Lorde ist wie ein zyklisches Musikphänomen, das alle vier Jahre die Welt im Sturm erobert. Sie veröffentlicht ein Meisterwerk-Album, lässt ihr globales Publikum in Ehrfurcht zurück und zieht sich dann in ihre ursprüngliche neuseeländische Heimat zurück.
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Nun, Überraschung: She did it again. “Solar Power” heißt ihre von der Naturkraft inspirierte neue Single und die Lyrics handeln “von dieser ansteckenden, koketten Sommerenergie, die uns alle ergreift”. Sie kombiniert 70s-Songwriting mit dem Bubblegum Pop der frühen 2000s und, wie erwartet, ist der Comeback-Track der perfekte Durstlöscher für die Fans.
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Eigentlich haben Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth das Musical „Der Achtsame Tiger“ nach dem gleichnamigen Kinderbuch als Bühnenstück für das Hamburger Theater Schmidts Tivoli geschrieben. Da die Premiere aber in den Herbst verschoben werden musste, erscheint „Der Achtsame Tiger“ nun zunächst als Musik-Hörspiel auf CD, größtenteils gesprochen und gesungen von den Original-Darstellern.
Erzählt wird die Geschichte von einem Tiger, der gar nicht gefährlich und wild sein will, sondern viel lieber achtsam unterwegs ist und den anderen Tieren hilft. Er nimmt die Zuhörer mit in die bunte Dschungelwelt, wo sie dem Krokodil, einem kleinen Elefanten, einer Papageienfamilie und noch vielen mehr begegnen. Alle haben ihre großen oder kleinen Probleme, und für alle hat der Tiger einen guten Rat – sogar für sich selbst, als ihm zwischendurch alles zu viel wird. So lernen wir z.B. mit der Boa Constrictor den „Tigertrick (Ich atme ein, ich atme aus)“ kennen, erfahren von den positiven Seiten der „Langeweile“ und können am Ende gemeinsam mit dem Tapir singen „Ich mag mich so wie ich bin“.
Die Grundregeln der Achtsamkeit werden hier spielerisch und mit viel Humor vermittelt. Sänger und Musical-Darsteller Alex Melcher verkörpert überzeugend den Achtsamen Tiger und leiht ihm vor allem seine tolle Gesangsstimme. Ebenso wichtig ist der allwissenden Erzähler (gesprochen von Gianni Meurer) – und die Tatsache, dass der Tiger diesen nicht nur hören kann, sondern auch mit ihm kommuniziert, verleiht dem Hörspiel einen besonderen Charme.
Die Lieder sind passend zum Dschungelthema sehr rhythmisch und animieren zum Tanzen und Mitsingen. Man kann sich gut vorstellen, wie sich im Musical eine bunte und wilde Dschungelwelt auf der Bühne entfaltet. Für das Hörspiel ist es aber manchmal ein bisschen zu viel des Guten – hier wünscht man sich mehr achtsamkeitsfördernde Titel wie das atmosphärische „In der Natur“. Seine Lieblingssongs, oder auch einfach alle Lieder kann man sich auf der zweiten CD auch ohne die Geschichte nochmal anhören. Und alle Stücke gibt es auch als Karaoke-Versionen zum selber singen.
„Der Achtsame Tiger – Das Musik-Hörspiel“ bietet spannende und lustige Unterhaltung für die ganze Familie – und vielleicht wird der ein oder andere beim Zuhören sogar ein wenig achtsamer und zufriedener mit sich selbst und seinem Mitmenschen!
Es ist in letzter Zeit ziemlich ruhig geworden um The Baseballs. Im Jahr 2017 erschien zum 10jährigen Jubiläum zumindest eine Best-of-Veröffentlichung, doch das letzte Werk „Hit Me Baby“ hat jetzt schon fünf Jahre auf dem Buckel. Wird also Zeit, dass sie ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben.
Gleich mit ihrem ersten Album Strike! (2009) eroberten sie nicht nur Deutschland, Österreich und die Schweiz, sondern belegten in mehreren europäischen Ländern Platz 1 der Charts, heimsten reihenweise Platin-Auszeichnungen ein und spielten ausverkaufte Tourneen. Es folgten prestigeträchtige Preise wie der EMMA Award, der European Border Breakers Award sowie gleich zweimal der ECHO und bis heute vier weitere Alben, auf denen The Baseballs sich populären Songs der Neuzeit widmeten und ihnen das Rock-and-Roll-Lebensgefühl der 50er- und 60er-Jahre verpassten. Mit „Game Day“ gab es sogar hauptsächlich eigene Stücke, doch der Erfolg blieb aus und man kehrte wieder zu den Coversongs zurück.
„Hot Shots“ zeigt die Truppe gleich doppelt Retro. Als Konzept hat man für die Tracklist allesamt Kultsongs der 80er Jahre gewählt. Das ist schon stark mit „Kids In America“, „Forever Young“, „Jump“ und „Ghostbusters“. Es sind sogar erstmals deutsche Titel dabei, was ein wenig an Ted Herold erinnert: „Rock Me Amadeus“ und Grönemeyers „Mambo“ passen hervorragend in die Reihe.
Ob Doowop, BarbershopCrooning, Vaudeville, HonkyTonk, Country oder Rockabilly: The Baseballs verpassen allen Titeln den Rock’n’Roll Vibe der 50er Jahre. Das klingt dreifach zeitlos. „Wake Me Up Before You Go Go“ klingt wie ein verschollener Bill Haley-Song, „Boys Don’t Cry“ könnte auch von Elvis geschmachtet werden und „Paradise City“ ist in seiner melancholischen Ausrichtung gar nicht so blasphemisch wie gefürchtet.
„Hot Shots“ ist ein durchweg spannendes Album in klassischer Baseballs-Tradition. Das Beste seit ihrem Debüt!
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Schon mutig, in der Situation der Jahre 2020 und 2021 ein Album mit dem verballhornten Titel „Earth, Wind & Feiern“ auszustatten. Aber wer sollte sowas schon dürfen außer dem Hamburger Jan Philipp Eißfeldt alias Jan Delay, der mit seiner näselnden Stimme schon immer ein Streitpunkt zum Thema Musikgeschmack war? Es wurde ohnehin Zeit. Ist sein letztes Soloalbum „Hammer & Michel“ doch schon ganze sieben (!) Jahre her. Zwischendurch waren allerdings die Beginner wieder aktiv. Es sei ihm also verziehen.
Begleitet von der Band Disko No. 1 feierte Jan mit „Mercedes Dance“ und „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ fulminante Erfolge und schaffte es beide Male auf Platz 1 der deutschen Charts. Funk und Soul mit Dancefeeling. Das war es, was die Musik ausmachte. Auch „Hammer & Michel“ landete an der Chartspitzet, ging aber in eine andere Richtung und zelebrierte die Kehrtwende zum Rock. Damit konnte der Hamburger nicht alle Fans mitnehmen.
Jetzt aber ist die Welt wieder in Ordnung. „Earth, Wind & Feiern“ bietet alles, was man von Eizi Eiz erwartet. Dabei geht er durchaus selbstkritisch vor und liefert in typischer HipHop-Manier im Eröffnungssong „Intro“ einen Rückblick auf die letzten Jahre, sagt Kritisches zum Rockalbum und macht eine Art Corona-Standortbestimmung. Danach aber herrscht souliger Optimismus. „Eule“ featuring Materia besingt die Nacht und geht in die Beine. „King in meim Ding“ bietet Reggae-Rhythmen und den Flow von Rapper Summer Cem. Ebenfalls großartig.
