Reeperbahn Festival
21. Reeperbahn Festival eröffnet
Die Opening Show im Schmidt’s Tivoli bildete am heutigen Mittwochabend den Auftakt für die vier Tage des 21. Reeperbahn Festivals.
Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen eröffnete mit seiner Grußbotschaft das Bühnengeschehen und thematisierte neben der über 21 Jahre gewachsenen internationalen Bedeutung des Reeperbahn Festivals als eine der wichtigsten Musikkonferenzen der Welt auch die drohende Kürzung der Förderungen. Er bezeichnete die Unterstützung des Festivals auch als Unterstützung der Demokratie und versprach, in der anhaltenden Debatte, alles dafür zu tun, die finanzielle Ausstattung und somit die internationale Strahlkraft des Festivals auch für 2027 zu erhalten. Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, griff dieses Versprechen auf und betonte die immense Bedeutung von Musik und Kunst als signifikante Merkmale freier Gesellschaften. Er verband diese Botschaft mit dem Appell, sich proaktiv dem Erreichen gemeinsamer Ziele zuzuwenden. Im Anschluss erläuterte Festivalleiter Detlef Schwarte das diesjährige Festivalmotto „Forever Legit?” als Umschreibung für den stetigen Transformations-Prozess der Musikindustrie für die rund 600 geladenen Gäst*innen aus Politik und internationaler Musik- und Kulturwirtschaft.

Moderatorin Yasmine Blair führte durch das rund 90-minütige Programm und leitete die nachfolgende Diskussion mit Ama Walton, Soundcloud General Counsel & Chief People Officer, Dr. Kilian Hampel, Sozialforscher der Universität Konstanz und Mitautor der Trendstudie „Jugend in Deutschland“ sowie Johann Scheerer, Clouds Hill-Gründer und CEO ein. In diesem moderierten Talk ging es von der Einbeziehung der Perspektive der jungen Generation über gerechte Streaming-Vergütungsmodelle für junge Künstler*innen sowie dem Einsatz von KI um die aktuellen Herausforderungen der Musikindustrie. Hierbei wurde deutlich, dass es mehr als nur eine klare Meinung zum übergeordneten Motto des Reeperbahn Festivals gibt.
Nach dem Live-Auftritt von Singer-Songwriter Dotan (NL) wurde die Jury des internationalen Musikpreises Anchor vorgestellt, die in diesem Jahr aus Popkünstlerin Domiziana (DE/IT), Songwriterin und Aktivistin Jerry Heil (UA), Sängerin und Produzentin Oklou (FR) und dem Produzenten, DJ und Songwriter Sega Bodega (IE/CL) besteht. Diese Vier besuchen am Mittwoch die Live-Shows der sechs Nominees Dov’è Liana (FR/IT), Nectar Woode (GB), Just For Fun (GB) sowie am Donnerstag Sonic Interventions (DE), Ganna (UA) und BIG WETT (AU) im Mojo Club, um am Freitag im St. Pauli Theater die Gewinner*in zu küren.
Im Anschluss gab das Reeperbahn Festival Einblick in drei neue Projekte der RBX GmbH für den digitalen Raum und die Förderung junger Talente.

Christopher von Deylen (DE) alias SCHILLER stellte in seiner Keynote das diesjährige Guest Country of Honour Ukraine vor. Er berichtete anhand seiner Erfahrungen bei mehreren Besuchen und anhand vieler Gespräche mit ukrainischen Kulturschaffenden, wie der menschliche Drang nach Gestaltung und Ausdruck auch unter Kriegsbedingungen anhält und forderte die internationale Musikindustrie auf, ukrainischen Acts weiterhin Aufmerksamkeit auf ihren Bühnen und Festivals zuteil werden zu lassen. Anschließend performte SCHILLER gemeinsam mit der ukrainischen Sängerin Julia Sanina, Frontfrau der Rockband The Hardkiss den Song „My Silence”.
Das all female Quartett Dreamboys The Band (DE), zugleich Teilnehmende beim German Music Talent-Exportprogramm, entließen die Besucher*innen des Openings mit ihrem verträumten Indie-Pop in vier Tage voller Musik!

Das Opening gab somit eine Einstimmung für die kommenden drei Festivaltage, in denen auf die Besucher*innen neben den vielversprechendsten neuen internationalen Musik-Talenten, spannenden Kunst- und Kulturprogrammen auch Formate wie die Partnerkonferenzen MUSIC FRONTIERS, Afro Futuristic Convention sowie die Nachhaltigkeitskonferenz Sustain! erwarten. Mit den neuen Spotlight On-Formaten haben alle, die sich speziell für Genres wie Heavy, Hip-Hop Culture, Track ID für elektronische Musik oder Festival Culture interessieren, die Möglichkeit, Spezial-Tickets für diese einzelnen Formate zu erwerben. Open Air-Bühnen im Festival Village und auf dem Spielbudenplatz laden zudem auch zu kostenfreien Konzerten ein.
Das Reeperbahn Festival wird gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Freien und Hansestadt Hamburg.
Weitere Konzertbestätigungen: Reeperbahn Festival veröffentlicht Spieltage
Das Reeperbahn Festival richtet den Blick über Landesgrenzen hinaus und geht mit seiner aktuellen Programmveröffentlichung konsequent „All Things Overseas“. Ab sofort ist auch ein großer Teil der Spieltage auf der Festivalwebsite verfügbar. Damit wird die persönliche Festivalplanung deutlich einfacher. Besucher*innen können gezielter entdecken, welche Acts an welchen Tagen in Hamburg zu erleben sein werden. Die Veröffentlichung der Spieltage bietet darüber hinaus eine wertvolle Orientierung bei der Ticketwahl: Wer bislang noch zwischen 4-Tages-Tickets und Tagesticket-Optionen schwankt, kann nun deutlich besser einschätzen, welche Ticketoption am besten zur eigenen Planung passt.
All Things Overseas: Von Indien, über Kanada bis nach Australien
Die aktuelle Programmankündigung vereint künstlerische Positionen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und reicht von zeitgenössischem Indie und Folk bis hin zu experimentellem Hip-Hop und genreübergreifenden Klangwelten. Zu den Highlights zählen unter anderem EXCISE DEPT (IN), die indischen Desi Hip-Hop mit psychedelischen und politischen Einflüssen verbinden, sowie Misbah (PK/GB), dessen warmer Sound Indie Pop, Synth-Funk und persönliche Einflüsse miteinander verknüpft. Mit Le Ren (CA) ist zudem eine markante Stimme des modernen Folk vertreten, deren Songwriting zwischen Americana und zeitgenössischer Indie-Ästhetik angesiedelt ist. Ergänzt wird die Auswahl durch weitere Acts wie Les Shirley (CA), Jashim (CA) und TR/ST (CA/US) sowie durch Künstler*innen aus Australien wie REDD. (AU), Jack Gray (AU), Jamaica Moana (AU) und Lucky (AU).
Word: Literatur, Diskurs und Popkultur
Parallel dazu veröffentlicht das Reeperbahn Festival erste Inhalte aus dem Word- Programm 2026. Das Programm erweitert den musikalischen Fokus um literarische popkulturelle und gesellschaftliche Perspektiven und bringt Autor*innen, Journalist*innen, Podcaster*innen und Performer*innen zusammen. Dazu gehört unter anderem Alice Hasters, die sich in „Anti Opfer“ mit gesellschaftlichen Debatten rund um Verletzlichkeit und Empathie auseinandersetzt, ebenso wie die Show „Zwischen Zwei Und Vier“, die aktuelle Entwicklungen und Dynamiken der Musikindustrie beleuchtet. Weitere Programmpunkte sind Lesungen und Gespräche mit Ilona Hartmann, Louise K. Böhm und Yade Yasemin Önder die unterschiedliche Perspektiven auf persönliche und gesellschaftliche Fragestellungen eröffnen. Ergänzt wird das Programm durch Live-Podcasts wie „too many tabs“ vom NDR, „Notaufnahme“ von Ärzte ohne Grenzen und „Eine Stunde Liebe“ von Deutschlandfunk Nova, die sich mit digitalen Phänomenen, globalen Krisen und popkulturellen Diskursen beschäftigen. Auch Comedy ist vertreten: Das Ensemble von „eine show halt“ lädt das Publikum zu einer eskapistischen Sketch-Show zum Thema Angst ein.
Weitere bisher bestätigte Konzerte:
Reeperbahn Festival 2024 – Freitag und Samstag – Konzertberichte
Nach den insgesamt noch recht beschaulichen ersten beiden Tagen ist es am Freitag und Samstag beim Reeperbahn Festival doch merklich voller geworden. Logisch – Wochenende. Da ist auf der Reeperbahn ohnehin die Hölle los. Und es kamen ja noch bis zu 15.000 Linkin Park Fans hinzu, die sich die Zeit vor dem Konzert vertreiben mussten und an diversen Fan-Aktionen teilnahmen. Die Marketing-Kampagne, die Warner Music und das LP-Management hier fuhren, vereinnahmte nämlich sowohl ganz Hamburg als auch das RBF im speziellen. Überall Plakate und Graffiti, Straßenkünstler waren engagiert um Songs von Linkin Park zu spielen, am Freitagabend gab es eine spektakuläre Drohnenshow über dem Heiligengeistfeld, um den VÖ-Termin für das neue Album anzukündigen, und in der Thai Oase fand ein groß angelegtes Fanevent statt, vor dem sich eine Hunderte Meter lange Schlange bildete. Was nicht geschah, war allerdings ein Erscheinen oder gar ein Auftritt der Band beim RBF. Wäre auch zu schön gewesen…
Ich startete mein Konzertwochenende mit dem Gig von OSKA bei „Reeperbahn Collide“ im Bunker. Diese neue Attraktion in St. Pauli führt zunächst dazu, dass man viele Treppen steigen muss, um in diesem begrünten Koloss bis zur Georg-Elser-Halle zu gelangen. Die Mühe hatte sich aber gelohnt, denn die Künstlerin aus Wien legte einen fantastischen Auftritt hin, der von speziell designten Visuals auf großer LCD-Leinwand begleitet wurde. OSKA ist einfach wundervoll. Sympathisch, witzig, mit grandios guter Stimme, die ein wenig an Katie Melua erinnert. Es gibt erst ein Album, doch das zweite ist in Arbeit. OSKA war im Sommer als Support von Silbermond und Coldplay unterwegs – und es wird mit jedem Konzert spürbar, wie ihre Fanbase wächst und wächst. Kein Wunder, wer sie einmal live erlebt hat, will das immer wieder tun. Neben vielen Premieren vom nächsten Album gab es auch „Landslide“ von Fleetwood Mac. In diesen 60 Minuten hat OSKA mal wieder eindrucksvoll bewiesen, warum sie zu den besten Pop-Acts der Gegenwart zählt.

