Köln
Entschleunigung am falschen Ort… Angus & Julia Stone im Kölner Palladium
Auf dem Weg zum Konzert von Angus & Julia Stone erreicht uns in der Bahn die Nachricht einer Freundin, die bereits in Köln-Mülheim angekommen ist: „Habt ihr die Haare geflochten, Bändchen um den Kopf und ist der Blick verträumt? Dann könnt ihr kommen…“. Zwar sieht es im Palladium dann doch nicht danach aus, als würde hier gerade eine neue Hippie-Kommune gegründet, trotzdem ist das Motto der heutigen Veranstaltung damit bereits vorweggenommen. Denn mit seinen samtweichen Harmonien aus Folk und Blues dürfte das australische Geschwisterpaar den Knutsch- und Kuschelfaktor an diesem nasskalten November-Freitag ziemlich in die Höhe treiben. Etwas anderes war nach der Veröffentlichung ihres dritten selbstbetitelten Albums Anfang August allerdings auch nicht zu erwarten. Immerhin sorgt die Aussicht auf einen Abend voller musikalischer Wärme dafür, dass das Palladium restlos ausverkauft ist. Vor gut vier Jahren haben Angus & Julia Stone noch das Gebäude 9 bespielt und seitdem ihr Publikum in Köln also quasi verzehnfacht. Das Problem an der Sache ist nur, dass das Palladium für ein Konzert dieser Art der absolut falsche Ort ist.
Das wird schon nach den ersten Songs „A Heartbreak“ und „For You“ deutlich. Spätestens da ist nämlich klar, dass der Bewegungsdrang der beiden Hauptdarsteller auf der Bühne fast vollständig gegen Null tendiert. Es geht ihnen halt um die Musik und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Doch die Songs von Angus & Julia Stone sind in einem intimeren Rahmen, wie ihn etwa die Kölner Kulturkirche hätte bieten können, einfach besser aufgehoben. Im Palladium geht viel von ihrer emotionalen Tiefe und Schönheit verloren, was weder an der Performance noch am Sound liegt. Im Gegenteil, letzterer ist exzellent und so wird der Soundmann zu Recht auch mit einem Geburtstagsständchen gefeiert.
Sollte es auf der Bühne überhaupt eine Richtung geben, dann wird sie eindeutig von Julia bestimmt. Bei ihren wenigen Ansagen muss man schon die Ohren spitzen, um zu verstehen, was sie sagt. Sie dirigiert die Begleitband, greift zur Unterstützung auch mal zur Trompete („Main Street“), lacht zwischendurch ihr kieksendes Lachen und füllt ansonsten die Rolle der singenden Sonnenblume nahezu perfekt aus. Bruder Angus mimt derweil den leicht bekifft wirkenden Hipster und steuert hier und da einen Gesangspart bei. Vor allem „Crash & Burn“ verleiht er damit einen besonderen Neil Young-Touch. Die Fans singen immerhin „Stay With Me“ und „Big Jet Plane“ verhalten mit, sind größtenteils aber mucksmäuschenstill. Einzig beim „Grease“-Klassiker „You’re The One That I Want“, den Angus & Julia Stone in seine akustischen Einzelteile zerlegen, fühlen sich manche zu einer John Travolta & Olivia Newton-John-Parodie berufen. Die sparsam-schöne Lightshow unterstreicht den Eindruck, dass es heute im Palladium vor allem auf Entschleunigung ankommt. Dazu passt „Heart Beats Slow“ als Abschluss des Mainsets wie der Deckel aufs Marmeladenglas.
Nach zwei weiteren Zugaben („Yellow Brick Road“ und „Santa Monica Dream“) verabschieden sich Angus & Julia Stone fast schüchtern von ihren Fans. Musikalisch haben sie vollkommen überzeugt, auch wenn die Länge ihres Auftritts mit knapp anderthalb Stunden etwas kurz erscheint. Man nimmt ein Gefühl der Ruhe und Sanftheit mit ins Wochenende. Und das kann einem am Ende selbst das Palladium nicht nehmen.
Cowboys, Kätzchen und melancholischer Alternative-Rock – Anathema im Bürgerhaus Stollwerck
Es ist der 11.11. in Köln. Cowboys und Kätzchen prägen das Straßenbild. Alle feiern den Auftakt der Karnevalssession. Alle? Eine kleine Gruppe Unbeugsamer versammelt sich ausgerechnet in der Südstadt, um einen vielversprechenden Abend mit Anathema und Mother’s Cake zu erleben. So klein ist die Gruppe dann doch nicht, denn das Bürgerhaus Stollwerck ist ausverkauft.
Das Trio Mother’s Cake hat gut 40 Minuten Zeit, um auch bei denjenigen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, die sie bisher nicht kannten. Möglicherweise zündet es bei dem einen oder der anderen deutlich früher, denn die Österreicher bestechen mal durch sphärische Momente, mal durch wilde Eruptionen und immer wieder durch ihren funky Groove. Und so kann sich je nach Geschmack ein jeder bei ihnen bedienen. Sänger Yves Krismer begrüßt uns mit “Hallo Hamburg”, was hier im Saal des Bürgerhauses für Heiterkeit sorgt. Bei den Jecken vor der Tür hätte das auch anders ankommen können. Um ihren höchst kreativen Genremix einigermaßen zu verorten: Mother’s Cake bewegen sich musikalisch irgendwo zwischen Jamiroquai, Mother Tongue und Rage Against The Machine. Und auch wenn das manch anwesendem Gothic-Rocker zu fremd erscheint, den unfassbar schnellen Slaps des Bassisten Benedikt Trenkwalder kann sich niemand entziehen.
Das Intro zu “The Lost Song, Pt. 1” erklingt um 22 Uhr und mit ihm werden Anathema sehr herzlich empfangen. Wie auf ihrem aktuellen Album “Distant Satellites” geht der Opener nahtlos in seinen zweiten Part über. Schon jetzt ist man von Lee Douglas betörender Stimme hingerissen. Ihre Stimmfarbe passt wunderbar zur Melancholie der Musik. Das Vorgängeralbum “Weather Systems” darf ebenfalls mit einem Doppelpack anschließen. “Untouchable 1 und 2″ stehen den Lost Songs in nichts nach. Wer diesen neueren Werken der ehemaligen Death Doomer nichts abgewinnen kann, kommt nicht auf seine Kosten, denn nur drei Stücke dieses Abends stammen nicht von den drei jüngsten Alben. Und so geht es treibend mit “Thin Air” und schmachtend mit “Ariel” weiter. Zu “The Storm Before The Calm” tauschen Drummer Daniel Cardoso und Percussionist John Douglas die Instrumente. Frontmann Vincent Cavanagh geht an die Synties und in dieser Konstellation kreieren sie diese bedrohlich schöne Atmosphäre des Songs. Mit dem unwiderstehlichen “Closer” geht es in die Zugabenpause, die von Synthieklängen überbrückt wird.
Mit “Distant Satellite” kommen die Liverpooler unter großem Jubel zurück auf die Bühne und setzen damit den elektronisch geprägten Teil des Konzertabends fort. “Take Shelter” ist den Opfern des Ersten Weltkriegs gewidmet, wie Vincent erklärt. Sein Bruder Danny bespielt dabei ganz im Stil von Sigur Rós die Saiten seiner Gitarre mit einem Bogen. In “Natural Desaster“ darf Lee Douglas noch einmal brillieren. Als standesgemäßer Abschluss darf schließlich “Fragile Dreams” vom 1998er “Alternative 4” dienen. Damit ist dieser Song der mit Abstand älteste im Set. Nein, nicht ganz, denn vom Band ertönt zum Schluss der Klassiker “Twist And Shout” von den Beatles. Mehr Liverpool geht kaum. Zumindest musikalisch.
Interview mit Torsten Scholz von den Beatsteaks: „Und zuhause höre ich am Ende sowieso nur Bibi Blocksberg“
Ihr erstes, 1997 aufgenommenes Album benannten die Beatsteaks noch nach der Hausnummer ihres Proberaums, 48/49. Inzwischen gehört das Quintett aus Berlin zu den prominentesten Punkrockkapellen des Landes. Im August erschien ihr neues und schlicht „Beatsteaks“ betiteltes siebtes Werk. Ab November lassen sie es dann auf der „Creep Magnet“-Tour wieder so richtig krachen.
Getreu dem Motto „Nach der Tour ist vor der Tour“ ließen sie es sich nicht nehmen, vor der großen Hallentour noch ein paar Clubs zu zerlegen. Am Vortag ihres Auftritts im Kölner Gloria Theater traf sich Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll mit Torsten Scholz zum Interview. Wie immer allerbester Laune und frei Schnauze erzählt der Beatsteaks-Bassist darin ausführlich über 20 Jahre Beatsteaks, seine besondere Beziehung zu Köln, typische Tourtage, den „Rockstar-Rummel“, darüber, welche Frage er sich selbst nicht stellen würde und über’s Wäsche waschen, Klo schrubben und Staubsaugen.
Ihr habt euch 1995 gegründet. Demnach steht im kommenden Jahr euer 20-jähriges Bandjubiläum an. Gibt es schon konkrete Pläne, wie ihr das feiern wollt?
Torsten Scholz: Ja, wir haben Pläne. Und ja, wir wollen es feiern. Glaube ich jedenfalls. Es gibt auch schon Pläne, die relativ konkret werden, nur sind die halt wirklich noch nicht so ausformuliert, dass ich jetzt sagen kann, wir spielen dann und dann und dort und dort. Wir werden auf alle Fälle einige große Sachen spielen, wo der Fokus ganz eindeutig auf diesen zwanzig Jahren ist. Und ich glaube am Ende wird das ganze Jahr so ein bißchen unter dem Deckmantel des 20-jährigen Jubiläums sein. Was man da genau macht, ob man jetzt zum Beispiel mal alle seine Platten spielt, muss man sehen. Ich muss auch gleich, wenn wir hier fertig sind, an meinen Computer, weil ich mit einem Typen noch was wegen einem Poster checken muss.
Euer aktuelles selbstbetiteltes Album schoss im August auf Platz 1 der deutschen Charts. Zur Zeit seid ihr auf „Club Magnet“-Clubtour, unmittelbar danach folgt die große „Creep Magnet“ Hallentournee. Viele Konzerte sind bereits jetzt restlos ausverkauft. Hättet ihr euch vor zwanzig Jahren einen solch überwältigenden Erfolg träumen lassen?
