Melancholisches Klavierspiel trifft auf kühle elektronische Elemente, zarte Stecknadel-Passagen auf große Popmomente: I Want Poetry sind leidenschaftliche Grenzgänger, die selbst scheinbare Widersprüche zu einem harmonischen Ganzen vereinen. Ihre Musik entsteht im stilistischen Niemandsland, in dem sie modernen Indie-Pop, ätherische Ambient-Elemente und dramatische Neoklassik-Einflüsse aufeinanderprallen lassen, um all dies zu etwas völlig Neuem zu verschmelzen. In kürzester Zeit hat sich das Dresdner Duo (Till Moritz Moll und Tine von Bergen) den Ruf als eine der spannendsten Formationen innerhalb der europäischen Indie-Pop-Szene erarbeitet.
„Jeder Song auf Human Touch beschreibt einen anderen Aspekt der menschlichen Berührung: der Gefühlsrausch, wenn man einander zum ersten Mal berührt, die Begegnung mit dem Inneren Selbst, und dass wir alle verbunden sind, miteinander, mit der Natur, mit allem was uns umgibt. Wir können nicht anders, als berühren und berührt zu werden.“, sagt Tine von Bergen.
Das Album liefert große Gefühle und sphärische Songs. Besonders Tines eindringliche Vocals wissen zu begeistern und die Poesie in den Lyrics ist bezaubernd. Allerdings wirkt der elektronische Klangteppich bisweilen auch zu mystisch und in sich selbst versunken. Die Stücke erzeugen ein Gefühl von nordischer Kälte und skandinavischer Weite. Das kann schon ein wenig schwermütig machen in diesen Zeiten, da der erneute Lockdown bevorsteht und sich soziale Kontakte auf ein Minimum reduzieren. Einige Farbkleckse hätten dem verträumten Popalbum daher vielleicht gut getan.
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Felicitas Mietz, wie die gebürtige Marburgerin mit bürgerlichem Namen heißt, legt mit „Nachtluft“ ihr zweites Album vor. Vor ihrer Solokarriere war sie bei der Popband Neoh aktiv, doch mit ihren eigenen Alben wird deutlich, dass sie niemals nur das hübsche Aushängeschild der Musikindustrie sein konnte. Mit den akustischen Stücken und als Songwriterin ihrer eigenen Musik zeigt sich ihre wahre Größe. Dazu braucht es im Prinzip nicht mehr als eine Gitarre, doch „Nachtluft“ ist ordentlich durchproduziert, voller schöner Chansons und auch mal mit melodischem Sprechgesang zu starkem Piano wie in „Elexier“.
Fotocredit: Christoph Seubert
Fee. wurde schon mit Udo Lindenbergs Panikpreis ausgezeichnet – und ihre Musik ist genau so direkt und ehrlich wie die Songs des großen Rockpoeten. „Nachtluft“ bietet eine lyrische Reise mit lebhaften und nachdenklichen Songs. Markenzeichen ist Fees lakonische Stimme, die oft zugleich frustriert und melancholisch klingt. Besonders die reduzierten Songs wie „Straßburger Straße“, „Mit dir“ und „Dein Haus ist umstellt“ überzeugen in ihrem Minimalismus, der Fees klare Stimme herausstreicht.
Sie hat beim zweiten Album alles selbst in die Hand genommen und es per Crowdfunding finanziert. Die zehn Songs in knapp 35 Minuten sind ungestüme Oden ans Leben, skurrile Beobachtungen, voll Selbstironie und vertrauter Schwesternhaftigkeit. Alles geht, was von Herzen kommt!
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Wer sich wie die Formation Blackmore’s Night der Musik im Renaissance-Stil verschrieben hat, dem liegen natürlich auch die traditionellen Weihnachtslieder am Herzen. Mit dem 2006 erstmals erschienenen und 2017 neu aufgelegten Album „Winter Carols“ haben Candice Night und Ritchie Blackmore dies bereits bewiesen – nun läuten sie mit vier neu interpretierten Songs auf der EP „Here We Come A-Caroling“ die diesjährige Adventszeit ein.
Die vier Stücke sind alle traditionell überliefert. Der schwungvolle Titelsong „Here We Come A-Caroling“ in der Tradition der englischen Weihnachtsänger ist hierzulande kaum bekannt, ebenso wie das besinnliche „It Came Upon A Midnight Clear“. „O Little Town Of Bethlehem“ gehört allerdings schon fast zu den Klassikern, und „Silent Night“ hat seinen Siegeszug um die Welt ja im Original als „Stille Nacht“ begonnen. Diese Version überzeugt nach dem sehr ruhigen Intro mit einer überraschend rhythmischen Begleitung, die dem fast schon zu bekannten Lied nochmal eine neue Facette verleiht.
In den Arrangements dominiert wie immer Candice‘ klarer und gefühlvoller Gesang, umrahmt von Ritchies virtuosem Gitarrenspiel und ergänzt durch weitere akustische Instrumente wie Blockflöten, Streicher und Tamburin.
Wer den Stil von Blackmore’s Night mag und sich mit „Here We Come A-Caroling“ passende Festtagsstimmung ins Haus holen will, sollte sich besser beeilen: Die CD und die gleichzeitig erscheinende Version auf Vinyl sind nämlich weltweit auf 5.000 beziehungsweise 2.000 Exemplare limitiert.
2019 fand das 5. Adventskonzert in der Heimstätte der SG Dynamo Dresden statt. Es waren (wie immer bei diesem Event) zwei Stunden voller Emotionen und ein Fest, das Dresden als Weihnachts- und Kulturhauptstadt von europäischem Rang präsentierte. Wenn kurz vor Weihnachten über 25.000 Menschen zum großen Adventskonzert ins Stadion strömen und hunderttausende TV-Zuschauer im Wohnzimmer Platz nehmen, dann beginnt für viele Dresdner das Weihnachtsfest so richtig.
Dieses Jahr ist das leider so nicht möglich und daher gibt es anstelle des traditionellen Adventskonzertes im Rudolf-Harbig-Stadion ein aufwändig produziertes Studioalbum mit Weihnachtsliedern gesungen vom Dresdener Kreuzchor unterstützt von einer Vielzahl bekannter Künstler.
Das neue Doppelalbum bannt die einzigartige Atmosphäre dieses besonderen Events auf Doppel-CD und bringt sie ins Wohnzimmer. Im Zentrum steht der acht Jahrhunderte alte Dresdner Kreuzchor unter der Leitung von Roderich Kreile. Begleitet wird er dabei vom eigens gegründeten Cross Bell Orchestra: renommierte Band- und Studiomusiker aus ganz Deutschland, die unter der Leitung von Peter Christian Feigel auch für das Studioalbum die perfekten musikalischen Partner der Kruzianer sind. Feinfühlig und mit großer Spiel- und Singfreude erwecken sie die anspruchsvollen Arrangements der Weihnachtsklassiker zum Leben.
Mir gefällt die Mischung aus klassischen Weihnachtsliedern, orchestralen Arrangements und beschwingtem Soulpop sehr gut. Man bietet ein absolut vielseitiges Programm, das Tradition und Moderne vereint.
