Bereits seit über 30 Jahren ist der Essener Ingo Appelt hauptberuflich als Comedian unterwegs und gehört damit zu den Urgesteinen der deutschen Szene. Früher war er regelmäßig in „RTL Samstag Nacht“ und dem „Quatsch Comedy Club“ zu sehen, heute sind es Formate wie „Mario Barth deckt auf“. Doch die Königsdisziplin ist natürlich das Standup-Programm, das ihn am 15. März auch auf die Bühne der ausverkauften TUFA in Trier führte.
Das aktuelle Programm trägt den Titel „Männer Nerven Stark“ und die drei Worte sind bewusst groß geschrieben, um zwei Deutungen zuzulassen. Männer können stark nerven, aber sie brauchen manchmal auch starke Nerven. Appelt zumindest scheint mit den Nerven am Ende zu sein, wenn er auf die Bühne kommt und zwei Stunden lang (unterbrochen von einer kurzen Pause) ohne Punkt und Komma redet.
Ingo hängt den Maulkorb an den Haken und packt den verbalen Vorschlaghammer aus. So könnte man die Show in Trier beschreiben. Es geht um alles, was die Menschen nervt und bewegt: Gendern, Wokeness, Gemüse-Nazis und viel politisches Allerlei. „Betreutes Hassen“ nannte der Comedian seine Tirade und er sprach vielen aus der Seele: Ich hasse die Linken nicht, auch nicht die Grünen, die Rechten oder die Vegetarier – ich hasse Menschen!
Er mag mit seinen Ansichten etwas aus der Zeit gefallen sein, doch er erntete viel Applaus während der Show. Und er war zumindest authentisch, denn man nahm dem Ex-Gewerkschafter und (immer noch) SPD-Mitglied seine Wut auf alles ab, was in der heutigen Zeit passiert. Da bekam auch „Muschi-Grabscher“ Trump sein Fett weg.
„Lacht kaputt, was euch kaputtmacht“ lautete das Motto und der Humor war ebenso provokant. Appelt zerlegte unser Miteinander so wunderbar und gleichzeitig pointiert wie kein anderer. Nichts war vor ihm sicher – von der Kommunikation zwischen den Geschlechtern bis hin zu kleinen Macken und Mackern, die uns das Leben schwer machen. Ob wirklich die Männer an der ganzen Misere schuld sind, blieb aber bis zum Ende offen.
Ein Jahr Pause hatten sich Martin Bechler, Jenny Thiele und Jannis Bentler – alias Fortuna Ehrenfeld – verordnet. Und jetzt sind sie wieder da, mit neuem Album „Live at the Hollywood Bowl“ und der dazugehörigen Tour, die die Band am 13. Märt 2026 in die TUFA Trier führte.
Als Support war der Kölner Musiker Bodo von Zitzewitz mit seinem Projekt KOMPARSE. Normalerweise im Bandformat war er am Freitag allein mit Loop-Station am Start und sorgte für die entsprechende Einstimmung.
Dann Fortuna Ehrenfeld in bekannter skurriler Form. Noch bevor es richtig los ging, sorgte Frontmann Bechler dafür, dass ein Zuschauer mit Krücken in der ersten Reihe eine adäquate Sitzgelegenheit bekam. Ein solche Form von Awareness erlebt man auch nur selten. Hochachtung also für das Indie-Rock-Trio.
Das Konzert lebte von seiner besonderen Atmosphäre: mal intime Klaviermomente, mal tanzbare Synth-Beats, die das Publikum gemeinsam mit der Band feierte. So entstand ein Abend voller Humor, Nachdenklichkeit und musikalischer Überraschungen, der von „Leck mich am Arsch, amore mio“ über „Hundeherz“ und „Bad Hair Day“ bis hin zu „Glitzerschwein“ eine Mischung aus Publikumslieblingen und brandneuen Songs darbot.
Die Musik war genauso skurril wie das Auftreten des Frontmanns und die verklausulierten Texte. Da fanden sich Elemente von New Wave, Punk und aus nostalgischen NDW-Zeiten, was die Menge in der vollbesetzten Tuchfabrik rundweg begeisterte.
Thomas „t“ Thielen stammt aus der Eifel und hat lange Zeit in Trier gewohnt, daher führt es ihn immer wieder in die älteste Stadt Deutschlands zurück. Seit ersten Erfolgen mit der Band SCYTHE gilt er als Aushängeschild des deutschen Artrock und Progressive Rock.
Den Anfang machten aber Dead Air Poetry als Support mit harten Klängen. Sängerin Eva Hilchenbach verausgabte sich 45 Minuten lang voll grandioser Energie. Oft mehrstimmig gesungen gab es prägnante Rocksongs wie „Black Hole“ und konzeptionelle Longtracks für Prog-Liebhaber.
Es folgte Meister t mit einer visuellen Show vom Feinsten. Als Sänger, Multiinstrumentalist und Ausnahmekünstler hatte er diesmal zusätzlich seine ganz Energie in fantastische Videoprojektionen gesteckt, die seine Songs mit surrealen Bildern um Protagonistin Johanna unterlegten. Dabei half eine bühnengroße LCD-Leinwand, die von leichten stimmlichen Problemen ablenkten, wie t selbst sagte. Dass er erkältungsbedingt nicht jeden Ton zu 100 % traf, fiel aber in Anbetracht der grandiosen Musik und der instrumentalen Mitstreiter nicht ins Gewicht.
Die Show war ganz großes Kino, wozu die cineastischen Effekte um Zombie-Horror, bizarre Liebesszenen und futuristische Anklänge perfekt passten. Dazu mehrstimmige Gesangspassagen und eine breite Wall of Sound aus sphärischen, bisweilen rockigen Klängen. Dazwischen schwelgte t in Erinnerungen, erzählte Geschichten aus Trier, in Trier, über Trier. Der Nostalgiefaktor war hoch bei Songs wie „Curtain Call“. Es gab auch ein Stück von SCYTHE, als Überraschung das Genesis-Cover „Fading Lights“ und ganz zum Abschluss die psychedelische Suite „Beyond the Dark“.
Der Gig war ein grandioses zweistündiges Konzerterlebnis, das mit dem Stück „She Said“ endete, dem ersten Solostück von t, das er (wo auch sonst) in Trier geschrieben hat. Nach vielen verstörenden Bildern ein melodisches Happy End voll schöner sphärischer Töne.
Zu Beginn amüsierte sich Comedian Patrick Salmen köstlich darüber, dass sein aktuelles Buch „Yoga gegen rechts“ kürzlich Platz 3 der amazon-Yoga-Charts zierte. Dabei geht es hier tatsächlich gar nicht um achtsame Leibesübungen mit Yogamatte, sondern um Alltagserzählungen aus dem Leben eines Sohnes und Familienvaters. Wäre auch zu schön, wenn man mit Yoga tatsächlich etwas gegen Rechtspopulisten und Nazis ausrichten könnte.
Salmen ist 38 Jahre alt, wurde in Wuppertal geboren und hat Germanistik sowie Geschichte auf Lehramt studiert. Inzwischen ist er als Autor, Satiriker, Poetryslammer und YouTuber einem breiten Publikum bekannt. Gut so, denn er erscheint überaus sympathisch auf der Bühne in der Trierer Tufa, hat das Publikum sofort auf seiner Seite und man kann ihm über zwei Stunden lang sehr gut zuhören.
Was er bietet, ist keine Standup-Show. Vielmehr eine Lesung aus seinem Buch, die durch Zwischenmoderationen unterbrochen wird. Dies aber wird mit viel Witz und Charme dargeboten. Patrick Salmen lacht häufig selbst über seine gelungenen Sätze und die vermutlich nicht zu 100% selbst erlebten Anekdoten. Aber immer bleibt er authentisch und man denkt sich: wenn es vielleicht nicht wirklich so war, hätte es doch so sein können.
Credit: KNAUR Verlag
Sehr lebensnah sind die Erzählungen als cooler Vater auf dem Kinderspielplatz zwischen sorgsamen Müttern und Aktiv-Ulrich. Allein die zitierten O-Töne der Kinder sind köstlich. Dann die Anekdote als Protokollführer beim Elternabend, wobei die Geschichte schnell total aus dem Ruder läuft. Man wäre gern dabei gewesen.
In der Story „Mit dem Swipen sieht man besser“ erzählt er augenzwinkernd von eigenen Erfahrungen beim Tinder-Konkurrenten Bumble und die sogenannten „Cremigen Dialoge im Café“ sorgen als Auflockerung stets für erhellende Heiterkeit. Etwas ernster ist da schon die Geschichte vom Vater, der gefühlsmäßig etwas unbeholfen scheint – wenn er beispielsweise dem Sohn nach der Trennung ein Kochbuch mit dem Titel „Nur für echte Kerle“ schenkt oder ihn mit den Worten „Toi! Toi! Toi!“ in einen Klinikaufenthalt verabschiedet. Da muss der Zuhörer kurz schlucken, denn Salmen spricht sehr offen über das Thema Depression.