Torsten Scholz: Vor zwanzig Jahren wusste ich nicht mal, dass es diese Band gibt. Ich bin ja erst seit 1999 dabei. Selbst als es dann langsam losging und das erste Video kam, wir zum ersten Mal im Radio gespielt wurden, war man natürlich weit weg davon zu überlegen, dass man mal im Palladium oder in der Wuhlheide oder in der Westfalenhalle spielt. Das ist aber auch gut so, finde ich. Das war immer so: Oh geil, wir können im Underground spielen. Underground ist ausverkauft. Wir spielen jetzt im E-Werk oder im Gloria. Dann ging’s sogar los, dass wir überlegt haben: In der Kölnarena? Nee, nee, auf keinen Fall, lieber nicht. Dann lieber zweimal Palladium. Das waren immer so diese kleinen Schritte. Dabei hatte man, wenn man den einen gemacht hat, den nächsten nicht wirklich vor Augen. Da war immer nur der Fokus: Ey, das Underground ist ausverkauft. Wieviel passen da rein? 300? Hammer! War ausverkauft. Das haben wir zweimal gemacht und grandiose Konzerte gespielt. Das ist wichtig gewesen, dass man diese kleinen Dinger immer vor Augen hatte. Es war immer alles überraschend für uns.
Die Kölnarena hat auch eine beschissene Akustik.
Torsten Scholz: Das war mit ein Grund. Und dann ist die auch sehr groß. Und ich finde, man muss es auch nicht übertreiben.
Morgen spielt ihr ja wieder mal hier im Gloria und dann am 18. und 19. November noch zweimal im Palladium. Es scheint fast so, als hättet ihr eine kleine Liebesbeziehung zu Köln entwickelt. Kann das sein?
Torsten Scholz: Ja, mit Köln läuft gut. Also mit Dortmund läuft es gerade nicht so gut, da könnten noch ein paar Leute mehr in die Westfalenhalle kommen. Ich kenne in Köln auch eine Menge Läden. Ein paar davon gibt es glaube ich schon gar nicht mehr. Gebäude 9 oder Live Music Hall zum Beispiel.
Die gibt es auf jeden Fall noch. Die Live Music Hall finde ich persönlich aber kacke.
Torsten Scholz: Also, wir haben bis jetzt in fast jedem Kackladen hier in der Stadt gespielt und danach auch oft noch in Köln gefeiert. Dann war hier teilweise natürlich auch das Musikfernsehen. Hamburg, München, Köln, Berlin… das sind ja die Städte, wo man immer so die ersten Touren macht, wo jede Band anhält und wo die Leute auch sehr verwöhnt sind. Aber obwohl hier irgendwie alle Bands spielen, sind die Leute nicht satt. Die Mentalität ist super. Wir haben hier auch mal eine Platte aufgenommen. Nette Leute halt. Du bist auch Kölner, wa?
Im Herzen definitiv. Meine Freundin wohnt in Köln. Ich wohne nicht in Köln, bin aber natürlich häufig hier. Ich finde die Stadt grossartig.
Torsten Scholz: Ja, die ist toll. Ich mag Köln komischerweise auch mehr als Hamburg. So vom Bauchgefühl. Aber es ist einfach immer gut gelaufen hier. Hier hat man auch ganz einfach den gesunden Weg gemacht. Und das war immer cool.
„Wir sind ja weit davon entfernt berühmt zu sein“
Du hast ja eben schon gesagt, dass du seit 1999 in der Band bist. Das sind ja immerhin auch schon fünfzehn Jahre. Wenn man mit den anderen Jungs über einen so langen Zeitraum zusammen arbeitet, dann geht man sich doch zwischendurch auch sicher mal tierisch auf den Keks, oder?
Torsten Scholz (grinst): Aber hallo! Richtig doll auf den Sack geht man sich sogar. Aber es ist ein bißchen so wie eine Liebesbeziehung, wie eine Ehe. Ich bin quasi mit vier Typen liiert und muss mich da immer mit allen arrangieren. Das Gute ist, dass man halt älter wird. Man wird erwachsen irgendwann. Hat dann selber Kinder zuhause und weiß, dass es halt wichtig ist über die Probleme, die man hat oder mit sich trägt, zu reden. Dann löst sich das alles. Wenn man das nicht macht, so wie früher und ein paar Sachen in sich reinfrisst und sich anblökt, dann war’s doof. Aber jetzt nervt es manchmal auch noch. Wenn zum Beispiel einer nicht weiß, wann Schluß ist. Aber das ist dann meist immer sehr, sehr humorvoll. Und wenn es wirklich ernsthaft mal nervt oder irgendein Furz quersitzt, dann schnappt man sich den Typen, redet und dann ist eigentlich alles wieder gut. Am Ende muss man wirklich sagen: Das scheint ja schon ganz gut zu funktionieren. Wenn da irgendeine Konstellation in irgendeiner Art und Weise nicht klappen würde, dann würde man nicht fünfzehn Jahre lang zusammenhocken. Wir sind ja jetzt auf der Tour die ganze Zeit zusammen. Da muss ja schon chemisch irgendwas da sein, dass man zusammenpasst. Und das ist offensichtlich gegeben.
Du hast es selbst erwähnt. Ihr habt Familie, Kinder und seid erwachsen geworden. Hilft euch das auch ein bißchen bei diesem ganzen „Rockstar-Rummel“ auf dem Boden zu bleiben? Werdet ihr dadurch geerdet?
Torsten Scholz: Ich finde ja überhaupt nicht, dass es irgendeinen „Rockstar-Rummel“ gibt. Klar ist das hier eine relativ große Suite, aber hier wohnt ja auch unser Tourmanager. Ich hab ein ganz normales Zimmer, was ich mir auch noch mit unserem Soundmann teile (lacht). Wir sind ja so weit davon entfernt Rockstars zu sein. Wir haben uns letztens eine Doku über Aerosmith angeguckt. Weißte, das sind halt Rockstars. Es gibt selbst in unserem Land noch tausende Leute, die richtig berühmt sind. Und wir sind ja weit davon entfernt berühmt zu sein. Deswegen muss ich auch gar nicht groß geerdet werden. Ich empfinde es sogar manchmal als ziemlich anstrengend. Wenn ich jetzt nächste Woche wieder nach Hause komme, bringe ich am Freitag erstmal meine Tochter in die Schule und stehe um 6 auf. Das geht mir eigentlich eher auf den Sack. Ich muss nicht geerdet werden. Ich mache dann meine Wäsche zuhause, ich schrubbe das Klo, ich sauge Staub. Es ist halt toll, dass ich meine Tochter dann wiedersehe, ich fahre mit meinem Renault Kangoo einkaufen und daran ist überhaupt nix Rockstarmäßiges.
Naja, hierzulande seid ihr ja schon eine große Band. In Luxemburg, Österreich und der Schweiz auch. Meine Freundin hat euch sogar schon mal in Budapest gesehen.
Torsten Scholz: Ach echt, ja? In so einem kleinen Club. Ewig her. Das war auch toll da. Europa müssen wir auch mal wieder machen. Gute Idee (lacht)!
Ihr seid ja schon mit einigen geilen Bands getourt. Bad Religion, Die Ärzte, Donots, Die Toten Hosen… gibt es noch eine Band oder einen Künstler, mit dem ihr unbedingt gerne mal zusammen auf der Bühne stehen würdet?
Torsten Scholz: Also mein Traum ist vor ein paar Jahren in Erfüllung gegangen. Wir haben in Lugano in der Schweiz mal mit den Beastie Boys gespielt. Das war grandios. Da muss eigentlich gar nicht mehr viel kommen. Natürlich glaube ich, wenn uns jetzt die Foo Fighters fragen würden, ob wir nicht mit denen durch England touren wollen, dann wäre man schön blöd zu sagen: Nee, machen wir nicht. Oder Queens Of The Stone Age. Ich persönlich höre ja kaum Rockmusik zuhause. Ich hab Rancid halt schon tausendmal live gesehen und finde die live nicht so geil, obwohl die grandiose Platten machen und eine super Punkrockband sind. Mit All haben wir schon gespielt, mit Descendents… da ist auch schon viel passiert in den letzten Jahren. Mein Soll-Haben-Ding ist eigentlich ausgeglichen.
„Helene Fischer findet man einfach kacke“
Wenn du sagst, dass du zuhause keinen Rock hörst, was hörst du dann?
Torsten Scholz: Ich höre eigentlich fast nur Rap. Und da ich immer noch relativ viel auflege in Berlin, ist das oft auch Musik, die im Club läuft. Es gibt auch Rockmusik, die ich gut finde und die mir gefällt, aber ich höre dann lieber Led Zeppelin I, II, III als irgendeine moderne Band. Bei Rock muss dann schon alles stimmen. Beim Rap reicht mir schon, wenn der Beat geil ist. Meine Schwelle zu sagen, das ist gut oder schlecht, ist viel niedriger bei Rapmusik. Deswegen macht das viel mehr Bock für mich und Sinn das zu hören. Es ist wie mit jeder Musik. Ich hocke oft bei einem Freund, der hört nur Black Metal und ich bin total begeistert, wenn ich da bin. Und zuhause höre ich am Ende sowieso nur Bibi Blocksberg (lacht). Mit Rock darfst du meiner Tochter gar nicht kommen. Da bist du gleich raus. Mach mal aus, Papa, das nervt! Mach lieber Cindy Lauper an!
Im Endeffekt ist das ja sowieso alles subjektiv. Entweder Musik gefällt oder eben nicht. Wenn du über Musik schreibst, kannst du ja eigentlich gar nicht sagen, ob das nun gut oder schlecht ist. Es ist letztlich immer nur deine persönliche Wahrnehmung.
Torsten Scholz: Ja, das ist aber eine gute Herangehensweise. Es gibt ja viele, die sich einfach anmaßen zu sagen, das ist schlecht oder das ist gut. Hat man selber ja auch. Helene Fischer findet man einfach kacke. Aber man könnte auch sagen, dass die am Ende ja auch singen kann. Die hat eine Musicalausbildung. Oder eine Band wie Revolverheld. Die gefällt mir jetzt nicht, aber es ist doch durchaus berechtigt, dass jemand sagt: Ja, mir gefallen die. Nur muss ich es ja nicht gut finden.
Stehst du lieber im Studio und feilst an neuen Songs oder auf der Bühne und lässt es krachen? Oder kann man das nicht miteinander vergleichen?
Torsten Scholz: Mir macht ganz eindeutig mehr das Livespielen Spass. Ich finde da wird auch gefeilt. Klar gibt es Konzerte, wo man denkt, mir kann gerade nichts passieren und ist das alles geil. Aber manchmal gibt es Songs, wo ich denke: Ach guck mal, wenn ich den so spiele, dann klingt’s ja so. Da ist dann auch noch sehr viel Musikalität mit drin. Im Studio ist es natürlich manchmal auch ganz schön diese Erlebnisse zu haben. Wenn du mit was kommst und jemand sagt das ist ja geil, dann freust du dich einfach. Grundsätzlich finde ich, ist das Touren und Livespielen das, was die Band am Leben hält.
Plötzlich klingelt es an der Zimmertür…
Torsten Scholz: Ich mache mal kurz auf. Ist ja keine Liveübertragung (lacht).