Danach wurde es in meinem Zeitplan etwas besinnlich mit dem Besuch der St. Michaelis Kirche („Hamburger Michel“). Das Ambiente dort ist immer ganz besonders für Konzerte. Diesmal waren dort zwei Holländer am Start, Joep Beving und Maarten Vos. Das aktuelle Album „Vision of contentment“ ist im Eindruck des Todes ihres Managers entstanden, daher wurde es sehr sphärisch und mystisch. Das komplett dargebotene Konzeptalbum ist wahre Klangkunst mit Piano, Percussion, Streichern und Elektronik – ganz ohne Worte. Die Musik spricht für sich und wirkte sehr stark in dieser heiligen Halle. Die blaue Stunde zwischen Licht und Dunkel wurde hier perfekt in Szene gesetzt.
Auf dem Spielbudenplatz hatte Ella Ronen die „Swiss Sunset Stage“ eingenommen. Die Musikerin aus Zürich bot Folk-Pop mit feministischer Attitüde. So war auch die Begleitband mit drei Frauen besetzt und es ging um Rollenbilder, beispielsweise im Song „Fuck Cute“. Ihr Album „The Girl With No Skin“ ist gerade erst erschienen und bietet ein gutes Gespür für Worte und Melodien. Die Sängerin ist promovierte Literaturwissenschaftlerin – das merkt man in den tiefsinnigen Lyrics.

Dann war endlich Elbphilharmonie angesagt. Alli Neumann hatte eine spezielle Show namens „In Flagranti“ extra für diesen besonderen Auftritt geschaffen. Die Elphi als Location ist jedesmal grandios, allein wegen dem Ambiente und der Akustik. Alli selbst kam mit einem Fagott auf die Bühne. Sie beherrscht dieses Instrument ganz passabel (für ein Musikstudium hat es aber nach eigenen Worten nicht gereicht) und nutzte natürlich die Chance, damit aufzutreten. Überhaupt waren neben der Liveband auch einige Streicherinnen am Start, außerdem Musikerinnen mit Fagott, Saxofon und Querflöte. So konnte man filigrane Passagen mit der typischen Rockshow abwechseln.
Alli ist ja spätestens seit „Sing meinen Song“ einem Massenpublikum bekannt. So fand sie auch in der Elphi eine begeisterte Zuhörerschaft, wobei sie erst klassische begann, manche Songs aber in wahre Freudenschreie ausarten ließ. Die Dynamik veränderte sich mit jedem Stück und vor allem auch während der Interpretation. Eine Rapperin war zu Gast, ein befreundeter polnischer Sänger und Inéz von der Band Ätna. Alli selbst hatte so viel Charisma und Energie, dass man nur staunen konnte. Dabei war sie sichtbar nervös, was man bei den Ansagen merkte, ließ sich aber davon den Moment nicht verderben. Sie war einfach unbändig glücklich, hier spielen zu dürfen, und zeigte das auch.

Ein Gruß ging raus an den Papa, der dann prompt aufstand und huldvoll in die Menge winkte, was Alli wiederum ziemlich aus der Fassung brachte. Ebenso an die Schwester, die wegen Corona per Facetime zugeschaltet war. Alli bedanke sich bei allen, die an sie geglaubt haben – und auch an die, die das nicht taten. „Und jetzt schaut mal, wo ich hier stehe!“, rief sie unter aufbrandendem Jubel.
Es gab ein geiles Fagott-Duett und mit Inéz den Song „So wie du“. Ihr erster deutschsprachiger Song „Orchideen“ war immer mit Streichern geplant – und endlich konnte sie ihn auch so auf die Bühne bringen. Zu „Primetime“ standen alle auf und machten die Elphi zum Tanzparkett. Sie interpretierte einen polnischen Protestsong mit einem Aufruf, für die Demokratie zu kämpfen („in Polen hat das auch funktioniert“).
Alli fühlte sich nach eigenen Worten wie auf ihrer Hochzeit. Und man war selbst ganz mitgerissen von ihrer Freude und Leidenschaft. „Seltsame Welt“ sang sie mit jiddischen Lyrics und das verursachte wieder Gänsehaut. Es gab den passenden Disco-Song „Fühl mich gut“ und nach 75 exorbitant guten Minuten den Song „Frei“ als letzte Zugabe und Schrei der Erleichterung. Mit diesem Konzert hat Alli jedenfalls Geschichte geschrieben – für sich und auch für die Elphi.
Samstags war am vierten Tag in Folge bestes Wetter mit wolkenfreiem Himmel. Nicht zu heiß (knapp 23-25 Grad) und mit einer leichten Brise in den Abendstunden. Auf dem Spielbudenplatz gab es den N-Joy Reeperbus, der jeden Tag Teaser-Shows präsentierte, für die man kein RBF-Ticket brauchte. So war der viertelstündige Showcase von Kate Nash extrem gut besucht. Diese Heldin früherer Tage wollten viele unbedingt mal live sehen. Kate präsentierte keine Radiohits, sondern einige Songs vom neuen Album „9 Sad Symphonies“, doch allein das war schon großartig. Es hielt sie auch nicht auf der Bühne, sondern sie ging direkt rein ins Publikum. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was am Abend in der Großen Freiheit folgen sollte. Die Schlange für Selfies war im Anschluss riesig – und ganz sympathisch nahm sich Kate Nash Zeit für jeden Fan.

Dann durfte ich zum zweiten Mal OSKA erleben. Ihr kurzer Gig vor dem Reeperbus war diesmal rein akustisch mit dem Gitarristen Clemens als Duo, der selbst als Doppelfinger auch bisweilen solo unterwegs ist. Wieder überzeugte die Österreicherin, die eigentlich Maria heißt, mit einem luftigen und fröhlichen Set. Zwischendurch erzählte sie kleine Geschichten zu den Songs und eroberte die Herzen der Anwesenden im Sturm. Der Andrang zum Konzert in der St. Pauli Kirche sollte dann am Abend riesengroß sein. Das hat sie sich durch ihr sympathisches Wesen selbst erspielt. Man muss sie einfach mögen.
Auf der MOPO-Bühne gab Songwriterin jolle ein feines Konzert auf kleiner Bühne. Ich hatte sie schon mittwochs kurz sehen können und wollte den Eindruck noch vertiefen. Hat sich gelohnt! Sie war mit DJ am Start und das war perfekt, um die Geräuschkulisse des Heiligengeistfelds zu übertönen. Jolle war ganz besorgt ob einiger Kinder, die in der ersten Reihe auf dem Boden saßen: „Wenn’s euch zu laut wird, sagt Bescheid.“ Doch die Pänz haben ordentlich mitgefeiert. Kein Problem. Wahlhamburgerin jolle hatte ein T-Schirt mit „FCK NZS“ Aufdruck. Diese politisch sehr korrekte Einstellung spiegelte sich in Songs wie „Schwarzes Wasser“, „Leergetanzt“ und „Grundrauschen“. Es ging um Depressionen und Lebensfreude, aber auch um Haltung. Die Zuschauermenge wurde mit jeder Minute größer. Jolle hatte sich hier wie eine gute Straßenkünstlerin ein Publikum erspielt, das nicht mehr weiterzog. Das hat sie sich verdient. Zum Ende hin gab es die Single „Wir gehen rein“, den Song „Große Freiheit“ passend zur Reeperbahn und – weil noch etwas Zeit war – den Downer „Leeres Statement“.
Im Bunker dann soffie im größeren Setting als Trio. Ja, wieder Treppen steigen bis unters Dach, aber allein der Blick über Hamburg entschädigt für die Strapazen. Und natürlich die Musik von soffie, verfeinert durch Keyboard, Gitarre und Schlagzeug. Die Mittzwanzigerin aus Backnang sorgte mit dem Cover „Oh Johny“ (Jan Delay) für Stimmung und spielte ihren Hit „Für immer Frühling“ gleich zweimal, als das Publikum lautstark nach Zugabe verlangte. Die Visuals waren diesmal nicht so kunstvoll wie bei OSKA, doch es gab auch hier eine schöne Lichtatmosphäre.
Liedermacherin Sarah Lesch hatte bei der Village Acoustics Bühne viele Fans um sich versammelt. Den Anfang bestritt sie noch mit Banjo und Mundharmonika allein, später gesellte sich Gitarristin Thari Kaan hinzu. „Der Tag an dem die Flut kam“ kündigte Sarah noch als „Song zum Fummeln“ an, obwohl das geschilderte Endzeitszenario erschreckend realistisch gezeichnet ist. Danach ging es mehr in Richtung von Protestsongs und politischen Chansons mit glasklaren und nachhaltigen Texten. In Thüringen geboren lebt sie inzwischen in Leipzig und hat sich dem Antifaschismus verschrieben. Stücke wie „Der Einsamkeit zum Trotze“ und „Testament“ sprechen für sich. Gerade in letzterem hat Sarah – wie sie selbst behauptet – bereits alles gesagt, was es zu sagen gibt, denn es ist ein Plädoyer, besser auf die Kinder zu hören und ihnen zu vertrauen („Die spürn sich noch, die ham Feeling für die Welt“).
Im Vorbeigehen konnte ich einige Takte von Tonbandgerät auf dem Spielbudenplatz erhaschen, die ihr 18jähriges Bühnenjubiläum feierten. Indie-Pop aus Hamburg, der hier extrem viele Zuschauer anlockte. Das in Kürze erscheinende neue Album wird „Ein anderes Leben“ heißen und die Single „So schwer / so leicht“ wurde gerade frisch veröffentlicht.
Aber es ging wieder zu OSKA, diesmal in die St. Pauli Kirche. Erstaunlich, wie unterschiedlich Konzerte sein können, wenn sich das Setting ändert. Nach dem Bunker mit seinen effektvollen Visuals und der reduzierten Performance am Reeperbus wurde es nun ganz romantisch. Leichte Variationen in der Setlist sorgten dafür, dass es nicht langweilig wurde. Die Sängerin hofft darauf, dass sich mal zwei Menschen auf einem ihrer Konzerte verloben. Die heilige Umgebung der alternativ angehauchten Kirche wäre eigentlich perfekt dafür, doch es passierte leider nicht (zumindest nicht öffentlich). OSKA war selbst wie zu einer Hochzeit gekleidet und sang mit filigraner Stimme, die durch die wundervolle Akustik nochmal in höhere Bahnen gelenkt wurde. Die Kirche war proppevoll und das Publikum hing an ihren Lippen. OSKA erzählte viele kleine Anekdoten und freute sich über das Ambiente. Patzer bei der Tonangabe? Geschenkt. Hier konnte der Band nichts die Laune verderben. Es war mystisch, wenn OSKA Gitarre spielte und man im Hintergrund des Altarraums ihren Schatten sah. Zum Schluss standen alle Zuschauer*innen auf und mit „Mona Lisa, a girl’s best friend“ gab es einen fantastischen Song, den man noch nicht aus dem Bunker kannte.
Mein letztes RBF-Konzert war Kate Nash in der Großen Freiheit 36. Hallo, was war da los? Mit großer Bandbesetzung brannte die Songwriterin aus London ein Feuerwerk ab, das für mich der krönende Abschluss des Festivals war. Sie kam im extravaganten Outfit, das ein wenig an Barbie erinnerte, doch ihr Set war alles andere als lieb und beschaulich. Hyperaktiv und immer in Bewegung wirbelte sie durch die weibliche Bandbesetzung, schrie, ließ sich fallen, rannte in die Menge und verausgabte sich völlig in einem Konzert, das am Ende noch länger dauerte als die angekündigten 75 Minuten.
