Fall Out Boy Fotos am 07.03.2014 im Palladium in Köln
Fall Out Boy Tour 2014 Köln
Fall Out Boy Tour 2014 Köln
“Ich frage mich, warum ihr euch nicht bewegt”. Das Konzert ist schon eine knappe Stunde in Gang als Emily Kokal diesen bedeutungsvollen Satz sagt. Ob das Publikum tanzt, ist vorrangig abhängig vom Geschehen auf der Bühne. Auf diese banale Einsicht sollte eine Band nicht hingewiesen werden müssen. Ist Warpaint der schnelle Aufstieg etwas zu Kopfe gestiegen?
Ein deutliches Zeichen für die vermehrte Aufmerksamkeit, die Warpaint zuteil wird, ist die Verlegung des Kölner Konzertes vom Gloria in die Live Music Hall. Und selbst die scheint am heutigen Abend zu klein. Nachdem All We Are aus Liverpool mit ihrem psychedelischen Pop stimmungsvoll den Abend eröffnet haben, sind die Voraussetzungen für die vier Musikerinnen aus Kalifornien also bestens. Ihr Set besteht zu Beginn in der Hauptsache aus neuen Songs ihres aktuellen und selbstbetitelten Albums. “Keep It Healthy” ist ein passender Opener und besonders “Love Is To Die” weiß zu gefallen. Viel Hall und Elektronik prägen die Atmosphäre, die jedoch nicht gerade zu exzessiven Tanzeinlagen einlädt. Jedenfalls nicht beim dichtgedrängten Kölner Publikum am heutigen Abend. Irgendwie dämmert die Erkenntnis, dass diese intime Musik nicht unbedingt in größeren Hallen funktioniert. Damit wir uns richtig verstehen: Der Sound ist hervorragend, die Vocals top und die Songs bekanntermaßen bestechend. Aber der Mehrwert eines Live-Erlebnisses der Band im Vergleich zur Sofa-Rezeption erschließt sich einem nicht unmittelbar.
Der Frage nach der mangelnden Bewegung im Publikum lässt Kokal die Aufforderung zum Tanzen zu “Undertow” folgen. Und siehe da, es funktioniert hier und da. Kein Wunder, denn der Song hat Beat und Riffs. Die Phase des angenehmen psychedelischen Waberns ist beendet. Warum Bassistin Jenny Lindberg ausgerechnet ab jetzt im Sitzen spielt, erschließt sich mir nicht. Vielleicht tut sie das häufiger, vielleicht hat sie Rücken. Man weiß es nicht, ich schon gar nicht, denn ich hab das Quartett bei seinem letzten Auftritt in der Domstadt nicht erlebt, als es in der Kölner Kulturkirche spielte. Auch Kokal erwähnt jenen Abend und fügt hinzu, dass die heutige Spielstätte ja auch eine, wenn auch andere Art Kirche sei. Das kann man jetzt so oder so interpretieren. Jedenfalls schließt “Disco//very” das einstündige Mainset mit animierenden Grooves ab. Mit “Elephants” legen Warpaint dann doch noch die erwartete Schippe drauf. Diese Version hat von allem etwas. Mit seiner Komplexität und Dynamik drückt sie beim Publikum die richtigen Knöpfe. Und so endet der Abend für manche versöhnlich. Andere, denen es gelungen war, schon früh im Set in die endlosen Klangwelten von Warpaint einzutauchen, wissen womöglich gar nicht, was es zu meckern gab. Nicht aufregen, einfach weiter genießen!
Selbst wenn man sie noch nie auf der Bühne gesehen hat, hat man dieses sicher schon gehört: Maximo Park sind eine unglaublich gute Live-Band! Ihr Ruf eilt ihnen voraus. Und auch die Setlist mit 24 Titeln hält, was sie verspricht. Bei Maximo Park kommen die Punkwurzeln durch. Die meisten Stücke sind schnell und intensiv, anderthalb Stunden lang fegen besonders Sänger Paul Smith und Keyborder Lukas Wooller über die Bühne, als wäre es das letzte Konzert, das sie spielen dürfen.
Die fünf Engländer präsentieren uns in der Live Music Hall ihr fünftes Studioalbum „Too Much Information“, spielen aber insgesamt eine bunte Mischung aus allen Alben. „Hips And Lips“, „A Fortnight’s Time“, „Graffiti“, „Lydia“, „The Ink Will Never Dry“, „Books From Boxes“, „Girls Who Play Guitars“, „Apply Some Pressure“ – alles dabei, alles laut. Der Mann mit Hut gibt von der ersten Sekunde an Gas. Er schreit, zieht Grimassen, animiert das Publikum, tanzt und wirbelt über die Bühne. Das Jackett muss zwar schon nach zwei Songs weichen, sonst tritt er aber keinen Moment auf die Bremse. Nur in den Pausen zwischen den Stücken, wenn er uns mit seinem guten Deutsch bezaubert, keucht er ein wenig – wie wir übrigens auch. Kaum einer kann hier die Beine still halten. Der Hut bleibt, Maximo Park liefern wie erwartet eine großartige Show.
Setlist:
Monster Magnet gelten als die Pioniere des Stoner Rock. Nach eigenen Angaben verdankt die Band ihre Inspirationen größtenteils bewußtseinserweiternden Substanzen und den Space Rock-Begründern Hawkwind. Tatsächlich ist ihre Musik ein Mix aus Garagenrock, Progressive Rock, Heavy Metal, Punk und allerlei psychedelischen Elementen. Abgesehen davon wurden Monster Magnet auch stets von Comics, Science Fiction, Horror-Filmen und B-Movies beeinflusst. Eine ziemlich krude Mischung möchte man meinen. Mit seinem zehnten Studioalbum „Last Patrol“, das im Oktober des vergangenen Jahres erschien, kehrte das Quintett um Mastermind Dave Wyndorf zu seinen Wurzeln zurück. Wyndorf selbst bezeichnet es als „Psychedelic-Space-Rock mit 60er Garagen-Feeling“ und in der Tat ist „Last Patrol“ ein deutliches Statement für die grossartigen Qualitäten dieser Band.
Das empfinden die Fans in der proppevollen Live Music Hall offensichtlich ähnlich. Nicht wenige von ihnen scheinen dabei genauso zu ihren persönlichen Wurzeln zurückgekehrt zu sein wie ihre Helden auf der Bühne. Ich entdecke zahlreiche Kutten, jede Menge Holzfällerhemden und irgendwann steht eine der prachtvollsten Vokuhilas neben mir, die ich seit 1980 gesehen habe. Ein Duft von Patschuli liegt in der Luft. Die Vorgruppe Church Of Misery schenken wir uns zugunsten eines Hot Dogs und einer Kaltschale Gerstensaft im Innenhof. Da der diesjährige Winter ja anscheinend ausfällt, sind selbst die mutigen T-Shirt-Träger vor der Halle dabei keinerlei Gesundheitsgefahren ausgesetzt.
Als Monster Magnet gegen 21.15 Uhr mit ihrem Set beginnen nähert sich der Wärmepegel im Inneren der Live Music Hall bereits dem roten Bereich. Das erste Stück „I Live Behind The Clouds“ ist auch gleichzeitig der Opener des aktuellen Albums. Als dann noch „Last Patrol“ und das Donovan-Cover „Three Kingfishers“ folgen, dämmert es auch dem letzten, dass die Band beschlossen hat das Album in chronologischer Reihenfolge zu spielen. Für Monster Magnet-Fans keine ganz neue Erfahrung. Bereits auf ihrer „Dopes To Infinity“-Tour 2011 führte die Band das gleichnamige Kultalbum von 1995 komplett auf, ebenso wie ein Jahr später „Spine Of God“ von 1991. Im Bühnenhintergrund starrt der aufgemotzte Stierkopf vom Vorgängeralbum „Mastermind“ gebannt auf das testosterongeschwängerte Geschehen vor ihm, umrahmt von bunten Blubberblasen.
Der Sound ist für Live Music Hall-Verhältnisse, die oftmals an die Akustik einer Schulsporthalle erinnern, nahezu perfekt. Auch die Band präsentiert sich sehr spielfreudig und extrem druckvoll. Chris Kosnik, der seit Oktober 2013 Jim Baglino am Bass ersetzt, fügt sich da nahtlos ein. Der Bewegungsradius der einzelnen Bandmitglieder gleicht jedoch in etwa dem eines Ziegelsteins. Einzig Dave Wyndorf bewegt sich mal von seinem Platz am Mikro weg, um den Fans in guter alter Jim Morrison-Manier den Rücken zuzukehren. Der Rest der Truppe steht wie festgenagelt an seinem Platz. Über „Mindless Ones“, meinen persönlichen Favoriten „The Duke Of Supernature“ geht es weiter bis „Stay Tuned“. Irgendjemand hält ein einsames Feuerzeug in die Höhe. Normalerweise leuchten inzwischen ja unzählige Handy-Displays die Konzerthallen dieser Welt aus. Neuerdings werden sogar iPads mitgeschleppt, die den hinteren Reihen dann vollends den Blick auf das Geschehen versperren. Aber bei Monster Magnet ist auch das ganz anders. Eben alles noch schön Oldschool.