Die Zimmermädchen möchten das Hotelzimmer reinigen. Torsten Scholz komplimentiert sie auf seine eigene charmante und witzige Art hinaus und vertröstet sie auf später.
Nochmal zurück zur Tour. Wie sieht bei euch ein typischer Tourtag aus?
Torsten Scholz: Das kann ich dir ganz genau sagen. Meistens und je nachdem, wann man ins Bett gekommen ist, ist Aufstehen so gegen 10 oder 11. Wenn du um 11 aufstehst, bist du schon fast der Letzte. Dann gehe ich immer rennen für ne halbe Stunde oder Stunde. Danach mache ich Gymnastik mit Thomas (Götz, dem Beatsteaks-Schlagzeuger, Anmerkung der Redaktion), weil wir beide Rückenprobleme haben. Dann esse ich was, dann duscht man. Dann gibt es meistens so ein, zwei Stunden Ruhe bis zum Soundcheck. Da wird dann entweder mit der Ollen telefoniert oder ein Interview gemacht oder so Sachen. Dann ist Soundcheck um 4, der geht bis um halb 6. Dann ist Essen. Dann habe ich mich jetzt noch ein paarmal in den Bus gelegt und gepennt, weil wenn man um 10 oder 11 aufsteht, aber erst um 5 besoffen ins Bett gefallen ist, ist das meist zu wenig (grinst). Um 8 macht man sich fertig, guckt sich die Vorband ein bißchen an und trinkt das erste Bier. Um 9 geht man auf die Bühne bis um 11. Je nachdem wie das Konzert war, ist danach noch ein bißchen mehr oder weniger ernst diskutieren und unterhalten im Backstage angesagt. Oder es wird danach vor dem Bus rumgecornert. Und dann halt Bierchen, wa?! Leider danach nie wieder Tanz. Ich war auf der Tour jetzt noch nicht einmal tanzen, was ich ganz schlimm finde. Früher war immer Disco danach im Club und deshalb hatte ich mich auch so auf die Clubtour gefreut. Aber nix! Noch nicht einmal war eine scheiß Disco danach. Das sind aber auch ganz oft keine Clubs mehr, sondern so Kulturzentren. Letzter Ton, Bäm, Licht geht an und die Leute werden rausgefegt. Total ungemütlich. Das prangere ich total an. Also ich glaube morgen im Gloria wird’s halt so sein, dass danach nicht unbedingt der Riesentanz ist, aber da ist die Bar noch offen und es läuft noch ein bißchen Mucke. Also ich versacke in Berlin, wenn ich dann mal auf ein Konzert gehe, regelmäßig immer noch irgendwo am Tresen. Weil ich das total blöd finde. Du stehst da mit deinem halbvollen Bier, denkst was für ein geiles Konzert und musst dann direkt umschalten auf Jacke holen, anziehen und nach Hause.
„Die kleinen Brühbirnen hören jetzt mal eine Woche das und danach kommt die nächste Scheiße, die sie konsumieren“
Gab es auf der Clubtour bis jetzt irgendwelche lustigen oder besonderen Erlebnisse, Begegnungen, Ereignisse? Ich sehe dich ja immer auf Facebook, wo du deine Selfies postest mit dem jeweils besten Club der Welt.
Torsten Scholz: Genau. Glücklicherweise sind keine schlimmen Sachen passiert. Gestern im Bus haben wir uns mal wieder gegenseitig tätowiert. Wir machen das jetzt mittlerweile immer beim Fahren (zeigt ein Tattoo an seinem linken Unterarm). Deshalb sieht das auch ein bißchen asozial aus.
Ja, ist ein bißchen verwackelt.
Torsten Scholz: Ja, aber so soll’s auch sein (lacht). Gestern gab es halt mal wieder eine kleine Busparty, als wir von Dortmund nach Köln gefahren sind. Aber das ist alles relativ gesittet. Der Fokus ist immer das Konzert. Und das finde ich eigentlich auch ganz gut. Dass wir uns jetzt heißes Kerzenwachs über den nackten Oberkörper schütten wie vor Jahren… heute ist das alles relativ lahm. Oder normal. Klar wird Bier und auch mal ein Schnaps getrunken, aber das hält sich alles ganz doll im Rahmen. Wir nehmen die Sache glücklicherweise und manchmal auch leider sehr, sehr ernst. Deswegen steckst du da ganz viel Energie und Zeit rein. Party machst du immer nur, wenn dir alles scheißegal ist oder alles total super läuft. Und da gibt es noch genug Sachen, die halt verbesserungswürdig sind. Vom Club, von uns und so. Da ist es wichtiger sich darüber zu unterhalten als feiern zu gehen.
Wenn du zwanzig Termine am Stück spielst und jedesmal feiern gehst, dann bist du ja auch irgendwann durch.
Torsten Scholz: Eben, man muss ja auch die Kirche mal im Dorf lassen. Man ist ja auch keine 19 mehr.
Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, haben die Musikszene in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Du bist sehr aktiv auf Facebook, dann gibt es Spotify oder iTunes. U2 haben ihr neues Album gerade via iTunes verschenkt. Wird Musik dadurch nicht auch ein Stück weit abgewertet?
Torsten Scholz: Ja und nein. Die U2-Sache finde ich wirklich hochgradig gefährlich. Ungefragt Leuten deine Scheiße unterjubeln, das macht man einfach nicht. Ich finde, das war frech und überheblich. Man regt sich über die NSA auf und dann darf irgendjemand in mein Wohnzimmer gehen, in meinen Plattenschrank eine Platte reinstellen und wieder rausspazieren. Am Ende war es ja so. Und dann noch so ein Gutmenschenidiot wie Bono. Also die sind für mich durch. Mit dem anderen Ding gibt es immer so ein Für und Wider. Ich konsumiere auch Musik aus dem Internet. Ich gehe aber auch los und kaufe mir für 300 oder 400 Euro im Monat Schallplatten. Ich habe auch einen Spotify-Account, den ich aber bisher nur genutzt habe, um mir Beatsteaks-Sachen anzuhören, weil wir auf Tour waren und ich wissen wollte wie der Song geht. Ich finde es toll, dass es das alles gibt. Ich finde das auch gar nicht schlimm, dass es das alles gibt, bei so Leuten wie mir und wahrscheinlich wie dir, weil wir noch ein Bewußtsein dafür haben. Ich sehe Musik immer noch als Ware an, für die ich auch gerne bereit bin Geld zu bezahlen. Das machen bei uns alle. Ich finde es auch okay, wenn die Kids heute mit 13 oder 14 nur noch auf umsonst sind, weil am Ende hat’s die Industrie ja selber vergeigt. Die Leute sind ja bereit für Musik Geld auszugeben. Da ist nur kein Bewußtsein mehr da. Die sind dann teilweise nicht mehr in der Lage das zu abstrahieren. Das ist dann: Wieso? Musik ist umsonst, Alter. Das ist im Netz. Also, ob da die Eltern gepennt haben oder die Industrie oder die Plattenfirmen… da jetzt anzufangen mit dem Holzhammer zu argumentieren oder dem erhobenen Zeigefinger ist schwer. Man muss da bei sich selbst oder seinen Kids wieder so ein Bewußtsein entstehen lassen. Und es funktioniert ja auch, dass Schallplatten wieder so eine Art Revival haben. Wir haben zum Beispiel jetzt für die „Make A Wish“-Single eine Doppel-7″ gemacht. Bißchen Werbung zwischendurch. Haste gemerkt? Profimäßig (lacht). Wir mussten uns echt einen Termin bei dem Plattenpresswerk besorgen. Die Platte kam deshalb auch viel später als geplant, weil das Presswerk ausgebucht ist. Du kriegst keine Termine. Wir haben demnächst was vor, was wir pressen lassen wollen, aber 2014 gibt es keine Termine mehr. Alles voll. Es funktioniert also noch. Leute, die ernsthaft Musik hören und abseits von Helene Fischer und Justin Bieber sind, die gehen auch in den Plattenladen. Klar, warum soll ich mir von so einer Rotze wie Justin Bieber auch eine CD kaufen? Und die kleinen Brühbirnen hören jetzt mal eine Woche das und danach kommt die nächste Scheiße, die sie konsumieren. Meine Tochter ist 6 oder 7 und die hat ein Plattenregal. Da sind halt Märchenplatten drin, aber auch eine Cindy Lauper-Platte, eine Marteria-Platte und eine Peter Fox-Platte. Die hat sie sich selber ausgesucht. Dann kauft die Papa. Und die hat auch noch ihre Kassetten und CDs. Da gibt es halt eine Wahrnehmung. Es gibt Schallplatten im Hause Scholz.
Wenn man sich mal fragt, woran Musiker heutzutage überhaupt noch was verdienen, dann relativiert sich auch vieles finde ich.
Torsten Scholz: Wir haben durch Plattenverkäufe noch nie Geld verdient. Klar, Goldene Schallplatten. 100.000 Schallplatten, das sind am Ende 150.000 Euro, die bei einer Band hängenbleiben. Dann ziehst du die Steuer ab. 40 Prozent Höchststeuersatz. Bleiben am Ende 50.000 Euro. 50.000 Euro durch Fünf sind 10.000 Euro für die letzten zwei Jahre. Dann rechnest du das auf den Monat aus und dann habe ich vielleicht 800 Euro verdient. Von einer Band, die Goldene Schallplatten macht, Platz 1 in den LP-Charts und so weiter und so fort. Da ist doch klar, dass man sagt, die Band geht auf Tour, um Geld zu verdienen. Man verkauft Merch. Ah, der Merch ist cool. Die wollen immer noch 20 Euro für ein T-Shirt haben. Da kauf ich mir dann ein T-Shirt. Und wenn einer sich dann noch eine Konzertkarte gekauft hat und damit 50 Schlappen ausgegeben hat, dann soll er sich von mir aus auch die Platte irgendwo brennen. Kann man nicht verlangen, dass der sich jetzt auch noch die Platte kauft und am besten auch noch die Deluxe. Ist natürlich toll, wenn das jemand macht. Ich mache das auch. Aber wie du schon sagst, da muss man relativieren und gucken, wie weit kann man denn gehen.
Früher sind wir in den Plattenladen gegangen und haben uns eine Platte gekauft, nur weil uns das Cover gefallen hat. Für 15 Mark oder so.
Torsten Scholz: Genau, das hab ich auch gemacht. Dann bist du zum Konzert für 6 Mark und hast ein Bier gekauft für 1 Mark. Das T-Shirt hat 12 Mark gekostet (lacht). Jetzt kostet alles viermal so viel.
„Mich interessiert auch, wie eine Stewardess ihr Kind großzieht oder wenn jemand auf einer Ölbohrplattform arbeitet„
Bist du eigentlich noch nervös, bevor du auf die Bühne gehst?
