Endlich wieder Konzerte – das ist der Seufzer, den man auf den verschiedensten Kleinkunst Veranstaltungen hören kann. Wobei im Moment alles irgendwie „Kleinkunst“ ist. Selbst wenn ein renommiertes Ensemble wie das Tingvall Trio in der Illipse Illingen spielt, einer Konzertlocation, die knapp 700 Zuhörer fasst und bei solchen Veranstaltungen klar ausverkauft wäre – hätten wir denn einen „Normalzustand“. Den haben wir aber nicht. Das merkt man schon daran, dass Martin Tingvall & Co. ihre aktuelle Tour hier mit zwei Konzerten hintereinander starten. Zunächst die Premiere um 19 Uhr und dann (wie er selbst sagt) „die nächste Premiere“ um 21 Uhr.
Die geringe Zuschauerzahl schafft zudem intime Clubatmosphäre. Beim Blick in den Konzertsaal war mein erster Gedanke: „Jeder Mensch ist eine Insel“. Die Veranstalter erlaubten es den Zuschauern nämlich nicht, nach Haushaltsgemeinschaften zusammen zu sitzen (was sich doch aufgrund der gemeinsamen Kartenbestellung ganz gut regeln ließe), sondern hatten die Stühle streng im Schachbrettmuster aufgestellt. Jeden für sich mit Abstand nach allen Seiten. Ungewöhnlich, aber dem Musikgenuss nicht abträglich.
Pünktlich um 21 Uhr betraten die drei Protagonisten die weitläufige Bühne und los ging die wundervolle Show mit dem fulminanten „Tokyo Dance“ gefolgt vom Titelstück „Dance“ und dem „Spanish Swing“. Man schien also die CD-Reihenfolge beibehalten zu wollen, was sich im Lauf des Abends teilweise bestätigte – allerdings wurden nicht alle Stücke des Albums gespielt.
“Dance” ist der Titel des neuen Werks und das Trio nahm die Hörer mit auf eine Reise um die Welt, ließ unterschiedlichste Formen des Tanzes als Gefühlsausdruck aufblitzen. So erhielten viele der Kompositionen, trotz aller Wiedererkennbarkeit des typischen Tingvall Trio Sounds, auch überraschend neue Gewänder. Da entdeckte man neben orientalischen und äußerst filigranen Tönen in “Arabic Slow Dance” oder Reggae Rhythmen in “Ya Man” auch lateinamerikanische Sounds wie in “Spanish Swing”.
Die meisten Stücke glänzen vor Spielfreude und man konnte kaum still sitzen, wenn man die mitreißenden Klänge hörte. Ich denke da an das ekstatische Piano in „Pulse“ und die diversen Soli, mit denen Omar Rodriguez Calvo (Kontrabass) und Jürgen Spiegel (Schlagzeug) ihr virtuoses Können zeigten. Martin Tingvall am Flügel ist einfach eine Offenbarung und die Rhythmus-Fraktion tat alles, um ihm den nötigen Raum zu geben.
Es war großartig zu sehen, wie das Trio harmonierte, mit Blicken kommunizierte und musikalisch interagierte. Die Musik, die ich von CD schon kannte, gewann eine enorme Lebendigkeit. Der visuelle Aspekt der schnellen Hände und Finger spielt halt auch eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Spielfreude nach langer Pause war den Musikern anzusehen und das sprang aufs Publikum über. Nach einer knappen Stunde gab es Standing Ovations und daraus resultierend zwei Zugaben.
Für ein Jazzkonzert solcher Extraklasse nimmt man die Corona-Widrigkeiten doch gerne in Kauf. Der Saal fasst mit der Sonderbestuhlung ca. 190 Plätze. Davon waren viele nicht belegt. Schade. Das Publikum ist träge geworden, man verplant die Wochenenden anders und kauft Karten erst sehr spät („findet ja eh nicht statt“). Wer aber hier zuhause geblieben ist, hat ein berührendes Konzerterlebnis verpasst. Wir brauchen mehr davon!
„Leute ist das euer Ernst? Ein Punkalbum? Ihr müsst Gangster-Rap machen! Punk ist tot!“ Mit diesen gesprochenen Halbwahrheiten endet der erste Track dieses wundervollen Punkalbums „Na gut dann nicht“. Was uns MADSEN hier um die Ohren hauen, ist Protest in Reinkultur. Und das haben wir 2020 in dieser Form noch von keinem gehört.
Mission ist es, den Punk zu retten. Das wird im zweiten Stück „Herzstillstand“ deutlich: „Keiner hat mehr Bock auf Gitarren und auf Lärm“. Familie Madsen beweist das Gegenteil, denn diese Platte macht sowas von Bock! Lärmende Gitarren, hysterischer Gesang, Hau-drauf-Mentalität beim schnellen Schlagzeug. Ob das Spaß macht? Aber ja!
Zu verdanken haben wir dieses Album der Corona-Langeweile. Denn eigentlich sollte alles ganz anders laufen: Ein neues, bereits geschriebenes Rockalbum sollte im Sommer aufgenommen werden, die Touren waren gebucht. Und dann stellte sich die Welt auf den Kopf. MADSEN schoben den gewohnten Indierock zur Seite und widmeten sich einer neuen Welt. „Mitte März bin ich ins Wendland gefahren, habe den Proberaum gründlich aufgeräumt und für andere Künstler Musik geschrieben. Aber dann hatte ich plötzlich diesen Bock auf Punk!“ erinnert sich Sänger Sebastian Madsen. Er kaufte sich das Ramones-Debüt auf Vinyl, hörte es rauf und runter und begann, Songs zu schreiben. Schnell hatte auch der Rest soviel Spaß an den Songs, dass MADSEN ihr „reguläres Album“ hinten anstellten und eine Punk-Platte aufnahmen.
Das Ergebnis ist so überraschend wie geil. Besonders die Texte sind ausgesprochen tiefgehend und treffen den Zeitgeist. „Quarantäne für immer“ zeichnet ein düsteres Bild von herbei gesehnter Einsamkeit („Draußen wird alles immer schlimmer, ich bleib in meinem Zimmer“). „Protest ist cool aber anstrengend“ geht in die andere Richtung: Der Mensch im Bildungsbürgertum erkennt die Probleme der Zeit, hat aber wichtigere Dinge zu tun („doch morgen soll es regnen und du musst noch Rasen mähen“). Ein Plädoyer dafür, Protest nicht nur gut und wichtig zu finden, sondern auch damit anzufangen.
„Alte weiße Männer“ richtet sich so deutlich gegen den gegenwärtigen Politikstil wie „Trash TV“ gegen den allabendlichen Voyeurismus bei Dschungelcamp, Bachelor und Promi-WG. „Behalte deine Meinung“ geigt den ganzen Social-Media-Besserwissern und Verschwörungstheoretikern den Marsch, die YouTube und Twitter für das bessere Kommunikationsmedium halten. Und „Wenn du am Boden liegst“ ist ein starkes Statement für Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen und Hilfesuchenden: „Öffnet eure Arme, öffnet euer Herz“.
Zum Schluss darf Benjamin von Stuckrad-Barre noch den Versuch wagen, Punk zu definieren, der aber von der lärmenden Band im Hintergrund zum Scheitern verurteilt ist.
15 Jahre nach dem Debütalbum – zwischen Frust, Langeweile und Tatendrang im Corona-Sommer – bahnte sich der Bock auf schneller-härter-lautere Songs bei der Band wieder an. „Ich liebe diese respektvolle Respektlosigkeit im Punk“ sagt Sänger Sebastian Madsen. „Mit Punk ist es viel einfacher, sich klar und politisch auszudrücken.“ Auch MADSEN-Mainstream-Hörer sollten diesem ungewöhnlichen Album eine Chance geben. Es lohnt sich!
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…und nicht nur Kinder, möchte ich gleich hinzufügen! „Malte & Mezzo – Die Klassikentdecker“ ist eine neue Musikhörspielserie des Labels Berlin Classics. In der ersten Staffel sind vier CDs erschienen, die auf unterschiedliche Art an die Welt der Klassik heranführen.
Im Mittelpunkt steht der TV-Moderator und Schauspieler Malte Arkona, den wir vom „Tigerenten Club“ und der Show „Die beste Klasse Deutschlands“ kennen. Für die Hörbücher spricht er zudem die von ihm erfundene Figur Mezzo ein: ein lustiges Männchen mit überaus großen Ohren, das sehr vorlaut und wissbegierig ist. Im Dialog und mit dem Einspielen klassischer Musikstücke erleben und erzählen die beiden Figuren spannende und lustige Geschichten, die dem Hörer Meisterwerke der Klassik auf unkonventionelle Art nahe bringen. Das gefällt nicht nur Kindern, sondern auch klassikaffinen Erwachsenen.
