Eine der größten Überraschungen in der vierten Staffel von „Sing meinen Song“ (2017) war sicher Tilmann Otto alias Gentleman mit seiner hinreißenden Interpretation deutschsprachiger Titel von Silbermond und Mark Forster. Natürlich hat er den gewohnten Reggae-Rhythmus mitgenommen, aber die Neuinterpretation mit eigens hinzu komponierte Rap-Passagen war durchaus schlagkräftig. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Gentleman an einem eigenen Album in der Muttersprache versucht. Drei Jahre später ist es nun endlich soweit.
Als international gefeierter Star der Reggae-Szene steht Gentleman auf dem Zenit seiner Karriere und ist durch seine zahlreichen Jamaikaaufenthalte und Kollaborationen mit unterschiedlichsten jamaikanischen Musikern tief verwurzelt in der Kultur der Karibikinsel. Er hat in seiner über 20jährigen Bühnenkarriere schon in etlichen Ländern gespielt und manche Pionierarbeit für sein geliebtes Genre geleistet. Also durchaus mutig, ausgetretene Pfade zu verlassen. „Blaue Stunde“ ist um einiges poplastiger als seine bisherigen Releases. Daran ändern auch Feature-Gäste wie Sido und Ezhel nichts. Es war sicher eine Herausforderung, sich aus der Komfortzone zu bewegen.
Vor allem die Texte wissen zu gefallen und könnten auch zum Konsens bei Deutschpop-Fans führen, die mit den Reggae-Rhythmen nicht unbedingt viel anfangen. Es gibt ein fröhliches „Ahoi“ zum Start aber auch selbstironische Momente wie in „Schöner Tag“. Der Mix zwischen guter Laune und nachdenklichen Klängen („So nah“) funktioniert bestens. Da sind Songs, die ihn beim Pflanzen in seinem Garten oder beim Flussschippern auf einem dunkelblauen Boot verorten – so entspannt wie Peter Fox in seinem „Haus am See“. Und mit „Bei dir sein“ besingt Tilmann sehr berührend seine Gefühle als Vater.
Es tut gut, mal alles zu verstehen, was Gentleman uns erzählen will. Dennoch bleibt der altbekannte Flow erhalten und das Album ist in sich stimmig. Es ist stärker im Mainstream verortet, aber Gentleman vergisst seine Wurzeln in keinem Moment. Selbst ein Autotune-Song wie „Bruder“ wirkt nicht fehl am Platz. Ich muss sagen, dass ich Gentlemans Livekonzerte immer genial fand, aber von seinen Studioalbum oft gelangweilt war. Diesmal ist das nicht der Fall: Der Reggae-Künstler aus Osnabrück hat etwas zu erzählen und man hört ihm gerne zu. Eines der besten deutschsprachigen Alben des Jahres!
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Muss man sich Sorgen machen, wenn es um die Nachfolge-Regelung der großen deutschen Liedermacher geht? Keineswegs, denn seit vielen Jahren ist Tim Linde hier ganz vorn dabei. Vor allem im hohen Norden hat der Hamburger sich ein treues Publikum erspielt und sich mit Songs wie “Wasser unterm Kiel” in den WDR und NDR Hörercharts eingenistet. Dabei helfen ihm seine charismatische Stimme, die hervorragenden Arrangements seiner Stücke und die intelligenten Texte.
Zwei Alben sind inzwischen erschienen (2014 und 2018) – wunderschöne Singer-/Songwriter-Musik alter Schule, die zugleich mit brandaktuellen Themen aufwartet und sich selbstsicher in die Gehörgänge einschleicht. Pünktlich zur Vorweihnachtszeit serviert Tim Linde die Filetstücke dieser Veröffentlichungen neu und geradezu festlich angerichtet. Dazu bringt er etwas ganz besonderes auf den Tisch: sein Orchesteralbum „Großes Besteck“. Darauf zu hören sind seine besten Lieder, neu arrangiert und eingespielt mit Orchesterinstrumenten.
„Ein solches Projekt unter Corona-Rahmenbedingungen zu verwirklichen ist eine Riesenaufgabe”, so Linde. Daher wurden alle Instrumente einzeln aufgenommen und später zu einem Gesamtorchester zusammengeführt. Das Ergebnis ist beeindruckend. Lindes gefühlvolle Texte und seine schönen Melodien werden durch die Arrangements zu einem spannenden und abwechslungsreichen Hörerlebnis. Mal zart und zerbrechlich, mal kraftvoll und treibend trägt die Musik den Zuhörer durch die elf Titel des Albums.
Zu meinen Highlights zählt “Brief an meine Eltern” als Dankeschön für eine glückliche Kindheit. Tim Linde scheint seine Heimat sehr zu lieben und bringt dieses Gefühl gut rüber. Dabei wird in “Großes Land” mit melancholischen Worten die Vielfalt in Deutschland gewürdigt und zugleich an die Verantwortung appelliert: “Wer stark ist muss auch gut sein, hat Pippi Langstrumpf schon erkannt. Darum sei ein starker Freund.” Solche Worte berühren sehr. Ebenso wie “Es braucht das ganze Dorf”, das sich der Kindheit in modernen Zeiten mit kritischen Worten widmet. Und natürlich gibt es auch die Hymne “Wasser unterm Kiel”, die den Songwriter vor sechs Jahren deutschlandweit bekannt gemacht hat.
Tim Linde hat diesmal die aussagekräftigen Stücke ausgewählt, die nicht witzig und satirisch überzogen sind sondern große Emotionen zeigen. Von Trauer und Melancholie („Der Zirkus zieht nicht weiter“) bis zu großer Freude und Dankbarkeit („Stefan und Dirk“) ist alles dabei. Ich mag auch Lindes lustige Stücke sehr, wenn er von Hühnern und Schweinen im Garten erzählt. Doch hier hätte das nicht gepasst. Die neue Sammlung ist einzigartig schön, inklusive des neuen Titels „Goldene Blätter“, der sich dem Erntedank- und Oktoberfest widmet.
Das Orchester fügt sich gut in die Arrangements ein. Man spürt, dass die Musiker hier nicht wuchtig im Hintergrund standen, sondern ihre Parts einzeln eingespielt haben. So klingt das Ergebnis sehr filigran und der Liedermacher-Charakter der Songs geht nicht verloren. Trotzdem gibt es genügend Stellen, an denen die orchestralen Momente in den Vordergrund treten und die Melodie verstärkt aufnehmen. „Großes Besteck“ ist eine perfekte Symbiose aus der Kunst eines großen Liedermachers und der Vielfalt orchestraler Gestaltungsmöglichkeiten. Wer bisher noch nie von Tim Linde gehört hat, sollte diese Lücke schleunigst schließen!
„Wir müssen hier raus“ ist eine Hommage an Ton Steine Scherben und Rio Reiser. 35 Jahre nach Auflösung der Band und 24 Jahre nach Rios Tod sind die sozialkritischen Deutschrocker und ihr charismatischer Sänger immer noch in aller Munde. Gründungsmitglied Kai Sichtermann und sein Kollege Funky K. Götzner (seit 1974 dabei) touren inzwischen wieder als Kai & Funky mit dem Sänger Gymmick. Der Erfolg dieser Konzerte zeigt, dass die Musik zeitlos ist und die Fans auch andere Interpreten annehmen.
Grund genug also, eine Compilation wie „Wir müssen hier raus“ zu veröffentlichen, die das Erbe der einflussreichen Band am leben hält. Mit dabei ist die Creme de la Creme der politischen Popkultur: Die Sterne, Fettes Brot, Beatsteaks, Fehlfarben, Gisbert zu Knyphausen, Die Höchste Eisenbahn, Rocko Schamoni, Bosse, Neufundland, Jan Delay, Erregung öffentlicher Erregung, Schrottgrenze, Das Bierbeben, Wir sind Helden, Slime und viele mehr.