So eingängig und feierwütig geht es weiter. Über Amazons „Alexa“ gab es schon viele Songs, doch Jans launischer Lovesong gefällt mir bisher am besten. „Spaß“, „Zurück“ und „Gestern“ liefern Swing mit Autotunes, werden aber nicht langweilig. „Tür’n knall’n“ und „Saxophon“ erzählen Geschichten aus dem Leben. „Nich‘ nach Hause“ spricht wohl allen aus der Seele, die an die hoffentlich bald kommende Zeit offener Clubs denken.
“Earth, Wind & Feiern” ist voll Bass, Bumms und positiven Vibes. Wie immer schöpft Jan aus fünf Jahrzehnten Popgeschichte. Vor allem aber spielt die Platte im Hier und Jetzt. Es gibt Afrobeats, Disco, Trap und Ska, sogar Stadiontechno und LatinX-Riddims. So bedrückend und komplex die Welt manchmal auch scheinen mag: Ein paar simple Wahrheiten werden nie von ihrer Gültigkeit verlieren. Wenn Hass herrscht, hilft Liebe ganz bestimmt. Und das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen. Jan Delay ist zurück, um es am Lodern zu halten.
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Erst vor wenigen Monaten hat Olivia Rodrigo ihren 18. Geburtstag gefeiert. Zuvor ist sie mit ihrem Hit „drivers license“ zum internationalen Superstar avanciert. Wie konnte das passieren? Die junge Künstlerin war als Schauspielerin in unterschiedlichen Formaten erfolgreich – zuletzt bei der neuen Serie zum Erfolgskonzept „High School Musical“ (Disney+). Dort fiel sie bereits 2019 mit dem Soundtrack-Titel „All I Want“ auf und erhielt ihren ersten Plattenvertrag. Zurecht! Die Debütsingle „drivers license“ erreichte Spitzenplatzierungen in den Charts weltweit. Ein eindringlicher Song, der eine Geschichte erzählt, die viele Teenieherzen im Sturm erobert.
So konnte man nur gespannt sein, wie es weitergeht, denn auch die zweite Single „deja vu“ kam mit einer ansteckenden Piano-Melodie und Olivias unvergleichlich kräftigen Stimme. „good 4 u“ zeigte schließlich, dass sie nicht nur Balladen sondern auch tanzbare Songs schreiben und interpretieren kann. Der rockige Titel zeigte eine ganz neue Bandbreite von Olivias stimmlichen Fähigkeiten. Die stilistische Kehrtwende ließ vermuten, dass das Album von musikalischer Vielfalt gespickt sein wird – und so ist!
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„brutal“ ist ein vorwärts treibender, sehr energischer Song, der zwischen lauten und leisen Tönen wechselt. „jealousy, jealousy“ hat einen mitreißenden Tanzrhythmus und „favorite crime“ überrascht mit mehrstimmigem Gesang sowie Country-Gitarre.
Ganz groß ist Olivia Rodrigo aber mit ihren melancholischen, zarten Balladen. Da macht ihr momentan in der weiten Welt weiblicher Songwriterinnen niemand etwas vor und sie beherrscht das Metier so gut, dass jeder Track zur Radiohymne wird. „1 step forward, 3 steps back“ enthält ein Credit für Taylor Swift (Olivia bezeichnet sich selbst als Swiftie). „enough for you“ funktioniert als folkiger Gitarrensong während „happier“ alles andere als fröhlich klingt und eine traurige Pianomelodie mit sich bringt. Allesamt sind es Stücke voller Atmosphäre und mit ausdrucksstarken Vocals.
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Selbstbewusst ist die junge US-Amerikanerin aus Kalifornien am Songwriting aller Stücke beteiligt. Acht brandneue Songs plus drei globale Hits und der unaufhaltsame klangliche Ehrgeiz eines achtzehnjährigen Popstars erobern in den 35 Minuten von “SOUR” die Gegenwartskultur. Das Album zeigt in voller Länge Olivias unglaubliches Talent, komplexe Emotionen in wirkungsvollen, dynamischen Popsongs einzufangen.
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Leider sind es nur fünf Songs, die Zoe Wees mit ihrer ersten EP „Golden Wings“ auf den Markt schmeißt, doch die sind so gut, dass man nur sagen kann: Es wurde höchste Zeit! Seit ihrem Superhit „Control“ ist sie Dauergast in vielen Radioformaten und wurde zum Vorbild für die nachrückende Teeniegeneration.
Zoe wuchs in Hamburg auf, begann mit zwölf Jahren Gesangsunterricht zu nehmen und nahm 2017 bei „The Voice Kids“ teil. Damals schied sie zwar in den sogenannten „Sing-Offs“ aus, doch sie konnte nicht nur Ed Sheeran von ihrer Gesangsleistung überzeugen. In den sozialen Medien wurde sie fortan ganz groß und machte über Instagram und Tik Tok Stars wie Lewis Capaldi und Leonard Cohen auf sich aufmerksam.
Als die Single „Control“ erschien, war der internationale Durchbruch geschafft. Die Geschichte dahinter: Zoe leidet an Epilepsie und sang von Erfahrungen aus ihrer Kindheit und vom Kontrollverlust. Ein Volltreffer in jeder Beziehung! Heute singen angehende Künstler bei Castingshows ihren Song und nehmen sie als Vorbild.
Fotocredit: Jeff Hahn
Die zweite Single „Girls Like Us“ ist ebenso erfolgreich. Eindringlich singt sie von den Widrigkeiten der Welt, in der junge Frauen heutzutage leben – besonders wenn sie nicht der Norm entsprechen. Alle Stücke der EP haben eine autobiografische Grundlage. Zoe weiß, wovon sie singt, beispielsweise auf „Hold Me Like You Used To“. Sie sagt dazu: „Der Song handelt vom Verlust einer geliebten Person, der man sehr nahestand. Er ist meiner Urgroßmutter gewidmet, die leider verstorben ist. Sie war eine so starke Frau und die lustigste Person, die ich kannte. Ich kann ihre großartige Energie immer noch spüren.“ Der vierte Titel „Ghost“ thematisiert das Problem, jemanden nahe an sich heran zu lassen im Bewusstsein, dass er dich verletzen kann.
Auch „Ghost“ und „Overthinking“ sind sehr hymnische Tracks, die ganz von Zoes fantastischer Stimme leben. Das mag vielleicht auch der Grund sein, warum ihr erster Release eine EP ist: Die eigenen Songs sind sehr homogen gehalten. Sicher ein Ausdruck für die Energie und die Authentizität, die die junge Künstlerin in ihre Songs steckt. Um damit ein ganzes Album zu füllen, muss sie sich vermutlich aus ihrer Komfortzone bewegen, um mehr Vielseitigkeit zu erzeugen. Doch das wird ihr gelingen. Die EP bietet schließlich eine gute Viertelstunde fantastischer Musik, für die andere vermutlich (bildlich gesprochen) einen Mord begehen würden.