Let the music grow – Flammender Appell von Claudia Roth
Am frühen Mittwochabend wurde heute das 19. Reeperbahn Festival der Opening Show im Operettenhaus Hamburg eröffnet.
Festivalleiter Detlef Schwarte begrüßte die rund 1.200 anwesenden Gäste und stellte mit „Let the music grow“ das übergreifende Motto des diesjährigen Festivals vor. Sich als Musikbranche den teils existentiellen Herausforderungen wie Klub-Krise, Fair Pay im Streaming oder KI gemeinsam zu stellen und dennoch die positive Kraft der Musik ungebrochen zu feiern, sei das Gebot der Stunde und die Besonderheit des Reeperbahn Festivals.
In seinem Grußwort hieß Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher die internationale Musikwelt in der Hansestadt willkommen und Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, hob anschließend in ihrer Rede die Notwendigkeit von Kultur als verbindende Kraft in unserer konfliktreichen Zeit hervor.
„Das Reeperbahn Festival in Hamburg ist Europas größtes Showcase-Festival und das wichtigste europäische Treffen für Popmusikkultur. Hier tanzt und feiert ein internationales Publikum Musik, Vielfalt, Respekt, Toleranz und Freiheit. Das sind die Werte, für die das Reeperbahn Festival seit Jahren einsteht.”
– Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien
„Das Reeperbahn Festival ist einzigartig in Europa. Es bietet neuen Talenten eine internationale Bühne und dem Publikum erstklassige Live-Musik. Seit dem ersten Festival 2006 ist es zu einem zentralen Branchentreffen der Musik- und Digitalwirtschaft geworden, die sich in Hamburg über Innovationen und aktuelle Entwicklungen austauscht. Ich wünsche den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und allen Gästen interessante Meetings und Konzerte und einen schönen Aufenthalt in Hamburg.”
– Dr. Peter Tschentscher, Hamburgs Erster Bürgermeister
Moderator Aurel Mertz führte danach durch das Programm welches mit einer Überraschungs-Live-Performance von Bastille Presents Ampersand (GBR), dem neuen Projekt von Lead Sänger Dan Smith startete. Sie performten zwei Songs aus dem neuen Album „&“, welches im Oktober erscheint.
Weitere Performances gab es von Rachel Chinouriri (GBR) und Alli Neumann (DEU), die zudem von der Leiterin der Europäischen Kommission in Deutschland Barbara Gessler für ihr Engagement für mehr Gendergerechtigkeit mit dem Keychange Inspiration Award ausgezeichnet wurde.
„Ich bin froh über jede Plattform die darauf aufmerksam macht, dass in der Musikindustrie noch viel aufzuarbeiten ist, bis zur Gleichberechtigung. Keychange hilft dabei, Aufmerksamkeit und Repräsentation für FLINTA*-Artists zu schaffen.”
– Alli Neumann, Musikerin
Die Jury des internationalen Wettbewerbs Anchor besteht in diesem Jahr aus den Musikerinnen Emily Kokal (USA), Julia Stone (AUS), Songwriterin, Produzentin, Schauspielerin und Unternehmerin Tayla Parx (USA) und dem Songwriter Tim Bendzko (DEU).
Die sechs nominierten Bands und Künstler*innen Milan Ring (AUS), Moonchild Sanelly (ZAF), Enji (DEU), KÄSSY (AUT), strongboi (DEU) und Beth McCarthy (GBR) werden bei ihren Reeperbahn Festival Konzerten am Donnerstag und Freitag im Gruenspan um den Gewinn der renommierten Auszeichnung spielen, die am Samstagabend im St. Pauli Theater verliehen wird.
Mit einer fesselnden und intensiven Keynote erläuterte Autor und Wirtschaftsjournalist Tim Harford (GBR) unter anderem wie Krisen Möglichkeiten für Wachstum sein können, bevor Bastille Presents Ampersand (GBR) die Besucher*innen in vier Tage voller aufregender neuer Musik und Gesprächen entließen.
Bereits am Nachmittag startete im Festival Village Konferenz für digitale Jugendkultur TINCON mit einem Angebot für insgesamt 3.500 Schüler*innen ab 13 Jahren, bei denen neben Inhalten zur digitalen Lebenswelt junger Erwachsener auch Einblicke ins Musikbusiness vermittelt werden.
Am Abend starten in den Clubs Bahnhof Pauli, Uwe und Prinzenbar die Konzerte der diesjährigen neun Teilnehmenden des Musikexportprogramms German Music Talent, mit Paula Della Corte, WizTheMc, Easy Easy, Salomea, Meagre Martin, Aka Kelzz, Enji, AFAR und Willow Parlo.
Insgesamt erwartet die Besucher*innen über vier Tage ein Angebot aus rund 800 Programmpunkten in 80 Spielstätten. Dazu zählen 480 Konzerte von 450 Acts aus über 30 Nationen sowie 40 Lesungen, Live-Podcasts und Ausstellungen.
Das Angebot für Fachbesucher*innen mit 200 Sprecher*innen aus 52 Nationen enthält 270 Programmpunkte, davon 50 in Rahmen der TINCON und 80 im Programm der re:publica. Die Gender-Quote im Programm beträgt 50/50.
Das Reeperbahn Festival erwartet in diesem Jahr rund 45.000 Besucher*innen, davon 4.000 Fachbesucher*innen.
RBF: Anchor-Nominees und Jury 2024 stehen fest
Emily Kokal, Julia Stone, Tayla Parx und Tim Bendzko sind die Anchor-Jury 2024 – Anchor-Nominees 2024 stehen fest!
Im Rahmen des Reeperbahn Festivals 2024 findet die inzwischen neunte Verleihung des internationalen Musikpreises Anchor statt. Der Preis unterstützt aufstrebende Talente auf ihrem Karriereweg und versinnbildlicht die gemeinsame Suche nach der aufregendsten Musik von morgen.
Im Mittelpunkt steht dabei wie gewohnt die prominent besetzte internationale Jury, die in diesem Jahr aus der Warpaint-Sängerin, Gitarristin und Produzentin Emily Kokal (USA), der Musikerin und Sängerin Julia Stone (AUS), die gemeinsam mit ihrem Bruder Angus als Angus & Julia Stone weltweit erfolgreich ist, Produzentin, Musikerin, Songwriterin, Entrepreneurin und Aktivistin Tayla Parx (USA) sowie Singer-Songwriter Tim Bendzko (DEU) besteht.
Die Jury mischt sich am Donnerstag, den 19.09., und Freitag, den 20.09., im Gruenspan unter das Publikum der sechs Anchor-Nomineekonzerte, berät sich anschließend und kürt am Samstagabend im Rahmen der Anchor Award Show im St. Pauli Theater den diesjährigen Gewinneract.
„I am looking forward to experiencing the artists of Anchor Award, and reveling in their sounds for a few days!”
– Emily Kokal, Anchor-Jurymitglied 2024
„Ich freue mich sehr, dieses Jahr als Anchor-Jurymitglied beim Reeperbahn Festival mit dabei zu sein! Das Festival ist bekannt für seine Vielfalt und die Kreativität seiner Künstler*innen. Ich bin gespannt, die nächste Generation aufstrebender Talente und ihre Performances zu erleben.“
– Tim Bendzko, Anchor-Jurymitglied 2024
Die auf dem Reeperbahn Festival auftretenden Künstler*innen können sich um eine Teilnahme bewerben; aus den Bewerbungen wählt das aus Branchen- und Medienvertreter*innen bestehende Anchor-Board die sechs teilnehmenden Nominee-Acts. Um den Anchor spielen dieses Jahr die folgenden internationalen und musikalisch sehr facettenreichen Acts:
Songwriterin Beth McCarthy (GBR), deren mitreißende Pop-Rock Hymnen ihrer EP „IDK How To Talk To Girls“ Referenzen an Avril Lavigne oder Miley Cyrus aufweisen, aber mit ihren persönlichen und aktuellen Themen zu 100% im Hier und Heute verankert sind.
Sängerin Enji (MNG/DEU), die auf ihrem jüngsten Album „Ulaan“ mit ihrer Melange aus grazilem Vocal Jazz, Kammerfolk und traditioneller Musik ihrer mongolischen Heimat zu einem der vielversprechendsten neuen Namen des Jazz geworden ist.
Sängerin KÄSSY (AUT), einigen noch als Sängerin und Gitarristin der Indie-Hip-Hop-Band Sharktank in bester Erinnerung, die mit ihrer Solo-Debütsingle „Skirt On Pants“ äußerst gekonnt futuristischen Hyperpop, Breakbeats und Rocksounds zusammenbringt.
Sängerin, Gitarristin und Produzentin Milan Ring (AUS), die mit Singles wie „Mangos“, „Quicksand“ oder „Photographs“ unermüdlich neue Bereiche alternativer elektronischer Musik erforscht und dank ihres untrüglichen Gespürs für Songs, Gesangsharmonien und Sounds in ihrer Heimat bereits als führende Ikone der australischen R’n‘B-Renaissance gilt.
Sängerin und Tänzerin Moonchild Sannelly (RSA), die ihren umwerfenden Mix aus Kwaito und Gqom, schweißtreibenden Afrobeats und erotischem Deep House als „Future Ghetto Funk“ umschreibt, bei dem niemand stillstehen kann – ihre Singles „Yebo Mama“ und „Scrambled Eggs“ belegen, dass das auch für Studioaufnahmen gilt, live aber umso mehr.
Songwriterin Alice Phoebe Lou und ihr musikalischer Langzeit-Kollaborateur Ziv Yamin alias strongboi (DEU), die mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum voller Bedroom-Pop-Hymnen überall offene Türen eingerannt haben und ihre Songs auch live extrem charmant auf die Bühne bringen.
Anchor-Nomineekonzerte im Gruenspan:
Donnerstag, 19.09.
Moonchild Sanelly
Enji
Milan Ring
Freitag, 20.09.
KÄSSY
Beth McCarthy
strongboi
Anchor Award Show, Samstag, 21.09.
18.00-19.30 Uhr im St. Pauli Theater
Efterklang, Mighty Oaks – 36 neue Acts für Reeperbahn Festival bestätigt
Mit der Bestätigung weiterer 36 Acts für das diesjährige Reeperbahn Festival (18. bis 21.9.2024 auf St. Pauli) erhöht sich die Gesamtanzahl des Konzert-Programms auf insgesamt mehr als 160 Bands und Künstler*innen.
Neu dabei sind Efterklang (DNK), die bereits mehrfach beim Reeperbahn Festival aufgetreten sind und jedes Mal mit neuen Facetten ihres Sounds überrascht haben: Von atmosphärischen Soundsprenkeln zwischen Ambient, Art-Pop, Indie- und Post-Rock bis hin zu Kammermusik und Neoklassik ist die Formation bekannt für konstanten Wandel, wie ihre Alben „Magic Chairs“ und „Windflowers“ zeigen. In diesem Jahr stellen sie ihr neues Werk „Things We Have In Common“ in ihrer aktuellen Trio-Besetzung vor.