Auf dem Album sind neben alten Bekannten des Adventskonzerts auch neue musikalische Partner des Kreuzchors zu hören: Im Duett mit dem Chor verzaubert Rocklegende Peter Maffay mit seinem Tabaluga-Hit „Nessaja – Ich wollte nie erwachsen sein“, während die finnische Starsopranistin Camilla Nylund mit den Kruzianern die Atmosphäre des skandinavischen Weihnachtsfestes nach Deutschland holt. Auf allen Bühnen der Welt zu Hause und mit „O holy Night“ und „Adeste fidelis“ auch Gast auf dem Album ist Tenor Klaus Florian Vogt. Musical- und Soul-Akzente setzt Sabrina Weckerlin, die dem besonderen Genremix eine weitere Facette hinzufügt. Gleiches gilt für die finnische Trompeterin Tine Thing Helseth und ihren ganz eigenen Weihnachtssound. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium, gelesen von Schauspieler Samuel Koch, rundet das neue Studioalbum ab.
Es ist eine gute Lösung, den Freunden des Kreuzchors diese Alternative zu bieten – in einem Jahr, da so viel Liebgewonnenes wegfallen muss. Die Doppel-CD ist sehr ausgewogen erstellt und schafft es, die Atmosphäre eines Weihnachtskonzerts ins heimische Wohnzimmer zu bringen.
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Marathon ist das neue Bandprojekt von Mark Kelly, der seit fast 40 Jahren als Keyboarder von Marillion fungiert. Die Aufnahmen für das Debütalbum entstanden in Peter Gabriels Real World Studios. Und wie es der Zufall will, hat Mark einen Vokalisten gefunden, der sich in weiten Teilen wie der junge Peter Gabriel anhört. Allein das ist schon Freude genug für Fans des guten Progressive Rock. Darüber hinaus steht Kelly als Instrumentalist natürlich für breite Keyboardflächen und atmosphärische Musik. Bei Marillion kann er das nicht mehr so ausleben wie noch in den 80er Jahren – jetzt hat er wieder die Chance dazu. Und er nutzt sie!
“Seit jeher sehnt sich die Menschheit nach der Fähigkeit zu fliegen, angefangen beim Erreichen von Höhen, weiter bis zum Überqueren von Kontinenten, dann Ozeanen, der Umrundung der Welt, bis hin zum Aufbrechen ins All und ersten Versuchen mit dem zu kommunizieren, was auch immer da draußen ist. Doch was, wenn die Kommunikation ausfällt?” Das ist die inhaltliche Idee hinter dem Album, das zwar nicht als echtes Konzeptalbum daher kommt, doch einer Mission folgt – nämlich die Musik als Mittel zur Verständigung heranzuziehen. Alle Lyrics stammen von Guy Vickers und er nutzt die Liner Notes des Booklets, um Hintergründe zu erklären. So geht es im Zehnminüter „Amelia“ um die Frauenrechtlerin und Flugpionierin Amelia Earhart, die 1937 im Pazifik verschollen ist. „Puppets“ beschäftigt sich philosophisch mit dem freien Willen und das viertelstündige Epos „Twenty Fifty One“ diskutiert die Existenz außerirdischen Lebens.
Zusammen mit Guy Vickers, Oliver M. Smith (Vocals), Pete “Woody” Wood (Gitarre), John Cordy (Gitarre), Henry Rogers (Schlagzeug) und seinem Neffen Conal Kelly (Bass), hat Mark Kelly seine Visionen in Realität umgesetzt. Es sind nur fünf Songs insgesamt, doch das Album dauert ordentliche 44 Minuten. Die Longtracks stehen am Anfang und am Schluss – jeweils in kleine Abschnitte eingeteilt – und sind extrem facettenreich.
Marathon ist in weiten Teilen ein sehr modernes Rockalbum. Man muss sich also keine Sorgen machen, dass Mark hier nur alte Ideen auslebt. Mal dominieren die Gitarren, dann gibt es wirklich elegische Keyboardparts. Auch Marillion Bandkollege Steve Rothery hat es sich nicht nehmen lassen und hat für den Song „Puppets“ seine Gitarre in die Hand genommen. Die solistischen Einlagen Rotherys sind unverkennbar. Dieses Markenzeichen haben Marillion in 40 Jahren niemals aufgegeben – und auch hier schwelgt er in seinen typischen Akkorden und Läufen.
Das Marathon-Projekt beschert Fans von Marillion und Bands wie IQ, Jadis, Arena oder Spock’s Beard ein schönes Nostalgie-Feeling, doch es ist eigenständig und modern genug, um nicht als Kopie durchzugehen. Mark Kelly hat hier seine Ideen verwirklicht, die er in einer demokratischen fünfköpfigen Band nicht immer durchsetzen kann. Das Ergebnis ist überragend gut.
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Nachdem die Schweden KATATONIA mit ihrem aktuellen Album „City Burials“ im April auf Platz #6 der offiziellen Deutschen Album Charts landeten, legen sie nun mit einem Live Album ihres „Lockdown Streaming“ Konzerts nach.
Im April 2020 präsentierten KATATONIA ihr elftes Studio-Opus, das ergreifenden „City Burials“. Da jedoch das unvorhergesehene globale Ereignis in diesem Jahr eintrat und ihre Album-Tourpläne auf Eis gelegt wurden, führte die Band eine intimere Lockdown-Show durch, die am 9. Mai live aus dem Studio Grondahl, Stockholm gestreamt wurde.
„Dead Air“ bietet den Fans ein 88-minütiges Set mit 20 Titeln aus dem umfangreichen und illustren Repertoire der Band, wahlweise auf 2CDs oder ebenso komplett auf DVD. Das Tracklisting enthält eine Auswahl an Fanfavoriten, die exklusiv von der weltweiten Fangemeinde der Band gewählt wurden. Dabei haben es immerhin auch drei Titel des aktuellen Albums in die Live-Umgebung geschafft.
Bemerkenswert ist die Klasse der Setlist, die aus den von Fans meistgewählten Lieblingsstücken zusammengestellt wurde. So umfasst das Konzert viele spannende Jahre düsterer, atmosphärischer Musik. Während KATATONIA anfangs zu den Pionieren der Black-/Death-/Doom-Bewegung zählten, schafften sie 1998 den Sprung zum Progmetal – analog zu Bands wie Opeth und Anathema.
Das Konzert ist eine musikalische Wucht und es ist einfach skurril, keine enthusiastisch applaudierende Menge im Hintergrund zu hören. So wird die Aufnahme aber zum Livedokument für die Nachwelt, aus der Zeit des (wie man für einige Monate hoffen durfte) „kurzen Sommers der Pandemie“. Inzwischen wissen wir, dass das Zurückfahren der Kultur uns auch noch einen langen Winter hindurch begleiten wird. Hoffen wir, dass es danach überstanden ist. „Dead Air“ kann mit seiner musikalischen Klasse auf jeden Fall über die Widrigkeiten eines „Konzerts am Bildschirm“ hinweg trösten.