Malte Arkona stand selbst schon oft auf großen Konzertbühnen in Deutschland, Österreich und Luxemburg. Er moderierte Familienkonzerte, begeisterte Schulklassen und gewann bereits dreimal den ECHO Klassik für Hörspiele. Warum das so ist, wird schnell klar. Malte kann seine Begeisterung uneingeschränkt vermitteln und Menschen mitreißen. Die Hörspiel-Reihe „Malte & Mezzo“ ist wirklich ein Genuss. Besonders gut gefällt mir die unterschiedliche Herangehensweise aller vier Folgen:
Ausgangspunkt für „Ein Party mit Beethoven“ ist Mezzos Geburtstag. Schnell kommt man auf das diesjährige Beethoven-Jubiläum und erhält in kurzer Zeit einen umfassenden Abriss zu Beethovens Leben und Werk. Die Musikstücke sind perfekt gewählt, um als Teaser für eine nähere Beschäftigung mit Sinfonien und Sonaten zu dienen.
Mystischer wird es mit „Gruselige Bilder einer Ausstellung“. Mezzo hat keine Lust aufs Museum und Malte erzählt ihm die Geschichte zweier Kinder, die zur Musik von Modest Mussorgski in eine fantastische Bilderwelt hineingezogen werden. Sehr anspruchsvoll und vielleicht nicht unbedingt für die kleinsten Hörer geeignet.
Mozart sind gleich zwei CDs gewidmet. „Auf Tour mit Mozart“ zeigt Malte & Mezzo auf dem Weg in den Italienurlaub. Zeit genug also, um im Stundenformat die Geschichte des jungen Genies Mozarts kennen zu lernen und seine Entwicklung anhand verschiedener Musikbeispiele zu verfolgen.
„Keine Nöte mit der Zauberflöte“ widmet sich schließlich ganz der berühmten Oper Mozarts und erzählt sie auf lustige Manier nach, so dass auch der letzte Ignorant endlich die komplexe Handlung einigermaßen erfassen kann.
Die Reihe macht großen Spaß und ich bin begeistert vom Einfallsreichtum des Ideengebers. Geeignet ist sie ganz sicher für Kinder von 4-12 Jahren. Nur mit dem Mussorgski würde ich vielleicht noch bis zum Grundschulalter warten.
Klar – wenn die Musik spielt, wünscht man sich oft, sie würde nicht aufhören (oder zumindest weniger abrupt), doch die Länge einer Hörspiel-CD ist nun einmal begrenzt. Als Teaser sind die Passagen lang genug und es sind definitiv mehr als kurze Snippets. Wer mehr hören will, muss halt zu den berühmten Klassik-Einspielungen greifen. Die Einspielungen stammen von renommierten Orchester wie dem Genwandhausorchester Leipzig und der Staatskapelle Dresden.
Die Reihe wird fortgesetzt. „Peter & der Wolf“ sowie „Karneval der Tiere“ sind in Planung. Außerdem ein Hörbuch rund um den Komponisten Robert Schumann. Ich freu mich drauf!
Till Seifert stammt aus Braunschweig und war schon 2011 (mit 19 Jahren) musikalisch aktiv. Nach Auszeichnungen bei der Sängerakademie Hamburg und dem Troubadour Wettbewerb in Stuttgart wandte er sich zunächst einem Studium der Theater- und Medienwissenschaften zu und machte eine Ausbildung zum Atem-, Sprech- und Stimmlehrer. Daneben verfolgte er aber stets auch seine musikalische Karriere als Support-Act für bekannte deutsche Künstler*innen und unterzeichnete schließlich 2019 einen Vertrag bei Meadow Lake Music in Leipzig, wo jetzt sein zweites Album erscheint.
„Der beste Ort sind wir“ ist eigentlich die schönste Liebeserklärung die man jemandem machen kann. Vor allem in einer Zeit, da man das Fernweh aus nachvollziehbaren Gründen auf Ziele in der Nähe konzentrieren sollte. Und so ist das Album eine popmusikalische Liebeserklärung an das Leben und die Gegenwart.
Im Opener „Soweit“ macht Seifert allen Gegenwartsfrustrierten Beine. Ein gratis Motivationskurs in drei Minuten und sieben Sekunden. „Wir sind schon so weit gekommen. Gib jetzt nicht auf, gib Gas und Lauf, es geht nicht nur up and down“, singt Till. Zusammen mit seinem sommerlichen Musikmarathon per Fahrrad und zu Fuß von Flensburg bis zur Zugspitze ist „Soweit“ sicherlich der positivste und dynamischste Sommerhit des Jahres.
„Ich würde mir wünschen, dass wir alle merken welchen Schatz wir an der Musik, an Kultur, an Konzerten haben. Mit meiner Musik-Marathon-Tour möchte ich ein Konzerterlebnis in jede Stadt bringen in der ich übernachte. Einfach gratis, ohne Eintritt. In jedem Ort ein kleines Fest, dass wir wieder in Bewegung kommen und in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam Musik genießen können, natürlich mit allen Regeln die es einzuhalten gilt. Und ich wünsche mir, dass die Öffentlichkeit merkt, dass wir Musiker nicht einfach die Hände in den Schoß legen und auf bessere Zeiten hoffen. Wir sollten alle nicht einrosten, jetzt, wo wir doch schon so weit gekommen sind.“ Bei dieser schönen Aktion während des Corona-Sommers hat er übrigens Geld für die Kindernothilfe gesammelt.
Till bietet ehrliche Texte und schöne Melodien. Er ist ein Beobachter, ein Zwischen-den-Zeilen-Schreiber, der an das Gute im Menschen glaubt und an das Gute in der Popmusik. Seine Songs sind optimistisch und voller Lebensfreunde. Dazu passend gibt es eingängige Pianomelodien und verzauberte Gitarrenklänge. Stimmlich erinnert Till Seifert an Kollegen wie Tim Bendzko und Wincent Weiss. Das ist jetzt sicher kein Alleinstellungsmerkmal – trotzdem klingt das Album sehr abwechslungsreich, was vor allem den rhythmischen Ideen zu verdanken ist.
„Der beste Ort sind wir“ wirkt sommerlicher, als es das regnerische Herbstwetter hergibt. Sinnbildlich hilft es dem Hörer, einen Fokus auf die schönen Dinge zu legen. Das können wir doch alle brauchen.
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Sony Music Entertainment präsentiert die Veröffentlichung des Konzertfilms ROGER WATERS: „US + THEM“, der die gefeierte Tournee des legendären Pink Floyd-Musikers aus den Jahren 2017/2018 dokumentiert. Als Gründungsmitglied, Texter, Komponist und treibende kreative Kraft hinter Pink Floyd präsentiert Waters energiegeladene Songs, in denen er die Themen behandelt, die ihm schon immer besonders am Herzen lagen: die Wahrung der Menschenrechte, Freiheit und Liebe.
Die Songs stammen von seiner letzten Welttournee (2017-2018), bei der er auf insgesamt 156 Shows vor über 2,3 Millionen Zuschauern Klassiker aus den Alben „The Dark Side of the Moon“, „The Wall“, „Animals“, „Wish You Were Here“ sowie Tracks seines letzten Longplayers „Is This The Life We Really Want?“ präsentierte. Die filmische Dokumentation der Tour, die den Fan das Konzertgeschehen hautnah miterleben lässt, entstand unter der Regie von Sean Evans und Roger Waters.
Waters demonstriert eindrücklich, dass er im Herzen ein musikalischer Aktivist und einer der leidenschaftlichsten Kommentatoren des aktuellen politischen Geschehens ist. Er hat sein Leben dem Kampf gegen die Kräfte gewidmet, die unser Leben kontrollieren und unseren Planeten zerstören wollen. „Welcome To The Machine“ und „Another Brick In The Wall“ rufen uns seine Warnungen in Erinnerung, die er schon vor Jahrzehnten zu Themen wie Entfremdung, Entwurzelung, Gier, Leid, Zerstörung und Verlust aussprach. Dass er trotzdem die Hoffnung in die Menschheit nicht aufgegeben hat, wird in „Wish You Were Here“ deutlich, in dem er ein finsteres Bild vom Zustand unserer Welt entwirft, uns aber mit der Botschaft zurücklässt, dass Einigkeit und Liebe Rettung bedeuten können.
Musikalisch ist der Mitschnitt über alle Zweifel erhaben. Die Umsetzung der Floyd-Songs ist großartig und authentisch. Vor allem „Dark Side of the Moon“ nimmt viel Raum ein und wird zwar nicht am Stück, aber doch nahezu vollständig im Lauf des Sets interpretiert. Waters zeigt sein ganzes Repertoire an Emotionenen – energisch und mit der bisweilen gebotenen Hysterie, doch auch bei den emotionalen Stücken hat er sein Publikum hörbar im Griff.