Auch die Achtsamkeit des Yoga-Überthemas wird natürlich abgehandelt, indem Patrick beispielsweise aus seinem „Dankbarkeitstagebuch“ zitiert oder ganz zum Schluss im „Achtsamkeitsquiz“ wettbewerbsmäßig zwei Zuschauerinnen abfragt, was vom Abend bei ihnen hängen geblieben ist.
Zwischenzeitlich wurde es sehr ernst, als Salmen in einem langen Statement vom alltäglichen Rassismus und den Privilegien weißer Menschen berichtete, das Gegenstehen zu populistischen Äußerungen forderte und sich ein Land ohne Fremdenfeindlichkeit wünschte. Auch solche Themen sind wichtig und machten keineswegs die humoristische Ader des Abends kaputt. Schließlich geht es darum, Menschen auch in Zeiten von AFD-Geschwurbel zum Lachen zu bringen und so eine Form von Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, die dem Rechtspopulismus entgegen wirkt.
Mission gelungen! Der Autor zeigte sich im Anschluss noch sehr publikumsnah, verkaufte und signierte Bücher, ließ sich auf kurze Gespräche ein und sammelte Spenden für die Organisation „Exit“, die Aussteiger*innen aus der rechten Szene hilft. Ein durch und durch gelungener Abend. Popp Concerts haben hier mal wieder ein gutes Händchen bewiesen für einen Comedian, der noch nicht so im Rampenlicht steht wie die Kolleg*innen, die Arenen und Stadien füllen. Gerne wieder!
Kay Ray war nicht zum ersten Mal in der TUFA Trier und die meisten Anwesenden wussten wohl, was sie erwarten sollte. Der schrille Hamburger Comedian ist ruhiger geworden. Er zeigt keine Geschlechtsteile mehr und pinkelt nicht auf offener Bühne, doch seine Show dauert immer noch locker dreieinhalb Stunden und weiß von der ersten bis zur letzten Minute zu unterhalten. Bisweilen bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken, doch das ist von Kay Ray so gewollt. Er singt mit Inbrunst und arbeitet oft mit purer Provokation.
Tosender Applaus von vielleicht 150 Zuschauer*innen, als er kurz nach 20 Uhr die Bühne betrat. Das Bühnenmotto „Pupst mehr Blumen!“ passte perfekt zum extravaganten Auftreten. Kay fackelte auch nicht lange und gab sehr inspiriert „Let Her Go“ von Passenger zum Besten. Auf einem Videoeinspieler war zu sehen, wie er sich vom bürgerliche Kai David in die Kunstfigur Kay Ray verwandelt. Dass es diese Einblicke fürs Publikum gibt, machte ihn sehr sympathisch – noch. Denn schon begann das gekonnte Rundumverteilen von Frechheiten und satirischen Bosheiten. Politisch korrekt? Drauf geschissen! Dem Motto muss man kaum etwas hinzufügen.
Kay Ray lamentierte mit ordinären Worten, aber immer noch extrem lustig. Seine Kommunikation mit dem Publikum war perfekt. Und er amüsierte sich köstlich, wenn es Reaktionen in egal welcher Form auf seine Worte gab. Wer zur Toilette musste: Pech gehabt. Kay konnte das niemals unkommentiert stehen lassen und animierte die Menge dazu, der Ruhesuchenden Mireille bis aufs Klo hinterher zu rufen.
Obwohl selbst überaus exzentrisch, machte er sich schon früh über das „diverse Gedöns“ und die Berufsschwulen lustig. Sein Motto ist klar: Jeder soll sein Fett weg bekommen. Egal ob Randgruppen, Ausländer, Schwule oder Behinderte. Das ist sein Verständnis von Inklusion. Musikalisch ging es erst zu Eartha Kitt, dann zu Milva. Genregrenzen kennt der Wahl-Hamburger (der ursprünglich aus Osnabrück stammt) ohnehin nicht. Er sag das Volkslied „Die Gedanken sind frei“ mit einem Text zur bedrohten Pressefreiheit. Dann gab es für Ex-Verteidigungsministerien Lamprecht ein „Happy New Year“ und Ricarda Lang wurde zum Symbolbild für alle Menschen mit Übergewicht – um nicht zu sagen: Dicke und Fette.
„Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ wurde von der Tufa ungehemmt mitgesungen, was uns alle zu politisch Inkorrekten machte. Kulturelle Aneignung war das Thema – daran kann sich Kay Ray aufhängen. Er fand einen Ausschnitt von Florian Silbereisen und Beatrice Egli. Tatsächlich hatten diese den Song „1000 mal berührt“ verschlimmbessert und das Wort „Indianer gespielt“ durch „zusammen gespielt“ ersetzt. In einer Videomontage brachte er das zum Gelächter aller wieder in Ordnung. Eine Rede von Lauterbach wurde mit Ausschnitten aus „Das Leben des Brian“ hinterlegt. Auch überaus passend. „Geht die Welt heute unter, geht sie ohne mich“ (Ina Deter) und „Still Have Faith In You“ (ABBA) beendeten die erste Hälfte.
Kurz zuvor hatte ich aufs Smartphone geschaut: 21.30 Uhr. Keine Pause heute? Oh doch – die kam jetzt. Zwanzig Minuten Erholung, um die Zuschauer*innen darauf vorzubereiten, wie lange der Abend noch werden könnte. Ein normaler werktäglicher Donnerstag übrigens. Doch nur Einzelne verließen vorzeitig den Saal. Kay Ray ließ uns auch gar keine Chance zum müde werden. Teil 2 startet mit einem Horror-Ausschnitt aus „Stranger Things“ und dann sang er „Running Up That Hill“. Die Stimme hatte sich durch den stetigen Alkoholkonsum am Abend nicht verschlechtert, aber auch nicht verbessert. Sei’s drum. Wenn jemand auf der Bühne frank und frei singt wie unter der Dusche, hat das Publikum auch seinen Spaß. Robbies „Angel“wurde da trotz der hohen Töne locker zum musikalischen Höhepunkt.
Der rote Faden lautete: Ich gehe auf die Bühne und sabbel drauf los. Es gibt Tempo ohne Bremse im Kopf. Man muss sich bisweilen sehr konzentrieren, um den abstrusen Gedankengängen zu folgen. Damit er ungestraft auf der Bühne rauchen darf, baut Kay „Gute Nacht Freunde“ in die Performance ein. Solche Regeln gibt es in Deutschland, was künstlerische Freiheit angeht: Rauchen muss den Bezug zur Darbietung haben.
Die Gürtellinie war längst weit unterschritten. Kein Wunder, dass es für solche Bemerkungen Bühnenverbot in Monheim gibt. Zumindest zeugt es von der Kleinkariertheit einer Stadtverwaltung. Die Filmchen und Fotos die Kay zur Illustration seiner Aussagen findet, sind kurioser als bei „TV total“. Vieles davon hätte sich selbst Stefan Raab niemals getraut. Während des Songs „Winter“ wird der Künstler auf der Bühne eingeschneit. Dann startet er voller Schneeflocken eine Wutrede gegen das Gendern und belegt mit statistischen Fernsehausschnitten, wie wenige Menschen das wirklich wollen. Der „QueerWein“ aus Rheinland-Pfalz muss ebenso für einige Lacher herhalten wie die „letzte Generation“ an Kämpfern fürs Klima.
Ich will, das alle Menschen lachen! So sagte Kay Ray zum Schluss und unterlegte Pe Werners „Kribbeln im Bauch“ mit sexuellen Texten und ekligen Bilder von einem Menschen, der versucht, die schwedische Fischspeise „Surströmming“ runterzuwürgen. Da kommt einem selbst fast alles hoch, ohne dass man den Geruch dazu in der Nase hat.
Die Zugabe um 23.30 Uhr war ein letzter Höhepunkt. „Wenn einer bunt und vielfältig ist, dann bin ich es“, sagte Kay und nahm allen den Wind aus den Segeln, die sein Wettern gegen Diversität und die Gendersprache bemängeln. Das letzte Video konnte kontrastreicher nicht sein. Zu „Sag mir, wo die Blumen sind“ wurde eine Modenschau von Militäruniformen im Morast gezeigt. Skurril und absolut aussagekräftig. Kay Ray ist in seinen Aktionen vielleicht harmloser geworden, doch Themen, Texte und Bilder treffen noch immer dorthin, wo es ganz dolle weh tut.
Trotzdem bleibt er ein feiner Kerl und zollt auch denen Aufmerksamkeit, die sonst vergessen werden: Alles Personal und auch Spielleiterin Annette werden namentlich genannt und mit einem Abspann-Text bedacht.
Die TUFA in Trier war mal wieder bis auf den letzten Stehplatz besetzt, als Julia Reidenbach am 19. Dezember zum letzten Mal für 2022 zu „Just Sing“ eingeladen hatte.