Schon der erste Song zeigt mir, warum die Reihe „Christmas With My Friends“ von Nils Landgren so erfolgreich ist: Er startet nicht etwa mit Posaune, Piano und Saxofon, um die Qualitäten der instrumentalen Mitstreiter herauszustellen, sondern gibt uns mit dem a cappella gesungenen „This Christmas“ einen wundervoll entspannten und atmosphärischen Einstieg. Landgren im Chor mit seinen Sängerinnen Sharon Dyall, Jeanette Köhn, Jessica Pilnäs und Ida Sand ist eine wunderschöne vokale Offenbarung. Gerade diese chorischen Elemente ziehen sich durch das ganze Album und bereichern es ungemein.
Die Christmas-Reihe des schwedischen Posaunisten ist auch in ihrer siebten Auflage ein wundervolles Klangerlebnis. Zwar voll von Soul- und Jazzklängen, aber nie zu verspielt, um die festliche Ruhe zu stören. Vor 14 Jahren versammelte Nils Landgren, Sänger und Fixstern der europäischen Jazzszene, erstmals seine engsten Weggefährten zu einem “Christmas With My Friends”, ging mit ihnen ins Studio und auf Tour. Und das Echo auf die fantastische Weihnachts-CD war so enorm, dass Landgren und seine Freunde seither alle zwei Jahre diese besondere Art, Weihnachten zu feiern, wiederholen. So sind die „Christmas With My Friends“-
Alben auch für mich fester Bestandteil einer persönlichen Weihnachtstradition geworden.
Diesmal schlägt er musikalisch den vielleicht weitesten Bogen seiner Karriere: mit 14 Liedern aus 14 Ländern. Man nehme nur Schuberts „Ave Maria“, das mit gezupften Mandolinenklängen und sanften Bläsern so heimelig klingt wie nie. Die Reise geht von Benjamin Brittens „Hodie Christus“ über Kirchen- und
Wiegenlieder wie das britische „Sweet Was The Song“ oder das polnische „Gdy sliczna Panna/Listen to my Lullaby“ bis zu fröhlicher Weihnachts-Weltmusik wie dem hymnischen, aus Russland stammenden „The Forest Raised A Christmas Tree“ oder dem bewegungsintensiven südafrikanischen „Sizalelwe Indodana“. Von nur im Ursprungsland Bekanntem wie dem finnischen „Sylvian Joululaulu“ bis zu Welthits wie „Feliz Navidad“ des Puerto Ricaners José Feliciano. Von Hommagen wie an den großen belgischen Chansonnier Jacques Brel bis zu eigenen Kompositionen von Johan Norberg und Eva Kruse.
Was alle Stücke gemeinsam haben, ist die unaufgeregte Herangehensweise. Selbst „Just Another Christmas“ im Bigband-Sound klingt noch sehr zurückhaltend und gibt vielleicht optimistischen Ausblick auf eine USA, die in Zukunft wieder ohne großes Gepolter auskommt.
Die Corona-Krise hat unser Zusammenleben mit “social distancing” grundsätzlich verändert. Umso größer ist die Sehnsucht nach den Werten und Freuden der Weihnachtszeit, nach Einkehr und Besinnlichkeit, nach Zusammenhalt und Freundschaft, nach einer die Welt umspannenden Liebe. Nils Landgren bietet solche Augenblicke mit seiner magischen Musik, die uns für einen Moment vergessen lässt, welche Widrigkeiten die Gegenwart mit sich bringt. Eine musikalische Umarmung voller Wärme und Wehmut!
Vor sieben Jahren erschien eins meiner liebsten Weihnachtsalben aller Zeiten: das „Wilde Winter Songbook“ von Kim Wilde. Die Ikone des Pop, die mit Hits wie „Kids in America“, „Cambodia“, „You Keep Me Hangin’ On“ oder „You Came“ vor allem in den 80er Jahren die Tanzflächen weltweit eroberte, wird am kommenden Mittwoch 60 Jahre alt. Kaum zu glauben. Pünktlich zum Geburtstag erscheint das weihnachtliche Songbook in einer erweiterten Deluxe Edition auf zwei Silberlingen.
2013 schrieb ich zum Album: „Wilde Winter Songbook“ enthält zwölf Stücke in stimmungsvollen Neuaufnahmen. Zu Beginn und zum Abschluss gibt es zwei hochkarätig besetzte Duette. Den Klassiker „Winter Wonderland“ singt Kim im Duett mit Rick Astley. Ich will ja nicht lästern, aber Ricks schmalzige Stimmfarbe ist die perfekte Besetzung für diesen orchestralen Song, der ganz von selbst den Duft von Lebkuchen und das Bild brennender Kerzen erzeugt.
Und zum Glück ist nicht alles so beschaulich, denn Kims Superhit „Rockin‘ Around The Christmas Tree“ findet sich natürlich auch – diesmal im Duett mit Nik Kershaw. Diese Zusammenarbeiten sind sehr gefällig und dazu möchte ich auch den Song „Burn Gold“ zählen, der in ein herzzerreißendes „Silent Night“ überführt, das Kim zweistimmig mit Hal Fowler anstimmt.
Das waren die Duette – doch Kim überzeugt allein ebenso. Mit gefühlvoller Stimme verleiht sie Standards wie „Let It Snow“ und „Winter Song“ neue Impulse. Hinzu gesellen sich sechs starke Eigenkompositionen. Kim Wilde überrascht bei „Hope“ mit einer schönen Klaviermelodie und einem hymnischen Abschluss. Ebenso gefühlvoll singt sie die Ballade „One“ und das mit akustischen Gitarren versehene „Song For Beryl“.
Die Bonus-CD zur Neuauflage wartet direkt am Anfang mit einer Überraschung auf: „Keeping The Dream Alive“. Die Melodie kennt man doch irgendwoher… Es ist eine englischsprachige Version von „Solang man Träume noch leben kann“ der Münchner Freiheit. Sehr schön umgesetzt. Da gibt es nichts zu meckern. Und auch das unvermeidliche „Last Christmas“ ist jetzt in einer sehr eleganten Version vertreten. Die beiden Remixe des Duos Electric Penguins hätte ich jetzt nicht unbedingt gebraucht, doch das soll Geschmackssache bleiben. Die ruhigen „Isobel’s Dream“ und „Deck The Halls“ fügen sich jedenfalls schön in die besinnliche Zusammenstellung ein.
Kim Wilde ist stimmlich weiterhin eine Bank und es gelingt ihr, sehr eingängige und getragene neue Songs zu schreiben. Wer den ewigen Weihnachts-Einheitsbrei satt ist, sollte diesem Album gerne mal ein Ohr gönnen.
Auch wenn Jon Flemming Olsen nicht jedem auf Anhieb ein Begriff ist – vielleicht macht es Klick, wenn man an den Eurovision Song Contest 2006 und seine Band Texas Lightning denkt. „No No Never“ bewegte sich (wie so viele deutsche ESC-Titel) zwar nur im hinteren Bereich der Ergebnistabelle, wurde aber in DEutschland trotzdem ein respektabler Erfolg und bewegte sich 38 Wochen lang in den Charts.