Mir liegt zur Review der Audio-Mitschnitt vor. Ich kann also nichts zur visuellen Umsetzung sagen. Was die Soundqualität und das musikalische Können der formidablen Liveband inklusive stimmgewaltiger Backgroundsängerinnen angeht, gibt es jedenfalls nichts zu meckern. Das Format des Digipacks ist höher als normales CD-Format. Das wird nicht jedem CD-Regal in den Kram passen. Auf die Bebilderung im umfangreichen Booklet schlägt sich das Format leider auch nicht nieder, da dieses der normalen CD-Größe entspricht.
ROGER WATERS: US + THEM – Titelliste:
CD 1
1.Intro
2.Speak To Me
3.Breathe
4.One of These Days
5.Time
6.Breathe (Reprise)
7.The Great Gig in the Sky
8.Welcome to the Machine
9.Déjà Vu
10.The Last Refugee
11.Picture That
12.Wish You Were Here
13.The Happiest Days of Our Lives
14.Another Brick in the Wall Part 2
15.Another Brick in the Wall Part 3
CD 2:
1.Dogs
2.Pigs (Three Different Ones)
3.Money
4.Us & Them
5.Brain Damage
6.Eclipse
7.The Last Refugee (Reprise)
8.Déjà Vu (Reprise)
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In den acht Jahren ihres Bestehens haben sich voXXclub in einer Nische zwischen A-cappella-Gesang und moderner Volksmusik ihren festen Stammplatz erspielt. Wo sie auftreten, herrscht Oktoberfest-Stimmung. Das ist Fluch und Segen zugleich, denn die fünf Sänger haben durchaus den Anspruch, bisweilen mehrstimmig zu singen und sich emotionalen Texten zu widmen.
Das Party-Nischen-Dasein hat leider dazu geführt, dass auch auf den Studioalben die Fetenhits und Partysongs dominieren. Fast alles spielt sich zwischen Lederhosen und Dancefloor ab. Was im März 2013 mit einem Flashmob in einer Münchener Einkaufsmall begann, bringt heute Menschen quer über den Globus zum Ausflippen. “Rock Mi” ist immer noch der Überhit, aber die Jungs lassen sich jedes Jahr was Neues einfallen. Kein Wunder also, dass schon nach so kurzer Zeit eine „Best of“ fällig ist, die weitere Hits wie „Donnawedda“, „Ziwui Ziwui“, „I mog di so“ und „Anneliese“ vereint.
Worauf hinzuweisen ist: Auf dem Album wurden nicht einfach die zwanzig einzelnen Songs hintereinander kompiliert, sondern es sind auch jede Menge neue Versionen und Re-Mixe zu finden. Dazu ein Hit-Medley (PUR haben es mehrfach vorgemacht) und vier ganz neue Songs sowie eine Neuaufnahme ihres größten Hits: „Rock Mi 2020“.
voXXclub heben die Volksmusik auf eine neue, partytaugliche Stufe. Damit tun sie das, wofür sie von den meisten Fans geliebt und gefeiert werden. Man hört, dass die Jungs wirklich singen können und kein überproduziertes Kunstprodukt sind. Das ist im schnelllebigen Partysektor auch schon als Erfolg zu verbuchen.
Leider liegt mir zur Review nur die reguläre Einzel-CD vor. Die Deluxe Edition enthält wohl als Bonus eine A-cappella-CD, zu der ich aber keine näheren Infos habe.
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Schon Ende 2010 hatte der Kalifornier Aloe Blacc die ganze Welt in der Hand. Sein Name war in aller Munde, seit der Song „I Need a Dollar“ für das Intro der Show „How to Make It in America“ verwendet wurde. Daraufhin platzierte sich der Titel in kürzester Zeit in allen deutschsprachigen Ländern in den Top 5 der Charts. Im Jahr 2013 ertönte seine Stimme erneut aus allen Kanälen, als er nämlich dem Dancefloor-Knaller „Wake Me Up“ von Avicii seine Stimme lieh.
Obwohl der Sohn panamaischer Einwanderer seit 2013 kein echtes Studioalbum mehr veröffentlicht hat, war er doch durch seine TV-Präsenz und mit Features für diverse Künstler regelmäßig auf der Bildfläche und in den einschlägigen Radiosendern. Besonders der posthume Avicii-Song „SOS“ sorgte für weltweit gute Chartplatzierungen. Eigentlich schade, dass das dritte Album nur zehn Songs umfasst und mit 33 Minuten schnell durchgelaufen ist. Da wäre doch mehr Potential vorhanden, wenn man sich allein die große Anzahl an Non-Album-Singles in seiner Diskographie anschaut.
Sei’s drum. Immerhin ist „All Love Everything“ ein fröhliches Album aus einem Guss geworden. Der Mix aus Soul, Folk, R&B und Pop ist sehr inspirierend und eine Single wie „My Way“ wirkt als solide Selbstmotivationshymne. Wenig HipHop diesmal, wenig echter Funk – stattdessen eingängige Popsongs, die den Hörer gefangen nehmen und sich schnell als Ohrwurm festsetzen. „Hold On Tight“ beispielsweise verbindet eine mitreißende Folkhymne mit moderner Countrymusik.
Zwei ruhige Stücke finden sich in der Tracklist: Das sanfte, melancholische „I Do“ hat er seiner Ehefrau gewidmet. Und das abschließende „Harvard“ zeigt den Songwriter als Geschichtenerzähler. Begleitet von zwei eindringlichen Akustikgitarren berichtet Blacc von einer hart arbeitenden Frau, die durch zwei Jobs versucht, ihre Familie und ihr Kind mit besonderen Bedürfnissen zu versorgen.
Der Digipack ist sehr schön aufgemacht und Aloe erzählt auf den Innenseiten zu jedem Song eine kleine Geschichte über die Hintergründe. Daneben gibt es ein Booklet mit allen Lyrics. Das nenne ich mal vorbildlich und es tröstet definitiv über die Kürze des Albums hinweg.
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Nein, Adam Lambert kann Freddie Mercury nicht „ersetzen“ – und das will er auch gar nicht. Wer die Netflix Doku „The Show Must Go On: The Queen + Adam Lambert Story“ ansieht, wird erkennen, welche Ehrfurcht der Sänger vor dem verstorbenen Frontmann hat. Und zugleich, wie die Musik von Queen seinen Werdegang beeinflusste. 2009 belegte er den zweiten Platz bei „American Idol“ und seit 2011 ist er mit Queen live unterwegs. Brian May und Roger Taylor unterstützten als Gäste den damaligen Finalisten bei seiner Show-Performance. In der Folge beschloss man gemeinsam zu arbeiten. Das wird aber nicht zum Selbstzweck, den Adam verfolgt parallel eine durchaus erfolgreiche Solokarriere.
Man mag sagen: Die Idee von Gastsängern bei QUEEN sei verbrannt, seit Paul Rodgers der Band von 2004-2009 den Stempel von AOR aufgedrückt hat. „The Cosmos Rocks“ ist ein respektables Rockalbum, doch es hat nicht den Flair der alten Queen-Werke. So war der Zusammenarbeit kein langfristiger Erfolg vergönnt. Bei Adam Lambert sieht es da schon anders aus: Man versucht sich gar nicht erst an einem neuen Studioalbum. Und in der Performance ist Adam seinem großen Vorbild auf der einen Seite sehr ähnlich, schafft es aber immer, seinen eigenen Stil zu kreieren.
Der Ruf nach einem Livealbum wurde also immer lauter – und endlich ist es da! Als Einzel-CD, bei der aus Platzgründen Drum Battle und Gitarrensolo fehlen, im Paket mit einer fulminanten Konzert-DVD. Der Mitschnitt umfasst kein vollständiges Konzert, sondern die Setlist der gemeinsamen Tour, zusammengestellt aus Performances in verschiedenen Städten. Das fällt kaum auf – höchstens am häufigen Kleiderwechsel des Frontmanns.
Taylor, May und Lambert haben nur die besten Mitschnitte aus gut 200 gemeinsamen Live-Shows ausgewählt. Die Aufnahmen, bislang größtenteils unveröffentlicht, entstanden tatsächlich „around the world“: Von „Rock in Rio“ (Lissabon) bis zum „Isle of Wight-Festival“ reicht die Liste, auf der auch das „Summer Sonic Festival“ in Japan sowie ausgewählte Shows in Großbritannien und Nordamerika stehen. Mit dem „Fire Fight Australia“-Benefizkonzert ist ein ganz aktueller Live-Mitschnitt dabei, der zu den letzten Auftritten kurz vor dem Lockdown zählt.
Dieser Benefiz-Auftritt in der australischen Metropole ist auf allen Konfigurationen des Live-Albums in voller Länge zu hören: 22 Minuten, in denen sie das legendäre Live-Aid-Set von 1985 komplett nachspielen – inklusive „Bohemian Rhapsody“, „Radio Ga Ga“, „Hammer To Fall“, „Crazy Little Thing Called Love“, „We Will Rock You“ und „We Are The Champions“. Und natürlich fehlen hier auch nicht die „Ay-Oh“-Animationsrufe, die einst schon von Freddie Mercury berühmt waren. Im Gedenken an den Original-Interpreten erscheint er auf der Leinwand und animiert das Publikum zum Mitmachen, als wäre er livehaftig auf der Bühne. Gänsehautmoment!
