, die sich seit dem Altertum in unserer Kultur etabliert hat. Mancher mag meinen, solche Formen der Unterhaltung hätten sich überholt, seit es Kino und Fernsehen gibt. Doch weit gefehlt! Wer gestern Abend am beschaulichen Sonntag den Weg nach Trier fand, durfte sich wundern, wie viele Fans diese alte Kunst heutzutage hat.
Sascha Grammel ist aber auch ein Phänomen. Jung, gut aussehend, aus Berlin stammen. Der Künstler, der nächsten Februar seinen 40. Geburtstag feiert, hat nach eigenen Angaben bereits mit neun Jahren das Bauchreden angefangen. Zuhause, auf Kindergeburtstagen, später in kleinen Clubs und Kabaretts. Die klassische Ochsentour also. Sascha war Mitglied des Magischen Zirkels Berlin und schaffte es mit der Zeit verstärkt, ein ganz neues Genre in Deutschland zu etablieren: Puppet Comedy.
Grammel vereint Versatzstücke aus Comedy, Puppenspiel, Bauchreden und Zauberei zu einer bunten Show, die in dieser Form einzigartig ist. Seit 1997 tritt er öffentlich auf und hat Preise über Preise gewonnen, war im Fernsehen in vielerlei Hinsicht präsent und schafft jetzt mit seinem zweiten großen Programm „Keine Anhung“ das, wovon alle Künstler träumen: die ganz großen Arenen zu füllen. Da gehört Trier jetzt eher zu den kleineren Veranstaltungsorten, wenn man sich die Tourdaten anschaut.
Die Größe der Halle hat natürlich den entscheidenden Nachteil, dass die Zuschauer in den Rängen einen recht kleinen Sascha und noch kleinere Puppen auf der Bühne sehen und sich ihre Konzentration mit der Zeit wohl eher auf die LCD-Leinwände richtet. Man ist live dabei, schaut sich aber eher den Film an. Nun gut – das ist bei großen Rockkonzerten auch nicht anders.
Sascha machte das durch ein spektakuläres Bühnenbild wett, in dem jede Figur ihr buntes Haus hatte. Als er auf die Bühne kam, ging zunächst einmal tosender Applaus los. Die wenigsten haben ihn schon einmal live gesehen, doch fast jeder kennt ihn aus dem Fernsehen. Und wen der sympathische Künstler und seine genialen Figuren erst einmal in den Klauen haben, den lassen sie so schnell nicht wieder los.
Sascha Grammel stellt sich mit seinen originellen Charakteren dem Klischee entgegen, dass Bauchredner als verhärmte Alleinunterhalter auf der Dorfkirmes enden. Klar, auch Grammel legt ein Dauergrinsen an den Tag, das einem Autoverkäufer zur Ehre gereichen würde, aber er macht seinen Job mit viel Selbstironie.
Manche Figuren kennt man bereits aus dem ersten abendfüllenden Programm. Das trug den Titel „Hetz mich nicht“ und machte uns bekannt mit der Schildkröte Josie, die als schüchterner Geldautomat arbeitet, mit dem mehr als selbstbewussten Adler-Fasan Frederic Freiherr von Furchensumpf und mit dem Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Peter Hacke, einem Hamburger im doppeldeutigen Sinn des Wortes. Diese traten auch im neuen Programm „Keine Anhung“ wieder auf.
Die Show begann mit Frederic, der gewohnt schnoddrig sein Gegenüber vorführte und kein gutes Haar an Grammel ließ. Dann folgte Außer Rüdiger, eine gelbe Socke mit großen treuherzigen Augen. Mein Favorit war aber auch diesmal Josie, die sich auf der Suche nach einem Freund befand und schließlich Sascha ansang „Willst du mein Freund sein?“ – ein herzzerreißender Moment, der alle Zuschauer vergessen ließ, dass Grammel beide Rollen spielte. Da steckt überhaupt Saschas große Stärke. Die Dialoge verpassten den Puppen das perfekte Eigenleben. Er ging oft auf die Metaebene, walzte Versprecher oder Lacher zu handfesten Streitereien aus. Da blieb kein Auge trocken.
Prof. Hacke bekam in der zweiten Programmhälfte seinen besonderen Moment – hat er doch das ultimative Lebensmittel entdeckt, isotonisch, laktosefrei, ohne Zucker und voller natürlicher Aromen: Wasser! Wenn Sascha von seinen Versuchs-Wässerchen trank, verwandelte er sich stimmlich in die verschiedenen Figuren des Programms. Ein netter Gag, der die Stimmvielfalt eindrücklich unter Beweis stellte.
Viel Herzblut steckt auch in der neuen Figur, dem außerirdischen Handelsvertreter Herr Schröder, der im ständigen Clinch mit seinem Symbionten, der Sternschnuppe Ursula lag. Ein Auftritt, der wie ein Ohrwurm lange nachwirkte (wer die Show gesehen hat, weiß was ich meine). So entführte uns Grammel in seine Welt, die am Schluss über einen Brief von Josie nochmal in allen Figuren zusammen geführt wurde. Zudem ließ es sich der (Ver-)Zauberer nicht nehmen, auch noch ein kleines Zauberkunststück in die Geschichte mit einzubauen. Seine Jonglierkünste hatte er zuvor ebenfalls unter Beweis gestellt.