Wer sich „Last Patrol“ in der Limited Edition gekauft hat, für den kommt die Pause nach „Stay Tuned“ etwas überraschend, denn mit „Strobe Light Beatdown“ und „One Dead Moon“ gibt es darauf noch zwei Bonustracks. Geschichten von kosmischer Rache, überbordender Libido, Ausgrenzung und epischer Fremde. Doch spätestens als Dave Wyndorf zu Beginn des Zugabeblocks „Jetzt wird gerockt“ brüllt, ist die kurzzeitige Verwirrung vergessen. Jetzt kocht die Stimmung. Kein Wunder angesichts solcher Klassiker wie „Look To Your Orb For The Warning“ oder „Dopes To Infinity“. Der erste (und einzige) Stagediver des Abends entert die Bühne und schmeißt sich in die feiernde Menge. Als Dave Wyndorf anschließend zu seiner letzten Ansage ausholt und „Motherfucker“ dabei das am meisten benutzte Wort ist, kann nur noch ein Song folgen: „Space Lord“. Die Kölner singen ihn aus voller Kehle mit.
Zum endgültigen Abschluss schießt Wyndorf noch ein paar Fotos von den Fans, bevor er die Live Music Hall nach anderthalb Stunden in einem Feedbackgewitter zurücklässt. Einmal mehr haben Monster Magnet bewiesen, dass sie nach wie vor zu den kreativsten, facettenreichsten und am härtesten rockenden Bands ihrer Art zählen. Ein Konzert wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Blow ‚Em Off!
Bombay Bicycle Club Fotos im Kölner Luxor 2014
Sollte sich heute jemand in die Kölner Live Music Hall verirrt haben, der nicht weiß wer spielt, der könnte es am Aussehen der männlichen Besucher erkennen. Es scheint als würde den Zuhörern nicht nur die Musik, sondern auch der Kleidungsstil des heutigen Hauptacts gefallen. City and Colour heißt das Soloprojekt von Alexisonfire Gitarrist und Sänger Dallas Green.
Mit auf der Tour ist Hannah Georgas. In Deutschland noch unbekannt, ist die Kanadierin trotzdem kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ihre Debut-EP The Beat Stuff erschien im Jahr 2009, seitdem wurde sie in mehreren Kategorien, unter anderem Best New Artist of the Year und Songwriter of the Year, bei den Juno Awards nominiert. Ihr Bekanntheitsgrad steigerte sich enorm durch ihren Song You’ve Got a Place Called Home, der für eine Wal-Mart Werbung genutzt wurde, und durch Serien wie Girls in denen verschiedene Lieder von ihr verwendet wurden.
Pünktlich um 20 Uhr eröffnet Hannah Ihre Show. In blaues Licht getaucht steht sie mit ihrer Band auf der Bühne. Beim ersten Ton bekommt man eine Gänsehaut. Die Musik baut sich langsam um ihren Gesang herum auf. Auch wenn es schüchtern und gehaucht klingt, merkt man schnell, diese Künstlerin hat eine glasklare Stimme. Nach ihrem ersten Lied begrüßt die Kanadierin die Menge in der Live Music Hall mit einem Hauchen ihres Namens und vorerst soll das auch das einzige sein, was sie zwischen den Liedern sagt. Erst nach fünf weiteren Liedern meldet sie sich wieder zu Wort und kündigt Shortie ein Lied ihrer neuen selbstbetitelten Platte an. Eins der fröhlicheren Lieder des Abends. Das merkt man auch am Publikum. Stellenweise wird mitgewippt und die Gespräche werden leiser. Besonders schön ist, dass Hannah nicht nur mit ihrer Stimme umzugehen weiß, sondern auch mit Keyboard und Gitarre. Was den Vergleich zu deutschen Künstlerinnen wie Valeska Steiner von Boy aufkommen lässt. Nicht nur optisch, sondern vor allem ihre Körpersprache erinnert an die Züricher Sängerin. Nach 45 Minuten sphärischer Musik aber wenig Publikumskontakt kommt Hannah mit ihrer Band zum Ende ihres Sets.
Und damit ist die Bühne frei für den Hauptact des heutigen Abends. Unter dem Pseudonym City and Colour, das auf seinen Vor- und Nachnamen anspielt, veröffentlichte Dallas Green 2005 sein erstes Solo Album Sometimes. Mit diesem beweist er, dass der Spagat zwischen lauten, verzerrten Gitarren wie bei seiner Band Alexisonfire und ruhigen Akustikstücken machbar ist. Seit Sometimes sind neun Jahre und zwei weitere Studioalben vergangen.
Zu einem flamencoartigen Intro mit dem Text We are the three amigos betritt die Band um Dallas Green die Bühne. City and Colour aka Dallas Green wird noch ohne einen Ton gespielt zu haben von Applaus begrüßt. Sein Set eröffnet er mit Of Space And Time. Es wird still in der Live Music Hall, Kameras werden gezückt und Paare nehmen sich in den Arm. Nach diesem ruhigen Einstieg geht es mit The Lonely Life von seinem 2013 erschienenen Album The Hurry & The Harm dagegen schon viel schneller weiter im Programm. Nickende Köpfe und Jubelschreie vom Publikum. Dallas Stimme ist stark und steht ohne Zweifel im Vordergrund. Lied Nummer drei, The Grand Optimist, beginnt er erst alleine mit seiner Akustikgitarre, was ein gutes Beispiel dafür ist, dass er nicht auf eine Band angewiesen ist, um zu beeindrucken. Die Lichtshow unterstreicht seine Performance. Bei ruhigen Stellen scheint es rot und sobald die Band mit einsteigt, wird alles in verschiedenen Farben erleuchtet. Das große Finale des Songs wird mit Stroboskoplichtern unterstrichen. Bei Liedern wie The Grand Optimist oder As Much As I Ever Could spürt man die Spannung im Publikum. Bewegt wird sich kaum, die gesamte Masse scheint einfach nur da zu stehen und die Musik zu genießen. Bis jetzt scheint Dallas noch sehr wortkarg zu sein, das ändert sich auch nicht über die Lieder Silver and Gold und Weightless, sondern erst bei Lied Nummer sieben. Alle bis auf Dallas verlassen die Bühne. Er sitzt alleine mit seiner Akustikgitarre auf einem Barhocker inmitten der Bühne und erzählt dem Publikum, dass das nächste Lied von einem Gespräch handelt, dass er tatsächlich mit seinem Vater geführt hat. Bei Body In A Box singt die Menge mit und erste Tränen werden aus Augenwinkeln gewischt. Passend zur Stimmung folgt Comin´ Home.
Bei diesem Teil der Show fällt einem ein weiteres Mal seine beeindruckende Stimme auf. Nur mit Akustikgitarre kann man keinen einzigen Patzer verstecken. Doch das braucht Dallas Green auch gar nicht. Nach Northern Wind bedankt sich Dallas bei seinem Supportact Hannah. Er holt sie zu sich auf die Bühne, aber nicht nur um sich zu bedanken, sondern um mit ihr Paradiese zu performen. Ihre Stimmen ergänzen sich wunderbar. Sie klingen perfekt eingespielt und besonders zweistimmig können die beiden beeindrucken. Nach diesem Duett-Ausflug kehrt die gesamte Band wieder auf die Bühne zurück und stimmt The Death Of Me an. Das Publikum klatscht im Takt. Die Stimmung wird lockerer. Dort wo vor diesem Lied alle ehrfürchtig ruhig aufder Stelle standen, wird jetzt geklatscht und gewippt. Zu Sleeping Sickness fordert Dallas zum Mitsingen auf und sein Publikum folgt ihm. Vor The Golden State wird die Band vorgestellt. Zu warmem Applaus steigen sie in Waiting ein. Es scheint als wäre Dallas nun in einer gesprächigeren Laune. Zum Start von Thirst fordert er sein Publikum auf, sich zu bewegen. Die Lichtshow wird intensiver und schneller, nur mehr als ein Wippen kann er den Zuschauern nicht entlocken. Doch dieses Gewippe zieht sich auch durch Fragile Bird. Nach diesem Lied verschwindet die Band hinter der Bühne. Es scheint als hätten wir das Ende des Konzerts erreicht, ohne es zu bemerken.
Überrascht von dem abrupten Ende wird geklatscht. Zugaberufe erklingen nicht, kaum einer merkt, dass es schon zu Ende sein soll. Doch Dallas kehrt alleine mit seiner Akustikgitarre zurück. Er bedankt sich bei den Anwesenden, für ihn sei es etwas ganz besonderes hier zu sein. Unter Applaus beginnt er mit The Girl. Beim Refrain beginnt die Halle mitzusummen. Zur zweiten Strophe steigt die Band wieder mit ein und der Gesang vom Publikum wird lauter. Nach Two Coins hat Dallas beim Death´s Songdie Kontrolle über das Publikum gewonnen. Es reicht, dass er den Arm hebt, um die Leute zum Singen und Klatschen zu bewegen. Die Lichtshow wird stärker und der Gesang lauter. Man erkennt, diesmal ist es wirklich das letzte Lied des Abends. Damit endet ein wortkarges, aber stimmsicheres Konzert.
City and Colour Fotos Live 2014 Live Music Hall Köln
Eigentlich ist Wirtz bekannt für seine emotionalen und energiegeladenen Rocksongs. Ein weiteres Markenzeichen seiner bisherigen drei Alben „11 Zeugen“, „Erdling“ und „Akustik Voodoo“ sind die kompromisslosen und ehrlichen Texte. Nachdem er den zweiten Teil seiner „Akustik Voodoo“-Tour beendet hatte, zog sich der 38-jährige Frankfurter ins Studio zurück und spielte alle Songs komplett neu arrangiert mit Cello, Violine und Klavier ein. Das Ergebnis heißt „Unplugged“ und kommt am 21.02. in die Läden.