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Das Cover des vierten Albums von Death From Above 1979 ist so wundervoll Retro wie die Musik. Ein verschwommenes Bild in verblassten Farben. Zwei Liebende in Bademänteln und Socken in innigem Kuss. Das ist so kitschig, dass es zum wunderschönen Blickfang wird – und passt aber sowas von gar nicht zur treibenden, verzerrten, elektronischen Musik. Ein Album, das von Kontrasten lebt.
Im Jahr 2019 ließ sich das Duo auf ein kleines Band-Experiment ein: Sebastien Grainger und Jesse F. Keeler schlossen sich für mehrere Wochen in einem Keller mit einem einzigen Raum im Highland Park von Los Angeles ein – und förderten ein Album mit der bisher reinsten Destillation von Kraft, Präzision und ihrer nuancierter Persönlichkeit zu Tage. Das vierte Album wurde von den beiden komplett selbst geschrieben, aufgenommen, produziert und gemastert – und „Is 4 Lovers“ war geboren.
Es erzählt die Geschichten des echten Lebens. “One + One ist ein Liebeslied“, kommentierte Grainger zum Beispiel den ersten Vorboten. “Meine Frau Eva wurde schwanger, als wir gerade die Arbeit daran begonnen hatten, und eine frühe Version kommentierte sie mit den Worten: Ich wünschte, dieses Stück wäre noch tanzbarer. Also ging ich zurück ins Studio und nahm einen neuen Schlagzeugpart dafür auf. Und während das Album immer konkretere Formen annahm, tanzte das Baby jeden Abend in Evas Bauch, wenn ich vom Studio wieder nach Hause kam – ich war noch nicht mal im Raum, da ging die Party auch schon los! One + One: Eins plus eins, das macht drei, die reinste Magie ist das!“
Die Aufzeichnung echter Momente funktioniert das ganze Album über – und die allumfassende Tanzbarkeit bleibt starke fünf Songs lang, bevor es mit „Totally Wiped Out“ melodischer wird und ab „Glass Homes“ auch mal ruhige und melancholische Klänge vorherrschen. Egal, ob die beiden Kanadier gekonnt auf ihre Instrumente hämmern, sich thematisch mit gesellschaftspolitischen Themen wie Polizeigewalt und falscher Männlichkeit beschäftigen oder sich zum Schluss der eigenen Nachdenklichkeit hingeben: Das Album schlägt in 31 Minuten knapper Länge voll ein und hinterlässt seinen Eindruck.
Normalerweise singt Claudia Koreck in bairischem Dialekt. Das ist die Sprache, mit der sie ihre Gefühle vermutlich am besten ausdrücken kann. Ihre Musik ist zugleich volkstümlich und weltgewandt. Ich denke da an die „Heimatsound“-Projekte, bei denen sie stets sehr positiv aufgefallen ist. Jetzt aber mal was ganz Anderes: Claudia hat in den tiefen der deutschsprachigen Musiklandschaft getaucht und so manche Perle geborgen. Es ist ihr erstes Coveralbum und die Bandbreite geht von Udo Jürgens bis Rammstein.
Damit „Perlentaucherin“ erscheinen kann, musste sich einiges fügen. Da war zunächst der große Erfolg von Korecks zauberhafter Version von Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, mit der das Abenteuer begann. Die Musikerin aus der Nähe von Traunstein hatte den Song 2020 für eine bekannte Fernsehserie neu interpretiert und landete damit auf Platz 1 in Bayern und den deutschen iTunes-Single-Charts. Der Grundstein war gelegt. Ein ganzes Album mit Coversongs konnte sie sich auch deshalb vorstellen, weil sie im Lockdown – wie wohl alle Künstler – durch die eine oder andere Sinnkrise gegangen war.
Diese Krise hat Kreatives hervorgebracht. Claudia drückt allen – und ich meine wirklich ALLEN – Songs ihren persönlichen Stempel auf. Zart und gefühlvoll singt sie sich im Songwriter-Stil durch zwölf Stücke und macht sie sich zu eigen. Das funktioniert auch bei Sportfreunde Stiller und Falco. Ihre Singstimme haucht den alten Haudegen neues Leben ein – und die Arrangements dazu sind äußerst gefällig und charmant.
Selbst Marius und die Ärzte werden ordentlich auf diesen melodischen Weg gebracht. „Ich bin wieder hier“ – und wie! Dann erfolgt zum ärztlichen „Schrei nach Liebe“ ein sinnlich geflüstertes „Arschloch“. Perfekt! Wenn mit „Immer wieder geht die Sonne auf“ ein Schlager ertönt, hat der so gar nichts mehr von Hitparaden-Mitgröl-Charakter. Alles wirkt homogen und gitarrenlastig verfeinert.
Highlights? Gibt es quasi zwölf. Aber ich nenne mal den Echt-Teenager-Schweremüter „Du trägst keine Liebe in dir“, Grönemeyers melancholisches „Mensch“ und die Abschiedshymne schlechthin „Gute Nacht Freunde“.
Als spannende “Reise in die Tiefen des Pop-Ozeans” beschreibt die 34-Jährige die Arbeit an dem Album. Die Songauswahl war herausfordernd, denn: “Der Ozean ist so weit.” Geholfen hat ihr eine gewisse Struktur. „Viel Gefühl sollte im Spiel sein. Ich musste mich wohlfühlen mit den Songs.“ Auch die Arrangements sollten aus einem Guss sein. “Wir hätten uns verrannt, wäre jeder Song anders arrangiert.”
“Perlentaucherin” fügt sich gut in die jüngste Phase der Songwriterin aus Bayern. Den Mut, Neues auszuprobieren und die Stilvielfalt zu erweitern, hat sie zuletzt auch auf ihrem zehnten Studioalbum “Auf die Freiheit” (2020) gezeigt. An diese Experimentierfreudigkeit knüpft das Coveralbum an.
Dass in Rammsteins „Ohne dich“ ebenso viel Gefühl steckt wie in „Du erinnerst mich an Liebe“, hätten wir uns eigentlich denken können. Claudia Koreck bringt zusammen, was zusammen gehört. Ein Streifzug durch die deutschsprachige Musikgeschichte, wie er stärker und emotionaler nicht sein könnte.
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Nachdem man von CRO in den letzten Jahren vor allem neue Infos bekommen hat, mit welchen Masken er den altbekannten Panda ersetzen will, war ich nicht unbedingt in freudiger Erwartung, was das neue Album angeht. Wo treibt sich Carlo Waibel aus Mutlangen, der den Raop zur neuen Kunstform erhoben hat, eigentlich rum? Er hat sich wohl nach dem 2017er Erfolgsalbum „tru.“ vom Label Chimperator getrennt und seinen Wohnsitz nach Asien verlegt. Das alles wäre wenig spektakulär und eher Indiz für einen Künstler, der des Starrummels überdrüssig geworden ist und sich entspannt auf alten Lorbeeren ausruhen will – doch dann legt er mit „Trip“ ein fulminantes Doppelalbum vor, das zwei kreative Seiten von CRO vereint und ihn auf eine neue Ebene führt.
Das doppelte Cover zeigt auf einer Seite eine futuristische Maske, die nicht einmal die Augen des Künstlers erkennen lässt. Für mich symbolisiert das die In-sich-Gekehrtheit der ersten CD namens „Solo“. Elf Songs, zum Teil im bekannten CRO-Stil, aber mit erwachseneren Texten. Auf der anderen Seite gibt es eine bunte Maske – zusammengesetzt aus mystischen Gestalten mit einem dämonischen Augenpaar. Diese steht wohl eher für eine ganz neue, überaus weltmusikalische Seite mit musikalischen Experimenten.