Die Zuschauer verabschiedeten Grammel mit stehenden Ovationen, die dieser gerührt entgegen nahm. Vermutlich tut er das jeden Abend, doch es war schon sehr bewegend, als er in einer letzten Ansprache ans Publikum seiner Freude darüber Ausdruck verlieh, es vom Kindergeburtstag in die große Arena geschafft zu haben. Man gönnt es ihm von ganzem Herzen. Für den Bambi ist er auch nominiert – und: „es gibt ein Zuschauervoting, man kann online dafür abstimmen“. Werden wir tun, Sascha. Ehrensache.
Das traditionelle Open Air im Amphitheater Trier widmete sich in diesem Sommer vor allem italienischen Opern- und Gaumenfreuden. Dazwischen versteckte sich jedoch eine Band, deren Name zwar südländisch klingt, die allerdings aus dem hohen Norden stammt. Wie Sänger Björn Both zur allgemeinen Erheiterung bemerkte: „Wir kommen nicht vom Arsch der Welt, aber man kann ihn von da aus sehen.“
Santiano stammen aus Flensburg und legten gleich mit ihrem Debüt einen Sprung auf den Spitzenplatz der deutschen Charts hin. Das erste Album trug den Namen „Bis ans Ende der Welt“ und war der Überraschungserfolg einer deutschen Band im Jahr 2012. Bereits ein Jahr später folgte „Mit den Gezeiten“ und wieder war aus dem Stand Platz 1 drin. Die Mischung aus nordisch angelegten Schlagern mit Irish Folk und Shanty-Musik funktioniert hervorragend. Da hat Produzent Hartmut Krech den richtigen Riecher gehabt und mit den rauen Haudegen die perfekte Crew um sich geschart.
Die Band genießt selbst in Hardrock-Kreisen ein gutes Renommee und durfte schon eine Metal-Kreuzfahrt musikalisch unterstützen. Nächste Woche werden sie gar beim Wacken Open Air auftreten. Davon war allerdings in Trier wenig zu spüren. Vor der Bühne gab es zunächst mal viele Stuhlreihen, was für die rockige Musik des Quintetts Gift ist und erst spät echte Stimmung aufkommen ließ. Es scheint sich auch noch nicht bis an die Mosel herum gesprochen zu haben, welch generationenübergreifend gute Musik die Flensburger zu bieten haben. Zumindest bestand das Publikum eher aus älteren Semestern, die vielleicht der Schlagerszene zuzuordnen sind oder die sich hier zwischen Nabucco und italienischer Nacht irgendwie verirrt hatten. Auf jeden Fall schade, dass die Resonanz so spärlich war. Ein solches Konzert in Hamburg oder Rostock hätte die alte römische Arena vermutlich zum Bersten gebracht.
Sei’s drum – die nordischen Heroen machten das Beste draus und sorgten auf ihre Art für gute Stimmung. Nach kleinen Übungsphasen erschallte bald ein herzhaftes „Aye Aye“ aus allen Kehlen und auch das mit dem Radau zwischen den Songs klappte einigermaßen. Die Stücke wurden vor allem auf hochdeutsch mit einem traditionellen, folkigen Instrumentarium präsentiert. Den Anfang machte das Volkslied „Alle die mit uns auf Kaperfahrt fahren“ – der perfekte Beginn für Männer mit Bärten. Einige fremdsprachige Originale wie „Scarborough Fair“ und „500 Miles“ kamen mit eigenem deutschem Text, Klassiker wie „Whiskey In The Jar“ und „Irish Rover“ behielten ihre ursprünglichen Lyrics. Dazu kamen viele Eigenkompositionen, die Teile des Publikums textsicher mitsangen. Alle anderen durften üben: „Es gibt nur Wasser überall und wir haben nichts zu trinken / wir brauchen Rum“.
Der Gesang lebte von sonoren Klängen und dem rauen Flair, das die Sänger umgab. Auch konzeptionell funktionierten die Lieder um Fernweh, Freiheit und unendliche Weite perfekt. In seinen Ansagen begab sich Both immer wieder auf das Schiff Santiano und erzählte von den Reisen in fernen Gewässern. Ganz exotisch wurde es, als er mit einem Didgeridoo die Klänge des Schiffshorns imitierte und das Amphitheater vibrieren ließ. Mit den enthaltenen Pop- und Rock-Elementen wurden nicht nur Schlagerfreunde, sondern auch ein von lauteren Klängen begeistertes Publikum gut bedient. Insgesamt verbreiteten Santiano in ihrem zweistündigen Konzert eine sehr gute Stimmung und ermutigten sicher manchen Zuhörer, sich das musikalische Programm auf CD mit nach Hause zu nehmen.