Das Ganze ist so vielseitig, dass es mir schwerfällt, Favoriten raus zu picken. Ganz vorn sind natürlich die einrahmenden Tracks, die den Meister selbst am Mikro zeigen: Der Titeltrack eröffnet die Tracklist mit einer klanglich perfekten Aufnahme aus dem Jahr 1972 und eine wundervolle Pianoversion von „Der Krieg“ schließt das fast 80minütige Album ab. Lina Maly gefällt mir unheimlich gut. Ihre Version von „Zauberland“ ist voller Melancholie und Schönheit. Wir sind Helden mit Judith Holofernes hatten „Halt dich an deiner Liebe fest“ schon vor Ewigkeiten im Programm und Jan Delays vernäselte Version von „Für immer und dich“ ist gewöhnungsbedürftig aber sehr atmosphärisch. Auch die neuen Deutsch-Poeten wie Bosse und Gisbert zu Knyphausen holen alles aus den Songs raus, während die Beatsteaks in „S.N.A.F.T.“ ihre ganze Energie freilegen.
Ton Steine Scherben und ihr Sänger Rio Reiser schafften etwas, was bis dahin unmöglich schien: Gute, authentische Rockmusik mit deutschen Texten zu machen, die nicht peinlich klangen, sondern ganz natürlich. Die Lieder waren politisch, doch sie gingen vom Individuum aus, von subjektiven Erfahrungen der Unterdrückung und Frustration sowie vom Wunsch nach Gemeinschaft und Freiheit. Kurz: Die Stücke hatten eine Botschaft.
Die liebevoll gestaltete Veröffentlichung erscheint auf farbigem 180g-Doppel-Vinyl (+CD-Beilage), auf CD im Digipack, sowie als Download und Stream. Dazu gibt es ein umfangreiches Booklet mit einem Vorwort von Frank Spilker, einem exklusiven Text zur Geschichte der Scherben von dem Journalisten Michael Sontheimer (Ex-TAZ Chefredakteur) sowie Gedanken zu Rio Reiser von Judith Holofernes.
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Konstantin Wecker ist 73 Jahre alt aber voll von jugendlichem Elan. Egal in welchem Format er unterwegs ist, lässt er seine 50jährige Bühnenkarriere eindrucksvoll an sich und den Zuschauern vorbei ziehen. Dabei ist es egal, ob er ein großes Orchester mit sich bringt, wie Ende 2019, oder allein am Klavier sitzt und „nur“ zwei Schauspieler dabei hat, die seine Gedichte lesen.
Der vorliegende Konzertmitschnitt stammt vom 4. September 2020 aus dem Wiener Theater im Park. Eines dieser Ereignisse also, die trotz der Hygienemaßnahmen des vergangenen Sommers mit Publikum stattfinden konnten. In weit über zwei Stunden Konzertlänge glänzt Konstantin Wecker gewohnt lässig als Sänger, Pianist und Moderator. Seine Anekdoten und Erzählungen zwischen den Musikstücken sind legendär.
Doch diesmal wird mehr geredet und gelesen. Seine lyrischen Texte werden von Dörte Lyssewski (Wiener Burgtheater) und Michael Dangl (Theater in der Josefstadt) vorgetragen. Zu den Gedichten improvisiert Konstantin Wecker teilweise am Klavier. So gibt es kurze Texte aus allen Epochen seines literarischen Schaffens, beginnend mit den Sadopoetischen Gesängen, die der Meister des gesungenen und gesprochenen Wortes gewohnt selbstironisch ansagt.
„Die Huren werden müde“, „Deutscher Herbst“, „Keine Zeit zum Denken“, „Schon immer hab‘ ich auf das Schreckliche gewartet“ – man kann aus den Titeln schließen, was einen erwartet. Weckers besondere Form von Romantik, seine an Rilke erinnernde Poesie, aber auch Satirisches und Politisches. Zudem erzählt er von seinen Eltern – in sehr bewegenden Reden und Liedern. Ja, genau: Gesungen wird natürlich auch! Im zweiten Teil mehr als im ersten, und mit „Schlaflied“, „An meine Kinder“, „Wut und Zärtlichkeit“, „Ich habe einen Traum“ und „Den Parolen keine Chance“ sind wundervolle Perlen dabei. Politisch und eindringlich wie eh und je.
Das neue Livealbum reißt nicht so sehr mit wie die letzten Livekonzerte, die es auf CD und DVD gab – sei es orchestral, mit Band oder allein am Klavier. Konstantin Wecker teilt seine Konzertmomente gern mit den Fans. Und im Corona-Jahr war es halt etwas beschaulicher. Ich habe die CD mit Genuss gehört, doch eine Zusammenstellung von Gedichten wird man sich nicht so oft am Stück anhören. Man braucht eigentlich das geschriebene Wort, denn die Lesung lässt kaum Zeit zum Nachdenken über einzelne Passagen.
Mit dieser literarischen und musikalischen Gesamtschau fächert sich die künstlerische Persönlichkeit Konstantin Weckers in all ihren Facetten zwischen „Genug ist nicht genug“ und „Stirb ma ned weg“ auf – und dabei offenbart sich einmal mehr: „Jeder Augenblick ist ewig!“
Ich habe an dieser Stelle schon öfter darüber geschrieben, warum BASTA in der deutschen A-cappella-Szene für mich an erster Stelle stehen: Es sind die unglaublich einfallsreichen Texte von Songwriter William Wahl. Man traut ihm zu, aus jedem Thema einen mitreißenden Song zu machen – mal witzig und ironisch, dann wieder voll ehrlicher Melancholie.
Das zwanzigjährige Bühnenjubiläum der Band aus Köln ist Grund genug für eine Best-of-Compilation. Und das Repertoire, aus dem sie dafür schöpfen können, umfasst immerhin neun vollgepackte Studioalben. Wer die Jungs einmal live erlebt, wird ganz sicher dem Charme ihrer Darbietung erliegen und sie in die persönliche Favoritenliste aufnehmen. Zu den Livequalitäten kommen aber auch die Studioalben, die zum größten Teil selbst verfasstes und arrangiertes Liedgut enthalten und immer aufs Neue die komödiantischen Qualitäten des Quintetts betonen. Kein anderes deutsches Vokalensemble ist so frech und spritzig wie diese fünf Burschen
William Wahl überrascht als Songwriter stets mit seinem unendlichen Ideenschatz. Aber auch die anderen Bandmitglieder sind in der Songauswahl von „Eure liebsten Lieder“ vertreten. Werner Adelmann beispielsweise mit „Legalize a cappella“, das gegenwärtig aufgrund geltender Hygienebestimmungen eine ganz neue Bedeutung erhält. Oder Thomas Aydintan, der dem „Bratislava Lover“ nicht nur seine tiefe Stimme verleiht sondern ihn wie kein Anderer verkörpert. Außerdem sind häufig bekannte Künstler wie Oliver Gies und Bodo Wartke am Songwriting beteiligt.
Ich bin immer wieder beeindruckt von den klanglichen Ideen und der fantasievollen vokalen Umsetzung. Dabei sind in dieser Zusammenstellung viele meiner All-time-favourites zu finden, nämlich der unglaublich geniale Büro-Shanty “Cut, Copy & Paste”, das allen männlichen Musen gewidmete Lied “Jochens”, das missglückte Liebeslied „Du tropfst“ und der kulinarische Beziehungsratgeber „Lauch“.
Es gibt die ganze Themenvielfalt, die BASTA auszeichnet. “New York, Rio, Gütersloh” ist ein Gute-Laune-Titel, der das Leben im Tourbus persifliert. Ebenso wirkt „Guten Morgen“ als Motivation an trüben Tagen. Auch „Wer gehört zu mir“ darf nicht fehlen, bei dem René Overmann unnachahmlich genial seinen „Herbert Rosenberg“ gibt.