Zu den insgesamt 20 Titeln von „Live Around The World“ zählen außerdem Queen-Klassiker wie „Don’t Stop Me Now“ und „I Want To Break Free“ oder auch Neuinterpretationen von Mercury-Kompositionen wie „Love Kills“ und „I Was Born To Love You“. Mein Highlight ist „Under Pressure“, bei dem Adam seine exzellenten Qualitäten, seine herausragende Stimme und sein Charisma am besten zeigen kann. Doch auch der stille Moment von Brian allein an der Gitarre zu „Love Of My Life“ ist absolut wundervoll.
QUEEN legen hier ein meisterliches Livealbum mit der perfekten Setlist vor. Schön, dass sie die Legende am Leben erhalten! Bleibt zu hoffen, dass die „Rhapsody Tour“, die im Jahr 2019 startete und mit Corona so ein abruptes Ende fand, bald fortgesetzt werden kann.
Das Tingvall Trio braucht keine Vorstellung mehr. Wer zu der Handvoll von Jazz Künstlern aus Deutschland gehört, die auch international den Durchbruch geschafft haben, wer neben drei ECHO JAZZ AWARDS auch mit allen Studioveröffentlichungen Goldstatus erreicht hat, dessen neue Veröffentlichung wird mit Spannung erwartet. Das international besetzte Jazztrio mit Mitgliedern aus Schweden, Kuba und Deutschland legt dieser Tage sein neues Album vor.
„Dance“ ist der Titel des neuen Werks und das Trio nimmt die Hörer mit auf eine Reise um die Welt, lässt unterschiedlichste Formen des Tanzes als Gefühlsausdruck aufblitzen. Martin Tingvall beschreibt die Entstehung: „Die Idee zu Dance kam als wir Cuban SMS einen der ersten neuen Songs, geprobt haben und es uns tatsächlich schwerfiel, dabei sitzen zu bleiben. Es war so viel Rhythmus und Kraft in der Musik. Ich persönlich kann gar nicht tanzen, aber es hat uns einfach mitgerissen. Und damit war die Idee zu einem Album voller Tänze geboren.“
So erhalten viele der Kompositionen, trotz aller Wiedererkennbarkeit des typischen Tingvall Trio Sounds, auch überraschend neue Gewänder. Da entdeckt man neben orientalischen Tönen in „Arabic Slow Dance“ oder Reggae Rhythmen in „Ya Man“ auch lateinamerikanische Sounds wie in „Bolero“ oder „Spanish Swing“.
Die meisten Stücke glänzen vor Spielfreude und man kann kaum still sitzen, wenn man die mitreißenden Klänge hört. Zwar gibt es auch ruhige Momente voll Melancholie und traurigen Passagen – doch diese ruhigen Momente betonen vor allem die stilistische Vielfalt des Trios. Martin Tingvall am Piano ist einfach eine Offenbarung und die Rhythmus-Fraktion tut alles, um ihm den nötigen Raum zu geben. Großartig!
Martin Tingvall (p), Omar Rodriguez Calvo (b) und Jürgen Spiegel (dr) klingen auf dem neuen Album reifer und harmonischer denn je. Man kann sich ausmalen, wieviel Spaß das Trio beim Spielen dieser Stücke hat.
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Mit seinem Prog-Projekt Ayreon stellt der Niederländer und Multiinstrumentalist Arjen Anthony Lucassen seit beinahe einem Vierteljahrhundert immer wieder packende Mammut-Musikepen wie „Into the Electric Castle” (1998), „The Human Equation” (2004), „01011001” (2008), „The Theory Of Everything” (2013) und zuletzt „The Source” (2017) auf die Beine, die mit Blick auf Produktion, Ausstattung, die Vielzahl und das Können der Beteiligten, sowie vor allem hinsichtlich der Strahlkraft der jeweiligen Kompositionen Maßstäbe setzen.
In der Vergangenheit zog Arjen Lucassen seine Inspiration häufig aus Wissenschaft und Science Fiction, doch hier ist es anders. Das „Transitus”-Konzept basiert auf einer mit Gothic- und Horror-Elementen angereichten, im Jahr 1884 spielenden Geschichte um Leben, Tod und allerlei übernatürliche Phänomene. Es geht um die Zwischenwelt zwischen Leben und Tod, in die es den Protagonisten verschlagen hat. Von hier aus erzählt er die Geschichte seiner verbotenen Liebe zur farbigen Dienerin Abby.
Mit rudimentären Englischkenntnissen ist es schwierig, der Story zu folgen. Und ich muss sagen, es ist ein Unding, dass der normalen 2CD-Version keine Texte, ja nicht einmal ein erklärendes Booklet beiliegen. Allein die Galerie der vielen prominente Mitwirkenden ist zu sehen. Wer also tiefer in die Materie einsteigen will, braucht das große Earbook, das sogar ein Comic des chilenischen Zeichners Felix Vega mit der Storyline enthält.
Als prominenter Storyteller fungiert der britische Schauspieler Tom Baker, der in den 1970er-Jahren als Star der von der BBC produzierten Kult-Fernsehserie „Dr. Who” Berühmtheit erlangte. Daneben erscheinen Solisten wie Cammy Gilbert (Oceans of Slumber) , Paul Manzi (Arena), Tommy Karevik (Seventh Wonder, Kamelot), Dee Snider (Twisted Sister), Johanne James (Threshold), Simone Simons (Epica) und Marcela Bovio (Mayan).
In der Musik spiegeln sich neben Einflüssen großartiger Komponisten wie John Carpenter, Ennio Morricone und Jerry Goldsmith auch solche aus Lucassens liebsten Rockopern wie „Jesus Christ Superstar”, „Tommy” und „Krieg der Welten” wider. Vor allem die Musical-Elemente nehmen diesmal großen Raum ein. Doch keine Sorge: Die Fans bekommen auch den üblichen Rundumschlag aus Hardrock, Metal, Folk, mittelalterlichen und orchestralen Elementen. Selbst gregorianische Choräle tauchen auf, um den gotischen Flair zu erzeugen. Also viel Bombast, der aber im Sinne der schaurigen Geschichte wirkt.
Arjen Lucassen beschreibt „Transitus” als sein bislang filmischstes und im postiven Sinne ungeheuerlichstes Oeuvre: „Der Spirit von Progressive Rock besteht darin, zu experimentieren und immer wieder Neuland zu betreten. Genau das hatte ich mit ‘Transitus’ im Sinn. Deshalb ist es anders geworden, als man es von Ayreon bisher kennt – theatralischer und ein bisschen wie ein Musical.” Dass das Album bei all dem wieder die von Ayreon-Fans so geliebte epische Wucht aufweist und über weite Strecken wonnevoll heftig rockt, versteht sich wohl fast von selbst.
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Der moderne deutsche Schlager gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblings-Genres – als Partymusik ganz okay, aber ansonsten doch meist oberflächlich und nicht wirklich ernst zu nehmen, oder? Kerstin Ott hat mich allerdings davon überzeugt, dass auch Schlager durchaus ehrlich und authentisch sein kann. Und so habe ich mich wirklich gefreut, als ihr bereits drittes Album „Ich muss dir was sagen“, das dieser Tage in der Platin-Edition mit sieben zusätzlichen Songs erscheint, auf meinem Schreibtisch landete.
Die sympathische und bodenständige Musikerin bleibt sich und ihrem Stil auch auf diesem Album treu. Eingängige Melodien und tanzbare Beats bilden den Rahmen für Kerstin Otts ganz eigenen und persönlichen Geschichten über die Liebe und das Leben. Die meisten Songs sind optimistisch und positiv, wie etwa „Schau mal“, „Ich geh meinen Weg“, „Alles was uns zwei passieren sollte“ oder auch „Berliner Luft“, ein besonderes Liebeslied an die deutsche Hauptstadt. Dazwischen gibt es natürlich auch verletzliche oder traurige Töne, wie bei „Wahrheit schmerzt“ oder dem verzweifelten „Geh nicht“.
Immer wieder singt Kerstin auch von Mut. Im Titelsong „Ich muss dir was sagen“ oder in“ Mein Herz bleibt stehen“ geht es um den Mut, den es kostet, jemandem seine Gefühle zu gestehen. „Und sie träumt“ schildert dagegen, wie schwer es ist den Mut aufzubringen, sein Leben zu ändern. Meine persönlichen Lieblingslieder sind allerdings „Marmeladenglasmomente“, ein wunderbarer Titel über die wichtigen kleinen Glücksmomente im Leben, und „Schweigen wurde ihr Art zu weinen“, eine bewegende Ballade über einen Menschen am Rande der Gesellschaft und unseren oft unmenschlichen Umgang mit solchen Menschen. Hier überzeugt mich besonderes die ruhige und sparsame Pianobegleitung –solche Arrangements stehen der Sängerin sehr gut zu Gesicht!