Für das nächste Santiano-Konzert in Trier wünsche ich mir ein Publikum, das vor der Bühne wie ein Mann steht und die Band frenetisch abfeiert. Die Zuschauer, die es beschaulicher mögen, müssten dann weiter entfernt platziert werden. Im Amphitheater ist das leider logistisch nicht machbar. Santiano haben zumindest bewiesen, dass sie auch unter ungünstigen Voraussetzungen die Menschen begeistern können und brachten die nordfriesische Lebensart stilsicher nach Trier: „Wat mutt, dat mutt!“
Ein lauer Sommerabend in Trier, die Sommerbühne im Innenhof des Ex-Hauses, einige Hundert gut gelaunte Zuschauer und der Schmusebarde Laith Al-Deen. Das ist die perfekte Rezeptur für einen gelungenen Abend. Die aktuelle Tour des Musikers aus Karlsruhe trägt den Titel „live acoustic“. Um dem gerecht zu werden, sitzen die drei Gitarristen (Laith inklusive) auf Hockern und schicken sanfte Töne in die Menge. Es kann aber auch mal lauter werden, vor allem wenn Keyboard und Schlagzeug einsetzen.
Musikalisch dreht sich nicht mehr alles um das 2011er Album „Der letzte deiner Art“. Stattdessen findet man eine gesunde Mischung aus allen Studioalben – nur das Werk voller Coverversionen („Session“) wird ausgespart und auch nicht vermisst. Zu meiner großen Freude geht es mit „Alles unter diesem Himmel“ los. Ein Stück von meinem Lieblingsalbum „Die Liebe zum Detail“, das noch mit dem Titelstück und zwei weiteren Songs vertreten ist.
Laith versteht es, die Zuhörer am Schopf zu packen und ihre Gefühlswelt zu durchleuchten. Und dazu nutzt er eine Mischung aus sanftem Rock, Pop und akustischen Elementen – verbunden mit einer überaus souligen Stimme. Da sind wunderschöne, melancholische Songs wie „Alles an dir“, „Leb den Tag“ und „Dein Lied“, die das ganze stimmliche Potential des Sängers in die Waagschale werfen und in denen er ohne ausschweifende instrumentale Unterstützung bestehen kann.
Zum Teil wurden die Arrangements gegenüber den Originalen abgeändert und vor allem das Piano bekommt viel Raum. Laith führt in seiner aktuellen Band einige Talente mit sich, die zudem stimmlich überzeugen können und den Background vokal mitgestalten. Er zeigt sich bodenständig, nimmt ein Bad in der Menge – und gibt vor allen Dingen den sympathischen Frontmann, der zu Späßen aufgelegt ist und dem immer ein leichtes Schmunzeln ins Gesicht geschrieben scheint.
Vor dem Zugabenblock gibt es den großen Hit „Bilder von dir“, mit dem im Jahr 2000 alles begann. Es folgen zwei abschließende Stücke und das Konzert endet pünktlich um 22 Uhr nach zwei Stunden Länge. Laith Al-Deen hat auf ganzer Linie überzeugt und die Herzen gewonnen. Das lag nicht nur an dem herrlichen Ambiente, sondern einfach an seinem lockeren Auftreten ohne Starallüren und mit stetiger Bühnenpräsenz. Vielleicht ist er wirklich der letzte seiner Art?
Bauchklang – das Vocal Groove Projekt aus Österreich – gastierte am 30. Mai in der Trierer Tuchfabrik. Jetzt muss ich sagen, dass ich ja im weiten Feld des A-cappella-Gesangs schon einiges erleben durfte. Von den Hardrockern Van Canto, die mit fünf Vokalisten und einem Schlagzeuger gestandene Metalhymnen auf die Bühne bringen, bis hin zum Rap-Duo Aggro Hürth, das seine Hip-Hop-Weisheiten als Reinkarnation zweier Mitglieder der Wise Guys präsentiert. Aber was Bauchklang hier geleistet haben, war nochmal ganz speziell.
Leider hatten sich nur knapp unter 100 Zuschauer in der Tufa eingefunden. Für die Stimmung war das allerdings ganz gut, konnte so die Fläche vor der Bühne doch in eine riesige Tanzfläche verwandelt werden. Allein mit der Kraft ihrer Stimmen erzeugten die Österreicher nämlich die Atmosphäre eines heißen Dance-Clubs. Diese Form eines A-cappella-Raves stand den elektronischen Vorbildern in nichts nach. Die Beatboxer erzeugten Klänge von Hip-Hop, Reggae, Trance, Techno, Drum & Bass und Ambient Sound ganz ohne Instrumente. Wer die Augen schloss, konnte den Unterschied nicht bemerken.
Das Ergebnis war eine Meisterleistung an stimmlicher und klanglicher Vielfalt. Die Masse ließ sich von der Illusion treiben und die Tufa wurde zum heißen Dancefloor. Gäste enterten die Bühne und begannen im Überschwang der Emotionen zu rappen. Es war ein ganz besonderer Genuss.