Insgesamt sind es 22 Songs. Der „Solo“-Part bewegt sich noch ein Stück weit im Mainstream mit gefälligen Melodien aber ohne Plattitüden. Es gibt einige starke Rap-Parts, doch der HipHop ist einer deutlichen Ausrichtung zum Pop gewichen. Das war abzusehen – schon von CROs erstem Album „Raop“ an. Das Zusammenspiel aus Samples und Loops zwischen Disco, Funk und Soul plus Raps und Beats wirkt perfekt in Richtung einer neuen Zukunft. Da ist zum Beispiel „Smooth“, der perfekte Soundtrack für den magischen Moment, in dem es einen von jetzt auf gleich um einen geschehen ist und der Rest egal wird. Mit „Alles Dope“ zeigt CRO zudem eindrucksvoll, dass er die Kniffe mit den Loop-Beats seit „Easy“ nicht verlernt hat.
„Trip“ ist dann aber wirklich ein Trip in neue musikalische Gefilde. Mit viel Groove, großen Flächen, kreativen Momenten und spannenden Themen. Eingeleitet durch einen ätherisch-spirituellen Jam schafft CRO hier die Grundlage für eine Reise in die musikalische Vergangenheit und eine Neuinterpretation des Sounds von Woodstock, Psychedelic Rock und den Surf Punk der 70er. Die perfekte Untermalung für einen Song wie „Fall auf“, eine Meditation über die eigene Freiheit. Ein Lied, darüber, wie es sich anfühlt, wenn jeder die eigenen Fehler kilometerweit voraussieht.
Nahezu komplett alleine produziert, hat CRO den Corona-Lockdown genutzt, um Tracks aus einer fast zweijährigen Schaffensphase zu einem Gesamtwerk mit zwei durchaus kontroversen Seiten zu formen. In seiner Gesamtheit ist es eine beeindruckende Reise durch die unterschiedlichsten musikalischen Genres von Psych- und Surf-Rock bis hin zu House und Dance, avantgardistischem Pop und klassischem Rap.
„Die erste Seite des Albums ist eher frech und leicht, die zweite eher trippy, aber auch echt und ehrlich in den Texten – weil genau diese beiden Herzen auch in meiner Brust schlagen. Einerseits nerde ich mich in dieses Musikding hinein, suche stundenlang nach dem richtigen Gitarrensound und habe Bock auf ausgecheckte Songs. Aber genauso bin ich auch immer noch der Typ, der die nicen Melodien hat, die leicht ins Ohr gehen“, sagt CRO über die Dualität. Das einstige Enfant Terrible des Rap, das vielen zu seicht klang und die Szene in Verruf brachte, hat sich etabliert. Davon zeugen Features wie mit Capital Bra. Man meidet ihn nicht mehr – man sucht seine Nähe. Gut so!
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Sängerin AnNa R. und Singer/Songwriter Peter Plate gründeten die Band Rosenstolz bereits im Jahr 1991. Neun Jahre später war es soweit und sie legten mit „Kassengift“ ihr erstes Nummer-1-Album vor. Bereits ein Jahr früher hatten sie es mit „Zucker“ bereits auf den zweiten Chartplatz geschafft und blieben 16 Wochen lang in den Top 100 vertreten.
Der Albumtitel ist eine Anspielung darauf, dass die Band damals in den Medien quasi nicht präsent war. Ungewöhnlich war, dass das Album mit „Amo Vitam“ und „Total Eclipse“ erstmals zwei nicht-deutschsprachige Titel enthielt, die dann auch gleich als Singles ausgekoppelt wurden. Ersteres ist eine sakrale Arie in lateinischer Sprache, verfeinert durch Pop- und Trance-Elemente. Letzteres gab es auch in einer Version mit Marc Almond.
Electro-Pop war schwer im Kommen. Das mag den plötzlichen Erfolg der Band erklären, die zwei Jahre zuvor Platz 2 beim beim nationalen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest erlangt hatte und fortan (bis zur noch andauernden Pause ab 2012) nicht mehr aus den Charts wegzudenken war. Immerhin fünf Chartbreaker und Hits wie „Liebe ist alles“, „Ich bin ich“ und „Gib mir Sonne“ ebneten den Weg.
Nun erscheint „Kassengift“ zum 30jährigen Bandjubiläum neu als 2CD-Ausgabe im 48seitigen Hardcover-Buch mit allen Liedtexten und seltenen Fotos. Das Originalalbum wird ergänzt um eine Bonus-CD mit zahlreichen Raritäten. Duette mit Nina Hagen und Marc Almond sind zu hören, eine Interpretation von „Paff, der Zauberdrachen“, acht Songs in französischer Sprache und einige Titel des geplanten Balladen-Albums, das letztlich nie erschienen ist.
Die Aufmachung des CD-Buchs ist wunderschön und wertig. Da zeigt sich mal wieder, warum es sich letztendlich doch lohnt, auf physische Produkte zurückzugreifen und nicht alles zu streamen.
Das letzte Album von Wolfgang Niedeckens BAP erschien bereits im September 2020. Unser Chefredakteur hat das 20. Studioalbum der Kölner Kultband damals mit deutlichen Worten gewürdigt:
Musikalisch bewegen sich Niedeckens BAP auf „Alles fliesst“ zwischen solidem Rock („Besser du jehss jetz“), kräftigen E-Gitarren („Du häss dich arrangiert“) und leisen poetischen Momenten. Auffällig ist, dass Niedecken häufiger mal auf Hochdeutsch singt. Vermutlich damit auch der letzte dumpfbackige Vegankoch und die letzte Mannheimer Heulsuse seine Botschaft versteht. Die insgesamt vierzehn Songs haben zwar durchaus ihre Längen, aber für Wolfgang Niedecken war seine Kunst noch nie ein Grund zur Selbstbeweihräucherung, sondern immer ein Mittel, um Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu finden und damit zum Nachdenken und zur eigenen Reflektion anzuregen. Dass dabei nicht jeder mitgeht, liegt in der Natur der Sache. „Alles fliesst“ ist im Vergleich zu seinen neunzehn Vorgängern dabei irgendwo im oberen Drittel einzuordnen.
HIER findet ihr die vollständige und sehr ausführliche Review!
Jetzt war es nun so, dass Meister Niedecken – man will es gar nicht glauben – am 30. März 2021 seinen 70. Geburtstag feiern durfte. Anlass genug für Vertigo und Universal Music, eine Sonderedition des Albums auf den Markt zu bringen: die „Alles fliesst – Geburtstagsedition (Ltd. Deluxe)“.
Darauf enthalten ist die Albumversion mit Bonustracks – so wie es sie 2020 bereits als Ausgabe im Hardcover-CD-Book gab. Bis dahin also nichts Neues.
Den Mehrwert bildet eine dritte CD mit unveröffentlichten Raritäten aus der Anfangszeit von BAP, die Niedecken im Booklet ausführlich würdigt. Da das neue Album insgesamt sehr hochdeutsch-lastig ist, sind diese vier kölschen Songs doch ein schöner Kontrast, der den ursprünglichen Spirit der Band atmet und für Fans äußerst interessant sein dürfte.
