Mit den Konzerten von Trentemøller (DK) und Alli Neumann (DE) in der Elbphilharmonie stehen die ersten von 450 geplanten Live-Acts des diesjährigen Reeperbahn Festivals fest.
Für 2024 konzentriert sich das konzertante Geschehen in der Elbphilharmonie auf den Festival-Freitag, den 20. September 2024, an dem der Alternative-Electronic Künstler und die wunderbar wandelbare Pop-Durchstarterin mit ihren jeweiligen Bands besondere, eigens für diesen Rahmen konzipierte Shows auf die Bühne bringen.
Der in Kopenhagen lebende Produzent und Künstler Anders Trentemøller (DK) hat im Laufe seiner 25 Jahre andauernden Karriere über sechs Studioalben sowie zahlreichen Single- und EP-Veröffentlichungen einen eigenen und vielschichtigen Klangkosmos erschaffen. Seine atmosphärischen Soundscapes funktionieren jenseits von Stilkategorien und Erwartungen, enthalten dabei aber stets ansteckende Melodien, die sich wie ein roter Faden durch sein eklektisches Werk ziehen. Mit seiner fünfköpfigen Live-Band wird er bei seinem Konzert in der Elbphilharmonie ein immersives Erlebnis bieten, das sich aus den vielen Facetten der musikalischen Gegenwart speist und gekonnt die Grenzen zwischen Alternative, Dreampop und Shoegaze auslotet.
Sängerin, Songwriterin und Schauspielerin Alli Neumann (DE) ist eine musikalische Ausnahmeerscheinung: Es gelingt ihr wie kaum einer anderen Künstlerin zurzeit so elegant gesellschaftliche Themen, die ans Eingemachte gehen, mit Leichtigkeit, Witz und ansteckender Spielfreude zu verbinden. Mit ihren Alben „Madonna Whore Komplex“ und „Primetime“ hat sie enorm starkes Songmaterial und mit ihrer klassisch besetztenBand ein ideales Fundament, um ihre Qualitäten als Performerin voll ausleben zu können und damit wirklich alle im Publikum abzuholen. Das haben ihre Festival-Auftritte und Supportshows bei u.a. Coldplay eindrucksvoll bewiesen. Eigens für ihre Show in der Elbphilharmonie hat Alli mit „Alli Neumann in Flagranti“ ein spezielles Programm mit überraschenden Gästen entwickelt, das eines des Highlights des Reeperbahn Festivals 2024 zu werden verspricht!
Freitag und Samstag sind beim RBF traditionell die Tage, an denen man Konzerte in der wundervollen Elbphilharmonie besuchen darf. Und ich hatte das Glück, in diesem Jahr gleich drei Mal dabei sein zu können. Eigentlich hat man nur Anspruch auf einen Konzertbesuch dort, doch zwei Stunden vor Beginn kann jeder ganz spontan sein und sich am Ticket Desk des Festivals für etwaige Restkarten anstellen. Das lief diesmal recht gut und war vielleicht dadurch begründet, dass viele Zuschauer*innen den komplizierten Weg vom Festivalgelände zur Elphi scheuten, weil die U3 ausgerechnet auf dieser Strecke wegen Bauarbeiten gesperrt war. Sei’s drum – so gab es für mich neben Jeremias und Bruckner am Freitag auch noch den stimmgewaltigen Matt Corby am Samstag.
Der Freitag startete aber zunächst mit Annie Hamilton. Im Club Molotow war nämlich „down under“ angesagt und einige australische Acts gaben sich die Klinke in die Hand. Annie hat im Mai 2020 ihre Debüt-EP herausgebracht, kurz bevor die Pandemie so richtig durchstartete. Doch statt zu verzagen machte sie ihre Wahrnehmung des Lockdowns und die gesellschaftlichen Umbrüche zum Thema für den ersten Longplayer, der dann zwei Jahre später erschien: „The Future Is Here But It Feels Kinda Like The Past“ wandelt zwischen Dreampop und Indierock. Die Texte erzählen von Vergänglichkeit und unerwartetem Positivismus. Im Innenhof des Molotow erzeugten drei Gitarren einen ordentlichen Wall of Sound und Annie sang mit starken Vocals Songs wie „Dynamite“.
Ein flippiger Ansager ging zwischen den Acts ans Mikro um alle gebührend zu begrüßen und dem Australien-Thema einen roten Faden zu verleihen. Nette Witze waren das Ergebnis, beispielsweise vom Flughafen, wo man sich unter dem Schild AUSGANG direkt zuhause fühlte. Musikalisch lieferte dann Thelma Plum schönen Pop mit lauter Rhythmus-Fraktion. Beeindruckend war vor allem die Bassistin, die auch einen perfekten Backgroundgesang beisteuerte. Im Duett klangen die beiden großartig. Die Künstlerin Thelma Plum mit Aborigine-Background überzeugte mit emotionalem Folkpop.
Fotocredit: Festival Village by Florian Trykowski (RBF)
Im Festival Village gab es inzwischen die „Homeless Gallery“ zu bewundern. Ein Kunstprojekt, das von der Obdachlosenzeitung „Hinz & Kunzt“ initiiert worden ist. Obdachlose konnten ihre Vision eines Kunstwerks schildern, das ihre Lebenswelt und ihre Gefühle beschreibt, und eine KI hat dies in großformatige Kunstwerke verwandelt. Dass Ergebnis fand ich absolut beeindruckend – und alle Erlöse aus Katalogen, Postkarten und der Versteigerung der Bilder gehen an die Obdachlosenhilfe. Tolle Aktion, auch wenn man die Verwendung einer KI durchaus kritisch sehen kann.
Auf der Fritz-Kola-Bühne traten nun Girl Scout an, um ihre Musik mit hohem Spaßfaktor an die Festivalbesucher*innen zu bringen. Das Quartett aus Stockholm schuf mit drei Gitarren einen Sound zwischen punkrockig und chillig. Zwei Frauen waren mit an Bord, was wieder einmal den hohen weiblichen Anteil des Festivals bestätigte. Gut so! Songs wie die aktuelle Single „Bruises“ weckten die Menge aus dem Mittagsschlaf und machten uns bereit für neue Taten.
Fotocredit: Christian Hedel (RBF)
Am Reeperbus hörte ich mir erneut Brockhoff an, diesmal aber ganz anders als bei der rockigen Performance vom Mittwoch. Jetzt konnte man sie akustisch mit Gitarrenbegleitung erleben und es war eine ganz andere Sicht auf die Künstlerin, die nun melancholisch und balladesk rüberkam.
Dann aber auf in die Elbphilharmonie. Hier feierten Jeremias die Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Von Wind und Anonymität“, das just an diesem Tag erschienen ist. Wo kann man das schöner zelebrieren als vor zweitausend Menschen in der Elphi? Die Indie-Pop-Band brachte alle zum Tanzen und verwandelte die ehrwürdige Location in einen atmosphärischen, bisweilen mystischen Ort. Das war pures Konzertfeeling! Vor allem Gitarrist Oliver Sparkuhle legte sich mit seiner Performance schwer ins Zeug, auch wenn Sänger Jeremias Heimbach stets im Mittelpunkt stand. Besonders als er allein am Piano für Gänsehautmomente sorgte. Auch neue Stücke wie „Da für dich“ und „Julia“ wurden frenetisch bejubelt. Kein Problem, das neue Album an diesem Abend in den Mittelpunkt zu stellen. Nach dem wundervollen „Grüne Augen lügen nicht“ setzte der Frontsänger noch eins drauf und holte seine Cousine inklusive Cello mit auf die Bühne. Standing Ovations mitten im Set hat wohl auch die Elphi bisher selten erlebt. Genauso wenig wie den Ausflug des Sängers in die obersten Zuschauerränge zu „Mit dir kann ich alleine sein“. Das spanische Stück „Pasajero“ ließ die Location durch tausend Handylichter leuchten. Alles in allem eine magische Performance, bei der es einige Zugaben gab.
Im Hangar auf dem Heiligengeistfeld hatte sich jetzt Florian Künstler bereit gemacht. Auch er mit einem Album-Release am selben Tag, nämlich dem Debüt „Gegengewicht“. Florian ist ein ganz besonderer Mensch. Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Sein Song „Kleiner Finger Schwur“ kam quasi aus dem nichts und hat ihn in der Szene deutschsprachiger Songpoeten weit nach oben katapultiert. Es war kein Zufall, dass er ausgerechnet in der Festival Village auftrat, denn Florian unterstützt die oben erwähnte Homeless Gallery. Wenn man Künstlers Lebensweg anschaut, ist das verständlich. Er hatte drogenabhängige Eltern, wurde zum Pflegekind, war zeitweise selbst obdachlos und lernte soziale Berufe, um anderen Menschen zu helfen. Beim Konzert zeigte sich der Mittdreißiger als durch und durch sympathischer und bodenständiger Typ, der immer im Kontakt zum Publikum blieb. Florian ist ein Mann der ruhigen, sentimentalen Worte. Und er hatte zu jedem Stück eine Geschichte zu erzählen. Von seinem Leben als Pflegekind und der Liebe zu den Ersatz-Großeltern. Der Trauer um einen geliebten Menschen, die er in „Tausend Raketen“ besang. Die Textzeile „Wenn du jetzt glücklich bis“ wurde zum krassen Moment, denn die Zuschauer*innen schleuderten ihm diese entgegen und man konnte ihm das Glück ansehen. Auch schwierige Themen verschwieg er nicht und thematisierte in „Vergiss die guten Tage nicht“ eine zeitweilige Depression.
Wieder zurück in der Elbphilharmonie waren Bruckner mit zunächst elektronisch angehauchtem Indiepop am Start. Jakob und Matti Bruckner sind die Söhne eines Musiklehrers und haben sich inzwischen eine große Fangemeinde erspielt. Zuerst blieb es beim Synthiesound, doch mit Gästen wie Paula Carolina und Dominik Hartz kam Bewegung in die Sache. Zu „Josephine“ gab es hymnische Gitarren und schließlich wurde gar ein Streicherensemble aufgefahren. Die beiden Bruckners wollten die phänomenale Akustik der Elphi zeigen und standen zunächst als Duo, später mit der kompletten Band um ein einfaches Studio-Standmikro im Kreis und lieferten akustische Stücke aus ihrem Repertoire. Was für ein Sound – gerade im Verbund mit den Streichern! Selbst die Tourmanagerin durfte als Backgroundsängerin in Erscheinung treten. Der denkwürdige Abend endete dann mit einer Reihe tanzbarer Stücke. Die Elphi hat gebebt, das Publikum ging glücklich in die Hamburger Nacht.
Am Samstag musste ich mir dann erst einmal eine Pause gönnen, um die Eindrücke des Festivals sacken zu lassen. Als Erstes stand abends der Australier Matt Corby an – standesgemäß in der Elbphilharmonie. Sein psychedelischer Soul will Kraft und Hoffnung spenden. Dazu kam er wie ein bärtiger Hobbit barfuß auf die Bühne und gab sich seiner Passion hin. Er ist eine charismatische Erscheinung, ob er nun am Piano sitzt oder am Mikro steht. Die Begleitband war eine positive Begleiterscheinung, aber sie blieb dezent im Hintergrund und wurde nicht einmal namentlich vorgestellt. Matt war ohnehin kein Mann der großen Worte. Er freute sich über die ihm zuteil werdende Aufmerksamkeit, aber schwelgte nicht darin. Die Augen blieben meist geschlossen und er war tief in seine Melodien versunken. Krass fand ich den Wechsel durch die Oktaven – Matt kann in tiefem Bass ebenso bestehen wie in höchsten Sphären. Einen Akustikpart bestritt er ganz allein, was absolut ausreichte. Und danach gab es dreckigen Bluesrock – wie um die Vielfalt zu betonen. Was mir etwas gefehlt hat, war ein Ausschöpfen der Akustik im Saal. Matt Corby sang alles mit Verstärkung, dabei hätte er ruhig mal weg vom Mikro gehen können. Die Elphi trägt jeden Ton nach oben.
Als Kontrast sollten es jetzt in der Großen Freiheit 36 die Pretenders mit der 72jährigen Chrissie Hynde sein. Sie hatte eine junge Band im Gepäck, was ihr Alter noch betonte. Aber sollte das eine Rolle spielen? Ihre Performance war purer Rock’n’Roll wie in alten Zeiten. So als habe Alice Cooper hier sein weibliches Pendant. Es gab einige Unstimmigkeiten, da Chrissie sich nicht filmen lassen wollte und sich mit Zuschauer*innen in der ersten Reihe und auf der Empore anlegte. Das fand ich überkandidelt, aber so sind die Stars der Szene nun mal. Bis auf die Ballade „You Can’t Hurt A Fool“ gab es vor allem den üblichen Rocksound der Pretenders. Daran hat sich auch mit dem neuen Album nichts geändert. Einen Unterschied in der zeitlichen Einordnung mancher Songs konnte man nicht ausmachen. So war das Konzert zwar solide, aber der Musik-Ikone nicht unbedingt würdig.