Ganz große Momente sind für mich immer Williams Liebeslieder, bei denen er im besten Fall auch selbst die Leadstimme singt. Dabei bewegt sich der Songwriter nie in den festgefahrenen Bahnen “normaler” Lovesongs, sondern beleuchtet die Thematik ganz neu. Ich nenne nur „Die zweite Geige“, bei dem er sich ausnahmsweise am Piano begleitet. In der hier vorliegenden Liveaufnahme aus der Philharmonie Köln gibt es gar orchestrale Klänge. Oder „Lara“, das ganz zu den Anfängen der Band führt.
Den ersten Track der Compilation liefert übrigens mit „Lebenslauf“ ein komplett neuer Song, in dem BASTA ihre Karriere eindrucksvoll zusammenfassen („Wussten noch nie, wohin die Reise geht / kleine Schritte auf ’nem langen Weg / und Jahre später fällt mal eben auf / hey, wir teilen uns den Lebenslauf“). Was bleibt zu sagen? BASTA sind die Speerspitze der Szene. Ihre Livekonzerte sind ein Feuerwerk der guten Laune – und jedes Album gehört in die private Sammlung aller Freunde vokaler Popmusik. Auch und vor allem diese Best-of-Zusammenstellung, die Fans guten Gesangs über die coronabedingte Konzertpause hinweg trösten kann.
Neben dem Doppel-Album mit den 40 Lieblingsliedern der Fans und der brandneuen Single gibt es auch eine limitierte 3CD-Box mit unveröffentlichten Archiv-, Live-Aufnahmen und Remixes. Die Box enthält dazu ein Poster, auf dessen Rückseite sich Erläuterungen und Anekdoten zu den Songs der Deluxe-Bonus-CD finden und 5 Postkarten der aktuellen Band-Mitglieder.
Es muss im Jahr 2008 gewesen sein, als sich „Deutsche Welle TV“ bei mir meldete. Wir hatten ein Konzert mit unserem Vokalensemble und sie wollten eine Reportage darüber bringen. Motto: Rheinland-Pfalz hat prozentual gesehen deutschlandweit die meisten Chorsänger. Die fünfminütige Doku beginnt mit Aufnahmen eines verlassenen Dorfes, meines Heimatorts. Man hatte sich die ältesten Gebäude und leere Straßen für ein Stimmungsbild ausgesucht. Die Idee dazu: „Was soll man hier schon Anderes machen als zu singen?“. Wir konnten darüber lachen, denn schließlich ist Singen unser liebstes Hobby – aber auch nicht mehr. Ich kann aber nachvollziehen, wie es Daniel Dickopf, Sänger und Hauptsongwriter bei den Wise Guys und den Alte Bekannten, gegangen sein muss, als der WDR eine Doku über die Auflösung der Wise Guys sendete. Die Aufnahmen waren einseitig zusammen geschnitten und zeigten eine zerstrittene Band. Alles Positive wurde vorsorglich weggelassen, um die Tendenz des Beitrags nicht zu stören.
Davon berichtet Dän, wie ihn Fans und Freunde liebevoll nennen, sehr offen in seinem Buch „Sommer ist, was in deinem Kopf passiert – Kneipengespräche über Gott und die Welt“. Dass Kneipengespräche einen äußerst philosophischen Charakter haben können, weiß wohl jeder, der mal morgens um drei Uhr als Letzter in der Lieblingskneipe saß – mit zugezogenen Vorhängen, weil die Sperrstunde schon längst vorbei war – und mit dem Wirt in politische Diskussionen verfiel. Grundlage dieses Buches sind ähnliche Situationen: Daniel Dickopf wollte keine herkömmliche Biographie schreiben. Er ließ sich aber von dem Theologen und Journalisten Bernd Becker zu einer Interview-Reihe überreden, die an 6-7 Abenden in verschiedenen Kölner Kneipen stattfand, von dem Co-Autor mitgeschnitten und inhaltlich zusammengefasst wurde. Das Ergebnis ist ein eindrucksvolles Taschenbuch mit Geschichten aus Däns Karriere und mit tiefen Einblicken in seine Ansichten und Gefühle.
Es geht um die unterschiedlichsten Themen, aber natürlich spielt Musik immer eine herausragende Rolle. Dän berichtet von seinen musikalischen Anfängen, den ersten Auftritten der Wise Guys, der Freundschaft und den späteren Streitigkeiten. Dabei ist er grundehrlich und versucht, nichts zu beschönigen. Trotz seiner oft subjektiven Sichtweise schwingt auch immer das Verständnis für die Kollegen mit. Dann geht es um vermeintlich Alltägliches im Musikerleben: Woher die Ideen für die Songs kommen, wieviel Autobiographisches in den Texten steckt, warum man auch nach Jahrzehnten auf der Bühne noch Lampenfieber hat, wie Nähe und Distanz zu den Fans entstehen und das tägliche Leben beeinflussen. Solche Hintergründe sind absolut faszinierend – vor allem wenn man nur die Künstlerseite eines Sängers kennt.
Was in Däns Kopf passiert, ist nicht immer nur „Sommer“. Er berichtet authentisch von seinen Depressionen. Das kann Mut machen, vor allem in solch schwierigen Zeiten wie den gegenwärtigen. Ohne Corona hätte es das Buch vielleicht (noch) nicht gegeben. Bei bis zu 150 Auftritten pro Jahr bleibt nur wenig Freizeit für solche Projekte. Wie aktuell das Buch ist, merkt man, wenn Dän von seinen Aktivitäten im Jahr 2020 spricht. Er hat viele seiner Lieblingslieder erstmals instrumental aufgenommen und es wird zwei neue Kinderlieder-CDs geben: eine jetzt im Herbst, eine in der ersten Jahreshälfte 2021. Die Pandemie-Krise macht kreativ. Und Kinderlieder sind dankbare Möglichkeiten, da Dän sie nicht live auf der Bühne ausprobieren muss.
Fans der A-cappella-Musik und Chorsänger kommen hier voll auf ihre Kosten. Es gibt wertvolle Tipps zu Straßenmusik und anderen Auftritten. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es ist, vor 70.000 Menschen zu spielen. Dän lehnt sich auch weit aus dem Fenster und beschreibt die Eigenschaften der Menschen in verschiedenen Städten – natürlich nur was ihre Funktion als Publikum angeht.
Ganz zum Schluss gibt es auch klare politische Aussagen. Gegen die AFD, gegen Heimatstolz, für Weltoffenheit und starke Gefühle. Daneben ist Dän der Lokalkolorit aber wichtig. Das Verhältnis der echten Kölner zu ihrer Stadt ist nun einmal ein ganz besonderes. Dän erzählt vom Karneval, von den vielen Liedern über die Stadt, von Bands und Einzelpersonen. Entdeckt wurden die Wise Guys von den Höhnern, die ihre Karriere zu Beginn enorm unterstützen. Dann gibt es auch lustige Anekdoten, beispielsweise zum legendären Auftritt bei „Geld oder Liebe?“ der nicht den erwünschten Erfolg brachte, weil just an diesem Tag Lady Di verstarb und die Sondersendungen die entsprechende Show bis spät in die Nacht verschoben.
Behutsam gehen die Gespräche auf das schwierige Verhältnis zu den Ex-Kollegen ein. Journalist Bernd Becker leistet hier eine klasse Arbeit, wenn er Däns Aussagen und Gedanken zu verschiedenen Themen zusammenfasst und in eine gut lesbare Textform bringt. Man erhält tiefe Einblicke in die Gedankenwelt eines sympathischen Menschen, der aber auch seine Ecken und Kanten zeigt. Wie nach dem zehnten Bier in der Stammkneipe.