Man darf sehr gespannt sein wie es klingt, wenn sich Wirtz bis auf die Knochen seziert. Bevor er im März auf eine bereits fast ausverkaufte „Unplugged“-Tour geht, hatten einige glückliche Fans die Möglichkeit, das neue Album vorab exklusiv zu hören. In Kooperation mit Gibson, MyVideo und Joiz TV gab es in drei Städten Pre-Listening-Sessions. Dabei hielt der Gibson Bus auch vor dem Music Store in Köln. Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll nutzte die Gelegenheit um zuzusteigen und sich mit Wirtz über die Zeit von der ersten Idee bis zum fertigen Album, aber auch über die anstehende Tour, das Verhältnis zu seinen Fans (die er nicht so nennen möchte), Justin Bieber oder fehlende Telefonanrufe von Dave Grohl zu unterhalten.
Wir haben uns zuletzt 2008 vor deinem Auftritt im Kölner Luxor unterhalten. Dein Debüt „11 Zeugen“ war gerade erschienen. Damals hast du gesagt, dass es spätestens nach dem dritten Album mit der Solokarriere zünden muss. Hast du heute das Gefühl, dass es gezündet hat?
Daniel Wirtz: Ich habe gesagt, mit dem dritten Album sind wir in der Festhalle, oder (lacht)? Sagen wir es mal so: Ich darf mich weiß Gott nicht beklagen. Dafür, dass ich eigentlich immer noch unter dem Radar fliege und viele Leute überhaupt keine Ahnung haben, dass es mich gibt, hatte ich trotzdem das Glück mittlerweile in der Live Music Hall zu spielen. Das ist schön und macht es auch besonders. Die Tour jetzt einfach aus dem Nichts und mit einem Song, den man ins Internet gestellt hat, fast auszuverkaufen, ist das schönste Kompliment das man von seinen Zuhörern bekommen kann. Ich habe immer ein Problem damit Fans zu sagen. Dieses blinde Vertrauen zu wissen: Wenn der in der Stadt ist, dann ist das gesetzt. Ich habe ja auch noch ein paar Jahre, um mich da weiter hochzurackern. Und auf der anderen Seite wäre es ja blöd, wenn es jetzt schon bergab ginge (lacht). So geht es wenigstens, wenn auch langsam, jedes Jahr stetig bergauf. Aber das ist schon ein langer Weg, wenn man mal so zurückdenkt. Mir kommt er gefühlt wesentlich kürzer vor. Dass es mittlerweile das siebte Jahr ist sieht man nur an den Augenringen (lacht).
Ich habe dich als ehrlichen, offenen und sehr lockeren Typen kennengelernt und ich glaube, das bist du bis heute geblieben, obwohl die Verlockung mal gepflegt abzuheben und den Rockstar raushängen zu lassen zwischendurch sicherlich nicht gerade klein war. Wie hast du dir deine Bodenständigkeit bewahrt?
Daniel Wirtz: In meiner ersten Lebenshälfte mit Sub7even habe ich es genau so gemacht. Da war ich Anfang 20. Wir hatten einen Majordeal bei BMG und ich habe gedacht ich bin jetzt Aerosmith. Das Management hat das auch so fokussiert. Und das ist für ein Kind vom Dorf wie mich dann schon so: Wenn die den Rockstar von mir erwarten, wo sind dann die Bitches (lacht)? Die erste Frage war dann, welche Farbe die Ledergarnitur im Nightliner haben soll. Da habe ich mal beige-rot gesagt (lacht). Wie gesagt, das habe ich alles in meiner Kindheit zelebriert und echt gemerkt, dass das total bescheuert ist. Aber es ist ein ganz normaler Werdegang und ich glaube wenn es so nicht gewesen wäre, dann wäre ich vielleicht irgendwann mal durchgedreht. Aber so wird das nie wieder passieren. Der Drops ist gelutscht. Dafür ist es auch viel zu viel Arbeit. Man ist sich der Vergänglichkeit und dass morgen alles wieder vorbei sein kann mittlerweile viel zu bewußt. Es ist wie in jedem Job: Arbeite hart, gib alles, dann hast du Erfolg. Wenn du meinst du müsstest Rockstar sein, geh zu „Superstars“, genieß das Jahr und dann verglühst du wieder.
Nehmen wir mal an es wäre morgen vorbei…
Daniel Wirtz: …dann würde ich glücklich auf vier wunderschöne Soloalben zurückblicken und bestimmt was anderes Schönes finden. So wie Peter Fox im „Haus am See“. Ob es so luxuriös ist und für Orangenbaumblätter reicht weiß ich allerdings nicht. Ich würde wahrscheinlich trotzdem weiterhin Musik machen. Ich trommele ja jetzt schon auf den Knien weil ich hier zwei Tage im Bus sitze und keine Gitarre spiele. Aber man kann sein Leben bestimmt auch noch mit anderen Sachen gestalten.
Im März startet deine Unplugged-Tour unter dem Motto „Wirtz zieht den Stecker“, die bereits zu weiten Teilen ausverkauft ist. Bei unserem Interview damals im Luxor hast du mir schon erzählt, dass du von einer Unplugged-Tour durch Kinosäle träumst.
Daniel Wirtz: Genau und jetzt spiele ich in Kirchen. Der Gedanke ist immer schon da gewesen. Wir haben hier und da ein Unplugged-Set gespielt. Oder wenn man auf der Musikmesse von den Gibson Leuten eingeladen war. Und da sind Menschen teilweise 500 oder 600 Kilometer gefahren, um mir bei drei Songs auf der Akustikgitarre zuzuhören. Das war der Anstoß zu sagen: Wenn der Kunde das will, und der Kunde ist bei mir König, dann lasst uns mal eine Unplugged-Tour machen. Aber jetzt einfach loszufahren wäre auch blöd. Es wäre schöner das irgendwie festzuhalten. Also haben wir angefangen die ersten Songs einzuspielen, die Arrangements runterreduziert auf Akustikgitarre und ein bißchen Percussionzeugs gemacht. Aber am Ende war es immer noch ein Gitarrenriff ohne Eier. Ich habe gesungen und Matthias (Hoffmann, Daniel’s Produzent, Anm.d.Red.) sitzt auf der anderen Seite der Scheibe und ich sehe in seinem Gesicht immer, ob es was ist oder nicht. Wir haben beide gedacht, das ist ja total langweilig. Wer soll denn bitte so eine Platte kaufen? Wer braucht das? Ich brauche es nicht. Das mag auf einem Konzert hintenraus vielleicht als Medley noch funktionieren, wenn die Emotionen sowieso blank sind, aber auf einer Platte ist das total scheiße. Ich hatte keinen Bock das zu singen. Damit war das Thema eigentlich schon geknickt und wir wollten uns lieber auf die vierte Rockplatte konzentrieren. Oder wir finden jetzt irgendeine Möglichkeit, wie wir das so interessant gestalten, dass wir uns erstens künstlerisch nochmal herausgefordert fühlen und zweitens dass es Emotionen in uns weckt. Das ist ja immer das Kriterium ob ein Song gut oder schlecht ist. Okay, also dachten wir, bevor wir das Ding endgültig in die Tonne hauen, gehen wir total frei an die Sache ran. Worum geht es eigentlich? Es geht eigentlich bei Wirtz um Textinhalt. Also lassen wir den mal stehen. Alles andere wurde weggewischt. Scheiß auf Melodieführung, scheiß auf Rhythmus, Beat, Geschwindigkeit. Wie würdest du den Text singen, wenn es nur der Worte wegen wäre? Und die Instrumente nur dazunimmst, um die Worte zu stärken. Also letztlich schon fast Hörbuchcharakter. So sind wir immer weiter von dem Original weggekommen. Zum Beispiel sind wir auf dem Klavier hängengeblieben, was so weit weg war von der Originalversion, dass es genau jetzt funktioniert hat. Als die erste Version dann stand und ich diese Klangwelt auf einmal auf dem Kopfhörer hatte und vor dem Mikro stand, da dachte ich nur: Wow. Das macht natürlich Spass hier reinzusingen. Du kannst den Ton oben auch mal abknicken lassen und es fällt einfach mal in die Kopfstimme rein. Ich hatte Platz zum Singen und Wohlfühlen. Auf beiden Seiten der Fensterscheibe gab es ein extremstes Lächeln (lacht).
Ich muss zugeben, dass ich noch gar nicht in das „Unplugged“-Album reinhören konnte. Ich habe nur das Video zu „Geschichten ohne Sieger“ gesehen.
Daniel Wirtz: Ach, du hast die Platte noch gar nicht gehört. Ich habe noch ein zweites Video, das ist heute im Rohschnitt reingekommen. Das würde ich dir nachher gerne zeigen, ob du mir ein Go oder ein No gibst.
Ja, das können wir sehr gerne machen. Das Album erscheint am 21. Februar und enthält insgesamt vierzehn Songs. Nach welchen Kriterien hast du gerade die ausgewählt?