Solo legt das Multitalent aus Düsseldorf inzwischen sein drittes Album vor. Seine 13 neuen Lieder – live mit Streichquartett eingespielt – ähneln inhaltlich und musikalisch durchaus einem Drahtseilakt: Mal fokussiert auf den Weg, mal in den Abgrund blickend, mal traumtänzerisch leicht. Ob sich da ein einsamer Tropf vergebens um die Rückkehr eines geliebten Menschen bemüht („Wenn Du wiederkommst“). Oder ob jemand augenzwinkernd anzweifelt, inwiefern der Nachwuchs tatsächlich ein steter Quell der Freude ist („In zwanzig Jahren“). Und auch die eigene Vita kommt bei Olsen auf den poetischen Prüfstand: In „König in meiner Baracke“ singt er sich frei von den Zwängen, die sich mit schnellem Ruhm einstellen können. Davon könnten sicher viele ESC-Teilnehmer ein Lied singen.
Natürlich nehmen auch die Folk- und Country-Ideen breiten Raum ein. „Es wird etwas geschehen“ ist mitreißend und optimistisch. „Alles wahr“ ist eine 1-a-Verschwörungspersiflage und „Wildes Tier“ zeigt in dunkel leuchtenden Skizzen, wie in Menschen lange unterdrückter Groll ausbricht. „Die Decke unserer Zivilisation ist hauchdünn. Das Lied ist vielleicht auch ein Plädoyer dafür, das Archaische in uns zuzulassen, bevor sich der angestaute Frust ins Wutbürgerhafte verkehrt.‟ Olsen ist einer, der an Solidarität glaubt. Der den Menschen vertraut, seinen Fans sowieso. Deshalb setzte er auch erneut erfolgreich auf das Prinzip Crowdfunding, um die Produktion von „Mann auf dem Seil“ zu finanzieren.
Die ruhigen akustischen Balladen harmonieren hervorragend mit den Streichern. Eine durchaus spannende Kombi. Und auch wenn es laut und energisch wird, gibt das begleitende Quartett eine ordentliche Dynamik mit. Olsen hat seinen Songs viel Zeit zum Reifen gelassen. Mit seinem neuen Material ist er Anfang 2019 nicht geradewegs ins Studio gegangen, sondern hat seine Singer-Songwriter-Oden live ein Jahr lang atmen, fliegen und auch mal scheitern lassen – „bis sie so richtig schön rundgespielt waren‟. Um diese beglückende Energie des Moments festzuhalten, hat er seine Lieder schließlich live aufgenommen. An nur einem Abend, vor vollem Saal (im Theater Schmidtchen) in seiner Heimat Hamburg, in Begleitung des Kammerensembles Konsonanz. So verbindet „Mann auf dem Seil‟ nun die Leidenschaft für Singer-Songwriter-Sound, Folk und Country mit einem intuitiven Gespür für eingängige Popmelodien, die dank der Streicher zum tief berührenden Ereignis werden. Ein überaus geglückter Balanceakt.
Nach offizieller Zählung ist „Space for the Earth“ bereits das 15. Studioalbum der rührigen Space Rock-Band aus Sommerset, England. Hinzu kommen unzählige Livealben und Compilations. Ja, sie waren fleißig in den 37 Jahren seit Bandgründung. Da verwundert es tatsächlich, dass zwischen dem letzten Release („Technicians of the Sacred „) und heute ganze fünf Jahre vergangen sind.
Die Musik von Ozric Tentacles ist eine Kombination aus treibenden Basslinien, Keyboards und komplizierter Gitarrenarbeit mit einem Sound, der stark von Künstlern wie Steve Hillage und Gong beeinflusst ist. Viele ihrer Songs enthalten ungewöhnliche Taktarten und überaus komplexe Arrangements. Da macht auch das aktuelle Werk keine Ausnahme, das zudem mal wieder melodische Ausflüge in östliche Gefilde macht und neben den obligatorischen Keyboards und effektlastigen Synthesizern auch ethnisch anmutende Klänge zu bieten hat. Dabei wird mit chorischen Einsprengseln die instrumentale Ausrichtung des Albums beispielsweise im verspielten „Humboldt Currant“ durchbrochen.
Das explorative und abwechslungsreiche musikalische Abenteuer wurde 2019/20 komplett im Alleingang von Ed Wynne in den Blue Bubble Studios am Meer geschrieben, programmiert, aufgenommen und produziert. Inspiriert von den schottischen Hügeln, Tälern und Stränden rund um sein Studio wandelt das Album zwischen elegischen Soundscapes, Space Grooves und Ambient-Atmosphären, bisweilen durchbrochen von knallharten Gitarrensoli.
Ein großartiges musikalisches Abenteuer für altgediente Hippies und Freunde des psychedelischen Progressive Rock. Wohlige Erinnerungen an das fröhliche Gedaddel alter Computerspiele inklusive.
„Leute ist das euer Ernst? Ein Punkalbum? Ihr müsst Gangster-Rap machen! Punk ist tot!“ Mit diesen gesprochenen Halbwahrheiten endet der erste Track dieses wundervollen Punkalbums „Na gut dann nicht“. Was uns MADSEN hier um die Ohren hauen, ist Protest in Reinkultur. Und das haben wir 2020 in dieser Form noch von keinem gehört.
Mission ist es, den Punk zu retten. Das wird im zweiten Stück „Herzstillstand“ deutlich: „Keiner hat mehr Bock auf Gitarren und auf Lärm“. Familie Madsen beweist das Gegenteil, denn diese Platte macht sowas von Bock! Lärmende Gitarren, hysterischer Gesang, Hau-drauf-Mentalität beim schnellen Schlagzeug. Ob das Spaß macht? Aber ja!
Zu verdanken haben wir dieses Album der Corona-Langeweile. Denn eigentlich sollte alles ganz anders laufen: Ein neues, bereits geschriebenes Rockalbum sollte im Sommer aufgenommen werden, die Touren waren gebucht. Und dann stellte sich die Welt auf den Kopf. MADSEN schoben den gewohnten Indierock zur Seite und widmeten sich einer neuen Welt. „Mitte März bin ich ins Wendland gefahren, habe den Proberaum gründlich aufgeräumt und für andere Künstler Musik geschrieben. Aber dann hatte ich plötzlich diesen Bock auf Punk!“ erinnert sich Sänger Sebastian Madsen. Er kaufte sich das Ramones-Debüt auf Vinyl, hörte es rauf und runter und begann, Songs zu schreiben. Schnell hatte auch der Rest soviel Spaß an den Songs, dass MADSEN ihr „reguläres Album“ hinten anstellten und eine Punk-Platte aufnahmen.
Das Ergebnis ist so überraschend wie geil. Besonders die Texte sind ausgesprochen tiefgehend und treffen den Zeitgeist. „Quarantäne für immer“ zeichnet ein düsteres Bild von herbei gesehnter Einsamkeit („Draußen wird alles immer schlimmer, ich bleib in meinem Zimmer“). „Protest ist cool aber anstrengend“ geht in die andere Richtung: Der Mensch im Bildungsbürgertum erkennt die Probleme der Zeit, hat aber wichtigere Dinge zu tun („doch morgen soll es regnen und du musst noch Rasen mähen“). Ein Plädoyer dafür, Protest nicht nur gut und wichtig zu finden, sondern auch damit anzufangen.