Nachdem die Schweden KATATONIA mit ihrem aktuellen Album „City Burials“ im April auf Platz #6 der offiziellen Deutschen Album Charts landeten, legen sie nun mit einem Live Album ihres „Lockdown Streaming“ Konzerts nach.
Im April 2020 präsentierten KATATONIA ihr elftes Studio-Opus, das ergreifenden „City Burials“. Da jedoch das unvorhergesehene globale Ereignis in diesem Jahr eintrat und ihre Album-Tourpläne auf Eis gelegt wurden, führte die Band eine intimere Lockdown-Show durch, die am 9. Mai live aus dem Studio Grondahl, Stockholm gestreamt wurde.
„Dead Air“ bietet den Fans ein 88-minütiges Set mit 20 Titeln aus dem umfangreichen und illustren Repertoire der Band, wahlweise auf 2CDs oder ebenso komplett auf DVD. Das Tracklisting enthält eine Auswahl an Fanfavoriten, die exklusiv von der weltweiten Fangemeinde der Band gewählt wurden. Dabei haben es immerhin auch drei Titel des aktuellen Albums in die Live-Umgebung geschafft.
Bemerkenswert ist die Klasse der Setlist, die aus den von Fans meistgewählten Lieblingsstücken zusammengestellt wurde. So umfasst das Konzert viele spannende Jahre düsterer, atmosphärischer Musik. Während KATATONIA anfangs zu den Pionieren der Black-/Death-/Doom-Bewegung zählten, schafften sie 1998 den Sprung zum Progmetal – analog zu Bands wie Opeth und Anathema.
Das Konzert ist eine musikalische Wucht und es ist einfach skurril, keine enthusiastisch applaudierende Menge im Hintergrund zu hören. So wird die Aufnahme aber zum Livedokument für die Nachwelt, aus der Zeit des (wie man für einige Monate hoffen durfte) „kurzen Sommers der Pandemie“. Inzwischen wissen wir, dass das Zurückfahren der Kultur uns auch noch einen langen Winter hindurch begleiten wird. Hoffen wir, dass es danach überstanden ist. „Dead Air“ kann mit seiner musikalischen Klasse auf jeden Fall über die Widrigkeiten eines „Konzerts am Bildschirm“ hinweg trösten.
Dragged Under sind eine neue Band aus Seattle. Da muss man doch unweigerlich an Microsoft, Starbucks und natürlich an die reiche Musikgeschichte der Stadt, die das Vermächtnis von Jimi Hendrix bis hin zu Alice In Chains und Nirvana umfasst, denken. Kompromisslose Innovation ist nach wie vor der rote Faden, der sich durch alles zieht, was aus Emerald City kommt. Dragged Under greifen diesen Faden auf und tragen ihn in die Welt.
Das Quintett bietet eine solide Mischung aus Metal, Punk und Hardrock mit zwei fetzigen Gitarren. “Wir wollen weder zu soft noch zu hart klingen”, sagt Sänger Tony Cappocchi. “Wir sind immer irgendwo dazwischen. Wir wollten die Kultur des Selbermachens zurückbringen, wütend, aggressiv und schnell. Das war der Soundtrack unserer Jugend und nun servieren wir diesen auf unsere eigene Art mit etwas Metal, Hardcore und Ear Candy.”
Die Produktion des kurz und schnell geratenen Albums ist ziemlich fett. Es gibt ein wenig Elektronik und einen harten Sound, mal fett heraus gebrüllte Lyrics, dann aber auch klare und melodische Passagen. Es finden sich persönliche Stücke wie „Just Like Me“ und politische Knaller wie „Riot“ mit dem Ruf, aufzustehen und seine Rechte zu vertreten.
Mit ihrer energischen Grundhaltung und der aggressiven Attitüde machen Dragged Under Seattle alle Ehre. Das Album fetzt von vorne bis hinten ohne Langeweile. Ein gradliniges und vielversprechendes Debüt.
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Heutzutage kann man sich ein Fest ohne einen der zahlreichen Evergreens der Bläck Fööss nicht mehr vorstellen. Aus einem Repertoire von weit mehr als 400 Titeln haben es einige Lieder wie „Drink doch eine met“ oder „En unserem Veedel“ zum Volksliedstatus geschafft.
Dabei ist die Band bei weitem keine reine Karnevalsband: In ihren Texten setzen sie sich stets mit zeitkritischen Themen auseinander und scheuen dabei auch nicht beispielsweise dem traditionellen kölschen Festkomitee auf die Füße zu treten. Natürlich dürfen dabei die kölsche Sprache, der Humor und Spaß nicht zu kurz kommen. Genauso experimentierfreudig wie bei den Texten sind sie auch mit den musikalischen Stilrichtungen, die von Folk, Jazz, Funk und Rock über viele weitere Genres reichen.
Seit kurzem geht die Band verjüngt auf Tour: Während die beliebten Erry und Bömmel als Gründungsmitglieder ein Garant für Kontinuität sind, Haben Mirko Bäumer, Pit Hupperten und Hanz Thodam erst vor kurzem zur Band gefunden. Doch der Esprit der siebenköpfigen Band ist seit 1970 gleich geblieben. Grund genug, 50 Jahre Bläck Fööss gebührend zu feiern. Hoffentlich bald mit großen Konzerten, für den Moment zumindest mit einem umfangreichen Best-of-Album.
Das Jubiläumsalbum enthält zunächst den brandneuen Titel „50 Johr“ voller Melancholie und nostalgischer Rückblicke. Danach gibt es viele bekannte Titel in neuen Arrangements, bei denen prominente Gäste mitwirken.
Sensationell sind ganz klar „Buchping vun Heimwih“ und „Wenn de Sonn schön schingk“ mit Hape Kerkeling. Wunderbar, die beiden Legenden zusammen zu erleben. Und es geht noch weiter: Mit der Stimme seiner Figur Horst Schlämmer gibt Hape eine neue Version der berühmten „Katrin“.
Auch andere prominente Freunde sind mit dabei: Wolfgang Petry wurde für Usjebomb“ aus dem Ruhestand zurück geholt, Wolfgang Niedecken singt „Drink doch ene met“ und man möchte sich direkt mit ihm an die nächste Theke setzen. Heino nimmt sein Schlagermetier mit dem Titel „Moni hat geweint“ selbst auf die Schippe und Tom Gaebel liefert eine wunderbare Version von „Frankreich Frankreich“ – alles natürlich zusammen mit den Bläck Fööss.
Besonders spannend finde ich die Songs mit den Beerbitches, der Band rund um Carolin Kebekus. „Pütze Hein“ gibt es beispielsweise in einer spannenden A-cappella-Version. Allein dafür lohnt sich diese Zusammenstellung schon. Und sehr ungewöhnlich aber passend ist die Zusammenarbeit mit der jungen Kultband AnnenMayKantereit.
Neben den Duetten mit den Gastmusikern wurden die Klassiker „En d’r Weetschaft op d’r Eck“ und „Ming erste Fründin“ neu aufgenommen. Außerdem gibt es drei groß orchestrierte Titel mit dem WDR Funkhausorchester, die die ruhige Seite der Bläck Fööss zeigen.
Alles in allem ein ganz besonderes Album, das zum einen die Vielseitigkeit der Band darstellt, sie in vielen Facette zeigt und sie mit ihren musikalischen Freunden vereint. Die Aufmachung der CD ist nach außen schlicht. Bunter wird es erst im Booklet mit vielen Fotos der beteiligten Künstler. Tolle Sache!
Der genaue Geburtstermin ist nicht bekannt, aber am 17. Dezember jährt sich der Tauftermin des guten alten Ludwig van Beethoven zum 250. Mal. Was sollte das für ein großes Jubiläumsjahr werden! Nicht nur im Großen, mit den geplanten Konzertreihen rund um die Welt und in der Geburtsstadt Bonn, auch in vielen kleinen Theatern und Konzerthäusern. Einiges davon hat stattgefunden, aber ganz und gar nicht so, wie es sich die Planer vorgestellt haben. Corona gegen Beethoven. Da siegt das Winzigkleine über den großen Meister. Hoffentlich aber nur kurzfristig.