Torsten Scholz: Total! Egal ob im Gloria oder im Palladium, ich mache mir immer in die Hosen. Ganz schlimm. Das ist bei uns allen so. Dabei haben wir schon mehr als zwanzig Konzerte gespielt (lacht). Wir wollen immer, dass das Konzert, das wir jetzt spielen, das beste Konzert aller Zeiten sein soll. Das klappt natürlich nicht immer. Logo. Und man muss auch einfach mal sagen: Manchmal ist es auch einfach ein Job, den man macht, aber in dem Augenblick, wo wir da stehen, ist der Anspruch so hoch. Es soll toll werden. Und ich weiß, wie toll die Beatsteaks sein können. Für mich, für die anderen vier und für die Leute. Man hofft, dass alle so richtig geil Bock haben. Die Leute zahlen 30 Euro, der Veranstalter hängt da mit Geld drin und mit Zeit, die stehen um 6 auf, die Catering-Dame ist vielleicht um 6 schon am schnibbeln, der Roadie kriegt 8 Euro dafür, dass er die Cases hin und her rollt, alle tun ihren Teil für die ganze Scheiße. Und nun guck mal. Wie wenig Clubs gibt’s noch? Nun ist Köln ja noch ein bißchen verwöhnt, aber am Ende gibt es nur noch diese Kulturzentren. Du hast diese Betonquader, wo so eine Band reingeschoben wird. Vorne werden die Leute reingeschoben, dann dürfen alle kurz zwei Stunden Hallali machen, dann alle wieder raus. Und dann gehen alle wieder in ihren Job, müssen sich mit ihren scheiß Problemen rumschlagen, die jeden Tag mehr werden, mit ihren Geldsorgen und dem ganzen Rotz. Die Verantwortung, die man dann hat, allen mal kurz für zwei Stunden das Gehirn wegzublasen… wir sind halt keine politische Band, sondern den Anspruch den wir haben ist: Wenn man zu einem Beatsteaks-Konzert kommt, dann muss man danach sagen: Ey heute Gloria, morgen Palladium, wann kommen die noch? Wenn Leute nach dem Konzert sagen, es war ganz nett, dann haben wir irgendwas falsch gemacht. Wie jetzt auf der Tour in Freiburg, in Augsburg, in der Schweiz oder in Bremen. Es gab so Konzerte, wo alles rasiert wurde. Deshalb ist die Anspannung auch so groß, weil man es immer besonders, besonders, besonders gut machen will.
Aber der Druck fällt doch nach zehn Minuten oder so auch mal ab, oder?
Torsten Scholz: Ja, wenn ich auf die Bühne gehe ist alles gut. Es gibt zwar noch so Angstsongs wie „I Don’t Care“ oder „Gentleman“, weil das dieselben Akkorde sind, nur versetzt. Aber dann läuft irgendwann auch so ein Automatismus ab. Man ist auf Autopilot und dann will man einfach nur noch eine geile Zeit haben. Der Bernd (Kurtzke, Beatsteaks-Gitarrist, Anm.d.Red.) ist genau andersrum. Der ist ganz ruhig und der wird auf der Bühne immer aufgeregter.
Wenn du dich selber interviewen müsstest, welche Frage würdest du dir dann gerne stellen und welche auf keinen Fall?
Torsten Scholz (überlegt): Ich würde mich fragen, warum ich jetzt hier sitze. Warum soll ich dich denn interviewen (lacht)? Weil ich immer denke, was wollen die Leute denn von dem Bassisten von den Beatsteaks wissen? Na, ich finde so ein paar Sachen schon interessant. Mich interessiert schon wie Leute wie ich, die einen Job haben, der nicht ganz so normal ist, das so hinkriegen im normalen Leben. Also mich interessiert auch, wie eine Stewardess ihr Kind großzieht oder wenn jemand auf einer Ölbohrplattform arbeitet. Das würde mich schon interessieren, wie denn so die normalen Sachen abseits der Musik aussehen. Welche Frage auf gar keinen Fall? Mir kannst du eigentlich jede Frage stellen. Außer in sich geschlossene Fragen. Zum Beispiel: Du findest Nazis toll? Warum denn? Die Frage würde ich natürlich nicht beantwortet haben wollen oder gestellt bekommen. Was soll für eine schlimme Frage kommen? Am Ende sitzt du halt hier und Leute interessieren sich für den Scheiß den du machst. Das ist doch schon großartig genug. Warum soll ich denen noch sagen: Nee, bitte die Frage nicht.
Gibt’s aber…
Torsten Scholz: Ja, ganz viel. Klar kann ich verstehen, dass der Sänger von… wie heißt nochmal diese Schmuseband… ah, Coldplay… dass der sich Fragen zu seiner Ex-Freundin verboten hat. Wenn alle nur noch danach fragen, dann kann ich das verstehen. Aber jetzt mal die Kirche im Dorf. Wenn einer sagt: Ich hab dich ja letztens mit deiner Tochter in Friedrichshain gesehen. Dann sage ich: Ja, nun wohne ich da ja nun mal. Vielleicht wenn es zu persönlich wird. Aber da kann man auch geil aus der Nummer rauskommen. Macht man halt einen blöden Witz und wenn man nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, muss man keine Angst vor schlechten Fragen haben. Außerdem bin ich ja sowieso der Schlaueste von uns. Merkste, wa (lacht)?
Okay, dann mal die letzte Frage: Wenn du ab morgen für den Rest deines Lebens auf einer einsamen Insel leben müsstest, welche fünf Platten würdest du dann mitnehmen?
Torsten Scholz: Ich würde doch auf eine einsame Insel keine fünf Schallplatten mitnehmen. Totaler Bullshit. Kann ich nicht noch eher ein Taschenmesser mitnehmen oder Streichhölzer (lacht)? Aber okay, du sagst, das ist alles da. Was wichtig ist: Sind da auch Weiber?
Die sind auch da.
Torsten Scholz: Okay! Ich würde auf jeden Fall „Monarchie und Alltag“ von den Fehlfarben mitnehmen. Dann würde ich die „Hello Nasty“ von den Beastie Boys mitnehmen. „Tha Carter III“ von Lil Wayne. Wenn Weiber da sind! Ich würde natürlich gucken, dass ich noch ein ganz, ganz langes Album mitnehme. So ein Triple-Progressive-Album von Rush. Wenn du auf einer einsamen Insel bist und du hast nur fünf Platten, dann kennst du die Lieblingsplatten ja sowieso fast auswendig. Aber so eine Riesenplatte von Pink Floyd oder von Rush würde ich mitnehmen, weil man da viel Zeit für bräuchte. Und ich hätte ja dann alle Zeit der Welt. Jetzt sind wir schon bei vier… Und dann gibt es von „11 Freunde“ so ein Hörbuch „Die lustigsten Bundesligaerlebnisse“. Sowas, irgendeine Platte, die nichts mit Musik zu tun hat. Obwohl ist eigentlich auch blöd, weil die kennt man ja auch schnell auswendig. Nee, dann nehme ich lieber noch die „Troublegum“ von Therapy? mit. Dann haben wir’s gepackt.
Genau! Vielen Dank für deine Zeit und das schöne Gespräch!
Wir bedanken uns ebenfalls bei Vanessa Seewald von Prime Entertainment für die Vermittlung und bei Torsten Dohm für die Betreuung vor Ort! Verwendung der „Passfotos“ von Torsten Scholz mit freundlicher Genehmigung der Beatsteaks.
Die Sonnengötter landen in Köln – The Fray am 04.10.2014 im E-Werk
Bereits vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums „How To Save A Life“ vor neun Jahren galten The Fray als MySpace-Phänomen und lebender Beweis dafür, wie man sich alleine durch eine fleißige Internet-Präsenz bekannt machen kann. Inzwischen nennt das Quartett aus Denver vier Grammy-Nominierungen und drei Billboard-Awards in der Kategorie „Online“ sein Eigen. Am 21. Februar erschien ihr viertes Album „Helios“, das in den USA immerhin Platz acht der Charts erreichte. Der Titel war wohl mit Bedacht gewählt, schließlich war Helios in der griechischen Mythologie kein geringerer als der Sonnengott persönlich. Im März waren The Fray zuletzt in Köln zu Gast, nun kehren sie für fünf Konzerte nach Deutschland zurück. Die Domstadt ist dabei die erste Station, der bis zum 12. Oktober noch weitere Konzerte in Hamburg, Berlin, Frankfurt und München folgen.
Das E-Werk ist an diesem vermutlich letzten schönen Spätsommertag des Jahres restlos ausverkauft. Als Support heizen die Raglans aus Dublin den Kölnern mit ihrem rotzigen Rock/Pop-Gemisch eine halbe Stunde lang ordentlich ein. Die vier Iren haben in ihrer Heimat gerade ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlicht und ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft noch eine Menge Gutes von den Jungs hören werden. Jedenfalls zählen sie eindeutig zu den besseren Vorgruppen. Die Umbaupause nutzen wir, um uns mit einem neuen Kaltgetränk zu versorgen und im gemütlichen Raucherbereich des E-Werks frische Nikotinluft zu schnuppern.
Um kurz nach 21 Uhr ist es dann Zeit für The Fray. Was folgt sind anderthalb Stunden grosse Gefühle. Das fängt schon beim Opener „Closer To Me“ an und erreicht seinen ersten Höhepunkt, als Frontmann und Sänger Isaac Slade während „Heartbeat“ auf Tuchfühlung zu den Fans in der ersten Reihe geht. Das verschlissene Neil Young T-Shirt, das er dabei trägt, macht ihn doppelt sympathisch. Sein eigentlicher Platz ist jedoch der am Piano. So zum Beispiel bei „Rainy Zurich“, das von Gitarrist Joe King nicht minder eindrucksvoll gesungen wird. Den schwarzen Flügel zweckentfremdet Slade zwischendurch allerdings auch mal als Podest und hüpft darauf herum – wenn auch vorsichtig. Mit Kommentaren zwischen den Songs spart er ebenso und lässt lieber die Musik für sich sprechen. Und die bietet Schlagzeuger Ben Wysocki sogar Platz für eine ausgiebige Samba-Einlage. Der einzige längere Dialog geht dem wunderbaren „How To Save A Life“ zum Abschluss des Mainsets voraus, als Slade vom Babyboom in der Band erzählt und den Song seiner Frau und seinem Sohn widmet. Das ganze E-Werk singt ergriffen mit.