Zugegeben: Wer sich nur von dem Label „A cappella“ hat in die Tufa locken lassen, wird etwas befremdet gewesen sein. Doch es gibt ja genug Möglichkeiten, sich vorab zu informieren, ob man solcherart Musik einen ganzen Abend lang ertragen kann. Fünf CDs sind erzwischen von dem Quintett erschienen. Das neue Album „Akusmatik“ gibt es gar als Vinyl-Album! Andere Vertreter des Genres dürften darauf wohl neidisch sein. Für Club-DJs kann es jedenfalls eine nette Bereicherung für die Plattensammlung darstellen.
Das Konzert dauerte nur knapp 70 Minuten, doch man konnte verstehen, dass den Stimmen hier Höchstleistungen abgefordert wurden. Übrigens hatten die Sänger bereits nachmittags auf dem Trierer Hauptmarkt Werbung für das Ereignis gemacht und ein (unerlaubtes) Spontankonzert gegeben. Schon praktisch, wenn man keine Instrumente braucht.
Martin Rütter, der Hundeprofi, kam in die Arena Trier. Das sorgte erst einmal für ein Verkehrschaos rund um den Verteilerkreis. Finde ich sowieso schrecklich, dass anscheinend alle Comedians sich auf die Fahne geschrieben haben, keine festen Sitzplatzkarten zu verkaufen. So will jeder zum Einlass da sein und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Trotz der Widrigkeiten war die Arena bis 20 Uhr sehr gut gefüllt und die Show konnte pünktlich beginnen. Das Bühnenbild zeigte einen Jogger hoch oben auf einer Laterne und einen gut gelaunten Hund, freudig auf einem Turnschuh kauend – erstes Sinnbild für den zu erwartenden Abend. Wie Martin Rütter selbst sagt: Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die Jogger von den Laternen zu holen. Und wie kann das geschehen? Durch gut erzogene Hunde. So begann er mit den drei meist gebrauchten Lügen von Hundebesitzern, einer Hitliste, die jeder im Saal zu kennen schien. 1. „Der tuuut nix!“, 2. „Der will nur spiiieeeeleeen…!“, 3. „Das hat er ja noch niiie gemacht…!“
Wer solch eine selbstironische Betrachtungsweise an den Tag legt, hat schon gewonnen und die Lacher auf seiner Seite. Somit ist Martin Rütter als Comedian durchaus mit Mario Barth zu vergleichen. Der große Unterschied: Bei Barth geht es um das Zielobjekt Männer, bei Rütter steht der Hund im Mittelpunkt. Und ja, man kann den Geschichten auch folgen, wenn man nicht selbst Hundebesitzer ist. Damit war ich unter den über 3.000 Zuschauern zwar eindeutig in der Minderheit, trotzdem habe ich mich köstlich amüsiert.
Rütter hat drei wichtige Eigenschaften. Er ist zunächst einmal „Hundeversteher“, das heißt, er beschreibt Situationen aus der Sicht des Hundes und vermittelt dessen Sichtweise. Das übrigens ganz detailliert im Hinblick auf verschiedene Rassen. Wissensvermittlung in Bezug auf Jagdhunde, Hütehunde, Schoßhündchen und so illustre Ausnahmetalente wie den Basset geschieht hier ganz nebenbei. Zudem ist Rütter ein recht guter Comedian und Entertainer, redet ohne Punkt und Komma, lacht schon mal im Vorgriff über seine nächste Pointe (vergleiche Mario Barth), bezieht die Zuschauer ins Geschehen mit ein und reagiert spontan auf Störungen aller Art. Was aber das Wichtigste ist: Er ist ein guter Pädagoge, denn der erzieherische Aspekt steht häufig im Mittelpunkt der Ausführungen. Und es geht keineswegs nur um Beispiele gelungener Hundeerziehung, auch die Menschen bekommen ihr Fett weg. Rütter erklärte anhand eines Zuschauerbeispiels, wie der Golden Retriever Benji sein Frauchen erzogen hat (Motto: „Gib mir ein Leckerli, dann bin ich auch bereit, mich beim Spaziergang mal für 20 Meter zügig zu bewegen. „) und gab dann gute Tipps, wie man dies durch konsequentes Verhalten wieder in korrekte Bahnen lenken kann.
Die unterhaltsamen Geschichten und Anekdoten kamen beim Publikum gut an. Rütter versäumte aber auch nicht, darauf hinzuweisen, dass er eine langwierige Arbeit leistet. Bei VOX denke man oft, „der Hundeprofi“ kommt und alles ist sofort wieder gut. Dass Tierpsychologe Martin Rütter und sein Team die Hunde und ihre Herrchen oft über ein halbes Jahr lang begleiten, fällt dabei meist unter den Tisch. Die Arbeit der Tierheime wurde gelobt und Rütter warb auch dafür, sich beim nächsten Hundekauf ruhig mal im Tierheim umzusehen, statt sich an überzüchteten Rassen zu vergreifen. Zudem solle man die Eigenheiten der Hunde beachten: 30 Minuten Gassigehen für den Hütehund? Das wäre quasi ein kurzes Aufwärmen, bevor der dreistündige Spaziergang dann mal losgehen kann.