In meiner Heimatregion spielte Ludwig auch eine Rolle. Die Philharmonie in Luxemburg ließ übers Jahr verteilt alle Sinfonien aufführen. Doch um hier zu Corona-Zeiten eine Karte zu ergattern, musste man zum einen langjähriger Abonnent sein und am besten „noch jemanden kennen der jemanden kennt“. Auch auf das Familienkonzert im Theater Trier hatte ich mich gefreut. Die Kleinen sollten mit Beethoven eine Geburtstagsparty feiern und mein Lieblingsschauspieler Klaus Michael Nix den personifizierten Ludwig geben. Fehlanzeige.
Bleibt also nur, sich den Sinfonien auf der heimischen Couch zu widmen (ganz aktuell erscheint ein CD-Set des niederländischen Concertgebouworkest – unveröffentlichte Aufnahmen mit den bekanntesten Dirigenten aller Zeiten, von Leonard Bernstein über Nikolaus Harnoncourt bis zu Mariss Jansons).
Man kann sich auch über Leben und Werk bilden. Eine tolle Quelle ist Malte Arkona. Auf “Eine Party mit Beethoven” erklärt er viel Wissenswertes zu dem großen Komponisten und in „Orchester-Detektive: Beethoven auf der Spur!“ widmet er sich feinsinnig der fünften Sinfonie.
Beethoven ist also auch 2020 noch in. Und es gibt einen Markt für dicke Bücher zum Thema. Man hat ja Zeit zum Lesen, wenn die Konzerte ausfallen. In „Beethoven: Der einsame Revolutionär“ widmet sich Musikwissenschaftler Jan Caeyers auf lässigen 833 Seiten dem legendären Komponisten. Die Biographie stammt ursprünglich aus dem Jahr 2012, wurde aber nun zum Jubiläum unter Mitwirkung des Bonner Beethoven-Hauses komplett neu überarbeitet.
Das Ergebnis ist immer noch sowohl Standardwerk als auch spannende Erzählung. Wer trockene und schwierige Lektüre erwartet, sollte es gern riskieren, in das Buch reinzulesen. Er wird überrascht sein. Das Buch ist auf verschiedenen Ebenen gut lesbar: Es erzählt die Lebensgeschichte in beeindruckenden Bildern und schönen Anekdoten. Es beschäftigt sich aber auch intensiv mit der Musik, den kunstvollen Kompositionen, dem Zeitgeist der damaligen Epoche und mit allerlei historischen Ereignissen. Das wird bisweilen langatmig, aber niemals langweilig.
Der (ich will mal sagen) „wissenschaftliche“ Teil liefert Musiktheorie und Analyse. Es gibt unendlich viele Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis, um den Studiencharakter des Werks zu betonen. Außerdem ein detailliertes Werk- und Personenregister. So kann man beim nächsten Konzertbesuch nochmal an der richtigen Stelle nachschlagen, um bei der Begleitung mit einem gerüttelt Maß an Fachwissen zu glänzen.
Viel schöner sind aber die vielen Seiten, auf denen der Musiker lebendig wird. Auf dem wir Privates erfahren, Geschichten und Anekdoten. Der Popstar des 18. und 19. Jahrhunderts erhält hier die Würdigung, die ihm gebührt. Seine Popularität ist ohnehin ungebrochen – ob im Jubiläumsjahr oder darüber hinaus. Ein lesenswertes Buch für lange Winterabende am Kamin mit der passenden Musik im Hintergrund.
Krisen sind anstrengend, setzen aber manchmal auch ungeahnte Kreativität frei. Das konnte man in diesem besonderen Jahr in den verschiedensten Bereichen beobachten – und ganz besonders bei Deine Freunde. Die Spezialisten für coole Kindermusik haben in der konzertfreien Zeit nämlich nicht einfach irgendein neues Album produziert, sondern „Das Weihnachtsalbum“!
Wer Deine Freunde kenn, der ahnt schon, dass dabei wenig Besinnlichkeit und klingende Glöckchen zu erwarten sind, sondern eher fette Beats und witzige gerappte Texte, die Weihnachten mal aus einer etwas anderen Perspektive beschreiben.
Im „Präludium“ wird das Weihnachtalbum allerdings tatsächlich mit Glockenklang und Chorgesang eröffnet, bevor es in „Das Lied der Wichtel“ die ersten Raps auf die Ohren gibt und wir erfahren, wie die Idee für diese CD eigentlich entstanden ist.
„Die krassesten Schlitten“ hat natürlich der Weihnachtsmann und für ordentlich Speed ist beim „Renntiererennen“ gesorgt. Besinnliche Klänge gibt es weniger oft, doch wenn, dann haben die Jungs auf dem „XXL Wunschzettel“ erstaunlich immaterielle Wünsche. Und es wird nostalgisch, wenn sich Deine Freunde mit „C64“ an das größte Geschenk ihrer Kindheit zurückerinnern.
„Wir wollten ein Album machen, dass nicht nur besinnlich, sondern auch unterhaltsam und lebensnah ist – und unsere ganz persönliche Sicht auf Weihnachten zeigt!“ Das ist gelungen. So wie hier müssen Weihnachtssongs in den 20ern klingen!
Oliver Georgi und Martin Benninghoff sind Redakteure bei der FAZ und haben es sich zur Aufgabe gemacht, über Interviews mit bekannten deutschen Künstler*innen die Musikszene unseres Landes zu erkunden und es den Musiker*innen zu ermöglichen, ihr Leben und ihre Arbeit in eigenen Worten darzustellen. Dass dies nicht auf wenigen Seiten darstellbar ist, scheint klar. Mit dem vorliegenden Wälzer sind es 240 großformatige Seiten geworden – und in 23 Gesprächen räumen die Autoren den Interviewpartner*innen unendlich viel Raum ein, um zu erzählen und nachzudenken. Es sind sehr sensibel geführte Interviews. Und vor allem haben die Redakteure hervorragend recherchiert und entlocken den Musiker*innen manche spannende Anekdote. Immer mit im Boot bei der Reise quer durch Deutschland war Fotograf Daniel Pilar, der die Beteiligten in authentischen Bildern darstellte. Und das ohne affiges Gepose.
Vertreten sind Legenden wie Peter Maffay, Marius Müller-Westernhagen, Fanta 4, Reinhard Mey, Klaus Meine oder Urgestein Heino, aber auch die junge Generation – etwa Judith Holofernes, Felix Jaehn, Fynn Kliemann, Adel Tawil oder Silbermond. Manche scheint man schon ewig zu kennen, von einigen hat man schon ewig nichts mehr gehört und einige kennt man höchstens vom Namen her. Gemeinsam haben sie alle eines: Ihre Musik spiegelt unsere Gesellschaft wider, große Themen wie Heimat, Wiedervereinigung, Fremdenhass oder Emanzipation finden sich in ihren Liedern.
Natürlich könnte man sagen: Da fehlen noch einige essentielle Namen. Beispielsweise Udo Lindenberg, der als Pionier der Szene einfach hier mit rein gehört. Doch wo soll man anfangen, wo aufhören? Vielleicht gibt es ja noch einen zweiten Band. Das Potential ist durchaus vorhanden. Lindenberg wird jedenfalls oft erwähnt, unter anderem von Peter Maffay. Man bekommt ihn also zumindest im Sekundärbereich.
Davon abgesehen ist das ganze Buch fantastisch und durchgehend sehr gut lesbar. Alle vertretenen Aushängeschilder deutscher Pop-, Rock- und Schlagermusik haben etwas Wichtiges zu erzählen. Manchmal geht das so tief – beispielsweise bei Reinhard Mey – dass mir die Tränen kommen. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für den geneigten Musikliebhaber!