Das Event gibt es schon seit August 2019. Natürlich gab es die coronabedingte Pause, aber seit April 2022 wird es wieder monatlich im großen Saal durchgeführt, der 400 Mitsänger*innen fasst. Denn das ist der Sinn dahinter: Chorleiterin Julia Reidenbach studiert mit den Anwesenden einen mehrstimmigen Song ein, der im Anschluss für ein YouTube-Video aufgenommen wird. Unterstützt wird sie dabei von einem Drummer und einem Gitarristen. Es gab schon großartige Highlights wie eine vierstimmige Version von „Summer of 69“, U2s „Pride (In The Name Of Love)“ und einen seltenen deutschsprachigen Song, nämlich „Westerland“.
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In dieser vorweihnachtlichen Ausgabe gab es allerdings ein paar Besonderheiten. Wie immer erfuhren die Teilnehmer erst durch die am Einlass ausliegenden Textzettel, welcher Song auf dem Programm stand. Das waren diesmal gleich zwei Stücke: Das von Julia selbst vertonte „Winterzeit“ und ein Weihnachtmedley aus „White Christmas“ und „Jingle Bells“. Die bewährte Bandbesetzung mit Christoph Haupers an der Gitarre und Stefan Schoch an der Percussion wurde verstärkt von Carlos Wagner am Saxophon und Dominik Nieß am Piano, und nicht zuletzt beglückte die Band beim Betreten der Bühne die Zuhörer erstmal mit einem weihnachtlichen Blockflöten-Ständchen.
Danach ging es aber auch direkt mit dem Singen los. Die Stimmaufteilung war für beide Songs gleich und denkbar einfach gehalten. In Gruppe 1 versammelten sich die etwas höheren Stimmen, in Gruppe 2 die tieferen Stimmen. Die zur Jahreszeit passend mit einem wunderbar glitzerndem Weihnachtsbaum-Hut ausgestattete Julia Reidenbach startete gewohnt humorvoll mit dem Einüben des gefühlvollen und etwas melancholischen „Winterzeit“. Obwohl die Melodie vielen wohl vorher unbekannt war, ging sie direkt ins Ohr und schon eine halbe Stunde später konnte der Titel aufgenommen werden – ausnahmsweise war hier die Benutzung der Handys für einen stimmungsvollen Schneeflockeneffekt gestattet!
Das Weihnachtsmedley erforderte da schon etwas mehr Probezeit und auch viel Disziplin! Zwar kam jede der beiden Stimmgruppen mal in den Genuss, die Melodie singen zu dürfen, aber auch die hatte im Swing-Arrangement ihre vor allem rhythmischen Tücken. Immer wieder musste Julia daran erinnern, dass Zuhören nicht gleich Mitsingen bedeutet – aber rechtzeitig vor der Pause klappte der erste Teil des Medleys schon zweistimmig und mit kompletter Bandbegleitung.
Nach der Pause kamen die Bandmitglieder in schicken Anzügen und Julia im schwarzen Glitzerkleid auf die Bühne. Ein paar Witzchen über das mühsame Umziehen und die Shaping-Strumpfhose unter dem Kleid mussten natürlich sein, bevor es mit „Jingle Bells“, dem zweiten Teil des Medleys weiterging. Wie immer wurde der erfolgreich einstudierte Song zum Abschluss mehrfach durchgesungen und dabei aufgenommen – und wie immer war es ein tolles Erfolgserlebnis!
Neben Julia und der Band gehören natürlich immer auch Licht- und Tontechniker fest mit zum Team, sowie unser MHQ-Fotograf Simon Engelbert, der seinen Job allerdings meist so unauffällig macht, dass man sich bei der Präsentation auf Facebook immer wieder erstaunt fragt, wann eigentlich die vielen schönen Bilder entstanden sind.
2023 geht es weiter – mit den normalen Events in der TUFA aber auch mit Sonderausgaben für Kids und Senioren sowie mit zwei OPen Airs im Sommer. Lasst euch mal blicken, wenn ihr Lust auf zwei unbeschwerte Stunden und Freude am Gesang habt.
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Den Stempel hat Bastian Bielendorfer weg – aber er hat es ja nicht anders gewollt: als „Lehrerkind“ wurde er zum Autoren und gefragten Comedian. Seine Geschichte ist ebenso kurios, wie die Anekdoten, die er im Stand-up erzählt. 2010 war er Kandidat bei „Wer wird Millionär?“ und selbst Günther Jauch war mal kurz sprachlos, als Bastian aus seinem Leben als Sohn eines Lehrerehepaars erzählte. Das Telefonat mit dem Vater als Telefonjoker ist bis heute legendär. Und es macht großen Spaß, Bastian live dabei zuzuhören, wie er von seiner Familie erzählt.
Die voll besetzte TUFA in Trier war jedenfalls begeistert, als der inzwischen 38jährige aus Gelsenkirchen davon berichtete, was vermutlich der Alptraum jedes Schülers ist: stell dir vor, deine Eltern sind Lehrer, und das am besten noch an der gleichen Schule. Darauf baut seine Comedy auf – und bei allem, was Bastian zu erzählen hat, wird es niemals langweilig.
Fünf Bücher hat er inzwischen zu dem Thema geschrieben und jede Menge Preise eingeheimst. Man mag sich vorstellen, wie das Leben bei Bielendorfers so ablief und ich denke unwillkürlich an Professor Kreuzkamm in Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“, der seinem Sohn Rudi das schulische Leben mitunter sehr schwer machte. Vielleicht sind es Erinnerungen an solche Filme und an die eigene Schulzeit, die das Publikum zwischen Euphorie und Mitleid schwanken lassen. Immerhin kann bei den Themen jeder irgendwie mitreden und hat seine eigenen Vorstellungen im Kopf.
Inzwischen hat Bielendorfer die Thematik weiter ausgedehnt, erzählt von übrigen Familienmitgliedern, von Spielplätzen, von seinem Studium der Psychologie, von seinem Neffen auf der Waldorfschule, vom Zivildienst und seinem Mops Otto. Alles ist perfekt aus dem Leben gegriffen – und das wusste das begeisterte Trierer Publikum zu schätzen.
Ganz zu Beginn ging es auch um Bastians Teilnahme bei „Let’s Dance“. Da kann er schon aus dem Nähkästchen plaudern und vor allem Juror Joachim Llambi bekam ordentlich sein Fett weg.
Wir erfuhren also hautnah vom Urlaub mit der Oma im Seniorenhotel Eifel, vom selbstgebauten Böller am Grab bei Opas Beerdigung, vom Heiratsantrag mit vorgetäuschtem Durchfall in der Karibik und von Flatulenzen im Fahrstuhl. Auch wenn sich alles nicht 1:1 so zugetragen hat (was zu hoffen bleibt), so ist doch eins sicher: Bastian Bielendorfer drückt sich auch unterhalb der Gürtellinie immer noch sehr gewählt aus.
Es ist schon ein Genuss, wenn man Bastian Bielendorfers Bücher liest. Doch die leibhaftigen Erfahrungsberichte des Comedians haben eine ganz besondere Qualität – und sie sind bei weitem nicht so platt, wie die Geschehnisse, von denen Mario Barth zu berichten pflegt. In Trier bot Bastian mal wieder mehr als 90 Minuten puren Vergnügens. Im Zugabenblock ging er auch auf seine Podcasts ein – und er zeigte Haltung gegen Faschisten im Bundestag. Alles in allem ein starker Auftritt.
Den Comedian Kawus Kalantar habe ich zuletzt bei Stand Up 44 in der Comedy-Truppe um Felix Lobrecht gesehen. Damals noch im Schatten des großen Instagram-Stars unterwegs, schafft er es nun, mit dem eigenen Programm “Lang lebe Kawus Kalantar” die Clubs zu füllen.
Man muss natürlich sagen: Der Pandemie geschuldet war das Publikum in der Trierer TUFA noch recht spärlich unterwegs. Es galt die 2G+ Regel und Maskenpflicht am Platz. Das schreckt leider ebenso ab wie die aktuell hohen Corona-Zahlen. Aber es gab erwartungsfreudigen Applaus und schon das Vorprogramm des jungen Kollegen Ivan Thieme wurde extrem bejubelt.
Auf jeden Fall ist es ein feiner Zug von Kawus, dem jungen Komiker aus Berlin eine Chance zu geben. Ivan Thieme ist in der Ukraine geboren und kam als Kind nach Deutschland. Anschaulich erzählte er von studentischen Nebenjobs in Kino und Eisdiele. Deutsch hat er nach eigenen Angaben anhand eines Dudens gelernt. Sehr schön, wie er erste Dialoge allein unter Verwendung von Wörtern mit dem Anfangsbuchstaben A gestaltete und später über die Raffiniertheit von Zucker philosophierte. Die 20 Minuten vergingen äußerst schnell und das Publikum rastete freudig aus, worauf Ivan die Gelegenheit nutzte und für seinen Podcast “Verprügelt mit Punchlines” warb.