Ebenfalls zu dritt sind Mighty Oaks (DEU), bekannt für ihren warmen, lebensbejahenden Indie-Folk, der sie mit bislang vier Alben wie u.a. „Mexico“ auf die Bühnen in ganz Europa geführt hat. Beim Reeperbahn Festival spielen sie einen rein akustisch gehaltenen Rückblick über ihr bisheriges Schaffen und schlagen so einen Bogen von der Vergangenheit in die Zukunft.
Für den wilden, experimentellen Stilmix seiner Band Black Midi wird Frontmann, Sänger, Songwriter, Gitarrist und Multitalent Geordie Greep (GBR) allerorten bewundert. Auch als Solo-Künstler gelingt ihm das Kunststück, auf den ersten Blick scheinbar unvereinbare Einflüsse wie King Crimson, Miles Davis, Boredoms, John Eliot Gardiner, argentinischen Tango, Gospel und viele mehr zu einer – in seinem Falle tatsächlich zutreffenden Umschreibung – neuen Form der Rockmusik zu vereinen.
AUSSERDEM BESTÄTIGT:
WizTheMC (CAN/DEU/ZAF), jolle (DEU), MODULAR (DEU), Jesper Munk (DEU), Late Night Drive Home (USA), LIZ (DEU), Searows (USA), Wallners (AUT), Milan Ring (AUS), Willow Parlo (DEU), ADMT (GBR), Aka Kelzz (DEU), Later. (FRA), RAT BOY (GBR), Girl and Girl (AUS), Gretta Ray (AUS), Stuzzi (SWE), HINTERLANDGANG (DEU), Nathalie Froehlich (CHE), Astral Bakers (FRA), Thérèse (FRAU), Edb (CHE), C’est Karma (LUX), SKUPPIN (DEU), THEM LIGHTS (LUX), Rowli (DEU), LIM KIM (KOR), Sion (KOR), Touched (KOR), HYPNOSIS THERAPY (KOR), Pleasing (LUX), Ryvage (LUX), boebeck (HUN).
Das Showcase-Programm des Reeperbahn Festivals wächst beständig:
- Der Kooperationspartner Kultur | lx – Arts Council Luxembourg präsentiert mit Electro-Noir von THEM LIGHTS, Electro-Pop von Künstlerin C’est Karma, Synthwave und Ambient-Techno von Ryvage sowie dem Post-Rock der Band Pleasing die enorme musikalische Bandbreite des kleinen Landes.
- Das ungarische Musikexportbüro Hungarian Oncoming Tunes (HOTS) zeigt am Festival-Donnerstag die Singer-Songwriterin boebeck.
- Mehr als nur K-Pop: Die Korea Creative Content Agency (KOCCA) stellt mit dem Rap-Duo HYPNOSIS THERAPY, der Indie-Rock-Band Touched, Rapper Sion und Sängerin LIM KIM vier Vertreter*innen der äußerst vielschichtigen Musik-Szene Koreas vor, während KREATIVES SACHSEN den Synthie-Pop-Newcomer SKUPPIN auf die Bühne bringt.
Reeperbahn Festival 2023: Klimaschutz, Diversität und Nachwuchsgewinnung
Heute Nacht ging das 18. Reeperbahn Festival zu Ende. Rund 49.000 Besucher*innen erlebten ein internationales Programm mit 475 Konzerten von 400 Bands und Künstler*innen aus über 40 Ländern und 180 Talks, Podcasts, Screenings, Ausstellungen und interaktive Angebote. Für die rund 4.000 Fachbesucher*innen standen über 350 Programmpunkte aus Sessions, Networking-Events, Showcases sowie Award-Verleihungen bereit.
Bei der diesjährigen Ausgabe präsentierte sich die internationale Musikwirtschaft mit starker Beteiligung u.a. aus USA, UK und Japan endgültig zurück auf dem Reeperbahn Festival, um im direkten Austausch des „People’s Business“ Musik Geschäfte zu machen, neue Talente zu entdecken und Netzwerke zu erweitern.
Entscheider*innen und Visionär*innen diskutierten die Frage, wie sich die Musik- und Kulturindustrie aufstellen muss, um zukunftsfähig zu bleiben. Die Erkenntnis der Notwendigkeit zu Veränderung fand übergreifende Zustimmung, da eine nachhaltige und diverse Musikwirtschaft von Konsument*innen und Publikum inzwischen zunehmend eingefordert und vorausgesetzt wird und somit im direkten wirtschaftlichen Eigeninteresse der Branche steht.
Für die nachfolgende Generation hielt das Programm des Reeperbahn Festivals zahlreiche Angebote mit zielgruppengerechten Themen bereit, u.a. mit dem digitalen Jugendfestival TINCON, zu dessen Auftakt am Mittwoch Reeperbahn Festival-CEO Alexander Schulz gemeinsam mit den TINCON-Gründer*innen Tanja und Johnny Haeusler die insgesamt 3.000 teilnehmenden Schüler*innen begrüßte und dafür warb, sich mit dem KulturPass u.a. eine Vergünstigung beim Ticketkauf für das diesjährige und das kommende Reeperbahn Festival zu sichern.
Beim neuen Recruiting Format Music People vernetzten sich am Donnerstagnachmittag im Festival Village 130 junge Talente, die Interesse an einer Laufbahn in der Musikwirtschaft haben, mit 30 Unternehmensvertreter*innen aus allen Bereichen der Musikindustrie zu Kennenlern-Gesprächen auf Augenhöhe.
Erstmals fand auch die Digital- und Gesellschafts-Konferenz re:publica im Rahmen des Reeperbahn Festivals statt, die künftig mit einer Zweitausgabe in Hamburg vertreten sein wird, zu der alle Besucher*innen des Reeperbahn Festivals Zugang haben.
„Wer hätte gedacht, dass wir im Windschatten des Millerntors eine solche Show mit diesem wunderbaren Zuspruch auf die Beine stellen konnten. Schon in den ersten Stunden kamen Erinnerungen an die erste re:publica in Berlin 2007 auf, bei der wir dachten: ,Das sollten wir wieder machen!‘ Danke an das re:publica- und an das Reeperbahn Festival-Team für das Vertrauen und diese wegweisende Premiere.“
– Andreas Gebhard, Mitgründer und Geschäftsführer der re:publica
INTERNATIONALER MUSIKPREIS ANCHOR AN ICHIKO AOBA VERLIEHEN
Die diesjährige ANCHOR-Jury um Songwriterin und Produzentin BANKS (USA), Produzentin, Songwriterin, Sängerin, Aktivistin und Schauspielerin Tayla Parx (USA), Songwriterin, Sängerin und Produzentin Katie Melua (GBR) sowie Produzent Tony Visconti (USA) besuchte am Donnerstag und Freitag im Gruenspan die Konzerte der sechs Nominees Berq (DEU), Daisy the Great (USA), Hannes (SWE), Ichiko Aoba (JPN), Paris Paloma (GBR) und waterbaby (SWE).
Nach langer Diskussion kam die Jury zu folgendem Schluss, der von Jurypräsident Tony Visconti verlesen wurde: “We, the jury, have chosen a winner who will crossover into several genres. Our winner comes from a long line of historic virtuosos. She also felt the need to compose music for her very specific talents. Our winner transported us to a timeless Japan and created her own universe with her skill and mastery of her art. Her music comforted us, it soothed us, and it brought us to tears. The winner of the 2023 ANCHOR Awards is: Ichiko Aoba!“
Der ANCHOR 2023 ist mit € 20.000,- dotiert, die von Reeperbahn Festivals Produktions- und Sponsoringpartner PRG für die technische Umsetzung der Live- und Tourneebedürfnisse der Gewinnerin aus dem Angebotsportfolio der Full Service Veranstaltungsagentur bereitgestellt werden.
KEYCHANGE INSPIRATION AWARD AN RAPPERIN EBOW VERLIEHEN
Die vom Reeperbahn Festival geleitete internationale Initiative Keychange, die sich für ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis in allen Bereichen der Musik einsetzt, verleiht den Keychange Inspiration Award an Persönlichkeiten, die einen außergewöhnlichen Beitrag zu einer gerechteren Musikbranche leisten. In diesem Jahr wurde die Auszeichnung an Rapperin Ebow verliehen, die seit Jahren gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie rappt und damit nicht nur die PoC- und Queer-Community in der Hip-Hop-Szene repräsentiert, sondern auch ein herausragendes Vorbild für die nächste Generation darstellt.
AUSBLICK UND VORVERKAUF FÜR DAS REEPERBAHN FESTIVAL 2024
Das nächste Reeperbahn Festival findet vom 18. – 21. September 2024 statt. Tickets sind ab sofort HIER zur vergünstigten Early-Bird-Rate erhältlich.
Wir sehn uns in Hamburg!
Fulminanter Startschuss in vier Reeperbahn Festival Tage!
Am Mittwoch wurde das 18. Reeperbahn Festival mit einer Opening-Gala im Stage Operettenhaus Hamburg eröffnet. Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher begrüßte die Gäste der Eröffnungsveranstaltung mit einer Ansprache, in der er die innovativen Ansätze des Reeperbahn Festivals würdigte, die von Hamburg aus die internationale Musikindustrie prägen.
Die Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth unterstrich in ihrer Rede die wichtige Rolle der Musikbranche und der Kultur- und Kreativwirtschaft bei der Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft:
„Das Reeperbahn Festival präsentiert uns 2023 erneut die Stimmen und den Sound der Zukunft. Das betrifft nicht nur die vielen spannenden Newcomer*innen und die große Vielfalt an deutschen und internationalen Künstler*innen.
Das Reeperbahn Festival ist als wichtiger Impulsgeber und größte europäische Plattform der Musikwirtschaft auch der ideale Ort für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Klimaschutz. Die Bundesregierung fördert daher in diesem Jahr auch die erste Nachhaltigkeits-Konferenz für die Musik- und Veranstaltungsbranche sowie die Erstellung der Klimabilanz des gesamten Festivals. Ich freue mich, wenn gerade auch viele junge Menschen das Reeperbahn Festival besuchen, um sich mit diesen Themen zu beschäftigen, Musik zu genießen, Künstler*innen zu entdecken und einfach zu feiern – gerne mit dem KulturPass, mit sich alle 18-Jährigen ein Festivalticket reservieren können!“
– Claudia Roth, Staatsministerin für Kultur und Medien
Die von Hadnet Tesfai moderierte Eröffnungs-Show stand mit ihrem jungen, diversen und international besetzten Programm in diesem Jahr ganz im Zeichen der Fragestellung „What´s Next?“, die sich übergeordnet durch alle Angebote des Reeperbahn Festivals zieht und beleuchtet, welche Maßnahmen eingeleitet werden müssen, damit eine gesunde, resiliente und nachhaltige Gestaltung der Musikwirtschaft für die nachfolgende Generation gelingen kann.
Besonderes Augenmerk lag dabei auf Themen wie ökologischer Nachhaltigkeit, Nachwuchsgewinnung, Diversity, Awareness und der Schaffung sicherer Räume sowie der rasant fortschreitenden technologischen Entwicklung durch KI und ihren Auswirkungen auf nahezu alle Bereiche der Musikwirtschaft.