A-cappella-Musik ist grundsätzlich ziemlich familientauglich – unsere Kinder zumindest haben uns begeistert auf viele Konzerte begleitet und entsprechende CDs haben so manche langweilige Autofahrt verkürzt. Mit ihrem aktuellen Album „Kinderkram“ wenden sich die Jungs von Maybebop – inzwischen alle auch Familienväter – nun erstmals ganz gezielt an ihre jüngsten Fans und präsentieren 14 kinderzimmertaugliche Songs zum Tanzen, Lachen und Träumen.
Dabei sind hauptsächlich die Texte auf das neue Zielpublikum zugeschnitten. Musikalisch bewegen sich Maybebop zum Glück auf ihrem gewohnt hohen Niveau, lassen sich bei den vielseitigen Arrangements aber auch mal von Kindergesang unterstützen. Mit dem Opener „Tanz alles, was du hast“, bringen die Sänger ordentlich Schwung in die Bude, bevor sie sich mit „Wir sind Maybebop“ ihren Hörern vorstellen und gleichzeitig die verschiedenen Stimmlagen erklären. „Gut für die Hyäne“ überzeugt mit Wortwitz und einer starken Botschaft, „Bundeskanzler*in“ macht deutlich, dass auch Kinder schon genau wissen, wie man die Welt zum Besseren verändern kann, und „Glaub an dich“ ist ein wunderbares Mutmachlied. Der Ärger mit dem „Wackelzahn“ wird ebenso besungen, wie die sich im Dialog mit ihren Kindern entwickelnde endlose Wunschliste in „Ich wünsch mir ganz schön viel“. Ein vorlauter Kakadu sorgt für „Stress im Urwald“, und „Puppenmama“ ist ein gerapptes Plädoyer für dem völlig sinnfreien Spaß am Klang bestimmter Wörter.
Passend zu den witzigen Karton-Kostümen auf dem Cover hat jeder der vier Maybebopper auch einen ganz eigenen Song. Bass Christoph ist als „Bagger“ der coolste auf der Baustelle und Tenor Lukas vertreibt in „Alles macht Bäm“ als Superheld sämtliche Schurken mit seinen Comic-Geräuschen. Bariton Oliver beschreibt im Sound der Neuen Deutschen Welle als „Roboter“ den leider viel zu durchprogrammierten Alltag mancher Kinder, und Countertenor Jan schwebt als „Flieger“ am Ende des Tages in einem traumhaft schönen Arrangement nochmal über die ganze Kinderkram-Welt.
Wenn zum Abschluss die letzten Töne des witzigen Schlaflieds „Schäfchen zählen“ verklingen, geht eine tolle und unterhaltsame musikalische Reise zu Ende, die bestimmt der ganzen Familie Spaß macht. Und wer vom „Kinderkram“ noch nicht genug hat, findet im Booklet jede Menge kleine Rätsel, Spiele und Ausmalbilder. Da kann man sich die Zeit im momentanen Lockdown ganz gut vertreiben – und sich nebenher darauf freuen, Maybebop mit den neuen Liedern hoffentlich irgendwann wieder live zu erleben!
Sie verspotteten die Polizei, zündeten die Schule an und besangen düster den Tod des Präsidenten. Sie ließen auf Partys den Flieger abheben, wollten Annemarie ficken, beschworen die Wonnen der Kleptomanie und die Abgründe des Kokains: Ende der 70er entdeckten fünf Jungs aus Hagen die Schönheit der 3-Minuten-Gitarrenhymne mit rotzig-subversiven Texten und eroberten bald darauf damit die Charts: Extrabreit, die Erfinder des deutschen Pop-Punks.
Mit dem melancholischen Album „Amen“ schien das Buch Extrabreit dann 1998 zu enden, aber die Tournee zum Abschied entpuppte sich glücklicherweise doch nur als Zwischenstation. Seit 2002 ist die Band wieder aktiv, spielte seitdem viel live und veröffentlichte 2005 das Album „Frieden“. Im selben Jahr zelebrierten die Breiten auch ihr 1.000 Konzert bei einem großen Open Air in ihrer Heimatstadt Hagen.
2008 erschien das bislang letzte Album „Neues von Hiob“, ein Nonstop-Trip durch alle Facetten des extrabreiten Musikuniversums – von melodischen Punk-Krachern bis zu düster-atmosphärischen Zustandsbeschreibungen.
Und 2020 – im ominösen Coronajahr – gibt es wieder voll auf die Fresse. Extrabreit rotzen los, als sei ihr Debüt erst gestern gewesen. Schon „Die Fressen aus dem Pott“ gibt den rockigen und frechen Weg vor. „Vorwärts durch die Zeit“ ist ein Versprechen in Richtung weiterer Heldentaten. Und „Robotermädchen“ funktioniert ebenso als SF-Punk-Märchen wie (mit „Westerland“-Rhythmen) als Hommage an die Ärzte.
„Meine kleine Glock“ und „War das schon alles“ atmen den Punk der Anfangsjahre, während „Sonderbar“, „Gib mir mehr davon“ und „Mary Jane“ die deutschrockige Seite des Quintetts zeigen. Frontmann Kai Havaii hört man die vier Jahrzehnte als Sänger der Band kaum an. Er klingt frisch und durchschlagkräftig wie eh und je.
Laut und gut – mit vielen Hymnen zum Mitsingen. Das sind Extrabreit 2020. Für den schnellen Genuss: „Auf Ex!“
Was Veröffentlichungen betrifft, sind Alte Bekannte ziemlich fleißig und haben knapp drei Jahre nach der Bandgründung schon ihr drittes Album am Start. Allerdings gab es ja leider dieses Jahr auch kaum Gelegenheit für die fünf Jungs, live auf der Bühne zu stehen, und so wurde die kreative Energie wohl vermehrt in die CD-Produktion gesteckt. Das Ergebnis heißt „Bunte Socken“ und bietet 15 neue A-cappella-Songs.
Wie bereits mit den Vorgängeralben geht die Reise weiter mit einem dicht arrangierten Pop-Sound auf technisch hohem Niveau. Leider fehlen in all der Perfektion oft die unterhaltsamen Überraschungsmomente, die für mich A-cappella- Musik ausmachen. Kaum ein Song kann beim ersten Durchhören auf Anhieb begeistern. Mit etwas mehr Ruhe und genauerem Blick auf die Texte erschließt sich dann durchaus das Potential von „Solang‘ ich noch was fühle“ oder des Titelsongs „Bunte Socken“. „Anfang und Ende“ klingt jedoch sowohl inhaltlich als auch musikalisch irgendwie kopiert und das ruhige „Gewöhnt“ ist zwar eine nette Ballade von Dän, aber es fehlt der Gänsehautfaktor.
Die Band musste zwischendurch auch noch einen Sängerwechsel verkraften, da Nils aus persönlichen Gründen ausgestiegen ist. Mit Friedemann Petter wurde ein neuer Tenor gefunden, der sich in den Arrangements gut einfügt und auch als Solist mit „Du hast mich in dich verliebt“ und „Nenn mir einen guten Grund“ eine passable Figur macht, aber zumindest rein akustisch nicht die charismatische Gute-Laune-Ausstrahlung von Nils ersetzten kann.
Zum Glück gibt es trotz allem ein paar Highlights. Bass Björn überzeugt mit dem lässigen „Leben und Leben lassen“ und Ingo macht mit „Nicht mein Zirkus“ eine kraftvolle Ansage. „Weniger ist Mehr“ mit Clemens im Leadgesang bezaubert mit einer tollen Begleitung in den Strophen und einer schönen Botschaft und „Das Leben“ ist eine wunderbare Dän’sche Philosophie frei nach John Lennon. Äußerst gelungen ist auch der Abschlusstitel „Wir würden tierisch gern noch bleiben“, mit dem Alte Bekannte sehr pointiert die missliche Lage fast aller Künstler in der Corona-Krise besingen.