Die ganze Zeit über blieb Rütter sehr präsent und das Publikum hing an seinen Lippen. Kurze Pause nach einer Stunde, dann ging es mit abgeändertem Bühnenbild weiter. Die Hunde hatten die Macht übernommen in „Dog City“. Nach Wissensvermittlung und lustigen Geschichten ging es nun um das Schindluder, dass unsere Gesellschaft (und die entsprechenden Vertriebsprofis) mit der menschlichen Liebe zum Hund treiben. Vom höhenverstellbaren Fressnapf (ein Klassiker) über den MP3-Player für den Hund bis hin zum Stofftier mit künstlicher Vagina (sic!) hatte der Mann, den nichts aus der Ruhe bringen kann, alles dabei. Und es gab auch nützliche Tipps: Fremde Hundebesitzer kommen mit ihren Begleitern immer zu nahe? Man ruft am besten „Mein Hund hat Flöhe“. Wenn der andere nicht antwortet „Meiner auch!“ wird alles gut. In letzterem Fall hilft dann nur noch das ultimative Abwehrinstrument, dass eine renommierte Firma vor über 40 Jahren entwickelt hat. Ja, wir dürfen auch den Namen der Firma erfahren: KNIRPS.
Der Abend in der Arena war sehr kurzweilig und verging wie im Flug. Selbst Nicht-Hundebesitzern kann man das Comedy-Vergnügen durchaus empfehlen. Vielleicht hält es letztlich von der Anschaffung eines schwanzwedelnden Freundes ab und man entscheidet sich für die altbewährte Katze, die mehr erwünschte Selbständigkeit an den Tag legt. Einen Zusatztermin für Trier gibt es schon: Das Programm „Der tut nix!“ wird erneut gespielt – am 1. April 2014.
Freitags war der Auftritt des famosen Projekts „Tubular Bells for two“, am Samstag gab es den nächsten akustischen Leckerbissen in der ehemaligen Reichsabteikirche St. Maximin in Trier. Diesmal gastierte Tanita Tikaram, weltweit bekannt geworden durch ihr Debütalbum „Ancient Heart“ im Jahr 1988, das vor allem in Europa höchste Chartplatzierungen einfuhr. Jeder, der in dieser Zeit musikalisch sozialisiert wurde, kann wohl die Oboenklänge von „Twist In My Sobriety“ mitsummen.
So hatte sich die ehemalige Kirche, die inzwischen zu einer Turn- und Konzerthalle mutiert ist, bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum war gut durchmischt, bestand aber in der Mehrzahl aus älteren Semestern. Tanita Tikaram ist zwar seit ihrem Erstling immer als Sängerin aktiv geblieben, konnte aber nie an die alten Erfolge anknüpfen. So fragte auch ich mich, ob die Songs überhaupt einen Wiedererkennungswert haben werden – doch da musste ich mir keine Sorgen machen.
Zunächst aber gab es ein Vorprogramm mit der Künstlerin Stephanie Neigel. Die junge Sängerin stammt aus Mannheim und ihr Album „Introducing Stephanie Neigel“ ist gerade ganz frisch erhältlich. Sie kam mit einem Gitarristen (Nils Becker) auf die Bühne und brachte vor allem sich selbst mit – in einer vielfältigen Variante. Eigentlich stammt die Gute nämlich aus der A-cappella-Szene und ist sehr erfolgreich mit der Gruppe Les Brünettes unterwegs. Dabei handelt es sich um ein weibliches Vokalquartett, das ein Programm aus Stücken zwischen Jazz und Soul präsentiert.
In Trier musste Stephanie nun ihre Vokalbegleitung selbst erzeugen und nutze dafür eine Loop Station, auf der sie live ihre eigene Stimme mehrfach aufnahm und eine mehrstimmige Begleitung erzeugte, zu der sie zauberhaft sang. Der Auftritt dauerte nur 30 Minuten, doch es gelang ihr hervorragend, mit Songs wie „I Need Your Loving“ und „Rainbow“ die Zuhörer zu verzaubern. Egal ob mit Loop Station, mit akustischer Gitarrenbegleitung oder allein am Flügel – in dieser Stimme steckt viel Potential.
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Tanita Tikaram betrat dann mit größerer Band die Bühne. Als Instrumente waren neben den Gitarren auch Kontrabass, Flügel und Saxofon im Gepäck. Später dann Querflöte und Klarinette. Schon vor dem ersten Ton wurde sie mit riesigem Applaus bedacht. Die Britin, die 1969 in Münster geboren ist, verfügt in Deutschland noch immer über eine große Fanbasis. Als ersten Song gab es „Good Tradition“ vom Debütalbum – und das war auch für mich ein Aha-Erlebnis. Damals besaß ich das Album nur auf Musikkassette, doch ich muss es oft gehört haben, denn der Song ist noch deutlich im Gedächtnis geblieben. Auch „World Outside Your Window“ hat diesen Erinnerungswert. Schließlich gab es aber auch neue Songs wie „Dust On My Shoes“.