Überhaupt sind Podcasts ja auch unter Comedians das große Ding. Kawus Kalantar, Sohn iranischer Einwanderer, aufgewachsen in Bremen (Neue Vahr Süd), betreibt mit Daniel Wolfson den Podcast “Chips und Kaviar”.
Der Comedian wurde im Oktober 2021 mit dem Deutschen Comedypreis als bester Newcomer ausgezeichnet. Es wurde auch Zeit – im Alter von 30+ Lebensjahren. Kawus berichtete aus der Zeit “als Merkel noch hässlich war”, freute sich über seine erste Freundin und erklärte, ob und wie Sex im Hochbett funktioniert.
In einer Stunde Stand Up ging es um Schwarzfahren, Dirty Texting und die Freuden des Erkanntwerdens. Geschickt kurvte Kawus um frivole Erzählungen und politische Korrektheit. “Nazis haben voll die Vorurteile”, sagte er. Begründung: Sie machen Anschläge auf Shisha Bars und Dönerläden, weil sie in Bibliotheken keine Ausländer vermuten. Da ist was dran. Das sympathische AFD Bashing kumulierte in einer geträumten Komödie, in der Elyas M’Barek als süßer Flüchtling die aufgeregte Alice Weidel fingert. Titel: “Elyas im Wunderland”. Prädikat: Großartig!
Kawus Kalantar bot eine kurzweilige Show. Es gab keine Zugabe, aber vermutlich hatte er in 60 Minuten alles rausgehauen, was zu sagen war. Den Deutschen Comedypreis hat er definitiv verdient und das im Durchschnitt recht junge Publikum feiert ihn noch lange nach dem Abgang.
Es gibt feste Regeln, wenn man ein Konzert von Götz Widmann in Trier besucht: Er steht mit Gitarre auf der Bühne. Die Zuschauer sitzen (ohne Stühle) auf dem Boden der Location. Das war im ExHaus immer so, das in den vergangen Jahren Veranstaltungsort der denkwürdigen Widmann-Konzerte war, und das ist in der TUFA so, die leider als Ausweichstätte herhalten muss, so lange das ExHaus renoviert wird.
Vom Ambiente her passte das Jugendzentrum ExHaus zwar besser zu der derben Kost, die Götz seinen vor allem jugendlichen und jung gebliebenen Zuschauern präsentiert, doch auch in der TUFA kam das studentische Liedermacher-Flair gut rüber und der Funke sprang schnell über.
Götz ist das Enfant Terrible unter den deutschen Liedermachern und hat seinem Ruf mal wieder alle Ehre gemacht. „Tohuwabohu“ heißt das aktuelle Album und der Name ist Programm. Die neuen Song sind ein chaotischer Rundumschlag von Babydinosauriern über die altbekannten Themen wie „Hanf und Hopfen“ sowie nachhaltigen Alkoholismus bis hin zu einem Liebeslied an Europa.
Unberechenbar wie immer schüttelte er mit einer frappierenden Leichtigkeit und derben Worten eine Sensation nach der anderen aus dem Ärmel. Politisierend, schimpfend, schreiend, frustriert – und stets mit einem rauen, tiefen, versoffenen Gesang, wie er dies seit zwanzig Jahren zelebriert und schon vorher in Duoform bei Joint Venture bis zur Ekstase ausgelebt hat.
Götz Widmann war in der Tufa Trier in Bestform. Mit „Schwanger“ brachte er die Leute nicht nur kurz zum Lachen, es gab auch eine kichernde Damen-Fraktion, die überhaupt nicht mehr zu bremsen war. Die Pointen saßen wie KO-Schläge und er sprach den Anwesenden aus dem Herzen. Beispielsweise wenn er skandierte „Beim Fußball hass ich Holland wie die Pest“ oder seinen Klassiker „Zöllner vom Vollzug abhalten auf der A4“ zum Besten gab.
Treffsicher wie immer kam er genau mit dem richtigen Statement zur richtigen Zeit um die Ecke. Der Trost für alle Anwesenden: 140 Millionen Samenzellen haben sich auf den Weg gemacht, und ihr habt es geschafft – ein Saal voller Sieger. Macht Sinn, wenn man es so überlegt, denn die Chance, dabei zu sein, ist wie ein 6er im Lotto.
Nach einer Stunde gab es eine Pause, die Götz nutzte, um am Bühnenrand CDs zu verkaufen. Für 20 Minuten angekündigt hat sie gut 45 Minuten gedauert. Das war dann doch sehr lange und ein kleiner Wermutstropfen für das ansonsten sehr gute Konzert. Okay – er wollte allen Anstehenden gerecht werden und seine Autogramme hinterlassen, aber keiner wäre böse gewesen, wenn er irgendwann gesagt hätte: Nach dem Konzert geht’s weiter.
Im zweiten Teil wurden die Songs noch verruchter und auch persönlicher. Klassiker aus seiner Solokarriere und von Joint Venture („Scheiß auf deine Ex“) und die schaurige Ballade vom „sitzend pinkeln“. Götz hat ein großes böses Maul und niemand ist vor ihm sicher, doch er kann auch große Emotionen, z.B. wenn er Anekdoten vom früheren Tourleben in der Nähe von Heidelberg erzählt und seiner Lieblingskneipe „Maria“ ein Trauerlied widmet.
Es war ein anstrengendes Konzert ob der langen Pause und dem gezwungenen Ungemütlich-auf-dem-Boden-sitzen, doch es war es allemal wert, den umtriebigen Liedermacher in Trier zu erleben. Bis zum nächsten Mal!
Das man das noch erleben durfte! Zwei 100minütige formidable Progressive Rock-Konzerte in der renommierten Trierer Tuchfabrik. Dort, wo sich sonst Kleinkunst, Musical, Theater, Kabarett und „Just Sing“ die Klinke in die Hand geben. Zugegeben – es fanden und finden auch starke Rockkonzerte dort statt. Doch haben diese eher Seltenheitswert und widmen sich meist regionalen Gruppierungen wie das „Tefftival“ zur Weihnachtszeit.
Jetzt also zwei Progbands, die in der Artrock-Szene einen sehr hohen Bekanntheitsgrad haben. t aus Hannover und Crystal Palace aus Berlin. Schuld daran hat definitiv t alias Thomas Thielen, der aus der Eifel stammt, in Trier studiert hat, inzwischen aber im halbwegs hohen Norden lebt. Es war ihm ein Anliegen, seinen Tourabschluss in Trier zu feiern (lest HIER unser Interview vom März 2019). Und so trat er in Kontakt zur Tufa Trier und stieß dort als aus der Region stammender Künstler auf offene Ohren.
Eigentlich müsste man sagen, das Experiment sei missglückt. Nur 80 Zuschauer verloren sich im großen Saal der städtischen Einrichtung – und während des Gigs von Crystal Palace dezimierte sich die Menge noch um diejenigen, die entweder nur wegen der lokalen Bekanntheit von t gekommen waren oder denen die zweite volle Konzertlänge einfach zu lang war. Außerdem war es ziemlich kalt in der Tufa – irgendwo muss die Stadt ja sparen.
t hatte gut Werbung gemacht, ein Interview beim Volksfreund (der hiesigen Tageszeitung) gegeben, alte Studienfreunde alarmiert und überhaupt ist er vor allem in Marillion-Kreisen hoch angesehen, von deren Fanclub sich ebenfalls eine Reihe Mitglieder einfand. Außerdem fuhr er groß auf – mit Merchandise beider Bands, mit einem eigens zum Konzert etikettierten Likör. Es wurde ein rauschendes musikalisches Fest mit zwei fantastisch aufgelegten Bands, die ihr Bestes gaben. Das „missglückt“ von oben will ich damit auch direkt revidieren: Es bezieht sich ausschließlich auf die Zuschauerzahl. Jeder, der nicht da war und einigermaßen auf handgemachte Musik steht, sollte sich in den Allerwertesten beißen. Der Sound war überwältigend und man konnte Instrumentalisten und Sänger bei der Arbeit beobachten und hören, die ihr Handwerk wirklich verstehen und zur Elite in Deutschland zählen.
t begann seinen Set fast pünktlich um 20.10 Uhr mit (will soll es anders sein) einem Longtrack: „The Aftermath Of Silence“ vom 2013er Album „Psychoanorexia“ inklusive sphärischer Geräusch- und Soundkulisse aus dem Keyboard und den Samplern von Sounddesigner Dominik Hüttermann, der ebenso wie Thielen in Trier studiert hat und schon damals mit ihm auf einer musikalischen Wellenlänge war. Wie t betonte: „Viel von dem, was ihr hier hört, ist in einer kleinen Studentenbude im Trimmelter Hof entstanden. Keine Ahnung, wie wir den Sound damals so gut hinbekommen haben.“ Vermutlich eine Verkettung glücklicher Umstände.