Nebenan im Grünspan sollte mit Stimming und dem NDR Vokalensemble etwas ganz Besonderes zum Festivalabschluss warten. Größer konnten die Gegensätze kaum sein. Stimming ist bekannt für seine elektronische Kunst aus Beats und sphärischen Melodien. Das Ensemble hat sich eher der Klassik verschrieben. Kann man das verbinden? Man kann – in einer grandiosen Form. Die gewählten Stücke waren zwischen 40 und 400 Jahre alt. Der Chor aus acht Männern und acht Frauen interpretierte diese alte Musik, während Stimming passende Beats dazu komponiert hatte. Im Lauf der Nacht wurde die Kombination immer komplexer und ich musste vor allem den Chor bewundern, dass man den Takt noch halten und die Melodien harmonisch einbringen konnte. Das Konzept des Konzerts erzählte vom Zustand der Welt und war damit natürlich sehr traurig, von Naturgeräuschen mit dem Mund bis hin zu einem beklemmenden Schluss aus Lautmalereien des Krieges. Ein Bach-Choral wurde gesampelt und verfremdet, um das Wehklagen „O Traurigkeit, o Herzeleid“ noch zu steigern. Das Klangexperiment wurde zu Recht bejubelt und hat nachhaltig Eindruck hinterlassen.
So endete das Reeperbahn Festival 2023. Der nächste Termin steht schon fest: Das nächste RBF findet vom 18. – 21. September 2024 statt. Tickets sind ab sofort HIER zur vergünstigten Early-Bird-Rate erhältlich.
Heute Nacht ging das 18. Reeperbahn Festival zu Ende. Rund 49.000 Besucher*innen erlebten ein internationales Programm mit 475 Konzerten von 400 Bands und Künstler*innen aus über 40 Ländern und 180 Talks, Podcasts, Screenings, Ausstellungen und interaktive Angebote. Für die rund 4.000 Fachbesucher*innen standen über 350 Programmpunkte aus Sessions, Networking-Events, Showcases sowie Award-Verleihungen bereit.
Bei der diesjährigen Ausgabe präsentierte sich die internationale Musikwirtschaft mit starker Beteiligung u.a. aus USA, UK und Japan endgültig zurück auf dem Reeperbahn Festival, um im direkten Austausch des „People’s Business“ Musik Geschäfte zu machen, neue Talente zu entdecken und Netzwerke zu erweitern.
Entscheider*innen und Visionär*innen diskutierten die Frage, wie sich die Musik- und Kulturindustrie aufstellen muss, um zukunftsfähig zu bleiben. Die Erkenntnis der Notwendigkeit zu Veränderung fand übergreifende Zustimmung, da eine nachhaltige und diverse Musikwirtschaft von Konsument*innen und Publikum inzwischen zunehmend eingefordert und vorausgesetzt wird und somit im direkten wirtschaftlichen Eigeninteresse der Branche steht.
Für die nachfolgende Generation hielt das Programm des Reeperbahn Festivals zahlreiche Angebote mit zielgruppengerechten Themen bereit, u.a. mit dem digitalen Jugendfestival TINCON, zu dessen Auftakt am Mittwoch Reeperbahn Festival-CEO Alexander Schulz gemeinsam mit den TINCON-Gründer*innen Tanja und Johnny Haeusler die insgesamt 3.000 teilnehmenden Schüler*innen begrüßte und dafür warb, sich mit dem KulturPass u.a. eine Vergünstigung beim Ticketkauf für das diesjährige und das kommende Reeperbahn Festival zu sichern.
Beim neuen Recruiting Format Music People vernetzten sich am Donnerstagnachmittag im Festival Village 130 junge Talente, die Interesse an einer Laufbahn in der Musikwirtschaft haben, mit 30 Unternehmensvertreter*innen aus allen Bereichen der Musikindustrie zu Kennenlern-Gesprächen auf Augenhöhe.
Erstmals fand auch die Digital- und Gesellschafts-Konferenz re:publica im Rahmen des Reeperbahn Festivals statt, die künftig mit einer Zweitausgabe in Hamburg vertreten sein wird, zu der alle Besucher*innen des Reeperbahn Festivals Zugang haben.
„Wer hätte gedacht, dass wir im Windschatten des Millerntors eine solche Show mit diesem wunderbaren Zuspruch auf die Beine stellen konnten. Schon in den ersten Stunden kamen Erinnerungen an die erste re:publica in Berlin 2007 auf, bei der wir dachten: ,Das sollten wir wieder machen!‘ Danke an das re:publica- und an das Reeperbahn Festival-Team für das Vertrauen und diese wegweisende Premiere.“
– Andreas Gebhard, Mitgründer und Geschäftsführer der re:publica
INTERNATIONALER MUSIKPREIS ANCHOR AN ICHIKO AOBA VERLIEHEN
Die diesjährige ANCHOR-Jury um Songwriterin und Produzentin BANKS (USA), Produzentin, Songwriterin, Sängerin, Aktivistin und Schauspielerin Tayla Parx (USA), Songwriterin, Sängerin und Produzentin Katie Melua (GBR) sowie Produzent Tony Visconti (USA) besuchte am Donnerstag und Freitag im Gruenspan die Konzerte der sechs Nominees Berq (DEU), Daisy the Great (USA), Hannes (SWE), Ichiko Aoba (JPN), Paris Paloma (GBR) und waterbaby (SWE).
Nach langer Diskussion kam die Jury zu folgendem Schluss, der von Jurypräsident Tony Visconti verlesen wurde: “We, the jury, have chosen a winner who will crossover into several genres. Our winner comes from a long line of historic virtuosos. She also felt the need to compose music for her very specific talents. Our winner transported us to a timeless Japan and created her own universe with her skill and mastery of her art. Her music comforted us, it soothed us, and it brought us to tears. The winner of the 2023 ANCHOR Awards is: Ichiko Aoba!“
Der ANCHOR 2023 ist mit € 20.000,- dotiert, die von Reeperbahn Festivals Produktions- und Sponsoringpartner PRG für die technische Umsetzung der Live- und Tourneebedürfnisse der Gewinnerin aus dem Angebotsportfolio der Full Service Veranstaltungsagentur bereitgestellt werden.
KEYCHANGE INSPIRATION AWARD AN RAPPERIN EBOW VERLIEHEN
Die vom Reeperbahn Festival geleitete internationale Initiative Keychange, die sich für ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis in allen Bereichen der Musik einsetzt, verleiht den Keychange Inspiration Award an Persönlichkeiten, die einen außergewöhnlichen Beitrag zu einer gerechteren Musikbranche leisten. In diesem Jahr wurde die Auszeichnung an Rapperin Ebow verliehen, die seit Jahren gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie rappt und damit nicht nur die PoC- und Queer-Community in der Hip-Hop-Szene repräsentiert, sondern auch ein herausragendes Vorbild für die nächste Generation darstellt.
AUSBLICK UND VORVERKAUF FÜR DAS REEPERBAHN FESTIVAL 2024
Das nächste Reeperbahn Festival findet vom 18. – 21. September 2024 statt. Tickets sind ab sofort HIER zur vergünstigten Early-Bird-Rate erhältlich.
Während man ROCK AM RING immer wieder vorwirft, fast nur männliche Künstler auf der Bühne zu präsentieren, hat das REEPERBAHN FESTIVAL erneut eindrucksvoll bewiesen, dass es auch anders geht. Am Donnerstag durfte ich mit Senta, Wilhelmine, Antje Schomaker, Mathea und Lina eine grandiose Auswahl junger, deutschsprachiger Sängerinnen bewundern. Dazu war unter anderem die FLINTA*-Bühne im Club Indra geschaffen worden, wo das Musikhaus Thomann unter dem Motto „Here To Get Heard“ der Diversität einen Platz gab.
Startpunkt für mich war aber der Spielbudenplatz, wo die belgische Band Kids With Buns im Reeperbus auftrat. Das Duo Amber und Marie bezeichnet seine Musik als Bedroom Pop – und das trifft es wohl ziemlich genau. Es waren sehr melancholische Klänge, die da über den Platz hallten. Mit akustischen Gitarren wurde ein zweistimmiger Gesang begleitet, wobei eine der jungen Frauen stimmlich sehr kraftvoll unterwegs war, während man die leisen Töne der anderen kaum hören konnte. Dieser verträumte Indiepop mag in einem Club funktionieren, aber open air war die Geräuschkulisse des Publikums leider zu laut.
Der Club Indra ist ein geschichtsträchtiger Ort und es sind quasi „heilige Hallen“, die man betritt. Die Beatles traten dort erstmals am 17. August 1960 auf und spielten insgesamt 48 Nächte lang in der Location. Heute startete hier das Stelldichein starker weiblicher Stimmen mit der Berliner Sängerin Soukou. Gestartet ist die Künstlerin in ihrer Heimatstadt Bochum mit Gospel und Hip Hop, um dann ab 2007 mit zarten 19 Jahren die Clubs von Berlin als Ena Wild mit Techno und Elektrobeats zu erobern. Inzwischen hat sie wieder den Weg zum Soul zurück gefunden und überzeugte hier mit emotional kraftvollem Gesang, der von einem dominanten Schlagzeug begleitet wurde. Mit sympathischen Ansagen machte sie sich neue Freund*innen im Publikum.
Weiter ging es mit Senta, die manchen vielleicht noch unter dem Künstlernamen Oonagh bekannt sein könnte. Damals machte sie eher esoterische, fantasy-orientierte Musik, doch inzwischen hat sie die Metamorphose zum wohligen Pop geschafft. In der Setlist herrschte viel Melancholie und Nachdenklichkeit vor, doch es gab auch mitreißende, tanzbare Tracks. Stimmlich äußerst vielseitig sang sie von Müttern und Töchtern, interpretierte eine eingängige Hymne übers Frausein und erzeugte durchaus Mitsing-Stimmung im Indra. Der neue Titel „Hallo Angst“ wird im Oktober erscheinen. Interessante Idee, wie die Personifizierung der Angst zu ihrer Überwindung beitragen kann. Jedenfalls legte Senta hier einen beeindruckenden Auftritt hin, mit dem sie zeigte, dass sie sich als Künstlerin längst vom Oonagh-Projekt frei geschwommen hat.
Auf Wilhelmine hatte ich mich ganz besonders gefreut. Seit ich sie 2022 beim RBF im Club „Uebel und gefährlich“ gesehen habe, bin ich überzeugter Fan ihrer Musik – und natürlich enttäuschte sie nicht. Schon mit elf Jahren schrieb sie erste Songs. Sie trat als Straßenmusikerin in einer Coverband auf und machte recht früh in eigenen Liedern ihr Coming Out zum Thema. Die Performance im Indra war als „Secret Gig“ sehr kurzfristig angekündigt. Sie trat in kleiner Bandbesetzung ohne Schlagzeug auf. Wilhelmine gelang es, ihre Stücke wie eine aufmunternde Umarmung klingen zu lassen. Sie war authentisch und sang mit sanfter, klarer Stimme von den „Kleinen Dingen“ im Leben, vom „Schwarzen Renault“ der sie verfolgt und von Selbstliebe. Viele Songs wurden am Piano begleitet, was ihnen hohe Intensität verlieh. „Feuervogel“ mischte sie lyrisch mit „Du trägst keine Liebe in dir“ von Echt. Sehr gelungen! „Mein Bestes“ wurde der Frau gewidmet, die Wilhelmine groß gezogen hat ohne ihre leibliche Mutter zu sein, die neue Single „Paula“ für eine Freundin aus Kindheitstagen wurde zelebriert und ja, auch ihre Homosexualität war in manchen Songs Thema. „Nie wieder wegrennen“ ist eine selbstbewusste Standortbestimmung und der Coming-Out-Song „Meine Liebe“ wurde gemeinsam mit Sängerin AYMZ interpretiert, was auch für Wilhelmine ein besonderer Moment war. Im Rausgehen konnte ich zwei junge Frauen um die 20 hinter mir hören – eine mit Tränen in den Augen. „Was war das denn? Wie toll! Wie gut, dass wir geblieben sind.“ Absolut richtig.
Nebenan in der Großen Freiheit 36 war es dann Zeit für Antje Schomaker, eine alte Bekannte beim RBF. Nach dem hitzigen Indra war die Große Freiheit angenehm klimatisiert. Gut so, denn Antje brachte genügend heiße Atmosphäre mit. Sehr cool im Rüschenrock hatte sie eine formidable Rockband dabei und präsentierte viele Songs, die vom neuen Album (VÖ: 6.10.) stammen. In „Die Zeit heilt ’n Scheiß für mich“ ging es um Stalking und eine toxische Beziehung, in „Irgendwohin“ um eine spontane Fahrt ans Meer. Antje Schomaker verstand es, ihre Gefühlswelt perfekt auszudrücken und zu vermitteln. Zunächst war die Menge entspannt am Schwofen, doch mit dem Peter-Fox-Cover „Alles neu“ verwandelte sie den Club in einen wahren Hexenkessel.