Zur ersten Zugabe „Break Your Plans“ zeigt Isaac Slade sein phosphorizierendes Armband und fordert die Fans auf es ihm gleich zu tun und die Feuerzeuge zu schwenken. Er erntet natürlich ein Meer aus beleuchteten Handydisplays. Was waren das noch für herrliche Zeiten, als die Konzerthallen nicht wie eine überdimensionale Smartphonewerbung aussahen, sondern noch nach verbrannten Fingerkuppen und Wunderkerzen stanken. Lang lang ist’s her… in der Gegenwart biegen The Fray mit „Never Say Never“ sowie „Shadow And A Dancer“ auf die Zielgerade ein und hinterlassen schließlich ein restlos begeistertes Kölner Publikum. Keine Frage, hier ist eine Band am Werk, die offensichtlich eine Menge Spass an dem hat, was sie da tut. Dabei schafft sie es, die eigene Leichtigkeit auch musikalisch auf die Bühne zu bringen und für jede Menge positiver Gefühlswallungen zu sorgen. Die Aufgabe von Helios war es übrigens, den Sonnenwagen über den Himmel zu lenken, der von vier Hengsten gezogen wurde. Heute abend haben The Fray ihren Sonnenwagen in Köln geparkt.
Laugh’n Roll mit The Axis Of Awesome am 09.09.2014 im Gloria Theater, Köln
Am heutigen Abend erwartet uns im Kölner Gloria Theater ein Konzert der etwas anderen Art. The Axis Of Awesome sind in dem wunderschönen ehemaligen Kino an der Apostelnstraße zu Gast und beschließen hier ihre aktuelle Deutschland-Tour. Bekannt ist das Trio aus Sydney vor allem als Comedy-Rock-Band und hat in den bisherigen acht Jahren seines Bestehens schon fünf Alben veröffentlicht, Konzerte und Festivals auf der ganzen Welt gespielt und so manchen Award abgestaubt. Kein Wunder, dass sich mit Bernhard Hoëcker auch ein heimischer Komiker-Kollege unter den Gästen findet. Laut Aushang gibt es noch Restkarten an der Abendkasse, doch als Jordan Raskopoulos, Benny Davis und Lee Naimo fast pünktlich um kurz nach 20 Uhr loslegen, ist das Gloria bis auf den letzten – übrigens komplett bestuhlten – Platz gefüllt.
Ihr Name ist eine Anspielung auf „Axis Of Evil“, die „Achse des Bösen“. „Awesome“ lässt sich aus dem Englischen auf verschiedenste Art und Weise übersetzen, für die drei Australier trifft wohl am ehesten das Attribut „phantastisch“ zu. So laden sie die Fans auch gleich zu Anfang ein: „Use your imagination“. Zunächst aber stellen sie sich erstmal selber vor. Da ist zunächst Benny Davis am Keyboard, der angesichts seiner geringen Größe dem fortlaufenden Spott der beiden anderen Bandmitglieder ausgesetzt ist. Lee Naimo schwingt im Verlaufe des Abends nicht nur die Gitarre, sondern auch mal seine Perücke und wirkt wie die dünnere Ausgabe von John Cleese. Dazwischen mimt Jordan Raskopoulos den rauhbeinigen Charmeur, der ebensowenig stillstehen kann wie sein Mundwerk. Es ist gerade die Kombination aus diesen drei unterschiedlichen Charakteren, die den besonderen Reiz von The Axis Of Awesome ausmacht.
Wie sie betonen, haben die Drei bei ihren Auftritten normalerweise jede Menge pyrotechnischer Effekte, einen aufblasbaren Riesen-Dinosaurier und literweise Blut dabei, leider jedoch hätten sie die Sachen nicht durch den deutschen Zoll bekommen. Auch auf eine eisschleckende Miley Cyrus im Backbereich der Bühne müssen die Kölner verzichten. Stattdessen erleben sie, wie sich The Axis Of Awesome in eine hüftschwingende Boygroup verwandeln und die Oktaven-Schmerzgrenze während „How To Write A Love Song“ in ungeahnte Höhen treiben. In ihrem Programm – das keiner festgelegten Dramaturgie zu folgen scheint – ziehen sie abwechselnd Pop, Heavy Metal und Hip Hop durch den karikaturistischen Kakao. Sei es in der dahingerappten „Ode To KFC“ oder dem „iPhone-Song“, mit dem sie all denjenigen im Gloria, die fleißig fotografieren und filmen, den Spiegel vor’s Gesicht halten. Natürlich fehlen auch „Rage Of Thrones“, „Birdplane“ und ihr YouTube-Hit „Four Chords“ nicht, der mit 16,5 Millionen Klicks eines der am meisten angeschauten Comedy-Videos aller Zeiten ist. Darin reihen sie einen Popklassiker an den nächsten (in Köln unter anderem „Manchmal haben Frauen“ von den Ärzten), alle basierend auf denselben vier Akkorden. In „Songs To Sing Along To“ verhackstücken sie Manfred Mann’s Earth Band, die Rolling Stones, Blur oder Bob Dylan zu einem undefinierbaren Mischmasch à la „Der weiße Neger Wumbaba“. Als sich The Axis Of Awesome nach gut einer Stunde vorläufig verabschieden, gibt es stehende Ovationen.
Im Zugabenblock präsentiert sich Benny Davis als „living juke box“ (Naimo und Raskopoulos kontern das mit „living jerk box“) und spielt einzelne Songs nach Zuruf aus dem Publikum, bevor die Band noch schnell ein Selfie für Facebook schießt, mit dem begeisterten Gloria im Rücken. Danach wird es wieder „ernst“. Lee Naimo kündigt mit feierlicher Miene einen „german folk song“ an und wer nun „Viva Colonia“ erwartet hatte, der wird mit einer schrägen Version von Rammstein’s „Du hast“ überrascht. Dies ist der Schlusspunkt unter 84 Minuten abgedrehter Komik mit musikalischer Begleitung. Wer dies für ein Konzert zu kurz hält, hat zwar im allgemeinen Recht. Für den heutigen Abend ist es jedoch genau die richtige Länge, damit sich der Klamaukfaktor des Trios nicht abnutzt, sondern für durchgängigen Jubel, Trubel und Heiterkeit sorgt. The Axis Of Awesome sind zweifellos eine sehr symphatische Spasskapelle! Der setzt sich danach im Café des Gloria fort. Die Band ist noch vor den zu den Ausgängen drängenden Fans am Merch-Stand, schreibt fleißig Autogramme und lässt sich mit dem ein oder anderen im Arm fotografieren. Ob sie dabei auch wie vorher angekündigt auf „balls“ unterschrieben haben, müsst ihr die Beteiligten aber schon selbst fragen.
Musikalische Welten im Clubformat: Playing For Change am 01.08.2014 im Kölner Luxor
2002 begannen die beiden Filmproduzenten Mark Johnson und Enzo Buono die Welt zu bereisen und mit einem mobilen Tonstudio und Kameras die Musik unterschiedlichster, lokaler Straßenmusiker aufzunehmen. Zunächst in den USA, dann in Spanien, Südafrika, Indien, Nepal, dem Mittleren Osten, Irland, Holland, Israel… ihre Idee Menschen auf der ganzen Welt durch Musik zu verbinden, sie zu inspirieren und Hoffnung und Frieden zu stiften, kannte keine Grenzen. Das Resultat war die preisgekrönte Dokumentation „A Cinematic Discovery Of Street Musicians“ von 2006, in der es unter anderem auch Beiträge von Manu Chao, Bono oder Keb‘ Mo‘ zu sehen gibt. Die ein Jahr später gegründete „Playing For Change Foundation“ baut inzwischen Musik- und Kunstschulen für Kinder in der ganzen Welt. In Zusammenarbeit mit der 1Love Foundation findet seit 2010 jeden September der „Playing For Change Day“ statt, an dem weltweit Musikveranstaltungen unterschiedlichster Größenordnung die Message des Projektes weitertragen und Spenden für die „Playing For Change Foundation“ sammeln. Jetzt sind verschiedenste am Projekt beteiligte Künstler als Playing For Change Band erstmals für fünf Konzerte in Deutschland unterwegs. Köln ist dabei heute ihre letzte Station.
Der heimliche Höhepunkt des Abends ereignet sich aber bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn. An der Luxemburger Straße steht der riesige Nightliner, mit dem die zehnköpfige Band unterwegs ist. Die Domstadt hat einen herrlichen Sommertag erlebt und die Temperaturen bewegen sich immer noch weit oberhalb der 20 Grad-Marke. Viele Fans nutzen das schöne Wetter, um noch eine Zigarette zu rauchen oder ein Bier aus dem benachbarten Kiosk zu trinken. Während die Musiker das Luxor üblicherweise über den Backstage-Eingang betreten, lässt es sich einer der „Stars“ des Projektes, Grandpa Elliott, nicht nehmen direkt durch die Vordertür zu marschieren. Wobei marschieren der falsche Ausdruck ist… immerhin ist Grandpa Elliott fast 70 Jahre alt und blind. An der Seite von Mark Johnson braucht er für die wenigen Meter vom Bus bis zur Tür mehrere Minuten, was aber auch daran liegt, dass er geduldig die zahlreichen Fotowünsche erfüllt. Im Luxor selbst wird er ebenso frenetisch begrüßt. Man möchte ihn knuddeln.
Meistens erkennt man schon bei einem Blick ins Publikum, auf welchem Konzert man sich befindet. Auch das ist heute anders. Eine zusammengewürfelte Mischung aus Leuten hat das Luxor etwa bis zur Hälfte gefüllt, als es mit einer halbstündigen Verspätung um kurz nach 20 Uhr losgeht. Alle Altersgruppen sind vertreten und einige sehen so aus, als seien sie mit ihren Rucksäcken und Sandalen geradewegs von einem Reinhard Mey-Auftritt hereingestolpert. Die Truppe auf der Bühne präsentiert sich ebenso bunt und startet mit „Pemba Laka“ in ihr Set. Von Anfang an herrscht eine ausgelassene Stimmung, die besonders vom stets fröhlichen Clarence Bekker immer wieder angeheizt wird. Bekker übernimmt auch die meisten Vocalparts. Ihm zur Seite steht dabei Tal Ben Ari aus Tel Aviv, die mit ihrer grossartigen und glockenklaren Stimme für Gänsehaut sorgt. Roberto Luti an der Gitarre darf sein Können bei einigen Soloeinlagen ebenfalls unter Beweis stellen. Ein Kompliment auch an den Mann am Mischpult. Der Sound ist perfekt! Die Klimaanlage im Luxor dafür leider weniger…
Die Setliste besteht aus Eigenkompositionen und zahlreichen Coversongs. So laufen uns mit „The Lion Sleeps Tonight“ (im Original von Solomon Linda), „Teach Your Children“ (Crosby, Stills, Nash & Young), „I’d Rather Go Blind“ (Etta James), „Get Up Stand Up“ (Bob Marley und Peter Tosh) oder „Stand By Me“ (Ben E. King) einige alte Bekannte über den Weg. Der Zusammenschnitt der unterschiedlichsten Interpretationen von „Stand By Me“ wurde auf Youtube inzwischen übrigens fast 60 Millionen Mal angeklickt. Köln erlebt einen Mix aus Reggae, Worldmusic und Gospel („Down By The Riverside“), der auf Dauer allerdings etwas eintönig wirkt. Wann immer jedoch Grandpa Elliott zur Mundharmonika greift und zum Solo ansetzt, bricht im Luxor Jubel aus. Es darf getanzt werden. Jedenfalls soweit das bei den subtropischen Temperaturen möglich ist.