Weiter ging es mit „Shades Of Silver“ von „Fragmentropy“. Klar machte sich Thomas einen Spaß daraus, auf seinen unaussprechlichen Albumtiteln rumzureiten: „Fragt einfach nach dem Album mit F“. Das aktuelle Album „Solipsystemology“ (HIER unsre Review) wurde übrigens gar nicht im Set berücksichtigt. Das hat aber keinesfalls mit einer vielleicht fehlenden Qualität zu tun – höchstens mit dem ausgetüfftelten Sounddesign. Und natürlich mit der Tatsache, dass t das Trierer Konzert bewusst aus den Songs zusammengeschustert hat, die einen Bezug zu Deutschlands ältester Stadt und seiner Studentenzeit dort haben.
Es folgte „Irrelevant Lovesong“, einer der bekanntesten Songs der deutschen ArtRock-Szene, der gerne mal als „perfekter Popsong“ bezeichnet wird, wobei die drei lauten Gitarren doch eher in den Rockbereich weisen. Thielen hat sich für die Tour eine beeindruckende Band zusammengestellt. Mit Dominik Hüttermann, Produzent und Virtuose am Klavier, verbindet ihn eine jahrzehntelange Freundschaft. An der Gitarre sagte Jan Steiger, Gitarrist der besten deutschen Pink-Floyd-Tribute-Band, ebenso begeistert zu wie Yenz Strutz, eigentlich Frontman der Progrock-Veteranen „Crystal Palace“, für den Bass. Thomas Nußbaum, bekannt aus 101 Projekten für seinen ureigenen Drumstil, besorgt das Rhythmusfundament besorgen.
Nur mit einer solch elitären Band kann man Songs wie „Curtain Call“ interpretieren – ein Stück, das beschreibt, wie t als verliebter Student seiner Freundin nachtrauert, mit der er nur zwei Wochen zusammen war, bevor sie beruflich nach Vietnam gehen musste. Man konnte sich bildlich vorstellen, wie er verzweifelt hadernd durch die Saarstraße spazierte, die Luftlinie nur 200 Meter von der Tufa entfernt verläuft. Zur Auflockerung nach dieser Tristesse gab es den The Cure-Klassiker „A Forest“ in einer phänomenalen Wave-Version, die einige Anwesende zum spontanen Freudentanz veranlasste.
Es folgten „About Us“ und „Forget Me Now“. Dann verabschiedete sich die Band erstmals von der Bühne, kehrte aber zur Freude aller Anwesende Marillion-Fans mit dem Coversong „Neverland“ zurück – einem Longtrack der britischen Band, der deutlich machte, warum Thielens Stimme so oft mit Steve Hogarth verglichen wird: Er meisterte die Höhen ebenso gekonnt und ließ sich im Anschluss gehörig feiern, bevor das Konzert nach „She Said“ (dem ersten Titel, den er jemals aufgenommen hatte) nach über 100 Konzertminuten zu Ende ging.
Jetzt hätte man zufrieden nach Haus gehen können, was manche leider auch taten, aber sie haben etwas verpasst! 20 Minuten Umbau waren nötig, in denen man sich mit t und seiner Band unterhalten konnte und reichlich Merchandise über die Theke ging. Dann waren Crystal Palace angesagt. Die Berliner arbeiten wie t hart am neuen Album. Sie haben sich in 25 Jahren ihres Bestehens den Ruf einer Live-Urgewalt erspielt.
„Trulla“, Maskottchen des Marillion-Fanclubs „The Web Germany“
Leadsänger Yenz stand zunächst allein auf der Bühne. Auch eine Leistung, nachdem er sich gerade zwei Stunden genial durch den t-Set gekämpft und ihn dabei stimmlich stark unterstützt hatte. Davon ließ sich der Ost-Berliner aber nichts anmerken. Seine Stimme kam ebenso gewaltig und glasklar aus den Boxen wie der Hammersound, den die Produktion in der Tufa zu bieten hatte.
Es gab zunächst drei Titel vom aktuellen Album „Scattered Shards“. Was für eine musikalische Urgewalt! Ich muss gestehen, dass ich die Musik von Crystal Palace bisher nicht auf dem Schirm hatte. Das wird sich aber definitiv ändern! Yenz sang sich gekonnt durch die philosophischen Textpassagen und bezog sich beispielsweise bei der Ansage zu „The Logic Of Fear“ auf den in Trier geborenen Karl Marx. Das sind Statements, die ein Konzert erst so richtig rund machen und zur Vollendung führen.
Und er schlug damit den Bogen zum 2013er Werk „The System Of Events“, das gleich mit drei Titeln bedacht wurde und das auf mich noch eine Spur stärker wirkte als das aktuelle Album. Es geht um die Gräueltaten, die Menschen begehen, und Strutz erwähnte den Kampusch-Fall und die Klimakatastrophen in einem Atemzug. Es ist kein echtes Konzeptalbum, aber folgt einer thematischen Linie.
Musikalisch war das Konzert eine echte Offenbarung. Yenz ist als Sänger noch ein Stück versierter und erfahrener als t. Das konnte man deutlich spüren. Und die Instrumentalisten von Crystal Palace waren mit filigranen Soli und handwerklich perfekter Arbeit eine Wucht. Dass man ein solches Konzert hier erleben durfte… die Band hat es verdient, endlich vom Geheimtipp zu renommierten Rockern in Deutschland zu werden. In Holland werden sie ja ohnehin schon viel stärker abgefeiert als in heimischen Gefilden.
Der Set endete mit dem elegischen „Sky Without Stars“ und dem Longtrack „Beautiful Nightmares“ (ebenfalls vom System-Album) als Zugabe. Dann kam kurz vor Mitternacht nochmal die t-Band auf die Bühne und es gab einen genialen gemeinsamen Abschluss mit „Heroes“ von David Bowie. Ein wundervoller Konzertabend nahm sein Ende und viele, die eine durchaus weite Anreise von 180 oder mehr Kilometern hatten, bereuten dies vermutlich nicht. Da waren zwei Acts der Extraklasse im beschaulichen Trier – und es hat unendlich Spaß gemacht. Für t war es etwas sichtlich Besonderes, in der alten Heimat zu spielen. Hoffentlich gibt es eine Wiederholung!
„Wonach sieht’s denn aus ?!?“ heißt das aktuelle Programm von Kay Ray, dem Kabarettisten und Entertainer. Ein Paradiesvogel ist er schon lange nicht mehr. Im Vergleich zu früheren Outfits, ist die aktuelle Wuschelfrisur fast schon normal. Aber sein Programm schlägt alle Register. Wäre es politisch korrekt, würde ihm vermutlich nach zehn Minuten der Stoff ausgehen. Doch es ist so herrlich unkorrekt und lässt keine Klischees und keine umstrittenen Gegenwartsthemen aus.
Dass Kays Show mindestens drei Stunden dauert, damit müssen Zuschauer rechnen. Und wehe jemand wagt es, früher gehen zu wollen. In der Tufa Trier musste man sich gestern allerdings keine Sorgen machen. Aufgrund der Zeitumstellung war es ohnehin gefühlt eine Stunde früher und dann war der Beginn auch noch auf 19 Uhr gelegt. Es war also fast noch hell, als die durch Sprech- und Gesangstiraden erledigten Gäste um 22.30 Uhr den Heimweg antraten.
Kay singt und lamentiert. Seine Stücke werden per Playback begleitet – und auch die Videoleinwand im Hintergrund spielt bisweilen eine tragende Rolle. Er startete mit dem Song „Ich bin hier“, der in wenigen aussagekräftigen Sätzen die 30jährige Karriere des Wahl-Hamburgers Revue passieren ließ. Das reichte dann aber auch an Nostalgie. Sogleich wandte Kay sich einer Reihe hübscher Männer in der ersten Reihe zu, guckte sich den jungen Marian aus und bedachte ihn fortan mit ziemlich eindeutigen Avancen. Zur Belohnung wurde er den ganzen Abend über mit Freibier gefügig gemacht – also auch für Marian hat sich diese Zurschaustellung offensichtlich gelohnt.
Einen roten Faden konnte man vergebens suchen. Kay tat zwar so, als existiere ein solcher, indem er verloren geglaubte Themen immer wieder neu aufnahm, doch dazwischen gab es den vollendeten Rundumschlag durch die gesellschaftliche Wirklichkeit. Und jeder bekam sein Fett weg. AKK („alles könnte klappen“) ebenso wie Kays Lieblingsopfer Claudia Roth. AFD, Redefreiheit und der Lieblingssport der politisch korrekten Bürger: Nazikeule schwingen.
Zwischendurch sang der Comedian mit durchaus kräftiger Stimme und nur wenig falschen Tönen Songs wie „Shape Of You“ und „If You Believe“. Die neue Jugend-Ikone Greta Thunberg wurde als „Klima-Tiffy“ belächelt und die Bundeswehr mit einem Song von Kate Bush nebst weichgezeichnetem Video gewürdigt.