Dann schnell zurück ins Indra, den hier war Sängerin und Rapperin Mathea aus Salzburg angesagt, die kurzfristig für Luna eingesprungen war. Das stand erst sein drei Tagen fest, was man der Performance absolut nicht anmerkte. Ein denkwürdiges Bühnenbild mit großem M auf der Bühne, das wie eine Maske wirkte. Und dann diese energische Performance. Mathea reappte und schrie ihre Zeilen, sang in tiefem Österreichisch für ein „Oaschloch“, konnte aber auch ganz ruhig werden, wenn es in einer Ballade um die Verliebtheit in den besten Kumpel ging. Das Triple Wilhelmine, Antje Schomaker und Mathea war in dieser Form einfach gigantisch. Das kann man nur auf dem „W-Festival“ erleben – oder aber beim RBF.
Und damit war ja noch nicht genug der starken Stimmen. Im Chikago Club durfte zu sehr später Stunde noch Lina von sich überzeugen. Sicherlich keine leichte Aufgabe, hat sie doch eigentlich ein recht junges Zielpublikum. Tatsächlich waren die ersten beiden Reihen auch von Teenagern eingenommen, die auf Linas Auftritt hin fieberten und das definitiv jüngste Publikum des Festivals bildeten. Lina hat im März ein sehr erwachsenes Album voller Urban-Pop-Elemente vorgelegt, das sie selbst als ihr musikalisches Tagebuch bezeichnet. Mit Mitte 20 tut sie ihr Bestes, um sich eine neue Zielgruppe zu erschließen und die mitgewachsenen Fans nicht zu verlieren. Dazu lieferte sie Songs wie „Lost Kids“, die mit viel Charisma durch eine autobiografisch angehauchte Geschichte führten. Neben den neuen Stücken gab es auch Klassiker wie „Ego“ und mit dem rockig-aggressiven „Lina was ist los mit dir“ und dem melancholischen „Wasser“ zwei sehr persönliche Songs zum Abschluss. Nach so viel geballter weiblicher Energie an einem Tag durfte man getrost den Weg ins Hotel antreten.
Sieben Künstler*innen, Musikunternehmer*innen und Projekte wurden am gestrigen Abend im Rahmen des Reeperbahn Festivals in Hamburg mit dem VIA, dem Kritiker*innenpreis der unabhängigen Musikbranche, geehrt. Mit den Preisen zeichnet der Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT) herausragende Talente aufgrund von Qualität, Neuartigkeit und unabhängig vom kommerziellen Erfolg aus. Moderiert von Nina „Fiva“ Sonnenberg, mit Porträtfilmen aller Nominierter, erstmals in der Geschichte des Preises einem Liveact sowie einer Rede der VUT-Vorstandsvorsitzenden Dr. Birte Wiemann feierte die Independent Branche zum nunmehr elften Mal im Hamburger Schmidts Tivoli.
Beste*r Newcomer*in: Brutalismus 3000
Bester Act: CATT
Bestes Album: CATT – „Change“
Bestes Label: 365XX
Bestes Label: Fun in the church
Bestes Experiment: Senseable Art – „Sprich mit mir“
Best New Music Business: Cyanite
VIA Sonderpreis: Friedel Muders
Einen Doppelsieg konnte dabei die Indie-Pop-Musikerin CATT mit nach Hause nehmen: Sie wurde sowohl als „Bester Act“ als auch für ihr Album „Change“ ausgezeichnet. Zu Tränen gerührt nahm die Künstlerin die Preise von Laudator Michèl M. Almeida entgegen, der das Album mit eingespielt hatte und CATT als Künstlerin ehrte, die dahin gehe, wo ihre Intuition sie hintreibt.
Das Berliner Duo Brutalismus 3000 wurde in diesem Jahr von der Jury zu den Gewinner*innen in der Kategorie „Beste*r Newcomer*in“ gewählt. Über die Preisträger*innen entscheiden sieben Fachjurys, besetzt mit ausgewählten Expert*innen, die repräsentativ für die Vielfalt der unabhängigen Musikbranche ein breites Spektrum an Genres, Hintergründen, Businesserfahrungen und Geschäftsbereichen vertreten. Brutalismus 3000, die selbst nicht vor Ort sein konnten, treten damit in die Fußstapfen der Rapperin Nashi44, die 2022 als Beste Newcomerin ausgezeichnet wurde und in diesem Jahr beim VIA als Liveact auftrat.
Einen Doppelsieg gab es in der Kategorie „Bestes Label“: Hier gewannen 365XX, das aus dem Blog „365 Female MCs“ hervor ging. Es hat das Ziel, FLINTA-Talenten eine passende Plattform und Raum zur kreativen Entfaltung zu geben. Die Auszeichnung ging ebenfalls an das 2015 als Schwesterlabel von Staatsakt gegründete Fun in the church. Laut eigenen Angaben veröffentlicht Fun in the church „Outernational Music For Interplanetary People“ und widmet sich damit dem Überwinden von kulturellen Abständen. Laut den Abstimmungsregeln des VIA gewinnen beide Kandidat*innen wenn es in innerhalb der Jury zu einer Pattsituation kommt. Die Preise wurden den Teams der zwei Labels von den Juror*innen Lars Lewerenz (Audiolith) und Nina Graf (Miu) überreicht.
Knut Schlinger, Fachjuror der Kategorie „Best New Music Business“ und Redakteur des VIA-Medienpartners MusikWoche, zeichnete Cyanite aus. Die Mannheimer Firma bietet ein KI-basiertes Tagging und Suche nach Musik, z.B. in sehr großen Katalogen, als Service an. Die VIA-Trophäe wurde von Jakob Höflich, Joshua Weikert und Markus Schwarzer aus dem Cyanite-Team entgegengenommen.
Zum „Besten Experiment“ wurden in diesem Jahr das Projekt „Sprich mit mir“ gewählt. „Sprich mit mir“ ist ein inklusives Musik- und Videoprojekt, bei dem u.a. mithilfe von Sprachcomputern ein Rap-Song samt Musikvideo entstanden ist. Matthias Strobel, Präsident des Verbandes MusicTech Germany und Fachjuror der Kategorie, würdigte das Projekt als eines, das die Rolle von Technologie als „enabler“ verdeutlicht und überreichte den Preis an das sichtlich gerührte Team des Vereins senseable art.
Den VIA-Sonderpreis für besondere Verdienste für die unabhängige Musikbranche ging in diesem Jahr an Indie-Urgestein Friedel Muders. Er steht im Jahr des 30. Geburtstags des Verbandes exemplarisch für die Unternehmen, deren Interessen der VUT vertritt: Kennzeichnend für VUT-Mitglieder ist neben ihrer Innovationsbereitschaft die Neugier, das trotzen von Widrigkeiten, Unternehmergeist, Flexibilität, Eigeninitiative und Gemeinsinn. VUT-Geschäftsführer Jörg Heidemann überreichte den Preis an den ebenfalls sehr gerührten Muders.
Jana Schiedek, Staatsrätin der Behörde für Kultur und Medien: „Die diesjährigen VUT Indie Awards machen besonders eindrucksvoll deutlich, wie vielfältig und großartig die unabhängige Musikwirtschaft ist. Kein Wunder, dass es in der Kategorie Bestes Label gleich zwei Gewinner gibt. Der VIA im Rahmen der VUT Indie Days ist eine absolute Bereicherung für das Reeperbahn Festival. Die heutigen Preisträgerinnen und Preisträger stehen stellvertretend für die engagierte, liebevolle und oft auch mutige Arbeit ganz vieler Menschen. Im Grunde haben die hier vertretenen unabhängigen Musikunternehmer*innen in ihrer Gesamtheit einen Preis verdient.“
„Wenn ein Award in die elfte Runde geht, sollte man meinen, dass man alles gesehen hat. Dass jedoch mit CATT eine Künstlerin mit gleich zwei Awards nach Hause geht und wir kurzerhand zwei Labels zum ‚Besten Label‘ gekürt haben, unterstreicht einmal mehr die Qualität der Nominierungen und die Agilität der Akteur*innen in der unabhängigen Musikwirtschaft. Ich möchte an dieser Stelle einen Dank an die Jurymitglieder aussprechen, die die wirklich harte Aufgabe hatten, über 500 sehr, sehr gute Nominierungen auf 17 Shortlist-Einträge und diese schlussendlich auf sieben Gewinner*innen herunterzubrechen. Ich gratuliere den Preisträger*innen und auch den Nominierten: Ihr seid es, die den ständig neuen strukturellen Herausforderungen der Branche unbeirrt die Stirn bietet. Solange das so bleibt, schaue ich zuversichtlich in die unabhängige Zukunft“, resümiert Dr. Birte Wiemann, Vorstandsvorsitzende des VUT.
Der VUT dankt insbesondere der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, Merlin und der GVL als Hauptförderer der Awards, dem Reeperbahn Festival, der GEMA, Phononet, allen VUT-Freund*innen und Unterstützer*innen sowie den Medienpartnern ByteFM, DIFFUS, Kaput Mag und MusikWoche. Aufgrund der Großzügigkeit eines Hamburger Musikliebhabers ist der VIA mit 10.000 Euro dotiert.
Leider kam ich so knapp in Hamburg an, dass ich die Opening Show im Stage Operettenhaus verpasst habe. Ohnehin dauert es jedes Jahr aufs Neue seine Zeit, bis man sich im Gewimmel auf dem Heiligengeistfeld und dem Spielbudenplatz zurecht gefunden hat. Hamburg wird in diesen Tagen jedes Mal zu einer Stadt voller Musik. Die Karte mit den Clubs und Spielstätten ist auf der App übersichtlich angeordnet, doch trotzdem kann das schon in eine ordentlich Rennerei ausarten. Zwischen Elbphilharmonie und Indra gibt es immerhin fast 500 Konzerte von gut 400 Künstler*innen aus 46 Nationen. Da kann man leicht den Überblick verlieren und sich trotz der Nutzung von S- und U-Bahnen die Schuhsohlen durchlaufen. Aber es lohnt sich! Schon am ersten Abend konnte ich mit Brockhoff endlich eine Künstlerin sehen, die schon lange auf meine Liste stand. Und auch die übrigen Acts waren absolut sehenswert.
Credit: Festival Village by Tom Heinke (RBF)
Ich startete meine Runde im Imperial Theater bei Annahstasia. Die Künstlerin aus Los Angeles hatte sich in der Kulisse des Krimi-Theaters platziert, wo normalerweise Stücke von Edgar Wallace gespielt werden. Eine gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre also vor großer Bücherwand. Annahstasia Enuke war allein mit Gitarre auf der Bühne. Ihr meditativer Songwriter-Folk erinnerte bisweilen an Tracy Chapman und war sehr melancholisch, bisweilen gar (im absolut positiven Sinne) weinerlich. Für sie war es – nach eigenen Worten – der Bühnentest für ihr kommendes Album: „Wenn die Songs euch gefallen, kommen sie drauf“. Annahstasia sang von Träumen, von New York und vom Freundlichsein. Das Stück „Power“ interpretierte sie komplett a cappella und überzeugte mit ihrer großartigen Stimme.
In der St. Pauli-Kirche gab es das musikalische Projekt von Moritz Krämer und Francesco Wilking unter dem Namen Artur & Vanessa. Die Musik war ebenso ungewöhnlich wie das Ambiente des Konzertraums. In der evangelischen Kirche hatte man hinten eine ordentliche Bar aufgebaut. „Refugees Welcome“ gehört wohl auch zum Credo des Gotteshauses, was ich sehr sympathisch fand. Die große akustisch ausgerichtete Band erzählte mit einfühlsamen Lyrics und sehr entspanntem Sound die konzeptionell angelegte Geschichte von Artur und seinen großen Plänen: Er will mit Vanessa einen Freizeitpark für alle gründen, denen ein neues Leben vorschwebt. Die Geschichte wurde grandios umgesetzt – mit Musikern an Violine und Querflöte, Saxofon und Trompete. Es gab verschiedene Sänger*innen und mehrstimmigen Gesang. Absolut passend für die Location. Und die Story zwischen Naivität und Leichtigkeit ist es absolut wert, auf diese Art erzählt zu werden. Indiepop vom Feinsten!
Credit: Artur & Vanessa by Marvin Contessi (RBF)
Für Brockhoff ging es dann in den Bahnhof Pauli. Der Club ist einer U-Bahnstation nachempfunden und wie geschaffen für eine organisch starke Performance. Die Sängerin aus Hamburg wird bald ihre zweite EP herausbringen. Laut und rockig lieferte die Band starke Riffs und Lina Brockhoff sang dazu mit melodischer Stimme. Absolut grandios, welche Power sie in ihren Auftritt legte. Das Publikum feierte vom ersten Song an und ließ sich auch von einer Ballade wie „Japanese Garden“ (inspiriert vom Hamburger Park „Planten un Blomen“) nur kurzzeitig zur Ruhe bringen. Das Heimspiel ist definitiv gelungen und sie hat das Festival im Sturm erobert.