Die zusätzlichen Lieder der Platin-Edition bieten einen echten Mehrwert. 5 Titel sind neue Kompositionen von Kerstin selbst, wie „Schlaflos“, mit dem sie sich dazu bekennt, ein echter Nachtmensch zu sein, oder „99 Gründe“ eine schöne Variante des ewigen Kampfes der Gefühle gegen den Verstand. Inhaltlich überzeugend ist auch „Ich hab´s wirklich versucht“, ein Plädoyer dafür, dass nicht nur Erfolge ein gelungenes Leben ausmachen. Außerdem gibt es noch eine gemeinsame Version der Single „Wegen dir“ mit Howard Carpendale – der Song wurde übrigens von seinem Hit „Nachts wenn alles schläft“ inspiriert. Und Kerstin Ott wagt sich erfolgreich an den Filmhit „Shallow“, für den sie mit der Hamburger Songwriterin Lara Hulo eine würdige Duettpartnerin gefunden hat.
Fazit: Wer Schlager mag, wird von diesem Album und den zusätzlichen Liedern bestimmt begeistert sein. Und wer auf ehrliche und persönliche Text steht, sollte auf jeden Fall mal reinhören – unabhängig davon welches Musikgenre er normalerweise bevorzugt.
Sonia Liebing ist ganz frisch an Bord im Schlagerzirkus. Die 31jährige Kölnerin hat im vergangenen Jahr ihr erstes Album veröffentlicht – und sie tritt ebenso geerdet und rockig auf wie ihre Kolleginnen Vanessa Mai oder Christin Stark. So funktioniert der moderne Schlager.
Den Titel „Shootingstar des Deutschen Schlagers“ hat sich die Sängerin durch ihre großen Erfolge im letzten Jahr erarbeitet: mit einer Album Platzierung auf Platz 28 der Charts und mehr als 15 Millionen YouTube Klicks, davon allein 4,6 Millionen für ihre Single „Tu nicht so“. Dazu begeisterte Sonia noch deutschlandweit die größten Hallen mit sensationellen Live-Auftritten bei der „Schlagernacht des Jahres“.
Für das zweite Werk hat sie ihre eigene Geschichte, ihren Alltag und Gefühle mit ihrer großen Liebe zum Schlager gemixt – noch intensiver als beim Debüt: „Die Geschichten vom jetzigen Album sind meine Geschichten. Ich erzähle über meine Kinder, meine Kindheit, meine Eltern.“ Persönlicher als je zuvor erlebt man Sonia auf dem Album und auch ihre facettenreiche Art spiegelt es wider.
Die Songs liefern Gefühl und Partystimmung, zumeist mit Dancefloor-Beats und Discofox. Das ist nicht wirklich innovativ, aber so funktioniert Schlager nun einmal. Die Songs sind eingängig und vermitteln eine positive Grundstimmung. Der vielleicht wichtigste Song („Mutterherz“) geht dabei definitiv zu Herzen.
Mit solchen authentischen Künstlerinnen wird der alte Schlagermief jedenfalls kräftig durcheinander gewirbelt. Das kann die Szene gut gebrauchen.
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Als langjähriger Moderator von „Dein Song“ im KiKA hat Bürger Lars Dietrich – frischgebackener Grimme Preisträger in der Kategorie Kinder & Jugend – sich längst als Kinderversteher etabliert. Kein Wunder, dass nun auch ein Album mit waschechter Kindermucke aus seiner Feder erscheint. Genau wie die Hamburger Band Deine Freunde schafft Lars Dietrich hier den schwierigen Spagat zwischen Peinlichkeit und Coolness.
„Ich wollte mal wieder wirklich Hip-Hop machen“, sagt er zur Entstehung. „Am Anfang dachten wir an eine oder zwei Singles, aber es lief einfach so gut und jetzt sind es eben ein paar mehr.“ Sein wunderbar stilgemischtes und alle Generationen übergreifendes neues Album „Menschenskind“ ist eindeutig Hip-Hop. Dafür steht Produzent Tai Jason, dessen Beats schon Hits von Fler, Sido, K.I.Z. oder Samy Deluxe zierten.
Die 16 Songs schlagen einen weiten Bogen von Reggae über Trap und Disco-Grooves bis hin zu klassischen Samples oder Swing-Rhythmen. So vielseitig wie stets witzig und eindeutig positiv geht es um nervende Nachbarn („Königin der Nacht“), unangenehme Eltern („Mama sooo peinlich“) oder den coolen „Jodel-Opa“, ums Tanzen im Regen oder das „Rap-Huhn“. Die Musik geht ins Ohr und in die Beine. Und alles ist angenehm frisch produziert, so dass keine Langeweile aufkommt.
Dass der mittlerweile vollbärtige Herr Dietrich trotz einiger grauer Haare sein Kind im Manne hegt und pflegt, machen das selbstironische Vater-Sohn-Frage-Antwort-Spiel von „Du warst ganz genauso“, das abgehangene „Schonung“, der in eine Superhelden-Fantasie verpackte Anti-Mobbing-Song „Manchmal“ und natürlich der Titelsong als selbstbewusste Generationen-Hymne deutlich.
„Viel kommt von Herzen und vom Bauch auch“, sagt Bürger Lars Dietrich über sein neues Album. Der 47-jährige versteht die, für die er singt, ganz selbstverständlich auf Augenhöhe. Obendrein liegt ihm die Jugend einfach im Blut, nicht zuletzt als dreifacher Vater.
Die Hip-Hop-Tunes in Verbindung mit kindergerechten Themen sind stimmig und klingen niemals aufgesetzt. Auch wenn Dietrich altersmäßig nicht mehr so nah an der Zielgruppe dran ist, findet er doch die richtigen Worte ohne sich anzubiedern. „Menschenskind“ ist ein gelungenes Debüt in Sachen Kindermusik. Mit der nächsten Staffel „Dein Song“ im Rücken darf da gerne noch mehr kommen.
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Der weinerlich-säuselnde Start mit „Jealous Days“ lässt aufhorchen. Eine klassische Pianomelodie, sanfte Streicher, experimentelle Sounds und eine Stimme, die unter die Haut geht. Nein – einfach zu konsumieren ist die Musik des Künstlerkollektivs THE STRING THEORY sicher nicht.
Das Berliner Ensemble bewegt sich seit 2007 in den Grenzbereichen von Komposition, Improvisation und sozialem Event und begeht jedes neue Projekt mit der kreativen Wucht eines internationalen Künstlerkollektivs. Nach fünf Tourneen in Europa und Nordamerika, fünf Alben und einer Grammy-Nominierung 2020 hat sich The String Theory mit seiner eigenwilligen Mischung aus klassischem Klangkörper und elektronischen Sounds nicht nur als innovatives eigenständiges Orchester, sondern auch als künstlerischer Partner für internationale Stars wie José González, Wildbirds & Peacedrums, Robot Koch und Anna von Hausswolff etabliert.
Das neue Album der Produzenten/ Komponisten PC Nackt und Ben Lauber wurde in den Optimist Studios, einem umfunktionierten ehemaligen Hangar am Flughafen LAX (Los Angeles International Airport), mit zwölf lokalen KünstlerInnen und insgesamt 60 MusikerInnen aufgenommen. Die neun Songs repräsentieren einen speziellen und innovativen Stilmix aus Pop, Jazz, Elektro und Klassik, welcher zusammen mit der illustren Zahl der hochrangigen Feature-Artists das Neo Classic Feld komplett neu bestellt.
Die schillernde Phalanx der teilnehmenden kalifornischen Künsterlnnen beginnt mit der Stilikone vöx, dem Exildeutschen Electro-Mastermind Robot Koch und dem Jazzpianisten Jens Kuross, geht weiter bei der LGBT Frontfigur Grayson, der Bitter Sweet-Sängerin Shana Halligan, dem Multimedia-Künstler Morgan Sorne, und landet bei Zaire Black, einem Spoken-Word-Protagonisten, dessen feingeistige Lyrics erstmalig in orchestralem Gewand zu hören sind.
Sehr eindringlich dominieren Zaires Worte den elektronischen Klangteppich und nehmen den Hörer mit eindringlicher Aussage mit. Zuvor hat Shana Halligan einen lasziven Jazzgesang zu orchestralen Streichern abgeliefert und auch Addie Hamilton bietet in „Hollywood Calling“ feinsten Jazz, aber mit dem nostalgischen Flair alter Filmsongs. Vielseitigkeit ist Trumpf bei diesem Album.