Daniel Wirtz: Alle Songs waren im Pool und wir haben bei allen versucht diese Entfernung zum Original hinzukriegen. Das hat halt nicht bei jedem geklappt. Andere, von denen ich es mir gewünscht hätte waren zu nah dran und haben nicht funktioniert. Teilweise ist es auch am Text gescheitert. „L.M.A.A.“ ist zum Beispiel eine Nummer, die hätte ich gerne da drauf gehabt. So eine Punkrocknummer funktioniert aber nicht, wenn man sie mit einer netten Stimme singt. Da selektiert sich alles aus. Und das waren am Ende die Vierzehn, die stehengeblieben sind. Ich habe jetzt das Gefühl, das sind die Originalsongs und ich hab mal Rocksongs draus gemacht (lacht). Selbst dieser Switch andersrum funktioniert. Wenn jetzt jemand zum ersten Mal von mir erfährt und das hört und der hört sich danach den Rocksong an, dann wird er anders überrascht. Menschen, die normalerweise bei einer E-Gitarre schon ausschalten, werden sich dann vielleicht auch in das Original verlieben. Es ist keine Platte für Zwischendurch. Abends, wenn man nix zu tun hat und bevor man ein Buch nimmt, gibt man sich das Ding am besten über Kopfhörer bei einem Glas Wein. Wir haben es natürlich auch sehr geil aufnehmen lassen. Die Streicher aus dem besten Studio in Hamburg mit den besten Streichern die es in Deutschland gibt. Bis hin zu einem Sensationspianisten (Tom Schlüter, Anm.d.Red.), der in einem Raum, der nur für den Flügel gebaut wurde, für uns gespielt hat. Mit Raumbefeuchter. Total nerd. Der Raum ist auch in dem Video zu sehen. Alles was ich bisher gemacht habe hat noch nie so gut geklungen. Es macht Spass das zu hören. Du kannst bis hinten durchhören. Du hörst jede Pedale und wenn der Flügel kurz atmet.
Gerade in den letzten Monaten habe ich nochmal total viel Musik von dir gehört, weil das auch gerade gut zu meiner persönlichen Situation passte. Dabei ist mir aufgefallen, dass es eigentlich keine fröhlichen Songs von dir gibt.
Daniel Wirtz: Da hast du schon Recht. „Hier“ ist eigentlich das einzige Liebeslied, das auch ein bißchen optimistisch ist. Ich glaube die Tatsache, dass man nicht alleine ist, ist das einzige optimistische an allen Wirtz-Songs. Wenn man musikalisch die Bestätigung kriegt, da ging es einem genauso und der lebt immer noch. Ich bin nicht alleine. Das Leben geht weiter.
Wenn man „11 Zeugen“ mit „Akustik Voodoo“ oder auch „Erdling“ vergleicht, dann finde ich, dass du deine Texte sprachlich mit der Zeit etwas entschärft hast. Würdest du mir da zustimmen?
Daniel Wirtz: Ich sag mal subtiler beschimpft (lacht). Klar kann man jetzt jedes Mal wieder Arschloch sagen, aber ich finde eine Beleidigung wie „Du bist echt häßlich wenn du schläfst“ trifft viel mehr. Vielleicht ist es auch ein bißchen verkopfter geworden. Noch mehr nachgedacht, noch mehr zweite Ebenen eingebaut. „Akustik Voodoo“ hat es glaube ich auf die Spitze getrieben. Wenn du über babylonische Türme singst und du fängst an zu googeln. Was war denn der Turmbau zu Babel? Worum ging es denn da? Gottgleich werden und verschiedene Sprachen. Dass du da immer mal wieder so Falltüren hast für den der sich bemüht und diesen Weg erschnuppert. Ich hatte das Gefühl, dass meine Leute auf diese Schnitzeljagd Bock haben und die Birne auch so weit anhaben, um das mitzufilmen. Dann macht das irre viel Spass. Ich warte zwar immer noch auf den Anruf vom Philosophischen Quartett, aber ich wäre bereit (lacht). Für Leute, die gerne mit Sprache arbeiten ist das grandios. Für den anderen, der sagt, ich bin eher der emotionale Typ, haut „11 Zeugen“ natürlich wesentlich mehr ins Gesicht. Und den Song, wo ich den einen beleidige, habe ich ja schon. Warum soll ich also noch einen zweiten Song schreiben, um den anderen zu beleidigen? Der kriegt den ersten geschickt. Der passt universell auf jeden. Einfach „Wo ich steh“ als Betreff und tschüß.
Heute gibt es hier noch eine Pre-Listening-Session des neuen Albums inklusive Meet & Greet. Der intensive Kontakt zu deinen Fans war dir schon immer sehr wichtig. Ich erinnere mich, dass du nach dem Konzert im Luxor zum Beispiel noch nach vorne gekommen bist, dich mit den Leuten unterhalten, Autogramme gegeben und ein Bier getrunken hast. Inwiefern ist das mit dem steigenden Erfolg schwieriger geworden?
Daniel Wirtz: Man ist ja schon relativ im Wohnzimmer. Wenn man in der Live Music Hall aber jetzt nicht mehr mit jedem ein Bier trinkt, dann ist das glaube ich verständlich. Danach wäre ich ja tot, da könnte ich gleich die Tour absagen. Das ist aber ja das Schöne, auch an einem solchen Meet & Greet. Das sind ja total nette Leute. Mit den Leuten, die etwas mit Wirtz anfangen können, mit denen kann ich mich doch auch super austauschen. Wir haben immer Themen und es sind einfach nette Gespräche. Wenn das jetzt so Dimensionen hätte wie bei Justin Bieber würde ich das nicht einen Tag lang aushalten. Das wäre eher ein Grund, warum ich aufhören würde Musik zu machen. Schmeißt mir bloß keinen Teddy auf die Bühne. Also Achtung da draußen: Ein Teddy und dann ist Schluß (lacht). Nur so Fanatismus, Geschreie und Gequietsche kann man doch nicht ernst nehmen. Wir haben gestern in Hamburg einen Sensationsabend beim Meet & Greet hier in der Lounge gehabt. Der Bus musste fahren und ich habe gesagt: Okay, wer jetzt noch Fragen und Bock hat nach Köln zu fahren… wir fahren sowieso da lang. Und dann sind da noch Drei sitzengeblieben. Die haben sich dann hier Nachts um halb Drei noch einen Mietwagen geholt und sind wieder zurück nach Hamburg gefahren. Aber die haben natürlich alle Fragen beantwortet bekommen und ich meine. Wir haben schön die Minibar geschröpft bis nichts mehr da war und heute morgen war sie wie von Zauberhand wieder voll.
So ist das bei Gibson. Da fehlt es an nichts. Ich überlege übrigens gerade, ob ich dir beim Konzert in der Kulturkirche am 31. März nicht einen Teddy auf die Bühne werfen soll. Ich glaube das mache ich.
Daniel Wirtz (lacht): Ich sehe das. Es ist nämlich bestuhlt. Da werde ich dann ganz klar und deutlich die Flugbahn zurückverfolgen und wenn das dann von dir ist, dann werde ich es sein lassen. Ich ziehe einen BH drunter und den gebe ich dir dann einfach.
„Akustik Voodoo“ wurde Ende 2011 veröffentlicht, jetzt kommt das „Unplugged“-Album. Wann gibt es das nächste Rockalbum?
Daniel Wirtz: Also das Cover habe ich schon. Das Artwork steht. Ich denke mal nach der Tour werde ich direkt wieder im Studio eingesperrt. Dann muss es natürlich das kompromissloseste Rockalbum ever werden. Good Morning In The Morning sage ich da nur (lacht). Ich freue mich drauf.
Aber es ist noch kein neues Material da.
Daniel Wirtz: Hier und da ein geiles Riff gibt es schonmal. Es steht und fällt ja eigentlich mit dem Text. Um Musik mache ich mir da keine Sorgen. Das einzig Schwierige ist wieder diese Gefangenschaft des Geistes. Sich mit dem eigenen Geist auseinanderzusetzen. Aber das muss sein.
2008 gab es das Gerücht, dass du als Support für die Foo Fighters spielen würdest. Hat Dave Grohl mittlerweile mal bei dir angerufen?
Daniel Wirtz: Bisher leider immer noch nicht. Aber dafür hätte ich fast mit Bush gespielt. Leider ist mein Gitarrist fünf Meter vor dem Backstage einfach zusammengebrochen und wir mussten ihn kurz ins Krankenhaus bringen. Dann hat der Abend leider ohne uns stattgefunden. Also irgendwie habe ich nicht das Glück mit internationalen Acts die Bühne teilen zu dürfen.
Letzte Frage: Wer wird Fußball-Weltmeister? Bei der Europameisterschaft 2008 hast du auf Brasilien getippt. Die waren aber nicht dabei.
Daniel Wirtz (lacht): Finnland. Ich weiß es nicht. Man will ja die Hoffnung für die eigene Mannschaft nicht aufgeben. Aber die Gruppenphase ist natürlich auch sportlich und mit Portugal hat man direkt ein echtes Kaliber vor der Nase. Ghana kann auch mit dem Ball umgehen wenn sie wollen. Ich sag mal das ist Tagesform. Da kannst du ganz schnell mal 7:0 verlieren. Ich hoffe, dass sie ein paar mehr BVB-Spieler da reinstellen. Ich drücke natürlich Deutschland die Daumen. Gewinnen soll wie immer der Beste.
Ich ersetze BVB durch 1. FC Köln und bedanke mich vielmals für das Interview.
Wir bedanken uns ebenfalls bei Natascha „Nash“ Nopper (DefNash Entertainment) für die Vermittlung des Interviews!