Auf dem Spielbudenplatz gab es dann open air die elektronischen Klänge von Aera Tiret. Absolut groovy in ihrem extravaganten Mix, aber auf Dauer dann doch zu eintönig. So zog es mich eher zurück ins Imperial Theater, wo Sophie May inzwischen auf der Bühne war. Mit ihrem Folkpop ist die 23jährige Sängerin währen Corona zum Tik Tok Star avanciert. Die melancholischen Songwriter-Stücke lieferte sie allein an der Gitarre. Es gab den grandiosen Coversong „I Wish I Was A Single Girl Again“ und einen sehr skurrilen eigenen Text, der von einem Traum handelt, in dem Sophie ihren Bruder küsst. Musikalisch erinnerte sie mich an die guten Tage von Kate Nash. Dabei sang sie mit sehr feiner und melodischer Stimme.
Paula Hartmann hatte mittags schon für einen Secret Gig und zur Präsentation ihrer neuen Single einige „Schwarze SUVs“ auf die Reeperbahn gebracht. Ein Auftritt der so furios war wie ihre Performance nach Mitternacht im Mojo Club. Die Musik der 22-Jährigen Berlinerin ist trotz ihrer Verortung im Urban Pop sehr vielschichtig und dicht. Sie erzählt Großstadtgeschichten mit Rap und Dancefloor Beats. Zurecht wurde sie hier von Amazon Music als Breakthrough Artist präsentiert. Das Publikum feierte sie vom ersten Song an gewaltig ab. Sie trat ohne Band auf – der Sound kam vom DJ Pult – doch das tat der Stimmung keinen Abbruch. Sie lieferte aggressive Songs („Du hast uns kaputt gemacht“) und emotionale Ansprachen zu einer Zeit, in der es ihr nicht so gut ging. Paula Hartmann ist es schon mit wenigen Veröffentlichungen gelungen, sich vom deutschen Einheitspop zu emanzipieren: Ausgehend von ihrer Debütsingle „Nie verliebt“ zeichnet sie mit ihrer Musik und mit ihren Texten ein in sich geschlossenes Bild vom Durcheinander der Gefühle, der Sehnsucht nach Liebe und Nächten im Rausch. Damit war sie im Mojo goldrichtig.
Am Mittwoch wurde das 18. Reeperbahn Festival mit einer Opening-Gala im Stage Operettenhaus Hamburg eröffnet. Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher begrüßte die Gäste der Eröffnungsveranstaltung mit einer Ansprache, in der er die innovativen Ansätze des Reeperbahn Festivals würdigte, die von Hamburg aus die internationale Musikindustrie prägen.
Die Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth unterstrich in ihrer Rede die wichtige Rolle der Musikbranche und der Kultur- und Kreativwirtschaft bei der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft:
„Das Reeperbahn Festival präsentiert uns 2023 erneut die Stimmen und den Sound der Zukunft. Das betrifft nicht nur die vielen spannenden Newcomer*innen und die große Vielfalt an deutschen und internationalen Künstler*innen. Das Reeperbahn Festival ist als wichtiger Impulsgeber und größte europäische Plattform der Musikwirtschaft auch der ideale Ort für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Klimaschutz. Die Bundesregierung fördert daher in diesem Jahr auch die erste Nachhaltigkeits-Konferenz für die Musik- und Veranstaltungsbranche sowie die Erstellung der Klimabilanz des gesamten Festivals. Ich freue mich, wenn gerade auch viele junge Menschen das Reeperbahn Festival besuchen, um sich mit diesen Themen zu beschäftigen, Musik zu genießen, Künstler*innen zu entdecken und einfach zu feiern – gerne mit dem KulturPass, mit sich alle 18-Jährigen ein Festivalticket reservieren können!“
– Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien
Die von Hadnet Tesfai moderierte Eröffnungs-Show stand mit ihrem jungen, diversen und international besetzten Programm in diesem Jahr ganz im Zeichen der Fragestellung „What´s Next?“, die sich übergeordnet durch alle Angebote des Reeperbahn Festivals zieht und beleuchtet, welche Maßnahmen eingeleitet werden müssen, damit eine gesunde, resiliente und nachhaltige Gestaltung der Musikwirtschaft für die nachfolgende Generation gelingen kann.
Besonderes Augenmerk lag dabei auf Themen wie ökologischer Nachhaltigkeit, Nachwuchsgewinnung, Diversity, Awareness und der Schaffung sicherer Räume sowie der rasant fortschreitenden technologischen Entwicklung durch KI und ihren Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche der Musikwirtschaft.
Die live aus New York zugeschalteten US-Aktivist*innen Mari Copeny und AY Young teilten ihre praktischen Erfahrungen, wie man eine Bewegung in Sachen Klimaschutz erfolgreich in Gang bringt. Comedienne und Aktivistin Enissa Amani stellte ihr neues Programm vor und bewies, wie scharfsinnige Comedy Politik, Feminismus und Rassismus mit Unterhaltung vereinen kann.
“Es ist mir eine wundervolle Ehre, das diesjährige Reeperbahn Festival eröffnen zu dürfen. In Zeiten, in denen sich Menschen immer weiter voneinander entfernen und verlernt haben einander als gleichwertig zu betrachten, in Zeiten von großen Unruhen, großer Polarisierung und leider auch Kriegen, ist es schön gemeinsam, liebevoll und menschlich miteinander einen Abend zu verbringen sich zuzuhören und sich als Mensch aber auch als Gesellschaft neue Impulse und neue Inspiration zu holen.”
– Enissa Amani, Comedienne und Aktivistin
Die ANCHOR-Jury um Songwriterin Banks (USA), Songwriterin, Produzentin, Aktivistin und Unternehmerin Tayla Parx (USA), Songwriterin und Produzentin Katie Melua (GBR) sowie Produzentenlegende Tony Visconti (USA) stellte die diesjährigen Teilnehmer*innen des internationalen Musikwettbewerbs vor, die aus dem College-Rock-Duo Daisy the Great (USA), Soundscape-Architektin und Songwriterin Ichiko Aoba (JPN), Pop-Noir-Chanteuse Paris Paloma (GBR), dem Poeten und Songschreiber Berq (DEU), Songwriter Hannes (SWE) und der Bedroom-Pop-Formation waterbaby (SWE) bestehen. Die sechs Acts spielen am Donnerstag, den 21.09., und Freitag, den 22.09., ihre Shows im Gruenspan, bei denen die Jury sich unter das reguläre Konzertpublikum mischt, um am Samstag, den 23.09., im St. Pauli Theater im Rahmen der von Alexandra Maurer und Pelle Almqvist (The Hives, ANCHOR 2022-Jurymitglied) moderierten ANCHOR-Awardshow den diesjährigen Gewinner-Act zu küren.
Im Anschluss spielte das Indie-Trio Cassia (GBR), ANCHOR-Gewinner des Vorjahres, und berichtete über den Verlauf, den ihre Karriere seitdem genommen hat. Weitere musikalische Beiträge kamen von DJ Valentina Luz (BRA), Social Media-Ikone und Electro-Pop-Star INIKO (USA), der stimmgewaltigen jungen Sängerin GERD (SWE) sowie Arlo Parks (GBR, Foto), die mit ihrem kürzlich veröffentlichten zweiten Album „My Soft Machine“ ihren Status als herausragende Songwriterin ihrer Generation unterstrich und im Anschluss an die Opening Show im Stage Operettenhaus das offizielle Eröffnungskonzert des Reeperbahn Festivals spielte.
Reeperbahn Festival-CEO Alexander Schulz beschloss das Opening mit einem Appell an die Innovationskraft der Musikwirtschaft: “Die nachfolgende Generation hat eine sehr klare Vorstellung davon, wie eine fairere und gerechtere Welt aussehen soll. Dies schließt die Welt der Kultur genauso ein wie die Welt der Musik. Wir sollten ihnen zuhören, denn sie sind bereits unter uns und werden immer mehr!” und entließ die rund 1.200 Gäste in vier Tage voller aufregender neuer Musik.
Bereits am Vormittag startete im Festival Village das digitale Jugendfestival TINCON mit einem Angebot an Schüler*innen ab 13 Jahren, das neben Inhalten zur digitalen Lebenswelt der Jungerwachsenen auch Einblicke in die Musikwirtschaft vermittelt. Das Musikexportprogramm Wunderkinder | German Music Talent vereinte am heutigen Mittwochabend erstmals die Konzerte aller neun deutschen Teilnehmer*innen, zu denen in diesem Jahr BROCKHOFF, KUOKO, UCHE YARA, Orbit, ilayda, Get Jealous, Flawless Issues, Pablo Brooks und NEEVE gehören, die ihre Konzerte in den Spielstätten UWE, Häkken und Bahnhof Pauli unter dem Dach des Klubhaus St. Pauli spielten.
Das Konzert-Programm des Reeperbahn Festivals enthält in diesem Jahr rund 475 Konzerte von gut 400 Künstler*innen aus 46 Nationen. Das Programm für Fachbesucher*innen umfasst 130 Conference-Sessions, die sich eingehend mit den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit aus dem Blickwinkel der Musikindustrie befassen, dazu gehören neben ökologischer Nachhaltigkeit, dem Einfluss Künstlicher Intelligenz auch Nachwuchs- und Fachkräftemangel sowie soziale Verantwortung innerhalb der Musikbranche.
ANCHOR Nominees 2023 – Berq, Daisy the Great, Hannes, Ichiko Aoba, Paris Paloma und waterbaby!
Kaum ein Wettbewerb versinnbildlicht die Suche nach den besten neuen Acts auf dem Reeperbahn Festival wie der Internationale Musikpreis ANCHOR. Stellvertretend für die Festivalbesucher*innen mischt sich die ANCHOR-Jury unter das Publikum der Konzerte der sechs Nominees (Foto), von denen am Samstagabend, den 23. September, im Rahmen der ANCHOR-Awardshow im St. Pauli Theater schließlich der Gewinner-Act des Wettbewerbs gekürt wird.
In diesem Jahr hat das aus internationalen Musikfachleuten bestehende ANCHOR-Board sechs Nominees ausgewählt, die am Donnerstag, den 21. September, und Freitag, den 22. September, im Gruenspan um den ANCHOR-Award spielen:
Songwriter und Poet Berq (DEU), der mit seiner EP „Rote Flaggen“ gerade in aller Munde ist, das Duo Daisy The Great (USA), dessen gekonnte Mischung aus Indie-Pop und College-Rock bereits Ohrwurm-Singles wie „Record Player“ und „I Don’t Wanna Fall“ hervorgebracht hat, Songwriter Hannes (SWE), der die hohe Kunst beherrscht, mit eingängigen, aufs Wesentliche reduzierten Songs wie „Stockholmsvy“ die Herzen seiner Zuhörer*innen auf direktem Wege zu erreichen, die Multiinstrumentalistin Ichiko Aoba (JPN), deren detailreiche Songs, die in ihrer Heimat bereits auf neun kultisch verehrten Studioalben verewigt wurden, zwischen Popkultur und Soundtrack gern epische Formen annehmen, Songwriterin Paris Paloma (GBR), deren Pop-Noir-Perlen wie „labour“ gekonnt und poetisch Weiblichkeit, Romantik, Kunst und große Emotionen verhandeln und nicht zuletzt waterbaby (SWE), deren zeitgenössischer Bedroom-R’n’B und Alternative-Pop zur Veröffentlichung ihrer Debüt-EP „Foam“ beim renommierten Label SubPop geführt hat.
Klar ist bereits jetzt, dass die ANCHOR-Jury, bestehend aus Songwriterin, Poetin und Regisseurin BANKS (USA), Produzentin, Songwriterin, Sängerin, Schauspielerin, Aktivistin und Unternehmerin Tayla Parx (USA), Songwriterin, Sängerin und Produzentin Katie Melua (GBR), sowie Produzentenlegende und Jury-Präsident Tony Visconti (USA) auch in diesem Jahr keine leichte Entscheidung vor sich haben dürfte.
43 neue Bestätigungen gibt es zudem für das Konzert-Programm des Reeperbahn Festivals:
Allen voran das Electronic-, Funk-, Disco- und Folk-Duo Nu Genea (ITA), das den tanzbaren Sound seiner Heimatstadt Neapel gekonnt mir poppiger Deepness zu verbinden weiß, wie sie auf ihrem aktuellen Album „Bar Mediterraneo“ eindrucksvoll beweisen, während Rapper Symba (DEU) mit seinem Debüt „Symba Supermann“ mittels Punk-Attitude zeigt, wie man mit progressivem Sound und Style im deutsche Rap eine neue Kultur etablieren kann, die die Massen mitreißt.
Hauschka (DEU) hat mit seinem Score zum Remake von „Im Westen Nichts Neues“ in diesem Jahr einen Oscar für „Beste Filmmusik“ abgeräumt, was niemanden verwundert, der sein episches Schaffen, aus dem in zwei Jahrzehnten bisher zwei Dutzend Studioalben hervorgegangen sind, näher kennt.