„Alte weiße Männer“ richtet sich so deutlich gegen den gegenwärtigen Politikstil wie „Trash TV“ gegen den allabendlichen Voyeurismus bei Dschungelcamp, Bachelor und Promi-WG. „Behalte deine Meinung“ geigt den ganzen Social-Media-Besserwissern und Verschwörungstheoretikern den Marsch, die YouTube und Twitter für das bessere Kommunikationsmedium halten. Und „Wenn du am Boden liegst“ ist ein starkes Statement für Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen und Hilfesuchenden: „Öffnet eure Arme, öffnet euer Herz“.
Zum Schluss darf Benjamin von Stuckrad-Barre noch den Versuch wagen, Punk zu definieren, der aber von der lärmenden Band im Hintergrund zum Scheitern verurteilt ist.
15 Jahre nach dem Debütalbum – zwischen Frust, Langeweile und Tatendrang im Corona-Sommer – bahnte sich der Bock auf schneller-härter-lautere Songs bei der Band wieder an. „Ich liebe diese respektvolle Respektlosigkeit im Punk“ sagt Sänger Sebastian Madsen. „Mit Punk ist es viel einfacher, sich klar und politisch auszudrücken.“ Auch MADSEN-Mainstream-Hörer sollten diesem ungewöhnlichen Album eine Chance geben. Es lohnt sich!
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Lemonwood sind Paul Piesker (Bass), Salomon Bosse (Schlagzeug) und Justus Maaz (Gesang, Gitarre, Keyboards), sowie live Alexander Schulz (Gitarre), allesamt geboren und lebend in Berlin. Die Musik beschreiben sie selbst schlicht als Psychedelic Pop – und es lassen sich Bezüge zu Shoegaze, Neo Psychedelic, Krautrock, Madchester, Americana und 60s Rock‘n‘Roll ausmachen. Insgesamt klingt das Album überaus hymnisch und man kann es sich gut im Open-Air-Format vorstellen.
Die Songs sind melodiös und eingängig, dabei oft mit Überlänge und mantrahaft in viel Hall und Echo getaucht. Maaz als Songwriter und Produzent verarbeitet Themen wie Sehnsucht, Verlust, Suche und Hoffnung, aber auch philosophische Ideen und spirituelle Wahrnehmung. Auffällig sind dabei die hohe Stimme des Sängers und seine mitreißenden Lautmalereien. Schon der Opener „I Wanna Be Your Home“ verbreitet eine optimistische Grundstimmung und gibt eingängig das Albumthema vor.
„Who Am I“ unternimmt einen Ausflug in den Britpop mit pointiertem Bläsereinsatz. „Echoes Of A Dream“ überzeugt als melancholischer Lovesong mit Überlänge während „How Long Can You Float“ gleichzeitig wohlig klingt und rhythmische Hektik verbreitet. Die meisten Stücke sind Uptempo und treiben unentwegt nach vorne. Dabei werden im Vordergrund ordentliche Rockinstrumente mit starken Oasis-Gitarren verwendet. Atmosphäre schaffen im Hintergrund Loops und orchestrale Flächen, die zum romantischen Träumen einladen.
„Angel Lane“ baut sich melancholisch auf und lässt sich erzählerisch viel Zeit, „The Same Old Melody“ führt die Nachdenklichkeit ohne viel Worte mit starken Gitarrensoli fort. „…What A Peculiar World“ führt klangtechnisch in die 80er Jahre während „4“ einen breitwandigen Abschluss für ein außergewöhnliches Album bietet.
Noch bevor die Welt kurz angehalten wurde, hat sich Justus Maaz bereits in die Isolation begeben, um ein utopisches Zuhause zu beschreiben. Das Ergebnis weiß als Debütalbum absolut zu überzeugen und das Albumcover ist in seiner heimeligen Einsamkeit hervorragend gewählt. Das muss man im Vinylformat genießen – und tatsächlich gibt es auch keinen Silberling. Die Platte erscheint nur im großen, gar nicht mehr so altmodischen LP-Format. Und wer es dann unbedingt in digitaler Form will, muss mit einem Stream oder MP3-Download vorlieb nehmen.
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Seit 20 Jahren stehen die Norweger von Gazpacho für atmosphärischen und stilvollen Artrock. Damit treten sie in die Fußstapfen von Marillion und überflügeln diese bisweilen, was hypnotische und psychedelische Passagen angeht, die sie in sanfte Klangcollagen fassen.
Das elfte Studioalbum „Fireworker“ fasst alles zusammen, was Gazpacho bisher abgeliefert haben. Songdienliche Stücke wie in „Night“, das Storytelling von „Tick Tock“ sowie die düstere Stimmung von „Demon“ und „Molok“.
Diesmal geht es nicht um ein echtes Konzept – stattdessen nimmt man den Hörer mit auf eine Reise in die Psyche. So startet die Band zur Freude der Progressive- und Artrock-Fans mit einem epischen 20minüter. „Space Cowboy“ bietet komplexe Songstrukturen, Tempowechsel, Klangmalereien und chorische Passagen. Es geht um den instinktiven Teil jedes Menschen, den Keyboarder Thomas Andersen „Space Cowboy“ oder „Fireworker“ nennt – Freud würde vielleicht „Es“ dazu sagen, aber hier hat dieser innere Geist eine dämonische Struktur.
Nach so viel Mystischem folgen drei kürzere Stücke, die balladesk eine beruhigende Wirkung entfalten. Verträumt und bisweilen verzweifelt singt sich Jan-Henrik Ohme durch die Songs. Erst das Titelstück – mittig in der Tracklist platziert – trägt einen Funken Optimismus in sich.
Zum Schluss bringt „Sapien“ die hypnotische Wirkung der Musik zurück und entfacht ein weiteres Feuerwerk. Psychedelisch und aufwühlend endet die Reise in das innere Selbst.
Sicher – es ist mal wieder ein sehr verkopftes Album. Und es erreicht nicht die erzählerische Klasse von „Tick Tock“. Doch Gazpacho führen ihren Weg unbeirrt fort und es gelingt ihnen immer wieder eine Steigerung. Dass sich manche Passagen dabei wie ein Aufguss älterer Alben anhören – geschenkt. Gazpacho sehen „Fireworker“ als den Überbau, als eine Zusammenfassung der letzten Werke. Das gelingt ihnen musikalisch und thematisch.
Am stärksten im Ohr blieb mir nach dem ersten Hören von „Rosa Elefanten“ das letzte Stück mit dem Titel „Irgendwie geht’s gut“, ein Pianosong, bei dem Florian Franke mit sanfter und klarer Stimme im Stil von Roger Cicero eine fantastische Jazz-Ballade singt. Das „Halleluja“ geht sehr zu Herzen – und nach dem Verklingen des letzten Tons haut der Künstler ein „Ich glaube, der war ganz gut“ heraus, dem man nur zustimmen kann, ja, der eher ein Understatement ist.