Die live aus New York zugeschalteten US-Aktivist*innen Mari Copeny und AY Young teilten ihre praktischen Erfahrungen, wie man eine Bewegung in Sachen Klimaschutz erfolgreich in Gang bringt. Comedienne und Aktivistin Enissa Amani stellte ihr neues Programm vor und bewies, wie scharfsinnige Comedy Politik, Feminismus und Rassismus mit Unterhaltung vereinen kann.
“Es ist mir eine wundervolle Ehre, das diesjährige Reeperbahn Festival eröffnen zu dürfen. In Zeiten, in denen sich Menschen immer weiter voneinander entfernen und verlernt haben einander als gleichwertig zu betrachten, in Zeiten von großen Unruhen, großer Polarisierung und leider auch Kriegen, ist es schön gemeinsam, liebevoll und menschlich miteinander einen Abend zu verbringen sich zuzuhören und sich als Mensch aber auch als Gesellschaft neue Impulse und neue Inspiration zu holen.”
– Enissa Amani, Comedienne und Aktivistin
Die ANCHOR-Jury um Songwriterin Banks (USA), Songwriterin, Produzentin, Aktivistin und Unternehmerin Tayla Parx (USA), Songwriterin und Produzentin Katie Melua (GBR) sowie Produzentenlegende Tony Visconti (USA) stellte die diesjährigen Teilnehmer*innen des internationalen Musikwettbewerbs vor, die aus dem College-Rock-Duo Daisy the Great (USA), Soundscape-Architektin und Songwriterin Ichiko Aoba (JPN), Pop-Noir-Chanteuse Paris Paloma (GBR), dem Poeten und Songschreiber Berq (DEU), Songwriter Hannes (SWE) und der Bedroom-Pop-Formation waterbaby (SWE) bestehen. Die sechs Acts spielen am Donnerstag, den 21.09., und Freitag, den 22.09., ihre Shows im Gruenspan, bei denen die Jury sich unter das reguläre Konzertpublikum mischt, um am Samstag, den 23.09., im St. Pauli Theater im Rahmen der von Alexandra Maurer und Pelle Almqvist (The Hives, ANCHOR 2022-Jurymitglied) moderierten ANCHOR-Awardshow den diesjährigen Gewinner-Act zu küren.
Im Anschluss spielte das Indie-Trio Cassia (GBR), ANCHOR-Gewinner des Vorjahres, und berichtete über den Verlauf, den ihre Karriere seitdem genommen hat. Weitere musikalische Beiträge kamen von DJ Valentina Luz (BRA), Social Media-Ikone und Electro-Pop-Star INIKO (USA), der stimmgewaltigen jungen Sängerin GERD (SWE) sowie Arlo Parks (GBR, Foto), die mit ihrem kürzlich veröffentlichten zweiten Album „My Soft Machine“ ihren Status als herausragende Songwriterin ihrer Generation unterstrich und im Anschluss an die Opening Show im Stage Operettenhaus das offizielle Eröffnungskonzert des Reeperbahn Festivals spielte.
Reeperbahn Festival-CEO Alexander Schulz beschloss das Opening mit einem Appell an die Innovationskraft der Musikwirtschaft: “Die nachfolgende Generation hat eine sehr klare Vorstellung davon, wie eine fairere und gerechtere Welt aussehen soll. Dies schließt die Welt der Kultur genauso ein wie die Welt der Musik. Wir sollten ihnen zuhören, denn sie sind bereits unter uns und werden immer mehr!” und entließ die rund 1.200 Gäste in vier Tage voller aufregender neuer Musik.
Bereits am Vormittag startete im Festival Village das digitale Jugendfestival TINCON mit einem Angebot an Schüler*innen ab 13 Jahren, das neben Inhalten zur digitalen Lebenswelt der Jungerwachsenen auch Einblicke in die Musikwirtschaft vermittelt. Das Musikexportprogramm Wunderkinder | German Music Talent vereinte am heutigen Mittwochabend erstmals die Konzerte aller neun deutschen Teilnehmer*innen, zu denen in diesem Jahr BROCKHOFF, KUOKO, UCHE YARA, Orbit, ilayda, Get Jealous, Flawless Issues, Pablo Brooks und NEEVE gehören, die ihre Konzerte in den Spielstätten UWE, Häkken und Bahnhof Pauli unter dem Dach des Klubhaus St. Pauli spielten.
Das Konzert-Programm des Reeperbahn Festivals enthält in diesem Jahr rund 475 Konzerte von gut 400 Künstler*innen aus 46 Nationen. Das Programm für Fachbesucher*innen umfasst 130 Conference-Sessions, die sich eingehend mit den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit aus dem Blickwinkel der Musikindustrie befassen, dazu gehören neben ökologischer Nachhaltigkeit, dem Einfluss Künstlicher Intelligenz auch Nachwuchs- und Fachkräftemangel sowie soziale Verantwortung innerhalb der Musikbranche.
ANCHOR Nominees 2023
ANCHOR Nominees 2023 – Berq, Daisy the Great, Hannes, Ichiko Aoba, Paris Paloma und waterbaby!
Kaum ein Wettbewerb versinnbildlicht die Suche nach den besten neuen Acts auf dem Reeperbahn Festival wie der Internationale Musikpreis ANCHOR. Stellvertretend für die Festivalbesucher*innen mischt sich die ANCHOR-Jury unter das Publikum der Konzerte der sechs Nominees (Foto), von denen am Samstagabend, den 23. September, im Rahmen der ANCHOR-Awardshow im St. Pauli Theater schließlich der Gewinner-Act des Wettbewerbs gekürt wird.
In diesem Jahr hat das aus internationalen Musikfachleuten bestehende ANCHOR-Board sechs Nominees ausgewählt, die am Donnerstag, den 21. September, und Freitag, den 22. September, im Gruenspan um den ANCHOR-Award spielen:
Songwriter und Poet Berq (DEU), der mit seiner EP „Rote Flaggen“ gerade in aller Munde ist, das Duo Daisy The Great (USA), dessen gekonnte Mischung aus Indie-Pop und College-Rock bereits Ohrwurm-Singles wie „Record Player“ und „I Don’t Wanna Fall“ hervorgebracht hat, Songwriter Hannes (SWE), der die hohe Kunst beherrscht, mit eingängigen, aufs Wesentliche reduzierten Songs wie „Stockholmsvy“ die Herzen seiner Zuhörer*innen auf direktem Wege zu erreichen, die Multiinstrumentalistin Ichiko Aoba (JPN), deren detailreiche Songs, die in ihrer Heimat bereits auf neun kultisch verehrten Studioalben verewigt wurden, zwischen Popkultur und Soundtrack gern epische Formen annehmen, Songwriterin Paris Paloma (GBR), deren Pop-Noir-Perlen wie „labour“ gekonnt und poetisch Weiblichkeit, Romantik, Kunst und große Emotionen verhandeln und nicht zuletzt waterbaby (SWE), deren zeitgenössischer Bedroom-R’n’B und Alternative-Pop zur Veröffentlichung ihrer Debüt-EP „Foam“ beim renommierten Label SubPop geführt hat.
Klar ist bereits jetzt, dass die ANCHOR-Jury, bestehend aus Songwriterin, Poetin und Regisseurin BANKS (USA), Produzentin, Songwriterin, Sängerin, Schauspielerin, Aktivistin und Unternehmerin Tayla Parx (USA), Songwriterin, Sängerin und Produzentin Katie Melua (GBR), sowie Produzentenlegende und Jury-Präsident Tony Visconti (USA) auch in diesem Jahr keine leichte Entscheidung vor sich haben dürfte.
43 neue Bestätigungen gibt es zudem für das Konzert-Programm des Reeperbahn Festivals:
Allen voran das Electronic-, Funk-, Disco- und Folk-Duo Nu Genea (ITA), das den tanzbaren Sound seiner Heimatstadt Neapel gekonnt mir poppiger Deepness zu verbinden weiß, wie sie auf ihrem aktuellen Album „Bar Mediterraneo“ eindrucksvoll beweisen, während Rapper Symba (DEU) mit seinem Debüt „Symba Supermann“ mittels Punk-Attitude zeigt, wie man mit progressivem Sound und Style im deutsche Rap eine neue Kultur etablieren kann, die die Massen mitreißt.
Hauschka (DEU) hat mit seinem Score zum Remake von „Im Westen Nichts Neues“ in diesem Jahr einen Oscar für „Beste Filmmusik“ abgeräumt, was niemanden verwundert, der sein episches Schaffen, aus dem in zwei Jahrzehnten bisher zwei Dutzend Studioalben hervorgegangen sind, näher kennt.
Sängerin und Songwriterin Marie Bothmer (DEU) hat dank ihrer außergwöhnlichen Stimme und ihrem Mix aus R’n’B und Pop wie auf ihren Singles „Kater“, „Vollnarkose“ und „Bothmer Schloss“ im Handumdrehen die halbe Nation verzaubert, die nun sehnsüchtig auf ihr kommendes Album wartet – auf der Bühne des Reeperbahn Festivals gibt’s garantiert einen Vorgeschmack darauf!
AUSSERDEM BESTÄTIGT:
Levin Liam (DEU), ENNIO (DEU), Berq (DEU), Bernhoft (NOR), 3LENA (DEU), Ritter Lean (DEU), Victor Ray (GBR), Sorcha Richardson (IRL), Nils Keppel (DEU), TRÄNEN (DEU), James Hersey (AUT/USA), Die Selektion (CHE/DEU), Cameron Hayes (GBR), Lynks (GBR), GAST (DEU), SQF2000 (DEU), BIG SPECIAL (GBR), JUDI&COCHO (DEU), AGGRASOPPAR (FAE), Chazz Luck (DEU), Poundo (FRA), KID be KID (DEU), Veronica Fusaro (CHE), BEL (USA), Hanna Noir (DEU), Joelina (DEU), Alice DiMar (ITA), Nueve Desconocidos (ESP), Lorenzo Soria (ESP), Lady Banana (ESP), Eva McBel (ESP), Dakota Sluiten (ESP), Toflang (ESP), The Last Concorde (ESP), Lau (ESP), Dear Deer (FRA), Yolande Bashing (FRA), YMNK (FRA), LIN (DEU).
Leider wird der für Freitag, den 22. September, in der Elbphilharmonie angekündigte Songwriter FIL BO RIVA (ITA) aus gesundheitlichen Gründen nicht wie angekündigt auftreten können. Stattdessen wird das Indie-Pop-Duo Bruckner (DEU) spielen, denen mit ihren beiden Alben „Hier“ und „Zerrissen“, als Vorprogramm von CRO sowie auf zahlreichen Festivalbühnen bereits jede Menge Herzen zugeflogen sind.