Als Grandpa Elliott nach fast zwei Stunden schließlich alleine auf der Bühne steht und seine Version von „Amazing Grace“ singt, herrscht noch einmal ehrfürchtige Ruhe. Es ist das beeindruckende Ende eines Abends, der uns noch einmal bewusst gemacht hat, was Mark Johnson in seiner Eingangsrede sagte: „Wir alle haben nur ein Herz. Es ist ein Herz aus Menschlichkeit“. Und auch wenn das Konzert zwischendurch ein paar Längen hatte, so hat die Idee, die hinter Playing For Change steht, doch jede Unterstützung verdient! Weitere Informationen gibt es auf http://playingforchange.com/
Amphi Festival 2014 vom 26.-27.07.2014 im Tanzbrunnen in Köln
Ein Geburtstag ohne Happy-Birthday-Atmosphäre und trotzdem eine einzige Party
Zum 10jährigen Jubiläum des Amphi Festivals haben sich die Veranstalter eine ganz besondere Überraschung für die 16.000 Besucher ausgedacht: Brause!
Klingt erst einmal völlig bescheuert, aber in Anbetracht dessen, dass die Sonne das ganze Festivalwochenende über gnadenlos vom Himmel brannte und glücklicherweise gratis Leitungswasser zur Verfügung stand: Eine glorreiche Idee!
So schmeckte das langweilige Leitungswasser wenigstens nach Waldmeister. Großartig!
Überhaupt war das kostenlose Wasser die beste Idee des ganzen Festivals. Bei Preisen von 4 Euro 50 für eine Cola auch bitter nötig. Sonst hätten sich wohl nur die Gutbetuchten einen Autopause-freien Festivaltag auf dem Amphi leisten können.
Taktgebend für die Besucher des Amphi war in diesem Jahr nicht der straffe Zeitplan auf den beiden Bühnen, sondern die Hitze. Angesagt waren eine charmante Wolkendecke und bis zu 25 Grad. Perfekt für ein Outdoor-Festival. Leider meinte es der Wettergott etwas zu gut mit der Stadt Köln, und so waberten die Festivalbesucher in ihrem eigenen Schweiß von Bühne zu Getränkestand zu Schattenplätzchen.
SAMSTAG
Der Samstag begann für viele Besucher erst am frühen Nachmittag. Das möge den Warm up-Partys in der Umgebung und der fetten Party auf dem „Call the ship to port“-Amphi-Partyschiff geschuldet sein. Das Publikum wirkte verkatert. Auch die Outfits der Besucher waren den Umständen entsprechend meist auf Hitze und Bequemlichkeit ausgerichtet. Viele flache, bequeme Sandalen, einfache Shirts und Röcke. Ein paar Besucher stachen aber doch aus der Menge heraus. Zum Beispiel die Dame in dem Hochzeitskleid, die Flügel auf dem Rücken und ein Horn auf der Stirn trug. Oder aber auch die Damen in den eindrucksvollen viktorianischen Gewändern, die der Hitze souverän trotzten.
Ein Großteil des Publikums erwachte spätestens, als am Nachmittag „Lord of the Lost“ die Bühne betraten. Zwei weiße große Kreuze schwingend kamen die Bandmitglieder auf die Bühne. Vor der Mainstage feierten Tausende die Hard-Rock-Band aus Hamburg. Vor Allem in den ersten Reihen hatten sich die – zumeist weiblichen – Fanclubs der Band eingefunden und feierten frenetisch ihren Star – den Sänger Chris Harms. Ob da am jüngsten „Bild“-Artikel was dran ist? Die Online-.Fassung der Tageszeitung titelte erst kürzlich „Bist Du der neue Sex-Gott der Gothic-Szene?“. Aber auch ohne die Optik des Sängers beurteilen zu wollen, hat diese Band Erstaunliches vollbracht und steht ganz zu Recht auf der Mainstage des 10. Amphi-Festivals. „Lord of the Lost“ sind in den letzten zwei Jahren von einer eher unbekannten Band zu einem großen Act gewachsen. Das liegt auch am vor allem rocklastigen Sound, der es der Band ermöglicht, nicht nur im Gothic-Bereich unterwegs zu sein. Vor allem hat die Band eine unglaublich starke Fanbase, die es den fünf Hamburger Jungs sogar ermöglicht hat, per Crowdfunding über 12.000 Euro zusammen zu bekommen, um ihre erste USA-Tour zu finanzieren.
Voll wurde es auch im Staatenhaus zu „Aesthetic Perfection“. Das amerikanische Electro-Projekt rund um Sänger und Songschreiber Daniel Graves ist bei jedem Auftritt eine einzige Party. Normalerweise spielen die Jungs zu früh und zu kurz. Aber in diesem Jahr waren 45 Minuten völlig ausreichend. Nicht, weil die Band schlecht gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Das Publikum feierte und tanzte zu „The Siren“ oder „Antibody“. Leider war es im Staatenhaus trotz durchgehend laufender Klimaanlage heiß und stickig. Daran änderte auch das charmante Detail nichts, dass einer der Mitarbeiter im Fotograben kühlendes Wasser mit einem Blumenbestäuber auf die ersten Reihen sprühte. Zusätzlich sorgte der teilweise sehr schlechte Sound für Verstimmung im Publikum. Sänger Daniel Graves war den ganzen Auftritt über sehr leise. Vielleicht funktionierten die Monitorboxen nicht, das Problem sollten „Die Krupps“ am Sonntagabend auch noch bekommen.
Insgesamt war die Sound-Qualität im Staatenhaus nur in direkter Nähe zur Bühne sehr gut. Wer am Rand oder weiter hinten stand, hatte meist nur noch sehr lauten Brei auf den Ohren. Ganz im Gegensatz zu der großen Mainstage draußen. Die Bands dort waren fast auf dem gesamten Festivalgelände gut zu hören.
Wer vor der Hitze und der Sonne draußen fliehen wollte, fand sich trotzdem früher oder später im Staatenhaus ein, um mal ein paar Minuten zu verschnaufen. Hier gab es Sitzplätze, die die meiste Zeit überfüllt waren, weil jeder mal ein paar Minuten die geplagten Füße entspannen wollte, Kaffee, Kuchen und Shoppingmöglichkeiten der besonderen Art. Nicht nur riesige federbehangene Damenhüte wechselten hier die Besitzer, auch Spitze oder Latexkleider konnten hier erworben werden.
Nach draußen ging es für gefühlt fast alle Besucher des Amphi-Festivals, als „Blutengel and the Monuments“ die Bühne betraten. Wer sich am Anfang vielleicht gefragt hatte, wer denn diese „The Monuments“ sein sollen, sah hier klassische Musiker mit Violine und Kontrabass, die das übliche „Bums-Bums“ in Blutengel-Songs durch elegante Klassik-Klänge ersetzten. Das Set der Sänger Chris Pohl und Ulrike Goldmann wirkte beinahe theatralisch und zerfließend vor Schmalz, wobei man der Band getrost attestieren kann, dass Herzschmerz eines der Hauptelemente der Songs darstellt. So kitschig Blutengel auch sind, soweit kamen sie bei der breiten Masse des Publikums an. Bei Songs wie „Deine Welt“ und „Behind the Mirror“ sangen und klatschten die meisten Zuschauer begeistert mit.
Mit „Front 242“ ging der Abend auf der Hauptbühne zu Ende. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Beim Eröffnungssong „Happiness“ waren viele Fans vor die Bühne gekommen, der Tanzbrunnen war voll. Die Party konnte losgehen. Beim zweiten Song ging dann plötzlich gar nichts mehr. Mitten im Lied warf Sänger Jean-Luc De Meyer das Mikrofon mit den Worten „It’s impossible to do that“ beiseite und ging von der Bühne. Fünf Minuten lang passierte gar nichts. Katastrophe! Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der Ansager auf die Bühne um den sauren Fans zu erklären, man bemühe sich, die technischen Probleme schnellstmöglich zu beseitigen. Dann passierte wieder nichts. 25 Minuten lang. Wie sich später herausstellte, war das Mischpult der Band abgeraucht. In mühsamer Kleinarbeit wurde in einer halben Stunde alles an die Haustechnik angeschlossen, damit der Gig weitergehen konnte. Etwas weniger Engagement und die Band hätte unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren können. Trotzdem war das Publikum sauer. Sätze wie „Hier herrscht der Sound of Silence. Hauptsache, keiner da, aber die Nebelmaschine läuft weiter“ waren aus einigen Ecken des Publikums zu hören. Nach einer halben Stunde Technikgefrickel konnte der Auftritt fortgesetzt werden. Frontmann Jean-Luc De Meyer kam auf die Bühne und entschuldigte sich für den Patzer. Er rief „Deutschland – Weltmeister und 10 Jahre Amphi – das ist der Hammer“. Nach diesen Worten feierten die Leute, als hätte es den 30-minütigen Zwischenfall nie gegeben. Zum Leid aller war wegen der Lärmbestimmungen trotz aller Verspätung um 22 Uhr Feierabend.
Nach einer halben Stunde Verschnaufpause ging es für einen Großteil des Publikums im Staatenhaus weiter. Die Helden der 80er „Camouflage“ feierten ihren vierten Auftritt auf dem Amphi-Festival. Sänger Marcus Meyn tanzte, als gäbe es kein Morgen, hüpfte, drehte Pirouetten, schwang die Hüften, es war beinahe, als stünde Depeche Mode-Sänger Dave Gahan persönlich auf der Bühne. Und so feierte das Publikum seine Ikone auch. Kaum jemand, der nicht zumindest heimlich von einem Fuß auf den anderen wippte. Spätestens bei Klassikern wie „Love is a shield“ und „The Great Commandment“ rastete die Menge aus vor Freude. So lauten Applaus, wie Camouflage nach jedem Song bekamen, hatte es gefühlt den ganzen Tag nicht auf dem Amphi gegeben. Beim letzten Song holte sich Marcus Meyn Verstärkung auf die Bühne. Und zwar keinen Geringeren als Peter Heppner. Zusammen sangen sie „That smiling face“. Schon im Februar hatten die beiden den Song zusammen bei einem Konzert in Dresden gesungen. Alles in allem war Camouflage das beste Konzert des ganzen Festivals – da stimmte einfach alles.