Es gibt grundsätzlich keine Themen, vor denen Kay haltmacht. Sexuelle Frivolitäten sind durchgehend an der Tagesordnung. Er sinniert über die 60 neuen Geschlechter, für die man nun eigene Toiletten braucht, und vermeldet, dass Ökosexuelle vermutlich Astlöcher ficken. Er macht Witze über Wolfgang Schäuble („er würde ja gehen…“) und Behindertenwerkstätten („nein, da werden keine Behinderten repariert“). Die Begründung dazu, liefert er gleich mit – und ist damit auf der selben Wellenlänge wie der Kollege Chris Tall: wenn wir keine Witze über Behinderte machen, werden sie ja schon wieder diskriminiert.
Nach 65 Minuten ist Pause – und die haben sich alle verdient. Im komplett neuen (und dann doch sehr schrillen) Outfit nimmt Kay Anlauf für die zweite Halbzeit und lässt das nächste Bier für Marian bringen („Im Alkohol ist Terpentin. Das macht den Pinsel weich.“).
Kurz macht sich der Künstler Gedanken, ob die Veranstaltung nicht ausverkauft oder bloß überbestuhlt ist. Dann geht es weiter zu bekannten medienwirksamen Hashtags wie #wirsindmehr. Und die Überlegung „1933 waren wir auch mehr“ ist nicht von der Hand zu weisen. Rechte und linke Ecken sind für den Satiriker keine geeigneten Schubladen. Und aus welcher Ecke nun der Applaus kommt, spielt für ihn auch keine Rolle.
Als Parabel für die Zustände in der Groko muss der Untergang der Titanic herhalten. Die wäre nie untergegangen, da sie vermutlich immer noch im Trockendock läge. Weder die 60 Geschlechtertoiletten noch die Transgender-Rettungsboote seien fertig. Und die Beschwichtigungsversuche aus den Mündern unterschiedlicher Minister hören sich sehr real an.
Um kurz nach 22 Uhr verließ Kay die Bühne, um mit stehenden Ovationen zurückgeholt zu werden. Der Abend endete mit den gewohnten Frivolitäten und einigen Netzfunden per Leinwand-Videos. Wie immer hat Kay Ray perfekt unterhalten und kein brisantes Thema gescheut. Seine wirren Ideen zwischen Poesie und Wahn sind es immer wert, dem Monolog einen Abend lang zu folgen.
Am 14.4.2019 steigt die nächste Show in der Region: in der Stummschen Reithalle Neunkirchen.
Mit den Wise Guys hat er schon vor Zehntausenden Zuschauern gesungen, doch nach dem Ende der erfolgreichsten deutschen Vokalgruppe hat er sich entschieden, nicht etwa a cappella weiter zu machen, sondern fortan sein Geld als Singer / Songwriter zu verdienen. „Alles auf Anfang“ heißt dementsprechend auch das Soloalbum – und es kommt bei den Fans sehr gut an (lest HIER unsre Review).
Zunächst einmal ist es gewöhnungsbedürftig, Eddi vor einem sitzenden Publikum in der Trierer Tuchfabrik zu sehen. Der Saal war auch nur halb gefüllt. Doch es war ein enthusiastisches Publikum, das dem Sänger von Beginn an begeistert folgte, als er mit dem Titelsong des Albums die Show startete.
Er war auch nicht allein auf weiter Flur. Als kongenialen musikalischen Partner hatte er sich Tobi mitgebracht, den Klavierlehrer seiner Kinder. Der bediente wahlweise das Keyboard, den Bass und ein Cajon. Und überhaupt war er als Sidekick eine großartige Bereicherung für den Abend.
Eddi versuchte sich auch an mehreren Instrumenten: hauptsächlich an der Gitarre mit Ausflügen Richtung Keyboard. Außerdem gab es einen elektronischen Ersatz für diverse A-cappella-Passagen: eine Loopstation, mit der Eddi immer wieder Geräusche und Klänge aufnahm, um sie mehrstimmig abzuspielen.
Die Songs waren bunt gemischt vom Soloalbum – dazu gab es aber auch neue Titel und Cover zu hören. Mit launischen Geschichten leitete er die Songs ein und erzählte unter anderem von seinem 13jährigen Sohn und dessen Nackenschmerzen. Der Arzt hatte das Smartphone-Problem erkannt und eine „Daumenpause“ verordnet. So hieß dann auch das entsprechende Lied.
Foto: Julia Nemesheimer
Als englischsprachige Coverversion gab es „You Raise Me Up“ in einer eindringlichen Version. Und später im Programm auch den eigenen Titel „Why“, der Eddi zu der Bemerkung veranlasste, dass er in London geboren und aufgewachsen sei. Es bestand aber gar keine Notwendigkeit, die Verwendung englischsprachiger Lyrics zu begründen. Diese standen ihm genauso gut wie das übrige Programm.
Aus einem Koffer mit eigentümlichen Instrumenten zauberte Eddi ein altertümliches Xylophon hervor, auf dem Tobi auf Zuruf des Publikums den Wise Guys-Hit „Ohrwurm“ intonierte. Das war dann aber auch die einzige Hommage an die Vergangenheit. Vor der Pause, die nach einer Stunde erfolgte, griff Eddi zur Ukulele und nahm uns mit zu einem „Spieleabend“.
Der Start nach der Pause war sehr atmosphärisch mit einer Vertonung des Gedichts „Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“ von Hermann Hesse. Das empfand ich als sehr berührend. Es gab aber auch weiterhin genügend Klamauk: Eddi interpretierte ein veganes Trennungslied und er ließ Tobi für einen Solospot allein, der am Piano einige Highlights aus „100 Hits in C-Dur“ zu Gehör brachte. Als besondere Challenge mussten die beiden auf Wunsch des Publikums in der Verkörperung von Reinhard Mey (Tobi) und Klaus Kinski (Eddi) den Hit „Über den Wolken“ darbieten, was zum Lacherfolg wurde.
„Ab durch die Mitte“ war der Abschluss des regulären Sets. Im Zugabenteil gab es den gesellschaftskritischen Hit „Mach das Maul auf“ und ganz zum Schluss eine Neuinterpretation von Simon & Garfunkels „The Boxer“, die die Lebensgeschichte eines Dachdeckers beschrieb.
Eddi und Tobi konnten mit ruhigen Tönen berühren und mit ihrem Humor das Publikum begeistern. So war es ein rundum gelungener Abend. Eddi hat den Sprung von der Band in die Solo- bzw. Duopfade geschafft und man darf ihm viel Glück für die Zukunft wünschen. Der Anfang ist gemacht.
In seiner Krimi-Rolle bei „Wilsberg“ heißt er einfach nur Overbeck. Den Vornamen Lars wollen findige Internet-Redakteure in Folge 53 der beliebten Serie ausgemacht haben. So schreibt es zumindest die Wikipedia. Spielt aber auch keine Rolle. Die aktuelle Lesetour des beliebten Schauspielers lautet „Wenn Overbeck kommt“. Mit seiner bekanntesten Rolle haben die Lesungen aber kaum etwas zu tun. Nur an zwei Stellen kommentiert Roland Jankowsky kurz das Geschehen aus der Sicht seines alter ego. Ansonsten bleibt er ganz er selbst: ein sympathischer Kölner.
In der Trierer Tufa stellte er zunächst einen (nicht vorhandenen) Bezug zur ältesten Stadt Deutschlands her: Als er 12 Jahre alt war, befand sich seine Klasse auf Klassenfahrt in der Römerstadt. Nur er selbst konnte aufgrund einer Erkältung nicht mit, war also tatsächlich am 22.10.2017 erstmals in Trier. Allerdings habe eine Klassenkameradin, in die er sehr verschossen war, eine Ansichtskarte mit den Worten „Vermisse dich“ geschickt. Trier sei also all die Jahre in absolut guter Erinnerung gewesen.
Auf der Bühne gab es Tisch, Stuhl, Mikro, Lampe und vielerlei Manuskripte. Nachdem Roland Jankowsky sich mit dem Publikum bekannt gemacht und für erste Lacher gesorgt hatte, konnte der Erzähl-Reigen beginnen Zunächst mit einem Gedicht von Ralf Kramp: „Jemand muss Frau Kimmel töten“ aus dem Band „Mord und Totlach“.
Nach dem gelungenen Einstieg folgten skurrile und morbide Kurzgeschichten mit Lokalkolorit. Angela Eßers „Bayerische Henkersmahlzeit“ war die erste längere Geschichte und erzählte von den Verstrickungen der Mafia in Oberbayern. Eduardo, Luigi und Angelo wurden von Roland Jankowsky einzigartig zum Leben erweckt. Er erzählte mit verstellter Stimme und zog die Zuschauer in seinen Bann. So auch mit einer Geschichte von Martina Kempf, die in der Eifel spielte und zwei Erzählebenen hatte – eine Autofahrt und den Gartenteich im heimischen Garten. Den Wechsel zwischen den Ebenen bekam Jankowsky glänzend hin.