Auf der DVD gibt es in 105 Minuten Länge ein nettes „Behind The Scenes“ aus dem Studio, bei dem Wolfgang „Track By Track“ die Songs erklärt und man einen Einblick in die Aufnahmesessions bekommt. Zudem sind alle neuen Musikvideos enthalten.
Ob man die Box nun haben muss? Die ewige Gretchenfrage… Die Silberlinge stecken in hübschen Papphüllen und das Booklet ist ordentlich erweitert. Hinzu kommen drei Aufkleber und die komplette Box ist sehr schön gestaltet. Für Sammler also auf jeden Fall interessant.
Passt dieser Benjamin Fritsch alias Ben Zucker eigentlich in die Schlagerwelt, in der er sich seit vier Jahren zuhause fühlt? Lange Jahre war er leidlich erfolgreich als Rockmusiker unterwegs, bevor er sich dem Schlager-Metier zuwandte. Doch was heißt das schon? In dieser Schublade steckt er, seit er bei Florian Silbereisen auf dessen „Schlagerparty“ zu Gast war. Doch seine Stücke klingen immer noch rockig und bodenständig.
„Jetzt erst recht!“ ist bereits das dritte Album und vom Titel her auch eine Kampfansage in schwierigen Zeiten. Ben bringt konsequent alle zwei Jahre ein neues Werk heraus, wobei er bei fast allen Stücken selbst mitschreibt. Immer schon war Zucker eine Kämpfernatur. Ein waschechter Lebenskünstler, der sich auch von einem Schicksalsjahr wie 2020 nicht kleinkriegen lässt. Ganz im Gegenteil: Die unfreiwillige Auszeit hat der Berliner genutzt, um hart an sich zu arbeiten, neue Songs zu schreiben und sich pünktlich zum Frühjahr von seiner stärksten, packendsten Seite zu präsentieren.
Ben Zuckers Botschaft: Alle Hürden im Leben als Gelegenheit betrachten, um zu wachsen und sich mutig neuen Herausforderungen entgegenzustellen. Eine Philosophie, mit der sich der 37-jährige Sänger und Musiker in Rekordzeit zu einem der beliebtesten und erfolgreichsten Künstler Deutschlands entwickelt hat.
Mit dem Opener und der ersten Single „Guten Morgen Welt“ – einem Song, der schlagartig gute Laune verbreitet – schlägt Ben Zucker das nächste Kapitel in seiner aufregenden Geschichte auf: Es ist ein hoffnungsvoll mitreißender Ohrwurm über neue Anfänge und davon, sämtliche Probleme unerschrocken anzupacken und sein Glück mit eigenen Händen zu schmieden. Auch „Das ist nicht das Ende der Welt“ verbreitet unerschütterlichen Optimismus.
Allerdings geht es auch nachdenklich wie in „Bist du der Mensch“. Natürlich dreht sich viel um die Liebe, sei es im selbstoffenbarenden „Dazwischen bin ich“ oder dem Lovesong „So ein Mann“. Ben Zucker singt deutliche und solide Schlagertexte wie „Danach fragt die Liebe nicht“ oder „Schon wieder für immer“, die mit den typischen Schlagerbeats versehen werden. Doch es ist die dynamische, raue und kraftvolle Stimme, die jeden Song zu etwas Besonderem macht und ihn aus der Masse herausragen lässt.
Verpackt in seinen einzigartigen Power-Mix aus modernem Pop-Schlager und Rock zementiert Ben Zucker seinen Ausnahmestatus als Megastar innerhalb der deutschsprachigen Musik, der auch seinen Fans Mut machen will. Mut, selbst in aussichtslosen Situationen niemals aufzugeben, sondern mit einer unerschütterlichen „Jetzt erst recht!“-Einstellung für seine Träume zu kämpfen. Eine dringend nötige, positive Message in einer schwierigen Zeit.
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Vor einem Jahr erschien mit „Future Nostalgia“ das zweite Album der britisch-kosovarische Sängerin und bescherte ihr eine überzeugende Nummer 1 in den UK Charts. Auch in Deutschland und den USA enterte es die Top 5. Die Sängerin, die in allen Fällen auch am Songwriting beteiligt ist, bietet modernen Electropop mit stilistischen Mitteln der 70er und 80er Disco-Jahre. „Don’t Start Now“ war als Single ebenso erfolgreich wie die Nachfolger „Physical“ and „Break My Heart“. Trotz fehlender Livepräsenz verkaufte sich das Album fast 1,8 Millionen mal und war damit nur knapp weniger erfolgreich als ihr Debüt aus dem Jahr 2017.
Im März gewann Dua Lipa bei den Grammy Awards 2021 den Grammy in der Kategorie Best Pop Vocal Album für „Future Nostalgia“. Grund genug also, das Album in einer sogenannten „Moonlight Edition“ neu aufzulegen. Zusätzlich zu den elf Songs des Originalalbums enthält die Neuauflage acht weitere Stücke, darunter das Duett „Fever“ mit der belgischen Singer-Songwriterin Angèle Van Laeken und endlich auch „Prisoner“, den Song von Miley Cyrus, bei dem Dua Lipa als Feature auftaucht.
Schon kurz nach Veröffentlichung der Standard-Edition sagte Dua Lipa: „I have a couple of songs that I’ve worked on, and that I kind of put aside for a second wind, so that’s all to be discussed“. Diese B-Seiten dehnen nun die Albumlänge auf 61 Minuten aus und sind sicher keine „Verlegenheitssongs“. Dua Lipa hebt den Discosound auf eine neue Ebene und bietet perfekte Songs für den Dancefloor. Der Albumtitel, der Nostalgie und die Zukunft des Pop kongenial verbindet, ist dabei immer noch stimmig.
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Dua Lipa bleibt auch nach dem Grammy-Gewinn weiter auf Erfolgskurs und darf sich aktuell über drei Nominierungen für den wichtigsten britischen Musikpreis freuen: Sie ist nominiert für den BRIT Award in der Kategorie „Female Solo Artist“, ihr Hitalbum „Future Nostalgia“ ist nominiert für das „Mastercard Album des Jahres“ und ihr Song „Physical“ in der Kategorie „British Single with Mastercard“. Außerdem wird Dua Lipa auch live auf der Bühne stehen. Man darf gespannt sein, was der Megastar am 11. Mai für eine spektakuläre Performance abliefern wird.
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Eigentlich sollte es die Band um Frontmann Samu Haber inzwischen gar nicht mehr geben: Mit der Veröffentlichung ihrer Single „Thank You For Everything“ ging im Dezember 2019 eine Ära zu Ende, als Sunrise Avenue in einer weltweiten Pressekonferenz ihre Auflösung bekanntgaben. Gegründet 2002 hatten sie ihren Durchbruch im Jahr 2006 mit dem Album „On The Way To Wonderland“. Da 18 Jahre im Musikgeschäft nicht ohne großen Knall zu Ende gehen sollen, war eine Abschiedstournee geplant, die dann aber pandemiebedingt ins Wasser fiel. Terminiert sind die Konzerte nun für Herbst 2021. Warten wir ab, was möglich ist.