Auch wenn „Bunte Socken“ für mich persönlich nicht mit dem Debüt der Band und vor allem nicht mit anderen aktuellen A-Cappella-Veröffentlichungen mithalten kann, werden Fans der Band sicher auf ihre Kosten kommen. Vor allem bleibt die Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft die neuen Songs auch wieder live ihr Potential entfalten können und spätestens dann ein paar Funken mehr überspringen.
Manchmal gibt es solche Neuaufnahmen, deren Sinn sich nicht sofort erschließt. Im vorliegenden Fall hat man Klassiker der Country-Legende mit einem aktuellen orchestralen Sound unterlegt. Nun gut. Das passt bei manchen Songs ganz gut, mich stört aber, dass The Royal Philharmonic Orchestra kaum zur Geltung kommt. Meist ist es so, dass die sanften Streicher und ähnlich dezente Klangelemente nur in den Pausen in voller Stärke zum Einsatz kommen. Das ist schade.
Die ungewöhnliche Kollektion vereint unsterbliche Klassiker wie „Man In Black“, „I Walk The Line“ und „Ring Of Fire“ oder Duette mit seiner Frau June Carter („The Loving Gift“), mit Bob Dylan („Girl From The North Country“), dem legendären Highwaymen-Quartett und dem inzwischen 82jährigen Gitarristen Duane Eddy, der für die aktuelle Version von „Farther Along“ nochmals famos in die Saiten griff.
Aus dem reichhaltigen Song-Fundus seines Vaters wählte John Carter Cash für dieses Projekt die Gesangsparts von zwölf tatsächlich Karriere-umspannenden Titeln aus. „Die tiefe Stimme meines Vaters hatte in gewisser Weise selbst immer etwas Orchestrales an sich. In seinem Timbre schwingen etwa vergleichbar Cello und Horn mit„, schreibt er in den Liner Notes zum Album. „Wäre er heute noch unter uns und sollte ein Orchester auswählen müssen, es wäre mit Sicherheit das RPO gewesen. Er kannte dessen Arbeit und respektierte sie Zeit seines Lebens. Ich weiß, dass mein Vater extrem erfreut darüber wäre, dieses neue Album in dieser Form Realität werden zu lassen. Und auch ich selbst bin äußerst stolz darauf.“
Wenigstens ist die Soundqualität der originalen Tracks sehr gut und hebt sich nicht allzu sehr von den glasklaren Momenten ab, die das Orchester zu bieten hat. Somit ist die 40minütige Zusammenstellung am Ende doch ganz homogen und stimmig. Ich hätte mir aber mehr Mut gewünscht, die akustischen Arrangements stärker zu umspielen und zu überlagern.
Pete Townshend sagte über das Album „WHO“, das im Jahr 2019 erschien: „Dieses Album enthält fast alle neuen Songs, die letztes Jahr geschrieben wurden, mit nur zwei Ausnahmen. Es gibt kein Thema, kein Konzept, keine Geschichte, nur eine Reihe von Songs, die ich (und mein Bruder Simon) geschrieben haben, um Roger Daltrey zu inspirieren, Herausforderungen und Spielraum für seine neu belebte Gesangsstimme. Roger und ich sind jetzt beide in gewissem Maße alte Männer, also habe ich versucht, mich von Romantik, aber auch von Nostalgie fernzuhalten, wo ich kann. Erinnerungen sind in Ordnung und einige der Songs beziehen sich auf den explosiven Zustand der Dinge von heute.“
Es ist ein durch und durch spannendes Album. Auch wenn man bedenkt, dass zwischen „Endless Wire“ und dem aktuellen Release 13 Jahre vergangen sind. Und das ist noch nichts gegenüber der davor liegenden Pause, die von 1982 bis 2006 reichte. Die lange Wartezeit hat sich aber gelohnt, denn The Who sind rockig und druckvoll. Ihre Musik ist einfach zeitlos. „WHO“ ist zwar kein Konzept-Meisterwerk. Stattdessen liefert uns die kultige Band ein mehr als solides Album mit ihrer deutlichen Handschrift. Und das ohne den Anschein, dass den „alten Herren“ einfach mal langweilig geworden ist. Im Gegenteil.
Roger Daltrey und Pete haben den Laden auch im hohen Alter noch im Griff und es ist ein Genuss, ihnen zuzuhören. Eine Besonderheit bei der neuen Veröffentlichung ist zunächst die aktualisierte Version von „Beads On One String“, die von Pete Townshend neu abgemischt wurde.
Auf der Bonus-CD gibt es sieben akustische Tracks von den einzigen Live-Shows der Band im Jahr 2020. Die Songs auf “WHO Deluxe & Live At Kingston” wurden in der Stadt Kingston am Valentinstag dieses Jahres aufgenommen, auf den Tag genau 50 Jahre nach der bahnbrechenden Show von The Who in Leeds, die zum berüchtigten Live-Album „Live At Leeds“ wurde. Eine sinnvolle Art, dieses Jubiläum zu feiern – wenn die Ausbeute mit sieben Songs und einem lustigen „Intro“ recht mager ausgefallen ist.
Mit der Veröffentlichung ihrer Single „Thank You For Everything“ ging im Dezember 2019 eine Ära zu Ende, als Sunrise Avenue in einer weltweiten Pressekonferenz ihre Auflösung bekanntgaben. Ihren Durchbruch hatten sie im Jahr 2006 mit dem Album „On The Way To Wonderland“. Es folgten fünf weitere Hit-Alben, ausverkaufte Tourneen, etliche Auszeichnungen und Edelmetall – Sunrise Avenue führten die Charts an und dominierten die Radioplaylisten. Ihr Megahit „Hollywood Hills“, geprägt von Samus sonorer Stimme, wurde allein in Deutschland über 300.000 Mal verkauft.
Bereits vor sechs Jahren gab es mit „Fairytales – Best of 2006–2014“ eine Greatest-Hits-Compilation der finnischen Band um ihr Aushängeschild Samu Haber. Mit diesem prominenten Sänger, der inzwischen seinen festen Platz in der deutschen Medienlandschaft hat, steht und fällt das Geschehen um die Band. Das wird auch deutlich, wenn man seine aktuelle Autobiografie „Forever Yours“ liest.
Nun also zum Abschied eine neue Zusammenstellung. Titel: „The very best of“. Nicht gerade originell, aber passend, denn es sind wirklich alle großen Hits vertreten – von „Fairytale Gone Bad“ und „Hollywood Hills“ über „Lifesaver“ bis hin zu „Heartbrak Century“ finden sich alle relevanten Singles und Radiohits in chronologischer Reihenfolge. Den Abschluss bildet der aktuellste Track mit dem bezeichnenden Titel „Thank You For Everything“, der in melancholischen Lyrics Rückschau hält.
Nach der Abschiedstour stehen die Zeichen vermutlich auf ein Soloalbum von Samu. Die Lust am Rampenlicht hat er jedenfalls nicht verloren. Das kann man momentan jeden Donnerstag und Sonntag bei „The Voice of Germany“ sehen. Die tiefe Stimme von Samu kommt jederzeit genial und das spiegelt sich in ruhigen wie rockigen Songs wider.
Schon der erste Song zeigt mir, warum die Reihe „Christmas With My Friends“ von Nils Landgren so erfolgreich ist: Er startet nicht etwa mit Posaune, Piano und Saxofon, um die Qualitäten der instrumentalen Mitstreiter herauszustellen, sondern gibt uns mit dem a cappella gesungenen „This Christmas“ einen wundervoll entspannten und atmosphärischen Einstieg. Landgren im Chor mit seinen Sängerinnen Sharon Dyall, Jeanette Köhn, Jessica Pilnäs und Ida Sand ist eine wunderschöne vokale Offenbarung. Gerade diese chorischen Elemente ziehen sich durch das ganze Album und bereichern es ungemein.