Robot Koch gibt den klassischen Bolero-Rhythmen eine hymnische Elektronik-Performance mit („RoBolero“) und vöx liefert auf „No One Believes A Ghost“ eine überaus zerbrechliche Gesangsdarbietung, deren Emotionalität sich stetig steigert. Als einziger Albumsong ohne Gäste bietet „Stars and Hypes“ das Produzentenduo in reiner Form, wobei der satirische Wild-West-Rhythmus mit dramatisch übersteigerten Klangelementen durchaus als Kritik am gegenwärtigen „America First“-Hype in den USA verstanden werden kann.
„Moon Landing“ bietet schließlich elektronische SF-Elemente zu einer leichtfüßigen Melodie von Grayson, bevor „Remember“ als sogenannte „Suite No. 1“ das Album mit chorischen Harmonie abschließt.
The String Theory überzeugen mal wieder mit ihrer musikalischen Bandbreite. Die Reise mit Elementen von Pop, Jazz, Klassik und Electronica ist nicht einfach zu genießen – die Arrangements sind oftmals verstörend. Doch das Gesamtergebnis wirkt als Klang-Kunstwerk. Man muss sich drauf einlassen.
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Lemonwood sind Paul Piesker (Bass), Salomon Bosse (Schlagzeug) und Justus Maaz (Gesang, Gitarre, Keyboards), sowie live Alexander Schulz (Gitarre), allesamt geboren und lebend in Berlin. Die Musik beschreiben sie selbst schlicht als Psychedelic Pop – und es lassen sich Bezüge zu Shoegaze, Neo Psychedelic, Krautrock, Madchester, Americana und 60s Rock‘n‘Roll ausmachen. Insgesamt klingt das Album überaus hymnisch und man kann es sich gut im Open-Air-Format vorstellen.
Die Songs sind melodiös und eingängig, dabei oft mit Überlänge und mantrahaft in viel Hall und Echo getaucht. Maaz als Songwriter und Produzent verarbeitet Themen wie Sehnsucht, Verlust, Suche und Hoffnung, aber auch philosophische Ideen und spirituelle Wahrnehmung. Auffällig sind dabei die hohe Stimme des Sängers und seine mitreißenden Lautmalereien. Schon der Opener „I Wanna Be Your Home“ verbreitet eine optimistische Grundstimmung und gibt eingängig das Albumthema vor.
„Who Am I“ unternimmt einen Ausflug in den Britpop mit pointiertem Bläsereinsatz. „Echoes Of A Dream“ überzeugt als melancholischer Lovesong mit Überlänge während „How Long Can You Float“ gleichzeitig wohlig klingt und rhythmische Hektik verbreitet. Die meisten Stücke sind Uptempo und treiben unentwegt nach vorne. Dabei werden im Vordergrund ordentliche Rockinstrumente mit starken Oasis-Gitarren verwendet. Atmosphäre schaffen im Hintergrund Loops und orchestrale Flächen, die zum romantischen Träumen einladen.
„Angel Lane“ baut sich melancholisch auf und lässt sich erzählerisch viel Zeit, „The Same Old Melody“ führt die Nachdenklichkeit ohne viel Worte mit starken Gitarrensoli fort. „…What A Peculiar World“ führt klangtechnisch in die 80er Jahre während „4“ einen breitwandigen Abschluss für ein außergewöhnliches Album bietet.
Noch bevor die Welt kurz angehalten wurde, hat sich Justus Maaz bereits in die Isolation begeben, um ein utopisches Zuhause zu beschreiben. Das Ergebnis weiß als Debütalbum absolut zu überzeugen und das Albumcover ist in seiner heimeligen Einsamkeit hervorragend gewählt. Das muss man im Vinylformat genießen – und tatsächlich gibt es auch keinen Silberling. Die Platte erscheint nur im großen, gar nicht mehr so altmodischen LP-Format. Und wer es dann unbedingt in digitaler Form will, muss mit einem Stream oder MP3-Download vorlieb nehmen.
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Rolf Zuckowski hat sich in den letzten Jahren zu einem wahren Upcycling-Meister entwickelt: Songs aus seinem umfassenden Repertoire werden thematisch neu zusammengestellt, teilweise neu eingespielt und vielleicht noch mit ein paar neu komponierten Titeln ergänzt – und fertig ist ein neues Album! Nach diesem Rezept funktioniert auch die aktuelle CD „Gemeinsam unterwegs – Lieder für den Herbst des Lebens“. Und wie es bei guten Upcycling-Produkten ja sein soll, ist das Ergebnis durchaus überzeugend und das thematische Konzept geht auf.
Wie der Untertitel schon verrät, richtet sich „Gemeinsam unterwegs“ mal nicht primär an die Kinder, Zuckowskis Hauptzielgruppe, sondern eher an die Eltern oder sogar Großeltern. Dafür hat der Liedermacher auch die meisten Titel von seinen Alben für Erwachsene ausgewählt, von denen er in den letzten Jahrzehnten zunehmend mehr veröffentlicht hat. Diese Songs mögen nicht ganz so bekannt sein wie seine Kinderliederklassiker, aber gerade deshalb ist es schön, sie auf diesem Album zu entdecken, wie etwa das wunderbare Liebeslied „Vogel ohne Flügel“, die lebensbejahenden Titel „Das Lied der Zukunft“ und „Gib mir mehr davon“ oder das nachdenkliche „Hat alles seine Zeit“.
Bei Zuckowski gehören die Kinder aber selbstverständlich auch im Herbst des Lebens mit dazu, und zwar nicht nur im Opener und Titelsong „Gemeinsam unterwegs“, von dem er im Booklet verrät, das es das Generationen verbindende Lied seiner Familie ist. Auch „Überall ist Wunderland“ – hier in einer Neuaufnahme mit Tochter Anuschka zu hören – zeichnet die Welt aus Kindersicht, und auch die „Sternenkinder“ sind mit dabei. Und „Der Baum des Lebens“, ein absoluter Klassiker für Groß und Klein, hat einen würdigen Platz auf diesem Album gefunden als Neuaufnahme mit wunderbarer Pianobegleitung.
Neben all diesen mehr oder weniger bekannten Titel gibt es auch neues Material. Zwei Lieder vom Freund und Kollegen Peter Reber aus der Schweiz hat Zuckowski mit hochdeutschem Text versehen und neu aufgenommen: „Das wünsch ich dir“ und „Stürmische Zeiten“. „Glücklich sein“ ist eine komplette Eigenkomposition und besingt gefühlvoll die Sehnsucht eines Erwachsenen nach unbeschwertem kindlichem Glück.
Ob man nun selbst schon im Herbst des Lebens steht, oder noch mitten im trubeligen Familienalltag – mit „Gemeinsam unterwegs“ liefert Rolf Zuckowski den passenden Soundtrack, der mal emotional berührt, mal selig lächeln lässt oder auch zum lauten Mitsingen verführt (da helfen dann die Liedtexte im umfangreichen Booklet). Und wer noch ein bisschen mehr möchte: Demnächst erscheint das Album auch als Sonderedition mit Bildkalender.
Schon seit langem hat Fish seinen Abschied von der musikalischen Bühne angekündigt. Selten genug kommt es vor, dass ein Künstler ein Album als finales Werk bezeichnet. Meist ist es doch eher die Erfolglosigkeit, die das Ende der Kreativität einläutet. Bei Fish ist es anders: Er möchte schlicht und einfach in den Ruhestand gehen. Auch das sollte großen Künstlern gegönnt sein. Dass es dann etwas anders gekommen ist als geplant, ist familiären Dingen geschuldet, Problemen bei der CD-Produktion und natürlich der Corona-Krise. Der Tod des Vaters war ein Rückschlag, dann die Tatsache, dass er seine Mutter aus gesundheitlichen Gründen im eigenen Haushalt aufnehmen musste – und auch das Vorgehen mit dem eigenen Label Chocolate Frog Records: Verhandlungen mit den Manufakturen sind halt schwieriger, wenn keine große Plattenfirma dahintersteht.
Eigentlich sollte Fish inzwischen auf Tour sein, um das neue Album gemeinsam mit dem „Vigil“-Album vorzustellen, doch die Pandemie hat das Vorhaben auf Ende 2021 verschoben. Die Pension muss also noch etwas warten.
Einen Vorteil hat die Verschieberei zumindest: Aus dem Standardalbum ist eine Doppel-CD geworden und es klingt vermutlich ausgereifter als dies vor zwei Jahren der Fall gewesen wäre. Wenn man so will, legt Fish hier sogar zwei Abschiedsalben vor, denn die Silberlinge können durchaus jeweils für sich selbst stehen. Es geht um die großen Themen unserer Zeit: die Flüchtlingskrise, allgemeine Unzufriedenheit mit der sozialpolitischen Lage, aber auch um Krankheitsbilder wie Depression und Demenz. So wird „Weltschmerz“ zum ganz großen Werk, das Fishs musikalische und erzählerische Klasse zusammenfasst.