Vor allem der der begleitende Kontrabass und ein Multi-Instrumentalist, der wahlweise Saxofon, Klarinette und Querflöte spielte, verliehen den Songs viel Glanz. Und natürlich die charakteristische Stimme von Tanita Tikaram, die vielleicht in der tiefen Tonlage nicht mehr ganz so fest ist, dafür aber sehr ausgereift und wie geschaffen, um die Akustik der ehemaligen Kirche perfekt zu füllen.
Es gab Songs, bei denen sich Tanita selbst am Flügel begleitete („Make The Day“), Töne, die fast schon nach Progressive Rock klangen, wenn die Querflöte einsetzte, und auch eine recht füllige Jazz- und Blues-Mischung, als „He Likes The Sun“ erklang. Die Sängerin hat immer noch eine enorme Ausstrahlung. Ganz stark fand ich „Cathedral Song“ vom Debütalbum. Nur mit Gitarre begleitet passte dieser Song perfekt in das Ambiente und entführte textlich in die Zeit der ersten großen Liebe, wenn das unbekannte Gefühl die beängstigende Größe einer düsteren Kathedrale erreicht. Stark!
Natürlich gab es auch „Twist In My Sobriety“ – noch vor der Zugabe. Ein Zeichen dafür, dass sich Tanita nicht auf die Songs reduzieren lassen will, die ihr als 18jährige einfielen. Schließlich hat sie aktuell mit „Can’t Go Back“ ein hervorragendes Album auf dem Markt. Und wie zum Trotz sang sie gleich dessen Titelsong hinterher. Dieser ist voll süßer Melancholie, welche die Britin mit ihrem tiefen Timbre noch immer perfekt vermittelt. Hörenswert ist das neue Album allemal und eine Empfehlung nicht nur für treue Fans.
Im Zugabenblock gab es zunächst nach 75 Minuten Konzertlänge den Coversong „Love Is In The Air“. In Tanitas Arrangement ganz neu und auf das Klangbild mit Kontrabass zugeschnitten. Ein Klassiker, den sie sich so zu eigen machte. Das Konzert schien zu Ende, doch sie ließ sich nochmal auf die Bühne bitten und sang ganz allein zu eigener Gitarrenbegleitung die Ballade „Little Sister Leaving Town“ vom Album „Sweet Keeper“. Ein berührender Abschluss für ein wundervolles Konzert. Kompliment auch an das Publikum, das nach vielen Songs andächtig auf den letzten Ton lauschte, bevor ein tosender Applaus startete. So soll das sein!
Die beiden Australier Daniel Holdsworth und Aidan Roberts sind zwei hervorragende Musiker. Multi-Instrumentalisten, wie sie sich jeder Künstler in seiner Band wünscht. Sie beherrschen Gitarren, Keyboards, allerlei Schlagwerk – nur an den stimmlichen Fähigkeiten hapert es ein wenig. Dafür hat man ja den Lead-Sänger. Holdsworth hat in diversen Bands gespielt und sich als Komponist einen Namen gemacht, Roberts ist noch nicht so prominent in Erscheinung getreten. Damit wäre alles gesagt, hätten die beiden nicht vor etwas mehr als vier Jahren eine seltsame Idee gehabt: Man müsste das Meisterwerk von Mike Oldfield „Tubular Bells“ als komplexes Werk auf die Bühne bringen. Nicht mit einem Mammut-Orchester, sondern als fein arrangiertes Stück, eingespielt von zwei Personen. Kurz gesagt – sie wollten das Unmögliche möglich machen. Ein Vorhaben, das als Schnapsidee begann und den beiden seither Monat um Monat, Jahr um Jahr ausverkaufte Häuser in aller Welt beschert. Ein Fest für Freunde der progressiven Rockmusik.
In Trier waren die beiden in der ehemaligen Reichsabteikirche St. Maximin zu Gast. Ein kluger Schachzug der Veranstalter von Popp Concerts. Die Kirche wird übers Jahr vor allem als Turnhalle (!) für die angegliederte Privatschule genutzt, doch zu besonderen Ereignissen wird sie zu einer akustisch hervorragenden Konzerthalle. Der Altarraum ist eine große Bühne, die Säulen lassen sich hervorragend ausleuchten, der Klang im hohen Kirchenraum ist einfach fantastisch. Davon überzeugte sich und die Zuhörer zunächst der Supportact Brett Winterford.
Winterford stammt ebenfalls aus Australien und ist ein Singer / Songwriter alter Schule. Er stellte sich mit seiner Gitarre auf die Bühne und legte munter los. Ein halbstündiger Set aus eigenen Songs von Liebe, Leidenschaft und Vergänglichkeit. Das wurde mit viel Applaus bedacht – vor allem, als er sich entschied, ganz auf Mikrofon und Verstärker zu verzichten und einfach mal ein Lied in die andachtsvoll lauschende Kirche zu schmettern. Ein großer Moment, der ahnen ließ, dass sich hier viele Musikbegeisterte versammelt hatten und bereit waren, sich von dem Geschehen tragen zu lassen.