Pünktlich zu ihrem vierten Studio Album Schlaflos melden sich Jennifer Rostock auf Deutschlands Bühnen zurück. Damit können alle Fans der fünf Wahl-Berliner, sowie Live Act-Begeisterte erleichtert aufatmen! Als Support für Ihre Schlaflos Tour 2014 haben Sie Marathonmann dabei. Die drei Münchener spielen seit circa drei Jahren zusammen und können jetzt schon auf einige Meilensteine zurückblicken. Als Support waren sie bis jetzt schon bei Casper oder sogar Comeback Kid dabei. Auf ihrem ersten Studioalbum Holzschwert, das 2013 erschienen ist, finden sich Gastsänger wie Richard Meyer von KMPFSPRT oder Guido Knollmann von den Donots. Dass sie es verdient haben, als Supportact aufzutreten beweisen sie ohne Probleme, musikalisch sicher und extrem sympathisch kommen sie gut beim Publikum an. Rein optisch könnte man sie allesamt sofort auf Viva laufen lassen. Dass die Jungs begeistert sind hier mit Jennifer Rostock auf der Bühne zu stehen, zeigen sie bei jeder Gelegenheit. Man hat das Gefühl nach jedem Song ein „Dankeschön“ der Band zu hören. Das kommt natürlich beim Publikum gut an, allerdings lässt es die Band weicher wirken, als sie selbst vielleicht sein will. Auf ihrer Fanpage bezeichnet sich die Band als Post-Hardcore, doch wirkt sie hier zu soft, um sich dem echten Post-Hardcore Fan schmackhaft zu machen. Man hat als Zuschauer außerdem das Gefühl, dass sich noch viel mehr Potenzial hinter den Jungs verbirgt. Das Potenzial lauter zu werden und auszuflippen. Heute wirken sie sehr zurückhaltend. Das Highlight des Sets ist ihr wohl bekanntestes Lied Die Stadt gehört den Besten. Dieser ist der Titelsong ihrer ersten, 2012 veröffentlichten EP. Es geht um Freundschaft wie Sänger Michi Lettner der Menge erklärt. Insgesamt acht Songs spielen die Jungs und wärmen damit das Publikum für den Hauptact des heutigen Abends auf.
Zu einem Elektrointro betritt Drummer Christopher Kohl genannt Baku die Bühne. Die großen Gitarren- und Bassamps sind durch Leuchtketten zu zwei großen Vierecken erleuchtet. Mit den ersten Schlägen auf den Drums erleuchtet nun auch das Schlagzeug. Ein einfacher Effekt mit einer großer Wirkung. Nacheinander betritt der Rest der Band zu dem Lied Phantombild die Bühne, bis bei einem großen Knall ein Vorhang in der Mitte der Bühne fällt, hinter dem Sängerin Jennifer Weist in Pose steht. Zwei große Konfettikanonenschüsse eröffnen ein jetzt schon vielversprechendes Set. Der Sound ist erstaunlich gut. Vor allem der starke Gesang fällt auf, wenn sich auch die Synthesizer ein wenig quietschig anhören. Es wären nicht Jennifer Rostock wenn sie nicht direkt nach ihrem ersten Lied einen kippen würden. Heute Abend ist es Mexikaner, der auf der Bühne unter den Musikern verteilt wird. Zum gewohnten Trinkkampfspruch Zicke zacke zicke zacke hoi hoi hoi kippen sie die erste und nicht letzte Runde des Abends. Nach ihrem Eröffnungslied vom neuen Album spielen sie einen Klassiker. Bekannt geworden ist Es tut wieder weh durch den Soundtrack zu Twilight 2: Biss zur Mittagsstunde auf dessen deutscher Version der Song veröffentlicht wurde. Das bedeutet nicht, dass es deshalb weniger gut bei den eingefleischten Jennifer Rostock Fans ankommt. Die Halle singt mit; auch zum Lied Nichts tät ich lieber von ihrem ersten Album Ins offene Messer von 2008.
Dass eine bühnenerfahrende Band wie der Hauptact Angst vor einer Tour haben könnte, glaubt man nicht. Aber genau das sagen die Musiker. Der Grund ist, dass der Release ihres neuen Albums so kurz vor der Tour war, dass die Fans die Texte vielleicht noch nicht kennen. Doch beim Lied Kein Bock aber Gästeliste von eben diesem Album können alle mitsingen und beweisen somit, dass die Bedenken unbegründet waren. Kein Bock aber Gästeliste ist auch einer der Songs, von dem es schon ein Video gibt. Dieses zeichnet sich vor allem durch die niedrigen Produktionskosten aus. Es wirkt wie ein Zusammenschnitt von Handyvideos und damit treffen sie genau den Ton des Songs an sich. Rotzig und textlich provokant. Hier erwartet man allerdings bei der Textstelle Und wo kriegen wir ein Feature her, das keinen interessiert?, dass es auch wie angekündigt ein Feature gibt. Jeder der die Band kennt weiß nämlich, dass es auf ihren Konzerten immer Überraschungen gibt. Ob es Sido oder Nico Webers von der im letzten Jahr aufgelösten Band War from a Harlots Mouth ist. Doch der Abend ist noch jung und die Fans können noch einiges erwarten.
Der zweite Kurze des Abends wird zur Begrüßung des neuen Rowdys Matt getrunken und das zu einem weiteren Zicke zacke zicke zacke hoi hoi hoi. Nach diesem Kampftrinkspruch kündigt sich jedoch ein ruhigeres Lied an. Bei Ich kann nicht mehr beweist Jennifer Weist, dass sie nicht nur wegen ihrem Unterhaltungsfaktor Sängerin ist. Sie ist stimmgewaltig, sicher und verspielt. Beim Lied Echolot teilt sie die Menge in Jungs und Mädels auf, um durch abwechselndes Mitsingen herauszuhören, wer mehr anwesend ist. Ganz klar gewinnen die Frauenstimmen! Das Ende des Liedes nutzt sie, um für Applaus für die Vorband Marathonmann zu bitten und zu erklären, dass ihre Vorbands immer mitspielen dürfen! Dafür kommt Sänger Michi von Marathonmann auf die Bühne. Zusammen performen sie Der Kapitän, was die Menge schon vorher an den aufgezogenen Kapitänsmützen erraten kann. Die zweite Strophe darf Michi singen. An Jennifer kommt er allerdings nicht ran, aber auch weil sein Mikrophon so leise ist, dass er gegen ihre Lautstärke anbrüllen muss.
Die erste Unterwäsche fliegt auf die Bühne. Um genau zu sein, ein Riesenschlüpfer im Oma-Stil. Darauf trinkt die Band ihren dritten Kurzen zu ihrem dritten Zicke zacke zicke zacke hoi hoi hoi. Auf den Trinkspaß folgt eine ernste Ansprache dazu, dass es egal ist, ob man dünn oder dick, homo oder hetero ist. Denn genau davon handelt ihre erste Singelauskopplung des neuen Albums Schlaflos. Zum Höhepunkt des Liedes Ein Schmerz und eine Kehle springt Sängerin Jennifer Weist in die Menge und lässt sich von Händen bis in die Mitte des Konzertsaals tragen. Wieder auf der Bühne schwingt sie die Regenbogenflagge, während die Band sich solidarisch im Takt aufs Herz klopft. Der Beobachter merkt, dass für die Band Toleranz ein wichtiges Thema ist.
Nach Tauben aus Porzellan begrüßt die Band einen Neuling auf der Bühne. Rowdys die Tabletts mit Shots auf die Bühne bringen, sind für die Band nämlich elementar wichtig und so klatscht das Publikum begeistert für Neuzugang Matt der eine Konfettikanone abfeuert. Die Partylaune nimmt eine kleine Auszeit als in der ersten Reihe ein Streit zwischen Security und Fans entsteht. Alamiert spricht Sängerin Jennifer Weist den Security an „Was machen die denn so schlimmes?“; ein lautes Nichts ertönt aus der ersten Reihe. „Dann geh doch mal aus deren Sicht, du Arsch“. Anscheinend sind die Mädels am Rauchen, was im Palladium verboten ist. Trotzdem sagt Jennifer Weist „Dann lass sie doch rauchen. Wir rauchen einfach alle! Dann können die nichts machen“. Tosender Applaus bis zum nächsten Programmpunkt. Traditionell holt die Band zum Lied Feuer zwei Fans auf die Bühne. Heute sind es Rebbeka und Mona die nach einem kurzem Bühnen-Crashkurs „Mikrofon an den Mund, sonst hört man euch nicht!“ aufgeteilt jeweils eine Strophe und einen Refrain singen dürfen. Mona beginnt, doch vergisst vor Nervosität den kompletten Text. Bei Rebbeka läuft es besser, sie kennt den Text, nur singen kann man ihr Sprechbrüllen nicht nennen. Jetzt liegt es am Publikum zu entscheiden wer gewonnen hat. Gewonnen hat laut dem Klatschen und Jubeln des Publikums Rebbeka. Sie bekommt als Preis einen Merchandise-Gutschein.