Sängerin und Songwriterin Marie Bothmer (DEU) hat dank ihrer außergwöhnlichen Stimme und ihrem Mix aus R’n’B und Pop wie auf ihren Singles „Kater“, „Vollnarkose“ und „Bothmer Schloss“ im Handumdrehen die halbe Nation verzaubert, die nun sehnsüchtig auf ihr kommendes Album wartet – auf der Bühne des Reeperbahn Festivals gibt’s garantiert einen Vorgeschmack darauf!
AUSSERDEM BESTÄTIGT:
Levin Liam (DEU), ENNIO (DEU), Berq (DEU), Bernhoft (NOR), 3LENA (DEU), Ritter Lean (DEU), Victor Ray (GBR), Sorcha Richardson (IRL), Nils Keppel (DEU), TRÄNEN (DEU), James Hersey (AUT/USA), Die Selektion (CHE/DEU), Cameron Hayes (GBR), Lynks (GBR), GAST (DEU), SQF2000 (DEU), BIG SPECIAL (GBR), JUDI&COCHO (DEU), AGGRASOPPAR (FAE), Chazz Luck (DEU), Poundo (FRA), KID be KID (DEU), Veronica Fusaro (CHE), BEL (USA), Hanna Noir (DEU), Joelina (DEU), Alice DiMar (ITA), Nueve Desconocidos (ESP), Lorenzo Soria (ESP), Lady Banana (ESP), Eva McBel (ESP), Dakota Sluiten (ESP), Toflang (ESP), The Last Concorde (ESP), Lau (ESP), Dear Deer (FRA), Yolande Bashing (FRA), YMNK (FRA), LIN (DEU).
Leider wird der für Freitag, den 22. September, in der Elbphilharmonie angekündigte Songwriter FIL BO RIVA (ITA) aus gesundheitlichen Gründen nicht wie angekündigt auftreten können. Stattdessen wird das Indie-Pop-Duo Bruckner (DEU) spielen, denen mit ihren beiden Alben „Hier“ und „Zerrissen“, als Vorprogramm von CRO sowie auf zahlreichen Festivalbühnen bereits jede Menge Herzen zugeflogen sind.
In knapp sieben Wochen startet das 18. Reeperbahn Festival! Somit bewegt sich das Line-Up des diesjährigen Live-Programms ganz allmählich auf die Zielgerade zu. Auf der Homepage des Reeperbahn Festivals sind ab sofort die Spieltage einsehbar, aus denen hervorgeht, welche Acts an welchem Tag spielen.
Hierzu gehören auch die heutigen weiteren 60 Bestätigungen, zu denen Fuffifufzich (DEU) zählt, die dem Thema Lovesongs gekonnt mit exzentrischem Songwriting, treffsicherem Wortwitz und sphärischen Synthie-Sounds ein postmodernes Update verpasst, ohne auch nur einmal in Kitsch abzudriften.
Ursprünglich im Rap-Game gestartet, sprengt der Wiener Shootingstar Bibiza (AUT) mit seinem Sound inzwischen die Grenzen zwischen Trap und Indie-Rock zu erheblich Größerem, wie sein zweites Album „Wiener Schickeria“ belegt, auf dem auch sein aktueller Hit „Opernring Blues“ zu finden ist.
Seit Veröffentlichung ihrer Debütsingle „Salsa“ im Oktober 2021 gehört Rapperin Wa22ermann (DEU) zu den Acts im deutschen Rap, denen einhellig eine große Zukunft vorausgesagt wird – kein Wunder, denn ihre bisher erschienenen 808-getränkten Banger liefern feministische Punchlines straight outta Berlin, von denen alle nur eines wollen: Mehr!
Ihre unglaubliche Stimme hat Psychedelic-Soul-Sängerin Baby Rose (USA) bereits Vergleiche als „die neue Nina Simone“ eingebracht, was jedoch eindeutig zu kurz greift, denn ihr zweites Album „Through and Through“ ist ein Manifest der Verlorenheit, das perfekt in unsere Zeit passt, aber auch aus jeder anderen Epoche hätte stammen können. Der Inbegriff des Qualitätsmerkmals „zeitlos“ also.
AUSSERDEM BESTÄTIGT:
The Staves (GBR), Bush.ida (DEU), Ichiko Aoba (JPN), Angie McMahon (AUS), Arkan45 (DEU), Fred Roberts (GBR), AUGN (DEU), ilayda (DEU), Bala Desejo (BRA), Pavelo & Schnell (DEU), Bärchen und die Milchbubis (DEU), Cam Kahin (CAN), Luna Morgenstern (DEU/NLD), Sans Soucis (ITA/GBR), Prima Queen (GBR), Thelma Plum (AUS), Woody (FRA/GBR), Chinchilla (GBR), Ailbhe Reddy (IRL), Kaktus Einarsson (ISL), Tramhaus (NLD), The Terrys (AUS), Chalk (IRL), William The Conqueror (GBR), Boy Bleach (GBR), Moses Yoofee Trio (DEU), YIKES (SWE), Circe (GBR), The Garrys (CAN), Rahel (AUT), Fiio (AUT), Cousines like Shit (AUT), La Sécurité (CAN), Boogey The Beat (CAN), Noah Derksen (CAN), T. Thomason (CAN), Maggie Andrew (CAN), Dump Babes (CAN), Evil Ebenezer (CAN), Julie Doiron (CAN), Terry Uyurak (CAN), The Trade-Offs (CAN), Brandon Howard Roy (CAN), NYSSA (CAN), Haviah Mighty (CAN), STORRY (CAN), Naya Ali (CAN), Anda Morts (AUT), Paula Paula (DEU), Aera Tiret (DEU), Ellevator (CAN), Willie Stratton (CAN), Kyle McKearney (CAN), Wolf Saga (CAN), Kuzi Cee (CAN), Diner Drugs (CAN).
Wenn das Reeperbahn Festival vom 20. – 23. September St. Pauli und die Clubs rund um die Reeperbahn zum Epizentrum des internationalen Musikgeschehens für Fans und die Vertreter*innen der Musikwirtschaft aus aller Welt macht, geht es stets um mehr als die neueste Musik oder die beste Netzwerkoption. Die Musikbranche vereint wie kaum ein anderer Industriezweig seit jeher Wirtschaft und Unterhaltung mit allen elementaren politischen, gesellschaftlichen und sozialen Themen der Zivilgesellschaft, wie zuletzt in den Medien einmal mehr deutlich wurde.
Das Sessions-Programm befasst sich deshalb ganz besonders mit den Herausforderungen unserer Zeit und widmet sich auch in diesem Jahr wieder den für die Musikbranche drängendsten Themen, wie dem Einfluss von Künstlicher Intelligenz, Monopolisierungstendenzen und dem Nachwuchs- und Fachkräftemangel sowie der sozialen Verantwortung der Musikwirtschaft, die sich im Diskurs um Machtmissbrauch und Nachhaltigkeit akut niederschlägt.
Zu diesen Themenfeldern sprechen u.a. die folgenden frisch bestätigten Sprecher*innen: Charlotte Stahl (DEU, Head of Music Operations DACH, TikTok), berichtet als Expertin für digitale Transformation darüber, wie Musikschaffende TikTok am besten nutzen können.
Die Generaldirektorin der spanischen Verwertungsgesellschaft SGAE, Cristina Perpiñà-Robert (ESP) erläutert die jüngsten Entwicklungen des Streaming-Marktes und dessen Einnahme- und Verteilungs-Modelle.
Und zum Thema Recruiting, Diversity und Wertewandel erklärt LIVE OUT L!VE-Gründerin und -Geschäftsführerin Candace Newman (USA), wie man benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene zu einer Karriere im Live-Entertainment ermutigt.
Im Bereich Live-Entertainment teilt Folkert Koopmans (DEU, CEO, FKP Scorpio) in einer Keynote seine Sicht über den aktuellen Zustand des Festival-Marktes. Ben Mitha (DEU, CEO, Karsten Jahnke Konzertdirektion) spricht in einer Session über die Marktmacht der Stars.
Tourveranstalter (u.a. Die Toten Hosen) Kiki Ressler (DEU, CEO, KKT GmbH), E-Commerce Expertin Iris Bögeholz (DEU, COO, white label eCommerce GmbH) und Festivalleiter Rembert Stiewe (DEU, CEO, Festival Director, OBS, Glitterhouse) sprechen über die Auswirkungen, die Modelle wie Dynamic Pricing oder Social Ticketing auf den Ticketmarkt haben werden.
Mentale Gesundheit wird das zentrale Thema von Songwriter Clueso (DEU, Foto) im Gespräch mit seinem Manager Dr. Olaf Meinking (DEU, ebenfalls Manager von Marius Müller-Westernhagen und Berater von FC Bayern München-Trainer Thomas Tuchel) sein, in dem es um die Herausforderungen der Hochs und Tiefs von Künstler*innenkarrieren sowie über die besondere Beziehung zwischen Künstler*in und Manager*in geht.
AUSSERDEM BESTÄTIGT:
Jonathan Finegold (USA, CEO, Fine Gold Music), Vikram Gudi (GBR, Gründer, Elephant Music), Florent Clavel (CAN, Senior VP Creative Sync, Third Side Music), Henan Wensink (DEU, Owner, HenanX), Connie Edwards (GBR, CEO, Curation), Tom Putzki (DEU, Unternehmensberater), Maurice Xaver Klinge (DEU, Produktmanager, BigBen Interactive GmbH), Matthias Hornschuh (DEU, Komponist, Hornschuh-Musik, Initiative Urherrecht), Tine Theurich (DEU, CEO, Superunknown, Music Declares Emergency), Verena Bößmann (DEU, Head of Music, Dunstan Music), Sara-Lena Probst (DEU, Gründerin, BlackbirdPunk Consulting), Philipp Grefer (DEU, Co-Gründer, WISE), Megan-Louise Doyle (USA, CEO, Italians Do It Better), Florian Kreier aka Angela Aux (DEU, Künstler*in), Alona Dmukhovska (UKR, Head, Co-Gründerin, Music Export Ukraine), Oles Volinchik (UKR, Künstler), Alona Ivanova (UKR, Künstlerin), Oleksandr Yarosevynch (UKR, Künstler), Alexei Volinchik (UKR, Künstler), Lisa Canehl (DEU, Managing Director, Apple Tree Garden Festival), Michal Kascak (SVK, Managing Director, Pohoda Festival), Yalda Yazdani (IRN, Ethnomusikologin, Universität Siegen), Sadiqa Madadgar (AFG, Sängerin), Kees van Weijen (NDL, Vorsitzender, STOMP), Marit Posch (DEU, CEO, IDOL Deutschland).
Der Sommer und die damit verbundene Festival-Saison sind im vollen Gange und dennoch liefern wir heute 44 Gründe, sich bereits jetzt auf den Herbst zu freuen: Hier kommt eine weitere Welle frisch bestätigter Acts für das diesjährige Reeperbahn Festival, das vom 20. bis 23. September stattfindet.
Sängerin und Liedermacherin AVEC (AUT) überzeugt mit einer künstlerischen Tiefgründigkeit, die wie gemacht erscheint für diese Zeiten: Mit ihrem zarten Timbre verbindet sie perlende, melancholische Melodien mit schweren Themen wie Leben und Tod, toxische Beziehungen und Sehnsüchte, dargeboten in einer aufs Wesentliche reduzierten Form, wie die Songs ihres jüngsten Albums „Homesick“ hervorragend belegen.
Eine unwiderstehliche Collage aus Psychedelia, Krautrock und Dream Pop servieren Temples (GBR) und haben sich damit den Ruf als eine der einfallsreichsten Rockbands zurzeit erspielt. Auf dem Reeperbahn Festival stellt das Quartett sein neues Album „Exotico“ vor, das die Band auf einem weiteren Höhepunkt ihres Schaffens zeigt.
Maddie Zahm (USA) formt Themen, die ihr Angst machen, zu großen Songs mit hohem Identifikationspotential. Wie auf ihrer Hitsingle „Fat Funny Friend“ und ihrer Debüt-EP „You Might Not Like Her“ bietet sie einen größtmöglichen Einblick in ihr Seelenleben und macht ihre Verletzlichkeit zu einer ungeheueren Stärke.