Nach kurzer Umbaupause enterten die Protagonisten des Abends die Bühne. Und es sollte eine knallharte Performance werden, die den Zuschauern im Anschluss um die Ohren flog. Auch nach 40 Jahren bleibt es das Debütalbum „Tubular Bells“, an dem sich das Werk von Mike Oldfield mit jeder Veröffentlichung messen lassen muss. Seine berühmteste Komposition nahm er als 19jähriger fast im Alleingang auf, spielte verschiedenste Instrumente in mehreren Tonspuren ein und vereinte sie zu einem zweiteiligen Stück, das heute noch Maßstäbe setzt. Wer kennt sie nicht – die Eröffnungspassage, die in „Der Exorzist“ verwendet wurde und seitdem in aller Ohren ist? Für die Frühphase des Progressive Rock war das Album wegweisend und gilt heute noch als sphärisches Referenzwerk.
So ging es ruhig los mit den berühmten Klängen, die als Loop die Basis für den Eröffnungspart bildeten. Auf einer Bühne, die vollgestopft war mit Instrumenten, Mikrofonen, Schaltern, Ständern und einem Wirrwarr an Kabeln, vollführten Holdsworth und Roberts einen unglaublichen Kraftakt akrobatischer Musikalität. Von dem Moment an, an dem das erste Keyboard-Riff des Albums erklang, gab es für die beiden Musiker keine ruhige Sekunde mehr. Barfuß wirbelten sie in einem unglaublichen Tempo und gleichzeitig höchster Präzision zwischen den verschiedenen Instrumenten umher, spielten gern einmal zwei oder sogar drei oder vier gleichzeitig, den nächsten Einsatz dabei immer schon im Nacken sitzend.
Musikalische Perfektion und Kabarett – so lässt sich das Vorgehen beschreiben. Die beiden kommunizierten offen miteinander, gaben sich Einsätze, verdrehten die Augen, wenn mal ein Instrument kurz nachgestimmt werden musste. Es war ein Genuss, Zeuge dieses harmonischen Geschehens zu werden. Der Mix aus Keyboards und harten Gitarrenpassagen, der Part mit der Vorstellung aller Instrumente, die berühmten Röhrenglocken und die musikalischen Themen – all das ist zeitlos und die beiden Künstler übertrugen den Klassiker perfekt in die Gegenwart. Unglaublich, welche Instrumente sie beherrschen mussten: akustische und elektrische Gitarren, Keyboard, Flöte, Glockenspiel, Klavier, Mandoline, Perkussion, natürlich die berühmten „Tubular Bells“ als dominierendes Klangelement, dass trotzdem recht spärlich eingesetzt wird. Auch durch die chorischen Passagen schlug man sich wacker, wenn auch die vokalen Fähigkeiten grenzwertig waren. Egal, die Zuhörer genossen jede Sekunde der Performance.
Zwischendurch gab es eine Pause – „zum Umdrehen der LP“, in Wirklichkeit aber zum Luftholen, denn man sah den beiden die körperliche Anstrengung an, die ein solcher Ritt durch die Musikgeschichte erfordert. „Tubular Bells For Two“ ist eine Mischung aus grandiosem Konzert und unterhaltsamer Show, aus musikalischer Virtuosität und körperlicher Höchstleistung, aus tiefstem Respekt und spitzbübischer Anarchie. Und egal, ob man das Album bereits zu seinen All-Time-Favorites zählt oder gar nicht kennt: Es ist auf jeden Fall ein spannendes, packendes Erlebnis, das man gesehen haben muss.
In Trier gab es nach den letzten Klängen erlösenden Applaus. Mission erfüllt. Als Zugabe spielten die beiden Australier kein weiteres Stück, sondern das Ende von „Tubullar Bells, Part I“, diesmal aber ohne die Ansage der Instrumente. Die ehemalige Kirche St. Maximin ist als Location absolut empfehlenswert und man kann sich nur weitere akustische Highlights dort wünschen.
Chris de Burgh – in diesem Jahr wird er 65 Jahre alt. Denken Musiker da ans Rentnerdasein? Wohl kaum. Was das Schreiben neuer Musik angeht, ist es allerdings ruhig geworden um den Iren, der sich in Deutschland unveränderter Beliebtheit erfreut. Im Prinzip betrieb er eine Form von Vergangenheitsbewältigung und lieferte in den beiden „Footsteps“-Alben vor allem Coverversionen bekannter Songs, die ihn während seiner Karriere beeinflusst haben. Hinzu kam vor zwei Jahren das Werk „Moonfleet“, das dann aber mehr musikalisch unterlegte Erzählung als ein echtes neues Album war. Auch der letzte Longplayer „Home“ hatte nichts Neues zu bieten. Es ist eine Retrospektive älterer Titel, die akustisch gehalten ist und die er selbst produziert und im heimischen Studio aufgenommen hat.