Nach dem neuen Lied Der blinde Passagier wird zur Tittensuppe aufgerufen. Oberteile werden ausgezogen und durch die Luft gewirbelt während die Band Du willst mir an die Wäsche anstimmt. Nach Himalaya stimmt die Band etwas romantischere Töne an. Zu Das Schiff versinkt wird das Licht rötlich und gedämmt. Statt der sonst gewohnten Feuerzeuge leuchten Handys und Kameras bis das Lied mit einem Cover von Miley Cyrus‚ Wrecking Ball endet. Und es klingt gewaltiger als das Original! Jennifer Weists Kommentar zu Miley Cyrus: „Die Frau ist kacke, der Song geil!“. Um bei der romantischen Stimmung zu bleiben, erklärt Keyboarder Johannes Walter, Joe genannt, wie er Du nimmst mir die Angst geschrieben hat. Als er während der letzten Tour auf der Bühne seinem Freund einen Heiratsantrag gemacht hat, setzte er sich abends an dieses Lied. Das einzige Liebeslied, das es auf einer Jennifer Rostock Platte gibt. Die Menge ist berührt und stimmt beim Refrain ein. Um nach diesen seichten Liedern die Stimmung wieder zum Kochen zu bringen, bewegt Jennifer Weist das Publikum dazu, einen leeren Kreis in der Mitte des Palladiums zu bilden. In diesem sollen sich alle ausziehwilligen Jungs versammeln.
Beim Start ihres vermeintlich letzten Songs des Abends Es war nicht alles schlecht sollen eben diese nackten Jungs aufeinander zulaufen wie bei einer Wall of Death. Ein starkes Stück zu dem letztendlich doch Nico Webers von War from a Harlots Mouth für seinen Feature-Part auf die Bühne kommt. Leider ist sein Mikrofon zu leise, was dem Song etwas an Energie raubt. Riesenapplaus, aber man spürt, es ist noch nicht vorbei. Da müssen noch Lieder kommen. Auf die verlangte Zugabe müssen die Fans nicht lange warten. Quasi nahtlos spielen sie Zeitspiel, bei dem der Group-Shout des Liedes leider etwas mickrig wirkt. Der Stimmung tut das nichts an, vor allem nicht als Jennifer Rostock das Lied Kopf oder Zahl anstimmen. Nach einem letzten Mexikaner gibt es das von den Fans nicht ersehnte letzte Lied. Zum letzten Refrain von Mein Mikrofon holen sie Marathonmann und Nico Webers nochmal auf die Bühne und singen mit der gesamten Menge die Textstellen „Ich geh da hoch und streich den Himmel neu. Ich geh da hoch und mach die Sterne scheu“. Zu einem letzten großen Instrumentenwirbel beendet die Band ihren Gig mit der Anti-Rechts-Parole „Nazis raus, Schwanz rein“. Das bunte Publikum kann auf einen gelungenen Abend zurückblicken! Mit einer der unterhaltsamsten Bands des deutschen Musikhimmels.
Doch wer jetzt schon gegangen ist, ist selbst schuld. Bei ihrer zweiten Zugabe performen sie Schlaflos, den Titelsong ihres neuen Albums. Das Lied steigert sich von einem reinen Klavierintro hin zu einem epischen Ende mit allen Instrumenten und einer letzten Ladung der Konfettikanonen.
Setlist:
Jennifer Rostock Tour 2014
Bullet for my Valentine Tour 2014
Adam Green Fotos 2014 aus Köln
Einen spektakulären Auftakt zu ihrer Tour gab die Singer-Songwriterin Ellie Goulding am 28.01.2014 im Palladium in Köln. Um die begehrten Plätze in den ersten Reihen ergattern zu können, standen die Gäste mehrere hundert Meter Schlange. Das Konzert war ein voller Erfolg für die Gäste sowie für Ellie Goulding.
Der Tourstart der 27-Jährigen Britin wurde ursprünglich für die Live Music Hall geplant, in welcher weniger als die Hälfte Zuschauer Platz gefunden hätten. Das Verbreiten der neuen Single „Burn“ erhöhte jedoch den Bekanntheitsgrad von Goulding und die Nachfrage nach den Konzertkarten stieg enorm. Der Song „Burn“ entwickelte sich zu einem Nummer-1 Hit in England und das dazugehörige Album zu einem großer internationaler Erfolg. Nachdem das Konzert in das Palladium verlegt wurde, waren auch schon hier gut zwei Monate vor dem Event alle Tickets ausverkauft.
Ellie Goulding verzauberte ihre Fans in einem knappen Leder-Outfit inklusive schwarzen Doc Martens und begann das Konzert mit dem Song „Figure 8″ aus ihrem aktuellen Album. Zur Begrüßung nach dem zweiten Song „Ritual“ gewann sie ihre Fans mit ihrer signifikanten, sympathischen Stimme erneut für sich und sprach zusätzlich die Fans an, die sie von einem Konzert ihrer letzten Tour wieder erkannte.
Das gesamte Konzert über performte Goulding mit viel Energie 21 Songs ihres aktuellen Albums „Halcyon Days“ und einige aus ihrem ersten Album „Bright Lights“. Abgesehen vom Gesang begeisterte Goulding ihre Zuschauer zusätzlich mit ihren Schlagzeug- und Gitarrenkünsten. Unterstützt wurde ihre Performance durch farbige Lichtakzente ganz im Zeichen ihrer Single „Lights“. Die elektrischen Beats animierten die Zuschauer im Verlauf des gesamten Konzertes zu Bewegungen.
Ein besonderer Höhepunkt dieses Konzertes war die Darbietung des bekannten Covers von der Ballade „Your Song“ (ursprünglich von Elton John), bei welchem nahezu jeder Zuschauer Goulding textsicher begleitete. Daran angeschlossen präsentierte sie die sanften Balladen „How long will I love you“, „The Writer“ und „Explosions“. Durch die Songs „Explosions“, „Only you“ und „This Love“ lockerten sich die Bewegungen der Zuschauer weiter und zu den mitreißenden Beats der Songs „Anything could happen“ und „I need your love“ tanzte schließlich jeder im gesamten Zuschauerraum.
Das Mainset endete mit der erfolgreichen Single „Lights“ aus ihrem ersten Album. Als Zugabe und somit zur Verabschiedung sang Goulding endlich die langersehnte Single „Burn“ und gab dem Konzert somit einen gebührenden Abschluss.
Nach ihrem ersten Konzert in Köln gab es ein weiteres in Offenbach, bevor sie in den skandinavischen Ländern Konzerte gibt. Anfang Februar tritt sie im Rahmen ihrer Tournee erneut in Deutschland auf. Bis zum 9. März 2014 wird Ellie Goulding ihre Tour in Europa fortsetzen und anschließend in den USA weitere Konzerte geben.
Chlöe Howl Fotos Live 2014 Köln
Ellie Goulding Fotos Live 2014
Wer sich etwas besser mit den speziellen Kölner Gepflogenheiten auskennt, der weiß, dass in der Domstadt Traditionen oft schneller geboren werden als anderswo. Findet etwas zweimal hintereinander statt, spricht der Rheinländer bereits von einer Tradition und zu einer solchen ist inzwischen auch das New Model Army-Weihnachtskonzert geworden. In diesem Jahr gastiert die Band bereits zum vierzehnten Mal kurz vor Heiligabend in Köln. Am Nachmittag des Konzertes machen wir uns auf ins Palladium, um Frontmann Justin Sullivan zu treffen. Im Backstagebereich herrscht leichte Hektik, weil man etwas dem Zeitplan des Tages hinterherhinkt, aber schließlich finden wir doch ein ruhiges Plätzchen im Bandraum. Marshall Gill klimpert auf seiner Gitarre herum, während Dean White und Michael Dean angestrengt im Internet surfen. Justin Sullivan macht es sich auf dem Sofa bequem, nimmt einen tiefen Zug aus seiner E-Zigarette und beantwortet entspannt die Fragen unseres Chefredakteurs Thomas Kröll.
Ihr seid jetzt seit Ende September auf Tour. Wie sieht so ein typischer Tourtag bei euch aus?
Justin Sullivan: Das kommt darauf an in welchem Land wir gerade sind. In Deutschland sieht das ungefähr so aus wie hier. Wir sitzen zusammen und reden über alles Mögliche. In der Zeit erledigt die Crew ihre Arbeit. Wenn sie fertig ist machen wir unseren Soundcheck und danach schlafen wir vielleicht noch ein wenig. Dann spielen wir unser Konzert und nach dem Konzert gehen einige von uns noch in die Stadt, um etwas zu trinken und der Rest ins Bett. Am nächsten Tag besteigen wir unseren Bus und fahren zum nächsten Konzert. Wir reden viel miteinander. Andere Bands schauen sich stattdessen Filme an. Das machen wir aber kaum, weil es immer so viele Dinge zu erzählen gibt. Ich glaube der Grund dafür ist, dass jeder in der Band und in der Crew einen anderen Background und eine andere Lebensgeschichte hat. Die Gesprächsthemen gehen so nie aus. Sogar nach drei Monaten auf Tour finden wir immer noch Dinge über die wir sprechen können.
Köln ist heute die vorletzte Station der Tour. Das Weihnachtskonzert hier ist für euch und die Fans inzwischen zu einer Art Tradition geworden. Immerhin seid ihr bereits zum vierzehnten Mal zu Gast. Habt ihr dabei auch eine spezielle Beziehung zur Stadt aufgebaut?
Justin Sullivan: Ich glaube, jeder liebt Köln. Die Leute kommen gerne hierher, weil es eine so liberale Stadt ist. Köln hat eine schöne Atmosphäre, es gibt viele Orte, wo man hingehen kann. Der Dom ist eines der sonderbarsten Wunder dieser Welt. Wie ein außerirdisches Raumschiff vom Planeten Goth, das in einer ansonsten modernen Stadt gelandet ist (lacht). Das ist sehr außergewöhnlich. Dann ist da noch der Rhein… es ist nicht schwer diese Stadt zu mögen.
Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben hast du gesagt, dass du gerne mal ein Fußballspiel im Kölner Stadion besuchen würdest. Hast du das mittlerweile geschafft?
Justin Sullivan: Gibt es nicht zwei? Das andere ist doch in Leverkusen. Aber das gehört nicht zu Köln, oder?
Nein, eindeutig nicht. Das ist der falsche Verein.
Justin Sullivan: Oh mein Gott, sorry (lacht). Wir sprechen vom FC Köln. Leverkusen ist woanders. Alles klar! Aber ich war immer noch nicht hier im Stadion. Eines Tages werde ich das aber sicher noch tun. Ein paar andere Stadien in Deutschland habe ich allerdings schon gesehen. Doch keine Sorge, Leverkusen war nicht dabei.
Heute abend habt ihr zwei Special Guests auf der Bühne. Zum ersten Tobias Unterberg am Cello und zum zweiten Ed Alleyne-Johnson, der in der Vergangenheit schon unzählige New Model Army-Konzerte auf seiner Violine begleitet hat.
Justin Sullivan: Das ist richtig. Als wir „Thunder And Consolation“ aufnahmen, komponierten wir „Vagabonds“ auf dem Keyboard, bis Robert (Heaton, der damalige Schlagzeuger, Anm.d.Red.) sagte: Wir brauchen einen richtigen Violine-Spieler. Damals waren wir in der Nähe von Oxford und fragten alle im Studio, ob sie einen solchen Violine-Spieler kennen, bis jemand sagte: Ja, ich kenne diesen Typen, der Ed heisst. Wir luden ihn also zu den Aufnahmen von „Vagabonds“ in unser Studio ein und als er auftauchte, war es von beiden Seiten wie Liebe auf den ersten Blick. Besonders das Intro zu „Vagabonds“ spielte er wirklich wundervoll. Da wir gerade auch jemanden brauchten, der Keyboard spielt, nahmen wir ihn mit auf Tour und er spielte vier Jahre lang Keyboard und Violine auf unseren Konzerten. Irgendwann wollte er sich dann wieder mehr um seine Solo-Aktivitäten kümmern. Und wir hatten das Gefühl, dass wir irgendwie festgefahren waren in der Folkrock-Welt. Gerade als diese Welle begann so richtig erfolgreich zu werden beschlossen wir etwas anderes zu machen. Das Ergebnis war „The Love Of Hopeless Causes“, das ein richtig hartes Rockalbum ist. Wir trennten uns in aller Freundschaft, hielten aber immer Kontakt. Vor kurzem haben wir in Manchester gespielt und Ed rief mich an und sagte: Ihr seid in Manchester? Kann ich vorbeikommen und mit euch spielen? Ich sagte: Natürlich kannst du das. Und beim Weihnachtskonzert in Köln hätten wir dich auch gerne dabei. Das einzige Problem heute ist, dass die Fluggesellschaft seine Violine verloren hat. Wir mussten uns eine leihen, aber ich hoffe er kommt damit klar.
Lass uns über euer neues Album „Between Dog And Wolf“ sprechen. Welche Intention steckt hinter dem Titel?
Justin Sullivan: Es ist eine Art Neuerfindung. Weisst du, wir haben eine Reihe Folkrockalben gemacht und wir brauchten etwas Neues. Nehmen wir zum Beispiel „Today Is A Good Day“. Du schreibst Songs, du arrangierst sie, du gehst ins Studio und nimmst sie zusammen auf. So haben wir das die letzten beiden Alben getan und diesmal wollten wir es anders machen. Michael (Dean, der aktuelle Schlagzeuger) und ich sprechen schon lange darüber den Drumsound vielschichtiger zu machen. Nelson (eigentlich Peter Nice, Bassist bis 2012) verließ zu dieser Zeit gerade die Band aus familiären Gründen und Ceri (Monger) stieß dazu. Einer der Gründe, warum wir uns für Ceri entschieden, war dass er nicht nur ein guter Bassist, sondern auch ein guter Schlagzeuger ist und für das, was wir vorhatten brauchten wir einen zweiten Schlagzeuger auf der Bühne. Früher haben wir zwar auch Alben mit guten Songs gemacht, aber sie waren meist nicht gut abgemischt. Das Ergebnis war nicht immer befriedigend. Darüber haben wir viel nachgedacht. Wir lieben Tom-Tom-Rhythmen, schwere Schlagzeugsounds, das Gefühl des tiefen Basses und dunkel gestimmte Gitarren. Auf „Between Dog And Wolf“ haben wir das Schlagzeug sehr viel mehr in den Vordergrund gestellt und auch ich habe mich beim Gesang zurückgenommen. Wir haben alleine eine Woche in London damit verbracht die Drumparts aufzunehmen. Auf Tape und nicht am Computer. Das macht einen grossen Unterschied in der Qualität aus. Danach nahmen wir den Rest in Angriff und in manchen Fällen schrieben wir die Songs erst nachdem wir das Schlagzeug dazu aufgenommen hatten. Am Ende war der Plan einen absoluten Topmann als Mixer zu verpflichten und wir fanden Joe Barresi, was eine sehr gute Entscheidung war. Du weisst ja was er tut. Er ist einer der Besten.
In den letzten vier Jahren sind viele Dinge passiert. Der Tod von Tommy Tee (langjähriger Manager von New Model Army), der Brand in eurem Studio oder der Diebstahl eures Equipments. Würdest du das Album deshalb auch als eine Art Neuanfang für euch bezeichnen?
Justin Sullivan: Ja, in der Tat. Das ist das Album, das wir schon immer machen wollten. Und diese ganzen Dinge, die passiert sind, haben es nur verzögert. Als wir im Sommer letzten Jahres schließlich damit begannen, ging alles sehr schnell. Wir waren schon im Februar komplett fertig.
Ihr habt eure Sache offensichtlich sehr gut gemacht. Mit „Between Dog And Wolf“ gelang euch der höchste Charteinstieg in England und Deutschland seit 1993.
Justin Sullivan: Ja, aber glaube niemals das, was du in den Charts siehst (lacht). Trotzdem ist es natürlich ein schöner Erfolg.
Ich habe mir die Setlisten der bisherigen Tour mal angeschaut und dabei ist mir aufgefallen, dass ihr regelmäßig acht oder neun Songs des neuen Albums live spielt, was eher ungewöhnlich für euch ist. Zeigt das auch den Stolz, den ihr für „Between Dog And Wolf“ empfindet?
Justin Sullivan: Oh ja, wir sind definitiv stolz darauf.
Du bist als ein sehr kritisch denkender Mensch bekannt, gerade wenn es um Politik geht. Die Texte auf „Between Dog And Wolf“ sind sehr viel weniger politisch als die Texte auf, sagen wir mal, „Today Is A Good Day“. Glaubst du inzwischen, dass die Menschheit nichts mehr aus ihren Fehlern der Vergangenheit lernen wird und dass sich Geschichte sowieso irgendwann wiederholt?
Justin Sullivan: Das habe ich tatsächlich lange Zeit geglaubt. Auf „Today Is A Good Day“ ist all das, was wir zum Börsenchrash von 2008 und seinen Folgen sagen wollten. Es erschien mir also nicht nötig, das nochmal zu sagen. Ich sitze ja nicht da und denke ständig darüber nach, in welcher Gesellschaft ich eigentlich lebe. Auf diesem Album gibt es auch einen Song über die Revolution in Ägypten. Meine Schwester lebt in Kairo und ich habe sie dort 2011 besucht. Darüber habe ich dann diesen Song geschrieben. Die meisten Songs handeln aber einfach über Menschen und ihre Beziehungen zueinander. Es ist eine Mischung aus meinen eigenen Erfahrungen und denen anderer Leute. Manchmal werde ich gefragt, was hinter diesem oder jenem Song steckt. Ich möchte dazu dann gar nicht viel sagen, weil ein Song immer von den Erfahrungen besetzt werden soll, die der Hörer selbst damit verbindet. Er soll sich seine eigene Interpretation dazu basteln.
Nächstes Jahr im Januar soll eine Filmdokumentation von Matt Reid über die Bandgeschichte von New Model Army erscheinen. Was können wir davon erwarten?
Justin Sullivan: Es wird wohl nicht im Januar, sondern irgendwann später im Jahr sein. Es ist in erster Linie sein Film und nicht unserer. Er ist auf uns zugekommen und hat gefragt, ob er einen Film über uns machen kann. Und es ist auch keine vollständige Zusammenfassung der Bandgeschichte, denn er kann keine 33 Jahre in einen Film packen. Der Film wird aber interessant sein für Leute, die noch nichts über New Model Army wissen. Es ist kein Film, den wir uns ausgesucht haben zu machen. Es ist seine sehr eigene Sicht der Dinge und spiegelt eine bestimmte Zeit unserer Geschichte wider. „Thunder And Consolation“ war das Album seiner Jugend und so handelt der Film vorwiegend von dieser Ära. Ich hasse den Film, weil ich die Vergangenheit hasse (lacht). Aber ich glaube trotzdem, dass es ein interessanter Film wird.
Das hoffe ich auch. Letzte Frage: Feierst du Weihnachten und wenn ja, wie?