Die Christmas-Reihe des schwedischen Posaunisten ist auch in ihrer siebten Auflage ein wundervolles Klangerlebnis. Zwar voll von Soul- und Jazzklängen, aber nie zu verspielt, um die festliche Ruhe zu stören. Vor 14 Jahren versammelte Nils Landgren, Sänger und Fixstern der europäischen Jazzszene, erstmals seine engsten Weggefährten zu einem “Christmas With My Friends”, ging mit ihnen ins Studio und auf Tour. Und das Echo auf die fantastische Weihnachts-CD war so enorm, dass Landgren und seine Freunde seither alle zwei Jahre diese besondere Art, Weihnachten zu feiern, wiederholen. So sind die „Christmas With My Friends“-
Alben auch für mich fester Bestandteil einer persönlichen Weihnachtstradition geworden.
Diesmal schlägt er musikalisch den vielleicht weitesten Bogen seiner Karriere: mit 14 Liedern aus 14 Ländern. Man nehme nur Schuberts „Ave Maria“, das mit gezupften Mandolinenklängen und sanften Bläsern so heimelig klingt wie nie. Die Reise geht von Benjamin Brittens „Hodie Christus“ über Kirchen- und
Wiegenlieder wie das britische „Sweet Was The Song“ oder das polnische „Gdy sliczna Panna/Listen to my Lullaby“ bis zu fröhlicher Weihnachts-Weltmusik wie dem hymnischen, aus Russland stammenden „The Forest Raised A Christmas Tree“ oder dem bewegungsintensiven südafrikanischen „Sizalelwe Indodana“. Von nur im Ursprungsland Bekanntem wie dem finnischen „Sylvian Joululaulu“ bis zu Welthits wie „Feliz Navidad“ des Puerto Ricaners José Feliciano. Von Hommagen wie an den großen belgischen Chansonnier Jacques Brel bis zu eigenen Kompositionen von Johan Norberg und Eva Kruse.
Was alle Stücke gemeinsam haben, ist die unaufgeregte Herangehensweise. Selbst „Just Another Christmas“ im Bigband-Sound klingt noch sehr zurückhaltend und gibt vielleicht optimistischen Ausblick auf eine USA, die in Zukunft wieder ohne großes Gepolter auskommt.
Die Corona-Krise hat unser Zusammenleben mit “social distancing” grundsätzlich verändert. Umso größer ist die Sehnsucht nach den Werten und Freuden der Weihnachtszeit, nach Einkehr und Besinnlichkeit, nach Zusammenhalt und Freundschaft, nach einer die Welt umspannenden Liebe. Nils Landgren bietet solche Augenblicke mit seiner magischen Musik, die uns für einen Moment vergessen lässt, welche Widrigkeiten die Gegenwart mit sich bringt. Eine musikalische Umarmung voller Wärme und Wehmut!
Natürlich ist der Name der Autorin (Katha Strofe) ein ironisch gewähltes Pseudonym. Wie sie selbst sagt, hat das vertragsrechtliche Gründe: „Die Geheimhaltungsklausel in meinem Arbeitsvertrag sagt, ich darf dieses Buch nicht schreiben. Mein Gewissen sagt, ich muss dieses Buch schreiben.“ Die Autorin schreibt über ein Jahr, das sie an einer Berliner Brennpunktschule unterrichtet hat. Okay – das ist jetzt nichts unbedingt Neues. Wir wissen schon lange, dass die Schule in den Problemvierteln unserer großen Städte nicht unbedingt zu den Herzens-Arbeitsplätzen der Lehrerschaft gehören. Zumal wenn man damit rechnen muss, körperlich attackiert zu werden.
Hier geht es aber nicht um Schüler im Teenageralter. Vielmehr beschreibt die junge Lehrerin ihr Horror-Jahr in einer Grundschule. Man muss allerdings dazu sagen, dass Berliner Schüler in der Regel erst nach der sechsten Klasse zu einer weiterführenden Schule wechseln. Wir sprechen hier also durchaus von 11-12 jährigen, oder auch mal von 14jährigen, falls es entsprechende Vertragsverlängerungen aufgrund schlechter Leistungen gab.
Das Buch liest sich wie ein Tatsachenroman aus dem Milieu. Flott geschrieben und mit viel (Selbst-)Ironie und Sarkasmus. Die Lehrertypen bekommen ebenso ihr Fett weg wie diverse Schülergruppen (von Migrantenkindern über Inklusionsschüler und Lernunwillige bis hin zu den Strebern, die dafür gemobbt werden). Doch was ist die Quintessenz aus der Geschichte? Dass hier Hopfen und Malz verloren ist? Dass selbst die engagierteste Lehrerin nichts an dem kruden System ändern kann? Zumindest kann ich feststellen: Integration und Inklusion funktionieren nur, wenn man das entsprechende Personal und zeitliche Ressourcen zur Verfügung stellt. Wenn die Schulstunden „Deutsch als Fremdsprache“ ständig ausfallen, da die Deutschlehrerin Vertretungsstunden halten muss für Lehrer, die morgens im Stau stehen, aus Frust umdrehen und sich einfach krank melden – dann stellt man in einer Bemerkung gleich vier Fehler im System fest.
Ein Auszug aus dem Buch: „Die Geringschätzung der Kinder für ihre Lehrer ist enorm. Ich habe als Lehrerin das Gefühl, keinerlei Sanktionsmöglichkeiten gegenüber meinen Schülern zu haben. Nicht, dass ich die Kinder sanktionieren will – aber ich muss es, weil viele Kinder einfach keine Grenzen akzeptieren. Dafür gibt es etliche Gründe, die letztlich allesamt Resultat schwieriger Familienverhältnisse sind. Ich kenne schon nach meiner kurzen Zeit hier zahlreiche, wirklich erschütternd tragische Kinderbiografien. Mein Mitgefühl für diese jungen Menschen ist grenzenlos. Doch leider können ihre äußeren Umstände eben dazu führen, dass die Kinder überhaupt keinen Bock auf Schule haben und auch nicht deren Regeln befolgen.“
Mein größtes Problem mit dem Buch ist, glaube ich, dass man alle Seiten irgendwie verstehen kann: die Schüler, die ohnehin keine Chance in ihrem Leben sehen, den Direktor, der sich aus allem rausredet und die Schuld auf die Behörden schiebt, die Lehrerinnen und Lehrer, die ihr Programm entweder gnadenlos mit einem Strafsystem durchziehen oder irgendwann entnervt aufgeben – dazwischen vielleicht noch die, die sich irgendwie mit dem System arrangiert haben und sich einfach einen lauen Lenz machen.
Am Ende bietet auch die Autorin keine Lösung an. Vermutlich weil es keine gibt (zumindest nicht auf die Schnelle). Sie verlässt die Schule wieder und lässt uns im Nachhinein an ihren Erfahrungen teilhaben. Der Klappentext des Buches geht von einem Lerneffekt aus: „Lernen Sie, wenn schon die Kinder nichts lernen, wie man Problemschüler-Poker spielt, warum Lehrer und Schüler in der Schule die Mitarbeit verweigern, was Niveau-Limbo bedeutet, wie Rassismus in Kinderschuhen aussieht, weshalb Quereinsteiger schnell wieder gradlinig aussteigen, und wie die Politik durch beeindruckend schlechte Entscheidungen die Abwärtsspirale des Bildungssystems noch zusätzlich antreibt.“ Ich bezweifle aber, dass man am Ende wirklich schlauer ist. Der Roman ist unterhaltsam und voller schöner Anekdoten – und am Ende bin ich zumindest froh, dass „hier auf dem Land“ die Schulen noch halbwegs in Ordnung sind. Noch.