Und dennoch. Chris de Burgh ist unermüdlich auf den Bühnen zuhause. So war er zum wiederholten Mal in Trier und eröffnete diesmal sogar die Tour 2013/2014 in der Arena. Eine Tatsache, die Fans aus einem weiten Umkreis in die älteste Stadt Deutschlands führte. Zumindest waren die ersten Reihen fest in Fanclub-Hand. Und Chris de Burgh überraschte mit einer Ankündigung und einem neuen Song kurz vor der Pause: Es wird Ende des Jahres ein neues Album geben und er spielte daraus „The Fields Of Agincourt“, einen Song, der ins 15. Jahrhundert zurück geht und den britisch-französischen Krieg unter Heinrich V. behandelt.
Bis zu dieser Stelle war über eine Stunde Konzertlänge verstrichen und ich muss sagen, dass die erste Hälfte mich nicht gerade vom Hocker riss. Auch was die Zuschauer anging, sprang der Funke nicht über und der Applaus war oft nur höflich. Natürlich gab es trotzdem Highlights. Den Opener „Waiting For The Hurricane“ zum Beispiel, der sehr zum Spannungsaufbau beitrug. Dann natürlich die Ballade „Missing You“ oder der Klassiker „Ship To Shore“ – zwei Songs, die einige Zuschauer zum Jubeln brachten.
Chris de Burgh hat viele Seiten. Es finden sich häufig progressive Elemente in den Stücken. Das sind dann allerdings nicht die großen Hits. Seine Band besteht auf der aktuellen Tour ganz klassisch aus der Fünfer-Besetzung mit Gitarre, Bass, Keyboards und Schlagzeug. Also nicht viel Firlefanz. Der Bühnenaufbau ist auch recht schlicht gehalten. Ein paar LCD-Streifen im Hintergrund, die aber nicht oft genutzt werden. Stattdessen versteht sich der Ire aufs Geschichten-Erzählen. Wenn er „The Escape“ vom Moonfleet-Album interpretiert, hängen alle gebannt an seinen Lippen.
Auch die zweite Konzerthälfte begann recht ruhig. Es gab eine Acoustic-Session, zu der sich alle Musiker im kleinen Rund versammelten und Songs von „Home“ spielten, einem Album mit (wie er selbst sagt) unentdeckten Perlen seiner Karriere, die nicht unbedingt Best-of-Charakter haben. „Living On The Island“ war noch der bekannteste dieser Titel.
Sehr stark wurde es im letzten Drittel. Da sah ich den Künstler, wie ich ihn mir gewünscht habe. Mit einer Mischung aus alten Hits und selbstbewusst dargebotenen Songs. „I’m Not Scared Anymore“ war hier ein guter Anfang. Dann „Borderline“, das schon bei den ersten Tönen mit heftigem Applaus bedacht wurde und sicher zu den besten und komplexesten Stücken gehört, die Chris de Burgh je geschrieben hat.
Natürlich gab es auch Unvermeidliches wie „The Lady In Red“. Hier überraschte Chris de Burgh mit einem ausgiebigen Bad in der Menge, gab während des Songs Autogramme, ließ sich fotografieren, verteilte Küsschen und Umarmungen. Wahrlich ein Star zum Anfassen und man muss ihm zugestehen, dass er hier keine Allüren zeigte und unverkrampft auf die Menschen zuging. Das erhöhte den Sympathiefaktor sehr.
Eine unausgesprochene Regieanweisung sagt anscheinend, dass ab „Lady In Red“ die größten Fans ihre Sitzplätze aufgeben, nach vorne stürmen und vor der Bühne Party feiern. Tatsächlich hatte sich das Konzert nun für viele zum Stehkonzert entwickelt und es gab vor allem Coversongs der Footsteps-Alben, unter anderem „Blue Bayou“, „Let It Be“, „Lady Madonna“ und Totos „Africa“. Zum Öffnen des Konzerts in Richtung Rockmusik ganz brauchbar – wenn ich auch der Meinung bin, dass er genug eigene Hits hätte (gerade aus den 80er Jahren) um diesen Block zu füllen.
Immerhin gab es ganz zum Abschluss noch „Don’t Pay The Ferryman“ und „High On Emotion“ mit hohem Mitsingfaktor und glücklichen Gesichtern allerorten. Dennoch ist mein Fazit durchwachsen. Zeitweise hatte der Auftritt einen Hauch von Rentnerveranstaltung und alles wirkte recht träge. Wenn der Meister dann allerdings aufdreht und seine Stärken – vor allem die Bühnenpräsenz – ausspielt, macht es großen Spaß, ihm zuzusehen. Die Gesamtlänge des Konzerts lag nach Abzug der Pause immerhin deutlich über zwei Stunden. Und damit hat er seine Fans sicher nicht enttäuscht.