Zur Überbrückung der Wartezeit gibt es ihr neues Live-Doppel-Album „Sunrise Avenue Live With Wonderland Orchestra“. Und das zeigt deutlich, warum das Ende der Band ein großer Verlust für die Musikwelt sein wird: 2015 überraschte das Quintett seine Fans in Hannover mit einer exklusiven Orchester-Show. Es folgten unzählige Anfragen, ob die Band nicht noch weitere Orchester-Shows spielen würde und im März 2016 war es soweit – Sunrise Avenue gingen mit dem Wonderland Orchester auf Tour. Dabei machten sie unter anderem Halt in der Festhalle in Frankfurt am Main, wo auch die Aufnahmen für das Album entstanden sind.
Die Arrangements wurden von Trompeter Tero Lindberg geschrieben und das Ergebnis ist einfach göttlich. Was für ein Sound und was für ein geniales Zusammenspiel von Orchester und Band! Beide Seiten geben sich gegenseitig genügend Raum. Es gibt ergreifende Soli wie die Posaune zu „Nothing Is Over“. Und man lässt sich extrem viel Zeit, um die Songs aufzubauen. So startet „Funkytown“ mit Solo-Trompete und einem Bolero-Rhythmus, bevor der Song endgültig abgeht und zudem noch energische Rap-Einlagen bietet. Das mag symbolisch für Vielfalt und Können der Protagonisten stehen.
Die Instrumentals zwischen orchestralem Sound und Funk mit Blechbläser-Einlagen sind beeindruckend. „Out Of Tune“ startet mit einer launisch-sympathischen Ansage von Samu und führt in einen starken Bigband-Sound. Doch es geht auch leiser, wie der Sänger mit sonorer Stimme bei „Girl Like You“ (begleitet von ruhigen Pianoklängen) beweist.
Mit einem starken „Wonderland“ startet die Setlist – und natürlich muss sie mit „Hollywood Hills“ enden. Doch auch hier kein euphorischer Start. Der Übergang von „Fairytale Gone Bad“ zum letzten Song des Abends wird mit romantischem Piano gestaltet.
Das ganze Livealbum funktioniert als Best of in orchestralem Sound. Vor allem die zweite Konzerthälfte zeigt die Band und den musikalischen Hintergrund in ganzer Größe. Vermutlich wird es auch ein Livealbum von der Abschiedstournee geben, aber ich denke nicht, dass man das „Wonderland Orchestra“ noch toppen kann.
Reinhold Beckmann ist Journalist, Schriftsteller, TV-Produzent – und inzwischen sollte es sich herum gesprochen haben, dass er auch als Musiker agiert. Seit inzwischen neun Jahren ist er mit seiner Band unterwegs und legt mit „Haltbar bis Ende“ bereits das dritte Album vor. Ich hatte das Glück, ihn vor wenigen Wochen live im luxemburgischen Ettelbrück zu erleben. Dort sind Konzerte im kleinen Rahmen und mit strengen Hygieneregeln erlaubt. Es war wohl auch für Reinhold etwas Besonderes, dort nach monatelanger Pause zu spielen. Fast wäre der Auftritt noch im letzten Moment gescheitert, da der begleitende Gitarrist aus privaten Gründen zuhause bleiben musste, doch Beckmann ging das Wagnis ein, zum ersten Mal komplett solo mit Gitarre aufzutreten – und es war ein sehr bewegendes Konzert, in dem er viel von sich und den neuen Songs erzählte.
Jetzt liegt mir mit „Haltbar bis Ende“ das dazu passende Album vor. Die Stimme des bekannten Moderators ist unverkennbar. Er singt mit smarter, bisweilen lakonischer Chanson-Stimme und erinnert mich stellenweise an den Liedermacher Klaus Hoffmann. Die Stücke sind oft selbstironisch und aus dem Leben gegriffen. „Alles schon probiert“ handelt von Religion und Selbstverwirklichung, „Der Lack ist ab“ vom gemeinsamen Älterwerden.
Die Beziehungssongs haben oft eine ganz besondere Note. „Dirty Dörte“ ist ein recht lasziver Blick zurück in die Jugendzeit und „Immer nur die Schweiz“ beschäftigt sich mit einer langweiligen Beziehung, bei der ein Teil immer möglichst neutral bleiben will.
Ganz bewegend erklingt „Vier Brüder“, dessen Songwriting für Beckmann sicher nicht einfach war. Er erzählt von seinen Brüdern Alfons, Hans, Franz & Willi, die in den Krieg ziehen mussten und nicht zurück kamen. Dieser Song erhält im Booklet eine erklärende Einleitung, in der Reinhold berichtet, wie er gemeinsam mit seiner Mutter im Jahr 2018 Alexander Gauland nach seiner „Vogelschiss“-Ansprache wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener verklagt hat. „Eine Hand hat fünf Finger / wenn vier fehlen, ist das noch ’ne Hand?“ Das sind Verse, die noch lange nachwirken.
Zwischen Blues und Chanson, zwischen Jazz und Pop legt Reinhold Beckmann ein Album vor, das ein weites Feld absteckt und doch ganz homogen klingt. Den Abschluss bildet – nach zehn Eigenkompositionen – der Song „Wenn’s vollbracht ist“ auf Bob Dylans „When The Deal Goes On“. Für mich ist ein Vorteil, dass ich die Stücke mit den Geschichten verbinde kann, die Reinhold im Konzert erzählt hat, doch es funktioniert auch ohne das Hintergrundwissen. Die Lyrics sprechen meist für sich.
Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson, erfolgreicher Interpret von klassischer und zeitgenössischer Musik, machte zuletzt mit seinen Einspielungen bekannter Klavierstücke von Bach und der Verknüpfung von Kompositionen von Claude Debussy und Jean-Philippe Rameau auf sich aufmerksam. Auf letzterer Veröffentlichung baut nun sein aktuelles Album „Reflections“ auf, das eigene Neukompositionen, Neuinterpretationen und Stücke verschiedenster Künstler vereint, die von den Werken Debussys und Rameaus inspiriert sind.
Das Album ist die Zusammenfassung von vier EPs, die als „Reflections Part I – IV“ im Laufe der letzten Monate veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt stehen mit „Bruyeres“ und „Canope“ zwei Préludes von Debussy, die in unterschiedlichen Versionen zu hören sind. Die ohnehin ruhigen und träumerischen Werke entfalten in Ólafssons Interpretationen einen beinahe hypnotisierenden Zauber. Diese Stimmung zieht sich durch das gesamte Album und findet sich auch in den Werken der anderen Künstler, wie in „La Damoiselle élue“ von Hania Rani, die ihr Klavierspiel über einem elektronisch erzeugten Klangteppich entfaltet oder in „Footsteps“ von Helgi Jonsson, der Synthesizer-Klänge mit atmosphärischem Gesang verwebt.
Nur gelegentlich wird es etwas rhythmischer, etwa in der sehr dichten Komposition „L´Entretien des Muses“ der isländischen Musikgruppe Hugar, oder in Debussys Werk „Pour le piano“, wo vor allem das Prélude und die Toccata dem Pianisten einige Fingerfertigkeit abverlangen. In „Drowned Haiku“ greift der Musiker Clark das Thema der Sarabande aus diesem Werk auf und entfaltet darüber einen ganz eigenen Kosmos. Das Duo „Balmorhea“ schließlich steuert eine von perlendem Gitarrenspiel geprägte Interpretation von „La Cupis“ bei.