Nehmen wir „Grace of God“, ein episches Stück ganz zu Beginn mit Glockenspiel und ausufernd orchestralen Passagen, verfeinert durch harmonischen Backgroundgesang. Der 8minüter passt perfekt zu den Songs von Fishs erstem Soloalbum und schließt gewissermaßen den Kreis. Ein hervorragender Auftakt mit perfektem Songaufbau.
„Man with a Stick“ ist schon länger bekannt, da es auf der letzten EP erschienen ist und mehrfach live gespielt wurde. In der neuen Fassung hat der modern klingende Track aber nochmal an Energie und rhythmischer Stärke hinzu gewonnen.
„Walking on Eggshells“ beschreibt musikalisch den schwierigen Tanz, den eine Beziehung häufig bedeutet. Ein Lovesong mit beschwingten und düsteren Momenten. Die Thematik ähnelt Klassikern wie „A Gentleman’s Excuse Me“ und „Rites of Passage“.
Als rhythmisch vertrackter Folksong ergänzt „This Party’s Over“ die bei den Fans so beliebten Dancing Tracks, die jedes Livekonzert bereichern, und erweitert sie um einige Nuancen, da der Song doch komplexer klingt als „Internal Exile“, „Lucky“ oder „The Company“. Auf jeden Fall schön, mal wieder schottische Pipes auf einem Fish-Album zu hören.
Herzstück von CD 1 ist aber „Rose of Damascus“, das in über 15 Minuten die Syrienkrise behandelt und den Hörer in Form einer weltmusikalischen Suite mit auf eine bewegende Reise nimmt. Orchestrale Arrangements, Spoken-word-Passagen, aggressive und sanfte Momente – hier fährt Fish alles auf, womit er in 30 Jahren Solokarriere (und schon zuvor bei Marillion) die Progwelt begeistern konnte. „She was searching for a vision, some sign to give direction, in this wasteland where it’s a curse to be alive […] To carry on her journey to find another homeland somewhere to blossom and come alive.“ Beschrieben werden das Leben einer Frau in Syrien bis hin zur Flucht übers Meer mit offenem Ende. Wie in einem großen Breitwand-Kinofilm erzählt Fish eine Geschichte und lässt den Hörer betroffen zurück.
Damit wäre schon ein hervorragendes Album auf dem Plattenteller, an dem es nichts zu meckern gibt, doch wir haben ja noch CD 2 vor uns. Auch diese liefert 42 Minuten Musik und hat nur einen Track unter fünf Minuten. Dabei scheinen die Longtracks keineswegs künstlich in die Länge gezogen sondern brauchen ihre Zeit, um sich zu entwickeln.
Foto Credit: Wojtek Kutyla
Auffällig sind die melancholischen Stücke „Garden of Rememberance“ und „Waverly Steps“, die jeweils mit eindringlichen Worten ein Krankheitsbild beschreiben, nämlich Demenz und Depression. Fish findet sich ein in die Gedankengänge der betroffenen Menschen. Vor allem „Garden of Rememberance“ finde ich dabei sehr berührend, da er autobiografische Inhalte verarbeitet und eine perfekte Ballade abliefert. Ebenso wie der Song „Fragezeichen“ von Purple Schulz sollten auch dieser Song und das dazugehörige Video zum Lehrinhalt in der Altenpflege werden. Fishs Gang durch die Bildergalerie der Erinnerungen veranschaulicht wundervoll das Empfinden dementer Patienten und ihrer Angehörigen. Dass er dafür das wundervolle Artwork von Mark Wilkinson verwendet, den viele Fans mit Fishs Musik verknüpfen, macht das Video noch genialer.
„C Song“ ist für mich der einzig belanglose Song auf der ganzen Albumlänge, enthält aber wie sein Pendant auf CD 1 ebenfalls schottische Folk-Elemente und befreit von der durchgängigen Schwermut des Albums. Das wird allerdings zunichte gemacht durch die gewaltigen Songs „Little Man What Now?“ und den Titeltrack „Weltschmerz“. Ersterer basiert auf dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada, der Weltwirtschaftskrise und Erstarken des Nationalsozialismus am Bild des kleinen Mannes beschreibt, der schicksalsergeben durch die verrückt gewordene Welt stolpert. In Zeiten von neuem Rechtspopulismus, Klimakrise, Brexit und Covid-Pandemie kann man sich in diese deterministische Haltung nur zu gut einfinden. Musikalisch kommt ein prägnantes Jazz-Saxofon zum Einsatz, das den Schmerz herzzerreißend zum klingen bringt.
Und daneben gibt es eben genau den „Weltschmerz“, mit dem Fish schon seit Jahren hadert – und für den er bewusst einen deutschsprachigen Begriff wählte, den Jacob und Wilhelm Grimm bereits im 18. Jahrhundert in ihrem Deutschen Wörterbuch verwendeten und mit dem sie eine tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt beschrieben. Fish beschreibt sich, seine Rolle in der Welt und seine politische Einstellung mit intensiven und ehrlichen Worten – und geht damit zurück in die Zeiten von „Fugazi“ und „White Feather“, als er noch der junge Wilde im Musikgeschäft war – „When the revolution is called I will play my part“ – auch heute noch. Ruhestand hin oder her.
Calum Malcolm und Steve Vantsis haben als Produzenten eine hervorragende Arbeit geleistet, wobei Vantsis auch als musikalischer Madtermind tätig war und die meisten Stücke mit geschrieben sowie arrangiert hat. „Weltschmerz“ ist ein Statement unserer Zeit und ein hervorragendes Abschiedsalbum. Vielleicht sein bestes Soloalbum seit „Vigil“.
Erhältlich ist das Album zunächst nur auf Fishs Homepage: https://fishmusic.scot/store/albums/weltschmerz/17
Digitaler Link, Standrad-CD, Vinyl – alles was das Herz begehrt. Die Deluxe Edition im A5-Hardcover-Format enthält umfangreiche Liner Notes, das fantastische Artwork von Wilkinson und eine Blu-ray mit Videos, Interview, Making of und live Audio Tracks von der 2018er Tour.
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Hamburg. St. Pauli. Die Reeperbahn ist gefüllt wie eh und je. Menschenmassen drücken sich aneinander vorbei, Punks und Obdachlose, Drags und andere bunte Hunde, Männer wie Frauen werben für ihre Anliegen. Dazwischen sieht man lange Schlangen und Menschen mit Festival-Bändchen, teils mit Presse- oder Team-Ausweis. Gerade am oberen Ende, von der U-Bahn-Haltestelle St. Pauli kommend, klingt über den üblichen Geräuschpegel etwas, das man in den letzten Monaten eher selten hörte: Livemusik. Auf dem Spielbudenplatz spielen an vier Tagen jeweils drei Bands.
Das Reeperbahn-Festival fand vom 16. bis 19. September 2020 statt – trotz Corona. Als großes Experiment, wie ein Festival in Pandemiezeiten ablaufen kann. Kein Wunder also, dass die Veranstaltungsbranche nicht wie sonst vor allem nach Hamburg blickt, wenn das Festival ansteht. Nicht, um gesehen zu werden, alte und neue Bekannte zu treffen, neue Musik zu hören und sich gegenseitig zu verständigen. Sondern vor allen Dingen, um herauszufinden: Gibt es Hoffnung für die stark gebeutelte Branche, die seit Monaten keine Einnahmen verzeichnen kann, mit am längsten die Türen geschlossen halten musste und für die es noch immer keine Perspektive gibt, die auch finanziell ein „Weitermachen“ ermöglicht.
Natürlich sind es nicht nur die neun Konzerte auf der Spielbuden-Bühne. In 19 weiteren Clubs und Veranstaltungsorten finden an den vier Festivaltagen über 100 Konzerte statt. Viele werden live im Internet gestreamt – und 150.000 Menschen schalten dafür ein. Vor Ort sind es deutlich weniger: Gerade einmal 8000 Besucher:innen kommen physisch zum Festival. Verglichen mit den 50.000 im Vorjahr ist das quasi nichts. Daher wirkt auch vieles eher leer. Das Festival Village auf dem Heiligengeistfeld (mit zwei Bühnen: der kleinen Festival Village Fritz Bühne und der großen Festival Village Stage) ist nur wenig besucht. 30000 Quadratmeter stehen hier zur Verfügung. Normal passen hier locker bis zu 7000 Menschen hin. Zugelassen sind allerdings gerade einmal 1300.