Außerdem bestätigt:
Jazmin Bean (GBR), Gretel Hänlyn (GBR), Entran de L’Aïr (NER), Blumengarten (DEU), English Teacher (GBR), BROCKHOFF (DEU), Flawless Issues (DEU), Sophie May (GBR), KUOKO (GER), Zaho de Sagazan (FRA), Bon Enfant (CAN), Silvan Strauss (DEU), Keir (GBR), Bob Vylan (GBR), TJARK (DEU), Kelsy Karter & The Heroines (NZL), Dottie Andersson (GER/SWE), Maple Glider (AUS), PÆRISH (FRA), Jessica Winter (GBR), Kathryn Joseph (GBR), Kids Return (FRA), Ny Oh (USA/NZL), Bandit Bandit (FRA), Lucky Lo (SWE/DEN), Cucamaras (GBR), ADOY (KOR), UTO (FRA), Uzi Freyja (FRA), Soft Loft (CHE), Mise en Scene (CAN), KOIKOI (SRB), Dirty Sound Magnet (CHE), Walkaways (ISR), The Omnific (AUS), Lil Cherry & GOLDBUUDA (KOR), Glen Check (KOR), Mother’s Cake (AUT), Future Static (AUS), Shell Beach (HUN), cotoba (KOR)
Und es ist natürlich nicht nur die Reeperbahn. Jährlich Ende September wird Hamburg seit vielen Jahren zur Musikhauptstadt der Welt. Das merke ich allein schon durch die Frequenz an Promoter*innen, die mir Auftritte ihrer Acts ans Herz legen oder ganz allgemein darauf hinweisen, dass sie in Hamburg zu finden sein werden. Kein Wunder, denn das Reeperbahn Festival ist nicht nur das vermutlich größte Clubfestival der Welt (diesmal mit 40.000 Besuchern und über 400 Konzerten in unzähligen Locations) sondern auch Dreh- und Angelpunkt der Musikindustrie mit einer großen Menge an Fachbesucher*innen, die das Event als große Messe wahrnehmen und neben den Events auch an Vorträgen sowie Diskussionen verschiedenster Art teilnehmen. Das alles in einer Branche, die es so nötig hat wie nie.
Das Reeperbahn Festival hat sogar in den Jahren stattgefunden, als alles still gelegen hat. Klar musste man in den letzten beiden Jahren die Besucherzahl zurückfahren. Das ausgeklügelte Hygienekonzept war aber vorbildlich, wurde europaweit viel beachtet und später auch kopiert. Jetzt ist wieder Normalität eingekehrt. Und das Renommee des Festivals sorgte im Jahr 2022 vier Tage lang dafür, dass die Clubs nicht – wie so oft im Moment – mit gähnender Leere glänzten sondern aus allen Nähten platzten.
Okay. Das konnte auch mal nervig sein, wenn die Schlange zu lang war, um noch mit guten Chancen zum gewünschten Konzert eingelassen zu werden. Doch die Menschen waren gelassen. Man blieb entspannt und stillte seinen Konzerthunger am Ende einfach da, wo noch Platz war. Notfalls open air auf dem Heiliggeistfeld oder dem Spielbudenplatz, wobei letzterer sogar dem Publikum ohne Bändchen offen stand, also den Menschen, die einfach ein wenig Festivalluft atmen wollten. Auf jeden Fall ein feiner Zug der Veranstalter!
Zum Programm und den Highlights:
Die größten Überraschungen gab es gleich zu Beginn. Ich nenne mal Kraftklub, die als Überraschungsgäste des Festivals dezent die komplette Reeperbahn mit ihrer Bühne blockiert haben und dann auch drastisch eskaliert sind. Gastauftritte von Casper und Bill Kaulitz inklusive.
Vorher hatte schon das „Opening“ im Stage Operettenhaus für Furore gesorgt, als plötzlich Udo Lindenberg, der frisch gebackenen Ehrenbürger der Hansestadt, auf der Bühne stand. Den hatte nämlich Jan Delay bei seinem Opening-Auftritt kurzerhand im Schlepptau. Überhaupt war das Opening ein Megaevent mit Momenten zum Jubeln, zum Träumen und zum Innehalten. Abgesehen von den oben genannten Herren war die Eröffnung dabei übrigens fest in Frauenhand. Somit setzte das RBF durchaus ein Zeichen, war doch in den letzten Monaten viel Kritik an männerlastigen Events wie „Rock am Ring“ laut geworden. In Hamburg hatte man fast das Gefühl, Carolin Kebekus hätte das Booking übernommen – so viele weibliche Acts waren zu finden.
Die Frauenpower startete mit der wundervollen Ellie Goulding, die neben ihren Songs auch eine bewegende Rede zum Zustand der (Musik)Welt hielt. Natürlich konnte man den Ukraine-Krieg nicht verschweigen. So trat die Rapperin Alyona Alyona auf, die 2019 den ANCHOR Award gewonnen hatte und leitete über zu einer bewegenden Rede von Natalia Klitschko, die in ihrer Keynote von den Auswirkungen des Krieges auf die Kultur berichtete, aber auch von der Stärke, die ein unterdrücktes Land im kulturellen Austausch gewinnt. Es folgten Performances von Zoe Wees, dem Cast des Musicals „Hamilton“, das in Kürze ebenda im Operettenhaus starten wird, und von besagtem fulminantem Duo Jan & Udo.
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Gerade aus dem Veranstaltungssaal getreten, konnte man dann Kraftklub mitten auf der extra gesperrten Reeperbahn entdecken. Was für eine Show, die allen Menschen rundum sagte: „Wir sind hier. Das Festival ist gestartet.“ Da passte ein Song wie „Ich kann nicht singen“ natürlich wie die Faust aufs Auge. Nicht schön, aber selten, war die Devise. Oder besser: Authentisch, rau und bodenständig. Zu „Wenn du mich küsst“ erschien plötzlich Casper als Feature-Gast auf der Bühne und später gab sich auch Bill Kaulitz von Tokio Hotel die Ehre, der ein Teil der ANCHOR-Jury 2022 war.
Jetzt konnte das Festival richtig losgehen und Highlight reihte sich an Highlight.
Da wäre ClockClock, definitiv die Band der Stunde. Mit „Brooklyn“ (einem Feature bei Glockenbach) und seinem Megahit „Sorry“ sprengt der Pfälzer Bojan Kalajdzic momentan jede Radioplaylist. Im glanzvollen Spiegelzelt zeigte er zudem eine große Nähe zum Publikum und legte einen absolut sympathischen Set hin.
Anaïs, deutsche Nachwuchskünstlerin mit belgischen Wurzeln, stellte den Mojo Club auf den Kopf. Sie traf in Klang und Text einen emotionalen Nerv, den andere oft genug verfehlen. Eine echte Powerfrau mit betörender Präsenz.
Der britische Rapper Loyle Carner gab schließlich das offizielle Eröffnungskonzert des Festivals im STAGE Operettenhaus vor 1.200 Zuschauern. Neben den Konzerten in der Elbphilharmonie sicher das größte Einzel-Event des Festivals.
Zum Abkühlen gab es dann mittwochs noch Charles Watson im Bahnhof Pauli. Solche Clubkonzerte sind das Salz in der Festivalsuppe. Dieser Mann der leisen Töne war ganz allein mit Gitarre auf der Bühne und lieferte einen melancholischen Abschluss des Mittwochs.
Tags drauf gaben sich die Schweden von Mando Diao im Saturn, dem großen CD-Laden am Hauptbahnhof. die Ehre und lieferten einen kleinen Acoustic Gig zu zweit. Auch wenn Gustaf Norén nicht mehr dabei ist, macht Björn Dixgård doch einen klasse Job am Mikro. Seine tiefe Stimme ging durch Mark und Bein. Es gab neue Stücke wie „Stop The Train“ und zum krönenden Abschluss den Superhit „Dance With Somebody“ in einer genial reduzierten Version.
Sebastian Madsen ist ja neuerdings solo unterwegs und veröffentlicht in Kürze sein Debüt. Gebucht wurde er als Ersatz für einen ausgefallen Act erst zwei Tage zuvor. Um so besser war seine Performance. Multiinstrumentalistin Anne de Wolff begleitete ihn und seine Band. Es gab Songs wie „Sei du selbst“, das normalerweise von Drangsal gefeatured wird, und „Baby, ich liebe dich“ in einer schönen Version für Klavier und Violine.
Annie Chops ist mir schon 2021 äußerst positiv aufgefallen. Und diesmal legte sie noch einen Zahn zu! Open Air auf der Spielbude verzauberte sie ihr Publikum mit einer fulminanten One-Woman-Show. Gitarre und Loop Station waren am Start – dazu eine mitreißende Performance. Annie ist leidenschaftliche Straßenmusikerin. Und so machte sie halt die Bühne zu ihrer Straße und brachte die Reeperbahn zum Tanzen. Von Soul bis Hip Hop war alles dabei und es gab erstmals zwei deutschsprachige Stücke: „Eins durch zwei“ und „Verlieben zählt nicht“. Stand ihr gut!
Danach feierten KLAN im Bahnhof Pauli einen ordentlichen Abriss mit fettem Sound. Stimmung, Spaß und gute Laune vor vollem Haus. Stefan und Michael Heinrich haben es vom Kirchenchor über das Straßenmusikerdasein bis zum profilierten Musikerduo geschafft und man muss sie im Auge behalten. Das Duo ist gekommen, um zu bleiben.
Zu nächtlicher Stunde ging es in die St. Michaelis Kirche, den berühmten „Hamburger Michel“. Dort spielte die Band HUNDREDS mit dem Ensemble Berlin Strings. Die Atmosphäre in diesen heiligen Hallen ist ohnehin immer ganz besonders. Die Akteure erzeugten einen wundervollen Sound zwischen atmosphärischem Elektropop und knallharten Techno Beats. Das hat der ehrwürdige Michel vermutlich noch nicht oft erlebt.
Auch freitags gab es nach einigen kleineren Konzerten wieder ein Highlight im Michel: Manuel Bittorf aka Betterov hatte sich eine illustre Schar von Gästen eingeladen. Neben einem klassischen Ensemble gab es an den Vocals auch Novaa, Paula Hartmann, Fil Bo Riva und den sensationellen Olli Schulz. Vor allem die gefühlvollen Momente schlugen voll durch. Olli Schulz stimmte extra für Manuels Papa, der großer Springsteen-Fan ist, „No Surrender“ an. Und zum Schluss traf er mit „Als Musik noch richtig groß war“ den Nerv aller Anwesenden.
Dann ging es zu dem ersten von zwei Konzerten in die Elbphilharmonie. Was für ein Haus, was für eine Kulisse, was für ein Sound! Die britische Soul und R&B Künstlerin Joy Crookes, die gerne mal mit Amy Winehouse verglichen wird, legte einen gefühlvollen Set hin und war stets in gutem Kontakt zum Publikum, das durchweg an ihren Lippen hing. Sie trat selbstbewusst, aber gar nicht divenhaft mit großer Band auf, konnte aber ganz zum Schluss allein am Piano die meisten Herzen für sich gewinnen.
Tags drauf waren es die belgischen Klangkünstler Warhaus, die die Elbphilharmonie beseelten. Maarten Devoldere hat mit seiner rauchigen Stimme, die stets ein wenig an Nick Cave erinnert, früher schon der Band Balthazar vorgestanden. Jetzt gab er dem Bandprojekt Warhaus ein Gesicht, das mit endlosen Klangcollagen und verspielten Instrumentalpassagen überzeugte. Zum Ende hin gab es per Loop-Verstärkung ein Soundgemälde epischen Ausmaßes, bei dem Künstler und Publikum nur die Luft anhalten konnten, bevor riesiger Jubel losbrach.
Damit ging für mich ein phänomenales Festival zu Ende. Ich will aber nicht die Berliner Künstlerin Wilhelmine unerwähnt lasen, die zuvor im Club „Uebel und gefährlich“ ein einstündiges Konzert gab. Ihre anfängliche Unsicherheit überspielte sie mit viel Energie und war mega sympathisch. Songs wie „Komm wie du bist“, „Meine Liebe“ und „Das Mädchen mit der Latzhose“ zeugten von Popmusik, die etwas sagen möchte. Durch authentische Ansagen gelang ihr das mit Bravour.
Das Reeperbahn Festival lebt von seiner Vielfalt. Ironischer Schlager, Pop, Soul, Indie auf der einen Seite, Alternative Rock, Rap und Metal auf der anderen. Für jeden ist etwas dabei und Überraschungen gibt es viele. Vermutlich kann sich jeder Besucher seine eigene Geschichte von Highlights und Neuentdeckungen spinnen – und das ist gut so. Das Herz der Musikwelt schlägt jeden September für vier Tage in Hamburg. Vom 20.09.2023 bis 23.09.2023 ist es wieder soweit. „Early Bird Tickets sind“ bereits erhältlich!
Der Freitag auf dem Reeperbahn Festival hatte einige Highlights aus dem Newcomer-Bereich zu bieten. Batbait aus Zürich sind eine all female Band mit kantigem Punkrock. Laute, schrammelnde Gitarren beschallten den Spielbudenplatz.
Rund um den Spielbudenplatz wurde es musikalisch – wie immer beim Reeperbahn Festival – sehr vielseitig. Kurzfristig war Sebastian Madsen als Act eingesprungen und belebte den Bahnhof Pauli.