Mit einer fantastischen Band im Rücken ist Florian Franke ein Album geglückt, dass nicht nur den Kopf, sondern auch die Füße bewegt. Das Konzeptalbum „Rosa Elefanten“ ist ein ein ehrliches und handgemachtes Album, dass genau das zeigen soll, was auf der Bühne passiert. „Ich wollte etwas schaffen, worauf man wirklich stolz sein kann, etwas besonderes, was man so nicht mehr findet“, erinnert sich Florian, als er vom Prozess erzählt. Die Dynamik, die sich während des gemeinsamen Einspielens entwickelt hat, war der Startschuss für die Idee, ein komplettes Album live zu recorden und auch foto- und videografisch begleiten zu lassen.
„Don Quichotte“ erzählt mit feiner Akustikgitarre, Pianoklängen und sanfter Percussion vom Kampf gegen Windmühlen. Es wird schon im Opener deutlich, dass hier kein Phrasendrescher am Werk ist. Stattdessen: intelligente und bildgewaltige Texte. „Delorian“ entführt uns ebenso mit Filmmotiven auf eine Zeitreise, wie es später das Loblied auf „Samweis“ tut. Der Titeltrack beeindruckt nicht nur durch das verswingte Arrangement sondern auch durch Frankes Stimme, die in hohe Sphären entschwindet.
Franke singt mit smarter Stimme – zeitweise unterstützt von Jaqueline Rubino – und schafft locker den Spagat zwischen Pop, Jazz und sehr rockigen Klängen. Dabei ist die Besonderheit des Albums, dass alles live und gleichzeitig eingespielt wurde. Dabei regen die Melodien nicht zum Mitsingen ein und gehen nur schwer ins Ohr. Stattdessen ist das feine Gehör gefordert – mit filigraner Percussion, verspielten Melodien und einem durchdringenden Kontrabass wie in „Ich geh nicht unter sondern auf“.
Die Mixtur aus Pop und Jazz wirkt so, als wäre sie schon immer da gewesen. Feinsinnige Texte führen durch Arrangements, die überraschen, aber dennoch vertraut scheinen. Mal schimmert eher die Leichtigkeit des Pops durch, mal überwiegt die Freiheit des Jazz. Ein gutes Stück vom Mainstream entfernt, erinnert dieser deutsche Jazz-Pop an eine Zeit, in der Musik nicht am Laptop, sondern im Studio entstand, und in der der unvergessene Roger Cicero das Maß aller Dinge war. Ein starkes Stück Musik!
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Wow – die Wikipedia listet aktuell 94 Soloalben von Rick Wakeman auf (inkl. Liveplattten, Soundtracks, offiziellen Bootlegs usw.). Das ist doch mal eine Hausnummer. Der 71jährige Brite, der als einer der wichtigsten Keyboarder im Progressive Rock gilt, hat sich in den letzten Jahren vor allem auf das Klavierspielen konzentriert und dies ausgiebig zelebriert. Auch das aktuelle Werk „The Red Planet“ bleibt instrumental, doch endlich dürfen wir wieder Klänge hören, die aus der Glanzzeit des Prog in den 70er Jahren stammen könnten.
Thematisch gibt der Albumtitel ein spaciges Programm vor: Während die Menschheit erst mit kleinen Schritten ihren Nachbarplaneten erkundet, schickt uns Rick Wakeman schon auf eine sphärische Reise über den roten Planeten. Er legt seinen elegischen Keyboard-Teppich und wird dabei unterstütz von Dave Colquhoun an der Gitarre, Lee Pomeroy am Bass und Ash Soan an den Drums. Im Quartett nennt sich die Truppe „The English Rock Ensemble“ und vollzieht ein hervorragendes Zusammenspiel.
Die Albumtracks des Konzeptalbums beschreiben diverse Landschaftsbilder und geben ihnen einen musikalischen Charakter. Synthie-Schwaden und E-Gitarren, romantische Harmonien und rhythmische Ausschweifungen, Orgeltöne und chorische Klangmalereien – man kann sich in die fremde Welt einfühlen.
Das Booklet enthält einen Abriss der verschiedenen Mars-Missionen und spannende Bilder. Überhaupt ist die Gestaltung des Albums mit seinen SF-Motiven ebenso gelungen wie die Musik. Ein großes Werk, das an alte Erfolge anknüpft.
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Seine aktuelle CD „Glücksbringer“ zu nennen, zeugt von Optimismus, Lebensfreude und auch einer Spur Selbstironie. Das alles trifft auf Lieselotte Quetschkommode auf jeden Fall zu. Die lustige und freche Sängerin wird verkörpert von der Songwriterin und studierten Pädagogin Astrid Hauke, die normalerweise mit ihren Familien-Erlebnis-Konzerten durch ganz Deutschland tourt, dieses Jahr aber ihre neuen Lieder leider kaum live verbreiten kann. Aber so finden sie eben auf „Glücksbringer“ ihren Weg zu den Fans.
Die meisten Songs machen einfach Spaß und gute Laune – angefangen mit dem mitreißenden und rhythmischen „Let´s Move“ über die etwas verträumte „Seefahrt“ und die rockige „Fischparty“ bis zum verrückten „Dafür und Dagegen“. Bei letzterem fungiert übrigens Suli Puschban als Duettpartnerin – auch keine Unbekannte in der Kindermusikszene und hier als Co-Songwriterin bei vielen Titeln mit im Boot.
Die „Moneten-Plage kann mich trotz netter Wortspielereien nicht so ganz begeistern, dafür geht „Was machen die Piraten“ – Astrid Haukes Version des Klassikers „What Shall We Do With The Drunken Sailor“ – ordentlich in die Beine. „Die Schulsekretärin“ hat natürlich längst schon ein eigenes Lied verdient, und „Alles Gute“ ist eine schöne Alternative zum ewigen Happy Birthday.
Mit dabei ist auf der CD auch der Song „Einfach weil ich kann“, der diesjährige Gewinnertitel des „Deutschen Kinderliederpreis“. Hier beschreibt Astrid Hauke die kleinen und großen Verrücktheiten, die Kinder so tun – einfach weil sie können. Ein ziemlich freches Lied, in dem nicht nur auf Schränke und Bäume geklettert wird oder Schuhcreme im Gesicht landet, sondern mit Zeilen wie „Ich hau dir Eine rein. Ich stell dir ein Bein.“ auch kindliche Gewalt thematisiert wird. Da scheiden sich durchaus die pädagogischen Geister, ob sowas in einem Kinderlied okay ist. Aber es steht ja auch jedem frei, das Lied als Anlass zu nehmen, gemeinsam über die moralischen Grenzen der eigenen Freiheit nachzudenken.
Als Bonustracks gibt’s zwei in englischer Sprache gesungene Lieder: „Caterpillar“ und die komplett englische Version von „Let’s Move“. Außerdem sind noch zehn instrumentale Versionen zum Mitsingen enthalten. Ein insgesamt trotz kleiner Schwächen überzeugendes Album, und durchaus als kleiner oder größerer „Glücksbringer“ in diesem Spätsommer geeignet!