Überall werden Kontaktdaten hinterlassen. Betritt man eine Venue, muss vorab ein QR-Code eingescannt werden. Erst nach Bestätigung und Kontrolle darf man eintreten. Das gleiche Spiel erneut beim Auschecken. Während es Mittwoch und Donnerstag noch ruhig war und die meisten Menschen ihre Wunschkonzerte sehen konnten, wurde es zum Wochenende deutlich voller. Die Schlangen wurden länger – und die enttäuschten Gesichter derjenigen, die nicht mehr hineingekommen sind, waren häufiger zu sehen. Doch trotz allem: Großer Protest oder Beleidigungen blieben aus. Die Sicherheitsleute berichten, dass sie gerade einen sehr entspannten Job hätten. Man könne sich mehr Zeit beim Einlass lassen, aber vor allem seien die Menschen verständiger und weniger aggressiv, wenn sie nicht hineinkämen. Vor allem aber: Man habe endlich wieder etwas zu tun. Das gilt für alle hier: Die Ton- und Lichttechniker, die Stagehands und Menschen hinter der Theke, genauso wie viele mehr, die dabei mithelfen, dass die Konzerte überhaupt stattfinden können.
Wie das alles dann finanziert wird? Vor allem durch Subventionierung von Bund und Ländern. Mit insgesamt 1,3 Millionen Euro wurde das Reeperbahn Festival in diesem Jahr bezuschusst.
In den einzelnen Clubs, Kirchen und Open-Air-Bereichen stehen zumeist Stühle, manchmal sind es auch nur Markierungen auf dem Boden. Maximal zwei Menschen dürfen zusammensitzen oder stehen. Ein kurzer Besuch bei Bekannten zwei Reihen weiter wird von der Security sofort unterbunden. Außer am eigenen Platz herrscht zudem überall Maskenpflicht. Statt des sonst nicht unüblichen Konzert-Hoppings, also überall mal kurz reinzuschnuppern, muss sich diesmal im Voraus entschieden werden, wohin man möchte – nachdem das Konzert begonnen hat, darf niemand mehr hinein. Raus kommt man jederzeit, aber der Platz wird nicht nachbesetzt.
Während also im Rahmen des Festivals penibel auf die Einhaltung aller Hygienevorschriften geachtet wird, ist genau das außerhalb der mit QR-Code abgesperrten Bereiche auf dem Rest der Reeperbahn fast allen ziemlich egal.
Ob das Konzept gelungen ist? Es ist möglich, Live-Konzerte zu spielen. Das wird derzeit im ganzen Land gezeigt. Die Autokonzerte sind weitestgehend vorbei und der Sommer mit seinen Outdoor-Möglichkeiten und einigen Lockerungen wurde von vielen genutzt. Wie es im Herbst weitergeht, ist absolut ungewiss. Was jedoch sicher ist: Ohne Subventionierung ist es nicht umsetzbar. Bei knapp 50 statt 300 Besuchern kommt kein (Club-)Veranstalter jemals zu schwarzen Zahlen – und horrende Ticketpreise kann sich derzeit nur ein Bruchteil der Gesellschaft leisten. Dennoch: Mit dem passenden Hygienekonzept und verantwortungsbewussten Menschen sollte eine Aufstockung der Besucherzahlen in Erwägung gezogen werden. Der Fussball macht vor, wie eine Steigerung der Besucherzahlen möglich sein kann. Dass die Besucher:innen sich an Regeln halten können, hat das Reeperbahn Festival eindeutig gezeigt.
Seit 20 Jahren stehen die Norweger von Gazpacho für atmosphärischen und stilvollen Artrock. Damit treten sie in die Fußstapfen von Marillion und überflügeln diese bisweilen, was hypnotische und psychedelische Passagen angeht, die sie in sanfte Klangcollagen fassen.
Das elfte Studioalbum „Fireworker“ fasst alles zusammen, was Gazpacho bisher abgeliefert haben. Songdienliche Stücke wie in „Night“, das Storytelling von „Tick Tock“ sowie die düstere Stimmung von „Demon“ und „Molok“.
Diesmal geht es nicht um ein echtes Konzept – stattdessen nimmt man den Hörer mit auf eine Reise in die Psyche. So startet die Band zur Freude der Progressive- und Artrock-Fans mit einem epischen 20minüter. „Space Cowboy“ bietet komplexe Songstrukturen, Tempowechsel, Klangmalereien und chorische Passagen. Es geht um den instinktiven Teil jedes Menschen, den Keyboarder Thomas Andersen „Space Cowboy“ oder „Fireworker“ nennt – Freud würde vielleicht „Es“ dazu sagen, aber hier hat dieser innere Geist eine dämonische Struktur.
Nach so viel Mystischem folgen drei kürzere Stücke, die balladesk eine beruhigende Wirkung entfalten. Verträumt und bisweilen verzweifelt singt sich Jan-Henrik Ohme durch die Songs. Erst das Titelstück – mittig in der Tracklist platziert – trägt einen Funken Optimismus in sich.
Zum Schluss bringt „Sapien“ die hypnotische Wirkung der Musik zurück und entfacht ein weiteres Feuerwerk. Psychedelisch und aufwühlend endet die Reise in das innere Selbst.
Sicher – es ist mal wieder ein sehr verkopftes Album. Und es erreicht nicht die erzählerische Klasse von „Tick Tock“. Doch Gazpacho führen ihren Weg unbeirrt fort und es gelingt ihnen immer wieder eine Steigerung. Dass sich manche Passagen dabei wie ein Aufguss älterer Alben anhören – geschenkt. Gazpacho sehen „Fireworker“ als den Überbau, als eine Zusammenfassung der letzten Werke. Das gelingt ihnen musikalisch und thematisch.
Die Situation des Musiker-Kollektivs ist nicht einfach, seit ihr Aushängeschild ziemlich abgedreht ist und sich in Verschwörungsmythen flüchtet. Ich will Xavier Naidoo gar nicht angreifen dafür. Es tut einfach weh, wenn jemand, der eine solch starke Stimme hat und für wundervolle Musik steht, so in die falsche Ecke driftet. Was er vermutlich bräuchte, ist ein guter Freund, der ihm die Richtung weist – aber wer soll das übernehmen bei einem Künstler mit derart großem Ego?
Die Stammband geht derweil ganz neue Wege und tut gut daran. Seit 25 Jahren singen uns die Söhne Mannheims Lieder von Liebe und Gemeinschaft, geben Hoffnung, machen Mut. Nach Charterfolgen und Stadiums-Sensationen, zahlreichen Ausflügen in Opernhäuser oder mit Big Bands nahmen sich die Söhne 2017 ein zweijähriges Sabbatical, um sich neu zu sortierten und zu erfinden.
Eine der Erkenntnisse daraus ist eigentlich gar nicht so neu: dass mit dem Gitarristen Kosho, Ralf Gustke am Schlagzeug und Bassist Edward Maclean drei Großmeister des neueren deutschen Jazz in der Rhythmusgruppe spielen, war nie ein Geheimnis. Jetzt bilden sie gemeinsam mit den Stimmen von Söhne-Sänger Michael Klimas und der Sängerin Phalleé das „Söhne Mannheims Jazz Department“. Ein echtes, wunderbares Novum.
Ihre Liebe für die Musik und den Spirit der Söhne Mannheims verbindet dieses Department mit den kreativen Qualitäten des zeitgenössischen Jazz – natürlich, organisch und mit viel Liebe. So singen und spielen sie neben gefühlvoll modernisierten und erweiterten Versionen von Klassikern aus dem Söhne-Repertoire auf diesem Debütalbum auch zwei Eigenkompositionen. Dass „Breathe“ und „Alles ist schon da“ neben den Söhne-Klassikern nicht nur Bestand haben, sondern sich bestens in den dramaturgischen Fluss fügen und auf ihre eigene Art und Weise strahlen, spricht für sich.
Besonders stark finde ich aber die bekannten Titel. „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ entfaltet gleich zu Beginn eine entspannte Atmosphäre, die die Richtung für das Album vorgibt. Das Duett „Volle Kraft voraus“ klingt so unglaublich gefühlvoll. Die Arrangements sind kunstvoll und virtuos. So holt Edward Maclean aus den Melodien ganz neue Facetten raus.
Lasziv mit tiefer Stimme singt Phalleé „Geh davon aus“ zu einem fantastischen Basslauf. So wird der Rocksong zum nachdenklichen Monument. „Vielleicht“ lädt noch stärker zum Träumen ein als das Original – im Duett sind die Vokalisten einfach unschlagbar. Das rhythmisch versierte Jazzstück „Zurück zu dir“ lässt den Song in ganz neuem Licht erstrahlen, inklusive energischer Rap-Passagen. Und der verspielte Abschied mit „Lieder drüber singen“ wird zum melancholischen Manifest.
Die zehn Stücke stehen für sich, strahlend, eigen, voller Seele und Kraft. Und das ist nur der Anfang, ein wirklich wunderbarer. Das Söhne Mannheims Jazz Department hat noch viel vor – zuerst werden sie live spielen, ihre Musik unter die Leute bringen. Außerdem immer weiter arrangieren und noch mehr eigene Stücke komponieren. Mehr davon! Auf jeden Fall: Volle Kraft voraus.