Das sind die kreativsten, spannendsten und tollsten Festivals aus ganz Deutschland
Zwei zähe Corona-Jahre liegen hinter allen Festivals und denen, die Festivals so lieben. Umso magischer fühlte sich der Sommer 2022 an: Es ist der erste richtige Festivalsommer nach pandemiebedingter Zwangspause – nach dem Andersmachen und Durchhalten. Im Rahmen des Reeperbahn Festivals fand am Donnerstagabend, den 22. September 2022, die Verleihung des Helga! Festival Awards im Neo House im Festival Village auf dem Heiligengeistfeld statt. Der Preis zeichnet die besten Festivals Deutschlands in jährlich wechselnden Kategorien aus und die diesjährigen Gewinner*innen des Helga! Festival Awards heißen:
Open Flair – Bestes Festival (Public Voting)
lunatic Festival – Feinstes Booking (Jury-Entscheid)
Futur 2 Festival – Grünste Wiese (Jury-Entscheid)
Orange Blossom Special – Wohligstes Gewerkel (Jury-Entscheid)
SNNTG Festival – Gemischteste Tüte (Jury-Entscheid)
Skandaløs Festival – Schönstes Miteinander (Jury-Entscheid)
Wie für den Helga! Festival Award üblich entschieden über 8.000 Festival-Fans über das Gewinner-Festival in der Kategorie Bestes Festival. Anders war nur der Abstimmungsprozess: Um allen Festivals – sowohl den Großen als auch den Kleinen – eine faire Chance zu geben, galt jede Stimme jeweils im Verhältnis zur Festivalgröße und der Anzahl aller abgegebenen Stimmen. Die Preisträger*innen der weiteren Kategorien kürte eine 30-köpfige Fachjury, die aus Festival-Insider*innen, Branchen-Profis, Verbandsmitgliedern und Künstler*innen bestand. Zur Orientierung bewertete die Jury in diesem Jahr unter anderem folgende Kriterien: Kreativität in der Programmauswahl, Arbeitsbedingungen, Nachhaltigkeit der Konzepte, Einbindung der lokalen Anwohner*innen sowie nach Maßnahmen für Diversität und Inklusion.
Evelyn Sieber, Head of Sales & Partnerships beim Reeperbahn Festival: „Die Wichtigkeit gerade dem Festival-Zweig der Musikindustrie mit dem Helga! Festival Award eine besondere Ehrung zuteilwerden zu lassen, ist zum aktuellen Zeitpunkt mehr als offensichtlich. Es ist uns eine besondere Freude, diese miteinander auf dem Reeperbahn Festival erleben zu können.”
Deidre Weiss-Laughton von Eskapaden Booking und Laudatorin beim diesjährigen Helga! Festival Award: „Ich möchte mich herzlich bei allen Festivals bedanken – für den Mut und das Durchhalten habe ich größten Respekt. Das letzte Jahr war für Festivals besonders hart; bei vielen ist das Personal weggebrochen, andere haben mit finanziellen Problemen zu kämpfen und von der Perspektivlosigkeit, die die letzten beiden Jahre herrschte, möchte ich gar nicht anfangen zu reden. Daher gehören heute alle Festivals gefeiert.”
Die Preisverleihung moderierten in diesem Jahr Johannes Jacobi von Höme – Für Festivals und Musikerin Leona Lenßen. Neben der LiveKomm ist Höme ein wertvoller Partner des Helga! Festival Awards.
Nominierte und Gewinner*innen des diesjährigen Helga! Festival Awards:
In der Kategorie „Bestes Festival” entscheiden Deutschlands Festival-Fans über den Award der Awards. Im Public Voting schafften es das Open Flair, das Fluid Festival, das Summer Breeze, das Deichbrand und das Orange Blossom Special unter die Top 5. In der zweiten Abstimmungsrunde wählten die Festival-Fans in diesem Jahr das Open Flair zum Besten Festival 2022.
Die Nominierten in der Kategorie „Feinstes Booking” waren: das c/o pop Festival, das lunatic Festival und das Modular Festival. Den Preis ergattern konnte das lunatic Festival. Damit würdigt die Jury nicht nur das detailverliebte und vielfältige Booking, nach Meinung der Jury sollte die Mühe des lunatic Festivals beim Thema Awareness im Künstler*innenbereich ebenfalls hervorgehoben werden.
Die „Grünste Wiese” hinterließen in diesem Jahr das Futur 2 Festival, das Orange Blossom Special und das Skandaløs Festival. Nach Meinung der Jury erhielt das Futur 2 Festival als Paradebeispiel für Nachhaltigkeit den Preis. Mit ihrer Vision, die Zukunft zu verändern und ihren zahlreichen klimafreundlichen Maßnahmen, sind sie wichtiger Vorreiter für die Festivallandschaft in Deutschland.
In der Kategorie „Wohligstes Gewerkel” bewertete die Jury die Teamarbeit hinter den Festivals. Über eine Nominierung freuten sich das Skandaløs Festival, das Orange Blossom Special und das Immergut Festival. Überzeugen konnte das Orange Blossom Special mit ihrem Konzept, das von Übernachtungsmöglichkeiten, über fairen Schichten und Bezahlung bis hin zur Kinderbetreuung den Mitarbeitenden vieles bot.
Zu den Nominierten in der Kategorie „Gemischteste Tüte” zählten das Fuchsbau Festival, das SNNTG Festival und das Glacis Open Air. Den Preis durfte das SNNTG Festival entgegennehmen. Mit ihrem ganzheitlichen Konzept gegen Diskriminierung und Gewalt, dafür mit Beratungs- und Betreuungsstellen auf dem Festivalgelände kürte die Jury die Bemühungen des SNNTG Festivals ein Festival für alle zu schaffen.
Mit der Kategorie „Schönstes Miteinander” bewertete die Jury Konzepte für die gelungene Einbindung zwischen Veranstaltungsort und den Menschen aus der Region. Positiv hervorheben konnten sich insgesamt vier Festivals: das Cheesecake Festival, das Skandaløs Festival, das WATT EN SCHLICK FEST und 48h Wilhelmsburg. Über den Preis freute sich das Skandaløs Festival. Nach Meinung der Jury war der lokale Bezug des Festivals mit der Umgebung deutlich erkennbar. Neben lokalen Anbieter*innen, wie der Bäckerei oder Metzgerei, waren Exkursionen ins benachbarte Naturkundemuseum oder Kräuterwanderungen in den angrenzenden Wäldern und Feldern Teil des Programms.
Über den Helga! Festival Award
Der unabhängige Helga! Festival Award wird seit 2013 verliehen und zeichnet die besten Festivals Deutschlands in jährlich wechselnden Kategorien aus. Der Helga! Festival Award ist der erste und einzige Award für Musikfestivals in Deutschland und wird vom Reeperbahn Festival in Kooperation mit der LiveKomm und Höme – Für Festivals präsentiert.
Den fulminanten Auftakt bildete das Überraschungskonzert von Kraftklub auf der abgesperrten Reeperbahn mit Gästen wie Casper und Bill Kaulitz und das Opening mit hochkarätigen Stars wie Ellie Goulding, Alyona Alyona, Zoe Wees, Jan Delay und Udo Lindenberg sowie der deutschen Cast des Broadway Musicals Hamilton. Zurück in alter Größe und Internationalität begrüßt „Europas Hauptstadt der Musik“ für vier Tage die globale Musikwirtschaft mit einem breit gefächerten Programm aus Live-Musik, Konferenz, Kunst, Film und Literatur.
(Pressetext: Frehn Hawel)
DAS 17. REEPERBAHN FESTIVAL IST ERÖFFNET! THE EUROPEAN CAPITAL OF MUSIC!
Das Musik und Musikwirtschaft innerhalb der vergangenen zwei Jahre zunehmend in den Fokus der Politik gerückt sind, ist hinlänglich bekannt. Umso schöner, dass das Reeperbahn Festival in diesem Jahr mit deutlich erhöhter Kapazität, internationalem Programm und zudem ohne behördliche Beschränkungen aufgrund der Pandemie stattfinden kann. Rund 40.000 erwartete Besucher*innen, davon rund 3.500 Fachbesucher*innen, erleben über 4 Tage ein Live-Programm mit 400 Konzerten mit Musiker*innen aus rund 40 Nationen, 200 Programmpunkten im international besetzten Konferenzprogramm und 80 Programmpunkten in den Bereichen Arts, Film und Word. Deutlich ist allerdings, wie sehr die aktuelle Weltlage sich auch auf die Musikwelt niederschlägt und so erneut einen starken Bezug zum politischen Geschehen aufweist.
Das zeigte sich bereits beim heutigen Reeperbahn Festival Opening, bei dem Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher in seiner Begrüßung auf die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Kiew einging und dabei seine Solidarität mit den ukrainischen Kulturschaffenden bekundete.
Im Anschluss stellte Ellie Goulding live ihre neue Single „Easy Lover“ vor, bevor Moderatorin Hadnet Tesfai die Jury des internationalen Musikpreises ANCHOR auf die Bühne bat, die die Nominees des diesjährigen Wettbewerbs präsentierte. Die Rapperin und ANCHOR 2019-Gewinnerin Alyona Alyona bestritt die zweite Live-Performance des Abends und leitete direkt zu einer bewegenden Keynote der ukrainischen Singer-Songwriterin und Aktivistin Natalia Klitschko über, die eindringlich die Auswirkungen des Krieges auf die Kulturlandschaft ihres Landes und die Zerrissenheit aller Künstler*innen im Exil beschrieb, fernab der Heimat zu versuchen, dennoch mit ihrem Schaffen Zuversicht und Mut zu spenden.
Zoe Wees leitete mit ihrer Single „Daddy´s Eyes“ über zu Ellie Gouldings glühendem Redebeitrag über eine nachhaltigere Gestaltung der globalen Musikindustrie. Das diesjährige Partnerland USA wurde von US-Botschafterin Dr. Amy Gutmann vertreten, die in ihrer Keynote die musikalische Vielfalt und Kreativität ihres Landes als eine der wichtigsten Stützen des transatlantischen Dialogs erkannte und von der stimmgewaltigen deutschen Cast des in Kürze startenden Broadway-Erfolgsmusicals Hamilton gleich einen beeindruckenden Beleg dazu lieferte.
An besonderen Momenten mangelte es bei diesem Opening als auch dem ersten Festivaltag ohnehin nicht: Bei seiner Liveperformance des Lindenberg-Klassikers „Reeperbahn“ wurde Hamburgs Chefstyler Jan Delay auf der Bühne von niemand geringerem als Udo Lindenberg selbst überrascht!
Und nachdem Ellie Goulding die Gäste des Openings mit ihrem Welthit „Love Me Like You Do” in den Trubel des 17. Reeperbahn Festivals entließ, kam durch den Secret-Gig von Kraftklub auf der abgesperrten Reeperbahn dann auch gleich gehörig Festivalstimmung auf, besonders in dem Moment, als sich nach dem ersten Überraschungsgast Casper plötzlich ANCHOR-Juror Bill Kaulitz überraschend zur gemeinsamen Live-Premiere der Kraftklub/Tokio Hotel-Kollaboration „4X4“ auf die Bühne gesellte (Foto).
Das offizielle Eröffnungskonzert spielte anschließend der britische Rapper Loyle Carner im Operettenhaus.
„Als Partnerland des Reeperbahn Festivals im Jahr 2022 bringen die Vereinigten Staaten die Vielfalt und Innovation ihrer Musik- und Kreativwirtschaft nach Hamburg. Diese transatlantische Partnerschaft stärkt und erweitert die kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen unseren Nationen, Künstler*innen und der Musikindustrie. Solche Verbindungen sind ein wesentlicher Bestandteil der deutsch-amerikanischen Freundschaft, denn Musik kann kulturelle Unterschiede und Sprache überwinden und Menschen aus aller Welt zusammenbringen.” (Dr. Amy Gutmann, Botschafterin der Vereinigten Staaten in Deutschland)
„Das Reeperbahn Festival ist das größte Treffen der Musikclub-Szene und der Musikwirtschaft in Europa. Es zieht bekannte Künstlerinnen und Künstler, neue Talente und Branchenvertreter aus aller Welt an. Neben erstklassiger Live-Musik bietet es Raum für Vernetzung und thematisiert die Herausforderungen, vor denen der Musik- und Kulturbetrieb derzeit steht. Ich wünsche den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und allen Gästen des Reeperbahn Festivals 2022 wieder viel Freude, einen guten Austausch und schönen Aufenthalt in Hamburg.” (Dr. Peter Tschentscher, Hamburgs erster Bürgermeister)
„Ich fühle mich geehrt, Teil des diesjährigen Reeperbahn Festival Openings sein zu dürfen. Mich beeindruckt, dass es auf dem Reeperbahn Festival neben der Musik um so viel mehr geht, wie beispielsweise die gemeinsame Suche nach Lösungsansätzen für eine nachhaltigere Gestaltung der Musikwelt – ein Thema, das mich seit langem beschäftigt und das hier den Rahmen bekommt, den es verdient! Dennoch kann das Bewusstsein hierfür niemals groß genug sein, weshalb sich auch meine Keynote im Rahmen des Openings mit unserem verantwortungsvolleren Umgang mit natürlichen Ressourcen auseinandersetzt! Ich weiß, dass es insbesondere in unserer Industrie schwer ist, in diesen Zeiten neue Wege einzuschlagen – aber gerade wir können den Unterschied besonders gut sichtbar machen!” (Ellie Goulding, Singer Songwriterin)
Das Reeperbahn Festval 2022 ist furios gestartet. Hier unsere zweite Fotogalerie mit ClockClock und Charles Watson (21.9.2022).