Wenn die Reeperbahn zur Musikmeile wird…
Und es ist natürlich nicht nur die Reeperbahn. Jährlich Ende September wird Hamburg seit vielen Jahren zur Musikhauptstadt der Welt. Das merke ich allein schon durch die Frequenz an Promoter*innen, die mir Auftritte ihrer Acts ans Herz legen oder ganz allgemein darauf hinweisen, dass sie in Hamburg zu finden sein werden. Kein Wunder, denn das Reeperbahn Festival ist nicht nur das vermutlich größte Clubfestival der Welt (diesmal mit 40.000 Besuchern und über 400 Konzerten in unzähligen Locations) sondern auch Dreh- und Angelpunkt der Musikindustrie mit einer großen Menge an Fachbesucher*innen, die das Event als große Messe wahrnehmen und neben den Events auch an Vorträgen sowie Diskussionen verschiedenster Art teilnehmen. Das alles in einer Branche, die es so nötig hat wie nie.
Das Reeperbahn Festival hat sogar in den Jahren stattgefunden, als alles still gelegen hat. Klar musste man in den letzten beiden Jahren die Besucherzahl zurückfahren. Das ausgeklügelte Hygienekonzept war aber vorbildlich, wurde europaweit viel beachtet und später auch kopiert. Jetzt ist wieder Normalität eingekehrt. Und das Renommee des Festivals sorgte im Jahr 2022 vier Tage lang dafür, dass die Clubs nicht – wie so oft im Moment – mit gähnender Leere glänzten sondern aus allen Nähten platzten.
Okay. Das konnte auch mal nervig sein, wenn die Schlange zu lang war, um noch mit guten Chancen zum gewünschten Konzert eingelassen zu werden. Doch die Menschen waren gelassen. Man blieb entspannt und stillte seinen Konzerthunger am Ende einfach da, wo noch Platz war. Notfalls open air auf dem Heiliggeistfeld oder dem Spielbudenplatz, wobei letzterer sogar dem Publikum ohne Bändchen offen stand, also den Menschen, die einfach ein wenig Festivalluft atmen wollten. Auf jeden Fall ein feiner Zug der Veranstalter!
Zum Programm und den Highlights:
Die größten Überraschungen gab es gleich zu Beginn. Ich nenne mal Kraftklub, die als Überraschungsgäste des Festivals dezent die komplette Reeperbahn mit ihrer Bühne blockiert haben und dann auch drastisch eskaliert sind. Gastauftritte von Casper und Bill Kaulitz inklusive.

Vorher hatte schon das „Opening“ im Stage Operettenhaus für Furore gesorgt, als plötzlich Udo Lindenberg, der frisch gebackenen Ehrenbürger der Hansestadt, auf der Bühne stand. Den hatte nämlich Jan Delay bei seinem Opening-Auftritt kurzerhand im Schlepptau. Überhaupt war das Opening ein Megaevent mit Momenten zum Jubeln, zum Träumen und zum Innehalten. Abgesehen von den oben genannten Herren war die Eröffnung dabei übrigens fest in Frauenhand. Somit setzte das RBF durchaus ein Zeichen, war doch in den letzten Monaten viel Kritik an männerlastigen Events wie „Rock am Ring“ laut geworden. In Hamburg hatte man fast das Gefühl, Carolin Kebekus hätte das Booking übernommen – so viele weibliche Acts waren zu finden.
Die Frauenpower startete mit der wundervollen Ellie Goulding, die neben ihren Songs auch eine bewegende Rede zum Zustand der (Musik)Welt hielt. Natürlich konnte man den Ukraine-Krieg nicht verschweigen. So trat die Rapperin Alyona Alyona auf, die 2019 den ANCHOR Award gewonnen hatte und leitete über zu einer bewegenden Rede von Natalia Klitschko, die in ihrer Keynote von den Auswirkungen des Krieges auf die Kultur berichtete, aber auch von der Stärke, die ein unterdrücktes Land im kulturellen Austausch gewinnt. Es folgten Performances von Zoe Wees, dem Cast des Musicals „Hamilton“, das in Kürze ebenda im Operettenhaus starten wird, und von besagtem fulminantem Duo Jan & Udo.
Gerade aus dem Veranstaltungssaal getreten, konnte man dann Kraftklub mitten auf der extra gesperrten Reeperbahn entdecken. Was für eine Show, die allen Menschen rundum sagte: „Wir sind hier. Das Festival ist gestartet.“ Da passte ein Song wie „Ich kann nicht singen“ natürlich wie die Faust aufs Auge. Nicht schön, aber selten, war die Devise. Oder besser: Authentisch, rau und bodenständig. Zu „Wenn du mich küsst“ erschien plötzlich Casper als Feature-Gast auf der Bühne und später gab sich auch Bill Kaulitz von Tokio Hotel die Ehre, der ein Teil der ANCHOR-Jury 2022 war.
Jetzt konnte das Festival richtig losgehen und Highlight reihte sich an Highlight.
Da wäre ClockClock, definitiv die Band der Stunde. Mit „Brooklyn“ (einem Feature bei Glockenbach) und seinem Megahit „Sorry“ sprengt der Pfälzer Bojan Kalajdzic momentan jede Radioplaylist. Im glanzvollen Spiegelzelt zeigte er zudem eine große Nähe zum Publikum und legte einen absolut sympathischen Set hin.
Anaïs, deutsche Nachwuchskünstlerin mit belgischen Wurzeln, stellte den Mojo Club auf den Kopf. Sie traf in Klang und Text einen emotionalen Nerv, den andere oft genug verfehlen. Eine echte Powerfrau mit betörender Präsenz.
Der britische Rapper Loyle Carner gab schließlich das offizielle Eröffnungskonzert des Festivals im STAGE Operettenhaus vor 1.200 Zuschauern. Neben den Konzerten in der Elbphilharmonie sicher das größte Einzel-Event des Festivals.
Zum Abkühlen gab es dann mittwochs noch Charles Watson im Bahnhof Pauli. Solche Clubkonzerte sind das Salz in der Festivalsuppe. Dieser Mann der leisen Töne war ganz allein mit Gitarre auf der Bühne und lieferte einen melancholischen Abschluss des Mittwochs.
Tags drauf gaben sich die Schweden von Mando Diao im Saturn, dem großen CD-Laden am Hauptbahnhof. die Ehre und lieferten einen kleinen Acoustic Gig zu zweit. Auch wenn Gustaf Norén nicht mehr dabei ist, macht Björn Dixgård doch einen klasse Job am Mikro. Seine tiefe Stimme ging durch Mark und Bein. Es gab neue Stücke wie „Stop The Train“ und zum krönenden Abschluss den Superhit „Dance With Somebody“ in einer genial reduzierten Version.
Sebastian Madsen ist ja neuerdings solo unterwegs und veröffentlicht in Kürze sein Debüt. Gebucht wurde er als Ersatz für einen ausgefallen Act erst zwei Tage zuvor. Um so besser war seine Performance. Multiinstrumentalistin Anne de Wolff begleitete ihn und seine Band. Es gab Songs wie „Sei du selbst“, das normalerweise von Drangsal gefeatured wird, und „Baby, ich liebe dich“ in einer schönen Version für Klavier und Violine.
Annie Chops ist mir schon 2021 äußerst positiv aufgefallen. Und diesmal legte sie noch einen Zahn zu! Open Air auf der Spielbude verzauberte sie ihr Publikum mit einer fulminanten One-Woman-Show. Gitarre und Loop Station waren am Start – dazu eine mitreißende Performance. Annie ist leidenschaftliche Straßenmusikerin. Und so machte sie halt die Bühne zu ihrer Straße und brachte die Reeperbahn zum Tanzen. Von Soul bis Hip Hop war alles dabei und es gab erstmals zwei deutschsprachige Stücke: „Eins durch zwei“ und „Verlieben zählt nicht“. Stand ihr gut!
Danach feierten KLAN im Bahnhof Pauli einen ordentlichen Abriss mit fettem Sound. Stimmung, Spaß und gute Laune vor vollem Haus. Stefan und Michael Heinrich haben es vom Kirchenchor über das Straßenmusikerdasein bis zum profilierten Musikerduo geschafft und man muss sie im Auge behalten. Das Duo ist gekommen, um zu bleiben.
Zu nächtlicher Stunde ging es in die St. Michaelis Kirche, den berühmten „Hamburger Michel“. Dort spielte die Band HUNDREDS mit dem Ensemble Berlin Strings. Die Atmosphäre in diesen heiligen Hallen ist ohnehin immer ganz besonders. Die Akteure erzeugten einen wundervollen Sound zwischen atmosphärischem Elektropop und knallharten Techno Beats. Das hat der ehrwürdige Michel vermutlich noch nicht oft erlebt.
Auch freitags gab es nach einigen kleineren Konzerten wieder ein Highlight im Michel: Manuel Bittorf aka Betterov hatte sich eine illustre Schar von Gästen eingeladen. Neben einem klassischen Ensemble gab es an den Vocals auch Novaa, Paula Hartmann, Fil Bo Riva und den sensationellen Olli Schulz. Vor allem die gefühlvollen Momente schlugen voll durch. Olli Schulz stimmte extra für Manuels Papa, der großer Springsteen-Fan ist, „No Surrender“ an. Und zum Schluss traf er mit „Als Musik noch richtig groß war“ den Nerv aller Anwesenden.
Dann ging es zu dem ersten von zwei Konzerten in die Elbphilharmonie. Was für ein Haus, was für eine Kulisse, was für ein Sound! Die britische Soul und R&B Künstlerin Joy Crookes, die gerne mal mit Amy Winehouse verglichen wird, legte einen gefühlvollen Set hin und war stets in gutem Kontakt zum Publikum, das durchweg an ihren Lippen hing. Sie trat selbstbewusst, aber gar nicht divenhaft mit großer Band auf, konnte aber ganz zum Schluss allein am Piano die meisten Herzen für sich gewinnen.
Tags drauf waren es die belgischen Klangkünstler Warhaus, die die Elbphilharmonie beseelten. Maarten Devoldere hat mit seiner rauchigen Stimme, die stets ein wenig an Nick Cave erinnert, früher schon der Band Balthazar vorgestanden. Jetzt gab er dem Bandprojekt Warhaus ein Gesicht, das mit endlosen Klangcollagen und verspielten Instrumentalpassagen überzeugte. Zum Ende hin gab es per Loop-Verstärkung ein Soundgemälde epischen Ausmaßes, bei dem Künstler und Publikum nur die Luft anhalten konnten, bevor riesiger Jubel losbrach.
Damit ging für mich ein phänomenales Festival zu Ende. Ich will aber nicht die Berliner Künstlerin Wilhelmine unerwähnt lasen, die zuvor im Club „Uebel und gefährlich“ ein einstündiges Konzert gab. Ihre anfängliche Unsicherheit überspielte sie mit viel Energie und war mega sympathisch. Songs wie „Komm wie du bist“, „Meine Liebe“ und „Das Mädchen mit der Latzhose“ zeugten von Popmusik, die etwas sagen möchte. Durch authentische Ansagen gelang ihr das mit Bravour.