In der Pause gab es eine umfangreiche Signierstunde. Der Schauspieler erzählte gut gelaunt, dass er neuerdings auch als Sänger tätig ist und verkaufte die entsprechende CD. Die Schlange mit Autogrammwünschen war so lang, dass die Pause ordentlich ausgedehnt werden musste.
Weiter ging es mit Ralf Kramps Erzählung „Dumm gelaufen in Damme“, wo sich Auftragskiller aus Niedersachsen und Sachsen in die Quere kamen. Hervorragend gelesen und die Dialekte gut und witzig eingefangen. Herzstück war aber die längste vorgetragene Geschichte – „Publikumsverkehr“ von Brigitte Glaser aus der Sammlung „KrimiKommunale 3“. Frau Sägemüller vom Meldeamt wird mit einer Säge vom Grünflächenamt geköpft. Wie es dazu kommen konnte, erzählte Jankowsky mit der Stimme der Ich-Erzählerin, die er in die kölsche Sprache übersetzt hatte. Und damit konnte er jeden mitnehmen, so anschaulich wurde das Geschehen berichtet.
In über zwei Stunden zeigte sich Roland Jankowsky als Geschichtenerzähler mit schöner Stimme, viel Schauspieltalent und fesselnder Erzählmanier. Man hatte schnell vergessen, dass er normalerweise den trotteligen Overbeck spielt. Hier schlüpfte er gekonnt von Rolle zu Rolle und machte sich die Figuren der Geschichten ganz zu eigen. Der ausverkaufte „Kleine Saal“ der Tufa dankte es ihm mit tosendem Applaus – und noch mehr Autogramm- und Selfie-Wünschen.
Kay Ray in der Tuchfabrik Trier (kurz: Tufa). Sein neues, abendfüllendes Programm trägt den Titel „YOLO“ und steht für „you only live onces“. Abendfüllend war es im wahrsten Sinne des Wortes, stand der gute Mann doch bis nach 23 Uhr auf der Bühne.
Bekannt wurde Kay Ray als bunter Hund, als Diva mit Bart und grün-blauem Lippenstift, mit toupierten Haaren und dramatischem Make-up. So war es schon überraschend, dass er plötzlich in Hemd und Sakko und mit fliegendem Haar auf der Bühne stand. „Paradiesvogel ging mir auf den Sack“, lautete sein lapidarer Kommentar. Ob er nun tatsächlich ruhiger geworden sei, wie es der Pressetext sagt? „Am Arsch“, war die Antwort auf die nicht gestellte Frage.
Der exzentrische Kabarettist legt bei seinen Liveauftritten eine Energie an den Tag, die kaum zu überbieten ist. Egal ob er mit Band auf der Bühne steht oder – wie in Triers renommiertem Kulturzentrum – ganz allein mit Mikrofon und einem Tablet als Musikmaschine.
Dieser Typ ist der helle Wahnsinn, was Auftreten, Ausstrahlung und Gesang angeht. Ein Kabarettkünstler, der unter anderem mit seiner Bisexualität kokettiert, dies aber nicht zum Hauptaspekt seiner Show macht. Im Prinzip singt er ein Programm aus vor allem eigenen Stücken (und das mit kräftiger, klarer Stimme, was man ihm zunächst gar nicht zutraut), verliert sich aber zwischendurch stets in ellenlangen Ansagen, die die wahre Essenz seiner Auftritte ausmachen. Es geht um Männer und Frauen, Schwule und Heteros, Alltäglichkeiten und Ungereimtheiten, Religion und Politik. Es machte durchweg Spaß, dem schrillen Entertainer zuzuhören.
Ein heißes Eisen packte er sehr gerne an: Satire darf alles – auch über Religionen lästern. Der Rundumschlag ging gegen Papst Franziskus, das Judentum und den Islam bis hin zur Lieblingsfeindin Claudia Roth, diesem „Empörungsmoppelchen“. Gesungen wurde tatsächlich relativ wenig. „Leichen meiner Feinde“ erklang im zweiten Teil, Milva wurde mal kurz angesungen und Kate Bushs „And Dream Of Sheep“ musste für die Never-ending-Story des ersten Teils herhalten.
Die politische Korrektheit wurde bewusst mit Füßen getreten. Kay machte Witze über Behinderte („sonst würden die ja schon wieder ausgegrenzt“), Hasenscharten-Träger und seine Familie. Der rote Faden war schon lange verloren gegangen, doch ich fand es erstaunlich, wie Kay die skurrile Handlung immer wieder neu aufnahm. Es gab ein Zitate-Quiz, einen verbalen Streifzug durchs Nachtprogramm und brühwarme Erlebnisse aus einer sechswöchigen Kur.
Bis zum ersten Zugabenblock waren bereits über drei Stunden furchtloser Selbstdarstellung vergangen. Kay Ray hatte sein Publikum sichtbar erschöpft, wie man anhand der Frequenz umfallender Gläser feststellen konnte, doch gegangen war keiner. Eine völlige Verausgabung des Künstlers war der Lohn für alle Zuschauer, die seinen frechen Schimpftiraden freiwillig folgten.
Eigentlich war „Ladies Night“ in der Tufa Trier, doch es hatten sich auch einige Männer eingefunden, als gestern die Truppe Fischer & Jung ihr Theaterstück aufführte. Weltweit bekannt wurde der Stoff dieser „Enthüllungskomödie“ der beiden Neuseeländer Stephen Sinclair und Anthony McCarten durch den Oscar-prämierten Film „Ganz oder gar nicht – The Full Monty“. Wer also diesen im Arbeitermilieu des britischen Sheffield spielenden Film gesehen hat, dem wird die nach Deutschland verlegte Handlung recht bekannt vorkommen.
Hier heißen die Protagonisten Herbert, Kalle und Norbert. Die Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben, sind die gleichen: Arbeitslosigkeit, Geldnöte und private Sorgen. Norbert ist seit einem halben Jahr arbeitslos, spielt seiner Frau aber vor, dass er täglich ins Büro verschwindet. Kalle kann den Unterhalt für seinen Sohn nicht zahlen und droht das Sorgerecht zu verlieren. Herbert nimmt so ziemlich jeden Job an und ärgert sich, dass seine Frau Geld für die Chippendales bezahlt. Daraus entsteht die Idee, selbst als Stripper tätig zu werden, und die Komödie nimmt ihren Lauf.
Die Schauspieler sind in erster Linie lupenreine Comedians und zeigen ordentlich Improvisationstalent. Es darf also ruhig mal etwas schief laufen und prompt wird darauf reagiert. Norbert fiel beispielsweise aus seiner Rolle, als eine Dame in Reihe 3 den ersten Strip-Versuch mit ihrem Handy filmte: „Wenn du das nochmal machst, kommst du zum nächsten Strip auf die Bühne.“ Und dann, zu den Mitspielern gewandt: „Jetzt habe ich zur Wand gesprochen.“
So nahm das Geschehen seinen Lauf und das Publikum war schnell mittendrin. Der Stoff gibt einiges her. Zunächst die offene Gesellschaftskritik, die jeder nachvollziehen kann, dann die geniale Unbeholfenheit in der Problemlösung. Strippen kann ja nicht so schwer sein – und jeder lotet seine persönliche Grenze aus.
Das Bühnenbild wurde mit einfachsten Mitteln geschaffen. Die Toilette in der Stammkneipe (inklusive Klofrau Antje) und die Waschküche zuhause. Mehr brauchte man nicht. In Schwung kam das Ganze, als die ersten weiteren Bewerber aufs Parkett traten. Der schwule Kevin, der sich mit einer Szene aus „Romeo und Julia“ und einer „Atemlos“-Choreografie in die Herzen der Zuschauer spielte, die Strip-Truppe aber vor allem durch sein „Riesending“ überzeugte. Dann The Rock als wirklich begnadeter Tänzer im Afro-Look, der auch als einziger einen ansehnlichen Körper aufzuweisen hatte.
Die Charaktere waren hervorragend getroffen und ließen über so manchen Texthänger und ein paar Ungereimtheiten im Bühnengeschehen hinweg sehen. Nach 85 Minuten war Pause und einige (vor allem weibliche) Zuschauer brauchten diese auch, um sich von ihrem Lachflash zu erholen.
Nach der Pause war es Zeit für den ersten Probeauftritt der Fünf – und man war wieder mittendrin. Die Klofrau hatte sich inzwischen zur Trainerin gemausert und man wurde immer wieder mit den persönlichen Unzulänglichkeiten konfrontiert, wenn Herbert beispielsweise per Frischhaltefolie den Bierbauch eindämmen wollte und Kalle eine Penispumpe zur Verlängerung ausprobierte. Zum Brüllen komische Situationskomik führte das Stück über knapp 2,5 Stunden Gesamtlänge bis hin zum großen Finale. Begleitet von Musikstücken, die vor allem aus den guten 80ern stammten, gab es eine Mischung aus Tanzeinlagen und fantastischen Dialogen. Der große Auftritt geschah zu „Sexbomb“ und die ausverkaufte Tufa konnte das perfekte Publikum stellen. Ein erwartungsfrohes Stimmengewirr vom Band hätte man wirklich nicht gebraucht.