Justin Sullivan: Das ist in jedem Jahr anders. Weihnachten ist ja eine deutsche Erfindung. Wusstest du das?
Nein. Eine deutsche Erfindung?
Justin Sullivan: Ja. Wieviele Bäume kommen in der Bibel vor? Früher gab es den Brauch am Jahresende all die Dinge zu essen, die sich nicht aufheben ließen. Man nannte das ein Fest des Lichts, um den kalten Winter und den Wechsel der Jahreszeiten zu feiern. Ab heute werden die Tage übrigens auch wieder länger. Wir nähern uns langsam wieder dem Sommer. Aber dieses ganze grosse Ding mit den Kerzen und dem Weihnachtsbaum ist deutsch. Es kam nach England mit Albert, dem deutschen Mann von Königin Victoria und wurde modern. Als Charles Dickens dann seine berühmte Weihnachtsgeschichte schrieb, wurde damit eine spezielle Version von Weihnachten etabliert und verbreitete sich rund um die Welt. Auch nach Amerika. Aber in Amerika hat Thanksgiving eine viel grössere Bedeutung. Das Weihnachten, das wir kennen, kommt aus Deutschland und von Charles Dickens.
Wieder was gelernt. Vielen Dank dafür und für das Interview!
Ein grosses Dankeschön geht auch an Oliver Bergmann (Oktober Promotion) für seine Unterstützung bei der Vermittlung dieses Interviews!
Einen Bericht über das New Model Army-Weihnachtskonzert im Kölner Palladium findet ihr hier!
Das New Model Army-Weihnachtskonzert in Köln ist für Band und Fans mittlerweile eine liebgewonnene Tradition. Zum vierzehnten Mal gibt sich das Quintett aus dem englischen Bradford nun schon die Ehre in der Domstadt. Seit mehr als 30 Jahren gehören New Model Army zur Speerspitze der Underground-Bewegung und ihr Stilmix aus Rock, Folk und Punk klingt immer noch genauso archaisch und kämpferisch wie zu Zeiten von „Vengeance“, „The Ghost Of Cain“ oder „Impurity“. Am 20. September erschien ihr inzwischen zwölftes Studioalbum „Between Dog And Wolf“, das mit Platz 31 den höchsten Charteinstieg der Band in Deutschland seit 1993 markierte.
Das Palladium ist heute die vorletzte Station ihrer gleichnamigen Tour. Wie immer dürfen diejenigen, die auf der Gästeliste stehen, fünf Euro für einen guten Zweck spenden, was wir gerne tun. Diesmal für den Hamburger „KiezKick“, ein kostenloses Fußballtraining für Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 18 Jahren auf St. Pauli. Es gibt noch Karten an der Abendkasse, aber vom Status „Ausverkauft“ dürfte das Palladium, wie sich im weiteren schweißtreibenden Verlauf des Abends herausstellt, nicht weit entfernt sein. Im Vorprogramm sorgen Bomb Whateva und die Levellers schonmal für gute Stimmung.
Die steigert sich noch, als New Model Army gegen 21.45 Uhr mit „Stormclouds“ endlich in ihr Set starten. Zur Freude der Fans haben sie zwei Special Guests mitgebracht. Zum einen Tobias Unterberg, der auf „Between Dog And Wolf“ das Cello einspielte und zum anderen Ed Alleyne-Johnson, der bis 1994 bei über 500 New Model Army-Konzerten den Part an der Violine übernahm, die Band dann als Freund verließ und heute in England vor allem Straßenmusik macht. Zu Beginn gehen die beiden noch leicht im etwas matschigen Sound unter, aber spätestens bei „The Hunt“ haben die Tontechniker die suboptimale Akustik des Palladiums im Griff. Vor der Bühne bilden sich die ersten Pogo-Pits und der Saunafaktor nimmt stetig zu.
„Between Dog And Wolf“ macht fast ein Drittel der Setlist aus. Mit gleich acht Songs ist das neue Album vertreten, darunter „March In September“, „Pull The Sun“ oder „Seven Times“. Ein eher ungewöhnlicher Umstand für New Model Army, der aber wohl den Stolz der Band auf ihr aktuelles Werk widerspiegelt. Justin Sullivan ist wie immer der Fels in der Brandung, während vor ihm ausgiebig gesungen, geklatscht und getanzt wird. Michael Dean legt mit seinen treibenden Drumparts das Fundament, auf dem sich Gitarrist Marshall Gill, Keyboarder Dean White und Bassist Ceri Monger, der alleine schon durch seine rotgefärbte Mähne auffällt, austoben können.
Natürlich dürfen dabei auch die Klassiker nicht fehlen. Während „Here Comes The War“ explodiert das Palladium förmlich. „Get Me Out“, „Vagabonds“ (bei dem Ed Alleyne-Johnson seinen grossen Auftritt hat), „Purity“ oder „Wonderful Way To Go“ als Abschluß des Mainsets versetzen selbst die älteren Semester im Publikum noch einmal in ungeahnte Bewegung. Als zwei Zugabenblöcke später um kurz vor Mitternacht die letzten Klänge von „Green And Grey“ verhallen, steht ein sichtlich überwältigter Justin Sullivan vor der feiernden Menge. Kann es einen schöneren Jahresabschluß geben als das New Model Army-Weihnachtskonzert in Köln? Wohl kaum. Bevor es mit Lametta und Besinnlichkeit endgültig losgeht, dürfen hier alle nochmal Party machen und eine Band bewundern, deren Spielfreude nach wie vor immens ist, deren Musik und Botschaften zeitlos sind und die auch im 33. Jahr ihres Bestehens so frisch und druckvoll klingt wie eh und je. Für das kommende Jahr gibt es bereits wieder erste Tourdaten und ich bin mir sicher, dass der traditionelle Termin in Köln auch nicht mehr lange auf sich warten lässt:
Setlist:
Zum vierten Mal in diesem Jahr sind Okta Logue zu Gast in Köln. So schön ist diese Stadt! Oder auch: So gut ist diese Band! Zuletzt waren es ein paar tausend Zuschauer mehr, aber da waren ja auch ein gewisser Neil Young und Crazy Horse das Zugpferd in der Arena. Heute ist das Luxor voll und freut sich auf einen Ausflug in die Weiten des psychedelischen Rocks à la Darmstadt.
Zunächst dürfen die Freunde von Phil Fill auf die Bühne. Mit ihren anschmiegsamen Popsongs, getränkt in Soul stoßen sie auf viel Gegenliebe. Damit nicht eine dicke Bassdrum das Bild dominiert, sitzt Sänger und Schlagzeuger Philipp Rittmannsperger vorne auf dem Cajón. Als er zwischen zwei Songs eine Ansage macht, unterbricht ihn ein Zuhörer mit den Worten „warte kurz, ich muss pinkeln”. Schlagfertig greift der Frontmann diese Art von Humor auf, lenkt die Aufmerksamkeit dann aber wieder auf die Musik. Okta Logue Drummer Robert Herz genießt sie in der ersten Reihe.
Kurze Zeit später ist er dann selbst an der Reihe. Okta Logue eröffnen ihr Set mit dem dafür bestens geeigneten „Transit”. Mit dann wieder geöffneten Augen fällt auf, dass beide Herzbrüder, Benno am Bass und Drummer Robert beim Frisör waren. Vielleicht hatten sie sich für die US-Dates im Oktober in Schale geworfen. Wie auch immer, weitere Songs aus dem aktuellen Album „Tales Of Transit” folgen mit „Let Go” und „Mr. Busdriver”. Auch das sphärische „You”, das ich eher als Closer erwartet hätte, darf schon früh glänzen. Hier wird klar, was Okta Logue besonders ausmachen. Das gefühlvolle Gitarrenspiel von Philip Meloi ist wirklich herausragend. Es nimmt dich mit in die Klangwelt von Okta Logue. Und so ist es gut, dass die Band ihm viel Raum gibt. Mit „Bright Lights” und „Shine Like Gold” gibt es dann auch Stücke vom mindestens genauso guten Debutalbum „Ballads Of Burden”. Spätestens bei „Dream On” hat jeder das Gefühl, tief in die 60er zurückgereist zu sein. Schön ist es hier und wir dürfen es mit Songs wie „Just To Hear You Sleep” noch eine Weile genießen.
Dann geht die Trip weiter in die 70er, denn „Decay” ist Progrock der allerbesten Sorte. Dieser Song ist mit seiner verschachtelten Struktur und Zügellosigkeit ein kleines Abenteuer, dem man sich 20 Minuten lang gerne hingibt. Die Stimmung ist bestens und begeistert ruft das Publikum nach mehr. Auch in der Zugabe hat man bei aller Reminiszenz an die musikalisch so prägende Zeit der 60er und 70er Jahre nie den Eindruck, die Vier spielten die Songs ihrer Idole. Vielmehr sind sie im besten Sinne inspiriert von Pink Floyd und Co. und machen ihr ganz eigenes Ding. Das verspielte „Mr. Zoot Suit” und das melancholische „Chase The Day” beschließen den Abend.
Auf ihrer Facebookseite schreiben die Darmstädter am folgenden Tag über ihr spezielles Verhältnis zu Köln. Diese tolle Stadt, die gerne auch in 2014 wieder Gastgeber für diese tolle Band sein möchte.
Setlist:
Papa Roach live Köln 2013
Volbeat Fotos Köln 2013