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Seit Jahrzehnten gehören The Pineapple Thief zur Speerspitze des melodischen Artrocks. Und in steter Regelmäßigkeit von zwei Jahren veröffentlichen die britischen Progressive Rocker ein Meisterwerk nach dem anderen. Daran ändert auch die Pandemie nichts. Kürzlich erschien ihr neues Album „Versions of Truth“ – im Zeitalter von Fake News und Verschwörungstheorien ein Titel, der den Nerv der Zeit trifft. Es ist ein Album, das das Chaos und den Konflikt des Lebens im 21. Jahrhundert widerspiegelt. Daraus resultiert eine Unschärfe zwischen dem Wirklichen und dem Wahrgenommenen, zwischen Sinn und Absicht. Der Titel sagt alles: Dies ist der Soundtrack für eine postfaktische Welt – eine Welt nach der Wahrheit.
Wie auf Bruce Soords letztjährigem Soloalbum bekommen wir atmosphärische Musik und epische Momente zu hören. Die ruhigen Songs dominieren das komplette Album – nur selten wird es mal lauter – und Bruce‘ Stimme schwebt bisweilen durch die Sphären. Die Songs kombinieren weitläufige Klanglandschaften mit nachdenklichen Refrains, vorgetragen von emotionalen Vocals.
Der Titeltrack als Opener klingt sehr nach den Soundeskapaden von Peter Gabriel und auch stimmlich sind Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. „Versions of Truth“ gehört zu den dunkleren Stücken des Albums und wirkt sehr vertrackt. Danach wird es deutlich unaufgeregter. Ein filigraner Rhythmusaufbau zieht sich durch das komplette Album. So sind die meisten Stücke sehr eingängig und gehen für Progressive Rock-Tracks ungewöhnlich schnell ins Ohr. Das ist aber kein Nachteil.
Mit über 7 Minuten ist „Our Mire“ der Song, der den im Prog so beliebten Longtracks noch am nächsten kommt. Alles andere bewegt sich im normalen Rahmen von 3-4 Minuten. So erzählt das Album Geschichten vom Aufleben und Zerbrechen von Beziehungen – voller Melancholie und ohne sich in hektischen Ausbrüchen zu verlieren.
Längst haben The Pineapple Thief es geschafft, einen eigenen Sound aus rockigen Gitarren und spacigen Synthies zu kreieren. Maßgeblich für den Sound ist außerdem die vielseitige Stimme Soords, die ich am liebsten mag, wenn sie die ruhigen Töne anschlägt. „Versions of Truth“ ist ein weiteres Meisterwerk, an dem Freunde von Gazpacho, Blackfield und Anathema ihre Freude haben werden.
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Es gibt kaum jemanden in Deutschland, der den Namen Laith Al-Deen noch nie gehört hat. Der Sänger von Hits wie „Bilder von dir“, „Dein Lied“ oder „Keine wie du“ prägte von Anfang an maßgeblich den Deutschpop. Dabei verkaufte der Künstler Millionen Tonträger und erntete goldene Platten sowie Top Chart-Platzierungen. Während seiner Zeit in der deutschen Musiklandschaft verlor er nie an Leidenschaft, Qualität und Neuerfindungsdrang, was sein letztes Album „Bleib unterwegs“ (2016) bis an die Spitze der Deutschen Charts brachte. Ein neues Album von Laith Al-Deen ist für mich immer ein Gewinn. Auch wenn die großen Radiohits seit einigen Jahren ausbleiben, schafft er es doch immer, seine Hörer mit authentischen und emotionalen Songs zu bewegen. Da macht auch das neue Werk „Kein Tag umsonst“ keine Ausnahme.
Die Release-Konzerte für sein zehntes Studioalbum hätte sich der Sänger aus Karlsruhe aber sicher anders vorgestellt. Beiden fanden nämlich in Autokinos statt. Am Donnerstag (Vorabend) in Gießen, am Freitag (Release-Tag) im saarländischen Schiffweiler. Laut seiner Aussage waren es zwei sehr unterschiedliche Konzerte, denn in Gießen herrschte Hup-Verbot. Damit war die Stimmung im Saarland schon ausgelassener – und ich selbst war auch froh, mir das Konzert nicht bei geschlossenen Fenstern anschauen und anhören zu müssen.
Kommen wir zunächst zum neuen Album, bevor ich mich dem skurrilen und dennoch wundervollen Konzert in Schiffweiler zuwende. Das Album dreht sich um die Dinge, die einem Halt geben und im Leben verankern. In Zeiten des Wandels und der Selbstoptimierung kennen viele Menschen das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Laith ruft in „Kein Tag umsonst“ dazu auf, einen Schritt zurückzutreten, das eigene Leben wieder schätzen zu lernen und sich auf das, was zählt, zu besinnen.
Der Opener „C’est la vie“ spricht davon, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen und die Risiken eines Neubeginns zu wagen. „Liebe ist ein Geschenk“ behandelt die Kraft von Beziehungen, die man für sich nutzen kann. „Zwischen den Zeilen“ ist ein Aufruf, den Blick nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf Gegenwart und Zukunft zu richten. „So nah“ erklärt, wie nah man oft der eigenen Vorstellung vom Glück ist, ohne es zu merken. Und „Ein Wort“ widmet sich den wirklich guten Freunden, die immer für einen da sind und für die man immer da ist.
Der Balladen-Anteil ist bis zum melancholischen Piano-Abschluss „Kein Tag umsonst“ sehr hoch. Zwischendrin wird der Sound bisweilen durch elektronische Elemente aufgepeppt. Das sind zwar sehr energetische Augenblicke – ich muss aber sagen, dass mir die puren rockigen und akustischen Töne (wie sie auch live geboten wurden) besser gefallen. Packende Melodien und Laith Al-Deens unverkennbare und herausragende Stimme. Mehr braucht es nicht für ein wunderschönes Deutschpop-Album mit Tiefgang.
Beim Autokino-Releasekonzert hatte Laith eine fünfköpfige Band mit zwei Gitarren, Bass, Keyboard und Schlagzeug dabei. Der Sound auf der Radiofrequenz war überragend gut und schließlich – als es langsam dunkel wurde – entfaltete die Lightshow ihre Wirkung. Verstärkt natürlich durch Gehupe, Warnblinker, Fernlicht, geschwenkte Warnwesten und die Betätigung des Scheibenwischers, was laut Laiths Ansage emotionale Betroffenheit ausdrückt. Man lernt doch nie aus.
Das über zweistündige Konzerte umfasste sieben der neuen Stücke und natürlich Klassiker wie „Bilder von dir“, „Dein Lied“ und „Keine wie du“. Insgesamt 16 Stücke. Die Setlist hätte von einem normalen Konzert stammen können. Da wurden keine Kompromisse gemacht. Interaktion mit dem Publikum fand auf die oben erwähnte Weise statt. Und das war „ganz großes Kino“, wie Laith mehrfach feststellte. Die Refrains mancher Songs wurden rhythmisch gehupt, was den Sänger sichtlich erfreute.