„Reflections“ ist ein großartiges Beispiel für die Vielfalt, die der individuellen Auseinandersetzung mit musikalischen Werken entspringen kann. Dem Kenner der ursprünglichen Kompositionen bietet das Album neue und vielleicht auch ungewohnte Klangerlebnisse. Aber auch Hörer ohne klassische Vorkenntnisse können ganz einfach in die wunderbaren Welten eintauchen, die Ólafsson und seine Kollegen hier erschaffen.
Da heutzutage viele künstlerische Aktivitäten über Plattformen wie ZOOM stattfinden, war es ja nur eine Frage der Zeit, bis dieses zeitgenössische Wort Einzug in einen Albumtitel hält. Aber es ist ein Trugschluss, denn Ringo Starr hat es dann doch geschafft, seine Musiker persönlich ins Heimstudio zu bekommen. Zwar zu verschiedenen Zeiten, aber immerhin als physische Persönlichkeiten. Und die illustre Schar umfasst Größen wie Nathan East, Steve Lukather, Joseph Williams und Jim Cox.
„Zoom In“ hat mit fünf Titeln und gut 19 Minuten Albumlänge eindeutig EP-Charakter. Das Ergebnis kann sich aber durchaus hören lassen. „Here’s To The Night“ war die Initialzündung zu dieser CD. Der hymnische Song um Liebe und Zusammenhalt wurde geschrieben von Diane Warren. Das Staraufgebot beim Einsingen hat schon „Band Aid“-Charakter: Paul McCartney, Sheryl Crow, Lenny Kravitz, Dave Grohl und Eric Burton sind mit dabei – um nur einige zu nennen.
„Als Diane mir diesen Song zeigte, liebte ich das Gefühl, das er ausstrahlt. Das ist die Art von Song, bei dem wir alle mitsingen wollen, und es war so großartig, wie viele wunderbare Musiker mitmachten. Ich wollte ihn rechtzeitig zu Neujahr herausbringen, weil es sich anfühlt wie ein guter Song, um ein hartes Jahr zu beenden. Also auf die Nächte, an die wir uns nicht erinnern werden und die Freunde, die wir nicht vergessen werden – und ich wünsche allen Frieden und Liebe für 2021“, sagt Ringo zur Entstehung des optimistischen Initial-Tracks.
Danach werden die Klänge eher so, wie wir es von Ringo gewohnt sind. Rhythmisch, zum Teil verjazzt, mit spannenden Soli und bisweilen ganz auf eine spannende Schlagzeug-Performance hin geschnitten. „Zoom In Zoom Out“ besticht durch herausragende Orgel-Passagen. „Teach Me To Tango“ ist ein fröhliches Sommerstück mit Party-Feeling und Percussion, während „Waiting For The Tide To Turn“ den Reggae im Herzen trägt.
„Not Enough Love In The World“ wurde von den TOTO-Musikern Lukather und Williams geschrieben, hört sich aber mehr nach den Beatles als nach dem AOR der Stammband an. Sehr schön mit Bläsern und mehrstimmigen Passagen – und damit schließt sich der Kreis zur Anfangshymne: Es geht um Frieden und Solidarität. Das ZOOM im Albumtitel hat nichts mit langweiligen Videokonferenzen zu tun. Vielmehr geht es darum, sich die Dinge genauer anzuschauen und sich ein eigenes Bild zu machen. Das gelingt Ringo in weniger als 20 Minuten Länge sehr gut. PEACE NOW steht auf seinem T-Shirt. Dann los!
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Was macht man, wenn der Lockdown zu neuen Taten anspornt, man aber kein neues Material zu bieten hat? Sting entschied sich für ein Duett-Album. In Deutschland hat das Peter Maffay schon erfolgreich vorgemacht. Das hat Vorteile: Man muss nicht für jeden Track neu ins Studio, denn viele Songs liegen bereits auf Halde und wurden zum Teil schon an anderer Stelle veröffentlicht.
Auf dem neuen Album präsentiert der 17-fache Grammy-Gewinner Songs mit namhaften Künstlern wie Mary J. Blige, Herbie Hancock, Eric Clapton, Annie Lennox, Charles Aznavour, Mylène Farmer, Shaggy, Melody Gardot, Gashi und Zucchero.. Mit letzterem nahm er den Song “September” auf, der hier zum ersten Mal veröffentlicht wird.
Positiv ist auf jeden Fall die Tatsache, dass man erstaunlich viel geboten bekommt. Mit 17 Tracks ist das Album ordentlich vollgepackt. Und die musikalisch so unterschiedlichen Gäste sorgen für eine extrem große Vielfalt.
Bis auf „September“ sind den Fans wohl alle Stücke gut bekannt. Doch es ist schon stark, wie sehr Sting sich hier zurücknehmen kann. Manchmal merkt man gar nicht, dass er mitsingt. Stattdessen hört man die Duettpartner in vorderster Front.
„L’amour c’est comme un jour“ mit Charles Aznavour ist ein sehr berührender Titel. „Fragile“ kommt mit Julio Iglesias durchaus überraschend, klingt dabei aber viel besser als befürchtet. Weitere Highlight sind „We’ll be together“ mit Annie Lennox und „Little Something“ mit Melody Gardot. Die weiblichen Gesangspartnerinnen stehen Sting wirklich sehr gut.
„Duets“ ist ein Compilation nach meinem Geschmack. Nicht zu aufgesetzt, aber mit den Hits, die man kennt und erwartet, in ganz besonderen Versionen.
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Die Mitglieder der Kelly Family gehen musikalisch in recht unterschiedliche Richtungen. Angelo Kelly hat mit seiner Familie die alte Tradition wiederbelebt und lässt eine neue Kelly Family in der Tradition von irischen Traditionals, Folkrock und Straßenmusik auferstehen. Michael Patrick und Patricia gehen hingegen eine sehr eingängige und poppige Richtung, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen. Im Gegenteil: Paddys „ID“ zählt für mich zu den Highlights der vergangenen Jahre und Patricias „One More Year“ halte ich rückblickend für das beste Popalbum des Jahres 2020.
Maite Kelly hingegen hat sich deutlich zum Schlager bekannt. Der Titelsong des neuen Albums, der es auch eröffnet, ist zum einen eine Hommage an „Hello Again“ von Howard Carpendale und zugleich eine Sammlung bekannter Schlagerzitate. Die A-cappella-Band Füenf hat ein solches Experiment einmal mit Songtiteln von Patrick Lindner gewagt und es hat hervorragend funktioniert. Auch Maite gelingt es, die Titel von Schlagerklassikern zu einem neuen Text zusammenzusetzen.
Danach geht es im Discobeat und Schlagerrhythmus weiter. Was Vanessa Mai und Sarah Lombardi vormachen, beherrscht Maite aus dem Effeff. Und damit sie immer das Heft des Handelns (und Produzierens) in der Hand behält, ist sie bei allen zwölf Stücken am Songwriting beteiligt.
In der vielleicht kreativsten Phase ihrer Karriere hat die Musikerin rund 50 neue Titel geschrieben, von denen es die 12 stärksten auf dieses Album geschafft haben. Mit „Hello!“ veröffentlicht sie nun ihre Compilation, ihr aktuelles „Lebens-Best-Of“-und positioniert sich einmal mehr als Macherin, die über musikalische Grenzen, Epochen und Musikstile hinweg Vielseitigkeit liebt und lebt. Ein Hallo-Wach-Effekt für Maite, ihre Fans und den deutschsprachigen Schlager.