Standing Ovations überredeten die Fünfer-Truppe zu einer Zugabe. Der Klassiker „Lady Marmelade“ war jetzt noch dran. Und vermutlich wird die Tufa Trier im Herbst wieder zum Bersten voll sein, wenn Guido Fischer und Björn Jung ihre Theatergruppe erneut zur „Ladies Night“ nach Trier führen. Karten für die Aufführung am 4. Oktober gehen demnächst in den Vorverkauf.
Bauchklang – das Vocal Groove Projekt aus Österreich – gastierte am 30. Mai in der Trierer Tuchfabrik. Jetzt muss ich sagen, dass ich ja im weiten Feld des A-cappella-Gesangs schon einiges erleben durfte. Von den Hardrockern Van Canto, die mit fünf Vokalisten und einem Schlagzeuger gestandene Metalhymnen auf die Bühne bringen, bis hin zum Rap-Duo Aggro Hürth, das seine Hip-Hop-Weisheiten als Reinkarnation zweier Mitglieder der Wise Guys präsentiert. Aber was Bauchklang hier geleistet haben, war nochmal ganz speziell.
Leider hatten sich nur knapp unter 100 Zuschauer in der Tufa eingefunden. Für die Stimmung war das allerdings ganz gut, konnte so die Fläche vor der Bühne doch in eine riesige Tanzfläche verwandelt werden. Allein mit der Kraft ihrer Stimmen erzeugten die Österreicher nämlich die Atmosphäre eines heißen Dance-Clubs. Diese Form eines A-cappella-Raves stand den elektronischen Vorbildern in nichts nach. Die Beatboxer erzeugten Klänge von Hip-Hop, Reggae, Trance, Techno, Drum & Bass und Ambient Sound ganz ohne Instrumente. Wer die Augen schloss, konnte den Unterschied nicht bemerken.
Das Ergebnis war eine Meisterleistung an stimmlicher und klanglicher Vielfalt. Die Masse ließ sich von der Illusion treiben und die Tufa wurde zum heißen Dancefloor. Gäste enterten die Bühne und begannen im Überschwang der Emotionen zu rappen. Es war ein ganz besonderer Genuss.
Zugegeben: Wer sich nur von dem Label „A cappella“ hat in die Tufa locken lassen, wird etwas befremdet gewesen sein. Doch es gibt ja genug Möglichkeiten, sich vorab zu informieren, ob man solcherart Musik einen ganzen Abend lang ertragen kann. Fünf CDs sind erzwischen von dem Quintett erschienen. Das neue Album „Akusmatik“ gibt es gar als Vinyl-Album! Andere Vertreter des Genres dürften darauf wohl neidisch sein. Für Club-DJs kann es jedenfalls eine nette Bereicherung für die Plattensammlung darstellen.
Das Konzert dauerte nur knapp 70 Minuten, doch man konnte verstehen, dass den Stimmen hier Höchstleistungen abgefordert wurden. Übrigens hatten die Sänger bereits nachmittags auf dem Trierer Hauptmarkt Werbung für das Ereignis gemacht und ein (unerlaubtes) Spontankonzert gegeben. Schon praktisch, wenn man keine Instrumente braucht.
Zwei Newcomer hat es vergangenen Dienstag nach Trier verschlagen. Beide gar nicht so weit weg beheimatet: Eva Croissant stammt aus Karlsruhe, Mark Forster aus dem pfälzischen Winnweiler. Die Tufa war gut gefüllt, was für den Bekanntheitsgrad der beiden Künstler spricht.
Zunächst war da Eva Croissant, eine sympathische 22jährige Sängerin und Songwriterin, die vor fünf Jahren Hals über Kopf die Schule abbrach, sich für die Musik entschied und im Jahr 2012 in Eigenregie ihr erstes Album heraus brachte. Der große Durchbruch kam dann, als sie bei der Castingshow „The Voice of Germany“ antrat und es bis in die Liveshows schaffte. Mutig trug sie dort recht unbekannte Deutschpop-Titel vor und sorgte vor allem mit dem selbst geschriebenen Song „Dein Herz trägt Felsen“ für Furore. Damit wurde sie zur „Siegerin der Herzen“ für viele Fernsehzuschauer, konnte sich aber gegenüber den üblichen Schmacht-Boys nicht durchsetzen. Immerhin wurde Mark Forster auf sie aufmerksam und nun gehen die beiden gemeinsam auf Tour.
Eva Croissant betrat die Bühne ganz allein, nur ausgestattet mit einer Gitarre und einer überaus sympathischen Erscheinung. Ihr 35minütiger Auftritt war eine Mischung aus eigenen Songs vom Debütalbum und einem Coversong. Zwischendurch erzählte sie entspannt aus ihrem Leben und gab auch Anekdoten zu den Fernsehauftritten preis. Den Song „Zehn Jahre“ widmete sie beispielsweise ihrem Mathe-Lehrer, der ihren Schulabbruch mit der Pseudo-Weisheit „In zehn Jahren wird dir das noch leid tun“ kommentierte. Und von der Zusammenarbeit mit Nena gab es viel zu berichten. So ist es (wie wir alle schon geahnt haben) gar nicht so leicht, relativ unbekannte Songs wie von Mark Forster oder Mikroboy in einer Fernsehshow unterzubringen. „Die wollen keine Leute, die selbst denken“. Aber mit Nenas Hilfe sei einiges möglich geworden. Und plötzlich standen für ihre Version von Mikroboys „Du oder ich (oder wir alle)“ fünf Parkbänke parat, von denen Eva sich da einen aussuchen durfte, um darauf den Song zu performen. Auch in der Tufa kam selbige Coverversion hervorragend an.
Ansonsten gab es eine bunte Mischung aus alten und neuen Songs, natürlich „Dein Herz trägt Felsen“, „Du bist nicht irgendwer“ und „Keine Zeit“. Eva Croissant singt sehr sauber, bemüht sich um deutliche Aussprache – sie nimmt ihre Zuhörer fest bei der Hand und führt sie bis zum Schluss mit sich. So schüchtern manchmal ihre Ansagen sind, so stark ist ihr Auftreten, wenn sie singt. Ein Auftritt, der die Tufa zu mehr als Achtungsapplaus veranlasste. Es wurde klar, dass Eva zu den ganz besonderen Songwriterinnen gehört und ich kann das Album allen wärmstens empfehlen, die auf die Musik von Philipp Poisel, Mark Forster oder auch Gregor Meyle stehen. Der Support endete mit dem gänsehauterzeugenden „Ich halt‘ deine Hand“.
Nach dem stillen, sanften Solo-Auftritt von Eva Croissant ging Mark Forster mit starker Bandbesetzung in die Vollen. Fünf instrumentale Mitstreiter, darunter eine Multi-Instrumentalistin, die von Violine über Akkordeon bis hin zur Percussion allerlei Klangvolles präsentierte, stürmten die Bühne. Direkt zu Beginn beichtete der 29jährige, dass er noch nie in Trier war, obwohl doch seine Schwester hier studiert. Da gab es also was nachzuholen.
Das Konzert bestand vor allem aus Stücken des Debütalbums „Karton“. Einen Titel davon hat wohl jeder schon gehört, denn „Auf dem Weg“ ziert momentan eine große Anzahl von Deutschrock-Samplern und 2012er Best-ofs. Und das zu Recht! Ein treibender Ohrwurm, der jeden sofort im Griff hat.
Doch das ganze Album besteht aus eingängigen, intelligenten Stücken, die aus dem Leben erzählen und die Mark Forster mit viel Energie vorträgt. Eine starke Band im Hintergrund und ein Frontmann, der ständig in Bewegung ist und die Zuschauer zum Tanzen bringt. Neben den eigenen Titeln vom Album „Karton“ gab es auch spannende Coverversionen, nämlich „Sie ist weg“ der Fanta 4 und „ANNA“ vom Freundeskreis. Eine Stärke des Pfälzers ist es, diesen Songs eine ganz persönliche Note zu verleihen. Das Zuhören und Mitgrooven hat jedenfalls großen Spaß gemacht. Eva Croissant trat nochmal in Erscheinung und sang im Duett mit Mark Forster das ergreifende „Ich und du“, das er im Original gemeinsam mit Anna Depenbusch interpretiert.
Vor dem Zugabenblock gab es das ersehnte „Auf dem Weg“ und die Tufa stand Kopf. Trotzdem kann man getrost feststellen, dass sich das Konzert nicht auf diesen Hit konzentrierte. Mark Forster verfügt über ein großes Repertoire und es gelingt ihm auch, das zu zeigen. Der Titel „Zu oft“ ist ein ganz neues Stück Musik und ein erstes Vorzeichen des zweiten Albums. Man darf gespannt sein – und vielleicht gibt es beim nächsten Gig in Trier schon die größere Europahalle. Das Zeug dazu hat der junge Songwriter allemal.