Danach war bei vielen die Luft raus. Die Anstrengungen des Tages holten die Leute ein, so dass bei weitem nicht jeder noch bis zum Ende von „Project Pitchfork“ durchhalten konnte. Na gut, bis halb zwei Morgens hellwach und tanzend durch das Staatenhaus zu feiern, kann auch nicht jeder schaffen. Das Programm war einfach zu lang, schließlich wollten viele am nächsten Tag pünktlich zu Beginn wieder fit sein. Die, die noch irgendwie ihre letzten Kraftreserven mobilisieren konnten, feierten mit Sänger Peter Spilles und seiner Band noch zu einem „Oldies-Set“, wie Peter es nannte, mit Songs wie „Pitchblack“ und „On End“.
SONNTAG
Für die Hartgesottenen ging es am Sonntag wieder früh los. Als erste Band im Staatenhaus traten „Noisuf-X“ mit einem 40 minütigem Programm auf die Bühne. Sänger Jan Loamfield gab alles, um seine Fans über die frühe Spielzeit hinwegzutrösten. Spätestens bei Hits wie „Jezebel“ oder „Hit me hard“ tanzte fast die komplette Halle.
„Noisuf X“ und die Hitze schienen das Publikum müde gemacht zu haben. Während „In the Nursery“ suchten viele die raren Schattenlätze abseits der Bühne auf, um mal eine Verschnaufpause zu machen.
Spätestens bei „Rotersand“ war aber die meisten wieder hellwach. Schon beim ersten Song war klar: Das wird eine einzige Tanz-Party. Sänger Rascal Nikov hüpfte und tanzte über die Bühne, als wäre er nie weg gewesen. Kaum zu glauben, dass die Band vor zwei Jahren noch aus gesundheitlichen Gründen des Sängers jeden Gig abgesagt hatte. Das Publikum feierte ausgelassen zu Club-Hits wie „Electronic World Transmission“, „War on error“ oder „Exterminate, Annahilate, Destroy“. Bei letzterem Song trat auch „Linebacker“ Krischan Wesenberg hinter seinen Turntables hervor und heizte dem Publikum zusätzlich ein. Bizarr wurde es, als die Band den neuen Song „Electric Elephant“ vorstellte. Zu diesem Lied betraten drei Performer die Bühne: Einer besonders klein, einer stark übergewichtig und eine dritte, auch nicht sehr schmale Tänzerin. Im ersten Moment war vermutlich fast jeder Gedanke im Publikum: Was wird das denn?! Die Drei legten eine grandiose Performance hin, bei der vor allem der übergewichtige Tänzer durch eine überraschende Beweglichkeit und Fitness brillierte. Die Performer zeigten abgehackte, aber auch fließende, vor Allem aber abstrakt wirkende Moves. Zunächst im Halbdunkel im Schatten von Sänger Rascal, später auch vor und um den Sänger. Es war so faszinierend, man konnte kaum wegsehen. Ein Blickfang und Kunst zugleich. Eine wirklich gelungene Überraschung.
Nach dem gelungenen Auftritt von „Rotersand“ erwarteten die Besucher gespannt den Auftritt von „Apoptygma Berzerk“. Bei der Masse von Menschen, die vor der Bühne standen hätte man meinen können, bereits den Headliner des Abends vor sich zu haben. Da war die Hitze egal oder auch, dass viele schon plattgetanzte Füße von eineinhalb Tagen Party hatten. Ähnlich wie bei Blutengel drängten sich Tausende vor die Bühne, um bei Song-Klassikern wie „Kathys Song“ oder „Until the End of the World“ aus voller Kehle mitzusingen. Der Höhepunkt des Auftritts war mit Sicherheit die deutsch-englische Version von Peter Schillings „Major Tom“. Während Sänger Stefan Groth den Text auf Englisch interpretierte, sang das Publikum die deutsche Version lauthals mit.
Nach Apop musste es schnell gehen. Viele Besucher wollten im vollgepackten Staatenhaus „Die Krupps“ sehen. Bedauerlich, dass die Düsseldorfer „nur“ im Staatenhaus spielen durften. Vor drei Jahren hatte die Band rund um Sänger Jürgen Engler eine großartige Performance auf der Mainstage abgegeben. Jetzt mussten sich die sechs Musiker mit den technischen Tücken der Staatenhaus-Bühne abmühen. Nach fünf Minuten Verspätung stand die Band endlich auf der Bühne. Aber mitten im ersten Song brach Sänger Jürgen ab und rief „Die Monitore sind tot. Wir haben gehört, Front hatten gestern Abend auch Probleme. Aber wir machen das, wir gehen nicht einfach“. Ein klarer Seitenhieb auf den unkommentierten Abgang der Band „Front 242“ am Samstagabend. Jürgen nutzte die Zeit, um mit dem Publikum zu quatschen, während die Techniker sich an den Monitoren zu schaffen machten. „Wen kenne ich denn hier?“, rief er und zeigte auf Leute in der ersten Reihe „Dich und Dich…Dich nicht.“ Anschließend improvisierten die Jungs und jamten ein bisschen, Dem Publikum schien das zu gefallen. Aus der Menge war nur „Zugabe, Zugabe“ zuhören. Darauf Jürgen keck: „Dann spielen wir gleich einfach die Zugabe“. Nach 20 Minuten konnte es endlich richtig losgehen und natürlich ließ es sich die Band nicht nehmen, auch die Hits „Amboss“ und „To the Hilt“ zum Besten zu geben. Gegangen war in der Zwischenzeit kaum jemand. Nach Samstagabend war das Publikum Elend-erprobt. Und immerhin: „Die Krupps“ hängten einfach noch ein paar Minuten an ihre geplante Spielzeit dran, um den Ausfall wieder wett zu machen.
Draußen tobten inzwischen Eisbrecher über die Bühne. Mit einer gewohnt guten Performance überzeugte Sänger Alexander Wesselsky in klassisch bayrischem Lederoutfit mit „This is deutsch“. Natürlich durften auch die Pyroshow und andere Hits wie „Miststück“ oder „Schwarze Witwe“ nicht fehlen. Zur Überraschung des Publikums schmettere Alexander noch einen Klassiker, der auf keiner Geburtstagsparty fehlen darf: Happy Birthday. Aber nicht für das Amphi, das ja an diesem Wochenende sein 10järhiges Wiegenfest feiern durfte. Nein! Der Lichttechniker hatte Geburtstag und das wollte die Band feiern. Das Lied war natürlich auch für jeden im Publikum, der an diesem Tag Geburtstag hatte. Nur eben nicht fürs Amphi – oder doch? Der „Checker“ – wie Wesselsky aufgrund seiner Fernsehkarriere genannt wird – beendete den letzten Gig auf der Mainstage mit dem Schmalzsong „Total Eclipse of the heart“ von Bonnie Tyler.
Im Anschluss verabschiedete sich der Herr Ansager vom Publikum und bedankte sich für einen tollen Amphi-Geburtstag. Die Party war zu Ende – während drinnen noch Lacrimosa auf der Bühne standen.
FAZIT
Nur schade, dass das einzig echte Geburtstagsgeschenk der Veranstalter – die Schifffahrten mit Konzerten – nochmal einige Euros extra kosteten und so wenig Platz boten, dass dieses Angebot an den meisten Besuchern vorbeigegangen ist. Die Gastronomie-Preise waren leider zu hoch, um eine Essenspause wirklich genießen zu können. Die Shoppingangebote waren dagegen vielfältig und erschwinglich. Die Bandauswahl war ein gelungener Mix zwischen Rock, Industrial und Future Pop und – abgesehen von den technischen Pannen – gut anzusehen und zu -hören. Memo: Nächstes Jahr wird das Auto in einen Privat-Kiosk umgebaut.
Amphi Festival 2014 – Der Samstag – Fotos vom 26.07.2014 im Tanzbrunnen in Köln
Amphi Festival 2014 Fotos
Sebastian Bach Fotos vom 30.06.2014 – Luxor, Köln
Double Crush Syndrome, Fotos vom Support bei Sebastian Bach am 30.06.2014, Luxor, Köln
Richie Sambora feat. Orianthi im Kölner E-Werk- The Aftermath Of The Lowdown-Tour
Fast könnte ich denken, Bon Jovi treten in Köln-Mülheim auf – parkende Autos mit Band Schriftzügen und Aufklebern säumen den Weg zum E-Werk, in dem der ehemalige Bon Jovi-Gitarrist Richie Sambora seinen Solo-Auftritt hat. Unterstützt wird er auf seiner „Aftermath Of The Lowdown“-Tour von der Gitarristin Orianthi. Mit 18 Jahren wurde die Australierin von Carlos Santana entdeckt, sollte Michael Jacksons Abschiedstour gitarrentechnisch begleiten und tourte zuletzt mit Alice Cooper durch die Welt bis Richie Sambora auf das nun 29 Jahre junge Talent aufmerksam wurde.
Nach einem kurzen Auftritt von Deutsch-Pop-Sänger-mit-Gitarre Willer betritt Richie um 21.10 Uhr die Bühne. Bassist, zwei Keyboarder, Drummer und mit dem Doppel Richie und Orianthi an der Gitarre – dies verspricht ein Konzerthighlight zu werden, wenn da das anfängliche Geholpere nicht wäre. Schon zum Lean Russel-Cover „A Song For You“ ist der Sound noch nicht richtig ausgerichtet, Richies Gitarrenspiel noch nicht aalglatt. Mit „Burn That Candle Down“ und „Nowadays“ beginnt er mit zwei Songs seiner aktuellen, dritten Solo-Scheibe „Aftermath Of The Lowdown“. Doch bereits „Lay Your Hands On Me“ zeigt, dass das Publikum eher bei den Bon Jovi Songs textsicher ist und mit Sicherheit Bon Jovi-Fans in der Menge sind, die Richie mit seiner bluesigen und charakteristischen Stimme Jon gegenüber bevorzugen. Während Orianthi überwiegend an ihrer blauen Gibson in die Saiten greift, wechselt Richie zu jedem Song zwischen Fender, Gibson, Western-Gitarre, Double-Neck und immer wieder zu merken: er nickt Orianthi anerkennend zu, wenn sie über das Gitarrenbrett schrabbt und die beiden sich in Gitarren-Soli verlieren. Es macht Spaß den beiden bei ihren Intermezzi zuzuschauen und ab und an wünsche ich mir, wir wären nicht mit gut 1.500 Fans im E-Werk, sondern mit 200 Fans in einem stickigen, winzigen Club, in dem die beiden sich von einem Gitarren-Solo zum nächsten spielen. Dass Orianthi nicht nur an der Klampfe Talent hat, beweist sie bei „You Don’t Know“ mit ihrer klaren Stimme. Während sie mit Richie zusammen auf der Bühne manchmal fast schüchtern und zurückhaltend wirkt, dreht sie alleine an den Vocals auf. Wir dürfen sehr gespannt sein auf das gemeinsame Album-Projekt der beiden Gitarristen.