Mit „Brooklyn“ und „Sorry“ sind ClockClock natürlich die Band der Stunde. Im glanzvollen Spiegelzelt zeigte Sänger Bojan Kalajdzic eine große Nähe zum Publikum.
Die Essenz des Reeperbahn Festivals ist die gemeinsame Suche von Publikum und Musikwirtschaft nach den besten neuen internationalen Talenten. Der Wettbewerb ANCHOR – International Music Award, der 2021 zum sechsten Mal im Rahmen des Reeperbahn Festivals verliehen wurde, spiegelt diese Suche anhand einer internationalen Jury, die die Konzerte der sechs Nominees besucht und sich anschließend nach oft hitziger Diskussion auf den Gewinner-Act festlegt, besonders gut wider.
Wie schwer die zu treffende Entscheidung mitunter sein kann, wird durch Namen bisheriger Wettbewerbs-Teilnehmer*innen, wie C (GBR), Celeste (GBR), Parcels (AUS), Shame (GBR), ÄTNA (DEU), Tamino (BEL), Alyona Alyona (UKR) und vielen mehr überdeutlich.
Ein Drehteam hat die ANCHOR-Jury und Nominees 2021 im Vorfeld und während des Reeperbahn Festivals für eine Dokumentation begleitet. Moderiert von Conchita Wurst aka Tom Neuwirth (AUT) gibt die Doku in rund 90 Minuten einen hautnahen Einblick in die Arbeit der Jury um Tony Visconti (USA), Tayla Parx (USA), Emeli Sandé (GBR), Yvonne Catterfeld (DEU), Tom Odell (GBR) und Jacob Banks (GBR) und stellt die Wettbewerbs-Teilnehmer*innen May The Muse (DEU), Florence Arman (GBR/AUT), Lie Ning (DEU), OSKA (AUT), PVA (GBR) und Yard Act (GBR) vor. Die ANCHOR-Dokumentation wird ab jetzt über unseren Reeperbahn Festival YouTube-Kanal international ausgestrahlt!
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Etwa 300 Konzerte an ca. 35 Locations – das ist ein Wagnis, das zu Zeiten dieser schon so lange andauernden Pandemie kaum einer anzugehen wagt. Abgesehen von den Machern des Reeperbahn Festivals in Hamburg. Schon im Jahr 2020 waren sie die letzte Bastion im weitgehend konzert- und ansonsten absolut festivalfreien Deutschland. Doch natürlich musste man Abstriche machen (und muss es noch). Wo sich normalerweise um die 50.000 Fans in St. Pauli tummeln, waren es im vergangenen Jahr gerade mal 8.000 – in Clubs und überdachten Freiluftarenen, überall mit Sitzplätzen. HIER unser Bericht vom vergangenen Jahr.
2021 sieht es schon anders aus. Von „heile Welt“ will ich aber nicht reden. 20.000 Besucher sind zugelassen. Die Veranstalter hätten sich für die in Hamburg mögliche 2G-Regelung entscheiden und alle Spielstätten wie in alten Zeiten füllen können, doch die Entscheidung des Senats ist mitten in die zu Ende gehenden Planungen reingegrätscht. Da hatte man sich schon längst für das 3G-Konzept entschieden und wollte den Karteninhabern entsprechende Planungssicherheit geben. Heißt im Klartext: Schon bevor man das Festivalbändchen in Empfang nehmen kann, führt der erste Weg zum Covid-Check: Wer geimpft, genesen oder frisch getestet ist, bekommt ein entsprechendes Bändchen als Nachweis. Das war für die folgenden Konzertbesuche die beste Lösung, bedeutete aber auch ein erstes Warten in einer schier endlosen Schlange.
An die Warteschlangen allüberall sollte man sich gewöhnen müssen. Und ich kann nur die Geduld aller Beteiligten loben: Security, Einlasspersonal und vor allem wartende Menschen. Es gab kaum Unmutsäußerungen, auch wenn Besucher berichteten, an drei Clubs angestanden zu haben um letztlich kein Konzert zu sehen. Das wurde vor allem in beliebten Clubs wie dem Gruenspan oder dem Mojo zu harter Realität. Auch wer es rein geschafft hatte, durfte nicht machen, was er wollte. Wo es keine Sitzplätze gab, waren Stehplatz-Punkte auf den Boden geklebt. In stetiger Fleißarbeit bekam jeder vom Personal einen Platz zugewiesen. Maskenpflicht blieb natürlich bestehen – es ist schon Wahnsinn, woran wir uns in den vergangenen 18 Monaten alles gewöhnt haben.
Lässige Konzerterlebnisse gab es vor allem auf den Open-Air-Bühnen am Spielbudenplatz und am Heiligengeistfeld, wo das Festival Village aufgebaut war. Angesagte Künstler wie Jeremias, Antje Schomaker und Jupiter Jones auf der ARTE Concert Stage – das waren echte Highlights wie zu alten Zeiten. Es wurde gejubelt und gefeiert, allerdings „ohne Tanzen und ausschweifende Bewegungen“, wie die Festivalstimme vom Band am Anfang jedes Gigs vermeldete.
In den kleinen Locations wie dem UWE konnte man neue Acts entdecken und lieb gewinnen. Im Umfeld der Fritz Bühne wurde es immer wieder gemütlich und heimelig, da man von überall einen guten Blick auf die hohe zweistöckige Bühne hatte und zu guter und lebhafter Musik chillen konnte. Und dann waren da natürlich die wirklich ungewöhnlichen Konzertstätten: Das Imperial Theater, wo die Bands in der Kulisse eines Edgar-Wallace-Stücks auftraten, die St. Michaelis-Kirche mit ihrem wundervollen Ambiente und natürlich die Elbphilharmonie, die endlich wieder mit im Programm vertreten war.
Man konnte sich bestimmte Konzerte als Priorität setzen, pünktlich am Einlass stehen und mit etwas Glück einen Platz bekommen, oder aber man ließ sich treiben und stromerte dahin, wo gerade nicht so viel los war, wo spannende Musik zu hören war, wo das Publikum gerade lauthals jubelte. Hamburg wurde mit musikalischem Leben erfüllt – und es war fast wie früher.
Konzerthighlights
Herausheben möchte ich für den ersten Tag die spielfreudige Kölner Indie-Pop-Band Fortuna Ehrenfeld. Im GRUENSPAN heizten Martin Bechler, Jenny Thiele und Jannis Knüpfer dem Publikum ordentlich ein und sorgten für ausgelassene Stimmung. Was für ein Start ins Festival! Sehr soulig wurde es dann mit Joy Denalane im STAGE Operettenhaus. Bei einem umjubelten Auftritt präsentierte sie vor allem ihre aktuellen Songs im Motown-Sound und wurde dabei von einer kraftvollen Band mit zwei Background-Sängerinnen unterstützt. Ein grandioses Konzert voller stimmlicher Eleganz.
Am Donnerstag konnte ich Annie Chops bei einem Solo-Showcase ihrer Plattenfirma bewundern. Eigentlich gehörte sie gar nicht zum Festival-LineUp, doch da sie als Gitarristin von Antje Schomaker mit am Start war, nutzte sie die Gelegenheit für einen Auftritt vor dem Maa‘ Deyo und zeigte, wie sie ganz allein mit ihrem R’n’B, Hip Hop und Pop bestehen kann. Hilfreich war dabei eine Loop Station, garniert von einer unverschämt souligen Stimme, deren rauer Charme direkt unter die Haut ging.
Danach ging es zu OSKA in den Nochtspeicher. Sie war nominiert für den ANCHOR Award als Nachwuchstalent und trat hier vor der Jury auf (die mit Namen wie Emeli Sandé, Tom Odell und Yvonne Catterfeld aufwartete. Etwas nervös am Anfang führte sie das Publikum durch ein melancholisches Set voller ruhiger Songs. Mit traumhafter Stimme und verklärt-verspielten Ansagen. Tags darauf hat sie uns vom Auftritt berichtet – das Interview könnt ihr HIER nachlesen. Wenig später gab es JEREMIAS auf der ARTE Concert Stage. Die Indie-Pop-Band aus Hannover brachte das Publikum trotz aller Auflagen zum Tanzen und verwandelte das Heiligengeistfeld in einen atmosphärischen, bisweilen mystischen Ort. Pures Konzertfeeling wie in alten Zeiten!
Freitags gab es neben einigen kleineren Konzerten den gefeierten Auftritt von JUPITER JONES auf der ARTE Concert Stage. Ein erzählfreudiger Nicholas Müller mit teils launischen Ansagen, die perfekt zu seiner schnoddrigen Art passten – inklusive Mittelfinger für Hetzer und Populisten. So kennt man den Eifeler Sänger – schön, dass er wieder zurück ist. Und als dann sein Hit „Still“ erklang (wie immer der verstorbenen Mutter gewidmet), hatte die Gänsehaut alle ergriffen.
Auf der Spielbude XL wurde Tim Freitag zum Überraschungshit! Der Indie-Rocker aus Zürich kämpfte sich durch alle Tonlagen, sprang vom Boxenturm und stand am Ende selig und halbnackt im Schein der beeindruckenden Lightshow. Mit seiner Bühnenpräsenz war er sicher eine Entdeckung des Festivals! Skurril dann auch der Auftritt von Katy J Pearson im Imperial Theater, da die Band dort in der Kulisse eines Edgar Wallace Theaterstücks auftrat. Die Sängerin mit prägnanter Stimme und fantastischen Instrumentalisten konnte das Wohnzimmer jedenfalls problemlos mit ihrer Musik füllen.
Der Samstag führte nach einigen kleineren Shows auf der FRITZ Bühne wieder zur ARTE Concert Stage, wo Antje Schomaker in ihrer Heimatstadt vielleicht den Auftritt ihres Lebens hinlegte. Übersprudelnd vor Freude haute sie einen Deutschrock-Hit nach dem anderen raus und fütterte das Publikum mit Lebensweisheiten aus ihrem Alltag („Wenn’s nicht passt, dann trennt euch“). Sie wird einfach von Album zu Album stärker.
Und dann zwei abschließende Highlights zum Schwärmen: In der St. Michaelis Kirche (dem Hamburger Michel) glänzte die Songwriter-Band Die höchste Eisenbahn mit einem Akustikset, der durch alle Phasen der Karriere führte und das Publikum zu stehenden Ovationen brachte. Der Sound war überragend und die Band ließ sich davon tragen. Konnte man das noch toppen? Ja, mit Niklas Paschburg in der Elbphilharmonie. Der Hamburger Elektronik-Künstler füllte die hohe Konzerthalle mit wundervollen Klängen aus Flügel, Keyboard und Akkordeon, die er mit einer Loop-Station live zur atmosphärischen Soundkulisse arrangierte. Der glasklare und warme Sound der Philharmonie tat sein Übriges dazu, dieses Konzert zum Abschluss-Highlight werden zu lassen. Das konnte man nicht mehr steigern!
Fazit
Da will ich zunächst mal Frehn Hawel von der Festivalleitung zu Wort kommen lassen: „Als Superstar Sting erzählte, dass er vor seinem Auftritt bei der Eröffnung des Reeperbahn Festivals nervös gewesen sei, da dies seine erste Liveshow seit 18 Monaten war, brachte er damit die aktuelle Situation für die meisten seiner Kolleg*innen auf den Punkt. Die Freude über das Erleben von unmittelbarer Intensität und direktem Austausch, sowohl zwischen Künstler*innen und Publikum, aber auch branchenintern, gepaart mit dem Wiederaufleben der internationalen Aktivitäten des Musikgeschäfts zeichneten die diesjährige Ausgabe des Reeperbahn Festivals aus. Wie groß die Sehnsucht nach Konzerterlebnissen in Musikclubs ist, zeigte sich leider auch in den teils sehr langen Schlangen vor den Spielstätten, die durch die 3G-Umsetzung des Reeperbahn Festivals auch in diesem Jahr stark eingeschränkte Kapazitäten aufwiesen.“
Die Entscheidungen, die getroffen werden mussten, waren nicht leicht und sorgten durch die geringen Kapazitäten auch zu Unmut (nicht unbedingt vor Ort, aber in Kommentaren bei den sozialen Medien). Trotzdem waren sie richtig – und letztlich konnte sich jeder sein Festival bei Traumwetter selbst gestalten. Wer die langen Schlangen vor den Clubs meiden wollte, hatte vor den großen Open-Air-Bühnen Spielbude XL und ARTE Concert Stage genügend Freiraum. Der Reeperbus sorgte mit 15minütigen Kurzauftritten für große Vielfalt in kürzester Frequenz. Und wer es gemütlich haben wollte, konnte weitläufig um die hoch aufgebaute FRITZ Bühne chillen.
Das Experiment ist auch im zweiten Corona-Jahr gelungen und hat die Normalität ein Stück weiter zurück gebracht. Bleibt zu hoffen, dass es im nächsten Jahr mit wieder 50.000 Besuchern und ohne Auflagen weitergeht. Der Termin steht schon: 21. bis 24. September 2022. Early-Bird-Tickets sind ab heute erhältlich!