Ich kann nur bewundern, wie Maite ihr Ding durchzieht, das sich doch so weit von den Folk-Wurzeln der Kelly Family entfernt. Sie ist schon lange in der Champions League des deutschen Schlagers angekommen und hat nicht zuletzt die Lockdown-Zeit meisterlich genutzt, um ihre Fans mit neuen musikalischen Trophäen zu überraschen. Sie ist grundsympathisch und absolut authentisch in ihrer Musik. „Hello!“ funktioniert als überzeugendes und vom Klang her durchaus modernes Schlageralbum, auch wenn (oder gerade weil) Maite in Titeln wie „Ich hasse dich ich liebe dich“ den Stil ihres Freundes Roland Kaiser zitiert.
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Vor fast genau vier Jahren, am 18. Mai 2017, starb Chris Cornell im Alter von 52 Jahren dem Polizeibericht zufolge durch Suizid in einem Hotelzimmer im MGM Grand in Detroit. Um zu verstehen, welch einen immensen Verlust sein Tod für die Musikwelt darstellte, reichen drei Bandnamen: Soundgarden, Temple Of The Dog, Audioslave. Zwischen 1988 und 2012 veröffentlichte er mit diesen Formationen zehn Alben. Hinzu kommen vier Studio- und ein Live-Album als Solokünstler. Mit seiner begnadeten Stimme drückte Chris Cornell jedem einzelnen Song seinen unverwechselbaren Stempel auf. Sie verlieh den Stücken gleichzeitig eine tiefe melancholische Traurigkeit und eine euphorische, ja nahezu kindliche Freude. Zwischen diesen beiden Polen schwankte wohl auch Chris Cornell sein gesamtes Leben lang, bevor im Mai 2017 die Melancholie siegte. Er galt schon immer als still und introvertiert und war nie die Art von Frontmann, die auf der Bühne hin und her rennt und die Leute animiert. Er wollte sie lieber mit seiner Musik berühren. Eine Musik, die uns in wunderbare und oft unbekannte Welten entführte. Sein Tod machte uns in mehrfacher Hinsicht sprachlos.
2016 nahm Chris Cornell zehn Coverversionen von Künstler*innen auf, die er sehr schätzte und die ihn inspirierten. Alle Instrumente wurden von ihm selbst und von Brendan O’Brien eingespielt, der das Album auch produzierte und final abmischte. Die beiden hatten schon bei Cornell’s vorherigem Album „Higher Truth“ zusammengearbeitet. Im Dezember des vergangenen Jahres wurde die Songsammlung unter dem bezeichnenden Titel „No One Sings Like You Anymore“ bereits digital veröffentlicht. Chris Cornell‘s Tochter Toni erinnert sich: „When my dad was making this album, it was so fun – I remember waking up in the morning, having breakfast with him and going with him into the studio. We would take our piano lessons there, and Christopher would play video games with Brendan and my dad. We got to experience so much with him and have so many amazing memories. I’m really happy to be sharing this album. We love you, daddy”. Nun folgt die Veröffentlichung von „No One Sings Like You Anymore“ auf CD und Vinyl, versehen mit dem Zusatz „Volume One“, was auf zukünftige weitere Ausgrabungen aus der Cornell’schen Schatzkammer hoffen lässt.
Die Version des Guns N‘ Roses-Klassikers „Patience“ erschien bereits an Chris Cornell‘s letztjährigem Geburtstag und verschaffte ihm posthum zum ersten Mal überhaupt einen Platz 1 in den Billboard Mainstream Rock Charts. Dazu gibt es ein sehr bewegendes Video (das ihr am Ende dieser Rezension findet), in dem die Kamera durch ein Meer von Polaroid-Fotos fliegt, die Chris Cornell so zeigen, wie wir ihn in Erinnerung haben: Als liebevollen Vater und Ehemann, vertrauten Freund und grossartigen Musiker. Axl Rose, Duff McKagan, Izzy Stradlin, Slash und Steven Adler stehen im Geiste Spalier und verneigen sich.
„No One Sings Like You Anymore“ beginnt mit „Get It While You Can“, im Original von Janis Joplin. Cornell macht daraus einen poppigen Beat, der ein wenig an seine „Timbaland-Phase“ erinnert, mit dem er 2009 das Album „Scream“ aufnahm, der einzige wirkliche Aussetzer in seiner Karriere. Die Neuinterpretation kann seiner stimmlichen Ausdruckskraft damals wie heute zum Glück jedoch nichts anhaben. Danach galoppiert „Jump Into The Fire“ (Harry Nilsson) durch die Gehörgänge und verbreitet die fröhliche Nachricht auf den Dancefloors dieser Welt: „We can make each other happy“. Ein Song zum Dauergrinsen. Es folgt „Sad Sad City“ von Ghostland Observatory, den Cornell als wippenden Countryblues interpretiert, der ihm wunderbar viel Raum lässt, um seine gesanglichen Fähigkeiten in allen Facetten zu zeigen. Das bereits erwähnte „Patience“, nur begleitet von einer Akustikgitarre und einem sparsamen Schlagzeug, rundet die erste Albumhälfte ab.
Noch spartanischer fällt seine Version des Prince-Hits „Nothing Compares 2 U“ aus. Von allen Coverversionen, die dieses Stück bereits erfahren hat (oder erfahren musste), ist diese mit Sicherheit die gefühlvollste, was auch an den eingestreuten Streichern liegen mag. Wie schön kann Musik eigentlich sein? „Watching The Wheels“ von John Lennon klingt bei Chris Cornell nach einem Picknick auf einer sonnenüberfluteten Blumenwiese, nach unbeschwerten Sommertagen und der unschuldigen Fröhlichkeit eines Kindes. Carl Hall‘s „You Don’t Know Nothing About Love“ steckt er in ein Blues-Gewand und man sieht ihn dabei förmlich in einem feinen Anzug auf einer verrauchten Bühne im Chicago der 50er Jahre stehen. „Showdown“ (Electric Light Orchestra) ist ein vor sich hin stampfender Ausflug in Industrial-Gefilde, bevor das Album mit Terry Reid‘s „To Be Treated Rite“ auf die Zielgerade einbiegt. Wieder nur Chris Cornell und seine Akustikgitarre. Er hört sich an wie ein Indianer, der das ganze Leid seines Volkes in diesen einen Song gelegt hat: „We are what we are when we’re prayin‘“. Den Abschluss bildet „Stay With Me Baby“, im Original von Lorraine Ellison, das vom Grundton melancholisch bleibt, zwischendurch aber immer wieder in einem Bombast explodiert, der Queen alle Ehre gemacht hätte. Allerspätestens jetzt ist klar, welchen grandiosen Musiker wir am 18. Mai 2017 verloren haben.
„No One Sings Like You Anymore“ ist deshalb mehr als „nur“ ein Vermächtnis. Es ist vor allem nicht der Versuch aus einem grossen Namen Kapital zu schlagen, wie Chris Cornell’s Ehefrau Vicky verschiedentlich vorgeworfen wurde. Nein! „No One Sings Like You Anymore“ ist die angemessene Würdigung und liebevolle Hommage für einen Ehemann, Vater und Ausnahmekünstler, dem die Welt viel mehr zu verdanken hat, als ihm zu Lebzeiten vermutlich selbst bewusst war.
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