Je später die Stunde, desto mehr dreht auch Richie auf, hat sich warmgespielt und spricht mit einem Zwinkern über seine persönliche Krisen – textliche Grundlagen seines letzten Albums – und schnoddert dabei leider meist unverständlich in das Mikro. Bereits vor zwei Jahren tourte er mit den Songs der aktuellen Platte durch deutsche Clubs, dieses Mal unterstützt eine Mehrzahl von Cover-Songs wie „Storybook Love“ von Mark Knopfler und Willy de Ville, Bob Marleys Reggae-Klassiker „Get Up, Stand Up“, angereichert durch eine gelungene Auswahl an Bon Jovi Songs seine Konzerte. „I’ll Be There For You“ und „These Days“ sind ein Ohrenschmaus aus Richies Mund und mit den bei Bon Jovi Konzerten bekannten “I’ll Be There For You“-Chören, werden Richie und Band zur ersten Zugabe auf die Bühne zurückgerufen und bringen eine Handvoll weiterer Musiker mit.
Sie hatten sich um den Spot als Richies Vorband beworben, letztlich machte Willer das Rennen – nun sind sie aber alle mit Richie und Band auf der Bühne und bringen „Lean On Me“ zum Besten. Ein wenig chaotisch, ein wenig durcheinander – Richie muss hier und da mal Anweisungen geben zum Aufstellen am Mikro und zum coolen Posen mit den zahlreichen Gitarren. Die weiteren Songs sind ein Feuerwerk für wohl alle Fans: die akustische Version von „Living On A Prayer“ beflügelt durch das abwechselnde Singen zwischen Richie und Orianthi zum Gänsehautfeeling und „Stick To Your Guns“ des New Jersey-Albums ist eine kleine Zeitreise in kaum live-gehörte Songs. Es gilt als Intro zum legendären „Wanted Dead Or Alive“ mit dem sich Richie und Band um 23 Uhr von der Bühne verabschieden. Von wegen… „I’m ready to leave here, how about you?“ witzelt Richie. Das Publikum will mehr und wird mit “Father Time” belohnt – nur Richie, seine beeindruckende Stimme und seine Gitarre – mehr Gänsehaut an diesem Abend geht nicht! Zum grandiosen Abschied noch „Takin‘ A Chance On The Wind“ – auffällig: kein einziger Song der Platte „Undiscovered Soul“ hat es auf die Setlist geschafft… hat Richie mit der damals glücklichen Zeit abgeschlossen? Fans in den ersten Reihen wünschen sich auf Schildern u.a. „Harlem Rain“. Zumindest hat Richie Sambora noch genug Material, um noch weitere Auftritte zu absolvieren – wir freuen uns auf seine Rückkehr mit einer neuen Platte und weiteren Konzerten!
Richie Sambora feat. Orianthi – Köln, E-Werk, 24.06.2014
Hier gibt es unsere Richie Sambora Konzertfotos der Tour 2014 aus dem E-Werk in Köln. Feat. Orianthi
Limp Bizkit Fotos am 29. Juni 2014 im Palladium in Köln
Limp Bizkit Fotos Tour 2014
The National überfluten den Kölner Tanzbrunnen mit eleganter Schwermut
The National haben Glück. Hätten sie zwei Tage vorher in Köln gespielt, wäre ihr Konzert wohl buchstäblich ins Wasser gefallen. Nach dem Unwetter, das rund um die Domstadt seine Spuren hinterlassen hat, wird der Tanzbrunnen heute nur von der Sonne überflutet und das wunderschöne Ambiente aus Palmen und Zeltdach sorgt dafür, dass schon fast wieder so etwas wie Urlaubsatmosphäre aufkommt. Da passt der melancholische Indie-Rock des Quintetts aus Cincinnati doch bestens. Vor gut einem Jahr erschien ihr sechstes Album „Trouble Will Find Me“. Ein Album, das gleichzeitig so neuartig wie familiär klingt und der vorläufige Höhepunkt einer künstlerischen Reise ist, die The National sowohl in neue Sphären als auch zurück zu ihren Anfängen bringt. Für Juli diesen Jahres ist übrigens die Tour-Doku „Mistaken For Strangers“ von Matt Berningers Bruder Tom angekündigt und wenn man das Konzert in Köln als Maßstab nimmt, dann darf man sich darauf mehr als freuen.
Als Matt Berninger und die zwei Brüderpaare Aaron (Gitarre, Bass, Piano) und Bryce Dessner (Gitarre), sowie Scott (Bass, Gitarre) und Bryan Devendorf (Schlagzeug) gegen 20 Uhr die Bühne betreten – unterstützt von einem Trompeter und einem Posaunisten -, ist der Jubel entsprechend. Vor und auf der Bühne herrscht eine gleichzeitig gespannte wie entspannte Stimmung, wozu der gefeierte Opener „Start A War“ sein übriges beiträgt. Überhaupt wirkt das Set heute sehr stimmig und dynamisch und spätestens ab „Bloodbuzz Ohio“ ist auch Matt Berninger nicht mehr zu halten, während die Band zwischen Balladen und Rock hin und her pendelt. Berninger lässt seine Bariton-Stimme über die Köpfe der etwa 2.500 Fans hinwegschweben und prügelt ab und zu auf sein Mikro ein, als wüsste er gerade nicht wohin mit seinen Emotionen. Und davon haben The National ja bekanntlich genug im Gepäck. Dass dabei auch die ein oder andere Weinflasche dran glauben muss, sei nur am Rande erwähnt. Das Mainset endet standesgemäß mit „Fake Empire“ und Matt Berninger wirkt in diesem Moment so scheu und verletzlich, dass man am liebsten auf die Bühne springen und ihn mal feste in die Arme schließen möchte.
Dazu bietet schließlich der Zugabenblock Gelegenheit, der mit dem Perfume Genius-Cover „Learning“ beginnt. Während „Mr. November“ nimmt Berninger ein ausgiebiges Bad in der Menge, begleitet von zwei leicht panisch aussehenden Technikern, die versuchen, mit der Mikrophonschnur niemanden zu erdrosseln. Zu „Terrible Love“ gesellen sich dann die Musiker der Vorgruppe St. Vincent (die wir zugunsten einer Pizza und eines Kölsch verpasst haben) zu The National und gemeinsam strebt man dem Ende des Abends entgegen. Diesen markiert dann das akustische und nochmals hochemotionale „Vanderlyle Crybaby Geeks“, zu dem der ganze Tanzbrunnen singt und tanzt.
Nach fast zwei Stunden geht man schließlich mit der wohligen Gewissheit nach Hause, dass The National große Gefühle nicht nur hör-, sondern vor allem spürbar machen. Dabei bewegen sie sich mit einer erstaunlichen Eleganz zwischen transparenten – fast schon stillen – und überbordend instrumentierten Momenten. So schön kann Schwermut sein.
Setlist:
- Start A War
- Don’t Swallow The Cap
- I Should Live In Salt
- Anyone’s Ghost
- Bloodbuzz Ohio
- Sea Of Love
- Hard To Find
- Afraid Of Everyone
- Squalor Victoria
- I Need My Girl
- This Is The Last Time
- Green Gloves
- Abel
- Apartment Story
- Humiliation
- Pink Rabbits
- England
- Graceless
- Fake Empire
- —————
- Learning
- Mr. November
- Terrible Love
- Vanderlyle Crybaby Geeks
Fotos von The National am 11.06.2014 im Kölner Tanzbrunnen
The National spielen im Tanzbrunnen in Köln – hier gibt’s die Fotos dazu:
Chuck Ragan Fotos am 10. Juni 2014 in der Live Music Hall in Köln
Chuck Ragan Fotos Live 2014
Alles gut nachgeholt – OK Kid live im Kölner Gloria
Dem Jungen geht’s gut. Gerade mal sechs Wochen nach der Knieverletzung von Jonas spielen OK Kid ihren Nachholtermin im Gloria. Das Knie ist tatsächlich wieder fit – jedenfalls springt der Herr wie eh und je. Überhaupt, vom Studio 672 über den Club Bahnhof Ehrenfeld und jetzt ins ausverkaufte Gloria, ist alles ziemlich gut für OK Kid. Da kann man auch schon mal gleich mit den Knallern eröffnen: „Stadt ohne Meer“, „Allein, zu zweit, zu dritt“ und „Kaffee warm“ tönen gleich zu Beginn von der Bühne. Im Vergleich zum letzten Konzert im CBE fällt besonders auf: Die Beats sind fetter und tanzbarer geworden, die dröhnen im Bauch und in den Beinen. „Hip Hop“ nennen die drei ihre Musik ja schon lange nicht mehr, „Pop“ ist ihnen lieber – auch wenn’s erst mal doof klingt.
Ob die Songs auf der neuen EP, die übrigens am 06. Juni erscheint, auch in die Richtung gehen? Der Live-Vorgeschmack von „Unterwasserliebe“, „Borderline“, „Februar“ und „Grundlos“ zeigt sich doch viel elektronischer als ihre Vorgänger. Live pusht das die Band und das Publikum gleich noch mehr. Jonas hat außerdem das Talent genau zu wissen, wie er die Menge mitnehmen muss – wann die Hände mitgehen sollen, wann er das Publikum springen lässt und wann aus tiefstem Herzen mitgesungen wird. Später gibt es sogar noch ein Moshpit und das kleine Bad in der Menge. Auf der Konzert-To-Do-Liste sind damit also die wichtigsten Punkte abgehakt.
Dass die fünf Jungs (live haben sie noch ein bisschen Hilfe) sehr gerne in Köln spielen, merkt man jedenfalls durch das ganze Konzert. Die Stadt ist ja mittlerweile ihre zweite Heimat geworden. Spannend bleibt, ob der Erfolg, den sie hier haben, sich weiter durch das Land zieht. „OK Kid kurz vorm Hit links abgebogen,“ singt Jonas in Borderline, „Halleluja, immer noch Luft nach oben.“ Hier im Gloria spielen sie wieder so lange, bis sie kein Material mehr haben. Als zweite Zugabe gibt es deshalb „Stadt ohne Meer“ gleich noch mal in einer anderen Version. Das gefällt dem Publikum auch. Den Jungs geht’s gut.
Fotos von OK Kid am 26.05.2014 im Kölner Gloria
OK Kid spielen hier ihr Nachholkonzert aus dem April.

















































































































































































































































