Das Reeperbahn Festival lebt von seiner Vielfalt. Ironischer Schlager, Pop, Soul, Indie auf der einen Seite, Alternative Rock, Rap und Metal auf der anderen. Für jeden ist etwas dabei und Überraschungen gibt es viele. Vermutlich kann sich jeder Besucher seine eigene Geschichte von Highlights und Neuentdeckungen spinnen – und das ist gut so. Das Herz der Musikwelt schlägt jeden September für vier Tage in Hamburg. Vom 20.09.2023 bis 23.09.2023 ist es wieder soweit. „Early Bird Tickets sind“ bereits erhältlich!
Reeperbahn Festival, Tag 2 – Fotos von Annie Chops, KLAN, Sebastian Madsen
Rund um den Spielbudenplatz wurde es musikalisch – wie immer beim Reeperbahn Festival – sehr vielseitig. Kurzfristig war Sebastian Madsen als Act eingesprungen und belebte den Bahnhof Pauli.
Reeperbahn Festival, Tag 2 – Fotos von Mando Diao und HUNDREDS
Auch der Donnerstag brachte einige Highlights beim Reeperbahn Festival. Die Schweden MANDO DIAO fanden sich zu einem kurzen aber intensiven Acoustic Gig im Saturn ein.
Helga! Festivalaward 2022 – Das sind die Gewinner*innen
Das sind die kreativsten, spannendsten und tollsten Festivals aus ganz Deutschland
Zwei zähe Corona-Jahre liegen hinter allen Festivals und denen, die Festivals so lieben. Umso magischer fühlte sich der Sommer 2022 an: Es ist der erste richtige Festivalsommer nach pandemiebedingter Zwangspause – nach dem Andersmachen und Durchhalten. Im Rahmen des Reeperbahn Festivals fand am Donnerstagabend, den 22. September 2022, die Verleihung des Helga! Festival Awards im Neo House im Festival Village auf dem Heiligengeistfeld statt. Der Preis zeichnet die besten Festivals Deutschlands in jährlich wechselnden Kategorien aus und die diesjährigen Gewinner*innen des Helga! Festival Awards heißen:
- Open Flair – Bestes Festival (Public Voting)
- lunatic Festival – Feinstes Booking (Jury-Entscheid)
- Futur 2 Festival – Grünste Wiese (Jury-Entscheid)
- Orange Blossom Special – Wohligstes Gewerkel (Jury-Entscheid)
- SNNTG Festival – Gemischteste Tüte (Jury-Entscheid)
- Skandaløs Festival – Schönstes Miteinander (Jury-Entscheid)
Wie für den Helga! Festival Award üblich entschieden über 8.000 Festival-Fans über das Gewinner-Festival in der Kategorie Bestes Festival. Anders war nur der Abstimmungsprozess: Um allen Festivals – sowohl den Großen als auch den Kleinen – eine faire Chance zu geben, galt jede Stimme jeweils im Verhältnis zur Festivalgröße und der Anzahl aller abgegebenen Stimmen. Die Preisträger*innen der weiteren Kategorien kürte eine 30-köpfige Fachjury, die aus Festival-Insider*innen, Branchen-Profis, Verbandsmitgliedern und Künstler*innen bestand. Zur Orientierung bewertete die Jury in diesem Jahr unter anderem folgende Kriterien: Kreativität in der Programmauswahl, Arbeitsbedingungen, Nachhaltigkeit der Konzepte, Einbindung der lokalen Anwohner*innen sowie nach Maßnahmen für Diversität und Inklusion.
Evelyn Sieber, Head of Sales & Partnerships beim Reeperbahn Festival: „Die Wichtigkeit gerade dem Festival-Zweig der Musikindustrie mit dem Helga! Festival Award eine besondere Ehrung zuteilwerden zu lassen, ist zum aktuellen Zeitpunkt mehr als offensichtlich. Es ist uns eine besondere Freude, diese miteinander auf dem Reeperbahn Festival erleben zu können.”
Deidre Weiss-Laughton von Eskapaden Booking und Laudatorin beim diesjährigen Helga! Festival Award: „Ich möchte mich herzlich bei allen Festivals bedanken – für den Mut und das Durchhalten habe ich größten Respekt. Das letzte Jahr war für Festivals besonders hart; bei vielen ist das Personal weggebrochen, andere haben mit finanziellen Problemen zu kämpfen und von der Perspektivlosigkeit, die die letzten beiden Jahre herrschte, möchte ich gar nicht anfangen zu reden. Daher gehören heute alle Festivals gefeiert.”
Die Preisverleihung moderierten in diesem Jahr Johannes Jacobi von Höme – Für Festivals und Musikerin Leona Lenßen. Neben der LiveKomm ist Höme ein wertvoller Partner des Helga! Festival Awards.
Nominierte und Gewinner*innen des diesjährigen Helga! Festival Awards:
In der Kategorie „Bestes Festival” entscheiden Deutschlands Festival-Fans über den Award der Awards. Im Public Voting schafften es das Open Flair, das Fluid Festival, das Summer Breeze, das Deichbrand und das Orange Blossom Special unter die Top 5. In der zweiten Abstimmungsrunde wählten die Festival-Fans in diesem Jahr das Open Flair zum Besten Festival 2022.
Die Nominierten in der Kategorie „Feinstes Booking” waren: das c/o pop Festival, das lunatic Festival und das Modular Festival. Den Preis ergattern konnte das lunatic Festival. Damit würdigt die Jury nicht nur das detailverliebte und vielfältige Booking, nach Meinung der Jury sollte die Mühe des lunatic Festivals beim Thema Awareness im Künstler*innenbereich ebenfalls hervorgehoben werden.
Die „Grünste Wiese” hinterließen in diesem Jahr das Futur 2 Festival, das Orange Blossom Special und das Skandaløs Festival. Nach Meinung der Jury erhielt das Futur 2 Festival als Paradebeispiel für Nachhaltigkeit den Preis. Mit ihrer Vision, die Zukunft zu verändern und ihren zahlreichen klimafreundlichen Maßnahmen, sind sie wichtiger Vorreiter für die Festivallandschaft in Deutschland.
In der Kategorie „Wohligstes Gewerkel” bewertete die Jury die Teamarbeit hinter den Festivals. Über eine Nominierung freuten sich das Skandaløs Festival, das Orange Blossom Special und das Immergut Festival. Überzeugen konnte das Orange Blossom Special mit ihrem Konzept, das von Übernachtungsmöglichkeiten, über fairen Schichten und Bezahlung bis hin zur Kinderbetreuung den Mitarbeitenden vieles bot.
Zu den Nominierten in der Kategorie „Gemischteste Tüte” zählten das Fuchsbau Festival, das SNNTG Festival und das Glacis Open Air. Den Preis durfte das SNNTG Festival entgegennehmen. Mit ihrem ganzheitlichen Konzept gegen Diskriminierung und Gewalt, dafür mit Beratungs- und Betreuungsstellen auf dem Festivalgelände kürte die Jury die Bemühungen des SNNTG Festivals ein Festival für alle zu schaffen.
Mit der Kategorie „Schönstes Miteinander” bewertete die Jury Konzepte für die gelungene Einbindung zwischen Veranstaltungsort und den Menschen aus der Region. Positiv hervorheben konnten sich insgesamt vier Festivals: das Cheesecake Festival, das Skandaløs Festival, das WATT EN SCHLICK FEST und 48h Wilhelmsburg. Über den Preis freute sich das Skandaløs Festival. Nach Meinung der Jury war der lokale Bezug des Festivals mit der Umgebung deutlich erkennbar. Neben lokalen Anbieter*innen, wie der Bäckerei oder Metzgerei, waren Exkursionen ins benachbarte Naturkundemuseum oder Kräuterwanderungen in den angrenzenden Wäldern und Feldern Teil des Programms.
Über den Helga! Festival Award
Der unabhängige Helga! Festival Award wird seit 2013 verliehen und zeichnet die besten Festivals Deutschlands in jährlich wechselnden Kategorien aus. Der Helga! Festival Award ist der erste und einzige Award für Musikfestivals in Deutschland und wird vom Reeperbahn Festival in Kooperation mit der LiveKomm und Höme – Für Festivals präsentiert.
Reeperbahn Festival, Tag 1 – Fotos von ClockClock und Charles Watson
Das Reeperbahn Festval 2022 ist furios gestartet. Hier unsere zweite Fotogalerie mit ClockClock und Charles Watson (21.9.2022).
Mit „Brooklyn“ und „Sorry“ sind ClockClock natürlich die Band der Stunde. Im glanzvollen Spiegelzelt zeigte Sänger Bojan Kalajdzic eine große Nähe zum Publikum.
Reeperbahn Festival, Tag 1 – Fotos von Kraftklub, Anaïs und Loyle Carner
Das Reeperbahn Festval 2022 ist furios gestartet. Hier unsere erste Fotogalerie mit Kraftklub, Anaïs und Loyle Carner (21.9.2022).
Die wundervolle Anaïs betörte den Mojo Club.
Next Gen Music Heroes – ANCHOR 2021 Dokumentation
Die Essenz des Reeperbahn Festivals ist die gemeinsame Suche von Publikum und Musikwirtschaft nach den besten neuen internationalen Talenten. Der Wettbewerb ANCHOR – International Music Award, der 2021 zum sechsten Mal im Rahmen des Reeperbahn Festivals verliehen wurde, spiegelt diese Suche anhand einer internationalen Jury, die die Konzerte der sechs Nominees besucht und sich anschließend nach oft hitziger Diskussion auf den Gewinner-Act festlegt, besonders gut wider.
Wie schwer die zu treffende Entscheidung mitunter sein kann, wird durch Namen bisheriger Wettbewerbs-Teilnehmer*innen, wie C (GBR), Celeste (GBR), Parcels (AUS), Shame (GBR), ÄTNA (DEU), Tamino (BEL), Alyona Alyona (UKR) und vielen mehr überdeutlich.
Ein Drehteam hat die ANCHOR-Jury und Nominees 2021 im Vorfeld und während des Reeperbahn Festivals für eine Dokumentation begleitet. Moderiert von Conchita Wurst aka Tom Neuwirth (AUT) gibt die Doku in rund 90 Minuten einen hautnahen Einblick in die Arbeit der Jury um Tony Visconti (USA), Tayla Parx (USA), Emeli Sandé (GBR), Yvonne Catterfeld (DEU), Tom Odell (GBR) und Jacob Banks (GBR) und stellt die Wettbewerbs-Teilnehmer*innen May The Muse (DEU), Florence Arman (GBR/AUT), Lie Ning (DEU), OSKA (AUT), PVA (GBR) und Yard Act (GBR) vor. Die ANCHOR-Dokumentation wird ab jetzt über unseren Reeperbahn Festival YouTube-Kanal international ausgestrahlt!
REEPERBAHN FESTIVAL 2021 – Eine Stadt voller Musik
Etwa 300 Konzerte an ca. 35 Locations – das ist ein Wagnis, das zu Zeiten dieser schon so lange andauernden Pandemie kaum einer anzugehen wagt. Abgesehen von den Machern des Reeperbahn Festivals in Hamburg. Schon im Jahr 2020 waren sie die letzte Bastion im weitgehend konzert- und ansonsten absolut festivalfreien Deutschland. Doch natürlich musste man Abstriche machen (und muss es noch). Wo sich normalerweise um die 50.000 Fans in St. Pauli tummeln, waren es im vergangenen Jahr gerade mal 8.000 – in Clubs und überdachten Freiluftarenen, überall mit Sitzplätzen. HIER unser Bericht vom vergangenen Jahr.