Fazit: Das zehnte Album ist musikalisch eine Bank. Ohne große Innovation, aber ganz solide, emotional und in altbewährter Schönheit. Laith Al-Deens einzigartig kraftvolle Stimme schafft es dabei, jedem Song einen unvergleichlichen Charme zu verleihen. Die Musik ist vielfältig, sei es das klangvolle „Du bist es wert“ oder der reflektierende Titelsong. Sie verliert niemals die unverkennbare Handschrift des Musikers.
Vielleicht werden wir in ein paar Jahren über die Form des Konzertes lachen. Hoffentlich. „Es bleibt trotz allem ein bisschen unwirklich“, meinte der Protagonist des Abends abschließend. Das jubelnde Hupkonzert war vermutlich kilometerweit zu hören.
Setlist, 22.5.2020, Autokino Saar in Schiffweiler
Noch lange nicht genug
Bilder von dir
Zwischen den Zeilen
Ein Wort
Dein Lied
So nah
Hör mir zu
Keine wie du
Fliessende Wasser
C’est la vie
Liebe ist ein Geschenk
Damit ich wieder schlafen kann
Glaub an dich
Halt mich fest
Jetzt hier immer
Jedes Mal
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Wer bisher um Progressive Metal mit orientalischem Einschlag einen weiten Bogen gemacht hat, sollte das schleunigst ändern. Die Tunesier MYRATH legen hier ihren ersten Live-Release vor, der etwas ganz besonderes ist.
2019 war ein großes Jahr für die Metalband. Sie eroberten weltweit die Rockbühnen, sei es auf dem renommierten Sweden Rock Festival oder dem Wacken Open Air, und begeisterten Fans mit ihrem sechsten Studioalbum „Shehili“ – einer wunderschöne Sammlung kraftvoller Songs vor dem Hintergrund nahöstlicher Melodien. Wie ich vor einem Jahr dazu geschrieben habe: „Songs wie “No Holding Back” und “Darkness Arise” lassen es nach den metallischen Krachern etwas ruhiger angehen. “Stardust” kommt fast schon als romantische Ballade rüber. Das ändert aber nichts an der Komplexität des Albums, die uns sehr vielfältige Eindrücke eines Albums zwischen europäischem Rock und nordafrikanischer Weltmusik mitgibt. “Shehili” ist eine Scheibe, die das Genre bereichert und an vielen Stellen aufhorchen lässt.“ (HIER findet ihr die komplette Review).
Der Mitschnitt, der jetzt bei eraMUSIC erscheint, entstand schon 2018, also vor besagtem Studioalbum, und war zunächst nur im Direktvertrieb erhältlich. Selbst als live-CD funktioniert er sehr gut und enthält beispielsweise als Bonus-Schmankerl eine Studioaufnahme des Songs „Believer“ mit Altmeister Don Airey an den Keys. Soundtechnisch ist die Aufnahme vor einer 7.000köpfigen Zuschauerkulisse mehr als gelungen.
Extrem spannend wird es aber, wenn man sich im Videoformat den Schauplatz des Geschehens vor Augen führt. Das Amphitheater von Karthago gehört mit weiteren historischen Stätten der vorchristlichen See- und Handelsmacht zum Weltkulturerbe. Heute ist sie geographisch ein Vorort von Tunis, doch das antike Erbe ist noch sichtbar. Wundervoll, dass hier ein Rockkonzert stattfinden durfte.
MYRATH haben dann auch groß aufgefahren. Neben der historischen Kulisse gibt es eine große Videoleinwand und ausufernde Licht-Installationen. Die Bühne selbst wirkt wie ein orientalisches Wohnzimmer – und steht damit in starkem Kontrast zu der metallischen Musik. Die Begeisterung des Publikums hat fast schon „Brot und Spiele“-Charakter.
Musikalisch sind MYRATH voll in ihrem Element und fahren das Alleinstellungsmerkmal einer afrikanischen Progmetalband voll aus – nicht nur mit dem Bühnenbild, sondern auch mit Percussion und Tänzerin. Absolut stimmig, was hier geboten wird. Neben eigenen Klassikern wie „Madness“ und weiteren Songs der früheren Alben gab es auch schon einen Vorgeschmack auf „Shehili“. Dieses Erlebnis in Bild und Ton sollte man sich nicht entgehen lassen. Gerade jetzt, wo die anstehende Europatournee leider verschoben werden muss.
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Mit im Schnitt 120 Konzerten im Jahr ist die Jazzrausch Bigband eine der meist beschäftigten Big Bands Europas. Auf ihren Konzerten in Europa, Amerika, Asien und Afrika bringt sie mit „Klanggewalt, Groove und enormer Bühnenpräsenz“ (so schrieb die FAZ) Jazzfans und Tanzwütige zusammen, wie wohl aktuell kein vergleichbares Ensemble. Groove mit Köpfchen, Elektro mit Gebläse, Jazz im Rausch.
Ob das aber funktioniert, wenn sich diese Band den seligen Ludwig van Beethoven vornimmt, der am 17. Dezember seinen 250. Geburtstag im Himmel feiern wird und vielleicht mal ein Ohr nach unten richtet, um zu hören, wie seine Musik neu interpretiert wird? Diese elektronischen umspielten Jazz- und Bigband-Klänge sind da schon etwas gewöhnungsbedürftig. Aber wenn die Erwartungshaltung entsprechend angelegt ist, kann man sich sehr wohl in diese Neu-Interpretation reinfinden. Man stelle sich eine chillige Dancefloor-Party vor – mit viel Rhythmus und Bläsermusik. Bei vier Stücken ist gar Nils Landgren als Solist mit beteiligt.
Die treibenden Köpfe hinter dem Projekt sind der Münchner Posaunist und Musikmanager Roman Sladek und der ebenfalls in München lebende Gitarrist und Komponist Leonhard Kuhn. Keimzelle und Ausgangspunkt der musikalischen Reise ist eine Münchner Institution: das „Harry Klein“, einer der renommiertesten Elektro Clubs Europas. Im Jahr 2015, nur ein Jahr nach ihrer Gründung, wird die Jazzrausch Bigband Artist in Residence im „Harry“ und das junge Münchner Publikum flippt aus. Eine Big Band im Techno Club. Wirklich einmalig.
So ist es nicht übertrieben, die Band ein Phänomen zu nennen. Eines, das auf ganz eigene Art zeigt, was lange es schon brodelt und arbeitet in dieser Musik, die sich Jazz nennt: Sie ist heute mehr denn je die Schublade für das, was sonst in keine Schublade passt. Und alle, die Musiker wie das Publikum, haben Spaß am lustvollen Einreißen von Grenzen. Die Musik der Jazzrausch Bigband, so scheint es, erfüllt in diesem Zusammenhang mehrerlei Hinsicht Sehnsüchte: Die der Clubgänger nach mehr Echtem, Handgemachtem, Frischem, Originellem. Und die der Jazz- und Klassik-Hörer nach mehr Wumms, Entertainment, nach großem Sound und fettem Groove.
Nicht jeder Klassikfan wird das nachvollziehen können und viele werden es nicht gut heißen. Doch wenn es auch in Zukunft mutige Musikgruppen gibt, die Beethovens Welt auf den Kopf stellen und neu ordnen, wird seine Musik auch nach 500 Jahren noch zeitlos, gewaltig und beliebt sein.