2021 sieht es schon anders aus. Von „heile Welt“ will ich aber nicht reden. 20.000 Besucher sind zugelassen. Die Veranstalter hätten sich für die in Hamburg mögliche 2G-Regelung entscheiden und alle Spielstätten wie in alten Zeiten füllen können, doch die Entscheidung des Senats ist mitten in die zu Ende gehenden Planungen reingegrätscht. Da hatte man sich schon längst für das 3G-Konzept entschieden und wollte den Karteninhabern entsprechende Planungssicherheit geben. Heißt im Klartext: Schon bevor man das Festivalbändchen in Empfang nehmen kann, führt der erste Weg zum Covid-Check: Wer geimpft, genesen oder frisch getestet ist, bekommt ein entsprechendes Bändchen als Nachweis. Das war für die folgenden Konzertbesuche die beste Lösung, bedeutete aber auch ein erstes Warten in einer schier endlosen Schlange.
An die Warteschlangen allüberall sollte man sich gewöhnen müssen. Und ich kann nur die Geduld aller Beteiligten loben: Security, Einlasspersonal und vor allem wartende Menschen. Es gab kaum Unmutsäußerungen, auch wenn Besucher berichteten, an drei Clubs angestanden zu haben um letztlich kein Konzert zu sehen. Das wurde vor allem in beliebten Clubs wie dem Gruenspan oder dem Mojo zu harter Realität. Auch wer es rein geschafft hatte, durfte nicht machen, was er wollte. Wo es keine Sitzplätze gab, waren Stehplatz-Punkte auf den Boden geklebt. In stetiger Fleißarbeit bekam jeder vom Personal einen Platz zugewiesen. Maskenpflicht blieb natürlich bestehen – es ist schon Wahnsinn, woran wir uns in den vergangenen 18 Monaten alles gewöhnt haben.
Lässige Konzerterlebnisse gab es vor allem auf den Open-Air-Bühnen am Spielbudenplatz und am Heiligengeistfeld, wo das Festival Village aufgebaut war. Angesagte Künstler wie Jeremias, Antje Schomaker und Jupiter Jones auf der ARTE Concert Stage – das waren echte Highlights wie zu alten Zeiten. Es wurde gejubelt und gefeiert, allerdings „ohne Tanzen und ausschweifende Bewegungen“, wie die Festivalstimme vom Band am Anfang jedes Gigs vermeldete.
In den kleinen Locations wie dem UWE konnte man neue Acts entdecken und lieb gewinnen. Im Umfeld der Fritz Bühne wurde es immer wieder gemütlich und heimelig, da man von überall einen guten Blick auf die hohe zweistöckige Bühne hatte und zu guter und lebhafter Musik chillen konnte. Und dann waren da natürlich die wirklich ungewöhnlichen Konzertstätten: Das Imperial Theater, wo die Bands in der Kulisse eines Edgar-Wallace-Stücks auftraten, die St. Michaelis-Kirche mit ihrem wundervollen Ambiente und natürlich die Elbphilharmonie, die endlich wieder mit im Programm vertreten war.
Man konnte sich bestimmte Konzerte als Priorität setzen, pünktlich am Einlass stehen und mit etwas Glück einen Platz bekommen, oder aber man ließ sich treiben und stromerte dahin, wo gerade nicht so viel los war, wo spannende Musik zu hören war, wo das Publikum gerade lauthals jubelte. Hamburg wurde mit musikalischem Leben erfüllt – und es war fast wie früher.
Konzerthighlights
Herausheben möchte ich für den ersten Tag die spielfreudige Kölner Indie-Pop-Band Fortuna Ehrenfeld. Im GRUENSPAN heizten Martin Bechler, Jenny Thiele und Jannis Knüpfer dem Publikum ordentlich ein und sorgten für ausgelassene Stimmung. Was für ein Start ins Festival! Sehr soulig wurde es dann mit Joy Denalane im STAGE Operettenhaus. Bei einem umjubelten Auftritt präsentierte sie vor allem ihre aktuellen Songs im Motown-Sound und wurde dabei von einer kraftvollen Band mit zwei Background-Sängerinnen unterstützt. Ein grandioses Konzert voller stimmlicher Eleganz.
Am Donnerstag konnte ich Annie Chops bei einem Solo-Showcase ihrer Plattenfirma bewundern. Eigentlich gehörte sie gar nicht zum Festival-LineUp, doch da sie als Gitarristin von Antje Schomaker mit am Start war, nutzte sie die Gelegenheit für einen Auftritt vor dem Maa‘ Deyo und zeigte, wie sie ganz allein mit ihrem R’n’B, Hip Hop und Pop bestehen kann. Hilfreich war dabei eine Loop Station, garniert von einer unverschämt souligen Stimme, deren rauer Charme direkt unter die Haut ging.
Danach ging es zu OSKA in den Nochtspeicher. Sie war nominiert für den ANCHOR Award als Nachwuchstalent und trat hier vor der Jury auf (die mit Namen wie Emeli Sandé, Tom Odell und Yvonne Catterfeld aufwartete. Etwas nervös am Anfang führte sie das Publikum durch ein melancholisches Set voller ruhiger Songs. Mit traumhafter Stimme und verklärt-verspielten Ansagen. Tags darauf hat sie uns vom Auftritt berichtet – das Interview könnt ihr HIER nachlesen. Wenig später gab es JEREMIAS auf der ARTE Concert Stage. Die Indie-Pop-Band aus Hannover brachte das Publikum trotz aller Auflagen zum Tanzen und verwandelte das Heiligengeistfeld in einen atmosphärischen, bisweilen mystischen Ort. Pures Konzertfeeling wie in alten Zeiten!
Freitags gab es neben einigen kleineren Konzerten den gefeierten Auftritt von JUPITER JONES auf der ARTE Concert Stage. Ein erzählfreudiger Nicholas Müller mit teils launischen Ansagen, die perfekt zu seiner schnoddrigen Art passten – inklusive Mittelfinger für Hetzer und Populisten. So kennt man den Eifeler Sänger – schön, dass er wieder zurück ist. Und als dann sein Hit „Still“ erklang (wie immer der verstorbenen Mutter gewidmet), hatte die Gänsehaut alle ergriffen.
Auf der Spielbude XL wurde Tim Freitag zum Überraschungshit! Der Indie-Rocker aus Zürich kämpfte sich durch alle Tonlagen, sprang vom Boxenturm und stand am Ende selig und halbnackt im Schein der beeindruckenden Lightshow. Mit seiner Bühnenpräsenz war er sicher eine Entdeckung des Festivals! Skurril dann auch der Auftritt von Katy J Pearson im Imperial Theater, da die Band dort in der Kulisse eines Edgar Wallace Theaterstücks auftrat. Die Sängerin mit prägnanter Stimme und fantastischen Instrumentalisten konnte das Wohnzimmer jedenfalls problemlos mit ihrer Musik füllen.
Der Samstag führte nach einigen kleineren Shows auf der FRITZ Bühne wieder zur ARTE Concert Stage, wo Antje Schomaker in ihrer Heimatstadt vielleicht den Auftritt ihres Lebens hinlegte. Übersprudelnd vor Freude haute sie einen Deutschrock-Hit nach dem anderen raus und fütterte das Publikum mit Lebensweisheiten aus ihrem Alltag („Wenn’s nicht passt, dann trennt euch“). Sie wird einfach von Album zu Album stärker.
Und dann zwei abschließende Highlights zum Schwärmen: In der St. Michaelis Kirche (dem Hamburger Michel) glänzte die Songwriter-Band Die höchste Eisenbahn mit einem Akustikset, der durch alle Phasen der Karriere führte und das Publikum zu stehenden Ovationen brachte. Der Sound war überragend und die Band ließ sich davon tragen. Konnte man das noch toppen? Ja, mit Niklas Paschburg in der Elbphilharmonie. Der Hamburger Elektronik-Künstler füllte die hohe Konzerthalle mit wundervollen Klängen aus Flügel, Keyboard und Akkordeon, die er mit einer Loop-Station live zur atmosphärischen Soundkulisse arrangierte. Der glasklare und warme Sound der Philharmonie tat sein Übriges dazu, dieses Konzert zum Abschluss-Highlight werden zu lassen. Das konnte man nicht mehr steigern!
Fazit
Da will ich zunächst mal Frehn Hawel von der Festivalleitung zu Wort kommen lassen: „Als Superstar Sting erzählte, dass er vor seinem Auftritt bei der Eröffnung des Reeperbahn Festivals nervös gewesen sei, da dies seine erste Liveshow seit 18 Monaten war, brachte er damit die aktuelle Situation für die meisten seiner Kolleg*innen auf den Punkt. Die Freude über das Erleben von unmittelbarer Intensität und direktem Austausch, sowohl zwischen Künstler*innen und Publikum, aber auch branchenintern, gepaart mit dem Wiederaufleben der internationalen Aktivitäten des Musikgeschäfts zeichneten die diesjährige Ausgabe des Reeperbahn Festivals aus. Wie groß die Sehnsucht nach Konzerterlebnissen in Musikclubs ist, zeigte sich leider auch in den teils sehr langen Schlangen vor den Spielstätten, die durch die 3G-Umsetzung des Reeperbahn Festivals auch in diesem Jahr stark eingeschränkte Kapazitäten aufwiesen.“
Die Entscheidungen, die getroffen werden mussten, waren nicht leicht und sorgten durch die geringen Kapazitäten auch zu Unmut (nicht unbedingt vor Ort, aber in Kommentaren bei den sozialen Medien). Trotzdem waren sie richtig – und letztlich konnte sich jeder sein Festival bei Traumwetter selbst gestalten. Wer die langen Schlangen vor den Clubs meiden wollte, hatte vor den großen Open-Air-Bühnen Spielbude XL und ARTE Concert Stage genügend Freiraum. Der Reeperbus sorgte mit 15minütigen Kurzauftritten für große Vielfalt in kürzester Frequenz. Und wer es gemütlich haben wollte, konnte weitläufig um die hoch aufgebaute FRITZ Bühne chillen.
Das Experiment ist auch im zweiten Corona-Jahr gelungen und hat die Normalität ein Stück weiter zurück gebracht. Bleibt zu hoffen, dass es im nächsten Jahr mit wieder 50.000 Besuchern und ohne Auflagen weitergeht. Der Termin steht schon: 21. bis 24. September 2022. Early-Bird-Tickets sind ab heute erhältlich!
Reeperbahn Festival 2021 – Fotos von Muff Potter und Die höchste Eisenbahn
Reeperbahn Festival 2021 – unsre Fotos von Muff Potter und Die höchste Eisenbahn
Reeperbahn Festival 21 – Fotos von Antje Schomaker und Francis of Delirium
Reeperbahn Festival 2021 – unsere Fotos von Antje Schomaker und Francis of Delirium






















